Der Nervenarzt

, Volume 76, Issue 1, pp 43–51

Psychosoziale Merkmale bei Gehörlosen

Daten aus einer Spezialambulanz für Gehörlose

Authors

    • Institut für Sinnes- und Sprachneurologie, Gesundheitszentrum für GehörloseKonventhospital Barmherzige Brüder
    • Konventhospital Barmherzige Brüder
  • D. Holzinger
    • Institut für Sinnes- und Sprachneurologie, Gesundheitszentrum für GehörloseKonventhospital Barmherzige Brüder
  • R. Schoberberger
    • Institut für SozialmedizinMedizinische Fakultät der Universität Wien
  • G. Lenz
    • Universitätsklinik für PsychiatrieAKH Wien
Originalien

DOI: 10.1007/s00115-004-1708-5

Cite this article as:
Fellinger, J., Holzinger, D., Schoberberger, R. et al. Nervenarzt (2005) 76: 43. doi:10.1007/s00115-004-1708-5

Zusammenfassung

In der vorliegenden Arbeit werden Daten aus einer Spezialambulanz für Gehörlose an einem Allgemeinkrankenhaus dargestellt. Die Mitarbeiter der Ambulanz sind gebärdensprachkompetent und setzen sich aus verschiedenen Berufsgruppen zusammen. Es wurden 352 konsekutive Patienten, die in die Betreuung der Ambulanz kamen, präventivmedizinisch untersucht und spezielle psychosoziale Faktoren beurteilt. In den sozialen Beziehungen zeigte sich bei den Gehörlosen eine sehr starke Orientierung auf ebenfalls gehörlose Menschen, für die die Gebärdensprache eindeutig bevorzugtes Kommunikationsmittel ist. So haben z. B. 85% der Gehörlosen, die in einer Partnerschaft leben, ebenfalls einen gehörlosen Partner, während aber nur 10,1% der Kinder von Gehörlosen auch hörbehindert sind. Verglichen mit Untersuchungen an Hörenden zeigen sich bei ausgewählten psychischen Störungen (ICD 10, F1, F2, F3, F4, F6) ähnliche Häufigkeiten bei Gehörlosen, wobei der Anteil von Patienten mit somatoformen Störungen bei den Gehörlosen höher zu sein scheint. Im Vergleich zur hörenden Allgemeinbevölkerung klagen Gehörlose signifikant häufiger über verschiedene körperliche Beschwerden sowie über Nervosität, Ängstlichkeit, Überlastung, Überforderung. Versorgungseinrichtungen für Gehörlose sollten der besonderen Beschwerdeschilderung Gehörloser durch gebärdensprachkompetente Therapeuten Rechnung tragen. Nur dadurch kann den Gehörlosen ein gleichberechtigter Zugang zu Gesundheits- und Sozialdiensten ermöglicht werden.

Schlüsselwörter

GehörlosigkeitGebärdensprachePsychosoziale FaktorenPsychischer Erkrankungen

Psychosocial characteristics of deaf people: evaluation of data from a special outpatient clinic for the deaf

Summary

In this publication, data from a special outpatient clinic for deaf patients in a general hospital are presented. All members of the treatment team have competency in sign language. From the patients who consecutively attended the outpatient clinic, 352 were investigated for medical and psychosocial problems. In social contacts, there is a strong orientation towards other deaf people, and communication is mainly based on sign language. Of the deaf patients, 85% of their partners are also deaf, whereas only 10.1% of children of the deaf group are also deaf. The prevalence of selected psychiatric disorders (ICD 10 F1, F2, F3, F4, F6) in deaf people was found to be similar to that in hearing populations, with the exception of somatoform disorders, which seem to be more frequent in the deaf. Deaf people also more often present with somatic and other complaints such as nervousness, anxiety, and stress. With specific outpatient clinics for the deaf in which members of the therapeutic team are competent in sign language, access to health services is equally possible for deaf people.

Keywords

DeafnessSign languagePsychosocial factorsPsychiatric disorder

Gehörlose Menschen sind bei der Inanspruchnahme von Gesundheitsdiensten aufgrund der beeinträchtigungsbedingten Kommunikationsprobleme erheblichen Schwierigkeiten ausgesetzt.

Die oft inadäquate Anamneseerhebung und Untersuchung dieser Patientengruppe kann zu falschen Behandlungen und verlängerten Krankenhausaufenthalten führen [10, 27]. Psychische Erkrankungen können übersehen werden, weil das abnorme Verhalten auf die Gehörlosigkeit des Patienten zurückgeführt wird [12], oder es kann ein Erregungszustand aufgrund von Frustrationen in der Kommunikation als Zeichen einer psychischen Erkrankung missverstanden werden [10].

Die Beforschung dieser Patientengruppe stößt auf Schwierigkeiten, weil die üblichen strukturierten Interviews oder Fragebögen auch unter Einsatz von Dolmetschern nicht so ohne weiteres anwendbar sind.

Allgemeines zu Gehörlosigkeit—Gehörlosengemeinschaft

Die medizinische Sicht von Gehörlosigkeit bezieht sich auf die Schwere der Ausprägung des Hörverlusts. Unter Gehörlosigkeit versteht man einen Hörverlust höher als 95 dB [6]. Diese Zahl bezieht sich auf die Verluste im besseren Ohr bezogen auf das Tonaudiogramm, über die Frequenzen 250, 500, 1000, 2000 und 4000 Hz und wird so mit dem Begriff funktioneller Taubheit gleichgesetzt. Funktionelle Taubheit wird gemeinhin als die Unfähigkeit definiert, Sprache ohne Hörhilfe differenziert wahrzunehmen und wird mit einer Lebenszeitprävalenz von 7‰ angenommen. Die Prävalenz für prälinguale Gehörlosigkeit (Verlust des Hörvermögens von Geburt an oder innerhalb der ersten 3. Lebensjahre) liegt bei etwa 1‰ [24].

Der Begriff Gehörlosigkeit wird jedoch auch—dies insbesondere von den Betroffenen selbst—kulturell verstanden und bezieht sich auf die Gehörlosengemeinschaft, mit der sich jemand identifiziert. Diese Gruppe umschließt Menschen mit durchaus verschieden stark ausgeprägten Hörverlusten und ist charakterisiert durch die Verwendung der Gebärdensprache und durch viele gemeinsame Sozialisationserfahrungen wie z. B. den Besuch von Gehörlosenschulen, Sozialkontakte in Gehörlosenvereinigungen etc.

Die meisten gehörlosen Kinder haben hörende Eltern, die wenig oder nichts über Gehörlosengemeinschaft oder Gebärdensprache wissen und die nicht erwartet hatten, Eltern eines gehörlosen Kindes zu werden. Die Betroffenen teilen daher die Erfahrung, anders als ihre Eltern und Geschwister zu sein. Frustrierende Kommunikationsversuche von Kind zu Eltern und Eltern zu Kind sowie therapeutisch rehabilitative Bemühungen vor allem in Richtung Lautsprache prägten die ersten Jahre. Bis vor kurzem war der Eintritt in die Schule für Hörgeschädigte für viele Kinder die erste Möglichkeit, andere gehörlose Kinder zu treffen. Auch wenn in diesen Schulen die Gebärdensprache teils bis in unsere Tage hinein offiziell im Unterricht nicht zugelassen war, bzw. nicht unterrichtet wird (pädagogische Hypothese: die Gebärdensprache verdirbt die Lautsprache), lernten doch die Kinder meist von Klassenkollegen, deren Eltern gehörlos waren, die Gebärdensprache, als tragendes Mittel in der Peer-Kommunikation zu verwenden. Pädagogische Ansätze sind gegenwärtig im Umbruch, einerseits durch die vermehrten Möglichkeiten für Hörgeschädigte, früh auch apparativ versorgt zu werden (Hörgeräte, Kochlearimplantat), andererseits durch die Öffnung des Bildungssystems im Sinne einer integrativen Beschulung.

Für jetzt erwachsene Gehörlose aber ist die Gebärdensprache mehr als ein linguistisches System und ein Mittel zur Kommunikation. Sie ist das zentrale Merkmal der Gehörlosenkultur und eint Menschen, deren Hörverlust unterschiedliche Ursachen hat und auch unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann. Gebärdensprachen sind inzwischen sprachwissenschaftlich als vollwertige Sprachen anerkannt. Bisher wurden über 60 verschiedene nationale Gebärdensprachen zumindest in Teilaspekten wissenschaftlich beschrieben. Aufgrund des gemeinsamen visuell-manuellen Kommunikationskanals zeigen sie durchaus auch miteinander vergleichbare „gebärdensprachtypische“ linguistische Charakteristika.

Nach langen Jahren der Nichtachtung der Gebärdensprache entwickeln nun viele Gehörlose zunehmend Selbstbewusstsein und treten mit ihrer eigenen Kultur bewusst an die Öffentlichkeit. Sie orientieren sich nicht an Defiziten im Hörvermögen, sondern betonen die Rolle des Sehens in ihrem Leben. Dabei kommt neben der Gebärdensprache etwa auch dem Gehörlosentheater mit durchaus professionellen Produktionen zunehmend eine Botschafterrolle zu.

Zur psychosozialen Situation

Wenn sich das Interesse an Gebärdensprache und Gehörlosenkultur nun auch ausbreitet, ist dennoch für die meisten Gehörlosen der Zugang zu allgemeinen Informationen in der Gesellschaft sowie Ausbildungsmöglichkeiten etc. sehr eingeschränkt. Dies führt zu einem Grundgefühl bei vielen Gehörlosen, Teil einer unterdrückten Minderheit zu sein.

Daten über die sozioökonomische Situation von Gehörlosen aus verschiedenen Ländern weisen nach wie vor auf erhebliche Benachteiligungen hin. So konnten zum Beispiel Christiansen und Barnartt [9] zeigen, wie sich das Ausbildungsniveau Gehörloser in den letzten 50 Jahren beträchtlich verbessert hat, allerdings nicht in demselben Ausmaß wie bei Hörenden. Kyle [20] fand bei Interviews mit jungen Gehörlosen in England, dass 7 Jahre nach Schulabschluss 73% in einem Arbeitsverhältnis standen. Von denen, die Arbeit hatten, sahen 82% aber für sich keine Aufstiegsmöglichkeiten.

Was die Familien- und Sozialsituation betrifft, zeigte schon Schein 1979 [24, 25] auf, dass gehörlose Menschen in überwiegendem Ausmaß ebenfalls gehörlose Menschen als Partner wählen (9:1) und dass 9 von 10 Kindern, die gehörlosen Eltern geboren werden, normal hören. Die Situation hörender Kinder gehörloser Eltern ist sehr differenziert zu betrachten. Manche berichten im Erwachsenenalter retrospektiv über die Last, für ihre Eltern als Dolmetscher eingesetzt worden zu sein und für die Eltern sehr früh Mitverantwortung getragen zu haben. Sie berichten aber auch, dass sie ihre Eltern primär nicht als behindert erlebt hätten [17].

Die Erhebung von Daten zur psychosozialen Gesundheit innerhalb der Gehörlosengemeinschaft gestaltet sich schwierig. Hörenden Untersuchern wird in der Regel mit Misstrauen begegnet. Auch Dolmetschereinsatz garantiert noch lange nicht persönlichen Zugang mit der Bereitschaft, auch Dinge aus dem eigenen Leben preis zu geben. Durch den oft verspäteten Zugang zur Sprache im Allgemeinen, bleiben trotz Bemühungen dolmetscherseits komplexe, ungewohnte Inhalte schwer zugänglich.

Am Beginn der Gehörlosenpsychiatrie, Anfang der 1960er Jahre in Amerika und England, wurden höhere Zahlen von gehörlosen Schizophrenen vermutet, was inzwischen aber widerlegt ist [8]. John Denmark [11], ebenfalls ein Pionier auf diesem Feld, untersuchte Patienten, die in ein psychosoziales Zentrum für Gehörlose in Nordengland überwiesen wurden: 2/5 hatten eine psychische Erkrankung, mehr als 1/5 Verhaltensauffälligkeit und Anpassungsprobleme, die auf die Gehörlosigkeit zurückzuführen waren und 1/5 entwicklungsbedingte Kommunikationsstörungen.

In einer ähnlichen Studie mit 185 Patienten, die an ein Zentrum in Südengland überwiesen wurden, fanden Hamblin und Kitson [15], dass 18% keine psychischen Abnormitäten aufwiesen, 25% hatten Verhaltensauffälligkeiten und Persönlichkeitsstörungen und 31% psychische Störungen (davon 10% neurotische Störungen).

Die Auffassung, dass gehörlose Menschen weniger häufig unter depressiven Störungen litten [1, 2] ist durch neuere Daten widerlegt [8]. Die Weiterentwicklung psychosozialer Dienste für Gehörlose in London führte zu einer deutlich höheren Inanspruchnahme auch dieser Patientengruppe [15].

Auch die Persönlichkeits- und Verhaltensmerkmale, die Gehörlosen oft zugeschrieben werden, wie Rigidität, vermindertes Einfühlungsvermögen, Projektion von Verantwortung auf andere, mangelnde Einsicht, unrealistische Sichtweise über ihre Fähigkeiten, erhöhte Ansprüche und vermehrte Impulsivität mit verminderter Kontrolle von Wut [1] sind keinesfalls als gehörlosentypisch zu verstehen, können jedoch die Folge unzureichender Kommuniktions- und Sprachkompetenz insbesondere in den früheren Lebensjahren sein. Die scheinbar erhöhte Impulsivität nimmt bei geeigneten Kommunikationsbedingungen deutlich ab.

Neben den Inanspruchnahmestudien gibt es vergleichsweise wenig epidemiologische Daten. In Neuseeland wurde eine nationale epidemiologische Untersuchung an einer Zufallsstichprobe von 198 Gehörlosen durchgeführt, bei der das Ausmaß psychischer Probleme die Nutzung von Diensten für psychische Gesundheit und die Notwendigkeit spezifischer Dienste für die psychische Gesundheit von Gehörlosen untersucht wurden. Die Untersuchungsinstrumente inkludierten den General Health Questionnaire (12-Item-Version) [14], die Behaviour and Symptom Identification Scale [13], einen Fragebogen über die Benutzung von Gesundheitsdiensten, einen demographischen Fragebogen und ein Interview über zukünftige Bedürfnisse.

Zwei Fragebogen wurden auch auf Video in Gebärdensprache präsentiert.

Die vorläufigen Resultate zeigen ein hohes Risiko für psychische Erkrankungen bei Gehörlosen (42,4% hatten im 12-Item-GHQ einen Score von >5), einen hohen Bedarf an Diensten für psychische Gesundheit und ein Bewusstsein, dass die gegenwärtigen Dienste für psychische Gesundheit nicht zugänglich und inadäquat wären [7].

Aufbau einer Spezialambulanz für Gehörlose

Beobachtungen von schweren Benachteiligungen von Gehörlosen im medizinischen Versorgungssystem („Patient taubstumm, Anamnese nicht möglich“) veranlassten den Erstautor dieses Artikels 1991 eine zunächst kleine, vorwiegend psychiatrisch orientierte Ambulanz in einem Allgemeinkrankenhaus (Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, Linz) anzubieten. Sehr bald allerdings wurde klar, dass auch eine Reihe bisher unentdeckt gebliebener körperlicher Krankheiten behandelt werden mussten und dass ein großes Bedürfnis nach der Bearbeitung sozialer Fragestellungen bestand.

Diese Bedürfnisse führten dann 1993 zur Errichtung einer multidisziplinären Ambulanz für gehörlose Menschen am vorhin genannten Allgemeinkrankenhaus. Die 20 Mitarbeiter aus verschiedensten Berufsfeldern (Fachärzte für Neurologie/Psychiatrie, Arzt für Allgemeinmedizin, Krankenpflege, Sozialarbeiter, Klinische Linguistik, Logopädie, Soziologie, Dolmetscher) sind alle gebärdensprachenkompetent. Bei Konsiliaruntersuchungen diverser Fachrichtungen wird gedolmetscht, stationäre Patienten werden vom gebärdensprachkompetenten Team mitbetreut.

Es wird sehr großer Wert auf die unmittelbare Therapeut-Patienten-Beziehung gelegt. Angehörige sind in der Rolle als Begleiter für gehörlose Erwachsene durch die Gebärdensprachkompetenz der Mitarbeiter weitgehend entbehrlich, der Einsatz von Gebärdensprachdolmetschern wird in der Primärversorgung und vor allem im psychiatrischen Gespräch eher als nicht förderlich für die Entwicklung einer tragfähigen therapeutischen Beziehung erlebt.

Die gesicherte Kommunikation gewährleistet nicht nur einen besseren Zugang zu Diagnostik und Therapie, sondern bietet den Betroffenen auch adäquate Information und erhöht damit die Compliance für die Behandlung.

Seit 1991 bis heute wurden mehr als 1300 Patienten behandelt, davon sind 85% prälingual gehörlos. Siebenhundert Patienten kommen aus Oberösterreich, womit mehr als die Hälfte der Gehörlosen dieser Region erfasst sein dürften. Durchschnittlich 40 Patienten/Klienten nehmen pro Tag die verschiedensten Angebote der Gehörlosenambulanz in unterschiedlicher Gewichtung in Anspruch.

Die Leistungen der Ambulanz orientieren sich am ganzheitlichen Gesundheitsbegriff der WHO, die Gesundheit als Zustand körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens definiert. Entsprechend werden im allgemeinmedizinischen Bereich Hausarztfunktionen, präventivmedizinische Arbeit, aber auch Hilfestellung für Patienten im stationären Bereich geleistet.

Im Arbeitsfeld seelische Gesundheit, das von zwei Fachärzten für Neurologie und Psychiatrie sowie einer Psychologin abgedeckt wird, wird das diagnostische und therapeutische Spektrum der Neuropsychiatrie unter Mithilfe der Gebärdensprache (medikamentöse Therapie, Psychotherapie und Soziotherapie; tagesstrukturierende therapeutische Keramikwerkstätte) angeboten.

An hörgeschädigten Kindern werden neurofunktionelle Untersuchungen durchgeführt sowie deren Eltern und Umfeld entsprechend beraten.

Der Zugang zu anderen Fachrichtungen des Allgemeinkrankenhauses (ambulant oder stationär) wird durch entsprechend gebärdensprachkompetentes Personal wesentlich erleichtert.

Im Arbeitsbereich soziale Gesundheit werden Sozialberatung, Schuldnerberatung, Arbeitsassistenz und Dolmetschdienste angeboten. Bei entsprechenden Fragestellungen wird auch mobile psychosoziale Betreuung möglich gemacht. Die WHO-Gesundheitsdefinition wird neben den bisherigen drei Dimensionen um den Bereich gesunde Kommunikation erweitert. In diesem Arbeitsfeld kommt der klinischen Linguistik in Diagnose und therapeutischen Angeboten eine große Bedeutung zu. Der Tatsache, dass Gehörlose aufgrund oft jahrelanger Deprivationssituationen noch ein erstaunliches Entwicklungspotenzial im Sprachlichen haben, wird so Rechnung getragen.

Fragestellung

Aus der praktischen Arbeit ergeben sich für die vorliegende Untersuchung folgende Fragenstellungen:
  1. 1.

    Welche psychosozialen Merkmale finden sich in der Inanspruchnahmepopulation der multidisziplinären Ambulanz für Gehörlose?

     
  2. 2.

    Gibt es Hinweise auf besondere gesundheitliche Beeinträchtigungen, besonders in Hinblick auf seelische Gesundheit?

     

Methodik

In den Jahren 1993 und 1994 wurden 352 konsekutive Patienten, die aus unterschiedlichen medizinischen oder sozialen Gründen in die Betreuung der Ambulanz aufgenommen wurden, über ihre soziale Situation befragt und präventivmedizinisch untersucht.

An Sozialdaten wurden bei den gehörlosen Patienten Alter, Geschlecht, Familienstand, Wohnsituation, Anzahl der Kinder (welcher Prozentsatz davon hörbehindert), Schulbildung, Berufsausbildung und aktueller Beschäftigungsstatus erhoben.

Die Patienten wurden über den Beginn der Hörbehinderung, deren Ursache sowie über den Einsatz von Hörgeräten befragt. Der Grad der Hörschädigung war aus dem aktuellen Tonaudiogramm ersichtlich. Die Gebärdensprachkompetenz wurde klinisch eingeschätzt.

Zusätzlich wurden Fragen zu ausgewählten Bereichen der Lebensqualität (Arbeitszufriedenheit, Einkommen, Sozialkontakte) gestellt.

Die präventivmedizinische Anamnese (Programm für Vorsorgeuntersuchung der österreichischen Sozialversicherung) bezog sich auf Erkrankungen in der Verwandtschaft (Herztodesfälle, Krebserkrankungen, Zuckerkrankheit), frühere Erkrankungen oder Operationen, gegenwärtige Erkrankungen (kardiovaskuläre Erkrankungen, Lungenerkrankungen, chronischer Harnwegsinfekt, Krebs, Zuckerkrankheit), Selbsteinschätzung bezüglich organischen Krankheiten, regelmäßige Einnahme von Schlaf-, Beruhigungs- oder Schmerzmitteln oder sonstigen Medikamenten, Daten zu Tabakrauchen und Alkholkonsum, Belastungen am Arbeitsplatz und Angaben über subjektive Beschwerden aus dem psychischen Bereich („Sind sie nervös, ängstlich, überlastet, überfordert?“) und einer großen Zahl von körperlichen Bereichen. Es erfolgte bei jedem Patienten eine körperliche Untersuchung sowie die Erhebung laborchemischer Daten.

Weiters wurden die Krankengeschichten dieser Patienten von den drei in der Ambulanz tätigen Ärzte (zwei Fachärzte für Neurologie und Psychiatrie und ein Arzt für Allgemeinmedizin) in Hinblick auf das aktuelle Vorliegen (Querschnittprävalenz) ausgewählter Gruppen psychischer Störungen (F1, F2, F3, F4, F6 nach ICD-10) evaluiert. Dabei lagen für 310 Patienten ausreichende Unterlagen für eine Konsensdiagnose zwischen den drei Ärzten vor.

Es konnte zu diesem Zeitpunkt kein standardisiertes Interview eingesetzt werden. Die Konsensdiagnose wurde in einem Gespräch zwischen den drei Ärzten, die auch alle Patienten persönlich kannten, unter Zuhilfenahme der Krankengeschichtsunterlagen erstellt.

Die Zuordnung erfolgte nach klinisch praktischen Gesichtspunkten anhand der Kriterien der ICD-10. Auf eine über die Gruppenzuordnung hinausgehende Klassifizierung wurde verzichtet.

Als Vergleichsgruppe für die präventivmedizinischen Daten wurden die Unterlagen von 273 hörenden Patienten herangezogen, die im gleichen Zeitraum eine Vorsorgeuntersuchung nach dem gleichen Prinzip bei einem praktischen Arzt absolvierten. (Auch hier suchten die Patienten den Arzt primär zur Vorsorgeuntersuchung auf.)

Es wurden die häufigsten subjektiven psychischen und somatischen Beschwerden nach dem Anamneseblatt der Vorsorgeuntersuchung der österreichischen Sozialversicherungen sowie deren Resultate verglichen. Eine psychiatrische Klassifikation nach ICD-10 erfolgte nicht.

In der Auswertung standen im Vordergrund die beschreibende Statistik sowie univariate Verfahren zu Häufigkeitsvergleichen zwischen gehörlosen und hörenden Patienten.

Ergebnisse

Soziodemographische Daten bei Gehörlosen

Einen Überblick über diese Daten gibt Tabelle 1.
Tabelle 1

Soziodemographische Variablen bei Patienten der Gehörlosenambulanz Linz

Alter [Jahre]

∅=43,3±14,3

Im Vergleich dazu Daten der Österreichischen Wohnbevölkerung über 15 Jahre, 1994 [22]

Altersverteilung in Gruppen

15–19

1,4%

7%

20–29

16,2%

19,7%

30–40

25,3%

19,97%

40–49

24,9%

15,4%

50–59

19,0%

14,14%

60–69

7,0%

11,42%

70–79

2,2%

Über 70 Jahre 12,55%

80–89

2,2%

Geschlecht

52,5% weiblich

N=185

52,14%

Familienstand

Verheiratet

50,6%

N=178

55,8%

Ledig

27,8%

N=98

29,7%

Lebensgemeinschaft

10,8%

N=38

Geschieden

8,5%

N=30

5,2%

Wohnsituation

Mit Partner lebend

59,9%

N=211

Allein lebend

21,8%

N=77

Mit Eltern oder Verwandten lebend

15,9%

N=56

In Institution

2,0%

N=7

Anzahl der weiblichen Gehörlosen mit Kind

52,9%

N=98

Anzahl der Kinder

N=189

Anzahl der hörbehinderten Kinder

10,1% aller Kinder

N=19

Absolvierung einer Schule für Hörbehinderte

89,5%

N=315

Abgeschlossene Berufsausbildung

65,1%

N=229

Aktueller Beschäftigungsstatus

Berufstätig

60,0%

N=204

54,7%

Hausfrauentätigkeit

10,2%

N=36

10,3%

Alterspension

10,2%

N=36

24,5% gesamt

Invaliditätspension

9,7%

N=34

Arbeitslos

4,8%

N=17

4,8%

In Ausbildung

3,4%

N=12

6,5%

Ungefähr 60% der Gehörlosen leben in einer ständigen Partnerschaft, ca. 22% leben allein, ca. 16% lebten mit ihren Eltern oder Verwandten, ca. 2% sind in Institutionen untergebracht. Von Gehörlosen, die in einer Partnerschaft lebten, hatten 85% ebenfalls einen gehörlosen Partner.

Die gehörlosen Frauen, die die Ambulanz aufsuchten, hatten insgesamt 189 Kinder. Von den Kindern innerhalb der untersuchten Population Gehörloser waren 10,1% hörbehindert.

Von den von uns untersuchten Gehörlosen haben 315 (=89,5%) eine Sonderschule für Hörbehinderte absolviert, 255 (=72,4%) verbrachten ihre Schulzeit in einem der Schule angeschlossenen Internat, 96 (=27,3%) waren bereits im Kindergarten internatsmäßig untergebracht.

Eine Berufsausbildung hatten 229 (=65,1%) der Gehörlosen unserer Studie, wobei insgesamt 78 verschiedene Berufe erlernt oder zurzeit ausgeübt wurden. Unter den erlernten Berufen sind die häufigsten Schneiderin (N=81, entspricht 23%), Schuhmacher (N=28, entspricht 8%) und Tischler (N=16, entspricht 4,5%).

Zum Zeitpunkt der Untersuchung waren 204 der Gehörlosen berufstätig, allerdings größtenteils als Arbeiter oder ungelernte Kräfte, nur ein geringer Teil (N=18, entspricht 5,1%) als Angestellte.

Die Arbeitslosenrate entsprach mit 4,8% etwa dem damaligen österreichischen Durchschnitt.

Daten zur Hörbehinderung

Tabelle 2 zeigt die wichtigsten Daten zur Hörbehinderung.
Tabelle 2

Daten zur Hörbehinderung (N=352)

1. Datum des Beginns der Hörbehinderung

 Seit Geburt

N=150

42,6%

 Bis 1 Jahr

N=54

15,3%

 1–3 Jahre

N=63

17,9%

 Später

N=42

11,9%

 Keine Angaben oder unbekannt

N=43

12,2%

2. Häufigste Ursachen der Hörbehinderung

 Körperliche Erkrankung

N=132

37,5%

 Unbekannt

N=91

25,9%

 Unfall/Verletzung

N=29

8,2%

 Erkrankungen während der Schwangerschaft

N=22

6,2%

 Geburtskomplikation

N=18

5,1%

 Vererbt

N=17

4,8%

 Unbekannt/keine Angaben

N=65

18,5%

3. Häufigste körperliche Erkrankungen, die zur Hörbehinderung führten (N=132)

 Gehirnhautentzündung

N=47

35,6%

 Mittelohrentzündung

N=36

27,3%

 Mumps

N=11

8,3%

 Röteln

N= 9

6,8%

 Andere Krankheiten

N=29

22%

4. Hörbehinderte in der Herkunftsfamilie

 (1. und 2. Grades)

N=117

33,2%

5. Audiogramm (Hörverlust in dB)

 Mittelgradige Hörbehinderung

40–60

N=4

1,1%

 Hochgradige Hörbehinderung

60–80

N=45

12,8%

 Resthörig

80–95

N=83

23,6%

 Taub

>100

N=166

47,2%

 Keine Angaben

N=54

15,3% [5]

6. Versorgung mit Hörgerät

 Derzeit ja

N=110

31,3%

 Niemals

N=101

28,7%

 Früher

N=46

13,0%

 Wahlweise

N=15

4,3%

 Keine Angaben

N=80

22,7%

7. Gebärdensprachkompetenz (subjektive Beurteilung)

 Gut

N=247

70,2%

 Mittel

N=33

9,4%

 Schlecht

N=12

3,4%

Beim Großteil unserer Gehörlosen begann die Hörbehinderung vor dem Alter von 3 Jahren und wurden von den Patienten selbst primär auf Erkrankungen (37,5%) zurückgeführt.

Mitglied in einem Gehörlosenverein waren 71,6% der Befragten. An Vereinsaktivitäten (auch ohne Mitgliedschaft) nahmen allerdings 84,1% teil.

Bei 33,2% fanden sich in der Herkunftsfamilie ebenfalls Menschen mit Hörbeeinträchtigungen. Immerhin trugen 31,3% ein Hörgerät. Dies ist als ein Hinweis dafür zu verstehen, dass ein gewisses Hörvermögen bei einem beträchtlichen Teil erhalten ist. Kochlearimplantate standen bei keinem Patienten in Gebrauch.

Bei einer nur orientierenden Einschätzung der Gebärdensprachkompetenz wurde bei 70,2% diese als gut eingestuft.

Ausgewählte Daten zur Lebensqualität

Die Daten zur Lebensqualität sind in Tabelle 3 zusammenfassend dargestellt.
Tabelle 3

Ausgewählte Daten zur Lebensqualität der Gehörlosen (N=352)

Arbeit

 Zufriedenheit mit Arbeit

N=245

69,6%

 Wunsch nach Arbeitsplatzwechsel

N=90

25,6%

 Hörbehinderte Mitarbeiter am Arbeitsplatz

N=146

41,5%

 Guter Kontakt zu hörenden Kollegen

N=235

66,8%

Einkommen

 Durchschnittseinkommen der erwerbstätigen Gehörlosen

10.500 ATS

 Durchschnittseinkommen österreichischer unselbständig Erwerbstätiger (1993) [5]

13.723 ATS

Gehörlosenverein

 Mitgliedschaft

N=252

71,6%

 Teilnahme an Vereinsaktivitäten

(unabhängig von Mitgliedschaft)

N=296

84,1%

Freunde

 Nur hörbehinderte Freunde

N=235

66,8%

 Sowohl hörbehinderte Freunde als auch hörende Freunde

N=83

23,6%

 Nur hörende Freunde

N=24

6,8%

Der Großteil der Gehörlosen war mit der Arbeit zufrieden. Von den Unzufriedenen (30,4%) war der Großteil (N=66, 18,8%) wegen der Arbeit im engeren Sinne und 11 (3,1%) wegen der Arbeitskollegen unzufrieden. Die Anwesenheit anderer Hörbehinderter am Arbeitsplatz hatte keinen Einfluss auf die Zufriedenheit mit der Arbeit (χ2=0,93, df=1, p=0,33).

Das Durchschnittseinkommen der erwerbstätigen Gehörlosen war niedriger als der österreichische Durchschnittswert für unselbständig Erwerbstätige zum Zeitpunkt der Untersuchung.

Von den Patienten gaben 235 (66,8%) an, nur gehörlose Freunde zu haben; 23,6% gaben an, sowohl gehörlose als auch hörende Freunde zu haben.

Psychische Störungen bei Gehörlosen

Tabelle 4 zeigt die Häufigkeit von ausgewählten psychischen Störungen bei 310 Patienten (Querschnittprävalenz). Die Lebenszeitprävalenz wurde nicht erhoben.
Tabelle 4

Häufigkeit aktueller ausgewählter psychischer Störungen bei Patienten der Gehörlosenambulanz im Vergleich zu hörenden Patienten aus deutschen Allgemeinpraxen

ICD-10-Kategorien

Störung

Anzahla

Prozent

Lindenb

F1

Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen

N=18

5,8%

6,3%

F2

Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen

N=12

3,9%

Keine Angaben

F3

Affektive Störungen

N=35

11,3%

9,3%

F4

Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen

N=101

32,6%

21%

F6

Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen

N=44

14,2%

Keine Angaben

a Gesamtanzahl =310; bLinden 1996 [21], N=2419;

Von den Untersuchern wurden 137 Patienten (44,2%) als entsprechend den ICD-10 Kriterien von psychischen Krankheiten betroffen eingestuft.

Die Patienten mit der Diagnose F1 (psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen) waren bis auf eine medikamentenabhängige Patientin durchwegs Alkholkranke.

Die Diagnose F2 (Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen) war durch Patienten aus allen Untergruppen vertreten, wobei nur die 3 Patienten mit klassisch schizophrenen Erkrankungen speziell hervor gehoben wurden (= 1% der Stichprobe).

Bei den affektiven Störungen (F3) wurde nicht zwischen unipolar und bipolar differenziert. Von den 32,6% der Patienten mit Diagnosen der Gruppe F4 erfüllten 19% die Kriterien für somatoforme Störungen.

In der Kategorie F6 (Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen) wurde keine weitere Spezifizierung vorgenommen.

Vergleich ausgewählter Daten der Vorsorgeuntersuchung von Gehörlosen und Hörenden

Im Folgenden soll auf ausgewählte Vergleichsdaten der Vorsorgeuntersuchung bei Gehörlosen N=310) und Hörenden (N=273) eingegangen werden.

Die beiden Gruppen unterschieden sich signifikant im Alter (Gehörlose ∅=43,3±14,3, Hörende ∅=48,2±15,8, p<0,01) aber nicht im Geschlecht (Gehörlose 52,2% weiblich, Hörende 54,2%). Hörende waren signifikant öfter (228/273) verheiratet als Gehörlose (178/352, p<0,001).

Tabelle 5 zeigt einen Vergleich der häufigsten subjektiven psychischen und somatischen Beschwerden nach dem Anamneseblatt der Vorsorgeuntersuchung der österreichischen Sozialversicherung. Alle 6 häufigsten Beschwerden kommen bei Gehörlosen signifikant häufiger als bei Hörenden vor (obwohl die Population jünger ist!).
Tabelle 5

Vergleich der häufigsten subjektiven psychischen und somatischen Beschwerden nach dem Anamneseblatt der Vorsorgeuntersuchung bei Gehörlosen und Hörenden

Beschwerden

Gehörlose

Hörende

χ2, df=1

p

N=352

N=273

Psychische und/oder somatische Beschwerdenvorhanden

244

69,3%

150

54,9%

13,63

<0,001

Nervös, ängstlich, überlastet oder überfordert

244

69,3%

123

45,1%

37,34

<0,001

Rückenschmerzen

159

45,2%

69

25,3%

26,28

<0,001

Magen-Darm-Beschwerden

115

32,7%

26

9,5%

26,79

<0,001

Kardiopulmonale Beschwerden

107

30,4%

60

22,0%

5,57

<0,05

Obstipation

81

23,0%

28

10,3%

17,37

<0,001

Kopfschmerzen

64

18,2%

9

3,3%

33,04

<0,001

Gehörlose „nervöse“ Patienten haben signifikant häufiger (171/244) somatische Beschwerden als „nicht nervöse“ (40/108; p<0,001). Die Daten können als Hinweis für eine erhöhte Stressbelastung bei gehörlosen Patienten angesehen werden.

Bei den gehörlosen Patienten wurden aber auch von den Ärzten häufiger körperliche Krankheiten festgestellt (Gehörlose 83,5%, Hörende 69,2%; p<0,001).

Signifikante Unterschiede ergaben sich bei Erkrankungen der Wirbelsäule und der Gelenke (p<0,001), bei gastrointestinalen Erkrankungen (p<0,001) sowie kardiovaskulären Erkrankungen (p<0,01).

Diskussion

Psychosoziale Merkmale

Im Wesentlichen zeigen die soziodemographischen Daten der konsekutiv in die sozialmedizinische Betreuung aufgenommenen Patienten, die aus der Literatur [16] bekannten Charakteristika von Menschen, die Teil der Gehörlosenkultur sind.

Die hohe Übereinstimmung zeigt sich nicht nur in der Tatsache, dass 85% der Gehörlosen, die in einer Partnerschaft leben, ebenfalls einen gehörlosen Partner haben und darin, dass 89,9% der Kinder unserer gehörlosen Patienten hörend sind, sondern auch in ihrer unterprivilegierten sozioökonomischen Situation.

Obwohl die Mehrheit der von uns untersuchten Gehörlosen eine abgeschlossene Berufsausbildung hat (65,1%), ist doch der Großteil von ihnen nicht in entsprechenden Fachbereichen eingesetzt, sondern im Feld der ungelernten Kräfte, was auch im niedrigen Lohn zum Ausdruck kommt.

Dieses Phänomen ist unter anderem auch dem behinderungsbedingt erschwerten Zugang zu Informationen und Weiterbildungsmöglichkeiten zuzuschreiben.

Viele Betroffene schildern, dass sie durch überwiegende Beschulung in Spezialschulen für Hörgeschädigte aus ihrer kommunikativen Isolation in den Herkunftsfamilien herausgeholt wurden und sie so Teil der Gebärdensprachgemeinschaft werden konnten. Die starke Aufeinanderbezogenheit findet dann in den Vereinsaktivitäten ihre Fortsetzung, an denen 89,1% angaben, regelmäßig teilzunehmen.

Dass 66,8% der Befragten angaben, ausschließlich gehörlose Freunde zu haben, zeigt wie stark diese Gemeinschaft nach außen abgeschlossen ist.

Diese starke Abgeschlossenheit, in der Hörende latent als Teil der unterdrückenden und privilegierten Mehrheit empfunden werden, mag auch erklären warum relativ wenig wissenschaftliche Arbeiten zu epidemiologischen und psychosozialen Fragestellungen im Gehörlosenbereich zustande kommen konnten. Andererseits sind sicher auch die großen methodischen Probleme (Schwierigkeiten mit dem Einsatz standardisierter Forschungsinstrumente) Ursache für den Mangel an Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet.

Zur psychischen und somatischen Leidensbelastung

Die von uns klinisch erhobenen psychiatrischen Diagnosen lassen für die gehörlosen Patienten eine starke Leidensbetroffenheit in Hinblick auf stressbezogene Störungen erkennen.

Allein auf die Frage nach nervöser Anspannung im Rahmen der Gesundenuntersuchung geben 25% mehr Gehörlose eine bejahende Antwort als die Vergleichsgruppe einer Allgemeinpraxis.

Gehörlose, die sich selber als nervös einstufen, leiden signifikant häufiger unter somatischen Beschwerden.

Die dargestellte psychische und somatische Symptombelastung bei gehörlosen Menschen ist sicherlich multifaktoriell bedingt. Zum Ersten erscheint uns die Kommunikationseinschränkung in früher Kindheit ein erheblicher Stressfaktor zu sein. Ein Kind, das seine Mutter nicht hört und daher auch von ihrer Nähe nur dann weiß, wenn sie gesehen oder gespürt werden kann und dessen Kommunikationsabsichten oft nicht verstanden werden, steht unter erhöhter emotionaler Belastung.

Die bereits erwähnte Beschulung in Internaten hatte bei gehörlosen Kindern trotz vieler positiver Seiten auch negative Folgen. So zum Beispiel geben erwachsene Gehörlose an, dass das Internatsleben wenig Schutz vor sexuellem Missbrauch bot [26]. Auch die Trennung von der Herkunftsfamilie wurde vielfach als traumatisch beschrieben.

Ein dritter wesentlicher Faktor ist sicherlich die erhöhte Energie, die gehörlose Menschen brauchen, um alltägliche Kommunikationssituationen zu bewältigen und auch mit Missverständnissen fertig zu werden.

Zudem kann man annehmen, dass mangelnde sprachliche Ausdrucksfähigkeit die Somatisierungstendenz fördert. Ein starker Zusammenhang zwischen Sprachentwicklungsproblemen und psychiatrischen Störungen (insbesondere internalisierenden) ist belegt [3, 4].

Ausblick

Die dargestellte erhöhte somatische Leidensbelastung zeigt aber auch Wege auf, wie die Gesundheitssituation gehörloser Menschen verbessert werden kann: indem sie auf der „somatischen Ebene“ abgeholt werden, kann auch ein Zugang zu einer umfassenderen psychosozialen Unterstützung aufgetan werden.

Dabei erweist sich die Möglichkeit, mit Fachleuten in Gebärdensprache direkt zu kommunizieren, als große Erleichterung und vertrauensbildende Möglichkeit. Die Schaffung von Gehörlosenambulanzen in Allgemeinspitälern in Österreich, bisher in Linz, Salzburg und Wien, hat sich dabei sehr gut bewährt. Auch in anderen Ländern Europas sind derartige Modelle nun in Vorbereitung bzw. haben ihre Arbeit aufgenommen.

Für die weitere Beforschung von psychosozialen Problemen in der Gehörlosenbevölkerung ist die Übersetzung von Untersuchungsinstrumenten in die Gebärdensprache von besonderer Bedeutung. Erste Ansätze bietet ein von uns entwickeltes, in die Gebärdensprache übersetztes, interaktives computerunterstütztes Instrumentarium zur Beurteilung der Lebensqualität und der Grundlagen psychischer Gesundheit Gehörloser.

Interessenkonflikt

Keine Angaben

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