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Sicherheitsproduktion zwischen Staat, Markt und Zivilgesellschaft

Part of the series Studien zur Inneren Sicherheit pp 269-291

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Sicherheitsproduktion in Brasilien zwischen Reformen der militarisierten Polizei und parapolizeilichem Einsatz des Militärs

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Zusammenfassung

Brasiliens exorbitante Kriminalitätsraten, besonders die jährlich weit über 50.000 Mordopfer, stellen eine enorme Herausforderung für die Sicherheitsorgane dar. Jedoch sind die Polizeien offenbar weniger die Lösung als vielmehr elementarer Teil des Problems. Sie gelten als leicht korrumpierbar, uneffektiv, rassistisch, unzuverlässig und (vor allem die Militärpolizeien) als äußerst gewalttätig (siehe z. B. Ahnen 2007; Hoffman French 2013; Human Rights Watch 2009). Landesweit starben im Jahre 2014 mindestens 3.022 Menschen, täglich etwa acht Personen, an den unmittelbaren Folgen polizeilichen Handelns. Allein die Militärpolizei des Bundesstaat São Paulo tötet mehr als die Polizei in den gesamten USA. Allerdings wird eine einseitige Darstellung brasilianischer Polizisten als Täter ihren meist erbärmlichen Arbeitsbedingungen nicht gerecht. In einem Täter-Opfer-„Komplex“ (Denyer Willis 2015, S. 16; S. 84 f.) sind sie oftmals selbst Opfer von Gewalt und können sich aufgrund ihrer Berufswahl auch im Privatleben nicht sicher fühlen: Im Schnitt wird täglich mehr als ein Polizist in Brasilien getötet, über 70 Prozent davon außer Dienst (für die hier erwähnten Statistiken, s. Fórum Brasileiro de Segurança Pública 2013, S. 125; Fórum Brasileiro de Segurança Pública 2015, S. 6, S. 29). Die daraus resultierende Risikowahrnehmung gilt als signifikanter Faktor für den häufigen Gewalteinsatz brasilianischer Polizisten (Skogan 2013, S. 327).