Der Anaesthesist

, Volume 62, Issue 3, pp 225–229

Prämedikation mit Midazolam

Unerlässlich und gut?

Authors

    • Department of AnesthesiologySophia Children’s Hospital, Erasmus MC Rotterdam
    • Klinik für Anästhesiologie, HELIOS Klinikum WuppertalUniversität Witten/Herdecke
Pro und contra

DOI: 10.1007/s00101-013-2146-1

Cite this article as:
Machotta, A. & Schneider, G. Anaesthesist (2013) 62: 225. doi:10.1007/s00101-013-2146-1

Premedication with midazolam

Indispensable and good?

Pro

A. Machotta

Department of Anesthesiology, Sophia Children’s Hospital, Erasmus MC Rotterdam, Rotterdam, Niederlande

Vor einem chirurgischen Eingriff oder einer Untersuchung erleben bis zu 60 % aller Kinder Angst und Stress. Die Narkoseeinleitung wird dabei als besondere Stresssituation empfunden [1]. Dies gilt insbesondere für Kinder im präverbalen Alter, aber auch für Kinder mit psychischer Retardierung oder mit Sprachbarrieren [2]. Kinder, die schlechte Erfahrungen im Krankenhaus gemacht haben oder solche mit wiederholten Krankenhausaufenthalten, sind eine spezielle Risikogruppe [3]. Temperament, Emotionalität, Alter und Einsichtsfähigkeit eines Kindes sind weitere Faktoren, die das Stresserleben beeinflussen.

Auch der Ort der Operation kann Angst auslösend sein. Eine auf Kinder spezialisierte ambulante Praxis kann meistens eine stressfreiere Atmosphäre erzeugen als der hochtechnische und personalintensive OP einer Universitätsklinik.

Präoperative Angst bei Kindern kann zu Verweigerung, aggressivem Verhalten während der Einleitung und neben vermehrtem postoperativem Schmerz, höherem Analgetikaverbrauch, vermehrter postoperativer Übelkeit und Erbrechen („postoperative nausea and vomiting“, PONV) sowie Aufwachdelirien schließlich zu postoperativen Verhaltensstörungen bis hin zu einem „posttraumatic stress syndrome“ führen [4][5][6]. Deswegen sind Strategien notwendig, um diese Angst zu behandeln.

Vorteile von Midazolam

Die anxiolytische Prämedikation mit oral, rektal oder auch intranasal appliziertem Midazolam ist seit mehr als 25 Jahren ein weltweit anerkanntes Verfahren, um diesen präoperativen Stress zu minimieren. Midazolam reduziert nicht nur die Angst bei Kindern, sondern auch die Angst der begleitenden Eltern. Bei minimalem Effekt auf Aufwach- und Entlassungszeiten zeigt es eine positive Wirkung auf das postoperative Verhalten, und die Eltern sind zufriedener [6][7]. Zudem verfügt Midazolam mit nahezu 1000 Treffern in einer PubMed-Stichwortsuche („midazolam AND children AND anaesthesia“) über eine gute Datenlage und ist als ein gut untersuchtes sowie sicheres Medikament einzuschätzen.

Unerwünschte Wirkungen

Neben seiner hervorragenden Anxiolyse geht die Midazolamgabe allerdings auch mit unerwünschten Wirkungen, wie bitterer Geschmack und Brennen bei intranasaler Applikation, einher. Bei manchen Patienten treten paradoxe Reaktionen auf, und in hoher Dosierung kann Midazolam sedierend und atemdepressiv sein. Die bekannteste Nebenwirkung ist die anterograde Amnesie, die von manchen, v. a. erwachsenen Patienten als unangenehm empfunden wird. Eine neu erforschte Erkenntnis ist, dass es dabei zu einer Trennung von expliziter und impliziter Erinnerung kommt. Durch den Einsatz von Midazolam bleibt die implizite Erinnerung erhalten, während die explizite Erinnerung unterdrückt wird. Das bedeutet, dass zwar Erlebnisse im Gedächtnis gespeichert bleiben, diese aber nicht explizit geäußert werden können. Dies wurde von Pringle et al. [8] an Kindern mit onkologischen Erkrankungen entdeckt, die während schmerzhafter Eingriffe, z. B. während Lumbal- und Knochenmarkpunktionen, mit Midazolam sediert worden waren. Dabei ist nicht geklärt, welche Rolle Schmerzen und eine unzureichende Analgesie spielen, ob dieses Phänomen nur bei Kindern oder auch bei Erwachsenen und ob es nur bei Midazolam oder auch bei anderen Medikamenten auftritt. Hier sind sicherlich mehr Daten notwendig und hoffentlich auch zu erwarten, um diesen Effekt insgesamt bewerten zu können. Als eine Konsequenz daraus sollte Midazolam gezielt und ausschließlich als Anxiolytikum eingesetzt werden, um die möglichen negativen Folgen, die aus dieser Trennung von explizitem und implizitem Gedächtnis entstehen können, zu vermeiden. Eine Verwendung als „Narkoseersatz“ bei schmerzhaften Eingriffen ohne ausreichende Analgesie unter Ausnutzung seiner anamnestischen Nebenwirkung ist auf der Grundlage dieser Erkenntnisse nicht zu verantworten.

Alternativen

Neben der pharmakologischen Prämedikation ist in den letzten Jahren auch eine Anzahl von nichtpharmakologischen Methoden entwickelt worden, wie multimodale präoperative Schulungsprogramme, die Kindern und Eltern Informationen über den Eingriff und das Krankenhaus vermitteln. Dies kann anhand von gedrucktem Informationsmaterial, aber auch Web-gestützt geschehen. Die englischsprachige Website „http://www.anaesthesiaweb.org“ ist ein gutes Beispiel, wie neue Medien zur Aufklärung und zur Vorbereitung vor Operationen eingesetzt werden können. Allerdings gibt es zurzeit keine Daten über die Effektivität dieser Methoden und Programme. Auch der Einsatz von Spieltherapeuten und „Klinik-Clowns“ [9] ist vielversprechend, ebenso der präoperative Einsatz von Hypnose, Musiktherapie und anderen Entspannungstechniken. Allerdings konnte die Effektivität dieser nichtpharmakologischen Methoden bisher nicht nachgewiesen werden [10].

Lange Zeit versprach die Anwesenheit der Eltern bei der Narkoseeinleitung, ein probates Mittel zu sein, um die präoperative Angst bei Kindern zu vermindern. Kain [1] konnte in einem Experiment jedoch eindrucksvoll zeigen, dass die Anwesenheit der Eltern keineswegs effektiver ist als eine Prämedikation mit 0,5 mg/kgKG Midazolam. Eltern können ihre Angst auf das Kind übertragen [11], und jüngere Kinder verstehen nicht, warum Eltern schmerzhafte Prozeduren, wie eine Venenpunktion, geschehen lassen und ihnen nicht dabei helfen, diesem „Angriff“ auszuweichen. Allenfalls profitieren Kinder, die älter als 4 Jahre sind, mit ruhiger Persönlichkeit und zudem ruhigen Eltern von deren Anwesenheit während der Narkoseeinleitung [12]. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass zurzeit keine nichtpharmakologische Methode existiert, die gleich effektiv oder besser ist als die medikamentöse Anxiolyse mit Midazolam.

Aufgrund der anfangs erwähnten Nebenwirkungen wurden in den letzten Jahren mehrere medikamentöse Alternativen zu Midazolam untersucht. Ein ideales Prämedikationsmedikament sollte anxiolytisch wirken, einfach zu applizieren sein, schnell sowie kurz wirken und zudem eine große therapeutische Breite mit wenigen Nebenwirkungen haben. Welche Alternativen stehen zur Verfügung?

Die p.o.-Clonidin-Gabe in einer Dosierung von 4–5 µg/kgKG wirkt sedierend, ist potenziell atemdepressiv, hat eine mit 45 min lange Anschlagzeit und wirkt bis zu 48 h. Es gibt wenige randomisierte Studien, die Clonidin mit Midazolam zur Prämedikation direkt vergleichen [13][14][15][16]. Davon beurteilen nur 2 Studien die Anxiolyse und die Sedierung bei der Einleitung [13][15]. Almenrader et al. [15] konnten zeigen, dass Clonidin im Vergleich zu Midazolam eine stärkere Sedierung bei der Einleitung verursacht. So kam ein Großteil der Kinder tief schlafend in den OP, und die Narkoseeinleitung gelang, ohne dass die Patienten zuvor erwachten. Der Anteil der Kinder jedoch, die während der Narkoseeinleitung ein kooperatives Verhalten zeigten, war mit Midazolam größer. Fazi et al. [13] beschrieben einen höheren Angst-Score der Kinder bei Trennung von den Eltern während der Einleitung bei der Clonidin-Gruppe.

Dexmedetomidin ist ein selektiver α2-Agonist mit kurzer Anschlagzeit und kurzer Wirkdauer. Allerdings ist die orale Applikation nicht möglich; die Bioverfügbarkeit beträgt 16 % [6]. Kardiale Nebenwirkungen wie ein Vorhofstillstand sind bei i.v.-Gabe beschrieben [17]. Ketamin und S-Ketamin in einer p.o.-Dosierung von 3–8 mg/kgKG sind ebenfalls als Prämedikationsmedikament möglich. Die Nebenwirkungen sind Erbrechen, Übelkeit sowie Schwindel, und die anxiolytische Wirkung bei alleiniger Gabe ist im Vergleich zu Midazolam gering [18].

Schlussfolgerungen

Demzufolge ist Midazolam, im Vergleich zu den beschriebenen Alternativen, das Anxiolytikum, das einfach zu applizieren ist, mit der größten anxiolytischen Wirkung, günstigsten Pharmakokinetik und Bioverfügbarkeit. Es besitzt eine große therapeutische Breite und zeigt im Vergleich wenige Nebenwirkungen.

Zusammenfassend kann festgestellt werden:

- Manche Kinder leiden wie Erwachsene unter Angst vor der Operation und der Narkose. Sie haben das Recht auf eine adäquate Anxiolyse.

- Midazolam ist ein bewährtes Medikament zur präoperativen Anxiolyse.

- Es gibt zurzeit keine gleichwertige pharmakologische Substanz oder nichtpharmakologische Strategie zur Anxiolyse vor Operationen als Midazolam.

Midazolam ist sicher nicht das ideale Prämedikationsmittel. Vor allem sein Einfluss auf das implizite und explizite Gedächtnis muss weiterhin im Fokus wissenschaftlicher Untersuchung bleiben.

Auch benötigen nicht alle Kinder präoperativ Midazolam. Die Schwierigkeit besteht darin, diese Kinder in der präoperativen Sprechstunde zu erkennen. Dennoch ist eine Prämedikation mit Midazolam für viele pädiatrische Patienten empfehlenswert und gut.

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Kontra

G. Schneider

Klinik für Anästhesiologie, Helios-Klinikum Wuppertal, Universität Witten/Herdecke, Wuppertal

Medikamentöse Prämedikation gilt als wesentlicher Bestandteil der Anästhesie bei Kindern über 6 Monaten. Letztlich ist unklar, ob die Prämedikation mit Midazolam wirklich „unerlässlich und gut“ ist oder sich mangels Alternativen so weit verbreitet hat. Im Jahr 2005 beschrieb Lönnqvist [1] in einem Editorial in Paediatric Anaesthesia die Situation vor der Markteinführung von Midazolam: Prämedikation bestand aus verschiedensten Medikamenten und Medikamentenkombinationen. Diese waren von Klinik zu Klinik, z. T. auch von Abteilung zu Abteilung unterschiedlich. Mitte der 1980er Jahre kam dann Midazolam auf den Markt, das nicht nur vom Hersteller, sondern auch von vielen Meinungsbildnern empfohlen wurde. Durch eine Reihe von Eigenschaften schien es prädestiniert zur Prämedikation.

Die routinemäßige Prämedikation mit Midazolam bei Kindern ist nicht evidenzbasiert oder kritisch evaluiert. Es ist also zu klären, ob in der Kinderanästhesie eine medikamentöse Prämedikation routinemäßig erforderlich ist. Zusätzlich stellt sich die Frage, ob Midazolam das Mittel der Wahl darstellt.

Anforderungen an die medikamentöse Prämedikation

Um die „Unerlässlichkeit und Qualität“ von Midazolam zur Prämedikation zu klären, müssen zuerst die Anforderungen und Erwartungen an medikamentöse Prämedikation definiert werden.

Vor Anwendung moderner Anästhetika galt die medikamentöse Prämedikation als wesentlicher Bestandteil der Anästhesie. Sie trug zur Stabilität des autonomen Nervensystems bei und sollte insbesondere ein Überschießen vagaler Reflexe reduzieren. Das Nebenwirkungsprofil moderner Anästhetika ist deutlich verbessert. Weder die totale intravenöse Anästhesie (TIVA) noch die „balanzierte“ Anästhesie mit neueren Inhalationsanästhetika, z. B. Sevofluran, erhöhen die Empfindlichkeit auf Katecholamine, induzieren eine Hypersalivation oder Vagolyse. Dies macht die medikamentöse Prämedikation zur Reduktion systemischer Nebenwirkungen weitgehend überflüssig [2] und stellt Anxiolyse, Sedierung und Amnesie in den Vordergrund.

Neuere Anästhetika haben nicht nur die Anforderungen an die medikamentöse Prämedikation verändert, sondern bedingen auch, dass die pharmakokinetischen Eigenschaften von Midazolam neu betrachtet werden müssen. Im Vergleich zu kurz wirksamen Anästhetika wie Remifentanil oder Propofol ist die Verwendung des Begriffs „kurz wirksam“ für Midazolam irreführend, da die Halbwertszeit bei Kleinkindern und Vorschulkindern immerhin 1–2 h beträgt. Im Rahmen der ambulanten Versorgung bei Sevoflurananästhesien an Kleinkindern (bis zu 3 Jahren) führte eine Prämedikation mit Midazolam zu verzögerter Erholung von der Anästhesie [3]. Der einzige positive Effekt lag in einer geringeren Rate nächtlicher Schlafstörungen. Die relativ lange Wirkung von Midazolam zeigte sich auch in einer weiteren Untersuchung an Kindern: Reaktionszeit und psychomotorische Koordination waren bei Kindern, die Midazolam zur Prämedikation erhalten hatten, über 48 h nachweisbar beeinträchtigt [4].

Präoperative Ängstlichkeit

Der gesamte Krankenhausaufenthalt sowie ggf. die Trennung von den Eltern bergen das Risiko der Traumatisierung. Wenn auch die Durchführung der Anästhesie und des operativen Eingriffs nur einen Bruchteil der potenziell traumatisierenden Ereignisse darstellt, muss dieser Bereich doch mitbetrachtet werden. Negative Folgen präoperativer Ängstlichkeit sind nachgewiesen. Kinder, die präoperativ erhöhte Ängstlichkeit zeigen, entwickeln in Folge häufiger Albträume, Essstörungen, Apathie, haben häufiger Tendenzen sich zurückzuziehen und leiden unter Trennungsangst sowie Enurese [5].

Anxiolyse durch Midazolam

Die Prämedikation mit Midazolam kann nicht nur die Ängstlichkeit der Kinder selbst, sondern auch die der sie begleitenden Eltern reduzieren [6, 7]. Eine 2006 veröffentlichte Metaanalyse von Cox et al. [8] belegte zwar, dass mit Midazolam prämedizierte Kinder weniger Ängstlichkeit vor Eingriff und Einleitung hatten. Allerdings konnte kein eindeutig positiver Effekt in Bezug auf postoperative Agitation oder Verhaltensauffälligkeiten zu Hause nachgewiesen werden.

Die Einleitung der Anästhesie stellt jedoch kein isoliertes potenziell negativ geprägtes Geschehen dar. Midazolamsaft hat einen unangenehm bitteren Geschmack, der auch durch Beimischungen nur schwer zu überdecken ist. Spätestens, wenn Kinder Midazolam verweigern oder es wieder ausspucken, muss über alternative Applikationswege nachgedacht werden. Die rektale Applikation dürfte allenfalls in den ersten Jahren eine Alternative darstellen und wird bei Kindern, die die orale Aufnahme verweigern, selten problemlos möglich sein. Bei nasaler Applikation brennt Midazolam auf der Nasenschleimhaut; dies lässt sich allenfalls durch sehr feine Zerstäubung reduzieren. Dies unterstreicht, dass die Substanz nicht ausnahmslos positive Eigenschaften hat oder ideal wäre. Die Vermeidung der Traumatisierung im Rahmen der Anästhesieeinleitung darf nicht zu einer Vorverlegung der Traumatisierung führen.

Der Diskussionstitel „Prämedikation mit Midazolam – Fragen der Unerlässlichkeit und Qualität“ beinhaltet auch die Frage, ob eine Reduktion der Ängstlichkeit und Traumatisierung ausschließlich mit Midazolam erreicht werden kann.

Anwesenheit der Eltern

Die Begleitung durch die Eltern kann als einfaches, nichtmedikamentöses Verfahren die Ängstlichkeit der Kinder verringern. Kain et al. [5, 7, 9] beschäftigten sich intensiv mit den Auswirkungen der elterlichen Anwesenheit bei Narkoseeinleitung. Häufig wird das Vermeiden einer Trennung von den Eltern im Rahmen der Anästhesieeinleitung als eigenständiges Qualitätsmerkmal betrachtet, auch wenn positive Effekte einer Begleitung durch die Eltern nicht immer nachweisbar sind.

Der Nutzen dürfte vom Persönlichkeitstyp sowohl des Kindes als auch der Eltern abhängig sein. Die Anwesenheit ängstlicher oder besorgter Eltern könnte die Ängstlichkeit des Kindes auch steigern. Deshalb müssen bei der Vorbereitung auf den operativen Eingriff nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern adäquat aufgeklärt und vorbereitet werden.

Kain et al. konnten zeigten, dass Kinder, bei denen die ganze Familie auf den operativen Eingriff vorbereitet worden war, während der Narkoseeinleitung sowohl deutlich weniger ängstlich waren als bei kliniküblichem Vorgehen, als auch bei Anwesenheit der Eltern ohne diese Vorbereitung oder nach Prämedikation mit Midazolam. Dies führte zu geringerer Inzidenz des postoperativen Delirs, geringerem Analgetikabedarf sowie schnellerer Erholung und Entlassung aus dem Aufwachraum [9]. Dennoch wird eine Begleitung durch die Eltern als isolierte Maßnahme nicht den Anforderungen einer optimalen präoperativen Vorbereitung gerecht, sondern stellt nur einen Baustein im Gesamtkonzept der perioperativen Betreuung von Eltern und Kind dar, das auf die Schaffung eines kindgerechten und kindzentrierten Umfelds zielt.

Sedierung und Amnesie

Die negativen Folgen traumatisierender Ereignisse suggerieren, dass der systematische Einsatz von Midazolam und die dadurch induzierte anterograde Amnesie einen entscheidenden Beitrag leisten könnten, negative Folgen perioperativer Erlebnisse zu reduzieren. Dagegen sprechen jedoch Ergebnisse von Jugendlichen mit Sedierung für interventionelle Eingriffe. Bei 26 hämatologisch oder onkologisch erkrankten Jugendlichen, die sich unter Midazolamsedierung einem interventionellen Eingriff unterzogen, bestand eine anterograde Amnesie nur für das explizite Gedächtnis, während implizite Gedächtnisfunktionen erhalten waren [10]. Im Bereich der Allgemeinanästhesie zeigte eine doppelblind durchgeführte Studie an 23 Kindern zwischen 3 und 6 Jahren, dass die Prämedikation mit Midazolam zwar eine Blockade expliziter, nicht jedoch impliziter Erinnerung bewirkte. Sowohl kognitive als auch psychomotorische Leistungen waren nach Midazolam deutlich beeinträchtigt.

Die selektive Blockade expliziter Erinnerung hat zur Folge, dass trotz Auslöschung bewusster Gedächtnisinhalte durch Midazolam antizipatorische Angst vor wiederholten Eingriffen bestehen kann. Dies wird von einer weiteren Untersuchung gestützt, die bei Kindern, die Midazolam zur Prämedikation erhalten hatten, verstärkt Ängstlichkeit in der postoperativen Phase beobachtete [11].

Paradoxe Wirkung von Midazolam

Auch bei Kindern wird die paradoxe Wirkung von Midazolam beschrieben. Mit 21- bis 26%iger Häufigkeit wird das Auftreten von Schluckauf beobachtet. Dies scheint dosisunabhängig, aber altersspezifisch aufzutreten [12]. Als weitere klinische Manifestationen gelten Unruhe, Agitiertheit, aggressives und gewalttätiges Verhalten bis hin zu Selbstgefährdung sowie der Notwendigkeit, die Kinder festzuhalten. In einzelnen Fällen mag es schwierig zu differenzieren sein, ob bei Auftreten der Symptome die gewählte Midazolamdosis zu niedrig war oder ob es sich um eine paradoxe Reaktion handelt. Die paradoxe Reaktion selbst scheint jedoch weitgehend dosisunabhängig, da eine zusätzliche Dosis des Medikaments die paradoxe Wirkung nicht oder schlechter durchbricht als die zusätzliche Gabe von Ketamin [13]. Auch lässt sich die paradoxe Wirkung durch Antagonisierung mit Flumazenil beenden, was ebenfalls für einen direkten Effekt von Midazolam spricht [14].

Anästhesie und neuronaler Zelltod

Die ersten 2 Lebensjahre stellen bei Kindern eine besonders vulnerable Phase neuronaler Vernetzung und Synapsenbildung dar. Ob die in Tierversuchen nachgewiesene anästhetikainduzierte apoptotische Neurodegeneration [15, 16] auch bei Menschen von Relevanz ist, ist noch nicht endgültig geklärt. Derzeit wird der Effekt eines operativen Eingriffs in Allgemeinanästhesie in 2 großen Studien prospektiv untersucht, nämlich der „Pediatric Anesthesia and Neurodevelopment Assessment“ (PANDA) und der „A Multi-site Randomized Controlled Trial Comparing Regional and General Anesthesia for Effects on Neurodevelopmental Outcome and Apnea in Infants“ (GAS).

Zu den potenziellen Triggern induzierter Apoptose zählen Substanzen, die den N-Methyl-D-Aspartat(NMDA)-Rezeptor oder spannungsabhängige Natriumkanäle blockieren, aber auch Agonisten der γ-Aminobuttersäure (GABAA-Agonisten, Benzodiazepine; [17]). Es ist unwahrscheinlich, dass ein Medikament allein für diese Effekte verantwortlich gemacht werden kann. Dennoch konnte in Tierversuchen Midazolam oder die Kombination von Midazolam mit Anästhetika entsprechende histopathologische Befunde auslösen. Deshalb ist abzuwägen, ob ein routinemäßiger Einsatz von Midazolam mit derartigem großem Nutzen verbunden ist, dass dieser das potenzielle Risiko aufwiegen würde.

Medikamentöse Alternativen zu Midazolam

Mit den α2-Agonisten Clonidin und Dexmedetomidin stehen 2 Medikamente zur Verfügung, die die Rolle von Midazolam als Standardmedikament für die Prämedikation infrage stellen könnten. Beide lassen sich intranasal als Aerosol verabreichen und sind im Gegensatz zu Midazolam geschmacksneutral. Clonidin zeichnet sich durch hohe Bioverfügbarkeit sowohl nach oraler als auch rektaler Applikation aus. Die Medikamente bewirken Anxiolyse und Sedierung; im Gegensatz zu Midazolam beeinträchtigen sie weder kognitive Funktionen noch das Gedächtnis. Im perioperativen Bereich unterstützen sie die hämodynamische Stabilität, senken den Bedarf an Analgetika und reduzieren postoperative Verwirrtheit und Agitiertheitszustände [18]. Sie entfalten im Gegensatz zu Midazolam ihre Wirkung nicht über den GABAA-Rezeptor und stehen nicht im Verdacht, Apoptose zu induzieren [17, 19, 20].

Allerdings handelt es sich beim Einsatz von α2-Agonisten zur Prämedikation um eine Anwendung außerhalb der zugelassenen Indikation. Empfohlen wird die orale Gabe von 4 µg/kgKG oder die intranasale Gabe von 2 µg/kgKG [18]. Hämodynamische Effekte sind hierbei minimal, allerdings tritt die Wirkung sehr langsam ein (45 min) und hält lange an. Dies dürfte zumindest den Einsatz im ambulanten Bereich limitieren.

Fazit

Midazolam hat einige unerwünschte Effekte in der Prämedikation von Kindern. Kognitive Fähigkeiten sind nachweisbar bis zu 48 h beeinträchtigt. Bei Amnesie für explizite Gedächtnisinhalte ist die implizierte Erinnerung erhalten. Durch die Schaffung einer kindgerechten Umgebung mit Einbeziehung der Eltern können bereits viele der Ziele auf nichtmedikamentösem Weg erreicht werden.

Eine medikamentöse Prämedikation in der Kinderanästhesie ist nicht zwingend nötig und sollte deshalb individualisiert erfolgen. Bei Kindern, bei denen trotz begleitender Maßnahmen eine medikamentöse Prämedikation erforderlich ist, sollte der Einsatz von α2-Agonisten erwogen werden. Sie wirken selektiv anxiolytisch und sedierend, ohne Gedächtnisfunktion oder kognitive Leistungen zu beeinträchtigen. Zumindest in Fällen, bei denen eine mögliche längere Nachwirkung sedierender und anxiolytischer Effekte kein Problem darstellt, sind α2-Agonisten eine Alternative zu Midazolam.

Interessenkonflikt

Die korrespondierenden Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

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