, Volume 24, Issue 4, pp 330-340
Date: 24 Dec 2008

NS-Zeit im Spiegel von Psychoanalyse

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Zusammenfassung

Die Autorin setzt sich mit den anhaltenden Nachwirkungen nationalsozialistischer Weltanschauungen auseinander, von denen noch die vierte Generation kontaminiert bleibt. Sie vertritt hierbei die These, dass dynamisch das Verdrängte weniger wirksam scheint als vielmehr die anhaltende, dem Wiederholungszwang folgende subtile Weitergabe von nationalsozialistischem Gedankengut. Hierbei stößt sie einerseits unweigerlich auf derzeitig psychoanalytische Theorien, die die Rekonstruktionen der Vergangenheit in Vernachlässigung der transgenerationalen Dynamik der eigenen Biografie zugunsten einer Analyse im Hier und Jetzt in der Übertragungs- und Gegenübertragungsbeziehung favorisieren. Zum anderen sind die Analytiker den gleichen Abwehrprozessen unterworfen, wie sie für die Gesellschaft typisch sind und haben die Macht eines Tabus bekommen. Dieses scheint nicht zufällig, sondern basiert großenteils darauf, dass es keine breite Auseinandersetzungskultur zwischen Lehranalytikern und Lehranalysanden gibt. Man habe sich im analytischen Prozess der Lehranalysen gegenseitig stillschweigend auf ein konfliktneurotisches Geschehen geeinigt, um im Sinne eines kollusiven Abwehrprozesses nicht von den Schrecken der Vergangenheit zu sprechen. In den Vordergrund rücken hierbei vor allem allgemeine und insbesondere Kriegskindheiten der Psychoanalytiker mit ihren frühkindlichen Kriegstraumen, denen gravierende Sprachlosigkeit zugrunde liegt, nicht „weil sie zu klein waren“, sondern für das Leid ihrer lebensnotwendigen Bezugspersonen parentifiziert und loyal blieben. Von daher ist es nachvollziehbar, dass diese Kinder erst jetzt in vielerlei Biografien Sprache finden, nachdem die elterlichen Kriegsgenerationen gestorben sind.

Abstract

The author discusses the prolonged effects of the national socialistic world view, which contaminate even the 4th generation. Her thesis is that dynamically the repressed seems to be less effective than the prolonged subtle transmission of national socialist ideas by means of compulsive repetition. With this thesis she inevitably comes up against contemporary psychoanalytic theories which prefer the analysis of transference and countertransference in the here and now to the reconstruction of the past and thus neglect the transgenerational dynamics of their own biography. Furthermore, analysts are subject to the same defense processes as are typical for the society and have achieved the power of a taboo. This does not seem to be accidental but the result of a failing diversified discussion culture between training analysts and trainee analysands. Implicitly, a mutual agreement to confine themselves in training analyses to a conflict neurotic process, in the sense of collusive defense processes, to prevent talking about the terror of the past. Hereby, the childhood of the analysts generally and especially during the war come to the fore; a childhood wrapped in grave speechlessness not because „they were too small at that time“, but because of their parentalization and loyalty to the suffering of their vital attachment persons. Therefore, it is understandable that those children find only now, after the death of their parents, words for it in the numerous biographies.

Überarbeitete Fassung eines Vortrags, gehalten anlässlich der DPG-Jahrestagung „Psychoanalyse in Zeiten der Globalisierung. Struktur und Identität im Wandel“, 22.–25. 05. 2008 in München.