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Hochschule als Organisation

Part of the series Organisationssoziologie pp 131-153

Hochschulleitung und Forscher: Von wechselseitiger Nichtbeachtung zu wechselseitiger Abhängigkeit

  • Enno AljetsAffiliated withInstitut für Soziologie, Universität Bremen
  • , Eric LettkemannAffiliated withInstitut für Soziologie, Universität Bremen

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Zusammenfassung

Welche Möglichkeiten bieten sich für die Hochschulleitung, auf Forschungsentscheidungen Einfluss zu nehmen? Und wie wandelt sich die Beziehung zwischen Hochschulleitung und Forschern? Diese Fragen stellen sich, weil sich die Entscheidungsmöglichkeiten und Verantwortungsbereiche der Hochschulleitungen in den letzten Jahrzehnten verändert haben. Traditionell spielte die Leitungsebene in den deutschen Universitäten eine eher untergeordnete Rolle (vgl. Meier 2009). Angesichts der herausgehobenen Stellung der Professorenschaft und der hierzulande äußerst stark ausgeprägten Organisationskultur der ‚Kollegialität‘ zwischen den Lehrstuhlinhabern erfüllten Dekane, Präsidenten, Kanzler usw. zwar wichtige repräsentative Funktionen, doch in Bezug auf die Forschung an ihrer Universität führten sie eher ein Schattendasein (vgl. Clark 1984: 140; Schimank 1995: 222- 258; Schimank/Lange 2009: 56 ff.). In der Hochschulforschung haben aktuelle Maßnahmen zur Stärkung der formalen Rechte der Hochschulleitung deshalb einige Aufmerksamkeit erregt und zahlreiche Untersuchungen angeregt. Bislang werden die Effekte dieser Maßnahmen für die Dynamik der universitären Wissensproduktion nur unzureichend verstanden. Dieser Umstand ist einerseits dem ‚Reformeifer‘ der Hochschulpolitiker zuzuschreiben, die vor allem in den zwei Jahrzehnten nach der deutschen Wiedervereinigung eine Reform nach der anderen implementierten. Ein Stück weit ist es also der Anlage dieses hoch komplexen ‚Realexperiments‘ geschuldet, dass sich seine Auswirkungen vollständig wohl erst aus der Distanz vieler weiterer Jahre überblicken lassen. Andererseits vermuten wir, dass die Schwäche sozialwissenschaftlicher Deutungsangebote auch ein hausgemachtes Problem darstellt. Denn in der Hochschulforschung dominieren Studien, die den dynamischen und relationalen Charakter des sozialen Gefüges, in die universitäres Forschungshandeln eingebettet ist, nur unzureichend erfassen.