Gynäkologische Endokrinologie

, Volume 12, Issue 1, pp 6–8

Schwangerschaft mit über 40 Jahren

Geburtshilfliche Aspekte

Authors

    • Universitätsfrauenklinik Heidelberg
  • C. Sohn
    • Universitätsfrauenklinik Heidelberg
Leitthema

DOI: 10.1007/s10304-013-0582-2

Cite this article as:
Fluhr, H. & Sohn, C. Gynäkologische Endokrinologie (2014) 12: 6. doi:10.1007/s10304-013-0582-2
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Zusammenfassung

Trend

Multifaktoriell bedingt steigt insbesondere in den Industrienationen der Anteil an Schwangerschaften von Frauen im Alter über 40 Jahren an.

Risiken und Risikofaktoren

Begleitet wird dieser Trend von einer erhöhten Rate an Fehlgeburten, ektopen Schwangerschaften und Totgeburten in dieser Altersgruppe im Vergleich zu jüngeren Schwangeren. Zahlreiche Untersuchungen zeigen zudem ein leicht erhöhtes Risiko für hypertensive Schwangerschaftserkrankungen und Gestationsdiabetes – allerdings ist bislang unklar, ob hierbei der Faktor Alter an sich oder vielmehr altersbedingte Begleiterkrankungen die relevanten Risikofaktoren sind.

Schlüsselwörter

Mütterliches AlterKomplikationenSchwangerschaftserkrankungenGestationsdiabetesMehrlingsschwangerschaft

Pregnancy after the age of 40 years

Obstetric aspects

Abstract

Trend

Especially in industrial countries, the number of women having their children after the age of 40 years is increasing for a number of reasons.

Risk and risk factors

This development is accompanied by an increased rate of miscarriages, ectopic pregnancies, and stillbirths in comparison to younger women. It is still a matter of debate whether the moderately elevated risk for hypertensive pregnancy disorders and gestational diabetes is solely caused by maternal age or due to pre-existing medical conditions.

Keywords

Maternal ageComplicationsPregnancy-related disordersDiabetes, gestationalPregnancy, multiple

Verschiedene Faktoren haben in den vergangenen Jahren insbesondere in den industrialisierten Ländern zu einem höheren Durchschnittsalter von Erstgebärenden und nicht zuletzt zu einer höheren Anzahl von Schwangerschaften in einem mütterlichen Alter von > 40 Jahren geführt. Während Anfang der 1990er-Jahre nur 0,8 % der Erstgeborenen eine Mutter im Alter von ≥ 40 Jahren hatten, waren es 2003 bereits fast 4 % mit aktuell weiterhin steigender Tendenz. Weltweit liegt inzwischen bei 0,05–0,2 % aller Geburten das mütterliche Alter bei > 45 Jahren [1, 10]. Aus demografischer Sicht ist allerdings ein Wandel in den vergangenen Jahren zu verzeichnen. Schwangere im Alter > 40 Jahre zeichnen sich derzeit eher durch eine geringe Parität und einen hohen sozioökonomischen Status aus, wohingegen dies früher eher umgekehrt der Fall war [3, 5]. Dieser Sachverhalt hat selbstverständlich Einfluss auf die Betreuung und den Ausgang solcher Schwangerschaften und ist daher sicherlich bei der Einschätzung und Bewertung der aktuellen Studienlage zu berücksichtigen.

Schwangerschaften bei einem mütterlichen Alter von > 35 bzw. > 40 Jahren sind nachweislich mit einer höheren Rate an Komplikationen wie hypertensiven Erkrankungen, fetaler Wachstumsretardierung oder Gestationsdiabetes vergesellschaftet [2, 7]. Auch die Rate an perinatalen Problemen wie Frühgeburtlichkeit oder intrauterinem Fruchttod ist bei diesen Frauen erhöht [4, 13]. In älteren Arbeiten aus den 1980er-Jahren war dieser Zusammenhang interessanterweise nicht so deutlich zu erkennen [6, 8]. Bislang ist jedoch nicht abschließend geklärt, welchen Einfluss hierbei sozioökonomische Faktoren, der Lebensstil oder auch direkt das mütterliche Alter haben.

Probleme der Frühschwangerschaft

Ein höheres mütterliches Alter ist klar mit einem Anstieg des Abortrisikos verknüpft, wobei die Parität oder geburtshilfliche Anamnese scheinbar keine Rolle spielt, sondern allein der Faktor Alter zu tragen kommt. Das Risiko für einen Abort bei festgestellter Schwangerschaft beträgt bei einem mütterlichen Alter von 35–39 Jahren 24,6 %, wohingegen es auf 51 % im Alter von 40–44 Jahren ansteigt und im Alter > 45 Jahre 93,4 % beträgt [12]. Demgegenüber steht ein durchschnittliches Abortrisiko von 11,1 % im Alter von 20–24 Jahren. Der altersabhängige Anstieg des Abortrisikos ist dabei höchstwahrscheinlich einer verminderten Eizellqualität, alterierten Zellteilungsprozessen sowie Aneuploidien zuzuschreiben.

Auch die Rate an ektopen Schwangerschaften steigt mit dem mütterlichen Alter.

Das Risiko für eine Extrauteringravidität beträgt im Alter von 21 Jahren 1,4 %, während eine Frau im Alter von 44 Jahren ein Risiko von 6,9 % hat [12]. Als Ursachen sind häufigere Tubenpathologien in dieser Altersgruppe zu vermuten sowie auch der Einsatz reproduktionsmedizinischer Verfahren, der für sich genommen mit einem höheren Risiko für ektope Schwangerschaften assoziiert ist.

Bekannter ist sicherlich die erhöhte Inzidenz von Chromosomenstörungen wie Trisomie 21, 13 oder 18 bei Schwangeren in höherem Alter. Das Risiko für ein Kind mit Trisomie 21 beträgt beispielsweise ungefähr 1:1300 bei einem mütterlichen Alter von 25 Jahren, steigt aber auf 1:100 im Alter von 40 Jahren und auf 1:30 im Alter von 45 Jahren an. Allerdings werden 80 % der Kinder mit Trisomie 21 von Frauen < 35 Jahren geboren.

Hypertensive Schwangerschaftserkrankungen

Die Inzidenz hypertensiver Erkrankungen in der weiblichen Bevölkerung steigt mit dem Alter, insbesondere jenseits des 40. Lebensjahrs. Somit ist die Wahrscheinlichkeit einer vorbestehenden Hypertonie bei Schwangeren > 40 Jahre erhöht und damit auch bei einer milden Ausprägung das Risiko für eine fetale Wachstumsrestriktion oder vorzeitige Plazentalösung. Von besonderer Bedeutung ist jedoch das Risiko für die Entwicklung einer Pfropfpräeklampsie, das bei vorbestehender milder Hypertonie 10 % beträgt, bei ausgeprägter Hypertonie jedoch 52 % [15]. In einer umfangreichen retrospektiven Studie von Salihu et al. [14] zeigte sich ein linearer Anstieg des Präeklampsierisikos von 3,6 % im Alter von 20–29 Jahren auf 8,5 % im Alter von 40–49 Jahren. Demgegenüber steht die prospektive Untersuchung First and Second Trimester Evaluation of Risk (FASTER), im Rahmen derer kein Anstieg der Rate an hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen in der Altersgruppe > 35 Jahre gesehen wurde. In der Gesamtschau scheint der Faktor Alter für sich genommen nicht allein für die Risikoerhöhung verantwortlich zu sein.

Gestationsdiabetes

Die Häufigkeit des Gestationsdiabetes ist bei Schwangeren > 35 Jahre höher als bei schwangeren Frauen in jüngerem Alter. In aktuellen Arbeiten wird ein Risikoanstieg von 5,5 % bei Frauen zwischen 20 und 34 Jahren über 11,5 % im Alter von 35–39 Jahren bis hin zu 15,4 % im Alter von 40 Jahren beschrieben [11]. Möglicherweise spielt dabei das häufigere Vorliegen von Adipositas eine Rolle, wobei in der Auswertung der FASTER-Kohorte nach Berücksichtigung verschiedener Einflussfaktoren das Alter der Schwangeren allein für das erhöhte Risiko eines Gestationsdiabetes verantwortlich ist [2]. Von großer Bedeutung sind in diesem Kontext allerdings neben den damit verbundenen Problemen und Risiken während der Schwangerschaft auch die möglichen Langzeitfolgen für Mutter und Kind.

Mehrlingschwangerschaften

Die Häufigkeit von Mehrlingen steigt mit dem mütterlichen Alter an und beträgt etwa 6,3 pro 1000 Geburten in der Altersgruppe < 20 Jahren, 21,7 in der Altersgruppe von 35–39 Jahren und 56,7 bei Frauen > 45 Jahre [11]. Neben dem Einfluss reproduktionsmedizinischer Verfahren ist dabei auch die erhöhte Rate an spontan gezeugten Zwillingen bei Frauen höheren Alters zu berücksichtigen. Das höhere mütterliche Alter ist bei Mehrlingsschwangerschaften mit einer höheren Rate an hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen und Plazentationsstörungen assoziiert, geht aber interessanterweise, verglichen mit Mehrlingsgraviditäten bei einem mütterlichen Alter < 30 Jahren, mit einer erniedrigten Rate an Frühgeburtlichkeit oder intrauterinem Fruchttod einher [9]. Möglicherweise spielen in diesem Zusammenhang reproduktionsmedizinische Aspekte, u. a. Eizellspendenprogramme, eine Rolle.

Intrapartale Risiken

Bei Schwangerschaften von Frauen in der Altersgruppe > 35 Jahre findet sich im Vergleich zu jüngeren Frauen häufiger die Sectio caesarea als Geburtsmodus. Hierbei scheint eine altersbedingte uterine Insuffizienz bezüglich der Entwicklung einer effektiven Wehentätigkeit eine wichtige Rolle zu spielen. Zusätzlich trägt das erhöhte – oder zumindest von Geburtshelfern als höher antizipierte – Risiko für intrapartale fetale Komplikationen bei Müttern höheren Alters zu einer erhöhten Interventionsrate im Rahmen der Geburt bei.

Fazit für die Praxis

  • Die Anzahl der Schwangerschaften bei Frauen im Alter > 35 Jahre steigt stetig an und birgt pränatalmedizinische und geburtshilflich Risiken.

  • Vor dem Hintergrund verschiedener Einflussfaktoren auf den Schwangerschaftsverlauf spielen neben dem Faktor Alter eine sorgfältige generelle gesundheitliche Betreuung und ggf. die Optimierung von Grunderkrankungen bereits präkonzeptionell gerade bei Frauen > 35 Jahre eine tragende Rolle.

  • Unter einer sorgfältigen, ggf. interdisziplinären Schwangerschaftsbetreuung und rechtzeitigen Risikoidentifikation sind Schwangerschaften bei „älteren“ Frauen nicht zwingend mit einer höheren Komplikationsrate behaftet, bedürfen aber auch im Hinblick auf die Geburtsplanung individueller Lösungen und einer intensivierten Überwachung.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt. H. Fluhr und C. Sohn geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht. Dieser Beitrag beinhaltet keine Studien an Menschen oder Tieren.

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