Chapter

Lehr(er)buch Soziologie

pp 959-982

Gespräche in der Schule

Interaktion im Unterricht als multimodaler Prozess
  • Karola PitschAffiliated withInteraction and Technology Research Group, King’s College London
  • , Ruth AyaßAffiliated withInstitut für Kultur-, Literatur und Musikwissenschaft, Alpen-Adria Universität Klagenfurt

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Auszug

„Ein Gespräch sind wir“, lautet eine feierliche Formulierung von Hölderlin.2 Sie verweist auf die Allgegenwärtigkeit von Gesprächen in alltäglichen wie in institutionellen Kontexten. Von jeher findet sich in literarischen Werken oder Traktaten eine Reihe an Beobachtungen zu Eigentümlichkeiten von Gesprächen — sei es in der griechisch-römischen Antike zur Wirkungsweise öffentlicher Reden oder im höfischen Zeitalter hinsichtlich der gezierten Sprache und affektierten Gestik/Körperhaltung der Galanterie. Mit dem Aufkommen von technischen Möglichkeiten zu ihrer konservierenden Aufzeichnung sind ‘Gespräche’ in den letzten 50 Jahren zunehmend zum Gegenstand moderner empirisch-wissenschaftlicher Forschung geworden. Dabei ist eine Vielzahl an Erkenntnissen zu einzelnen, isoliert betrachteten Ebenen von Gesprächen erarbeitet worden: zu strukturellen Regelhaftigkeiten und kommunikativen Mustern auf verbaler Ebene (Konversationsanalyse, Gesprächsforschung), zu Intonationsmustern (Prosodieforschung) oder zu Körperdisplay/Gestik (Gestenforschung, Psychologie). Betrachtet man jedoch Videoaufnahmen von Interaktionsereignissen, so wird sehr schnell deutlich, dass diese verschiedenen kommunikativen Signalisierungsebenen in natürlichen interaktiven Kontexten eng miteinander verwoben sind: Interaktionsteilnehmer gestalten ihre Gesprächsbeiträge mit allen in der jeweiligen Situation zur Verfügung stehenden kommunikativen Ressourcen, und diese Beiträge werden in eben dieser Multimodalität von den Gesprächspartnern rezipiert (Goodwin 1996, Dausendschön-Gay/Krafft 2002, Pitsch 2006, Deppermann/Schmitt 2007, Mondada 2007). Außerdem greifen Teilnehmer in der Interaktion auf materielle Strukturen — wie z.B. Notizen — zurück, manipulieren diese oder entwerfen sie neu im Verlauf der Ereignisse (Goodwin 2000, Pitsch 2006, 2007c).