Über den Einfluss von Schallreizen auf den Organismus
Zusammenfassung
- 1.
Meerschweinchen wurden dem täglichen, 20–21stündigen Sendeprogramm des Südwestfunks ein halbes Jahr lang ausgesetzt. Obwohl das Gerät auf maximale Lautstärke eingestellt wurde, zeigten sich bei dieser Dauerschalleinwirkung keinerlei pathologische Veränderungen am Innenohr. li]2.|Bei den Untersuchungen des Preyerschen Ohrmuschelreflexes lag die obere Reflexgrenze für junge Tiere von 3–4 Monaten zwischen 24000–27000Hz, bei Neugeborenen betrug sie etwa 28000 Hz. Der Reflex war in den ersten Lebenstagen nur schwach ausgeprägt, besonders auf tiefe Töne; nach 1–2 Wochen nahm die Empfindlichkeit rasch zu, um mit 1–2 Monaten ein Optimum zu erreichen. Die untere Grenze lag für Jungtiere im Bereich von 150–200 Hz. Der Reflexumfang von etwa 71/2 Oktaven ist im Vergleich zum menschlichen Hörumfang nach oben verschoben. li]3.|Für alle untersuchten Frequenzen wurde die „Schalldruckschwelle“ (gemessen in Volt) des OR geprüft. Bei tiefen Tönen mußte ein wesentlich höherer Schalldruck verwendet werden, um den OR auszulösen, als bei mittleren und hohen Tönen: Während bei 200 Hz etwa 6 Volt nötig waren, genügten bei 8000 Hz Lautstärken von 1/100 Volt. Die Schwellenwerte werden also im Bereich der mittleren und hohen Frequenzen immer geringer, d. h. die Reflexempfindlichkeit ist in diesem Bereich am größten. li]4.|Einige Tiere wurden ein halbes Jahr unter Rundfunkschall (s. Punkt 1) bei „Zimmerlautstärke“ gesetzt und allmonatlich ihr OR untersucht. Dieser wurde vorübergehend geschwächt, erholte sich aber nach einiger Zeit, so daß er nach einem halben Jahr wieder dieselbe Stärke hatte wie zu Beginn der Rundfunkschallberieselung. li]5.|Dieselben Ergebnisse, die bei den Dauerversuchen mit „Zimmerlautstärke“ erzielt worden waren, ließen sich bei „Kurzversuchen“ (3–6 Tage) mit „maximaler Lautstärke“ beobachten. li]6.|Der Abstand Tier-Schallquelle ist für die Stärke des OR im geschlossenen Raum entscheidend, da auch bei weitgehender Schalldämpfung stehende Wellen unvermeidbar sind. Von den beiden Komponenten der Schallstärke, nämlich Schallschnelle und Schalldruck, hat nur der letztere auf den OR einen Einfluß. Deshalb wurden die Entfernungen der Druckmaxima und -minima in der Achse des Lautsprechers einmal physikalisch, das andere Mal durch die Stärke des OR festgestellt. Beide Messungsarten stimmten befriedigend überein. Es ergab sich außerdem, daß die Intensität der Maxima mit der Entfernung abnimmt.
- 2.
Auf dieser Grundlage ergibt sich rechnerisch, daß alle Frequenzen oberhalb von 400 Hz zwischen 34 und 37 cm Abstand vom Lautsprecher ein Maximum haben. Dieser Abstand ist also für die Messung der Frequenzabhängigkeit im geschlossenen Raum innezuhalten. li]7.|Außer akustischen Faktoren spielen noch andere Außenbedingungen für den Stärkegrad des OR eine Rolle, wie der Luftdruck, die Temperatur, der Feuchtigkeitsgehalt der Luft, der Aufenthalt von Lebewesen (stehend, sitzend, langsam oder schnell atmend) im Versuchsraum. Durch die Gegenwart eines Menschen (Versuchsleiter) ändern sich die Schalldruckwerte. li]8.|Ein Luftstrom, der z. B. mit der auf Null eingestellten Galtonpfeife erzeugt werden kann, löst den OR aus, wenn er unmittelbar das Ohr trifft. Ist der Abstand von der Schallquelle größer als 15 cm, so bleibt diese Wirkung aus. li]9.|Wenn die Tiere auf Schall mit dem OR antworten, so ist zu vermuten, daß sie ihn gleichzeitig auch hören. Ob er jedoch, wie viele Forscher annehmen, als Hörtest verwendet werden kann, ist nur durch eine Tondressur zu ermitteln. Hierüber soll der 2. Teil dieser Arbeit Auskunft geben (Das Tonhören von Meerschweinchen unter dem Einfluß von Rundfunkschall).
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