Wiener Medizinische Wochenschrift

, Volume 162, Issue 23, pp 506–512

Bauchschmerzen, Blähbauch, Diarrhoe: Fruktosemalabsorption, Laktoseintoleranz oder Reizdarmsyndrom?

  • Margaritha Litschauer-Poursadrollah
  • Sabine El-Sayad
  • Felix Wantke
  • Christina Fellinger
  • Reinhart Jarisch
themenschwerpunkt

DOI: 10.1007/s10354-012-0158-0

Cite this article as:
Litschauer-Poursadrollah, M., El-Sayad, S., Wantke, F. et al. Wien Med Wochenschr (2012) 162: 506. doi:10.1007/s10354-012-0158-0
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Zusammenfassung

Blähbauch, Bauchkrämpfe, Durchfälle, gelegentlich auch Obstipation, Flatulenz und Übelkeit sind typische Symptome der Fruktosemalabsorption (Intestinale Fruktoseintoleranz – FIT) und/oder der Laktoseintoleranz (LIT). Andererseits sind diese Symptome auch typisch für das häufig diagnostizierte, multifaktorielle Reizdarmsyndroms. Bei Verdauungsbeschwerden sollte primär an diese häufigen Störungen des Kohlehydratmetabolismus gedacht werden, die durch einen H2-Atemtest diagnostiziert werden können.

Bei 1935 Patienten (526 m, 1409 w) wurde eine Fruktosetestung und bei 1739 Patienten (518 m, 1221 w) eine Laktosetestung durchgeführt. FIT wird bei unseren Patienten im ostösterreichischen Raum häufiger als LIT gefunden (57 versus 52 % (p < 0,02) bei Erwachsenen, 90 versus 62 % (p < 0,001) bei Kindern und ist bei Mehrfachintoleranzen am häufigsten mit Histamin Intoleranz (HIT) korreliert.

Kopfschmerzen (ca. 10 %), Müdigkeit (ca. 5 %) und Schwindel (ca. 3 %) können nach der Testung auftreten, unabhängig davon ob der Test positiv oder negativ war.

In 2/3 der Fälle führt eine fruktose- beziehungsweise laktosereduzierte Diät als Therapie der beiden Stoffwechselstörungen zu einer Besserung oder Beschwerdefreiheit.

Das Reizdarmsyndrom, welches häufig mit FIT (183 von 221 Patienten = 83 %) vergesellschaftet ist, kann durch relevante und nicht relevante Diäten gebessert werden. Dies spricht dafür, dass primär psychologische Ursachen verantwortlich sind.

Schlüsselwörter

Fruktosemalabsorption (Intestinale Fruktoseintoleranz) Laktoseintoleranz Reizdarmsyndrom H2-Atemtest 

Abdominal spasms, meteorism, diarrhea: fructose intolerance, lactose intolerance or IBS?

Summary

Meteorism, abdominal spasms, diarrhea, casually obstipation, flatulence and nausea are symptoms of fructose malabsorption (FIT) and/or lactose intolerance (LIT), but are also symptoms of irritable bowel syndrome (IBS). Therefore these diseases should be considered primarily in patients with digestive complaints. For diagnosis an H2-breath test is used.

In 1,935 patients (526 m, 1,409 f) a fructose intolerance test and in 1,739 patients (518 m,1,221 f) a lactose intolerance test was done.

FIT is found more frequently than LIT (57 versus 52 % in adults (p < 0,02) and in children 90 versus 62 % (p < 0,001)) and is in polyintolerances most frequently correlated to histamine intolerance (HIT). Headache (ca. 10 %), fatigue (ca. 5 %) and dizziness (ca. 3 %) may occur after the test, irrespective whether the test was positive or negative.

In more than 2/3 of patients a diet reduced in fructose or lactose may lead to improvement or remission of these metabolic disorders. IBS, which is often correlated with FIT (183/221 patients = 83 %), can be improved by relevant but also not relevant diets indicating that irritable bowel disease seems to be caused primarily by psychological disorders.

Keywords

Fructose malabsorption (intestinal fructose intolerance) Lactose intolerance Irritable bowel disease H2-breath test 

Einleitung

Bauchrumoren, Meteorismus, Diarrhoe, Tenesmen, Unwohlsein und Müdigkeit sind charakteristische Symptome, die nicht nur für die Fruktosemalabsorption (intestinale Fruktoseintoleranz, FIT) und Laktoseintoleranz (LIT) [11] sondern auch für das Reizdarmsyndrom typisch sind.

Bei der Fruktosemalabsorption ist das intestinale GLUT-5 Transportsystem gestört, welches die Aufgabe hat, das Monosacharid Fruktose aus dem Dünndarmlumen in die Darmzellen zu transportieren. Das GLUT-5 Transportsystem kann dauerhaft oder vorübergehend gestört sein. Aufgrund dieser Resorptionsstörung verbleibt die Fruktose im Darmlumen und wird von Darmbakterien metabolisiert.

Bei der Laktoseintoleranz besteht ein Laktasemangel, dem laktosespaltendem Enzym. Dadurch kann das Disacharid Laktose nicht in seine Bestandteile Glukose und Galaktose aufgespalten werden. Der Darm kann Laktose nicht resorbieren. Nichtresorbierte Laktose wird durch Peristaltik in tiefere Darmabschnitte transportiert. Sobald das Disaccharid auf die Darmflora trifft, beginnen Darmbakterien mit der Metabolisierung der Laktose. Dies geschieht üblicherweise beim Übertritt des Darminhalts in den Dickdarm durch die Bauhin’sche Klappe. Dabei entstehen H2, CO2, CH4 und kurzkettige Fettsäuren (z. B. Buttersäure), welche für die übelriechende Flatulenz verantwortlich sind.

Das Reizdarmsyndrom wird nach den Rome (I–III) Kriterien eingeteilt [14]. Aktuell erfolgt die Diagnose nach der Rome III Klassifikation, demnach müssen innerhalb von 3 Monaten, mindestens 3 Tage (oder mehr), rezidivierende abdominelle Schmerzen und Unbehagen bestehen. Zusätzlich müssen zwei oder mehr der folgenden Kriterien erfüllt sein: Besserung der Symptomatik nach Stuhlgang, Änderung der Stuhlfrequenz, Änderung der Stuhlkonsistenz.

Studienziel

Die Erfassung der Häufigkeit von Fruktose- und Laktoseunverträglichkeit im Kollektiv von Patienten mit Bauchbeschwerden. Weiters die Erfassung der Häufigkeit und Relevanz von positiven H2-Atemtests bei Patienten mit Reizdarmsyndrom entsprechend den Rome III Kriterien.

Patienten und Methode

Patienten

Im Zeitraum von 2 Jahren (Jänner 2010 bis Dezember 2011) wurden im Floridsdorfer Allergie Zentrum bei 1935 Patienten (526 männlich, 1409 weiblich, 5–94a, Mittelwert 40,7a) eine Fruktosetestung und bei 1739 Patienten (518 männlich, 1221 weiblich, 5–94a, Mittelwert 39,7a) eine Laktosetestung durchgeführt. Bei allen Patienten bestand der Verdacht auf Nahrungsmittelunverträglichkeit aufgrund von Symptomatik wie Bauchrumoren, Meteorismus, Diarrhoe oder Tenesmen.

Die Fruktosemalabsorption und die Laktoseintoleranz wurden mittels offener, oraler Provokation und H2-Atemtest (Gastrolyzer-H2-Atemtestgerät der Firma Bedfont) diagnostiziert.

Fruktosetestung

Um das Testergebnis nicht zu verfälschen, müssen die Patienten/innen 3 Tage vor der Testung eine fruktose-, laktose- und histaminfreie Diät einhalten. Sollten Patienten vor dem Test noch symptomatisch sein (z. B. Diarrhoe) so werden sie nicht getestet.

Nach Ermittlung eines Ausgangs-H2-Wertes (muss < 11 ppm sein) wird dem asymptomatischen Patienten eine orale Dosis von 25 g Fruktose, gelöst in 350 ml Wasser, innerhalb von 5 min verabreicht.

Patienten mit einem Nüchternwert über 20 ppm werden nicht getestet.

Die H2-Messungen erfolgen viertelstündlich bis halbstündig über einen Zeitraum von 3 bis 4 h. Zusätzlich werden die Beschwerden und Symptome des Patienten dokumentiert. Die Wasserstoffkonzentration in der Atemluft steigt an, wenn die Resorption von Fruktose im Dickdarm reduziert oder nicht möglich ist [2]. Bei einem H2-Anstieg von mehr als 20 ppm gegenüber dem Ausgangswert liegt eine intestinale Fruktoseintoleranz vor (Tab. 1).

Laktosetestung

Das Testprozedere ist ident zur Fruktosetestung. Um das Testergebnis nicht zu verfälschen, müssen die Patienten/innen drei Tage vor der Testung eine laktose-, fruktose- und histaminfreie Diät einhalten. Die Provokation wird mit 50 g Laktose durchgeführt. Klinische Aspekte während der Testung: Symptome wie Meteorismus, Tenesmen, hörbare Darmgeräusche, Bauchrumoren, Übelkeit, Bauchkrämpfe oder Diarrhoe werden protokolliert. Sie haben allerdings nicht immer prädiktiven Wert. Gasbarrini et al. [6] beschreiben etwa nur ein Drittel der Patienten mit Laktoseintoleranz als symptomatisch während der H2-Atemtestung.

Limitierungen der H2-Atemtestes

Bei Non-H2-Producern wird der Wasserstoff im Darm zu Methan metabolisiert und kann dann nicht mehr in der Atemluft nachgewiesen werden. Mit der zusätzlichen Methanbestimmung in der Ausatemluft kann der non-H2-Producer diagnostiziert werden.

Falsch negative Ergebnisse finden sich einerseits, wenn bakterielle Aktivität durch einen sehr niedrigen pH-Wert im Kolon beeinflusst wird andererseits durch die Adaption der bakteriellen Flora bei kontinuierlicher Laktosezufuhr [13]. Auch die Testung innerhalb von 4 Wochen nach einer Antibiotikatherapie kann die Ergebnisse verfälschen.

Tab. 1

Bewertung des H2-Atemtests

Positiv: H2-Anstieg > 20 ppm

Negativ: kein H2-Anstieg > 20 ppm

Grenzwertig positiv: H2-Anstieg = 19 ppm bzw. 20 ppm

H2-Non Producer: kein oder zu geringer H2 Anstieg, aber Symptome wie Bauchkrämpfe, starkes Bauchrumoren, Durchfall

Ergebnisse

Die Ergebnisse der durchgeführten Tests zeigten ein häufigeres Auftreten der intestinalen Fruktoseintoleranz im Vergleich zur Laktoseintoleranz (Tab. 2 und 3).

Tab. 2

H2-Atemtests Ergebnisse (FAZ 2010 und 2011): Alle Ergebnisse der Testung mit Fruktose

 

Fruktose 2010 und 2011

 

Gesamt n = 1935

Kinder (5–12a)

Jugendliche (13–18a)

Erwachsene (19–60a)

Ältere Pat. (61–83a)

Getestet (n)

64

89

1480

302

Positiv (%)

90

69

56

54

Negativ (%)

6

28

38

37

Grenzwertig positiv (%)

2

1

2

1

Non-producer (%)

2

2

4

8

Tab. 3

H2-Atemtests Ergebnisse (FAZ 2010 und 2011): Alle Ergebnisse der Testung mit Laktose

 

Laktose 2010 und 2011

 

Gesamt n = 1739

Kinder (5–12a)

Jugendliche (13–18a)

Erwachsene (19–60a)

Ältere Pat. (61–82a)

Getestet (n)

66

107

1305

261

Positiv (%)

62

48

52

50

Negativ (%)

33

47

45

47

Non-producer (%)

5

5

3

3

Bei Kindern und Jugendlichen ist die Fruktoseintoleranz signifikant häufiger als die Laktoseintoleranz (p < 0,001), während bei Erwachsenen und älteren Patienten der Unterschied nur knapp signifikant ist (p < 0,02).

Die Inzidenz der Laktose Intoleranz ist weltweit verschieden. In Tab. 4 sind die Ergebnisse von Patienten mit Herkunft außerhalb Österreichs aufgelistet.

Tab. 4

Ergebnisse der Laktose H2-Atemtests bei Patienten aus unterschiedlichen Herkunftsländern (FAZ 2009 bis August 2012)

Herkunftsland

Anzahl der Laktosetests (2009 bis Aug 2012)

Laktose positiv in %

Türkei

n = 30

90

Serbien

n = 18

89

Bosnien

n = 16

75

Kroatien

n = 14

57

Polen

n = 19

58

Iran

n = 5

80

Ägypten

n = 4

100

China

n = 4

100

Philippinen

n = 5

100

In einem Kollektiv von 79 Patienten mit hochgradigem Verdacht auf Nahrungsmittel-unverträglichkeit zeigt sich, dass isolierte Intoleranzen in weniger als 40 % der Patienten vorkommen (Abb. 1).

Abb. 1

Komorbidität von FIT Fruktosemalabsorption, HIT Histaminintoleranz, und LIT Laktoseintoleranz, Komorbidität von FIT, HIT und LIT (n = 79) bei eigenen Patienten (FAZ)

Diskussion

Die Zuweisungen wegen diverser Darmbeschwerden haben in den letzten Jahren signifikant zugenommen. Das Symptomspektrum einer Kohlenhydrat-verdauungsstörung reicht von Flatulenz, Meteorismus, Bauchschmerzen, Durchfall, häufigen Stuhlgang bis zu Verstopfung.

Bei Patienten aus dem ostösterreichischen Raum, die zumindest eine Nahrungsmittelintoleranz haben, ist die FIT vor HIT und vor LIT die häufigste Diagnose. Auch bei Kindern finden wir ein Überwiegen von FIT gegenüber LIT (Fruktose: 90 % positiv bei 64 getesteten Kindern, Laktose: 62 % positiv bei 66 getesteten Kindern). Unsere Ergebnisse decken sich mit der Literatur [7].

Die Symptomatik bleibt keineswegs immer nur auf den Darm beschränkt. So können der Laktoseintoleranz und auch Fruktoseintoleranz auch systemische Reaktionen subsumiert werden. In etwa 10 % der Patienten kommt es bei der bakteriellen Laktose-Fermentation im Kolon zur Anhäufung toxischer Metabolite, die zu Kopfschmerzen, Schwindel, Müdigkeit (Abb. 2), Konzentrationsstörungen, Muskel- und Gelenksschmerzen, Arrhythmie und Ulzerationen im Mundbereich führen können [13]. Diese Beschwerden treten bei positiven und negativen Tests gleich häufig auf und sind daher nicht auf die eigentliche Intoleranz bezogen. Differentialdiagnostisch muss auch der Ausschluss einer Kuhmilchproteinallergie erfolgen [12].

Abb. 2

Schwindel, Müdigkeit und Kopfschmerzen nach positiven und negativen Fruktose- bzw. Laktosetestungen

Fruktosemalabssorption

Für die Häufigkeit der Fruktosemalabsorption gibt es noch keine gesicherten Zahlen. Man schätzt, dass etwa ein Drittel der Bevölkerung an einer FIT leidet. Wenn man nur 10 % Betroffene in der Bevölkerung annimmt und 200.000 Birkenpollenallergiker dazurechnet, die gleichfalls Äpfel nicht vertragen, dann heißt das, dass jeder achte Österreicher Äpfel nicht verträgt. Dann kann man sicher nicht allgemein sagen, der Apfel ist gesund, sondern höchstens, dass der Apfel Vitamine enthält.

Die Ergebnisse der im Floridsdorfer Allergie Zentrum in den Jahren 2010 und 2011 durchgeführten Tests ergaben ein häufigeres Auftreten der Fruktosemalabsorption im Vergleich zur Laktoseintoleranz.

Bei der Fruktosemalabsorption ist das intestinale GLUT-5 Transportsystem gestört, dieser Transporter arbeitet auch bei gesunder Dünndarmschleimhaut ineffektiv [4]. Der Verzehr von großen Mengen Obst oder Fruchtsaft kann daher auch bei Gesunden zu Beschwerden führen [16].

Die Evidenz einer Fruktosemalabsorption bei Kindern wird in der Literatur widersprüchlich diskutiert. In einer repräsentativen Studie mit Kindern mit rezidivierenden Bauchschmerzen, konnte trotz positiver H2-Atemtests (65 % Fruktose-positive und 27 % Laktose-positive) keine Kausalität zu den Bauchschmerzen hergestellt werden [7]. Gomara et al. [8] konstatierten Gegenteiliges, das Patientenkollektiv in dieser Arbeit war jedoch weniger repräsentativ (n = 32) und die zum Teil verwendete Menge von 45 g Fruktose sehr hoch [16].

Hereditäre Fruktoseintoleranz

Die intestinale FIT ist von der hereditären FIT abzugrenzen. Bei der hereditären FIT handelt es sich um eine Enzymstörung in der Leber. Üblicherweise wird diese Stoffwechselerkrankung im frühen Kindesalter erkannt. Schon kleine Mengen Fruktose im Karottenbrei lösen starke Beschwerden aus – Hepatomegalie, stark erhöhte Leberwerte, ausgeprägte Blutungsneigung, Hämatome, starker Meteorismus bei normaler Ernährung.

Laktoseintoleranz

Am bekanntesten in der Bevölkerung ist die Laktose Intoleranz, die aber bei unseren Patienten weniger häufig als die Fruktosemalabsorption diagnostiziert wird.

Die LIT ist eine sehr bekannte, weit verbreitete Kohlehydratresorptionsstörung.

Nach dem Abstillen kommt es zu einer deutlichen Reduktion der Laktase. Die Prävalenz des Laktasemangels wird im nördlichen Europa mit 2–15 %, bei den weißen Amerikanern mit 6–22 %, in Zentraleuropa mit 9–23 %, im nördlichen Indien mit 20–30 %, im südlichen Indien mit 60–70 %, in Südamerika mit 50–80 %, bei Menschen mit schwarzer Hautfarbe mit 60–80 % und in Asien mit 95–100 % angegeben [19] (Abb. 3).

Abb. 3

Weltweite Verteilung der Laktoseintoleranz. (Bild aus Wikipedia, Quelle: Verein für Laktoseintoleranz/Die Zeit)

Die Häufigkeit der LIT wird in Ostösterreich mit 25 %, in Westösterreich mit 20 % angegeben [10, 17]. Durch die Zuwanderung von Personen aus den südlichen Ländern Europas und aus dem arabischen Raum hat sich die Häufigkeit der LIT in Ostösterreich erhöht (Tab. 4).

Die Gärungsprozesse bei der Laktoseintoleranz können sehr heftig sein, wenn eine große Menge unverdauter Kohlehydrate von Darmbakterien und -pilzen metabolisiert wird. Diese Prozesse treten häufig zeitverzögert auf, somit nicht gleich nach der Aufnahme von stark laktosehaltiger Nahrung sondern erst nach 4 bis 10 h, wenn unverdaute Kohlehydrate das Kolon erreichen. Die Zeitverzögerung ist abhängig von der Stärke der Unverträglichkeit (hochgradige Laktoseintoleranz oder leichte Laktoseintoleranz-Malabsorption) und der Menge der unverträglichen Nahrung, die aufgenommen wurde. Fasten reduziert den Grad der LIT und die H2 Produktion nach Laktosetestung [20].

Durch die mehr oder weniger starken Gärungen im Darm entstehen unterschiedliche Stoffwechselprodukte wie Gase und kurzkettige Fettsäuren.

Kohlendioxid:

Es verursacht Flatulenz, Meteorismus, bei starker Gasbildung auch Bauchschmerzen bis zu Koliken.

Wasserstoff:

Dieses Gas verursacht keine Beschwerden. Es kann im H2-Atemtest genutzt werden. Das Gas tritt zum Teil ins Blut über und kann so in der Ausatemluft gemessen werden. Von der Gasbildung im Darm bis zur Messbarkeit von H2 in der Ausatemluft dauert es nur 8 bis 10 min.

In manchen Fällen wird der gebildete Wasserstoff von Bakterien verbraucht und kann daher nicht gemessen werden (= sogenannte „non hydrogen producer“)

Methan – CH4:

Laut Literaturangaben produzieren ca. 15 % der Patienten trotz klinischer Intoleranz kein H2 in der Atemluft. Man spricht von sogenannten Non-H2-Producern [2]. Wie H2 entsteht auch Methan bei der intestinalen Fermentation und kann alternativ bei Non-H2-Producern zur Messung herangezogen werden. Patienten, die Methan produzieren haben daher auch öfter falsch negative H2-Atemtests [20]. Der Methan-Atemtest wird allerdings zur Verbesserung der diagnostischen Genauigkeit des H2 Atemtests nicht empfohlen [6].

Schließlich gibt es auch einige wenige Patienten (ca. 5 %), die weder Methan noch H2 produzieren.

Kurzkettige Fettsäuren:

Diese verursachen Durchfälle. Sie ziehen Wasser durch den osmotischen Druck ins Darmlumen, wodurch flüssiger Stuhl entsteht. Durch die Gärungsprozesse können auch Giftstoffe z. B. Aldehyde entstehen.

Das Symptomspektrum einer Kohlenhydratverdauungsstörung reicht daher von Flatulenz, Meteorismus, Bauchschmerzen, Durchfall, häufigen Stuhlgang bis zu Verstopfung.

Reizdarmsyndrom

Das Symptomspektrum bei Reizdarmsyndrom kann ähnlich dem der Kohlenhydratverdauungsstörungen sein, allerdings gibt es hier konkrete Diagnosekriterien. Das Reizdarmsyndrom wird nach den Rome I–III Kriterien eingeteilt [14]. Aktuell erfolgt die Diagnose nach der Rome III Klassifikation. Demnach müssen innerhalb von 3 Monaten, mindestens 3 Tage (oder mehr), rezidivierende abdominelle Schmerzen und Unbehagen bestehen. Zusätzlich müssen zwei oder mehr der folgenden Kriterien erfüllt sein:

  • Besserung der Symptomatik nach Stuhlgang

  • Änderung der Stuhlfrequenz

  • Änderung der Stuhlkonsistenz

Patienten mit Reizdarmsyndrom besitzen eine viszerale Überempfindlichkeit und eine verstärkte Motilität und reagieren daher verstärkt auf extraluminales Wasser und Gase [2]. Hier hat der H2-Atemtest zum Nachweis einer Störung des Kohlenhydratmetabolismus besondere Relevanz, da jene Patienten von einer adäquaten Diät sehr profitieren [5].

In einer eigenen noch nicht publizierten Studie mit 221 Patienten (181 weiblich, 40 männlich) mit Reizdarmsyndrom erhielten randomisiert 114 Patienten eine fruktosefreie Diät und 107 Patienten eine laktosefreie Diät. Nach 3 Wochen Diät wurden die Patienten auf FIT und LIT getestet. Auf Fruktose waren 111 Patienten positiv, auf Fruktose und Laktose 72 Patienten positiv, auf Laktose waren 12 Patienten positiv und 26 Patienten reagierten weder auf Fruktose noch auf Laktose.

In Summe waren daher 183/221 (83 %) auf Fruktose und 84/221 (38 %) auf Laktose positiv.

Das Resultat war, dass unabhängig welche Diät eingehalten wurde (also auch eine nicht relevante!), eine deutliche (p < 0,02 bis p < 0,001) Verbesserung der Symptomatik eintrat. Die Besserung fand sich auch in der Placebogruppe (FIT/LIT negativ, n = 26/221), also bei Personen mit negativem Atemtest und unterstreicht die Eminenz psychologischer Faktoren bei diesem Krankheitsbild. Allerdings verwendeten wir in dieser Studie 50 g statt derzeit 25 g Fruktose und 50 g Laktose. Da aber auch die im Test negativen Patienten von einer beliebigen Diät signifikant profitierten ändert sich an der Aussage nichts.

Dazu passt auch die Praxis, dass viele Personen mit Verdauungsbeschwerden laktosefreie Produkte auf blinden Verdacht konsumieren, ohne je ein Testergebnis abgewartet zu haben. Auch die Industrie hat diesen Trend aufgenommen, zumal der Verkauf laktosefreier Produkte ein neues Marktsegment geworden ist.

Behandlung

Bei FIT ist das Meiden von Obst (Äpfel, Birnen, Weintrauben und Zwetschken), Trockenfrüchte sowie Fruchtsäften vordringlich aber auch zuckerfreie Kaugummi, Süßigkeiten (Mehlspeisen und Schokolade) größere Mengen Kristallzucker. Ebenso Marmelade, Honig und Speiseeis aber auch Hülsenfrüchte und Kohlgemüse sowie Vollkornprodukte.

Die anamnestisch erhobene Unverträglichkeit von Knoblauch und Zwiebel ist fast schon diagnostisch!

Bei LIT ist das Meiden von Milch und Milchprodukten erforderlich, jedoch sollten laktosefreie Milchprodukte als ernährungsphysiologisch wichtige Nahrungsmittel zugeführt werden. Allerdings vertragen manche Laktose intoleranten Patienten 12 g Laktose pro Tag (= ¼ der Testdosis und entspricht etwa einer Schale Milch) [18]. Weiters zu meiden sind weiche Käse, Topfen, Frischkäse, Pudding und Speiseeis. Die Gabe von Jogurt vermindert die H2-Produktion und Symptome [15]. Auch die Substitution von Laktase (z. B.: 1 bis 2, bei hoch empfindlichen Patienten auch mehr Lactrase 12.000 Kapseln) ist sinnvoll und wirksam.

Ein nicht zu vernachlässigender Punkt ist die Tatsache, dass die LIT und die bakterielle Fehlbesiedelung eine häufige Folge während und nach Chemotherapie sind [1]. Gerade der geschwächte Krebspatient bedarf einer stärkenden Aufbaukost, welche durch eine iatrogene Laktoseintoleranz konterkarriert wird. Eine adäquate Ernährung kann für den Patienten von vitaler Bedeutung sein.

Differentialdiagnose

Differentialdiagnostisch ist bei Durchfällen die Testung auf Typ-1 Allergie gegen Nahrungsmittel, die serologische Untersuchung auf spezifisches IgE und ein Screening auf Histamin Intoleranz, bestehend aus Plasmahistaminmessung und Diaminoxidase notwendig [9].

Die Histamin Intoleranz ist bei Patienten mit Mehrfachintoleranz häufig mit FIT kombiniert (Abb. 1) und wird auch von anderen so gefunden [4].

Natürlich sind auch Colitis ulcerosa und Morbus Crohn auszuschließen. Die ausführlichen gastroenterologischen Durchuntersuchungen inklusive invasiver Diagnostik wie Coloskopie und Gastroskopie sollten postponiert werden.

Unsere Daten zeigen, dass eine Fruktosemalabsorption oder eine Laktoseintoleranz häufige Ursachen für Darmbeschwerden sind, aber auch häufige Mitverursacher des Reizdarmsyndroms darstellen. Über 80 % der Patienten mit Reizdarmsyndrom vertragen Fruktose nicht! LIT fand sich bei unseren Patienten in nur 38 % während Böhmer [3] sogar nur 24 % positive Laktosetests bei Reizdarmsyndrom fand.

Die unkomplizierte, ungefährliche und rasche Testung auf Kohlehydratmal-absorptionssyndrome sollte daher frühzeitig durchgeführt werden. Die Ergebnisse dieser Tests sind eine wichtige Grundlage für die Ernährungstherapie der Patienten mit Darmbeschwerden, da mit entsprechenden Diäten die Lebensqualität der Patienten signifikant verbessert werden kann.

Interessenkonflikt

M. L.-P., S. E.-S., F. W., C. F. und R. J. erklären, keinen Interessenkonflikt zu haben.

Copyright information

© Springer-Verlag Wien 2012

Authors and Affiliations

  • Margaritha Litschauer-Poursadrollah
    • 1
    • 2
  • Sabine El-Sayad
    • 1
  • Felix Wantke
    • 1
  • Christina Fellinger
    • 1
  • Reinhart Jarisch
    • 1
  1. 1.FAZ- Floridsdorfer Allergie ZentrumWienÖsterreich
  2. 2.Institut für Reise- und TropenmedizinWienÖsterreich

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