BHM Berg- und Hüttenmännische Monatshefte

, Volume 157, Issue 12, pp 459–467

Zum Gedenken an Felix Trojer

Authors

    • Lehrstuhl für GesteinshüttenkundeMontanuniversität Leoben
Originalarbeit

DOI: 10.1007/s00501-012-0047-2

Cite this article as:
Harmuth, H. Berg Huettenmaenn Monatsh (2012) 157: 459. doi:10.1007/s00501-012-0047-2
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Zusammenfassung

Felix Trojer (12.10.1912–25.4.2004), dessen in dieser Arbeit gedacht wird, war einer der maßgeblichsten Pioniere von Wissenschaft und Technik der Gesteinshüttenkunde im zwanzigsten Jahrhundert. Sein wissenschaftliches Werk ist sowohl methodisch als auch produktspezifisch ausgeprägt. Durch seine Arbeiten im Bereich der Mineralogie und Mikroskopie der oxidischen Kristallphasen der anorganischen Industrieprodukte einschließlich der zugehörigen Phasengleichgewichte hat er wesentliche Grundlagen geschaffen und diese auch selbst insbesondere im Bereich der feuerfesten Baustoffe, des Zementes und des Betons angewandt. Die Schaffung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und ihre Umsetzung bis zur Patentreife waren charakteristisch für seine Tätigkeit. Nach jahrzehntelanger Forschungstätigkeit in der Industrie wurde er 1966 auf den neu gegründeten Lehrstuhl für Gesteinshüttenkunde der damaligen Montanistischen Hochschule Leoben berufen, den er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1983 innehatte. Seine Biographie besticht durch Reichhaltigkeit und Vielfalt sowohl seiner beruflichen wie auch der privaten Sphäre, die ein Licht auf die dahinter liegenden besonderen Talente werfen.

Schlagwörter

Felix TrojerLehrstuhl für GesteinshüttenkundeMontanuniversitätBaustoffeKeramik

For the remembrance of Felix Trojer

Abstract

Felix Trojer (12.10.1912–25.04.2004), who is remembered in this publication, was one of the most relevant pioneers in science and technology of ceramics in the 20th century. His scientific opus shows characteristics with respect to both methodology and products. By his scientific research in the fields of mineralogy and microscopy of the oxidic crystal phases of inorganic industrial products including the associated phase equilibria he provided essential fundamentals, and he also applied them especially in the fields of refractories, cement and concrete. The creation of new scientific findings and the implementation ranging up to patent grants was characteristic for his practice. After decades of industrial research he was appointed to the newly founded chair of ceramics at the former Montanistische Hochschule Leoben in 1966 which he held until his retirement in 1983. His biography impresses by abundance and diversity of both his professional and his private sphere, which throw a light on his special talents lying behind.

Keywords

Felix TrojerChair of CeramicsMontanuniversitaetBuilding materialsCeramics

1 Zueignung

Am 12. Oktober 2012 hat sich das Geburtsdatum von Dr. phil. Felix Trojer († 25.4.2004), ordentlicher Universitätsprofessor an der Montanuniversität Leoben (zunächst Montanistische Hochschule Leoben) in den Jahren 1966–1983, zum hundertsten Mal gejährt. Seine Beiträge zu Wissenschaft und Technik der Gesteinshüttenkunde – aus jahrzehntelanger Tätigkeit in der Industrie und während 17 Jahren an der Montanuniversität entstanden – sind in seltener Weise vielseitig und maßgeblich. Die folgenden Blätter werden für eine umfassende Würdigung nicht ausreichend sein. Noch schwieriger ist es wohl, der Persönlichkeit hinter diesem Werk gerecht zu werden. Vielleicht mag es jedoch gelingen, einiges von dem wachzurufen, was seine Kollegen, Wegbegleiter, Freunde und Schüler mit ihm und durch ihn erfahren und erleben durften. Dieses dadurch weiter wirken zu lassen, ist bereits ein sehr lohnendes Ziel (Abb. 1).

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Abb. 1.

Felix Trojer (1999)

2 Kurze biographische Skizze

Felix Augustus Trojer wurde am 12.10.1912 als Sohn des Tischlermeisters Felix Trojer und seiner Gattin Theresia in Graz geboren. Nach dem Besuch der Volksschule und des Realgymnasiums in Graz studierte er ebenda an der Karl-Franzens-Universität Mineralogie mit Nebenfach Geologie und promovierte bereits 1935 mit einer Arbeit über die Hochalm-Ankogel-Gesteine [94]. In wirtschaftlich schwerer Zeit konnte er nicht sofort in seinem Fach tätig sein und arbeitete bis 1938 als Volksschullehrer. Danach wurde er Assistent im Hauptlaboratorium der damaligen Veitscher Magnesitwerke AG, das im Werk Veitsch situiert war. In das Jahr 1938 fällt auch die Eheschließung mit seiner Gattin Frieda, geborene Mollich. Dem Paar wurde im Jahr darauf der Sohn Felix Johannes geschenkt. Im Jahr 1941 wechselte Felix Trojer in die Versuchsanstalt der metallurgischen Abteilung der damaligen Friedrich Krupp AG in Essen. Diese Tätigkeit endete durch die Einberufung zum Wehrdienst 1942. Während des Kriegsdienstes war er eineinhalb Jahre in Bor/Serbien stationiert und in der dortigen Kupferhütte mit Fragen der Lagerstättenkunde, Aufbereitung und Metallurgie beschäftigt. In späteren Erzählungen zeigte sich dem Zuhörer der Wert seiner technisch-wissenschaftlichen Tätigkeit in Bor. Auch in schwerer Zeit war ihm anscheinend ein glückliches Geschick treu: Wiederholt hat er berichtet, wie er und seine Familie oft auf abenteuerliche Weise und durch glückliche Fügung vor Schäden während der Kriegszeit bewahrt wurden. Nach einer kurzen Tätigkeit als Hauptschullehrer in Leoben nach Kriegsende begann Trojer 1946 bei der damaligen Österreichisch-Amerikanischen Magnesit AG in Radenthein. Hier wurde er mit der Leitung der sogenannten Versuchsabteilung (VA) betraut (Abb. 2,3). Die Vielfalt der in Folge übernommenen Aufgaben ist wohl ein Spiegel der Breite seiner Neigungen, Fähigkeiten und Interessen: Die Schaffung der Grundlagen des Phasenaufbaus basischer Feuerfesterzeugnisse, die daraus folgenden Gefüge-Eigenschaftsrelationen und die Einflüsse auf den Verschleiß in Industrieöfen sind Beispiele für eine wissenschaftliche Orientierung seiner Forschungstätigkeit im Bereich der Refraktärkeramik. Versuche und verfahrenstechnische Studien zur damals in Europa neuartigen Magnesitflotation führten zur Einführung dieser Prozesse in den Werken Radenthein und Hochfilzen. Sie zeigen, wie umfassend seine Tätigkeit war und wie sehr sich seine Kompetenz sowohl auf den Grundlagenbereich als auch auf die technische Umsetzung erstreckt hat.

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Abb. 2.

Bei der mikroskopischen Untersuchung in der VA Radenthein (1954)

Es mag bei heutiger Betrachtung so erscheinen, als ob die zunehmende Aufbruchsstimmung der Nachkriegszeit ihre Entsprechung in der persönlichen Vita von Felix Trojer hatte: Mit der Aufnahme der Tätigkeit in Radenthein wurde beruflich wie privat eine besonders glückliche, fruchtbare und erfolgreiche Phase eingeleitet, die vielleicht jene Persönlichkeitsstärke noch ausgebaut und abgesichert hat, die ihn in der Folge zeitlebens gekennzeichnet hat. Mit scheinbar grenzenloser Energie erweiterte er während dieser Industrietätigkeit den Wissenschaftsbereich, der ihm besonders am Herzen lag: die Mineralogie der oxidischen Kristallphasen der anorganischen Industrieprodukte, die Anwendung und Weiterentwicklung mikroskopischer Untersuchungstechniken, und die zugehörigen Phasenbeziehungen.

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Abb. 3.

Felix Trojer bei einer Feier mit der Belegschaft der VA Radenthein (1954)

Seine hohe Expertise auf diesem Gebiet führte 1960 zur Habilitation an der damaligen Montanistischen Hochschule Leoben für das Fachgebiet „Struktur und Textur oxydischer Sinter- und Schmelzprodukte“, wo er seit dieser Zeit auch Vorlesungen hielt [95]. Ein bis ins heutige digitale Zeitalter viel verwendetes Lehr- und Handbuch erschien drei Jahre später [73]. Die Ausrichtung und Breite seiner Expertise sowie die bereits erfolgte Beschäftigung mit Fragestellungen aus dem Bereich des Zementes [2, 16, 18, 27, 37] bildeten den Brückenschlag für eine weitere Phase seiner Berufstätigkeit: Mit Oktober 1962 wurde er zum Leiter des Forschungsinstitutes des Vereins der Österreichischen Zementfabrikanten in Wien bestellt. Wie schon zuvor in Radenthein zeigt seine Tätigkeit auch hier das Bild eines wissenschaftlichen Experten großer technischer Anwendungskompetenz, der sofort sein Fachgebiet in neuem Kontext bis an dessen Grenzen erprobt und diese dann erweitert. Seine Arbeiten sind Musterbeispiele für die technische Nutzung der Rohstoff- und Klinkermikroskopie [43, 44, 46, 77]. Neuartige Ergebnisse aus dieser Zeit ermöglichten z. B. die Klärung von Treiberscheinungen (Glimmerschiefer-Gips- und Sulfattreiben [48, 56]). Weiterhin waren ihm Wissenschaft und Lehre ein großes Anliegen. So wurde die Leobener Dozentur erweitert und für das Fachgebiet „Petrographie mit besonderer Berücksichtigung der technischen Produkte“ an der Universität Wien erteilt. Für den neu zu schaffenden Lehrstuhl für Gesteinshüttenkunde an der Montanistischen Hochschule war Trojer daher in besonderer Weise geeignet: Der Besetzungsvorschlag von Prof. R. Mitsche reiht ihn vor prominenten Mitbewerbern an erste Stelle und begründet dies unter anderem mit seiner breiten fachlichen Ausrichtung, seinem reichhaltigen Schriftenverzeichnis und seiner Lehrerfahrung. Offensichtlich war sich auch die Industrie der Bedeutung dieses Schritts bewusst und hat maßgebliche Investitionen – etwa die eines Rasterelektronenmikroskops durch die Zementindustrie – unterstützt. Die Berufung auf den neu gegründeten Lehrstuhl erfolgte mit Dienstantritt am 1.9.1966. Und wieder einmal war Felix Trojer Pionier an vorderster Front: Ein neugeschaffener Lehrstuhl und eine neue Studienrichtung (Gesteinshüttenwesen) haben seine Schaffenskraft anscheinend eher beflügelt als gefordert. In kurzer Zeit war eine wissenschaftlich-technische Ausrüstung vorhanden, die auf diesem Fachgebiet dem Stand der Technik voraus war (z. B. Röntgenmikroanalyse, Raster- und Transmissionselektronenmikroskopie, Infrarotspektroskopie). Innovative Forschungsgebiete und Projekte wurden rasch und oft im gemeinsamen Interesse mit Industrieunternehmen begonnen. Weiterhin waren Forschung und Lehre die eigentliche Herzensangelegenheit. Administrative Aufgaben hat er mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit und Treue erfüllt, sich aber sicher nicht in diese gedrängt, denn das hätte ihn von Wesentlichem zu sehr abgehalten. Mit 30.9.1983 wurde Felix Trojer im 71. Lebensjahr emeritiert. Noch lange war ihm ungebrochene Schaffenskraft und Lebensfreude vergönnt. Davon darf weiter unten noch die Rede sein.

3 Wissenschafter und Lehrer

Es wurde versucht, eine möglichst vollständige Publikationsliste [1101] zu erstellen (s. Abschn. 6). Bei schriftlich dokumentierten Veröffentlichungen ist das vermutlich weitgehend gelungen (72 Artikel in Periodika und Tagungsbänden, 13 Bücher bzw. Buchbeiträge, 8 Patente und zwei Hochschulschriften). Weiters war Felix Trojer vermutlich Erfinder oder Miterfinder bei zwei weiteren hier nicht aufgenommenen Patentschriften, die aufgrund eines Antrags auf Nichtnennung der Erfinder diese nicht anführen. Vorträge, von denen eine schriftliche Veröffentlichung nicht bekannt ist, sind nur unvollständig dokumentiert. Von sechs Vorträgen aus der Schaffensperiode in Leoben ist das Manuskript erhalten, von weiteren 13 aus der Zeit davor existiert eine Nennung, ohne dass Details bekannt sind. Damit liegen insgesamt 101 Veröffentlichungen in Schriftform vor. Berücksichtigt man nur Veröffentlichungen in Zeitschriften und Tagungsbänden, Buchbeiträge und Patente, so scheint Felix Trojer bei 73 % als alleiniger Autor bzw. Erfinder auf, bei 14 % ist er der erstgenannte Autor/Erfinder und bei 13 % Koautor/Miterfinder. Das zeigt ein großes und selbständiges wissenschaftliches Werk, dessen Umfang durch die zahlreichen Bücher und Buchbeiträge noch höher zu beurteilen ist. Dabei sind noch zwei Umstände bemerkenswert: Ein großer Teil geht auf die Zeit der Industrietätigkeit zurück und entspricht nicht der in der Wirtschaft oft zurückhaltenden Veröffentlichungsstrategie. Weiters ist der Umfang auch nach heutigen Maßstäben in den technischen Wissenschaften noch sehr respektabel, obwohl die Veröffentlichungsfrequenz seither stark gestiegen ist. Eine thematische Einordnung seiner Arbeiten ist nicht ohne Willkür und eindeutig möglich und kann daher nur ein grobes Bild seiner Schwerpunkte geben. Etwa 57 % seiner Arbeiten sind produktspezifisch ausgerichtet, und zwar 31 % in der Feuerfesttechnik, 17 % im Bereich Zement und Beton, sowie 9 % sonstige Bau- und Werkstoffe. Weitere 21 % seiner Arbeiten haben die Mineralogie und Mikroskopie der in anorganischen Industrieprodukten vorkommenden Mineralphasen zum Inhalt, ohne produktspezifisch orientiert zu sein. Arbeiten zur Erweiterung der mikroskopischen Untersuchungstechnik umfassen etwa 7 %, Untersuchungen zur Mineralogie, Petrographie und Geologie von Rohstoffen der Gesteinshüttenindustrie 6 %, Untersuchungen historischer Proben 3 % und Schriften zu Studium und Industrie im Bereich des Gesteinshüttenwesens 5 %. Diese statistische Auswertung seiner Veröffentlichungen lässt zwar Schwerpunkte erkennen, reicht aber noch nicht aus, das seiner Arbeitsweise in unterschiedlichen Fachbereichen Gemeinsame darzustellen. Was also war sozusagen seine „Handschrift“, seine persönliche methodische Herangehensweise an unterschiedliche Problemstellungen? Und wie hat er diese und damit die Wissenschaft seines Fachbereiches im Lauf der Jahrzehnte weiterentwickelt? Sowohl bei den meisten einzelnen Arbeiten als auch in seinem gesamten wissenschaftlichen Werk lassen sich drei Stufen seiner Vorgehensweise erkennen: die vollständige Identifikation und möglichst umfassende Charakterisierung der beteiligten Mineralphasen, die zugehörigen Gleichgewichtsbetrachtungen (Phasendiagramme), und letztlich Schlussfolgerungen aus den so ermittelten Gefügemerkmalen insbesondere hinsichtlich Eigenschaften, Herstellung, Anwendung und Schädigung von Produkten. Dabei hat er den Stand der Technik überall dort erweitert, wo ihm dies jeweils erforderlich schien. Das insbesondere spiegelt sein wissenschaftliches Werk wider. Die Arbeiten erstrecken sich demgemäß – um nur einige Beispiele zu nennen – von einer Optimierung der Anschliffpräparation [3, 73] über mikro-reflexionsphotometrische Messungen bis zur Erweiterung der damaligen Kenntnis der Paragenesen und Phasendiagramme [1, 11, 73] und münden oft scheinbar zwangsläufig in eine technische Problemlösung, wie auch an den Patentschriften [8693] zu sehen ist. Es ist bemerkenswert, dass er auf jeder Stufe des hier skizzierten Weges innovativ tätig war und Bleibendes hinterlassen hat. Einige wenige Beispiele sollen das in Kürze verdeutlichen. Bevor die Röntgenmikroanalyse allgemein üblich wurde, war die Phasenidentifikation mit den vorhandenen Methoden oft schwierig und nicht immer möglich. Hier hat Trojer durch die obgenannten methodischen Arbeiten, vor allem aber durch die Sammlung der verfügbaren Daten, die Ergänzung dieser für bekannte Mineralphasen, die erstmalige Beobachtung von Mineralphasen in Industrieprodukten [30] sowie bisher unbekannter Phasenzusammensetzungen [66, 71] ein wesentliches Fundament geschaffen. Diese Untersuchungen mündeten in seine Habilitationsschrift [95] und in sein Buch „Die oxydischen Kristallphasen der anorganischen Industrieprodukte“ [73]. Hier werden auch stets die zugehörigen Paragenesen genannt und von ihm häufig erstmals beschrieben. Damit deuten sich bereits seine Leistungen zur Kenntnis der Phasensysteme an. Der erste Band der „Phase Diagrams for Ceramists“ [102] der American Ceramic Society nennt eine seiner Publikationen [9] – wohl stellvertretend für mehrere andere ausführlichere, treffendere und originärere Untersuchungen, insbesondere [1, 11] – als eine Quelle für das Phasensystem CaO–MgO–SiO2, das gewissermaßen die Grundlage der basischen Feuerfestkunde bildet. Die für Trojer charakteristische Art, die Ergebnisse der mineralogischen und insbesondere mikroskopischen Untersuchungen mit technisch relevanten Schlussfolgerungen zu verknüpfen, soll am Beispiel des Chromerzburstings erläutert werden [12, 24]. Magnesiachromitsteine zeigten in Siemens-Martin-Öfen ein Wachstum, das zur mechanischen Zerstörung von Steinen z. B. in Hängedecken führen konnte. Eine auflichtmikroskopische Untersuchung zeigte hellreflektierende Säume entlang der Peripherie von Chromiten, die als magnetitreichere Spinellmischkristalle identifiziert wurden (Abb. 4). Die Zufuhr von Eisenoxiden führte zu einem Masse- und Volumenzuwachs der Chromite, dadurch zu einem Steinwachstum und auch zu Treiberscheinungen. Welche Erklärung war nun für unterschiedliches Wachstum diverser Chromerze sehr ähnlicher Zusammensetzung zu finden?

Trojer vermutete einen Einfluss der Kataklase, die die reaktionsfähige Oberfläche der Chromite erhöht und dadurch die Reaktion beschleunigte. Mikroskopische Indizien reichten ihm dafür nicht aus: Er entwickelte einen Burstingtest, der eine lineare Korrelation der Längendehnung von Magnesiachromitproben mit dem mikroskopisch bestimmten Zerdrückungsgrad des Chromerzes (ausgedrückt in Phasengrenzen/mm) ergab. Damit war neben der wissenschaftlichen Ergründung auch die technische Problemlösung erfolgt: Ein Auswahlkriterium und eine Untersuchungsmethode für die Chromerzverwendung waren zur Verfügung gestellt. Oft zeigte sich eine Meisterschaft in der Auswahl von Mikrobildern, die – vielleicht vergleichbar der heute bei manchen Zeitschriften üblichen „Graphical Summary“ – zahlreiche Aspekte des untersuchten Geschehens widerspiegeln. Im hier geschilderten Fall zeigt die Abb. 4 einen Teil eines Chromitkorns mit einer kataklastischen Zerklüftung im oberen Drittel. Unter anderem von dieser ging eine Eisenoxidzuwanderung aus, die durch das höhere Reflexionsvermögen im Vergleich zu den Residuen des ursprünglichen Chromits erkennbar ist. Auch die Folgeerscheinung, nämlich zahlreiche Treibrisse, sind im gleichen Bild ersichtlich. Hier zeigt sich der Kern seiner Methodik bereits zugleich mit seiner didaktischen Neigung: Wo immer es möglich ist sowohl Ursachen als auch Auswirkungen eines Geschehens durch Gefügeuntersuchungen zu klären – mit einer großen Neigung zu auflichtmikroskopischen Verfahren – war der Kern seine Methodik. Die gekonnte Darstellung möglichst des ganzen Geschehens in einem geradezu „sprechenden“ Mikrobild zeigte sein Talent zur anschaulichen Vermittlung. Seine Mikrobilder wurden daher auch vielfach in der Fachliteratur zitiert, und wohl auch dieser didaktische Aspekt hat ihnen Eingang in Lehrbücher verschafft. Das noch heute vielfach verwendete Lehrbuch „Introduction to Ceramics“ von Kingery et al. [103] enthält Mikrobilder Trojers von Magnesiachromitbaustoffen und Sintermagnesia (S. 545 f.), die „Baustoffchemie“ [104] von Henning und Knöfel enthält ein Mikrobild zum Gips-Glimmerschiefer-Treiben (S. 139), der Bilderatlas „Mikroskopie des Zementklinkers“ [105] des Vereins Deutscher Zementwerke e. V. zitiert das von Trojer verwendete Ätzmittel Ammoniumpolysulfid (S. 15) sowie ein Mikrobild einer damit behandelten Gefügestelle (Alitkristall mit Umwandlungslamellierung, S. 23). Wie kommt es zu einem Mikrogefüge, und was bedeutet es? Die wie in Abb. 4 ins Mikrobild gefassten Antworten auf diese Fragen machen das Verstehen des untersuchten Geschehens aus. Und das war auch sein Ansatz als Universitätslehrer: Auch bei dem in Lehrveranstaltungen vermittelten Wissen ging es ihm keineswegs um enzyklopädische Kenntnisnahme zahlreicher Sachverhalte. Ziel war ein tiefes Verständnis, das sich später in einer selbständigen Nutzung des Wissens erweisen sollte, und in der Lehre durch die Begründung der vermittelten Kenntnisse und die Schlussfolgerungen daraus initiiert wurde. Simone Weil meint, die Kopernikanische Wende hätte nicht verstanden, wer nicht eine Auswirkung der Erdbewegung um die Sonne im Jahreslauf aus eigener Erfahrung kennt. Die Wintersternbilder nennt sie als Beispiel. Das verdeutlicht die Sichtweise, die Felix Trojer vom Begriff „Verstehen“ hatte: Ohne Klarheit über Ursache und Folgewirkung, wo möglich sogar mit visueller Evidenz, handelt es sich nur um Scheinwissen, um leere Worthülsen. Schon der Aufbau des Lehrveranstaltungskanons nahm darauf Rücksicht, insbesondere eine intensive Einführung in die Phasensysteme und den Gefügeaufbau (Abb. 5).

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Abb. 4.

Eisenoxidbursting eines Chromites, ausgehend von Zerklüftungen (z. B. oberes Bilddrittel); hellreflektierend ist die magnetitreiche Diffusionszone, dunkler das Chromitrelikt ursprünglicher Zusammensetzung; zahlreiche Treibrisse. [24]

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Abb. 5.

Der Forscher und Universitätslehrer mit der räumlichen Darstellung eines Vierkomponentensystems. Das Bild zeigt, wie sehr er Wert auf die Anwendung, aber auch auf für die Lehre wesentliche Visualisierung der Phasenbeziehungen gelegt hat

Seinen Schülern hat Trojer damit hervorragende Grundlagen zur Verfügung gestellt, mit denen sie später auch jene Probleme lösen konnten und können, die zu seiner Zeit noch nicht bekannt waren.

Wie sehr ihn die Forschung an sich und im Speziellen die Mineralogie und die Mikroskopie begeistert haben, zeigte sich auch im Leben des Emeritus. Schon Jahrzehnte vor seiner Emeritierung hatte er begonnen, ein privates Mikroskopielabor einzurichten. Interessante mineralogische und petrographische Proben, aber auch Ausbausteine aus Industrieöfen hatte er Zeit seines Lebens aufbewahrt, selbst Proben aus seiner Tätigkeit in Bor während des Krieges waren noch vorhanden. Nun war Zeit, diese Sammlung mikroskopisch aufzuarbeiten. Dabei kam ihm zugute, dass er in den vergangenen Jahrzehnten neben dem Schwerpunkt im Bereich der Auflichtmikroskopie auch die Durchlichtmikroskopie an Pulverpräparaten in Immersionsflüssigkeiten zur Perfektion entwickelt hatte. Viele Fragestellungen, die heute üblicherweise mittels Röntgendiffraktometrie und Röntgenmikroanalyse beantwortet werden, hat er lichtmikroskopisch geklärt und stets eine besondere Freude bei dieser Tätigkeit empfunden. Auch neue Proben – insbesondere Basalte und Proben rezenter vulkanischer Eruptionen – hat er mit Interesse bearbeitet und die Ergebnisse umfassend wissenschaftlich dokumentiert. Hunderte Seiten umfasst dieses Werk von etwa 19 Jahren. Eine besondere Stellung nimmt darin die Untersuchung fossilen Zooplanktons in dolomitischen Konkretionen des Olentangy Flusses in Ohio, USA ein, mit denen er sich ab etwa 1995 beschäftigt hat. Bei der Mikroskopie der Fossilien und der zugehörigen Paragenese (authigener Quarz, Dolomit-Ankerit-Mischkristall, Pyrit) fiel die hohe Polier- und Ritzhärte des Fossils auf, die Röntgenmikroanalyse ergab nur Kohlenstoff mit Spuren von Schwefel. Es entstand der Verdacht, dass es sich dabei um ein Fulleren bzw. einen Fullerit handeln könnte. Weitere Untersuchungen wurden auch in Zusammenarbeit mit Prof. Wolfgang Krätschmer durchgeführt. Es war trotzdem nicht möglich, eindeutig zu klären, ob hier natürliche Fullerene vorliegen. So hat sich Felix Trojer bis praktisch an sein Lebensende mit aktuellen wissenschaftlichen Fragen befasst.

4 Reichtum und Vielfalt eines Lebens

Das Leben des Emeritus, der beinahe täglich mehrere Stunden im Mikroskopielabor seines Wohnhauses in Deutschlandsberg verbrachte, zeigt die starke Verbindung zwischen seinen beruflichen und privaten Interessen. Den heute mitunter üblichen Ausdruck „Work-Life Balance“ hätte er vermutlich nicht verwendet, denn das waren für ihn nicht zwei Bereiche mit einer starren Grenze. Auch fallen mehrere Parallelen zwischen seinem wissenschaftlichen Werk und seinen privaten Vorlieben und Neigungen auf. Der für seine aussage- und oft beweiskräftigen Mikrofotos bekannte Forscher war auch im Alltag Zeit seines Lebens ein begeisterter Fotograf. Über das geowissenschaftliche Interesse hinaus war auch privat die Beziehung zu den Bergen ein großes Anliegen (Abb. 6).

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Abb. 6.

Der begeisterte und versierte Bergsteiger in den Dolomiten (Tofana, 1964)

Gerne hat er auch davon erzählt. In jungen Jahren hatte er – nach Anfahrt von Graz mit dem Fahrrad – den Großglockner in einem Zug bestiegen und war nach weniger als 24 Stunden wieder in Heiligenblut. Bei mitunter nicht ungefährlichen Situationen war ihm stets das Glück hold. Selbst weit nach dem achtzigsten Lebensjahr hat er noch anspruchsvolle Touren unternommen und in den Bergen biwakiert. Wie sehr die Bergwelt stets präsent war, erlebte der Autor dieser Zeilen nach der letzten Vorlesung eines Sommersemesters: Professor Trojer erkundigte sich nach den Vorhaben in der Ferienzeit, erfuhr von einer bevorstehenden Ferialpraxis in Radenthein, und schrieb spontan neun Wandervorschläge für diese Region detailliert auf eineinhalb A4-Seiten, inklusive Zeit- und Höhenangaben, Empfehlungen für die Einkehr sowie Namen und Adresse der Kontaktperson des Alpenvereins. Zuletzt folgte in roter Farbe der Zusatz: „Keine Klettertouren und keine Gletscherwanderungen außer mit einem Erfahrenen!“ Das war oft erlebbar: Die große Begeisterung für sein Fachgebiet und sonstige persönliche Interessen erschienen unmittelbar benachbart. Waren dafür gemeinsame Wurzeln in seinem Wesen verantwortlich? Ein Gedanke lässt diese Vermutung plausibel erscheinen: Die Mikroskopie, die Fotografie, die Mineralogie und die Bergwelt, sie alle stehen in einer wesentlichen Beziehung zum Element des Sehens. Im Speziellen gilt das für den Forscher, der mehrere Ergebnisse zu einem Gesamtbild zusammenführt. Dabei hat er eine Aufgabe zu erfüllen, die an Tests für das Farbsehen in der Ophthalmologie erinnert: Ein aus nur scheinbar zufällig angeordneten Farbpunkten bestehendes Bild lässt – wenn kein Mangel im Sehvermögen vorliegt – Buchstaben oder Ziffern erkennen. Zusammenhänge zu sehen war eine besondere Fähigkeit von Felix Trojer. Für den Kenner ist die Abb. 4 ein Analogon des vorgenannten Farbtests, denn für ihn verbindet die kataklastische Zerdrückung, die höhere Reflexion der diese umgebenden Diffusionszone und die durch das Bursting entstandenen Risse ein kausaler Zusammenhang, der hier im wörtlichen Sinn sichtbar ist. Das Sehen (etwas einsehen), ein genaugenommen ja nur zum geringen Teil optischer und großteils neuronaler Vorgang, ist aber auch ein Bild für das abstrakte Erkennen von Strukturen, das den größeren Teil ausmacht. Felix Trojer war in diesem vollen Sinn ein Sehender. Er konnte einem die Augen für vieles öffnen, auch für das Erleben der Natur, das ihm ein stetes inneres Anliegen war. Andere Länder sehen, Flugreisen tatsächlich rund um die Welt, Kreuzfahrten, das war ihm auch in den späten Jahren noch wichtig. Es erscheint beinahe zwingend, dass dieses Sehvermögen im obgenannten Sinn mit einer Neugier nach Erkenntnis verknüpft ist. Im wissenschaftlichen Bereich mag das die grundlegende Motivation seines Forschens gewesen sein. Darüber hinaus wurde er dadurch zu einem ganz besonderen Gesprächspartner, der das Wesen seines Gegenübers intuitiv erfasste, darauf reagieren konnte und Besonderes zu erzählen wusste. Unvergesslich ist seine Ausstrahlung dabei: Wer den weit über Achtzigjährigen besucht hat, wurde geradezu aufgeladen von der Energie, die von ihm ausging. Selbst bei viel Jüngeren wird man diese Fähigkeit nur höchst selten antreffen. Der Vorname Felix – der Glückliche – war bei solchen Begabungen in vielfacher Weise treffend. Dazu kamen noch seine Kraft und Gesundheit, die ihm sehr bewusst waren, und vor allem das Geschenk eines harmonischen und erfüllenden Familienlebens. Seine Gattin Frieda war ein ruhender Pol in seinem vielfältigen Anforderungen gerecht werdenden Leben. Fast 66 gemeinsame Jahre waren dem Ehepaar vergönnt. Auch innerhalb der Familie war die Wissenschaft präsent: Mit Sohn Felix Johannes, Mineraloge und Physiker, häufig in ähnlichen Fachbereichen tätig, verband ihn ein für beide gewinnbringender Austausch. Als besondere Bereicherung seiner späten Jahre empfand er den Kontakt mit seiner Schwiegertochter Keiko Sadakane. Und wieder ist das visuelle Element von Bedeutung: Den Arbeiten der Künstlerin hat er großes Interesse entgegengebracht, gerne und sehr gekonnt hat er diese photographisch dokumentiert. Ein Foto des über Neunzigjährigen (Abb. 7) scheint Reichtum und Fülle seines Lebens zu summieren: Es zeigt ihn verbunden mit seiner Familie in seinem Haus, die Gnade eines langen glücklichen Lebens scheint im Raum zu schweben, eben war noch von der künstlerischen Tätigkeit seiner Schwiegertochter die Rede, danach wird noch Zeit sein, mit seinem Sohn über Mikrofotos zu sprechen.

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Abb. 7.

Im Familienkreis (v.l.n.r.: Felix Trojer, Keiko Sadakane, Felix Johannes Trojer, Frieda Trojer, 2003)

5 Nachwirkung

Ein Forscherleben, das eine große Zahl wissenschaftlicher Dokumente hervorgebracht hat, die vielfach und an prominenter Stelle zitiert werden, macht es leicht, seine Nachwirkung zu verfolgen. Dies trifft auf Felix Trojer umso mehr zu, als er in besonderer Weise Grundlagen geschaffen hat, die von anderen nach ihm weiter verwendet wurden und werden. Auch kann man beobachten, dass seine Ergebnisse in Techniken einfließen, die zu seiner Zeit gar nicht verfügbar waren. Er hat – wie oben erläutert – insbesondere zur Kenntnis der Paragenesen und Phasensysteme beigetragen. Damals erfolgte die Darstellung und Auswertung von Phasensystemen graphisch, wodurch eine Beschränkung auf eine relativ geringe Komponentenzahl gegeben war. Er wäre von der heutigen Möglichkeit der thermochemischen Berechnung, die auch Schmelzgleichgewichte zahlreicher Komponenten – wie sie etwa durch die Schlackenmetallurgie gegeben sind – einschließt, begeistert gewesen. Auch wenn ihm diese Methode noch nicht verfügbar war, so verwendet sie doch zur Erstellung konsistenter thermochemischer Datensätze die bekannten Phasengleichgewichte, in die seine Ergebnisse eingeflossen sind. Oft meinen wir, dass Konkreta, also Dinge, die wir hinterlassen, in besonderer Weise unsere Nachwirkung ermöglichen. Bauten der Antike scheinen das zu bestätigen – aber auch zu widerlegen. Wächst nicht vielmehr jeder sinnvolle Gedanke, jede hilfreiche Erkenntnis, jede vielversprechende Vision, die wir in andere gesät haben, selbständig weiter? Ist nicht diese Fruchtbarkeit das eigentliche Vermächtnis, nicht die Denkmäler? Auf diese Weise wirkt der Universitätslehrer Felix Trojer fort, zunächst in seinen Schülern, endlich über diese hinaus. Was im günstigsten Fall zwischen Lehrer und Schüler entsteht, konnte seinen Studenten bewusst werden. Es bleibt ihnen bis heute der Eindruck, vieles gelernt zu haben, das so gar nicht verbalisiert wurde und in keinem Skriptum stand. Und trotzdem wurde gerade auf diesem nicht expliziten Weg Wesentliches vermittelt. Was ist das also, ein Lehrer und sein Schüler? Welche der Empathie verwandte Gabe ermöglicht es dem einen, das Eindringen des anderen in ein gemeinsames Interessensgebiet zu vermitteln, gewissermaßen zu katalysieren? Wie strahlt ein Lehrer aus, sodass er nicht nur Faktenwissen, sondern vielmehr etwas von seinem Geist weitergibt? Welche Fähigkeit dem auch zu Grunde liegen mag – Felix Trojer hat darüber reichlich verfügt.

6 Danksagung

Der Autor dankt dem Sohn des hier Porträtierten, Felix Johannes Trojer, für wertvolle Informationen, Dokumente sowie die Überlassung von Bildern und die Genehmigung zu deren Abdruck.

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