Zusammenfassung
Die Erfüllung der globalen Klimaziele gemäß des Pariser Abkommens stellt eine entscheidende Herausforderung der kommenden Jahrzehnte dar. Gewisse Emissionen der Industrie, Energieerzeugung sowie diffuse Emissionen aus der Landwirtschaft, der Deponierung von Abfällen und fluorierte Gase (F-Gase) können jedoch nicht vollständig vermieden werden. Carbon Capture and Utilization (CCU) und Carbon Capture and Storage (CCS) werden daher als wesentliche Komponenten zur Erreichung der Klimaziele angesehen. Um das Potenzial von CCU- und CCS-Aktivitäten für die langfristigen Klimaziele zu beurteilen und geeignete Carbon Management-Strategien zu identifizieren, ist eine Bewertung dieser Technologien insbesondere in Österreich erforderlich, wo bisher kaum umfassende Studien dazu durchgeführt worden sind.
Diese Arbeit umfasst eine ganzheitliche Analyse relevanter CO2-Punktquellen in Österreich und deren prognostizierte Entwicklung bis 2050 anhand technologiebasierter Szenarien. Die geologische Speicherung von CO2 ist vorwiegend in ehemaligen Kohlenwasser-Stofflagerstätten möglich. Bedarfe für CO2 als Rohstoff werden zukünftig in der chemischen sowie petrochemischen Industrie bestehen.
Bis 2050 wird Österreichs Industrie jährlich etwa vier Millionen Tonnen (Mt) an unvermeidbarem CO2 emittieren. Diese Emissionen müssen langfristig gespeichert werden und entsprechen somit dem Mindestbedarf an Carbon Capture and Storage (CCS). Diffuse Restemissionen aus der Landwirtschaft, der Deponierung von Abfällen und fluorierte Treibhausgase sind nicht für CCU/S-Maßnahmen geeignet. Zur Erreichung der Klimaziele sind daher negative Emissionen notwendig.
Abstract
Meeting global climate targets according to the Paris Agreement is a critical challenge for coming decades. Certain emissions from industry, energy generation and fugitive emissions from sources such as agriculture and fluorinated gases cannot be completely avoided. Carbon Capture and Utilization (CCU) and Carbon Capture and Storage (CCS) are considered essential components for achieving the climate goals. To assess the potential of CCU and CCS for long-term climate targets, an in-depth evaluation of these technologies is required. Especially in Austria hardly any comprehensive studies have been carried out.
This work includes an extensive analysis of relevant carbon dioxide (CO2) point sources in Austria and their projected development until 2050 using technology-based scenarios. The geological storage of CO2 is primarily feasible in former hydrocarbon reservoirs. Current and future demands for CO2 as raw material mainly exist in the chemical and petrochemical industry.
By 2050, Austria’s industry will emit approximately four million tons (Mt) of unavoidable CO2 annually. These emissions need to be stored in the long term and represent the minimal demand for CCS. Fugitive emissions are not suitable for CCU/S measures. Therefore, negative emissions are essential to achieve climate goals.
Similar content being viewed by others
1 Einleitung
Als Ergebnis des Pariser Abkommens haben sich die meisten Länder weltweit verpflichtet, die globale Erwärmung auf unter 2 °C, beziehungsweise 1,5 °C im Vergleich zu vorindustriellen Niveaus, zu begrenzen [1]. Innerhalb der Europäische Union (EU) sollen diese Ziele durch das sogenannte Europäische Klimagesetz erreicht werden. Die EU soll bis 2050 klimaneutral werden, ab dann werden negative Emissionen angestrebt [2]. In Österreich soll dieses Ziel bereits bis 2040 umgesetzt werden [3].
Im Jahr 2024 beträgt die Kapazität für Carbon Capture (CC) weltweit etwa 50 Mt/a. Davon werden rund 47 Mt/a geologisch gespeichert (37 Mt/a Enhanced oil recovery (EOR), 10 Mt/a dezidierte CO2-Speicherung), 1 Mt/a an CO2 wird aktuell über CCU-Aktivitäten genutzt. Rund 2 Mt/a der CC-Kapazität ist keine eindeutige Senke zuzuweisen. Durch zukünftige Projekte wird ein signifikanter Anstieg der CC-Kapazitäten auf rund 560 Mt/a bis 2030 erwartet [4]. Laut IEA sollen die CC-Kapazitäten bis 2030 jedoch auf 800 Mt/a ausgebaut und bis 2060 über 2 Giga Tonnen CO2 pro Jahr (Gt/a) geologisch gespeichert werden. Bis 2100 ist laut IPCC die Speicherung von 1200 Gt CO2 notwendig [5].
Gewisse Emissionen der Industrie, Energieerzeugung sowie diffuse Emissionen aus der Landwirtschaft, der Deponierung von Abfällen und fluorierte Gase können durch konventionelle Dekarbonisierungsstrategien (z. B. Nutzung CO2-neutraler Brennstoffe, Elektrifizierung) nicht vollständig vermieden werden. CCS sowie CCU sind daher essenzielle Bestandteile jeder nachhaltigen Strategie zur Klimaneutralität. Die EU und ihre Mitgliedstaaten arbeiten aktuell aktiv an der Umsetzung effektiver Carbon Management Strategien. Laut der Europäischen Kommission müssen bis 2050 jährlich bis zu 476 Mt/a geologisch gespeichert werden [6].
Auch Österreich hat sich verpflichtet, bis Mitte 2024 eine geeignete Carbon Management Strategie vorzustellen [7]. Dabei soll der Fokus auf Emissionen, die schwer zu vermeiden oder unvermeidbar sind (Hard-to-abate Emissionen) liegen. Der wichtigste Hebel um eine klimaneutrale Wirtschaft zu erreichen, bleibt die schrittweise Reduzierung des Einsatzes fossiler Brennstoffe [8].
1.1 CO2-Quellen
Ortsfeste Anlagen, die CO2 bei Verbrennungsprozessen oder als Nebenprodukt von Produktionsprozessen emittieren, werden als CO2-Punktquellen bezeichnet [9]. Emissionen aus der Verbrennung von kohlenstoffhaltigen Brennstoffen werden als energiebedingte Emissionen bezeichnet, prozessbedingte Emissionen hingegen werden durch chemische Reaktionen während Produktionsprozessen verursacht [10]. Bei diffusen Quellen handelt es sich um verteilte, sogenannte Flächenquellen [11]. Der Ursprung des CO2 beeinflusst zukünftige Strategien im Carbon Management (CM) maßgeblich. Hierbei kann fossiles, geogenes (mineralisch gebundenes CO2), biogenes und atmosphärisches CO2 sowie CO2 aus der Abfallverbrennung (Mischung aus fossilem und biogenem CO2) unterschieden werden [12].
1.2 CO2-Senken
Die Injektion in tiefe geologische Formationen ermöglicht die langfristige Speicherung von CO2. Vorrangig sind ehemalige Kohlenwasserstofflagerstätten sowie saline Aquifere geeignete Optionen für die geologische Speicherung von CO2 [13]. Konkrete CO2-Speicherkapazitäten sind in den meisten Gebieten nicht bekannt. Asien und Nordamerika verfügen derzeit über die größten identifizierten Speicherkapazitäten. Europa besitzt Schätzungen zufolge über CO2-Speicherkapazitäten von bis zu 300 Gt. Die Kapazitäten in der Nordsee belaufen sich auf 200 Gt. Weltweit liegt die berechnete Speicherkapazität zwischen 6800 und 30.000 Gt [5]. Aus bilanzieller Sicht ist es möglich, den CO2-Speicherbedarf Europas (siehe 1) durch europäische CO2-Speicher sowie jene der Nordsee über mehrere hundert Jahre zu decken.
Unter Berücksichtigung des Technology Readiness Level (TRL) der beschriebenen Speicheroptionen sowie der österreichischen Geologie sind ehemalige Kohlenwasserstofflagerstätten die Speicheroptionen, die in naher Zukunft in Österreich am wahrscheinlichsten entwickelt werden [14]. Saline Aquifere besitzen in der Regel ein höheres Speicherpotenzial als Kohlenwasserstofflagerstätten, sind jedoch im Allgemeinen weniger gut erforscht. Die CO2-Speicherung in salinen Aquiferen ist daher mit größerem Aufwand verbunden und erfordert längere Entwicklungszeiten [15]. Kohlenwasserstofflagerstätten bieten zudem den Vorteil, dass deren Fähigkeit, Gas einzuschließen und zu speichern, nachgewiesen ist, da das Gas beziehungsweise Öl seit deren Entstehung über Millionen von Jahren in der Lagerstätte verblieb [16].
Die Nutzung von CO2 als Rohstoff für kohlenstoffhaltige Produkte (CCU) ist neben der Speicherung in geologischen Formationen (CCS) eine zusätzliche Carbon Management Strategie. CO2 hat derzeit mehrere industrielle Anwendungen, darunter die Herstellung von Chemikalien wie Harnstoff oder die direkte Verwendung von CO2, zum Beispiel als Inertgas oder für Getränke. Methan oder Methanol für die Herstellung von Chemikalien und Polymeren stellen mögliche neue Prozessrouten dar [5, 12, 13, 17].
Bei der Nutzung von CO2 als Rohstoff wird das CO2 nach einer bestimmten Zeitspanne, der sogenannten Produktlebensdauer, wieder in die Atmosphäre freigesetzt. Wenn diese einige Jahrhunderte beträgt, beziehungsweise mit geologischen Zeitskalen vergleichbar ist, wird das CO2 als im Produkt gespeichert betrachtet [18]. Wird so CO2 in Produkten gespeichert, wird von Carbon Capture, Utilization and Storage (CCUS) gesprochen [19]. Zukünftige industrielle Anwendungen von CO2 in der Chemieindustrie verfügen nicht über ausreichende Bindungsdauern, um als CO2-Speicher betrachtet zu werden, sind jedoch entscheidend für die Klimaneutralität in der chemischen und petrochemischen Industrie [18].
2 Methode
Im Zuge dieser Arbeit sollen zukünftige Carbon Management Strategien skizziert werden. Dies erfolgt durch die Analyse aktueller und zukünftiger CO2-Punktquellen sowie Bedarfe für CCU/S. Die Beurteilung der CO2-Punktquellen erfolgt anhand deren Menge und Ursprung (fossil, geogen, biogen).
2.1 Menge und Ursprung der CO2-Quellen
Emissionen, die durch die Verbrennung kohlenstoffhaltiger Brennstoffe verursacht werden, werden als energiebedingte Emissionen bezeichnet. Prozessbedingte Emissionen werden durch chemische Reaktionen im Zuge von Produktionsprozessen freigesetzt. Mineralisch gebundenes (geogenes) CO2 wird durch die Umwandlung kohlenstoffhaltiger Mineralien während Produktionsprozessen emittiert (z. B. CO2 aus Calciumcarbonat (CaCO3) für die Zementerzeugung) [20]. Basierend auf dem Ursprung des Kohlenstoffs können industrielle Emissionen in geogene, fossile und biogene CO2-Emissionen unterschieden werden (Abb. 1).
Ursprung industrieller CO2-Emissionen
Spezifische Emissionsfaktoren energiebedingter Emissionen sowie prozessbedingter Emissionen der einzelnen Sektoren werden jährlich im Zuge des National Inventory Reports [21] veröffentlicht und sind in [22] zusammengefasst. Insgesamt können 109 Industriestandorte und 76 Anlagen der Energieversorgung als relevante CO2-Punktquellen identifiziert werden. Während energiebedingte Emissionen durch die Substitution fossiler Brennstoffe und ein Teil der prozessbedingten Emissionen durch alternative Produktionsprozesse vermieden werden können, sind prozessbedingte geogene und fossile Emissionen aus der Müllverbrennung nicht vollständig zu vermeiden (Hard-to-abate Emissionen). Diffuse Emissionen aus der Landwirtschaft, Gebäude und Verkehr, der Abfallwirtschaft sowie fluorierte Gase eignen sich nicht zur CO2-Abscheidung. Diese Emissionen werden jährlich vom Umweltbundesamt berichtet [21].
2.2 Szenario-basierte Entwicklung der CO2-Quellen
Um die Entwicklung der CO2-Punktquellen bis 2050 zu skizzieren, werden technologiebasierte Szenarien verwendet. Der Innovationsverbund New Energy for Industry (NEFI) entwickelt Szenarien zu Österreichs Weg der industriellen Dekarbonisierung. Wesentliche Dekarbonisierungsstrategien sind die Elektrifizierung von stationären Motoren und Wärmepumpen, der Einsatz CO2-neutraler Gase wie Wasserstoff (H2), Biomethan oder synthetischem Methan (CH4) und die Verbrennung von fester Biomasse [20]. Das Umweltbundesamt veröffentlicht Szenarien zur Entwicklung zukünftiger Treibhausgasemissionen gemäß dem Nationalen Energie- und Klimaplan (NEKP) [23]. Um zukünftige CCU/S-Bedarfe zu beurteilen, werden drei NEFI-Szenarien für die Industrie und drei Szenarien des Umweltbundesamts für den Sektor Energie und für die Entwicklung diffuser Emissionen ausgewählt. Daraus ergeben sich drei Emissionspfade für 2030, 2040 und 2050. Ein Pfad dient dabei als Referenzpfad, während die anderen eine moderate bzw. eine progressive Entwicklungsrichtung skizzieren. Der moderate Pfad basiert auf Stakeholder-Interviews und repräsentiert die Meinung der Industrie zu zukünftigen Technologieimplementierungen, während im progressiven Pfad bis 2040 Klimaneutralität erreicht wird. Wesentliche Energieträger im moderaten und progressiven Pfad sind Strom, erneuerbare Gase sowie Biomasse, während der progressive Pfad auf der verstärkten Nutzung von wasserstoffbasierten Produktionsrouten und Elektrifizierung beruht. Zukünftige CO2-Emissionen werden über spezifische CO2-Emissionsfaktoren alternativer Produktionsrouten und Energieträger ermittelt [20,21,22].
2.3 Beurteilung potenzieller CO2-Senken und deren Entwicklung bis 2050
Bei den CO2-Speicherpotenzialen in dieser Arbeit handelt es sich um vorläufige Ergebnisse einer laufenden Evaluierung für Österreich. Die Speicherpotenziale repräsentieren effektive Speicherkapazitäten in ehemaligen Kohlenwasserstofflagerstätten des Wiener Beckens und der Molassezone [24]. Gasfelder, die zurzeit zur saisonalen Speicherung von Erdgas genutzt werden, sind ebenfalls Teil dieser Evaluierung. Diese Reservoire werden zukünftig auch für die Nachnutzung als Wasserstoffspeicher in Betracht gezogen. Erschöpfte Erdölfelder sind zur Speicherung von CH4 und H2 hingegen nicht geeignet, da es zu chemischen Reaktionen mit dem Restöl in der Lagerstätte kommen kann [16]. Ölfelder verfügen daher über großes Potenzial für die Speicherung von CO2. Für eine detaillierte Betrachtung der CO2-Speicherung in Österreich ist die Berücksichtigung potenzieller Nutzungskonflikte zukünftig notwendig. Diese werden im Detail von Kulich et al. [24] adressiert.
CO2-Speicherkapazitäten von Kohlenwasserstofflagerstätten mit einer Gesamtkapazität größer 5 Mt sind in Tab. 1 dargestellt. Die gesamte effektive Speicherkapazität in den Kohlenwasserstofflagerstätten aus Tab. 1 beträgt rund 221 Mt.
Derzeit entsteht sowohl weltweit als auch in Österreich der primäre Bedarf an CO2 in der Produktion von Harnstoff und Methanol. Szenarien zeigen einen signifikanten Anstieg des Bedarfs an Methanol für die nachhaltige Produktion von Olefinen (MTO – Methanol to Olefins) und synthetischen Flugzeugtreibstoffen (SAF) [5]. Die Entwicklung des industriellen CO2-Bedarfs bis 2050 wird anhand der beschriebenen Szenarien [20] ermittelt. Soll die gesamte zukünftige Produktion an Harnstoff, Methanol, Olefinen (MTO) sowie SAF über CO2 gedeckt werden, ergibt sich ein maximaler CO2 Bedarf von 8,2 Mt/a.
2.4 Potenzielle Carbon Management Strategien
Carbon Management umfasst Technologien zur Abscheidung, zum Transport, zur Nutzung und zur Speicherung von CO2 sowie deren Integration. Ausgehend von potenziellen CO2-Senken unterscheidet die IPCC [19] drei Prozessketten: Carbon Capture and Utilizaiton (CCU), Carbon Capture, Utilization and Storage (CCUS) und Carbon Capture and Storage (CCS). Prozessketten zur Erzeugung von kurzlebigen Produkten, werden im Allgemeinen als CCU bezeichnet. Prozessketten zur Erzeugung von langlebigen Produkten (CCUS) speichern das gebundene CO2 im Produkt über klimarelevante Zeithorizonte [19].
CM-Strategien können zusätzlich nach ihrem Potenzial zur Minderung der Gesamtemissionen unterschieden werden [15]. Basierend auf dem Ursprung des CO2 ermöglichen CCU-, CCUS- und CCS-Aktivitäten die Verzögerung (Netto-Emissionen), Reduktion (Netto-Null-Emissionen) oder den Ausgleich von Emissionen (Negativ-Emissionen) [15, 25].
CCU verzögert klimarelevante (fossile oder geogene) CO2-Emissionen in die Atmosphäre, indem bestehende Produkte durch weniger treibhausgasintensive Alternativen ersetzt werden. Netto-Null-Emissionen bei der industriellen Nutzung von CO2 für Produkte mit kurzer Lebensdauer sind nur möglich, wenn klimaneutrales (atmosphärisches oder biogenes) CO2 genutzt wird. Prozessketten, die biogenes CO2 verwenden, werden als Bioenergy Carbon Capture and Utilization (BECCU) bezeichnet. Die geologische Speicherung von klimarelevantem CO2 (CCS) ermöglicht Netto-Null-Emissionen. Negative Emissionen können durch die geologische Speicherung klimaneutraler Emissionen erreicht werden. Diese Routen werden als Bioenergy Carbon Capture and Storage (BECCS) oder Direct Air Carbon Capture and Storage (DACCS) bezeichnet [15, 25,26,27]. Carbon Management Strategien basierend auf dem CO2-Ursprung sind in Abb. 2 dargestellt.
Carbon Management Strategien basierend auf dem CO2-Ursprung [28]
Klimarelevante geogene und fossile Restemissionen müssen zur Erreichung der Klimaziele langfristig gespeichert werden. Die in Abschn. 2.3 erwähnten Produkte der chemischen Industrie verfügen nicht über ausreichende Lebensdauern, um als dauerhafte CO2-Speicher zu gelten [12, 13]. Um den zukünftigen industriellen Bedarf an CO2 klimaneutral (Netto-Null-Emissionen) zu decken, wird klimaneutrales CO2 benötigt. Diffuse Emissionen, die nicht wirtschaftlich abgeschieden werden können, müssen durch negative Emissionen kompensiert werden. Negative Emissionen können durch die geologische Speicherung von biogenem (BECCS) oder atmosphärischem CO2 (DACCS) realisiert werden. Die Entwicklung des zukünftigen Bedarfs an klimaneutralem CO2 für die Produktion kurzlebiger Produkte sowie für negative Emissionen entspricht dem Bedarf für die Abscheidung von klimaneutralem CO2. Aufgrund der geringen CO2-Konzentration in der Atmosphäre verglichen mit der Konzentration in unterschiedlichen Abgasen stellt die Abscheidung von atmosphärischem CO2 nur bei einem Defizit an biogenen Emissionen eine Alternativtechnologie dar [15]. Bevorzugt soll der Bedarf an klimaneutralem CO2 über biogenes CO2 gedeckt werden. Es wird daher angenommen, dass Produkte der chemischen und petrochemischen Industrie über biogenes CO2 (BECCU) erzeugt werden. Kann der gesamte Bedarf an klimaneutralem CO2 nicht über die untersuchten Punktquellen gedeckt werden, soll das Defizit über atmosphärisches CO2 gedeckt werden.
3 Ergebnisse
Die Entwicklung der CCS-, BECCS-, DACCS- sowie BECCU-Bedarfe bis 2050 sind in Abb. 3 dargestellt. Durch die Substitution fossiler Brennstoffe laut der Szenarien sinken die Emissionen und damit der Bedarf an CCS, BECCS und DACCS bis 2050. Der Bedarf an BECCU steigt aufgrund der Implementierung alternativer Produktionstechnologien für die klimaneutrale Herstellung von Harnstoff, Methanol und SAF.
Zukünftige jährliche Bedarfe für CC, CCS, BECCS, DACCS und BECCU basierend auf dem CO2-Ursprung
Hard-to-abate-Emissionen können je nach Szenario von rund 5,8 Mt/a (aktuell) bis 2050 auf 4,0 (progressiver Pfad) bis maximal 5,5 Mt/a (Referenzpfad) reduziert werden. Der Gesamtbedarf zur geologischen Speicherung von CO2 beträgt im Jahr 2050 je nach Szenario zwischen 9,2 (progressiv) und max. 36,1 Mt/a (Referenzpfad). Der Bedarf an klimaneutralem CO2 beträgt im Jahr 2050 jährlich 11,2 (moderat) bis maximal 15,0 (Referenzpfad) Mt. Aufgrund des geringeren industriellen CO2-Bedarfs im moderaten Pfad muss im Vergleich zum progressiven sowie zum Referenzpfad weniger klimaneutrales CO2 abgeschieden werden. Kann der Bedarf an klimaneutralem CO2 nicht über biogene Punktquellen gedeckt werden, ist die Abscheidung von 0,0 (moderat) bis max. 3,8 (progressiv) Mt/a atmosphärischem CO2 notwendig.
4 Zusammenfassung und Ausblick
Laut der Szenarien besteht im Jahr 2050 ein CC-Bedarf von über 15,8 (moderat) bis 36,1 (Referenzpfad) Mt/a. Lediglich im moderaten Pfad kann auf die Abscheidung von atmosphärischem CO2 verzichtet werden. Die Bedarfe an atmosphärischem CO2 sind jedoch vergleichsweise gering. Der minimale Bedarf für die geologische Speicherung von CO2 in Österreich wird sich bis 2050 auf rund 9,2 Mt/a reduzieren. Die gesamte effektive Speicherkapazität in den identifizierten Kohlenwasserstofflagerstätten beträgt rund 221 Mt. Wenn alle untersuchten Lagerstätten mit einer Kapazität über 5 Mt für die Speicherung von CO2 genutzt werden (unter Vernachlässigung potenzieller Nutzungskonflikte der Lagerstätten), wären diese Speicherkapazitäten in rund 25 Jahren erschöpft. Es ist daher zusätzlich notwendig, Speicherpotenziale in salinen Aquiferen zu entwickeln beziehungsweise CO2 langfristig in ausländische Speicherstätten zu exportieren.
Die erfolgreiche Umsetzung von CCU/S-Aktivitäten erfordert eingehende Analysen technischer Lösungen entlang der gesamten Prozesskette unter Berücksichtigung techno-ökonomischer Rahmenbedingungen. Insbesondere die Entwicklung einer kostenoptimalen CO2-Infrastruktur zur Verbindung von Quellen und Senken spielt dabei eine zentrale Rolle. Hierzu sind in Zukunft weitere Forschungsanstrengungen erforderlich.
Literatur
United Nations Framework Convention on Climate Change (2016) Paris Agreement
European Union (2021) Regulation (EU) 2021/1119 of the European Parliament and of the Council of 30 June 2021 establishing the framework for achieving climate neutrality and amending Regulations (EC) No 401/2009 and (EU) 2018/1999 (‘European Climate Law’). European Climate Law
Bundeskanzleramt, Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten Österreich und die Agenda (2030) Freiwilliger Nationaler Bericht zur Umsetzung der Nachhaltigen Entwicklungsziele/SDGs (FNU)
IEA (2024) CCUS projects database
Debarre R, Gahlot P, Grillet C, Plaisant M (2021) Carbon capture utilization and storage. Towards net-zero
European Comission (2018) In-Depth Analysis In Support Of The Commission Communication COM(2018) 773. A European long-term strategic vision for a prosperous, modern, competitive and climate neutral economy. European Comission, Brussels
Bundesministerium für Finanzen (2023) Carbon Management
Fischer S (2023) Die Carbon Management Strategie. Ein Baustein zum Erreichen der Treibhausgasneutralität. CMS Stakeholderdialog AUT, Deutschland
Patricio J, Angelis-Dimakis A, Castillo-Castillo A, Kalmykova Y, Rosado L (2017) Method to identify opportunities for CCU at regional level—Matching sources and receivers. J Co2 Util 22:330–345. https://doi.org/10.1016/j.jcou.2017.10.009
Bains P, Psarras P, Wilcox J (2017) CO2 capture from the industry sector. Prog Energy Combust Sci 63:146–172. https://doi.org/10.1016/j.pecs.2017.07.001
Umweltbundesamt (2019) Pollutant Release and Transfer Register—PRTR
Ramirez A, El Khamlichi A, Markowz G, Rettenmaier N, Baitz M, Jungmeier G, Bradley T (2022) LCA4CCU. Guidelines for life cycle assessment of carbon capture and utilisation. Publications Office of the European Union, Luxembourg
Intergovernmental Panel on Climate Change (2005) IPCC special report on carbon dioxide capture and storage, 1. Aufl. Cambridge University Press, Cambridge
Scharf C, Clemens T (Hrsg) (2006) CO2-sequestration potential in Austrian oil and gas fields. SPE Europec featured at EAGE Conference and Exhibition, All Days. https://doi.org/10.2118/100176-MS
Bui M, Adjiman CS, Bardow A, Anthony EJ, Boston A, Brown S, Fennell PS, Fuss S, Galindo A, Hackett LA, Hallett JP, Herzog HJ, Jackson G, Kemper J, Krevor S, Maitland GC, Matuszewski M, Metcalfe IS, Petit C, Puxty G, Reimer J, Reiner DM, Rubin ES, Scott SA, Shah N, Smit B, Trusler JPM, Webley P, Wilcox J, Dowell MN (2018) Carbon capture and storage (CCS): the way forward. Energy Environ Sci 11(5):1062–1176. https://doi.org/10.1039/C7EE02342A
Warnecke M, Röhling S (2021) Underground hydrogen storage – Status quo. Z Dtsch Ges Geowiss
Geres R, Kohn A, Lenz SC, Ausfelder F, Bazzanella A, Möller A (2019) Roadmap Chemie 2050. Auf dem Weg zu einer treibhausgasneutralen chemischen Industrie in Deutschland : eine Studie von DECHEMA und FutureCamp für den VCI. DECHEMA Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie e.V, Frankfurt am Main
Kleijne K, Hanssen SV, van Dinteren L, Huijbregts MAJ, van Zelm R, Coninck H, Huijbregts MA (2022) Limits to Paris compatibility of CO2 capture and utilization. One Earth 5(2):168–185. https://doi.org/10.1016/j.oneear.2022.01.006
Fifita S, Forster P, Ginzburg V, Handa C, Kheshgi H, Kobayashi S, Kriegler E, Mundaca L, Seferian R, Vilarino MV (2019) Global Warming of 1.5 °C. Summary for Policymakers Technical Summary Frequently Asked Questions Glossary. An IPCC Special Report on the impacts of global warming of 1.5 °C above pre-industrial levels and related global greenhouse gas emission pathways, in the context of strengthening the global response to the threat of climate change, sustainable development, and efforts to eradicate poverty
Alton V, Binderbauer P, Cvetkovska R, Drexler-Schmid G, Gahleitner B, Geyer R, Hainoun A, Nagovnak P, Kienberger T, Rahnama-Mobarakeh M, Schützhofer C, Stortecky S Pathway to industrial decarbonisation. Scenarios for the development of the industrial sector in Austria
Anderl M, Friedrich A, Gangl M, Haider S, Köther T, Kriech M, Kuschel V, Lampert C, Mandl N, Matthews B, Pazdernik K, Pinterits M, Poupa S, Purzner M, Schieder W, Schmid C, Schmidt G, Schodl B, Schwaiger E, Schwarzl B, Titz M, Weiss P, Wieser M, Zechmeister A (2021) Submission under the united nations framework convention on climate change and under the Kyoto Protoco. Austria’a national inventory report. Wien
Hochmeister S, Kühberger L, Kulich J, Ott H, Kienberger T (2024) A methodology for the determination of future carbon management strategies: a case study of Austria. IJSEPM 41:108–124. https://doi.org/10.54337/ijsepm.8280
Anderl M, Böhmer S, Freisinger E, Gössl M, Gugele B, Heller C, Heinfellner H, Lichtblau G, Miess M, Schieder W, Schindler I, Storch A, Svehla-Stix S, Teurezbacher F, Vogel J, Wasserbauer R, Wiesenberger H, Winter R, Zechmeister A, Kratena K, Müller A, Pfaffenbichler P, Schingshackl M, Hausberger S (2023) Energie- und Treibhausgasszenarien. WEM, WAM und Transition mit Zeitreihen von 2020 bis 2050. Umweltbundesamt
Kulich J, Ott H CCS: An essential component for a climate-neutral Austria? What we know so far (Manuscript in preparation)
Schenuit F, Böttcher M, Geden O (2023) “Carbon Management”: opportunities and risks for ambitious climate policy. Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), German Institute for International and Security Affairs https://doi.org/10.18449/2023C29
Bui M, Dowell MN (2022) Greenhouse gas removal technologies. Energy and environment series, No. 31. Royal Society of Chemistry, London https://doi.org/10.1039/9781839165245
Debarre R, Gahlot P, Durand M, Machado FG Negative emissions technologies
dena (2021) dena-Leitstudie Aufbruch Klimaneutralität
Danksagung
Diese Arbeit ist im Rahmen des Projekts „Austria’s climate neutrality: An in-depth evaluation of the potential contribution of CCU and CCS for the Austrian long-term climate goals“ mit dem Akronym „CaCTUS – Carbon Capture & Transformation, Utilization and Storage“ entstanden. Dieses Projekt wird von den Klima- und Energiefonds (ACRP) gefördert. Die Ergebnisse dieser Arbeit wurden im Rahmen des 18. Symposium Energieinnovation (14.02.–16.02.2024, TU Graz) präsentiert. Die Autoren möchten den Organisatoren und Teilnehmern hiermit ihren Dank aussprechen.
Funding
Open access funding provided by Montanuniversität Leoben.
Author information
Authors and Affiliations
Corresponding author
Additional information
Hinweis des Verlags
Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Rights and permissions
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden.
Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen.
Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de.
About this article
Cite this article
Hochmeister, S., Kühberger, L., Kulich, J. et al. Carbon Management für ein klimaneutrales Österreich. Elektrotech. Inftech. 141, 299–306 (2024). https://doi.org/10.1007/s00502-024-01235-8
Received:
Accepted:
Published:
Version of record:
Issue date:
DOI: https://doi.org/10.1007/s00502-024-01235-8
Schlüsselwörter
- Carbon Capture and Storage (CCS)
- Carbon Capture and Utilization (CCU)
- Bioenergy Carbon Capture and Storage (BECCS)
- Direct Air Carbon Capture and Storage (DACCS)




