Monatsschrift Kinderheilkunde

, Volume 155, Issue 3, pp 287–288

Erlernen von Geschmack und Geruch

Einfluss der ethnischen Zugehörigkeit und der Diät der Schwangeren

Authors

    • Psychosomatik und Psychotherapie, Abteilung für Allgemeine PädiatrieUniversitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde
  • M. Eichberger
    • Psychosomatik und Psychotherapie, Abteilung für Allgemeine PädiatrieUniversitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde
  • M. Tappauf
    • Psychosomatik und Psychotherapie, Abteilung für Allgemeine PädiatrieUniversitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde
  • T. Trabi
    • Psychosomatik und Psychotherapie, Abteilung für Allgemeine PädiatrieUniversitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde
  • M. Dunitz-Scheer
    • Psychosomatik und Psychotherapie, Abteilung für Allgemeine PädiatrieUniversitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde
Pädiatrie aktuell

DOI: 10.1007/s00112-007-1474-0

Cite this article as:
Scheer, P., Eichberger, M., Tappauf, M. et al. Monatsschr Kinderheilkd (2007) 155: 287. doi:10.1007/s00112-007-1474-0

Learning to taste and smell

Influence of ethnicity and diet of the mother-to-be

Zu Recht fragt man sich, wie Kinder Geschmack und/oder Geruch erlernen. Einiges ist bekannt: Im letzten Trimenon trinkt ein gesundes Kind etwa 1 l Amnionflüssigkeit/Tag. Diese hat das Kind selbst produziert, es ist sein Urin. In diesen gehen sowohl volatile (flüchtige) Geruchsstoffe ein, als auch Gerüche, die in Flüssigkeiten gebunden sind und erst beim Schlucken bedeutsam werden.

Tierversuche und Modellvorstellungen

Das Monell Chemical Senses Center in Philadelphia, PA, USA, ist das weltgrößte Zentrum zur Erforschung von Geruch und Geschmack. Die beiden Leiter Gary K. Beauchamp und die für Fortbildung und Fragen der Kindheit zuständige Julie A. Mennella beschäftigen sich seit Jahren mit der Erforschung des Geschmacklernens [1, 2, 3, 4, 5, 7]. Sie sind beide Biologen und deshalb mit Tierversuchen vertraut. Diese werden im Institut z. B. mit genetisch veränderten Nagern, die z. B. bitter nicht schmecken können, fortgesetzt.

Klinik

In der klinischen Praxis fiel vor Jahren auf, dass Frühgeborene saure Geschmacksrichtungen bevorzugen. In Zusammenarbeit mit dem Childrens Hospital Philadelphia (CHOP) wurden erste Studien vorgenommen und daraus erste Annahmen getroffen: Man vermutete, dass die Qualität des Fruchtwassers entscheidend beim Erlernen des Geschmacks ist.

Geschmack und Geruch werden im Mutterleib erlernt und spielen eine große Rolle im Erlernen des Essens

An sich bevorzugen alle Kinder süß. So erklärt sich auch die „Naschkatze“ Kind. Allerdings verhält sich dies bei Frühgeborenen anders. Hypothesen dazu sind:
  • Frühgeborene sind durch den gastroösophagealen Reflux mehr das Saure gewöhnt.

  • Die Wahrnehmung sauer schützt den Menschen mehr vor Speisen, die Schaden zufügen können und wird daher früher ausgebildet als die Qualität süß.

  • Mütter Frühgeborener nehmen andere Nahrungsmittel zu sich, sie trinken etwa mehr Alkohol als andere Mütter.

In der Forschung zeigte sich:
  1. 1.

    Der Geschmack wird intrauterin präformiert. Allerdings ist heute aus ethischen Überlegungen nicht mehr möglich, was noch 1920 machbar war: Damals wurde freiwilligen Müttern übel riechendes Öl intrauterin appliziert und eine Verringerung der Schluckfrequenz der Feten mit Röntgendurchleuchtung festgestellt. Heute werden der Mutter verabreichte Substanzen von Testpersonen im Doppelblindverfahren errochen. So konnten Testpersonen z. B. die sehr stark volatile Substanz des Knoblauchs in der Amnionflüssigkeit riechen.

     
  2. 2.

    Verschiedene Milchpulver (Formula) prägen den Geschmack in der frühen Kindheit. Im Alter von etwa 3–6 Monaten ist das Kind leicht an Hydrolysatnahrungen zu gewöhnen und weist sie auch später nicht zurück. Wird jedoch, etwa wegen einer spät entdeckten Kuhmilchproteinintoleranz, das Kind erst nach dem 6. Monat auf eine Hydrolysatnahrung umgestellt, sind deren ekliger Geruch und Geschmack (der angeblich bei gentechnisch hergestellten Hydrolysaten ohne Disulfidbrücken besser sein soll) für die Fütterung des Kindes ein Problem.

     

In einer der neuesten Studien des Monell Chemical Senses Center, vor dessen Eingang eine Bronzeskulptur mit einer riesigen Nase und einem Mund steht, konnte gezeigt werden, dass Kinder, deren Mütter Karotten und Brokkoli bekommen hatten, diese Gemüse früher und leichter in der Babynahrung akzeptierten als Kinder, die pränatal keinen Kontakt mit diesen Substanzen hatten [7]. Im Sinne einer Gesundheitsförderung für Kinder und einer Förderung von Vorlieben in der Bevölkerung können solche Studien nicht ernst genug genommen werden, da man so zeigen kann, dass Vorlieben etwa für Gemüse und eine frühe Akzeptanz bereits vorgeburtlich angelegt werden. Ebenso zeigten die Studien von Mennella et al. [6], dass Alkohol in der Schwangerschaft den Geschmack des Kindes negativ beeinflusst, was darauf hindeutet, dass Kinder dann den Geschmack von Alkohol mögen lernen.

Ethnische Zugehörigkeit und die Diät der Schwangeren sind bei der Geschmacksbildung des Kindes mitbestimmend

Bereits im Vorfeld zu einer Untersuchung, die unsere Studiengruppe mit Frau Mennella zum Übergang von Sondennahrung auf Alltagskost geplant hat, zeigte sich in der klinischen Beobachtung, dass viele Kinder bei diesem Übergang sauer-salzige Speisen (vielleicht v. a. Frühgeborene, die das an sich gern mögen) wie süßsaure Gurken, Essiggurken und Thunfisch bevorzugen. Manche Sondenentwöhnungen gelingen deshalb nicht, weil Nahrungen angeboten werden, die das Kind nicht mag oder nicht kennt.

Fazit

Die Schlussfolgerungen für die Praxis sind enorm:

Kinder, die gänzliche oder teilweise hydrolysierte Nahrung benötigen, sollen diese früh bekommen. Muss ein Kind nach dem 6. Lebensmonat auf hydrolysierte Nahrung umgestellt werden, kann die Gewöhnung Schwierigkeiten bereiten. Eine allfällig geplante Wiedereinführung von Proteinen sollte erst erfolgen, wenn es wahrscheinlich ist, dass das Kind nicht wieder Hydrolysatnahrung benötigt.

Die Zusammensetzung der Milchpulver und deren Geschmack müssen nicht an die ethnische Herkunft der Familie angepasst werden. So lange das Milchpulver süß ist, ist es wahrscheinlich, dass das Kind es annimmt. Allerdings helfen insbesondere volatile Substanzen, die das Kind aus seiner Pränatalzeit kennt, diesem beim Erlernen des Essens.

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