Husserl Studies

, 25:219

Systematische Überlegungen zu Husserls Einstellungslehre

Authors

    • Department of PhilosophyBoston College
Article

DOI: 10.1007/s10743-009-9061-y

Cite this article as:
Staiti, A. Husserl Stud (2009) 25: 219. doi:10.1007/s10743-009-9061-y

Zusammenfassung

In diesem Aufsatz skizziere ich eine systematische Rekonstruktion des phänomenologischen Grundbegriffs „Einstellung“. Zuerst wende ich mich an Husserls Erörterung des Einstellungsbegriffs im Hinblick auf die drei grundlegenden Bewusstseinsvermögen: Verstand, Wille und Gemüt. Auf dieser Ebene spielt die vom Subjekt eingenommene Einstellung die wichtige Rolle eines Artikulationsprinzips, das den untergeordneten Elementen eines komplexen Aktgefüges eine umfassende Einheit verleiht. Daraufhin ziehe ich die Klasse der Erkenntniseinstellungen in Betracht: Ausgehend von der Grundunterscheidung zwischen personalistischen und naturalistischen Einstellung wende ich mich der natürlichen Einstellung zu und argumentiere, dass die personalistischen Einstellung ihren systematischen Kern darstellt. Die natürliche Einstellung kann demnach auch als menschliche Einstellung definiert werden, d.h., als diejenige Einstellung, in deren Rahmen sich die Subjekte ausschließlich als menschliche Subjekte in der seienden Welt setzen. Zum Schluss untersuche ich die Funktion der phänomenologischen Reduktion als die Möglichkeit einer radikal neuartigen Einstellung im Gegensatz zu einer bloßen Erste-Person-Perspektive innerhalb der natürlichen Einstellung.

Abstract

In this paper I sketch a systematic reconstruction of Husserl’s fundamental concept of “attitude”. I first explore Husserl’s account with respect to the three faculties of intellect, will, and emotivity [Gemüt], which also define the three basic kinds of attitude. The attitude assumed by the subject plays at this level the important role of articulating and unifying, according to an overall direction, various underlying moments of a complex act. I then focus on the specific intellectual, viz. cognitive attitudes and highlight the difference between the naturalistic attitude (which characterizes the natural sciences) and the personalistic attitude (which characterizes the human sciences). I then consider the notion of the natural attitude and argue that the personalistic attitude represents the systematic core of it. The natural attitude may be defined as the human attitude, i.e., as the attitude in which subjects posit themselves exclusively as human subjects belonging to the world, which is itself unceasingly posited as being. In the final part of the paper I explore the function of the phenomenological reduction insofar as it opens up a possibility of self-understanding that breaks with the natural, human self-apprehension and discloses subjectivity in its transcendental dimension. This opens up a radically new attitude, the phenomenological, which should not be confused with a first-person perspective within the framework of the natural attitude.

1 I

Die zentrale Stellung des Einstellungsbegriffes in der Phänomenologie Husserls zeigt sich bereits dadurch, dass sich die Phänomenologie selbst durch eine bestimmte Einstellung definiert.1 Trotz dieser zentralen Rolle zählt der Einstellungsbegriff in der Husserl-Forschung zu einem der am wenigsten untersuchten Begriffe.2 Man kann wohl sagen, es handle sich—gemäß Eugen Finks bekannter Prägung—um einen ‚operativen Begriff‘, der in erster Linie als Grundlage für weitere Untersuchungen und nicht selbst als thematischer Schwerpunkt auftritt.3 Obwohl Husserl keinen einzigen Text der ausschließlichen Untersuchung des Einstellungsbegriffs widmete, finden sich in seinem Werk zahlreiche Passagen, anhand derer die Grundzüge und die Gliederung der phänomenologischen Einstellungslehre rekonstruiert werden können.

In diesem Aufsatz möchte ich nicht werkgeschichtlich vorgehen, sondern eine systematische Rekonstruktion skizzieren, in welcher die verschiedenen Aspekte der husserlschen Einstellungslehre in einen sachlichen Zusammenhang gebracht werden. Zuerst (II.) werde ich mich auf die grundlegendste Dimension des Einstellungsbegriffs konzentrieren, die eng mit dem Aktbegriff und der intentionalen Verflechtungsstruktur des Bewusstseins zusammenhängt. Auf dieser Ebene scheiden sich unterschiedliche Einstellungsweisen, die auf unterschiedliche Vermögen des Bewusstseins (Verstand, Gemüt und Wille) gründen. Danach (III.) werde ich mich auf die spezielle Klasse der Erkenntniseinstellungen konzentrieren, in denen der Verstand die Hauptrolle spielt. Hier unterscheidet Husserl zwischen der naturwissenschaftlichen und der geisteswissenschaftlichen bzw. personalistischen Einstellung. Hinsichtlich der Wesensunterschiede zwischen beiden Einstellungsweisen versuche ich dann (IV.), den Zusammenhang zwischen diesen Einstellungen im Hinblick auf Husserls Konzeption der natürlichen Einstellung darzustellen. Hierbei hebe ich hervor, dass der Kern der natürlichen Einstellung nicht nur in der Setzung einer daseienden Welt besteht, sondern auch in der Selbstsetzung als Person in der Welt, die jedes Subjekt ständig vollzieht. Schließlich (V.) frage ich, was mit Rücksicht auf den Wesensgehalt der natürlichen Einstellung als das Spezifische der phänomenologischen Einstellung verstanden werden muss. Meine These lautet: Wenn die phänomenologische Reduktion als die Zugangsweise zur phänomenologischen Einstellung eine Aufhebung der natürlichen Einstellung durch Einklammerung der darin naiv vollzogenen Seinssetzungen bedeutet, dann besteht das Spezifische der phänomenologischen Einstellung zugleich auch in der Aufhebung der menschlichen Selbstapperzeption, die das Subjektive ausschließlich als Komponente der Welt und nicht als transzendentalen „Akteur“ der Weltkonstitution erscheinen lässt. Die phänomenologische Einstellung ist demnach als tiefgreifende Änderung der natürlichen, thematischen Bedeutung des Subjektiven zu verstehen und nicht etwa bloß als Erste-Person-Perspektive hinsichtlich der mentalen Phänomene im Rahmen der natürlichen Einstellung.

2 II

Eine knappe und allgemeine Bestimmung des phänomenologischen Einstellungsbegriffs sähe etwa wie folgt aus: „Einstellung“ bezeichnet diejenige qualitative Eigenart eines Aktes, die bestimmt, welche gegebenen Eigenschaften des im Akt jeweils erscheinenden Gegenstandes thematisiert und aktiv aufgefasst werden können und welche nicht.4 Dabei drängt sich eine weitere Unterscheidung auf: „Einstellung“ impliziert nämlich einerseits einzelne Vermögen des Subjekts bzw. sogar einzelne bewusstseinsmäßige Tätigkeiten. Andererseits—und aufgrund dieses ersten Zusammenhangs—verwendet Husserl den Terminus „Einstellung“, um spezifische Erkenntniseinstellungen zu bezeichnen. Eine Erkenntniseinstellung ist eine theoretische Disposition, die das intellektuelle Verhalten bzw. die „Gesinnung“5 des Erkenntnissubjekts gegenüber dem untersuchten Gegenstandsgebiet bestimmt. Diese zweite, spezielle Dimension wird im nächsten Abschnitt untersucht, weil sie einen Sonderbereich innerhalb des ersten Zusammenhangs darstellt.

Eine aufschlussreiche Analyse des primären Zusammenhanges findet sich in der Vorlesung Erste Philosophie (Hua VIII), in der Form eines Exkurses „zur Theorie von Thema, Interesse, Einstellung“ (ebd., S. 314). Husserl hält dabei an der traditionellen Gliederung der „Seele“ in drei Vermögen fest: Verstand, Gemüt und Wille.6 Jedem Vermögen entspricht eine besondere Aktklasse, die ihre wesenseigene intentionale Struktur besitzt. So unterscheiden sich intellektive Akte, in denen schlichte Setzungen der Erfahrung vollzogen werden (und die in der höheren Erkenntnis auf Theoriebildung abzielen), Gemütsakte, die Werte als gegenständliche Korrelate haben, und schließlich praktische Akte, die auf die Verwirklichung von Zielen ausgerichtet sind (vgl. ebd., S. 101).

Jede Phase des Bewusstseinslebens ist dadurch charakterisiert, dass Akte aus allen Klassen gleichzeitig und auf ineinander greifende Art und Weise vollzogen werden:

Die Akte, die das reflektierende Ich als die seinen oder, genauer gesprochen, als die seines in vorgängiger Naivität lebenden unreflektierten Ich vorfindet, sind, wie schon ein flüchtiger Blick lehrt, in der Regel, ja genau besehen immer, mehr oder weniger vielfältig ineinander verflochten, verknüpft, fundiert (Hua VIII, S. 100).

Und ferner „sind […] beständig in jedem Puls des Ichlebens Akte aller Sphären miteinander verflochten“ (ebd., S. 99). Die Ausführung eines geometrischen Beweises kann z.B. zwar insgesamt schlichtweg als „Akt“ bezeichnet werden. Es geht aber genauer besehen um einen Gesamtakt, der aus Teilakten besteht—wie der Kenntnisnahme der vorgegebenen Hypothesen, dem Rückgriff auf bekannte Axiome, der Ausführung der einzelnen Schritte. Alle diese Teilakte schließen sich zu der Einheit eines intellektiven Gesamtaktes zusammen, also eines Aktes, der in seiner Gesamtheit das besondere Siegel des Verstandes trägt. Husserl schreibt dazu: „Unter diesen Teilakten scheiden sich die in dienender Funktion stehenden von denjenigen, welche die herrschende Aktion üben, d. i. in denen dasjenige liegt, worauf das Aktsubjekt und der einheitliche Akt sozusagen hinaus will“ (ebd., S. 100 f.). Die Kenntnisnahme der Hypothesen erfüllt lediglich eine dienende Funktion, während durch die Ausführung der Schritte hindurch die herrschende Aktion des Beweisens geht. Die spezifischen Leistungen der jeweiligen Einstellungen zeigen sich nun an einem weiteren Beispiel, mit dem Husserl fortfährt:

Und auch in anderer Weise können Akte in Nebenaktion stehen oder auch in Hauptaktion und das betrifft Akte, die zwar verbunden, aber nicht zur Einheit eines einzigen Gesamtaktes vereinigt sind. So mag ich als Botaniker von der Schönheit einer Blume entzückt sein, aber dieses Entzücken ist nicht in Hauptaktion, wenn ich in der Einstellung bin, sie beobachtend kennenzulernen und sie klassifizierend zu bestimmen. Bin ich damit fertig, so mag umgekehrt, statt dieser theoretischen Aktion, die vordem nebenher laufende ästhetische Freude zur Hauptaktion werden; und ich bin nun in ästhetischer Einstellung, in der des Gemüts, statt in theoretischer Einstellung, in der des Verstandes. Ein anderes Beispiel eines solchen Wechsels ist der zwischen der ästhetischen Betrachtung eines Kunstwerkes und der theoretischen des Kunsthistorikers. Hier sagen wir nicht, daß die beiderlei Akte als Teile eines Gesamtaktes fungieren (Hua VIII, S. 101).

In diesem Zusammenhang merkt Husserl an, dass der Begriff der Einstellung „zur Hauptaktion wesentlich gehört“ (ebd., S. 314). Bezeichnet das Wort „Aktion“ in diesem Kontext ein vielschichtiges Aktgefüge aus verschiedenen Teil- und Gesamtakten, so wirken in jeder erdenklichen Aktion notwendig alle Vermögen zusammen und zwar insofern, als jede erdenkliche Aktion immer aus der verflochtenen Gesamtheit eines Bewusstseinslebens entspringt.

Die „Einstellungwird von Husserl hierbei als diejenige innere Organisation definiert, dank der die Einheit einer Aktion als Verflechtung von unterliegenden Akten aus verschiedenen Aktklassen nach einer Hauptaktion und anderen Nebenaktionen bestimmt wird. Aus dieser Perspektive lässt sich auch das vorherige Beispiel ergänzen: Die Ausführung eines geometrischen Beweises kann nicht bloß als theoretischer Gesamtakt aus theoretischen Teilakten betrachtet werden, sondern eben konkreter als Aktion, in der auch Akte aus anderen Klassen mitwirken. So bleibt etwa neben der Hauptaktion des Beweisens die ästhetische Freude am eleganten Fließen des Füllfederhalters auf dem Papier in Vollzug, die aber von der die Hauptaktion kennzeichnenden theoretischen Einstellung im nicht-thematischen Hintergrund gehalten wird.

Es gibt gemäß Husserl nur drei einnehmbare Grundeinstellungen, die den drei genannten Vermögen entsprechen und also auch alle wesentlich verschiedenen intentionalen Aktklassen bestimmen. Die Funktion der Einstellung, die Vielfalt von Aktklassen innerhalb einer Aktion in Haupt- und Nebenaktionen zu ordnen, ist dabei als völlig unabhängig von dem jeweils betrachteten Gegenstand zu verstehen. Besser gesagt: Es ist jederzeit möglich, die Einstellung gegenüber demselben Gegenstand zu wechseln. Mag das Einnehmen der wertenden Gemütseinstellung oder der praktischen Willenseinstellung gegenüber gewissen Gegenständlichkeiten nur leere Meinungen ergeben bzw. folgenlos bleiben (wenn ich etwa versuche, ästhetische Werte an der Zahl 4 zu erfassen oder wenn ich als Kind versuchte, durch das Schlagen des Fernsehbildschirms meinen praktischen Beitrag zur Niederlage böser Charaktere in Zeichentrickfilmen zu leisten), so ist es trotzdem möglich.

Husserl betont ferner, dass die Möglichkeit der Reflexion, als Umlenkung der Aufmerksamkeit von dem im Akt gerade hin intendierten Gegenstand auf den Akt selbst, bei allen Einstellungsweisen besteht, wenngleich nicht in allen Fällen nur als theoretische Reflexion: „Vielmehr gibt es auch spezifische Gemütsreflexion[en]“ wie zum Beispiel „Ich liebe, und reflektierend freue ich mich, daß ich liebe, wie ich liebe, oder aber ich mache mir darüber im Mißfallen an mir selbst Vorwürfe.“ (Hua VIII, S. 105) Dies hindert freilich nicht, „daß der Akt, und zwar der herrschende Akt des reflektierenden Ich, ein andersartiger sei als der des reflektierten.“ (ebd., S. 106) So kann z. B. eine Gemütsreflexion auf einen intellektiven Akt vollzogen werden (etwa wenn die Langeweile an einem geometrischen Beweis thematisiert wird), ohne dass dabei der unterliegende intellektive Akt in irgend einer Weise inhaltlich geändert würde, und umgekehrt, auf jeden Akt kann intellektiv reflektiert werden, ohne dass deswegen die reflexiv betrachteten Akte selbst zu intellektiven Akten werden. Da alle Akte jedoch auf einen intentionalen Gegenstand bezogen sind, ist in jedem Akt ein minimaler Aktbestand vorzufinden, der den Gegenstand in der entsprechenden Intentionalität schlicht setzt. „Setzung“ ist eine intellektive Leistung, indem unabhängig davon, welche Einstellung das Subjekt eingenommen hat, immer ein intellektiver Kern besteht, dessen geleistete Setzung eventuell zur Hauptaktion werden kann. Der Akt wird in diesem Fall zum theoretischen Akt und die Einstellungsweise zur theoretischen.

Es ist allerdings nicht nötig, eine solche Analyse, die zur Aufweisung der Möglichkeit einer rein phänomenologischen Betrachtung für jede Aktklasse führt, weiter zu verfolgen. Was es zur weiteren Betrachtung der spezifischen Erkenntniseinstellungen festzuhalten gilt, ist (1) die immer vorhandene Möglichkeit des Einstellungswechsels aufgrund des Zusammenwirkens aller Vermögen in jedem Lebensabschnitt; (2) die Ausgliederung der Aktklassen von den respektiven Einstellungsweisen, die es ermöglicht, Akte einer gewissen Klasse im Rahmen einer ihnen fremden Einstellungsweise als Nebenakte immerhin zu vollziehen; (3) die offene Beziehung zwischen Einstellung und Gegenstand, die manchmal zur Verfehlung von wesentlichen Merkmalen des Gegenstandes führen kann—wie im Fall der ästhetischen Betrachtung der Zahl 4—, die aber von diesen letzteren in keiner Weise begrenzt oder im voraus bestimmt ist.

3 III

Neben dem eben betrachteten Zusammenhang gibt es einen weiteren und weitaus bekannteren Zusammenhang, in dem Husserl von „Einstellung“ redet, und zwar der der verschiedenen „Erkenntniseinstellungen“ (Hua VIII, S. 415). Dabei wird die theoretische Einstellung fokussiert und in verschiedene theoretische Sondereinstellungen ausdifferenziert. Dies geschieht etwa am Anfang der Ideen II, wenn Husserl von der „naturwissenschaftlichen Einstellung“ bzw. von der „doxisch-theoretischen“ spricht, der „andere Einstellungen“ gegenüber stehen (Hua IV, S. 2). Unter diesen werden „die wertende und die praktische Einstellung“ (ebd.) erwähnt. Aufgrund der bisherigen Erörterungen kann man also sagen, die Gesamtaktion des naturwissenschaftlichen Theoretisierens hat immer als Hauptaktion einen intellektiven, auf eine theoretische Bestimmung der Natur abzielenden Akt. In den intellektiven Akten, welche die theoretischen Einstellungen bzw. Erkenntniseinstellungen beherrschen, „ist für das Ich ein Gegenstand nicht nur überhaupt da, sondern das Ich ist als Ich darauf gewahrend (dann denkend, tätig setzend), damit zugleich also erfassend gerichtet, es ist als ‘theoretisches’ im aktuellen Sinne objektivierend“ (Hua IV, S. 4). In den Erkenntniseinstellungen ist also die Gegenstandssetzung nicht etwa nebenher vollzogen, während das Ich eigentlich in eine ästhetische Wertung oder in eine praktische Verwirklichung versunken ist, sondern explizit, hauptsächlich vollzogen. Die naturwissenschaftliche Einstellung ist die Einstellung, in der die Natur als kausal geregelter Zusammenhang aller physischen Dinge in den Blick genommen wird. Diesen Zusammenhang will der Naturwissenschaftler nach seinen induktiven Gesetzen erkennen und an den erforschten Dingen will er diejenigen Eigenschaften und Veränderungsprinzipien erfassen, die die Dinge an sich besitzen. Dies geschieht durch Idealisierung und ferner mit Hilfe mathematischer Mittel. Um dieses Ziel zu verwirklichen (und dabei zeigt sich die nebenher laufende praktische Komponente in der naturwissenschaftlichen Erkenntniseinstellung) bedarf es einer Ausschaltung der subjektiven Relativität. Auch diejenige Dimension der Natur, in der das Subjektive ursprünglich auftritt, nämlich die der Leiber, untersteht in der naturwissenschaftlichen Einstellung derselben Ausschaltung: Leiber werden als bloße Körper unter Körper betrachtet.

Ganz anders verhält es sich in den Geisteswissenschaften, die in der personalistischen Einstellung vollzogen werden:

Während die Naturwissenschaften ihrem eigenen Sinne nach eine abstrahierende Blende haben, durch die eben alles Subjektive, aller Geist abgeblendet wird, wäre ja die Allheit des Subjektiven das Thema der allgemeinen Geisteswissenschaft, und nach den Allgemeinheiten und in den Besonderheiten der Gesamtheit der Sonderwissenschaften vom Geiste (Hua VIII, S. 286; Vgl. auch Hua IV, S. 183).

Die personalistische Einstellung bildet für den Geisteswissenschaftler den spezifischen Rahmen seines Theoretisierens, in der doxische Setzungen von geistigen Sachverhalten nicht nebenher vollzogen werden, sondern in expliziter Erfassung und im Hinblick auf theoretisch begründbare Wahrheiten. Statt einer Ausschaltung des subjektiven Bestandes seiner gegenständlichen Gehalte, wird dieses hier thematisiert, während jedes An-sich-Sein der Natur ausgeschaltet bleibt.

Trotz dieser Parallelität besteht zwischen den beiden Einstellungen ein grundlegender Unterschied: Während die Ausblendung des Subjektiven eine bestimmte Ausbildung im theoretischen Subjekt voraussetzt, das mit den theoretischen Grundlagen und Forderungen der Naturwissenschaften vertraut sein muss, fällt die personalistische Einstellung der Geisteswissenschaft vollständig in den Rahmen der natürlichen Einstellung (Vgl. Hua VIII, S. 415). Dies bedeutet umgekehrt: Jedes erdenkliche Subjekt wächst notwendigerweise in eine Einstellung hinein, in der die Natur nicht als ein „An sich“ thematisch ist (sondern in ihrem Bezug auf Nützlichkeit, Unnützlichkeit, Gefährlichkeit, Ausbeutefähigkeit usf.) und in der Menschen immer schon als Personen (also als wollende, wertende, erkennende Subjekte) betrachtet werden. Das Subjektive ist hierbei immer schon völlig zur Geltung gekommen. Während die naturwissenschaftliche Einstellung sich eben nur in Hinblick auf eine historisch gewachsene Klasse von Wissenschaften benennen und definieren lässt, genießt die personalistische Einstellung einen eigenen Status, den man als natürlich definieren kann, was bedeutet, dass er von jeder faktisch etablierten Wissenschaft unabhängig ist.

Man kann hierbei zwar der Genauigkeit halber von „geisteswissenschaftlicher Einstellung“ sprechen—wie es auch Husserl gelegentlich tut. Aber diese in den Geisteswissenschaften vorherrschende Einstellung unterscheidet sich im Wesentlichen nicht von der natürlich-personalistischen. Eine feinere Unterscheidung zwischen geisteswissenschaftlicher und personalistischer Einstellung weist lediglich darauf hin, dass in den Geisteswissenschaften ein theoretisches Tun überwiegt, während die personalistische Einstellung nicht von vornherein auf Theorie abzielt, also sich zumeist nicht in einer theoretischen Einstellung dekliniert.7 Die Einstellung des Geisteswissenschaftlers bleibt aber in jedem Fall das theoretische Pendant zu der allgemeinen Einstellung des Subjektes gegenüber der Welt, die das Subjekt überhaupt nicht erst einzunehmen braucht, sondern „natürlich“ immer schon eingenommen hat: „Es handelt sich also um eine durchaus natürliche und nicht um eine künstliche Einstellung, die erst durch besondere Hilfsmittel gewonnen und gewahrt werden müsste“ (Hua IV, S. 183). Die personalistische Einstellung weist also auf die natürliche Einstellung zurück. Damit gelangt man zur Frage nach der Wesensbestimmung dieser natürlichen Einstellung und deren Verhältnis zu der personalistischen, die nach dem bisher Gesagten ein Modus der allgemeineren natürlichen Einstellung zu sein scheint.

4 IV

Husserl führt bekanntlich den Ausdruck „natürliche Einstellung“ in den Ideen I ein und verbindet diese Einstellungsweise mit einer Generalthesis, die lautet: „’Die’ Welt ist als Wirklichkeit immer da, sie ist höchstens hier oder dort ‚anders‘ als ich vermeinte, das oder jenes ist aus ihr unter den Titeln ‚Schein‘, ‚Halluzination‘ u. dgl. sozusagen herauszustreichen, aus ihr, die—im Sinne der Generalthesis immer daseiende Welt ist.“ (Hua III/1, S. 61). Die natürliche Einstellung ist also dadurch ausgezeichnet, dass in ihr diese Generalthesis sozusagen „vollzogen“ wird; dies freilich nicht bewusst oder gar aktiv, sondern vielmehr stillschweigend und implizit: Die Generalthesis ist nämlich keine bloß vertretbare These unter anderen möglichen, sondern die einzig verfügbare, die trotz aller Täuschung und Durchstreichung einzelner Weltelemente nie in Frage gestellt wird. „Thesis“ heißt nicht nur „These“, sondern „Setzung“, „Position“. Die Welt wird in der natürlichen Einstellung vollzugsmäßig als immer daseiende Wirklichkeit gesetzt. Richard Avenarius, an den Husserls Überlegungen anknüpfen,8 hatte seinerseits den Grundzug des „menschlichen Weltbegriffs“ folgendermaßen beschrieben:

Ich mit all meinen Gedanken und Gefühlen fand mich inmitten einer Umgebung. Diese Umgebung war aus mannigfaltigen Bestandteilen zusammengesetzt, welche untereinander in mannigfaltigen Verhältnissen der Abhängigkeit standen. Der Umgebung gehörten auch Mitmenschen an mit mannigfaltigen Aussagen; und was sie sagten, stand zumeist wieder in einem Abhängigkeitsverhältnis zur Umgebung. Im übrigen redeten und handelten die Mitmenschen wie ich: sie antworteten auf meine Fragen wie ich auf die ihren; sie suchten die verschiedenen Bestandteile der Umgebung auf oder vermieden sie, veränderten sie oder suchten sie unverändert zu erhalten; und was sie taten oder unterließen, bezeichneten sie mit Worten und erklärten für Tat und Unterlassung ihre Gründe und Absichten. Alles, wie ich selbst auch: und so dachte ich nichts anderes, als dass Mitmenschen Wesen seien wie ich—ich selbst ein Wesen wie sie.9

In Avenarius’ Formulierung hat offensichtlich das personalistische Element viel mehr Gewicht als in der Husserls. Dieser hatte zwar selbst in den vorangehenden Passagen der Ideen I eine ähnliche Beschreibung vorgelegt, trotzdem bezieht sich seine Formulierung der Generalthesis der natürlichen Einstellung lediglich auf die Welt. In den Ideen I scheint die personalistische Einstellung also ein Spezialfall der natürlichen Einstellung zu sein: Im allgemeinen Rahmen der Weltthesis gelten andere Subjekte eben als Mitmenschen, als sich motivational verhaltende Personen. „Personalistische Einstellung“ würde also auf den ersten Blick einfach „natürliche Einstellung“ im Hinblick auf andere Subjekte bedeuten. Die natürliche Einstellung lässt sich anscheinend primär in Bezug auf die Welt im Allgemeinen definieren und spezifiziert sich dann in Bezug auf die in der Welt vorgefundenen Mitsubjekte als personalistische Einstellung.

Doch stellt sich hier eine entscheidende Frage: Wer vollzieht eigentlich die Generalthesis? Was für ein Subjekt ist es, das sich immer schon in der natürlichen Einstellung befindet? Fasst man die Sachlage näher ins Auge, so zeigt sich, dass—umgekehrt zum eben vermuteten Abhängigkeitsverhältnis—die personalistische Einstellung eigentlich als die Grundform der natürlichen Einstellung anzusehen ist und dass demzufolge „natürliche“ Einstellung hinsichtlich der daseienden Welt im Allgemeinen von der personalistischen Einstellung abhängt. Nicht zu Unrecht präzisiert Avenarius am Anfang seiner Formulierung, dass „ich mit all meinen Gedanken und Gefühlen10 es bin, der sich inmitten einer Umgebung bzw. Welt aus Dingen und Mitmenschen befindet. Anders gesagt: Ich, der ich mich immer schon als Mensch auffasse und verstehe, verhalte mich natürlich zur Welt als immer daseiender Wirklichkeit aufgrund dieser ursprünglichen Selbstauffassung, d.h. meines auf mich selbst bezogenen Seinsglaubens. Allgemeiner formuliert lässt sich also folgern: Aller Auffassung einer als Wirklichkeit daseienden Welt und daseiender Mitmenschen liegt eine ursprünglichere Auffassung zugrunde, nämlich die Selbstauffassung, in der ich mich selbst als Mensch, als personales Wesen auffasse.

Hierbei geht es freilich nicht um empirische, sondern um transzendentale Verhältnisse. Das „Zugrundeliegen“ ist also nicht naiv als ein „Zuerst“ zu verstehen, etwa: Zuerst fasse ich mich selbst als Mensch auf und erst danach bin ich befähigt, die daseiende Welt mit den daseienden Mitmenschen aufzufassen. Die bewusste, vollständig ausgebildete Selbstauffassung als Mensch findet faktisch erst nach einem vorangehenden, stillschweigenden Umgang mit der Welt statt.11 Die Ursprünglichkeit der menschlichen Selbstauffassung besteht aber darin, dass die Generalthesis, von der Husserl spricht, als Thesis notwendigerweise eines Vollziehers bedarf und dass der Vollzieher der Generalthesis wesensmäßig ein sich selbst als Mensch auffassendes Subjekt ist.

Wie es zur faktischen Ausbildung des Vollziehers kommt und unter welchen Bedingungen ein faktisches Individuum zur vollen Aneignung der Generalthesis gelangt, ist ein durchaus wichtiges Problem, das in eine genetische Analyse der natürlichen Einstellung gehört. Dies betrifft aber nicht den Sinnaufbau der natürlichen Einstellung, welche, da sie grundsätzlich durch eine Thesis hinsichtlich der Welt bestimmt ist, a priori eines subjektiven Korrelats dieser Setzung bedarf. Dieses subjektive Korrelat kann in der natürlichen Einstellung nur als „Mensch, Person“ aufgefasst werden. Dies ist sozusagen die Grundsetzung, auf der alle weitere Setzung der vermeinten Welt ruht. Eine andere Sachlage wäre im Rahmen der Natürlichkeit schlicht undenkbar:

Die Subjektivität ist menschliche, der Mensch als Bewusstseinssubjekt, als Person dann notwendig (anders ist es nicht denkbar) bewusstseinsmäßig auf das, was er mit dem Worte Welt bezeichnet, bezogen und in besonderer Weise auf diese und jene für ihn bewusstseinsmäßig seienden, zugänglichen und schließlich wahrnehmungsmäßig daseienden Objekte (Hua IX, S. 489).

Die personalistische Einstellung in Bezug auf sich selbst liegt also der natürlichen Einstellung im Allgemeinen zugrunde. Im Rahmen der natürlichen Einstellung findet sich dann auf einer höheren Stufe diejenige personalistische Einstellung wieder, die auf andere Subjekte bezogen ist, welche ihrerseits als Bestandteile der als wirklich daseienden Welt angesehen werden. Die personalistische Einstellung stellt demnach sozusagen das A und O der natürlichen Einstellung und ihrer Erkenntnismöglichkeiten dar. Man darf demzufolge behaupten, dass die personalistische Einstellung den Urgrund aller weiteren Ebenen der natürlichen Einstellung darstellt, worauf diese transzendental zurückzuführen sind. Somit besteht die Unterscheidung zwischen Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften im Hinblick auf die natürliche Einstellung darin, dass die Geisteswissenschaften in der natürlich-personalistischen Einstellung, während die Naturwissenschaften bloß aus der natürlich-personalistischen Einstellung betrieben werden: Der unterliegende Rahmen ist in beiden Fällen ursprünglich und unveränderlich festgesetzt. Husserl schreibt hierzu:

Die personalistische Einstellung der Geisteswissenschaften ist daher immer noch natürliche Einstellung, obschon wir in der mundanen Erkenntniseinstellung eben diese doppelte Möglichkeit haben der naturalistischen Einstellung und der personalistischen, die sich aber wieder verbinden, so wie sie innerlich von vornherein verbunden sind und nur durch Abstraktion sich gesondert haben (Hua VIII, S. 415).

An diesem Zitat lässt sich die doppelte Stellung der personalistischen Einstellung deutlich erkennen: Einerseits gehören personalistische und natürliche Einstellung im Wesentlichen zusammen, und zwar derart, dass die personalistische Einstellung als ursprüngliche Selbstauffassung den systematischen Kern der natürlichen Einstellung ausmacht. Andererseits ist aber die personalistische Einstellung wieder als Einstellungsmöglichkeit neben der naturwissenschaftlichen aufzufinden, die mit dieser auf dem allgemeinen, unveränderlichen Boden der natürlich-personalistischen Einstellung fußt. Man kann also zwischen personalistischer Einstellung als selbstbezogener Ureinstellung und personalistischer Einstellung als mögliche Erkenntniseinstellung der Geisteswissenschaften unterscheiden. Sowohl die Geistes- als auch die Naturwissenschaften sind in dieser Hinsicht mundane Erkenntniseinstellungen, die in der Vermeinung der Welt gemäß der Generalthesis eine gemeinsame Auffassungsrichtung besitzen. In beiden Richtungen, wenn auch auf je verschiedene Weise, ist das Subjekt für „die“ Welt empfänglich und zwar dadurch, dass es sich ursprünglich als Mensch auffasst und in die Welt selbst einordnet. Sich selbst als Menschen auffassen, sich dabei in die Welt einordnen und für diese immer daseiende Welt erkenntnis- und handlungsmäßig empfänglich sein, sind daher als Wesensmomente einer einzigen Urstruktur anzusehen, in der die personalistische Einstellung der Geisteswissenschaften ebenso wie die naturalistische der Naturwissenschaften verwurzelt sind.

Dennoch hängen diese beiden Einstellungsweisen auch in einem bestimmten, sozusagen „horizontalen“ Fundierungsverhältnis zusammen und bestehen nicht bloß parallel: „Sofern die Geisteswissenschaft als allumfassende Wissenschaft von der Geisteswelt alle Personen, alle Arten von Personen und personalen Leistungen, von personalen Gebilden, die da Kulturgebilde heißen, im Thema hat, umspannt sie also auch die Naturwissenschaft und die naturwissenschaftliche Natur an sich, Natur als Realität“ (Hua VI, S. 298; vgl. auch Hua IV, S. 183). Einfach formuliert heißt dies, dass auch die Naturwissenschaften kulturelle Gebilde sind, die aus ursprünglich personalen Geistesleistungen entstanden sind und von Menschen betrieben werden.

Vorläufig stehen wir mit dieser Einsicht nicht fern von einer historizistischen Position, wie sie etwa Dilthey vertreten hat. Es läge daher nahe, eine Art „Redimensionierung“ der Naturwissenschaften zu fordern, insofern ihr Geltungsanspruch auf ihre personale, also geschichtlich bedingte Herkunft angewiesen wäre. Diese Schlussfolgerung allerdings hat Husserl bekannterweise in seinem berühmten Aufsatz Philosophie als strenge Wissenschaft ausdrücklich widerlegt.12 Demgegenüber fordert Husserl etwa in der Krisis, dass man in einem ersten Schritt zwar die historische Bedingtheit der Naturwissenschaften anerkennt und somit das Naturwissenschaftliche auf das Geisteswissenschaftliche zurück bezieht, um dann allerdings erst in einem weiteren Schritt, dem Übergang in die eigentlich phänomenologische Einstellung, das Verhältnis der genannten Einstellungen untereinander abschließend zu klären.

Wie wir gesehen haben, weisen sowohl die Geistes- als auch die Naturwissenschaften auf eine ihnen gemeinsame Einstellung zurück, die den allgemeinen Rahmen der mundanen Erkenntnisleistungen überhaupt darstellt. Wir bezeichnen diesen allgemeinen Rahmen als menschliche Einstellung. „Menschliche Einstellung“ besagt also im Wesentlichen nichts anderes als „natürliche Einstellung“, will aber den Ursprung und systematischen Kern dieser Letzteren explizit machen: ein sich selbst als Mensch auffassendes Subjekt. Menschliche Einstellung realisiert sich wesensmäßig als mundaneEinstellung, in der die Welt als immer daseiende Wirklichkeit vermeint wird. Menschliche Einstellung und mundane, weltvermeinende Einstellung, die sich dann in eine Vielfalt von mundanen Sondereinstellungen dekliniert, sind also die beiden systematisch zusammengehörigen Wesensmomente der natürlichen Einstellung im Sinne der Ideen I.13 Deswegen bezieht sich Husserl wiederholt auf die „Weltlichkeit bzw. Menschlichkeit“ (Hua VIII, S. 301) und stellt zusammenfassend an einer Manuskriptstelle folgende Äquivalenz auf: „Natürlich eingestellt sein, heißt sich als Mensch in der Welt finden“ (Hua XXXIV, S. 156).

5 V

Die menschliche Einstellung bildet den umgreifenden Rahmen aller weiteren natürlichen Einstellungsweisen, der praktischen wie der wertenden und im Speziellen der mundanen Erkenntniseinstellungen. Ihr Hauptcharakter besteht darin, dass alles Subjektive, also das Bewusstsein mit allen seinen Leistungen, als Eigenschaften einer Entität der Welt interpretiert werden: des Menschen. Die „als Wirklichkeit immer daseiende Welt“ übersteigt dabei die Entität Mensch sowie alle dieser Entität zugesprochenen Funktionen und Vermögen, die sie zum Subjekt, zum Bewusst-Seienden machen. Mensch, Subjekt, Bewusstsein sind letztlich gleichrangige Sonderthemen aus der Welt als dem „stillschweigenden, aber gemeinten Totalsubstrat aller Thematik“ (Hua XXXIV, S. 393).

Husserls Entwurf der phänomenologischen Reduktion setzt gerade bei dieser Sachlage an und zeigt, dass die menschliche Einstellung nicht das letzte Wort über die Möglichkeiten des menschlichen Daseins ist, insbesondere nicht, was die Erkenntnismöglichkeiten anbelangt. Vielmehr interpretiert Husserl die Leistung der phänomenologischen Reduktion gerade hinsichtlich der Erschließung eines Spektrums von Möglichkeiten, das sich auftut, sobald die erfahrende, wertende, fühlende und erkennende Subjektivität von der menschlichen Selbstapperzeption befreit und rein in ihrem Leisten betrachtet wird:

Durch die phänomenologische Reduktion als ‘transzendentale Reflexion’ befreit sich das Ich von den Schranken der Natürlichkeit seines Daseins, den<en> der ‘naiven’ Menschlichkeit, befreit sich gewissermaßen von einer Scheuklappe, die ihm sein absolutes, sein vollkommen konkretes Dasein abblendet oder, was auf ein Gleiches herauskommt, ihm abblendet einen unendlichen Reichtum von Lebensmöglichkeiten, in denen die des natürlichen Daseins zwar beschlossen, in denen sie aber sozusagen abstrakt-unvollständig sind (Hua XXXIV, S. 225 f.).

Die Strategie der phänomenologischen Reduktion besteht darin, dass die Einklammerung der Seinssetzung hinsichtlich der Welt, wie sie etwa aus den Ideen bekannt ist, sich ebenfalls auf das Subjekt zu erstrecken hat, das in der menschlichen Einstellung ausschließlich als eine Entität in der Welt begegnet und begriffen werden kann. Der Mensch als Welt-Entität wird dabei selbst in Klammer gesetzt. Das Geistige wird somit gereinigt, d. h. sein Sinn erfährt eine tief greifende Änderung: Von einem Sonderthema im Rahmen der natürlichen Weltsetzung, in der es gemäß der Mensch-Apperzeption schlechthin in Geltung ist, wird nun das Geistige (also das Erfahren in all’ seine Formen und Vorformen) zum transzendentalen Thema, zum Bereich, in dem alle Fragen hinsichtlich der Welt und des Menschen als Wirklichkeiten aufzuklären und systematisch zu beantworten sind: „Ein Thema, das über sich kein anderes Thema hat“ (Hua XXXIV, S. 52). Hierzu schreibt Husserl an einer anderen Stelle:

Da haben wir nun das Merkwürdige, dass sich eine neuartige Einstellung aus der rein personalistischen Einstellung und Forschung begründen lässt, dass sich eine entsprechende neuartige reine (nicht mehr geisteswissenschaftliche) Erfahrung ins Spiel setzen lässt, und auf diesem Erfahrungsboden eine ‚Wissenschaft’ […], die radikal gelöst ist von der mundanen Erfahrung als Geltung, nämlich dadurch, dass diese Geltung schlechthin und universal ‚außer Geltung gesetzt’ ist und bleibt (Hua VIII, S. 417).

Und ferner:

Die Phänomenologie ist die Wissenschaft vom transzendental reinen universalen Geiste und im Übergang zur Welt die universale Geisteswissenschaft, die in allem Weltlichen Gebilde der universalen Geistigkeit erkennt. Sie hebt die Scheidung zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften auf, indem sie als universale Wissenschaft überhaupt alle Wissenschaften in Zweige der einen Geisteswissenschaft verwandelt, der Wissenschaft vom transzendentalen universalen Geist (Hua VIII, S. 361).

Eine ausführliche Darstellung des Überganges in die phänomenologische Einstellung bedürfte einer längeren Vertiefung in den spezifischen Charakter der universalen phänomenologischen Reduktion gegenüber der psychologischen.14 Anhand der letzten Bemerkung Husserls ist jedenfalls eine genaue Lokalisierung der Phänomenologie als Erkenntniseinstellung und der sich daraus ergebenden Wissenschaft im Grunde schon möglich. Dabei ist ein Punkt gerade für die heutige philosophische Debatte von besonderer Bedeutung, um den eigentümlichen Beitrag der husserlschen Phänomenologie nicht allzu leichtfertig an andere Ansätze zu assimilieren: Die phänomenologische Einstellung ist in erster Linie als Einstellungsmöglichkeit hinsichtlich der Subjektivität außerhalb des Rahmens der menschlichen Einstellung zu verstehen, und nicht etwa im Gegensatz zu Sondermodalitäten dieser Letzteren. Es geht also nicht etwa bloß um eine Erste-Person-Perspektive in der Bewusstseinsforschung, die im Gegensatz zur Dritte-Person-Perspektive der naturwissenschaftlichen Einstellung steht und auf diese nicht reduziert werden darf,15 sondern um eine radikale Aufhebung der Ebene, auf der alle mundanen Perspektiven stehen, Erste- wie Dritte-Person-Perspektive.

Die Tatsache, dass diese Aufhebung in einer „Ersten-Person-Perspektive“ durchgeführt wird, ist freilich kein Zufall, da sich nur in der Selbstreflexion diejenigen Einsichten aufdrängen, die zur Leistung der phänomenologischen Epoché führen können (vgl. Hua VIII, S. 4 f.). Dies darf aber nicht zu einer Konfusion hinsichtlich der eigentlichen Pointe führen: Der Anspruch der Phänomenologie besteht darin, eine neuartige Dimension des Geistes herausgestellt zu haben, in der alle Setzungen und Gültigkeiten angeschaut, geprüft und eventuell begründet werden können, weil in dieser Dimension noch keine von allen diesen zu prüfenden Gültigkeiten als Gültigkeit schon enthalten ist.16 Dadurch eröffnet sich eine neuartige Erkenntniseinstellung, in der die explizite Setzung der zu erkennenden Gegenstände, die alle Erkenntniseinstellungen inklusive der phänomenologischen charakterisiert, von der in der Natürlichkeit immer schon vollzogenen Seins- und Wirklichkeitssetzung entkoppelt wird. Sowohl geistige Bewusstseinszusammenhänge als auch die in ihnen erscheinenden Gegenstände bzw. die in ihnen erscheinende Welt werden weiterhin gesetzt und zwar im Hinblick auf begründbare Erkenntnis, aber auf eine Weise, die ihren natürlich innewohnenden Seinssinn gründlich modifiziert und dabei auf eine nicht mehr mundane Ebene der Betrachtung führt.

Gerade die Vertiefung und nicht die Bagatellisierung dieses Anspruches ist wahrscheinlich der beste Ansatz, um die Auseinandersetzung mit anderen philosophischen Strömungen sowie mit der empirischen Forschung wirklich fruchtbar zu machen und dabei neue, gemeinsame Wege einzuschlagen.

6 Dankwort

Eine frühere Version dieses Aufsatzes habe ich am 18.04.08 am Husserl-Archiv Köln im Rahmen eines Doktoranden-Workshops vorgetragen. Ich möchte an dieser Stelle Prof. Dr. Dieter Lohmar für die Einladung sowie allen Teilnehmern für die wertvollen Impulse in der anschließenden Diskussion danken. Ein herzliches Dankwort gilt zudem meinen Freiburger Kolleginnen, Frau Claudia Bozzaro, Frau Katharina Keßler und insbesondere meinem Kollegen Herrn Frank Steffen für die sprachlichen und gedanklichen Ratschläge.

Fußnoten
1

Siehe Hua III/1, §§ 31–32; Hua II, S. 43 f.; Mat. VII, S. 10.

 
2

Dazu vgl. Spileers (1999), S. 398. Der Forschungsstand bis zum Jahr 1998 zählt nur sieben Titel, die sich explizit auf den Terminus „Einstellung“ beziehen. Meines Wissens hat sich die Lage bis heute im Wesentlichen nicht geändert. Es sind mittlerweile noch drei diesbezügliche Aufsätze erschienen: Dodd (1998), Luft (1998) und Villela-Petit (2007).

 
3

Vgl. Fink (1976), S. 190 f.; Luft (1998), S. 154. Fink selbst ordnet den Einstellungsbegriff nicht den operativen Begriffen zu. Sebastian Luft übernimmt treffend in seinem Aufsatz den Ausdruck Finks in spezieller Hinsicht auf die natürliche Einstellung. Es scheint also nicht unberechtigt zu sein, die Übernahme zu erweitern und sie auf den Einstellungsbegriff im Allgemeinen zu beziehen.

 
4

Zum begriffsgeschichtlichen Erörterung des Terminus „Einstellung“ vor Husserl siehe Fischer (1985), S. 3–14.

 
5

Vgl. Dodd (1998), S. 81.

 
6

Die drei Vermögen sind aber nicht als getrennte Gebiete anzusehen, sondern als verschiedene Strukturen der Intentionalität, die also im größeren Ganzen des intentionalen Bewusstseins eingebettet sind.

 
7

Siehe Fischer (1985), S. 65 f.

 
8

Zur Auseinandersetzung Husserls mit Avenarius siehe Sommer (1985).

 
9

Avenarius (1905), S. 4 f.

 
10

ebd.

 
11

Husserl selbst ist sich darüber sehr wohl im Klaren, vgl. z.B. Hua IV, S. 252; Hua I, § 38, S. 111 f.

 
12

Siehe Hua XXV, S. 3–62.

 
13

Sebastian Luft schreibt zusammenfassend: „To paraphrase this we can vary Kant’s famous statement by saying: the belief that the world exists must accompany all my attitudes“. Luft (1998), S. 163.

 
14

Hierzu siehe Ströker (1987).

 
15

Diese Auffassung der Phänomenologie als Introspektion, als unentbehrliche First-Person-Perspective zum Studium des Mentalen charakterisiert eine wichtige Strömung der neueren philosophy of mind analytischer Art. Siehe zum Beispiel Shoemaker (1996), Siewert (1998) und Siewert (2007). Für eine differenzierte Beurteilung dieser Perspektive siehe Zahavi (2007). In diesem wichtigen Beitrag betont Zahavi die Relevanz der Entdeckung der First-Person-Perspective in der philosophy of mind, die die Möglichkeit eines fruchtbaren Dialoges zwischen kontinentaler und analytischer Philosophie aufschließt. Andererseits pointiert er aber die eigentliche Bedeutung der phänomenologischen Methode, die keineswegs als introspektiv verstanden werden darf.

 
16

Vgl. Lohmar (2002), S. 753.

 

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