, Volume 63, Issue 4, pp 649-673,
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Date: 19 Nov 2011

Jenseits des Säkularisierungsparadigmas?

Zusammenfassung

Mit seinem Buch A Secular Age hat der Sozialphilosoph Charles Taylor einen aufsehenerregenden Alternativentwurf zum klassischen Säkularisierungsparadigma vorgelegt. Das Ziel dieses Artikels ist es, ihn auf die religionssoziologische Diskussion um Säkularisierung und deren verschiedenen Teilprozesse zu beziehen. Es werden drei Ansprüche formuliert, an denen Alternativentwürfe zu messen sind. Erstens müssen sie verständlich machen, warum „Säkularität“ zu einer so wichtigen Selbstbeschreibungskategorie moderner Gesellschaften werden konnte. Zweitens müssen sie das in Jahrzenten religionssoziologischer Forschung akkumulierte Wissen über Entkirchlichung mit den von Kritikern hervorgehobenen Befunden genuin moderner religiöser Vitalität integrieren. Und drittens müssen sie die vielfältigen Muster der Differenzierung religiöser und politischer Ordnung im Gesellschafts- und Kulturvergleich beschreiben und erklären können. In kritischer Auseinandersetzung mit Taylor werden Grenzen kulturalistischer Theorien moderner Säkularität und bleibende Aufgaben historisch-soziologischer Forschung zu Religion in der Moderne identifiziert.

Abstract

Charles Taylor’s book A Secular Age is a widely appraised alternative to the classical paradigm of secularization theory. This article situates this alternative theory within the debate of sociology of religion on secularization and its sub-components. Three requirements are formulated that alternative conceptions would have to met. First, they need to understand why „secularity“ became such a prominent category of self interpretation in modern societies. Second, they have to be able to integrate years of cumulative sociological research on sub-processes of secularization with findings on genuinely modern forms of religious vitality emphasized by the classical paradigm’s critics. And in light of on-going debates over multiple modernities, they would need to describe and explain the varieties of differentiation in societal and cultural comparison. In critical discussion of Charles Taylor’s contribution, the limits of culturalist theories of modern secularity as well as some tasks for historical-sociological research on religion in modernity are identified.

Die Fertigstellung dieses Beitrags wurde durch das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte Lichtenbergkolleg an der Georg-August-Universität Göttingen ermöglicht. Eine frühere Version wurde auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Jena (2008) präsentiert. Für wertvolle Hinweise und Anregungen danke ich Christoph Halbig, Hans Joas, Inka-Lee Huu, Detlef Pollack, Holmer Steinfath sowie den Herausgebern dieser Zeitschrift.