NTM Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin

, Volume 21, Issue 2, pp 107–141

„Entkrüppelung der Krüppel“

Der Siemens-Schuckert-Arbeitsarm und die Kriegsinvalidenfürsorge in Deutschland während des Ersten Weltkrieges

Authors

    • Institut für GeschichteTechnische Universität Darmstadt
Artikel/Articles

DOI: 10.1007/s00048-013-0092-2

Cite this article as:
Bihr, S. N.T.M. (2013) 21: 107. doi:10.1007/s00048-013-0092-2

Abstract

The massive industrialization of World War I resulted in a previously unimaginable number of casualties. The military and civil agencies in Germany that managed the welfare systems for veterans collaborated with companies, engineers and physicians to produce prosthetic arms, hands and legs that would allow disabled former soldiers to re-enter the factory as productive workers. This article focuses on the one of the best known arm prosthesis, the Siemens-Schuckert-Arm. While other historians have argued that the military command “recycled” disabled soldiers effectively, this article argues instead that this “recycling” was incomplete due to three factors: not all offices and individuals worked together effectively; the price of the arm was too high; and employers thought the disabled would be less productive then female or elderly workers. In other words, while military and civil welfare agencies attempted to re-purpose disabled soldiers using advanced prosthetic technology, their efforts fell far short of fully reintegrating these soldiers into the war effort.

Schlagworte

Erster Weltkrieg Prothesen Kriegskrüppel Siemens-Schuckert Verein Deutscher Ingenieure

“De-mutilating the Cripples”. The Siemens-Schuckert-Prosthesis and Welfare for Disabled Soldiers in Germany during the First World War

Keywords

First World War prostheses war cripples Siemens-Schuckert Association of German Engineers

Der Erste Weltkrieg führte zu einer bis dahin unvorstellbaren Zahl von Toten und Verletzten. Als Folge des „industrialisierten“ Krieges kamen die meisten Opfer nicht mehr durch Handfeuerwaffen ums Leben, sondern durch Artilleriegeschosse. Insbesondere die Schrapnelle neu entwickelter Granaten, die bei ihrer Detonation zersplitterten, führten zu Verwundungen in einem zuvor unbekannten Ausmaß. Der Krieg brachte zehn Millionen Tote und acht Millionen Kriegsinvalide hervor – allein in Deutschland 1,5 Millionen invalide Soldaten (vgl. Kölliker 1925: 1 f.). Für den deutschen Generalleutnant Max Schwarte (1920: 12) waren daher nicht nur Geschütze, Tanks und Gaskampfmittel, also Waffentechnik, kriegsrelevant, sondern auch Prothesen. Aus Sicht einer militärisch dominierten Gesellschaft ging es darum, die Kriegsinvaliden „arbeitsfähig und arbeitsfroh“ (Radike 1920: 597) zu machen. Somit wurde im Verlauf des Krieges der Soldatenkörper Teil einer Mobilmachung, die auch die in die Heimat zurückgekehrten Kriegsinvaliden umfasste. Diese waren zwar schon demobilisiert, sollten aber für den Dienst an der Heimatfront mithilfe von Arbeitsprothesen „remobilisiert“ werden.

Die Rolle der Kriegsinvaliden im Kontext des Ersten Weltkriegs ist in den letzten Jahren von der deutsch- und englischsprachigen Forschung verstärkt erforscht worden. So nimmt Sabine Kienitz (2008: 22) die Bemerkung des österreichischen Autors Joseph Roth, der 1920 angesichts der 2,7 Millionen Kriegsinvaliden von „lebenden Kriegsdenkmälern“ sprach, zum Anlass, sich aus kulturwissenschaftlicher Perspektive mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Kienitz untersucht eingehend die Versuche der Wiedereingliederung kriegsinvalider Soldaten in die Gesellschaft und die Kriegsinvalidenfürsorge in Deutschland. Zentrales Element ihrer Untersuchung ist der Diskurs über die Verkörperung gesellschaftlicher Kriegserfahrung. Dieser Aspekt steht auch im Mittelpunkt der Veröffentlichungen von Carol Poore (2007), Deborah Cohen (2001) und Robert Whalen (1984). Daneben bilden die Gewalterfahrungen von Kriegsinvaliden den Schwerpunkt von Studien aus dem Bereich der Kulturgeschichte und der Disability Studies (z. B. Lutz u. a. 2003).

Auch die Medizinhistorikerin Heather Perry beschäftigt sich mit dem Thema Kriegsinvaliden während des Ersten Weltkriegs. Sie vertritt die These, dass deutsche Mediziner im Rahmen einer militarisierten „Körperökonomie“ eine ständige „Wiederverwertungsmaschinerie […], eine Art Fließbandsystem der körperlichen Reparierung und Erneuerung schufen“ (Perry 2005a: 154; 2005b), um so – erstens – die Wiedereingliederung der Kriegsinvaliden in die Gesellschaft zu ermöglichen und dadurch – zweitens – körperlich gesunde Männer für den Fronteinsatz freizusetzen. Perry konzentriert sich auf den medizinischen Teil der Kriegsinvalidenfürsorge in Deutschland.

Die bereits erwähnte Arbeit von Kienitz beleuchtet zusätzlich auch die technischen Aspekte der Bemühungen um Wiedereingliederung. Dabei spricht sie auch die Zusammenarbeit der Ärzte und Ingenieure an, jedoch ohne diesen Aspekt weiter auszuführen. Ebenso wenig analysiert Kienitz die Probleme der Ingenieure, die von Politikern und Medizinern vorgegebenen Ziele der Kriegsinvalidenfürsorge technisch in Form von Prothesen umzusetzen. Insgesamt lassen beide Arbeiten somit die Frage offen, wie und in welchem Ausmaß das „Recycling der Kriegskrüppel“ (Perry 2005a) in der Praxis funktioniert hat.

Eben an diesem Punkt knüpft meine Untersuchung an. Sie geht von der These aus, dass die Mobilisierung und der „Verwertungskreislauf“ versehrter Soldatenkörper mittels medizintechnischer Hilfsmittel keineswegs so reibungslos und erfolgreich vonstattengingen, wie es die bislang vorliegenden Studien zumindest implizit nahelegen, ganz im Gegenteil. Wie im Folgenden gezeigt wird, war dieser Prozess durch zahlreiche Konflikte und Auseinandersetzungen geprägt. Die miteinander sowohl konkurrierenden als auch kooperierenden zivilen und militärischen Akteure verfolgten zum Teil durchaus unterschiedliche Ziele und wurden dabei fraglos von unterschiedlichen Motiven geleitet. Insbesondere die Zusammenarbeit von Ärzten und Ingenieuren barg vielfältige Probleme.

Für die historischen Akteure bestand das Hauptziel der Kriegsinvalidenfürsorge in der Reintegration der Kriegsinvaliden in die Erwerbstätigkeit. Während die Kriegsinvalidenfürsorge in den anderen europäischen Ländern von einem „billigen Mitgefühl“ und „Leidenschaften und Gefühlen“ (Schlüter 1916: 309), also letztlich durch irrationale Motive geleitet sei, wie die Zeitschrift für Krüppelfürsorge kritisierte, sei die deutsche Kriegsinvalidenfürsorge von Rationalisierungsbestrebungen bestimmt. Dies war zumindest die Selbstwahrnehmung. Trotz der in ihr zutage tretenden Simplifizierung und der deutlichen Wirksamkeit propagandistischer Motive, zeigt sich hier ein wichtiges Leitbild der deutschen Kriegsinvalidenfürsorge der Weimarer Jahre: Sie war vor allem von einem Produktionsparadigma geprägt, das auf die schnelle und reibungslose Wiedereingliederung der Kriegsinvaliden in den industriellen Arbeitsprozess zielte.

Um dieses Produktionsparadigma in der Kriegsinvalidenfürsorge technisch umzusetzen, wurden während des Kriegs mehrere Prothesen, vor allem so genannte Arbeitsarme, entwickelt. Der Siemens-Schuckert-Arm war einer von drei den Markt dominierenden Armen, die anderen beiden wurden von den Deutschen Rota-Werken und der Ferdinand Emil Jagenberg Maschinen-Fabrik hergestellt (Radike 1920: 594).

Eingehende Untersuchungen dieser Arbeitsarme existieren nicht, und nach heutigem Kenntnisstand ist weder zum Jagenberg-Arm noch zum Rota-Arm Archivmaterial erhalten. Auch der 1915 von den Siemens-Schuckert-Werken (SSW) in Nürnberg entwickelte Arbeitsarm wurde in der Forschung bisher nur wenig beachtet. Obwohl dieser Arbeitsarm eine der bekanntesten Prothesen auf dem Gebiet der Kriegsinvalidenfürsorge war, erwähnt ihn selbst die Siemens AG in ihrer Firmengeschichte nicht (vgl. Feldenkirchen 2003), obwohl in diesem Fall Archivmaterial vorhanden und zugänglich ist.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Das Hauptgeschäftsgebiet der SSW war die Starkstrom-Elektrotechnik und nicht die Prothetik. Außerdem sorgte die Produktionsmenge von etwa sechshundert Arbeitsarmen zwischen 1916 und 1918 dafür, dass der Arbeitsarm, gemessen an den anderen Siemens Produkten, ein Nischenprodukt blieb.

Doch das sollte nicht dazu verleiten, die Bedeutung des Arbeitsarms für die Kriegsinvalidenfürsorge zu unterschätzen. Zeitgenössische Beobachter bewerteten den Stellenwert der Prothetik sehr hoch. So schreibt Regierungs-Medizinalrat Max Böhm im Handbuch der Ärztlichen Erfahrungen im Weltkriege 1914/1918:

Die Arbeitsarme spielten zu Beginn des Krieges die Hauptrolle. Man erwartete von ihnen, dass sie die Armamputierten zu beruflicher Arbeit befähigen würden, und ging mit großem Enthusiasmus an ihre Vervollkommnung heran. Man spannte die Erwartungen zu hoch und die Reaktion blieb nicht aus (Böhm 1922: 740).

Eine Analyse der Hintergründe der Entwicklung und des Einsatzes von Arbeitsarmen scheint für die historische Untersuchung der Kriegsinvalidenfürsorge insofern von erheblichem Interesse. Am Beispiel des Siemens-Schuckert-Arbeitsarms lässt sich sowohl die problematische Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Ingenieuren als auch die Herausforderung der Ingenieure, die von Politikern und Medizinern vorgegebenen Ziele der Kriegsinvalidenfürsorge technisch in Form von geeigneten Prothesen umzusetzen, darstellen und analysieren. Wie sich zeigen wird, spielt dabei auch der Blick über die Grenzen des deutschen Sprachraums hinaus eine aufschlussreiche Rolle. Von Beginn an stand der Siemens-Schuckert-Arbeitsarm nämlich in Konkurrenz zu dem im US-amerikanischen Kontext hergestellten Carnes-Arm.

Vorab noch eine Bemerkung zur verwendeten Terminologie. Die Begriffe „Krüppel“ und „Kriegskrüppel“ gehörten zur Zeit des Ersten Weltkriegs zum gängigen Wortschatz. Auch die gemeinnützige Vereinigung für „Krüppelfürsorge“ benutzte diesen Ausdruck. Allerdings kam diesen Begriffen durchgehend eine ambivalente Bedeutung zu. So erklärte der leitende Arzt des Würzburger Vereinslazarettes „Krüppelheim“ Adolf Natzler (1915: 108):

Die Zeiten sind doch wohl vorbei, in denen mit dem Wort ‚Krüppel‘ der Inbegriff alles Hässlichen und Abstossenden verbunden war! Und wenn das Wort ‚Krüppel‘ heute schon nicht mehr den üblen Klang hat, wie vor Jahren einmal, so ist das Wort ‚Kriegskrüppel‘ ein Ehrenname […].

Trotz seiner Nutzung in der fürsorgerischen Fachsprache und der in jüngerer Zeit zu beobachtenden Wiederaneignung des Begriffs durch Betroffene („Krüppelinitiative“, „Krüppelbewegung“) ist „Krüppel“ insgesamt, wie etwa Klaus-Dieter Thomann (1995: 11) herausgestellt hat, abwertend besetzt geblieben. Im Folgenden wird der Begriff nur insofern wieder aufgenommen, als er von den historischen Akteuren verwendet wurde.

Konrad Biesalski und die „Deutsche Vereinigung für Krüppelfürsorge“

Die Kriegsinvalidenfürsorge stellte sich bald nach Kriegsbeginn den politisch Verantwortlichen des Deutschen Reichs als großes Problem dar. Bereits im August 1914 erging ein Erlass von Kaiserin Auguste Viktoria, die die öffentliche Darstellung der Kriegsinvalidenfürsorge wesentlich prägte, an den Vorsitzenden der Deutschen Vereinigung für Krüppelfürsorge (DVK), Eduard Dietrich (vgl. Osten 2004: 296). Die Nachbehandlung der Kriegsinvaliden sollte von den „Krüppelheimen“ übernommen werden, um die dauerhaft verwundeten Soldaten wieder in den Arbeitsprozess zu integrieren.

Die DVK wurde 1909 in Berlin als nationaler Dachverband der Einrichtungen für Kriegsinvalidenfürsorge gegründet. Die 138 Heime des DVK widmeten sich im Wesentlichen der Aufgabe, körperlich behinderte Kinder auf das Berufsleben vorzubereiten (vgl. Ulrich 1993: 120). Staatliche Stellen begrüßten und unterstützten die Gründung, bestand doch nun ein staatlich kontrollierter Zweig der Wohlfahrtspflege, der mit Hilfe privater Wohltätigkeit den Bedarf an Fürsorgeeinrichtungen auf diesem Gebiet decken konnte (vgl. Osten 2004: 78).

Neben Dietrich bestimmte vor allem Konrad Biesalski, Schriftführer und Herausgeber des Fachorgans der DVK (Zeitschrift für Krüppelfürsorge) die Grundsätze des Verbandes. Biesalski, der als Begründer der Körperbehindertenrehabilitation gilt, hielt im Januar 1915 im Rahmen der „Ausstellung für Verwundeten- und Krankenfürsorge“ eine Rede im Sitzungssaal des Reichstages. Darin bilanzierte er das erste halbe Jahr des Kriegs und sprach von etwa 30.000 invaliden Soldaten. Wesentlich ist in diesem Kontext, dass er diese Bilanz mit einem Appell verknüpfte. Man könne nicht akzeptieren, „dass diese Verwundeten und Krüppel nun als Leierkastenmänner oder als Hausierer durch die Straßen ziehen“. Man stünde „also vor einem Problem von denkbar größter ethischer und wirtschaftlicher Bedeutung“ (Biesalski 1915: 3 f.).

Das von Biesalski angesprochene Problem bestand zum einen darin, dass der Kriegsinvalide als eine Personifikation des Kriegs erschien, die nicht einfach aus dem Straßenbild verbannt werden konnte (siehe dazu auch Horn 2001: 196). Zum anderen verweisen seine Äußerungen auf eine wirtschaftliche Problematik. Die deutschen Vorkriegsgesetze zur Invalidenrente waren nicht auf einen industrialisierten Massenkrieg ausgelegt. Die Regelungen gingen davon aus, dass sich der Krieg und seine Kosten eingrenzen lassen würden. So war lediglich die Zahlung von Renten eine Angelegenheit des Reichs. Für alle anderen sozialen Leistungen, wie ärztliche Behandlung und Rehabilitation, waren regionale, lokale oder freiwillige Hilfsorganisationen zuständig. Statt aber eine Invalidengesetzgebung zu kritisieren, in deren Mittelpunkt nicht Rehabilitation, sondern ein Minimum an Unterstützung durch den Staat stand (siehe dazu auch Geyer 1983: 234),1 erklärte Biesalski, die Lösung für die genannten Probleme bestehe darin, dafür zu sorgen, dass die Kriegsinvaliden wieder selbstständig ihren Lebensunterhalt bestreiten konnten.

Biesalski unterschied grundsätzlich zwischen ärztlicher Hilfe und sozialer Fürsorge. Unter ärztliche Hilfe fasste er insbesondere die orthopädisch-chirurgische Nachbehandlung, unter soziale Fürsorge die Arbeitstherapie und das Erlernen eines neuen Berufes sowie die Arbeitsvermittlung (vgl. Biesalski 1915: 4). Einflussreiche Amtsträger, wie beispielsweise Heinrich Schwiening aus dem Preußischen Kriegsministerium oder Wilhelm Schultzen, Chef der Medizinalabteilung des Preußischen Kriegsministeriums, versicherten Biesalski, ihn bei der Perspektivierung des Kriegsinvalidenproblems zu unterstützen.2 Dies führte unter anderem zu einer wesentlich stärkeren Einbindung der Orthopäden in das Militärsanitätswesen (vgl. Thomann 1996: 188).

„Entkrüppelung der Krüppel“

Ebenfalls 1915 formulierte Biesalski unter dem Titel Wer ist der Führer in der gesamten Fürsorge für unsre heimkehrenden Krieger Richtlinien für die Tätigkeit der DVK auf dem Gebiet der sozialen Fürsorge:
  1. 1.

    Keine Wohltat – sondern Arbeit für die verkrüppelten Krieger.

     
  2. 2.

    Zurückschaffung in die Heimat und die alten Verhältnisse, womöglich in die alte Arbeitsstelle.

     
  3. 3.

    Verstreuung unter die Masse des schaffenden Volkes als wenn nichts geschehen wäre.

     
  4. 4.

    Es gibt kein Krüppeltum, wenn der eiserne Wille besteht, die Behinderung der Bewegungsfreiheit zu überwinden.

     
  5. 5.

    Darum breiteste Aufklärung aller Stände, zuerst der Verwundeten selber. Eine hierfür geeignete Schrift mit zahlreichen Bildern erscheint im gleichen Verlage wie jene Broschüre.3

     

Tatsächlich war die Aufklärung der Öffentlichkeit ein zentraler Punkt in Biesalskis Strategie. Im Februar 1915 forderte er auf einer Tagung der DVK die deutschsprachige Presse vehement auf, die Aktivitäten des Dachverbandes in diesem Sinne zu unterstützen.4

Große Teile der Presse kamen dieser Aufforderung in der Tat nach und veröffentlichten zunehmend meist bebilderte Artikel zur Kriegsinvalidenfürsorge. Auch zahlreiche Aufklärungsbroschüren und ähnliche Veröffentlichungen wurden zu diesem Thema publiziert, so zum Beispiel vom Vorstand der Orthopädischen Heilanstalt Stuttgart, Fritz Sippel (1916), mit dem Titel Wie verhelfen wir den Kriegsverstümmelten durch Ersatzglieder wieder zur Arbeitsfähigkeit und zum Eintritt in das bürgerliche Berufsleben. Vorträge und Führungen durch „Krüppelheime“ und Wanderausstellungen komplettierten diese Kampagnen.

Darüber hinaus zogen Ausstellungen die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich, besonders die neben der Tagung der DVK im Dezember 1914 und Januar 1915 stattfindende Schau „Verwundeten- und Krankenpflege im Kriege“. In nur zwei Monaten wurde die Ausstellung von mehr als 100.000 Menschen besucht. Unermüdlich wurde innerhalb der Ausstellung auf die Effizienz, Systematik und Vielfältigkeit der deutschen „Kriegsopferfürsorge“ hingewiesen (vgl. Cohen 1998: 218).

Das Neue an dieser Kampagne war, das sie nicht den versehrten Körper selbst, sondern seine verminderte gesellschaftliche Nützlichkeit problematisierte (vgl. Horn 1998/1999: 105). Dieses Produktionsparadigma, das Biesalski in den Vordergrund der Kriegsinvalidenfürsorge rückte, bestimmte von nun an viele Anstrengungen auf diesem Gebiet. Auch der Pädagoge Hans Würtz (1921: 3), der eng mit Biesalski zusammenarbeitete, schloss sich diesem Paradigma an. Für Würtz war der Kriegsinvalide „gemeinschaftskrank“: „Möglichkeiten unbefangenen Gemeinschaftsbewusstseins sind dem ‚Krüppel‘ bedroht oder ganz verschüttet.“ Seiner Auffassung nach bestand die Lösung des Problems in der „Entkrüppelung der Krüppel“, also darin sie wieder „gemeinschaftsfähig“ (ebd.) zu machen. „Gemeinschaftsfähig“ bedeutete in diesem Kontext die Verwandlung der Kriegsinvaliden in „nützliche“ und „produktive“ Subjekte. Die Begriffe „Nützlichkeit“ und „Produktivität“ waren dabei unmittelbar verknüpft mit der Eingliederung in den Produktionsprozess.

Auf den folgenden Jahrestagungen der DVK wurden dann auch nicht mehr die Kriegsinvaliden selber und ihre Bedürfnisse, sondern die Optimierung der Arbeitskraft der Kriegsinvaliden in den Mittelpunkt gestellt. Dementsprechend konnte die DVK für diese Tagungen Experten verschiedenster Provenienz gewinnen, da die Rationalisierung der Arbeitskraft von Kriegsinvaliden weit mehr als nur eine medizinische Aufgabe war. An der Tagung 1916 nahmen neben den bereits seit Kriegsausbruch damit befassten Medizinern und Mitgliedern der DVK, Versicherungsangestellten, Schuladministratoren, Ingenieuren und Leitern privater „Krüppelheime“ diesmal auch Architekten, Repräsentanten des Militärs und der Schwerindustrie sowie die Kronprinzessin und der Erzherzog Österreich-Ungarns teil.5

Biesalski appellierte bei dieser Gelegenheit eindringlich an die Anwesenden, sich der gesellschaftlichen Bedeutung bewusst zu werden, die darin liege den „Willen zur Arbeit“6 bei den Kriegsinvaliden zu wecken. Offensichtlich hatten seine bisherigen Bemühungen, Unternehmer- und Arbeiterschaft für das Vorhaben einer Reintegration der Kriegsinvaliden in den Produktionsprozess zu gewinnen, noch nicht gegriffen. Doch auf dieser Tagung stieß Biesalskis Strategie der Wiedereingliederung auf Zustimmung. Der Düsseldorfer Landrat Johannes Horion etwa gab in seiner Rede die Richtung vor, in die die Kriegsinvalidenfürsorge sich von nun an bewegen sollte: die verstärkte Konzentration auf die praktische Arbeit.7

Der Gesichtspunkt der praktischen Arbeit wurde auch bei der anschließenden außerordentlichen Tagung der Deutschen Orthopädischen Gesellschaft (DOG) erörtert. Während auf der Tagung der DVK vor allem soziale Aspekte der Wiedereingliederung erörtert wurden, diskutierten die Konferenzteilnehmer auf der Tagung der DOG insbesondere neue Wege der Prothesenentwicklung. Der Berliner Universitätsprofessor für Orthopädie, Hermann Gocht, bemängelte, dass die Versehrten die „Kunstglieder“ lediglich zum Verbergen ihrer Verletzungen einsetzten. Er hingegen wollte Prothesen eine völlig neue Bedeutung zukommen lassen:

[D]ie Wiederherstellung der Funktion, also die Möglichkeit wieder zu arbeiten und etwas zu leisten, [ist] nicht allein für den an seine Gliedmassen schwer Geschädigten und seinen Willen zum Schaffen von allergrösster Bedeutung, sondern zugleich im höchsten Masse für die Allgemeinheit, für das ganze Volk, für den Staat.8

Gochts Redebeitrag sorgte dafür, dass der Einsatz von Prothesen auf einer Tagung für die Kriegsinvalidenfürsorge erstmals problematisiert wurde.9 Ferner ging seine deutliche Absage an die repräsentative Funktion der Prothese zum einen mit einer Kritik an den offenbar vorherrschenden Wünschen der Kriegsversehrten einher, die die Prothesen eher nach ästhetischen Aspekten entwickelt haben wollten, also den so genannten Sonntagsarm dem Arbeitsarm vorzogen. Zum anderen wird in den Ausführungen Gochts das Motiv deutlich, auch über die Prothesenentwicklung im Rahmen der „Menschenökonomie“ für die Volkswirtschaft „nützliche“ Körper zu produzieren.10

Situation des Prothesenmarktes 1915

Um die Entwicklung von geeigneten Prothesen voranzutreiben, initiierte der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) im Oktober 1915 ein Preisausschreiben:

Die Frage des Gliedersatzes ist durch den Krieg zu vorher ungeahnter Bedeutung erhoben worden. Es gilt, viele Tausende, die im Kriege Glieder oder Teile davon verloren haben, wieder arbeitsfähig zu machen. Daß das in hohem Maße schon jetzt mit Hülfe der neuzeitigen Heilverfahren und der bereits vorhandenen Ersatzstücke geschehen kann, steht außer Zweifel. Aber es darf erwartet werden, daß noch Besseres an Ersatzstücken gefunden wird, wenn angesichts des gewaltigen Bedürfnisses über einen engeren Fachkreis hinaus, der zwar schon Bedeutendes geleistet hat, die technische Intelligenz im weitesten Umfange angeregt wird, sich mit der Frage des Gliedersatzes zu befassen. Dem will das nachstehende Preisausschreiben des Vereines Deutscher Ingenieure dienen.11

Der VDI zielte auf die Schaffung eines arbeitstauglichen und zugleich kostengünstigen Armersatzes. Besonders folgende Kriterien sollten erfüllt werden: 1) Einfachheit der ganzen Prothese, 2) Haltbarkeit, 3) Geringes Gewicht, 4) Mäßiger Preis, 5) Einfaches An- und Ablegen der Prothese, 6) Sicherung gegen Unfälle. Neben Vorstandsmitgliedern des VDI setzte sich die Jury, aus namhaften Vertretern der Wirtschaft und des Preußischen Kriegsministeriums, Medizinern sowie Orthopädiemechanikern zusammen.

Vor dem Ersten Weltkrieg gab es kaum eine Nachfrage nach Arbeitsprothesen. Amputierte wurden überwiegend mit so genannten Schmuck- oder Gebrauchsarmen ausgestattet, um den Verlust des jeweiligen Körpergliedes zu verbergen. Dementsprechend waren es vor 1915 vor allem Bandagisten und Orthopädietechniker und nicht Ingenieure, die Prothesen anfertigten und vertrieben (Silberstein 1916: 24). Einen Armersatz für Industriearbeiter und Handwerker zu konstruieren war technisch schwierig und nur mit großem Aufwand zu realisieren, und den Bandagisten fehlte es hierfür an spezifischem Wissen und entsprechender Erfahrung.

Das Preisausschreiben des VDI führte tatsächlich zu neuen Entwicklungen. So stand die Konstruktion der Arbeitsarme durch die Deutschen Rota-Werke und die Ferdinand Emil Jagenberg Maschinen-Fabrik mit dem Preisausschreiben in direktem Zusammenhang.12 Beide Hersteller hatten sich vor 1915 in keiner Form mit Prothesen befasst. Doch Ende des Jahres begannen die Rota-Werke und die Jagenberg-Fabrik erstmals mit der industriellen Fertigung und dem Vertrieb von Arbeitsarmen in größerem Umfang. Damit kam der Markt für Prothesen in Bewegung, andere Hersteller sollten folgen.

Auch Ingenieure, Mediziner und Bandagisten fühlten sich durch das Preisausschreiben herausgefordert. Insgesamt gingen 60 Vorschläge beim VDI ein. Anfang März 1916 verkündete der VDI das Ergebnis: Trotz der hohen Anzahl von Einsendungen hatte keiner der eingesendeten Arbeitsarme die Jury überzeugen können.13 Weder wurde ein Gewinner gekürt, noch der zweite Platz vergeben. Die Preisgelder wurden neu verteilt und die zwei „besten“ Arbeitsarme, der Rota-Arm und der Jagenberg-Arm mit je 2.500 Mark ausgezeichnet. Insofern war die Behauptung der Jagenberg-Fabrik, ihr Arbeitsarm sei durch diese Preisbewertung „als der beste aller bisher bestehenden Kunstarme erklärt worden“, nicht zutreffend.14 Immerhin attestierte der VDI beiden Herstellern, „als die Ersten brauchbare metallene Kugel-Reibungsgelenke konstruiert und in systematischer Weise fabriziert zu haben“ (Schlesinger 1917: 737).

Die normierte Prothese

Im Anschluss an das Preisausschreiben gründete der VDI Ende 1915 die „Prüfstelle für Ersatzglieder“ in Charlottenburg (vgl. ebd.). Diese Prüfstelle wurde der „Ständigen Ausstellung für Arbeiterwohlfahrt“ angegliedert und formal dem Preußischen Kriegsministerium unterstellt. Ihr gehörten bedeutende und auf ihrem Fachgebiet führende Ärzte und Ingenieure an. Zum Vorstand zählten Konrad Hartmann, Senatspräsident im Reichs-Versicherungsamt, und Georg Schlesinger, Professor an der Technischen Hochschule Charlottenburg. Als ärztliche Beisitzer fungierten unter anderem Konrad Biesalski, Schriftführer der DVK und leitender Arzt des Oskar-Helene-Heims, Hermann Gocht, Direktor der Poliklinik für Orthopädische Chirurgie, Richard Radike, leitender Arzt des Reservelazaretts in Görden sowie der Chirurg Ferdinand Sauerbruch. Den technischen Beisitz bildeten beispielsweise Hermann Beckmann, Oberingenieur der Akkumulatorenfabrik AG Berlin, Hermann Leymann, Vortragender Rat im Reichsamt des Innern sowie Diedrich Meyer, Direktor des Vereins Deutscher Ingenieure.15 Repräsentanten der Industrie oder der Prothesenhersteller waren im Vorstand nicht vertreten.

Auf einer Tagung der DOG sprach Gocht Anfang 1916 die Unmöglichkeit an, einen praktischen und zugleich nützlichen Arm mit einem kosmetischen Anspruch in Einklang zu bringen. Die Prüfstelle sah darin ebenfalls das Hauptproblem der Prothetik. Der 1919 von der Prüfstelle herausgegebene Sammelband dokumentierte die Ergebnisse der Arbeit der Prüfstelle (vgl. Borchardt 1919). Der maßgeblich an der Entwicklung der deutschen Industrienorm beteiligte Ingenieur und Maschinenbauprofessor Georg Schlesinger analysierte darin den menschlichen Körper, um Anhaltspunkte für die Ersetzung der einzelnen Verbindungs- und Gelenktypen durch mechanisch vergleichbare aufzuzeigen.16 Schlesinger kam dabei zu der Überzeugung, dass der „unspezifischen Universalität der Hand, die sich für jede Spezialfunktion mit einem neuen Werkzeug bewaffnet“, eine unflexible „Spezifität mechanischer Bauelemente“ gegenüberstehe:

Das Kennzeichen der Menschenhand ist ihre Universalität und Neutralität. Sie ist unbeschwert durch Sonderwünsche. Sie ist das Werkzeug der Werkzeuge, ohne selbst ein Werkzeug zu sein (Schlesinger 1919: 321).

Zur Erläuterung der Funktion der Arm- und Handprothese nahm Schlesinger eine Auflistung von Tätigkeitstypen und den entsprechenden Ersatzgliedern vor. Jedem Aufgabenprofil in der Arbeitswelt entsprach dabei ein Prothesentypus:

[D]er alltagstaugliche und komplexe ‚Gebrauchsarm’ für leichte oder der kräftige und einfache ‚Arbeitsarm’ für schwere Arbeiten, Berufe mit viel Menschenkontakt, für die die Prothese ‚gut’ aussehen muss, und solche, wo ihr Aussehen ‚gleichgültig’ ist (Horn 2001: 203).

Ein anderer wichtiger Abschnitt des Sammelbandes widmete sich der Standardisierung von Prothesen. So verurteilte Leymann (1919) die seiner Meinung nach viel zu große Zahl von Ersatzgliedern.17 Nicht mehr der Versuch, den menschlichen Körper nachzubilden, sondern ein Universalgerät zu entwickeln, ein „Armgerät“, bei dem die „Kunsthände oder Ansatzstücke in dem Ersatzarm oder Armgerät befestigt werden“ (ebd: 738), das war ihm zufolge die Lösung des Problems der Prothesenvielfalt. Leymann sprach sich für ein normiertes Armgerät aus, da die Träger von Arbeitsarmen sich dann nur noch „die für ihren persönlichen Gebrauch nötigen Ansatzstücke“ (ebd.: 740) anzuschaffen hätten (siehe Abb. 1).
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Abb. 1

Universal-Ersatzarm für einen Oberarmamputierten: a) die Bandage, b) das Armgerät, c) ein Ansatzstück (Ring), d) eine Kunsthand, 1) der Ansatzzapfen, 2) die Aufnahmehülse für den Ansatzzapfen, 3) das Anschlußstück des Armgeräts an die Bandage, 4) die Verstärkungsschiene der Bandage, deren Mittelteil als Bügel ausgebildet ist, 5) die Öffnung in dem Bügel der Bandage die zur Aufnahme des Anschlußstückes dient (Leymann 1919: 738)

Leymann sah in dieser Vereinheitlichung vor allem Vorteile bei den Kosten. Auch die Berufswahl beziehungsweise der Berufswechsel werde erleichtert. Da jeder invalide Arbeitnehmer sein persönliches Armgerät besitzen sollte, könnten manche Arbeitgeber für den jeweiligen Produktionsschritt geeignete „Ansatzstücke“ beschaffen. (vgl. ebd.: 740).

Obwohl sich Leymanns Idee eines einheitlichen, normierten „Universalarbeitsarms“ nicht durchsetzen konnte, waren die Charlottenburger Prüfstelle für Ersatzglieder und führende Hersteller gleichermaßen bestrebt, eine Standardisierung, wenn auch nicht des kompletten Arms, so doch der Ansatzstücke, der Schraubgewinde und der Aufnahmehülsen, der auf dem Markt verfügbaren Arbeitsarme vorzunehmen. Ihr Ziel war es, die vorhandenen unterschiedlichen Arme und Ansatzstücke kompatibel zu gestalten, um sie frei kombinieren zu können (vgl. ebd.: 741 f.). Von den drei marktbeherrschenden Firmen, den SSW, der Jagenberg-Fabrik und den Rota-Werken, trieben vor allem letztere diese Standardisierung mithilfe der Prüfstelle und des VDI voran. Trotz Bedenken akzeptierten schließlich aber sowohl Siemens-Schuckert als auch Jagenberg die Normierung ihrer Arbeitsarme (siehe dazu ebd.: 763).

Im Juli 1916 wurde eine Normalienliste für Ersatzglieder in der Zeitschrift des Vereines Deutscher Ingenieure veröffentlicht. Diese Normalienliste war für die Hersteller von Prothesen insofern bindend, als – wie im Merkblatt mitgeteilt wurde – das Preußische Kriegsministerium auf Grund der Vorschläge der Prüfstelle „beschlossen hat, in Zukunft bei Bestellung von Kunstgliedern für kriegsbeschädigte Heeresangehörige allgemein vorzuschreiben, dass die Schrauben und Ansatzzapfen den vereinbarten nachstehend aufgeführten Normalien entsprechen müssen.“18 Kurz darauf schlossen sich alle anderen deutschen Kriegsministerien dem Erlass des Preußischen Kriegsministeriums an (vgl. ebd.).

Ob aber diese Forderung von allen Herstellern umgesetzt wurde, ist nicht eindeutig zu belegen. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass die Hersteller den Vorstellungen der Prüfstelle weitgehend entsprachen, da der Großteil ihrer Aufträge aus den Reservelazaretten und Sanitätsämtern der Reservekorps stammten.19 So kamen auch die SSW, trotz ihrer anfänglichen Ablehnung, den Standardisierungsforderungen des Preußischen Kriegsministeriums nach.20

Der Siemens-Schuckert-Arbeitsarm

Neben dem Preisausschreiben sorgte im Oktober 1915 auch ein Artikel in der Zeitschrift des Vereines Deutscher Ingenieure für Aufsehen. Unter der wenig aussagekräftigen Überschrift Armersatz für kriegsbeschädigte Handwerker und Arbeiter verkündete der Oberingenieur der SSW, Kesten (1915: 870), dass sich die SSW nun auch mit der Konstruktion von Arbeitsprothesen für Kriegsinvaliden befassen würden. Tatsächlich hatten die SSW bereits Mitte 1915 mit der Entwicklung eines Arbeitsarms begonnen.21

Die genauen Gründe dafür, warum diese Firma, die genauso wie die Jagenberg AG und die Rota-Werke nie Prothesen hergestellt hatte, sich circa ein Jahr nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges auf einmal mit einem Arbeitsarm beschäftigte, sind ungeklärt.22 Im Unterschied zu Jagenberg und Rota beteiligten sich die SSW weder an dem bereits erwähnten Preisausschreiben des VDI, noch nahmen sie an dem „Preisausschreiben zur Verbesserung der Ersatzglieder“ 1915 in Magdeburg teil.23

Kesten betonte gleich im ersten Satz und dann nochmals im weiteren Verlauf seines Artikels, dass die Anregung, sich mit dem Bau einer Prothese zu beschäftigen, vom Leiter des örtlichen Reserve-Lazaretts, Adolf Silberstein, stamme (vgl. Kesten 1915: 870). Silberstein (1916: 24) bestätigte diese Angabe zwar in seiner Schrift Ergebnisse der Kriegsinvalidenfürsorge im Kgl. orthopäd. Reserve-Lazarett Nürnberg. An der Entwicklung der Prothese selber war der Lazarettleiter aber nicht beteiligt. Der Hinweis auf die Zusammenarbeit mit Schlesinger zeigt aber, dass die SSW zumindest anfänglich bestrebt waren, die vom VDI eingeforderte Kooperation von Ärzten und Ingenieuren zu realisieren. Zugleich überspielt die Bezugnahme auf Schlesinger den Sachverhalt, dass die SSW auf dem Gebiet des Prothesenbaus kaum über Erfahrungen verfügte.

Nach Erscheinen von Kestens Artikel gingen bei den SSW einige Anfragen zu der „von Herrn Stabsarzt Dr. Silberstein konstruierten Armprothese“ und dem „Silberstein’schen Arm“ ein.24 In diesem Moment sah man sich zur Klarstellung verpflichtet:

Eine von Herrn Stabsarzt Silberstein konstruierte Armprothese fertigen wir nicht an. Wir haben uns allerdings auf Anregung des Herrn Stabsarztes Silberstein mit der Konstruktion eines Arbeitsarmes befasst und nach neuen Gesichtspunkten und von uns aufgestellten Konstruktionsgrundlagen einen solchen Arm hergestellt.25

Ab wann sich die SSW mit dem Arbeitsarm beschäftigten, lässt sich nicht genau rekonstruieren. Wahrscheinlich ist, dass der Arm in Nürnberg von März 1916 bis Ende 1921 gefertigt wurde. Ende 1921 wurde das Patent auf den Siemens-Schuckert-Arbeitsarm der Feinmechanischen Anstalt GmbH, gleichfalls in Nürnberg ansässig, unentgeltlich überlassen.26 Im September 1915 hatten die SSW unter der Patentnummer 7061 einen „Arbeitsarm für schwere Arbeit“ angemeldet und folgende Patentansprüche geltend gemacht:

Knickfester Oberarm für kreisende und pendelnde Bewegung unter Entlastung des Oberarmstumpfes an Schultertragteil befestigt (Hauptanspruch). Arm gelenkig am Ringlager des Schultertragteiles. Armstumpf gefasst in längsverschieblicher Manschette.27

Zum Zeitpunkt der Patentanmeldung war der Arm jedoch immer noch im Entwicklungsstadium. So steht in der Patentanmeldung unter „Patentfähigkeit“: „Bei Hauptanspruch in dieser Form noch nicht sicher.“28

Zunächst wurde 1915 lediglich eine Kleinserie von zwanzig Armen zu Erprobungszwecken hergestellt.29 Diese Prototypen wurden zu Demonstrations- und Erprobungszwecken unter anderem der Ständigen Ausstellung und der Prüfstelle für Ersatzglieder in Berlin-Charlottenburg, der bayrischen Landesausstellung für Ersatzglieder in München und dem Orthopädischen Reservelazarett in Nürnberg zur Verfügung gestellt. Aufgrund der großen Nachfrage – bis Ende Mai 1916 wurden 157 Arbeitsarme bestellt – begannen die SSW im März 1916 den Arbeitsarm in Serie zu produzieren.30 Die ersten Arme konnten im Juni 1916 geliefert werden.31

Der Arm war deshalb so gefragt, da zum Zeitpunkt des Erscheinens des Zeitschriftenbeitrags von Kesten eine vergleichbare Arbeitsarmprothese auf dem Markt nicht existierte. Das Neuartige am Arbeitsarm der SSW war, dass er nicht mehr, wie bisher üblich, am verbliebenen Armstumpf, sondern an der Schulter befestigt wurde (siehe Abb. 2 und 4). Die Grundidee war, dass der Gliedstumpf niemals die volle Kraftentfaltung eines gesunden Arms erreichen und das feste Anschnallen der Prothese an den Armstumpf die Blutzirkulation und die Muskulatur ungünstig beeinflussen würde. Der Gliedstumpf schien den Konstrukteuren des Arbeitsarms ungeeignet, den so genannten Werkzeughalter, der den amputierten Arm ersetzten sollte, zu tragen und mit ihm die erforderlichen Tätigkeiten auszuführen. Daher sollte der Werkzeughalter an einem gesunden, zur vollen Kraftentfaltung fähigen Körperteil fixiert und das noch vorhandene, verletzte Glied – in diesem Falle der Armstumpf – nur dazu benutzt werden, das am Werkzeughalter befestigte Werkzeug zu bewegen (vgl. Kesten 1915: 870).
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Abb. 2

Kriegsinvaliden mit und ohne Siemens-Schuckert-Arbeitsarm (Siemens-Archiv, SAA 228)

Diese Konstruktionsweise hatte den Vorteil, dass der Arm für nahezu jeden Kriegsinvaliden, egal welche Länge sein Armstumpf hatte und ob er sich links oder rechts befand, geeignet war (vgl. Abb. 2). Der Nachteil bestand allerdings darin, dass der Siemens-Schuckert-Arbeitsarm mithilfe der gesunden Hand in die richtige Stellung gebracht und arretiert werden musste. Ebenso musste das richtige Ansatzstück ausgewählt und angebracht werden. Dafür war der Arm für eine Tragkraft von etwa 100 kg ausgelegt und war so wesentlich belastbarer als alle anderen auf dem Markt vorhandenen Prothesen.32

So wie der Arbeitsarm an den jeweiligen Körperbau des Kriegsverletzten anpassbar war, konnte er auch an die jeweils zu erledigende Tätigkeit adaptiert werden. Die SSW boten 58 verschiedene Ansatzstücke an.33 Darunter fanden sich neben Ansatzstücken für landwirtschaftliche und handwerkliche Tätigkeiten, wie Traghaken und diversen Hämmern, auch Ansatzstücke für Tätigkeiten der täglichen Verrichtung, etwa eine Handbürste, ein Gabelansatz und eine Messerhalterung (siehe Abb. 3).
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Abb. 3

Schreinerwerkzeug-Ansatzstücke für den Siemens-Schuckert-Arbeitsarm (Siemens-Archiv, SAA 228)

Zweck der Arbeitsansätze war es, den Arm mit den Werkzeugen oder dem zu bearbeitenden Gegenstand zu verbinden. Dabei wurden die Ansatzstücke anschaulich als „Hände“ bezeichnet:

Einen wesentlichen Bestandteil des S.-S. Arbeitsarms bilden die Arbeitsansätze zur Verbindung des Armes mit dem Werkzeug bzw. dem zu bearbeitenden Gegenstand, die also gewissermaßen die ‚Hand‘ darstellen.34

Dass der Begriff „Hand“ in diesem Zusammenhang missinterpretiert werden könnte, war auch den SSW bewusst. Deshalb wiesen sie darauf hin, dass der Arbeitsarm nicht dazu diene, das fehlende Gliedstück einfach zu ersetzen, sondern ein Arbeitswerkzeug, etwa einen Hobel oder eine Feile darstelle.35 Auch der Initiator und Ideengeber des Arbeitsarms, Adolf Silberstein, betrachtete diesen als Werkzeug, als Maschine. Der Arbeitsarm sei nach rein zweckdienlichen Aspekten konstruiert und bewusst nicht anatomisch und physiologisch dem menschlichen Arm nachempfunden worden.36

Am Siemens-Schuckert-Arbeitsarm selbst manifestiert sich insofern nicht nur die Dominanz des Produktionsparadigmas der Kriegsinvalidenfürsorge, sondern darüber hinaus auch eine tayloristisch inspirierte Rationalisierungskultur.37 In diesem Sinne heißt es in einem Beitrag in der Zeitschrift für Krüppelvorsorge:

Die Herstellung der Prothesen und ihrer verschiedenen Formen und Teile, insbesondere der Arbeitsklauen, ist nun in dieser Hinsicht nichts anderes als die Verwirklichung der Taylorschen Forderung: Anpassung des Werkzeuges an die besondere Veranlagung des Arbeiters. Die wichtigsten Ansprüche des Taylorsystems werden dabei berücksichtigt (Meyer 1917: 145).

Bewertung des Arbeitsarms

Die Bewertung des Siemens-Schuckert Arbeitsarms sorgte für Meinungsverschiedenheiten zwischen der Prüfstelle für Ersatzglieder und den SSW. Um eine Bewertung des Siemens-Schuckert-Arbeitsarms gebeten, antwortete Georg Schlesinger in seiner Funktion als Geschäftsführer der Prüfstelle für Ersatzglieder:

Auf Ihre Anfrage teile ich Ihnen ergebenst mit, daß ich den Arm praktisch für sehr wohl brauchbar halte. Er ist in der Prüfstelle seit mehr als einem Jahr in Gebrauch und hat sich, nachdem alle Teile aus Stahl hergestellt worden sind, ohne Anstand gut bewährt. Die Massenverteilung des Armes ist besonders günstig, seine Handhabung einfach, seine Vielfältigkeit genügt in fast allen Fällen. Seine Mängel sind, dass man ihn über dem Rock tragen muss. Die Folge davon ist, daß er außerhalb des Betriebes sehr auffallen würde und infolgedessen durch einen zweiten, sogenannten Schönheits- oder Gebrauchsarm für das tägliche Leben ersetzt werden muss. Da ein solcher Arm unter der Kleidung getragen wird, so müssten sich die Arbeiter beim Wechseln der Kleidung früh, mittags und abends vollständig umziehen. Dagegen streuben [sic] sie sich zur Zeit sehr energisch.38

Die SSW waren über die Einschätzung ihres Arms verwundert, hatten sie doch stets betont, dass der Arbeitsarm, gerade weil er als Maschine verstanden werden sollte, vom Arbeiter an seiner Arbeitsstelle über seiner Arbeitskleidung angelegt werden sollte (siehe Abb. 4; Kesten 1915: 870). Dementsprechend fiel eine Stellungnahme der SSW Nürnberg nach Berlin an die Zentral-Werksverwaltung von Siemens aus:
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Abb. 4

Siemens-Schuckert-Arbeitsarm (Siemens-Archiv, SAA 228)

Wir haben mit Interesse von dem Schreiben des Herrn Prof. Schlesinger Kenntnis genommen, insbesondere von dessen erstem Teil, worin er bestätigt, daß unser Arm recht brauchbar ist. Wir müssen aber gegen die Auesserung des Herrn Prof. Schlesinger bezüglich der Mängel Stellung nehmen. Daß der Arm über dem Rock getragen werden muss und nach der Arbeit infolgedessen abgelegt wird, kann nicht als Nachteil angesehen werden. Vom sanitären Standpunkte aus ist es sogar erwünscht, dass der Arbeiter nicht den durch Schweiß und Staub verschmutzten Arm auch in den Feierstunden unter einer guten Kleidung trägt.39

Der Arm war von den SSW als Werkzeug für die Arbeit vorgesehen und nicht als Armersatz konzipiert worden. Er war kein kosmetischer Ersatzarm. Die SSW und Silberstein boten bei Bedarf einen solchen „Sonntagsarm“ an, der in Waltershausen, aus mit fleischfarbenem Lack überzogener Strickstoffpappe von der dort ansässigen Puppenindustrie hergestellt wurde.40

Eine Prothese zu entwerfen, die „Sonntagsarm mit Arbeitsarm vereinigt“ und „eine der menschlichen Handform nachgebildete Hand besitzt, wie dies von Schlesinger und der Prüfstelle angestrebt wurde, die nicht passiv, sondern aktiv beweglich ist, mit der also der Verletzte ohne Zuhilfenahme der gesunden Hand imstande ist, zuzufassen, loszulassen usw.“41 war also nicht das Ziel der SSW.

Kontrovers war auch die Distribution des Arbeitsarms. Zu Beginn der Produktion war man sich bei Siemens-Schuckert nicht sicher, wie die Vertriebsstrategie aussehen sollte. Selbst der Preis stand noch nicht fest. Die ersten zwanzig Exemplare der Kleinserie des Arms wurden zu einem eher symbolischen Preis von einhundert Mark abgegeben, da zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt war, ob und wenn ja, in welcher Auflage der Arm in Serie hergestellt werden sollte.42

Eine erste Kostenkalkulation wurde im Dezember 1915 von Oberingenieur Kesten vorgenommen. Er errechnete die tatsächlichen Herstellungskosten des Arms, die bei einer Auflage von fünfzig bis hundert Stück 100,85 Mark betrugen, und bei einer Auflage von fünfhundert Stück 77,55 Mark, allerdings ohne Lederkomponenten.43 Zunächst wurden die Arme dann für 96,65 Mark angeboten. Mitte November 1916 erhöhte sich der Preis auf 106 Mark. Bei diesem Preis beließ man es bis Kriegsende.44 Die Preise für die Ansatzstücke variierten je nach Berufsgruppe. So kostete ein Satz für Tischler 78,75 Mark, während ein Satz für Maschinenarbeiter 58,20 Mark betrug. Trotz dieses recht hohen Preises versicherten die SSW den Interessenten,

[D]ass wir uns nicht aus geschäftlichen Gründen mit der Schaffung eines solchen Arbeitsarms befassen, sondern lediglich unsere Arbeiten, zu denen wir durch besondere Umstände veranlasst wurden, als einen Beitrag zur Kriegsfürsorge betrachten. Aus diesem Grunde haben wir auch die nicht unerheblichen Kosten für Versuche und Konstruktionen des Arbeitsarmes auf uns genommen.45

Die SSW beteuerten, den Arbeitsarm zum Selbstkostenpreis zu liefern. Angesichts der Preisliste und der Kalkulation von Kesten erscheint diese Aussage plausibel, da dieser lediglich die Herstellungskosten, und nicht etwa die Vertriebskosten in seiner Rechnung berücksichtigt hatte. Einen Gewinn scheinen die SSW mit dem Arbeitsarm nicht erzielt zu haben.

Dass der Arbeitsarm nicht aus geschäftlichen Gründen konstruiert und vertrieben wurde, wird durch Unstimmigkeiten über die Vertriebswege zwischen den SSW Nürnberg und anderen Werken und Abteilungen innerhalb des Siemens-Konzerns gestützt. Da die Nachfrage für den Arm im Laufe des Jahres 1916 immer weiter stieg, entschlossen sich die SSW zur serienmäßigen Produktion des Arms. Nachdem die SSW Berlin im März 1916 anfragten, ob ihnen die SSW Nürnberg nähere Informationen zum Arbeitsarm sowie Preislisten und Broschüren zuschicken könnten, da mehrere Anfragen und Bestellungen vorlägen, stellte Oberingenieur Kesten klar, dass der Arm exklusiv vom Werk in Nürnberg vertrieben werden sollte.46 Vor allem die Siemens-Halske AG in Berlin versuchte mehrmals, den Vertrieb des Arms nach Berlin zu verlagern. Die Medizinische Abteilung der Siemens-Halske AG in Berlin wäre nach Ansicht ihres Direktors der richtige Platz für eine Verkaufsabteilung des Arms gewesen.47

Verkaufsstrategie der SSW war es, im Unterschied zu den Rota-Werken oder der Jagenberg AG, den Arm ohne Zwischenhändler, wie Bandagisten, Orthopäden oder Sanitätswarenhäuser, direkt an Lazarette oder andere staatliche Stellen zu vertreiben.48 Ob sich dies 1918 änderte ist nicht bekannt, allerdings erwähnen die SSW Nürnberg Ende 1917 in einem Schreiben an die SSW Berlin mehrere Anfragen von Orthopäden und Bandagisten. Wenn ein solcher Vertriebsweg etabliert werden sollte, müssten neue Preismodelle entwickelt und eine eigene Verkaufsstelle eingerichtet werden.49 Es erscheint allerdings eher unwahrscheinlich, dass diese Lösung umgesetzt wurde, da der Vertrieb weiterhin von Nürnberg aus stattfand, keine neue Verkaufsabteilung eingerichtet und der Arm kontinuierlich zum Selbstkostenpreis verkauft wurde.

Auch hinsichtlich der Werbung unterschieden sich die SSW von der Konkurrenz. Während andere Firmen massiv für ihre Arme in einschlägigen Zeitungen und Mitteilungsblättern warben (siehe Abb. 5), verzichteten die SSW auf konventionelle Werbung. Eine entsprechende Anfrage wurde mit dem Hinweis beantwortet, „dass eine Propaganda für den von uns angefertigten Siemens-Schuckert-Arbeitsarm, wie sie sonst für unsere Fabrikate üblich ist, nicht gemacht wurde“.50
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Abb. 5

Anzeige für den Rota-Arm in der Fachzeitschrift Der Bandagist und Chirurgie-Mechaniker (Siemens-Archiv, SAA 5022)

Der Verzicht auf solche Werbekampagnen bedeutete indessen nicht, dass die SSW keine Marketingmaßnahmen für ihren Arbeitsarm ergriffen. Sie setzten dabei vor allem auf Beiträge in Fachzeitungen, wie der bereits erwähnte Aufsatz von Kesten in der Zeitschrift des Vereines Deutscher Ingenieure, sowie auf Ausstellungen für Arbeitshilfen, hier in erster Linie auf die „Sonderausstellung von Ersatzgliedern und Arbeitshülfen für Kriegsversehrte, Unfallversehrte und Krüppel“, die ab dem 6. Februar 1916 in den Räumen der „Ständigen Ausstellung für Arbeiterwohlfahrt“ in Berlin-Charlottenburg vom Reichsamt des Inneren veranstaltet wurde.

Bilanz des Arbeitsarms

Die Arbeitsprothese der SSW kam den Forderungen Biesalskis und der DVK sehr nahe. Nicht jeder Kriegsinvalide, der im Krieg einen Arm verloren hatte, konnte jedoch mit dem Siemens-Schuckert-Arm in den Arbeitsprozess eingegliedert werden. Die vielfältigen Einsätze für den Arbeitsarm setzten eine fachliche Qualifikation der ihn tragenden Person voraus.

Zwar wiesen die SSW stolz darauf hin, dass der korrekte Gebrauch ihres Arms nur eine geringe Lehrzeit von 8 bis 14 Tagen voraussetzte. Zugleich betonten sie in ihrer Werbebroschüre, dass

[E]benso wie nur derjenige, der eine Feile genau zu handhaben weiß, einen anderen in ihrem Gebrauch unterweisen kann, ist dies hinsichtlich des Arbeitsarmes auch nur für den möglich, der mit der Ausübung des betreffenden Berufs selbst vertraut ist, ihn erlernt hat, und der den Arbeitsarm und seine Anwendung genau kennt.51

Damit wurde deutlich gemacht, dass der Arm einen ungelernten Arbeiter nicht von heute auf morgen zu einem Facharbeiter machte, auch wenn viele Artikel und Beiträge in Broschüren, Denkschriften und Mitteilungsblättern dies suggerierten. Dies war vermutlich auch einer der Gründe, warum die Zahl, der an den Arbeitsplatz zurückkehrenden Kriegsinvaliden weit hinter den Erwartungen der historischen Akteure zurückblieb.

Die Arbeitsarme wurden an Lazarette, Invalidenwerkstätten, Hospitäler, Mediziner und Fürsorgestellen geliefert. Bis Ende April 1917 handelte es sich um etwa dreihundert Arme und ungefähr dreitausend Ansatzstücke.52 Kesten schätzte Ende 1916 auf der Basis von 225 bereits ausgelieferten Armen seit Produktionsbeginn (März 1916), dass 15 bis zwanzig Arme pro Monat gebraucht wurden. Seiner Rechnung nach würde der damalige Restbestand von 125 Armen noch sechs bis acht Monate reichen. Fünfzig weitere Arme waren zu diesem Zeitpunkt geplant oder schon in Arbeit. Er schätzte die Dauer der Produktion einer neuen Serie von einhundert Armen auf fünf Monate. Auf dieser Basis und aufgrund der Tatsache, dass von Anfang 1917 bis Ende April 1917 75 Arme verkauft wurden, und in Anbetracht der Produktionskapazitäten der SSW ist davon auszugehen, dass selbst wenn sich die Bestellungen in den anderthalb Jahren seit Mai 1917 bis Kriegsende 1918 wesentlich erhöht hätten, nicht mehr als siebenhundert Arme hätten produziert werden können. Selbst bei Annahme der maximalen Produktionsmenge in den Jahren 1917 und 1918 wären somit ungefähr eintausend Arme produziert worden. Wahrscheinlicher ist aber eine geringere Anzahl von ausgelieferten Armen. Angesichts der Abnahmemengen (es wurden immer nur ein bis zwei Arme geliefert) und der Zahl der Abnehmer ist insgesamt ungefähr von sechshundert Armen auszugehen.

Die Arme wurden allerdings weder an einzelne Kriegsinvalide noch an Firmen geliefert. Vielmehr stellten die SSW den Betroffenen Kostenvoranschläge aus, die Lieferungen selbst gingen allerdings immer an eine zuständige Verteilstelle.53 Dass die Lazarette und Werkstätten dem Kriegsinvaliden den jeweiligen Arm zur eigenen Benutzung überließen, war die Ausnahme. In der Anfangsphase der Armproduktion baten die SSW immer darum,

den Namen, Beruf und die Adresse des Empfängers des Arms unter Angabe der auf dem unteren Gelenkteller eingeschlagenen Armnummer mitzuteilen, da wir ein Interesse an der weiteren Beobachtung der mit unserem Arm ausgerüsteten Leute haben, und damit wir etwaige Ergänzungen zu den Mitteilungen nachsenden können.54

In den späteren Bestellscheinen findet sich diese Bitte nach Auskunft der Identität des Kriegsinvaliden nicht mehr.

Die Arme wurden in erster Linie zur Schulung und Anlernung der Kriegsinvaliden eingesetzt, nicht als deren persönliche Prothese. In den Akten der SSW findet sich lediglich eine Nachfrage an eine Firma (Carl Zeiss Jena), welche Arbeitsleistung ein mit einem Siemens-Schuckert-Arbeitsarm ausgestatteter Kriegsinvalide zu erbringen im Stande war.55

Die Suche nach dem perfekten künstlichen Arm

Trotz der Vielzahl der in den Jahren 1916 bis 1918 entwickelten Prothesen war Georg Schlesinger mit den Konstruktionen nicht zufrieden. In einer Rede vor der Hauptversammlung des VDI Ende 1916 beklagte er,

daß alle brauchbaren Lösungen des Ausschreibens nur das tote Armgerät betrafen, d. h. ein Ersatzglied, das stets durch die gesunde Hand betätigt werden muß, während künstliche Hände, die ohne Mittun der verbliebenen gesunden Muskulatur des Verwundeten willkürlich gesteuert werden konnten, in brauchbarer Form überhaupt nicht vorgelegt wurden (Schlesinger 1917: 736).

Schlesinger machte in seiner Rede deutlich, dass bei Arbeitsarmprothesen zwischen „Arm-Ersatz“ und „Ersatz-Arm“ unterschieden werden müsse. Unter einem Arm-Ersatz verstand er „ein mechanisches Gerät zur Ausführung von Bewegungen des verbliebenen Stumpfes ohne jede äußere Aehnlichkeit mit der Menschenhand und ohne Anspruch auf ihre physiologische Leistung.“ Der Ersatz-Arm hingegen war laut Schlesinger „ein Kunstarm, der nach Form und physiologischer Leistung der natürlichen Hand nahezukommen sucht“ (ebd.). Schlesingers Vision war es, eine dem menschlichen Arm nachgebildete Prothese zu entwickeln. Dazu sollte dieser Ersatz-Arm willkürlich bewegbar sein:

Keine Kunsthand kann vielseitig und mit schönen Bewegungen Verwendung finden, wenn sie nicht in jeder Armlage und völlig zwangsfrei geöffnet und geschlossen werden kann. Diese Forderung soll in dem Worte ‚willkürlich‘ ausgesprochen werden (Schlesinger 1919: 499).

Anfang Oktober 1915 veröffentlichte Aurel Stodola seinen ersten Artikel über künstliche Gliedmaßen (Stodola 1915: 842 f.). Der slowakische Ingenieur und Physiker sowie international anerkannte Fachmann für thermische Turbomaschinen stellte darin Überlegungen über die Kraftquelle einer Arbeitsprothese an. Er beschrieb aber weder ihre Anforderungen, noch ihr Aussehen. Allgemein plädierte Stodola dafür, die teilweise noch erhaltenen Muskeln der verletzten Gliedmaßen nicht zu amputieren, sondern durch einen chirurgischen Eingriff zu erhalten und nutzbar zu machen (siehe Abb. 6).
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Abb. 6

Sauerbruchs „Singener-Methode“ (vereinfacht): Dem Armamputierten wurde ein Stück Haut des Oberarmstumpfes in einen „Hautschlauch“ verwandelt, der dann durch den Oberarmstumpf gezogen wurde (oben links). Durch den Muskelkanal der durch die Operation entstand (oben rechts) wurde dann ein Elfenbeinstab gesteckt, mit dem die Prothese bewegt werden konnte (unten Mitte) (Sauerbruch 1916: 111, 112, 122)

Für diese Überlegungen hatte Stodola den Chirurgen Ferdinand Sauerbruch konsultiert. Im Anschluss daran beschrieb er seine Vorstellungen vom idealen Zusammenwirken von Chirurgen und Konstrukteuren bei der Prothesenentwicklung:

Die ausführlichen Besprechungen mit Hrn. Prof. Dr. Sauerbruch haben mich überzeugt, daß insbesondere im Anfang ein inniges Zusammenarbeiten des Chirurgen und des Konstrukteurs unentbehrlich ist, soll der richtige Mittelweg zwischen den großen Feinheiten der chirurgischen Technik und den Anforderungen der Mechanik gefunden werden (ebd.: 843).

Sauerbruch (1916) übernahm die Anregung von Stodola und lieferte mit seinem Werk Die willkürlich bewegbare künstliche Hand. Eine Anleitung für Chirurgen und Techniker die chirurgische Antwort auf Stodolas Frage, „ob das Bilden eines solchen, lebenden Maschinenelements“ (Stodola 1915: 842) lösbar sei.

Obwohl Sauerbruch sich zusammen mit Stodola schon seit Mitte 1915 mit der Entwicklung einer Prothese, wie sie Schlesinger vorschwebte, beschäftigte, erklärte dieser bereits im November 1915 den so genannten Carnes-Arm zu seinem Favoriten. Der Carnes-Arm, entwickelt Anfang des 20. Jahrhunderts von der Carnes Artificial Limb Company in den USA, war bis dahin im Deutschen Reich nicht verbreitet. Im Vorfeld der Hauptversammlung des VDI präsentierte Schlesinger den Carnes-Arm am 21. November 1915. So heißt es im Tagungsbericht: „Hr. Professor Schlesinger versuchte dann auch, den Nachweis der Verwendbarkeit dieses Arms für Verrichtungen an Werkzeugmaschinen zu erbringen.“56 Nach Einschätzung des Berichterstatters Neuhaus war der Carnes-Arm den deutschen Armen deutlich überlegen.57

Die Empfehlung des Berichterstatters „mit der amerikanischen Gesellschaft wegen der Erwerbung der Patente und Herstellungszeichen in Verhandlungen zu treten“58 war daher ganz im Sinne Schlesingers. Diedrich Meyer, der ebenfalls für den Carnes-Arm eintrat, prophezeite auf der Hauptversammlung Ende 1915:

Wir Ingenieure werden bei unseren Bestrebungen manchen Widerstand finden, einen Widerstand der zum Beispiel auch mit dem Grunde geführt wird: Erst haben die Amerikaner unsern Feinden die Granaten geschickt, um unsern Kriegern die Glieder zu zerschießen, und nun werden sie Geld an ihren Patenten zur Heilung verdienen.59

1915 war der amerikanische Carnes-Arm der einzige brauchbare Ersatz-Arm im Sinne von Schlesingers Definition. Dass dieser Ersatz-Arm seit 1911 in größerer Anzahl in den USA hergestellt wurde, hing damit zusammen, dass dort der Bedarf an Ersatzgliedern größer war als in Deutschland – mutmaßlich auch begründet durch einen mangelhaften Arbeitsschutz in den USA.60 Ende 1915 entschied sich der VDI den Carnes-Arm und nicht die Sauerbruch’sche Methode zu fördern. Die Ingenieure sprachen sich vermutlich für den Arm aus, da im Unterschied zur „Singener-Methode“ von Sauberbruch kein chi-rurgischer Eingriff bei den Kriegsinvaliden notwendig war. Die technischen Aspekte standen im Vordergrund.

Vor allem Schlesinger sorgte dafür, dass der VDI seinem Favoriten, dem Carnes-Arm, den Vorzug gab. Die Entscheidung des VDI war einer der Gründe, warum sich das Verhältnis der Ärzte und Ingenieure innerhalb der Prüfstelle im Laufe des Jahres 1916 immer mehr verschlechterte (vgl. Karpa 2004: 123). In der Tat ist es bezeichnend, dass Schlesinger (1919: 542) keine Gelegenheit ausließ, die Methode seines Vorstandskollegen Sauerbruch zu diskreditieren, in dem er sie entweder abwertend als „Vanghetti-Sauerbruch-Operation“ bezeichnete oder sie erst gar nicht erwähnte. Auch der Umstand, dass Schlesingers Abhandlung über den mechanischen Aufbau künstlicher Glieder mit 252 Seiten ein Viertel des Sammelbands der Prüfstelle ausmachte, während sich Sauerbruch mit 18 Seiten für seine Sicht der Prothesen begnügen musste, zeigt exemplarisch den weitaus geringeren Stellenwert des Arztes innerhalb der Prüfstelle (vgl. Borchardt 1919).

Innerhalb der Ärzteschaft wurde der Carnes-Arm allerdings kritisch beurteilt. Ein Beispiel hierfür ist das Urteil des Orthopäden und Oberstabsarztes Fritz Lange:

Die Carneshand ist mit außergewöhnlichem Scharfsinn erdacht und mit bewundernswertem Fleiss ausgeführt; aber für den Durchschnitt unserer Invaliden kommt sie nicht in Frage. Dazu ist sie viel zu schwer, zu kompliziert und zu teuer. Wer die Geschichte der orthopädischen Technik kennt, weiss, daß alle Apparate, welche diese 3 Fehler hatten, niemals auf die Dauer sich halten können (Lange 1917: 661).

Lange sprach damit die gravierenden Nachteile des Carnes-Arms an. Silberstein kritisierte in diesem Zusammenhang vor allem den neben Schlesinger stärksten Fürsprecher des Carnes-Arms, den armamputierten Arzt Max Cohn:

In letzter Zeit ist erhöht die Aufmerksamkeit auf ein amerikanisches Patent gelenkt, den sog. Carnes-Arm, für den besonders Max Cohn, Berlin, eintritt, der bei der Veröffentlichung der Arbeit den Arm lediglich aus den Patentschriften kannte und sein Urteil ausschließlich auf eine Bemerkung der ‚angesehensten chirurgischen Fachzeitschrift Amerikas‘ gründete […]. Es ist bisher nicht üblich gewesen, in wissenschaftlichen Arbeiten für Fabrikate einzutreten, die man nicht aus eigener Erfahrung beurteilen kann (Silberstein 1916: 26).

Silberstein ließ es sich dann aber doch nicht nehmen, neben seiner Kritik an Cohn, Meyer in seiner Prophezeiung bezüglich der Kritik an der Herkunft des Arms zu bestätigen:

Zweckmäßiger verschieben wir unsere Empfehlung bis zu dem Zeitpunkt, an dem Amerika an Stelle von Granaten Prothesen in größerer Anzahl nach Europa zu senden in der Lage ist (ebd.).

Trotz großer Bedenken der Mediziner wurden die deutschen Patente für den Carnes-Arm am 14. Juli 1916 durch die „Gemeinnützige Gesellschaft für die Beschaffung von Ersatzgliedern m.b.H.“ mit Sitz in Berlin erworben.61 Wie die Zeitschrift des Vereines Deutscher Ingenieure vermeldete, handelte es

sich hier zwar nicht um ein unmittelbares Unternehmen unseres Vereines, aber doch um eine Angelegenheit, die aus unserem Verein heraus angeregt und gefördert ist und für die im Interesse unserer Kriegsverletzten seine Kräfte eingesetzt sind, und so erscheint ihre Erwähnung an dieser Stelle geboten.62

Die Gesellschaft gehörte zwar nicht formal der Prüfstelle oder dem VDI an, die Verbindung zu diesen Institutionen stellten jedoch die Geschäftsführer der Gesellschaft Diedrich Meyer, Direktor des VDI und Schlesinger, Geschäftsführer der Prüfstelle, her. Das Bürgschaftskapital der Gesellschaft von 1,75 Millionen Mark wurde von der Industrie mit der Maßgabe bereitgestellt, „daß später zu gegebener Zeit an die Behörde wegen Uebernahme oder Beteiligung an den Kosten herangetreten werden sollte“.63 Der alleinige Zweck des zur Verfügung gestellten Geldes sollte der Erwerb der deutschen Patente auf den Carnes-Arm sein. Ein Patentkauf sollte deshalb erfolgen, da eine Lieferung des Arms aus Übersee mit zunehmender Kriegsdauer immer schwieriger wurde. Außerdem betrug der Preis für einen in den USA gefertigten Carnes-Arm 250 US-Dollar, das entsprach in etwa eintausend Mark. Für eine breite Einführung des Arms in Deutschland war dieser Betrag um ein Vielfaches zu hoch. So lag der Preis für eine handelsübliche Prothese in Deutschland zwischen ein- und zweihundert Mark.

Innerhalb des VDI regte sich dennoch bald nach Erwerb der Patentrechte Widerstand gegen eine alleinige Festlegung auf den Carnes-Arm. Auf einer Versammlung des Vorstandsrates am 25. November 1916 wurde eine heftige Debatte über den Arm geführt. Ein Mitglied des Vorstandsrates berichtete über eine Vorführung des Arms in einem Mannheimer Bezirksverein. Der Carnes-Arm hätte bei ihm zunächst die höchste Bewunderung hervorgerufen, sein Erstaunen wäre aber noch viel größer gewesen, als Sauerbruch sein Verfahren mithilfe von zehn Amputierten vorgeführt hätte. Er berichtete weiter, dass auf der Vorführung die Meinung verbreitet gewesen wäre, dass für den Carnes-Arm zu viel Geld aufgewendet werde.64 Ferner wurde der schwelende Konflikt mit den Ärzten innerhalb der Prüfstelle auf der Versammlung angesprochen:

Auch in München habe ich eine Vorführung des Carnes-Armes gesehen. Zum Schluß dieser Vorführung stand ein dortiger Arzt auf und sagte, es sei ja sehr schön und gut, daß sich der Ingenieursverein da solche Mühe gebe, er habe ja auch schon ganz Schönes geleistet, aber es gehe doch nicht an, daß die Ingenieure in dieser Frage die Führung an sich rissen, die doch eigentlich dem Arzt gebühre. (Hört, hört! und Heiterkeit) […] Daß in Berlin im Kuratorium der Prüfstelle Ärzte seien, wäre ja ganz gut, aber man wisse ja, wie das heutzutage gehe; die Leute hätten keine Zeit, sich darum zu kümmern, sondern müßten eben alles den Ingenieuren überlassen.65

Nach dieser Kritik an der Arbeit der Gemeinnützigen Gesellschaft und der Forderung nach einer Umverteilung der von der Industrie bereitgestellten Gelder, sah sich der anwesende Direktor Meyer genötigt, die Festlegung auf den Carnes-Arm vor den anwesenden Vorstandsrats-Mitgliedern zu verteidigen. Er erläuterte, dass die Mittel der Gesellschaft von der Industrie für einen bestimmten Zweck, dem Ankauf der Carnes-Arm-Patente, zur Verfügung gestellt worden seien. Zudem handele es sich um eine Angelegenheit,

die sich völlig der Erwägung hier im Verein Deutscher Ingenieure entzieht, denn von uns ist zwar die Anregung zur Gründung der Gemeinnützigen Gesellschaft ausgegangen, aber in die Verwaltung haben wir nicht dreinzureden.66

Meyer verteidigte die Festlegung auf den Carnes-Arm mit dem Hinweis, dass das Sauerbruch’sche Verfahren zum Zeitpunkt der Gründung der Gesellschaft noch in den Anfängen begriffen gewesen wäre und bezweifelte zudem, ob seine Konstruktion auch zum jetzigen Zeitpunkt als abgeschlossen gelten könne. Zum Streit zwischen Ärzten und Ingenieuren äußerte er sich vorsichtiger, verteidigte aber deutlich die Vorrangstellung der Ingenieure, auch wenn diese auf die Hilfe von Ärzten und speziell Orthopäden angewiesen blieben.67

Obwohl Meyer öffentlich bedauerte, dass auf der Hauptversammlung Sauerbruchs Verfahren aufgrund der kurzfristigen Absage des Chirurgen nicht vorgestellt würde, war zu diesem Zeitpunkt das Tischtuch zwischen Sauerbruch und der Prüfstelle sowie dem VDI bereits zerschnitten. Der Ankauf der Patente für den Carnes-Arm, der ab August 1916 mit einer aufwendig gestalteten Broschüre als „vollkommensten Ersatz des menschlichen Arms für den Gebrauch im täglichen Leben“ beworben wurde, sorgte dafür, dass Sauerbruch am 18. November 1916 aus der Prüfstelle austrat (vgl. Karpa 2004: 137 f.).

Zwei Umstände deuten jedoch darauf hin, dass der Carnes-Arm dennoch keine Verbreitung in Deutschland fand: Erstens genehmigte der Erlass der Medizinalabteilung des Preußischen Kriegsministeriums vom 18. Oktober 1916 die Beschaffung des Carnes-Arms nur für alle Doppelamputierten und so genannten Kopfarbeiter. Die Tatsache, dass das Preußische Kriegsministerium den Arm nur für all jene, die nicht auf die unmittelbare Arbeit ihrer Hände angewiesen waren, freigab, zeigt, dass der Arm offenbar nicht der perfekte künstliche Arm gemäß Schlesingers Vorstellung war. Zweitens schien der Arm sich in Deutschland auch nicht billiger herstellen zu lassen, der offizielle Verkaufspreis lag 1916 bei eintausend Mark (ebd.: 136).

Aus einem Schreiben des Dynamowerks der SSW Berlin an die SSW Nürnberg vom Juni 1916 geht hervor, dass Schlesinger versuchte, gleich nach Erwerb der Rechte mithilfe einiger Betriebe, einen verbesserten Carnes-Arm zu konstruieren.68 Dabei schien er vor allem die zwei Schwachpunkte des Arms ausmerzen und eine Prothese konstruieren zu wollen, die sich zu einem geringeren Preis zu produzieren und auch für mittelschwere bis schwere Arbeiten gebrauchen ließ. Tatsächlich konstruierte das Dynamowerk eine so genannte Siemens-Schuckert-Hand, die Schlesinger (1917) in seinem Artikel „Die Mitarbeit des Ingenieurs bei der Durchbildung der Ersatzglieder“ in der Zeitschrift des Vereines Deutscher Ingenieure erwähnte, jedoch ohne nähere Angaben zu machen. Es erscheint unwahrscheinlich, dass dieser Arm jemals in einer größeren Serie von den SSW in Berlin gebaut wurde. Im Archiv des Unternehmens gibt es dazu jedenfalls keine Hinweise.

Kriegsökonomie der Invaliden

Biesalskis Ankündigung 1916, dass die Rückführung der Kriegsinvaliden „unser letzter großer Sieg sein [wird]“69 zeigt, welchen großen gesellschaftlichen Stellenwert die „Entkrüppelung“ der Kriegsinvaliden hatte. Warum die Reintegration der Kriegsinvaliden trotz vielfältiger Anstrengungen aller beteiligten Akteure und Stellen sich im Deutschen Reich nicht als nachhaltiger Erfolg erwies, ist schwer zu beurteilen. Aus Sicht der historischen Akteure gab es hauptsächlich drei Faktoren, die dazu führten, dass die meisten Kriegsinvaliden nicht in die Fabriken zurückkehrten: erstens die mangelnde Zusammenarbeit und Koordination der militärischen und zivilen Organe, die mit der Kriegsinvalidenfürsorge befasst waren; zweitens der hohe Preis und die Vertriebsstrukturen der Arbeitsprothesen; und drittens die Vorbehalte der Arbeitgeber gegenüber Kriegsinvaliden.

Das Problem der mangelhaften Zusammenarbeit der einzelnen Stellen wurde sowohl in der Zeitschrift des Vereines Deutscher Ingenieure vom Geschäftsführer der Prüfstelle für Ersatzglieder Schlesinger als auch in der Münchener Medizinische Wochenschrift von Generaloberarzt Neumann angesprochen. Anfang Dezember 1917 beschrieb Neumann (1917: 1583 f.) die damals gegenwärtige Situation der „Kriegskrüppelfürsorge“ und prangerte erhebliche Missstände an. So schrieb er, dass die „Kriegskrüppelfürsorge“ nicht nur die Verwaltungen beträfe, sondern auch Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Zudem äußerte er sich sehr kritisch über bestehende Strukturen innerhalb der Kriegsinvalidenfürsorge, die zu überwinden seien, auch hinsichtlich der Zeit nach dem Krieg. Insbesondere mahnte Neumann eine bessere Zusammenarbeit der militärischen und zivilen Stellen an (vgl. ebd.: 1584). Anders ausgedrückt, das Problem der „Krüppelfürsorge“ war kein technisches, das einfach auf mangelhafte Prothesen zurückzuführen war, sondern vor allem ein organisatorisches, das auf der mangelhaften Koordination der beteiligten Personen und Einrichtungen beruhte.

Den zweiten Grund für das Scheitern der Reintegrationsbemühungen erkennen die historischen Akteure im vergleichsweise hohen Preis und den komplizierten Vertriebsstrategien der Prothesenhersteller. Wie beschrieben, kostete ein Siemens-Schuckert-Arbeitsarm mit Arbeitsansätzen im Schnitt 180 Mark, ein Carnes-Arm eintausend Mark. Das waren Summen, die von den Kriegsinvaliden mit ihrer knappen Invalidenrente nicht bezahlt werden konnten. Es scheint zwar die Möglichkeit gegeben zu haben, die Prothese über das für den Kriegsinvaliden zuständige Bezirkskommando zu beziehen. Wie dies allerdings in der Praxis funktionierte, welche Bedingungen zu erfüllen waren und ob dies nur in bestimmten Fällen möglich war, ist nicht bekannt. Fest steht lediglich, dass nicht jeder Kriegsinvalide ein Anrecht auf eine staatlich subventionierte Arbeitsprothese hatte. Dass der hohe Preis der Prothesen ein Problem für den Kriegsinvaliden darstellen würde, erkannten die zuständigen Stellen schon 1915, nicht zuletzt deshalb war auch eines der sechs Kriterien des Preisausschreibens des VDI ein „mäßiger Preis.“70

Da in Folge des Preisausschreibens eine hohe Zahl von Patenten auf künstliche Glieder angemeldet wurde, fand am 16. November 1915 im Reichsamt des Innern eine Besprechung der Frage des Patentschutzes bei künstlichen Gliedern statt.71 Grundlage dafür waren die Anträge von der Heeresverwaltung und gemeinnützigen Vereinigungen, die eine Änderung der Gesetzgebung hinsichtlich des Patentschutzes von künstlichen Gliedern zum Ziel hatten. Anwesend waren Vertreter des Sanitätswesens, der Regierung, des DVK, des VDI und der Industrie. Wie der Patentanwalt des Siemens-Konzerns berichtete, wollten die Vertreter der Heeresverwaltung und der gemeinnützigen Vereinigungen eine Abschaffung der Patente für künstliche Glieder erreichen, um eine, wie sie meinten, unnötige Verteuerung durch die Herstellung von Prothesen durch industrielle Betriebe zu verhindern. Als Fazit schrieb der Patentanwalt des Siemens-Konzerns an die SSW nach Nürnberg, dass aus seiner Sicht nicht daran zu denken wäre, dass die Regierung rechtliche Schritte in diese Richtung unternehmen würde.72

In der Tat wurde den Anträgen der Heeresverwaltung und der gemeinnützigen Vereinigungen nicht stattgegeben. Wie das Beispiel des Carnes-Arms zeigt, hätte vermutlich eine Herstellung von Prothesen unter staatlicher oder gemeinnütziger Aufsicht den Preis der Prothesen nicht wesentlich verringert, zumal der Siemens-Schuckert-Arm ja schon zum Selbstkostenpreis hergestellt wurde.

Neben dem Preis waren auch die Vertriebsstrukturen der verschiedenen Arbeitsarme einer weiten Verbreitung nicht immer förderlich. So wies der Direktor der Rota-Werke, Felix Meyer, die SSW schon Ende 1915 darauf hin, dass beim Vertrieb von Prothesen der Bandagist einen nicht zu unterschätzenden Faktor darstelle. Seiner Erfahrung nach hätte dieser bei der Beschaffung von Armprothesen für die einzelnen Armeekorps ein gewichtiges Wort mitzureden und es hinge vom Wohlwollen des Bandagisten ab, welche Prothese gekauft und eingeführt werde. Das Entgegenkommen des Bandagisten hinge erfahrungsgemäß wiederum von der Höhe des Rabatts ab, den ihm der Fabrikant bewillige. Zusätzlich würden die Bandagisten bei der Vermittlung zwischen Hersteller und Militärverwaltung ebenfalls eine Provision verlangen, die bei bis zu fünfzig Prozent läge. Meyer war diese Praxis ein Dorn im Auge, und er hoffte in den SSW einen Verbündeten gegen die Bandagisten gefunden zu haben.73

Diese Praxis behinderte die Verbreitung der Arbeitsprothesen nachhaltig, da so Bandagisten den Lazaretten nicht die zweckmäßigsten Prothesen empfahlen, sondern jene, die ihnen den meisten Profit versprachen. Dieser Umstand war wohl auch Grund dafür, dass die SSW versuchten, beim Vertrieb ihres Arbeitsarms die etablierten Vertriebswege für Prothesen über Bandagisten und Medizinische- und Sanitätswarenhäuser zu umgehen und den Arm direkt zu vertreiben. Auch die Beibehaltung des Armvertriebs bei den SSW in Nürnberg, obwohl mit der medizinischen Abteilung der Siemens & Halske AG in Berlin eine wesentlich kompetentere Vertriebsabteilung im Konzern existierte, war wahrscheinlich ein Resultat dieser Vertriebspraxis.

Der dritte Grund, aus dem den historischen Akteuren die anvisierte Wiedereingliederung der Kriegsinvaliden in die Fabriken und Betriebe nicht zu gelingen schien, waren die Widerstände seitens der Industrie, aber auch der kleineren Handwerksbetriebe. Die Fabriken und Betriebe hatten Vorbehalte den Kriegsinvaliden gegenüber. In einer von Hermann Beckmann (1918: 911), technischer Beisitzer im Vorstand der Prüfstelle für Ersatzglieder, Ende 1917 durchgeführten Umfrage, die vierzig „deutsche Werke der verschiedenen Arbeitszweige und der verschiedenen Gegenden unseres Vaterlandes“ umfasste, bat er in der Anfrage um eine „möglichst ausführliche Beantwortung einer Reihe von Fragen über die Einstellung und die Arbeitserfolge der Kriegsbeschädigten.“ Er veröffentlichte die Antworten der Betriebe in seinem Artikel. Hierbei ist auffällig, dass diese Antworten der Betriebe auf die Anfrage Beckmanns durchweg Entschuldigungen enthalten, warum keine oder nur in geringem Umfang Schwerbeschädigte eingestellt wurden und inzwischen schon teilweise wieder entlassen werden mussten. Obwohl in einigen Antworten durchaus Positives über Kriegsinvalide berichtet wurde, ist der Grundtenor negativ. Aussagen wie „Wir haben die Erfahrungen gemacht, daß viele ernsthaftere Arbeit zurückweisen“ und „[e]ine große Zahl der von uns eingestellten Kriegsbeschädigten hat die Arbeit wieder verlassen“ sind kennzeichnend für die Auffassungen der angeschriebenen Betriebe (ebd.: 911–913).

Paradoxerweise wurde den Kriegsinvaliden die „Gemeinschaftsfähigkeit“ im Sinne von „vollwertiger“ Arbeitsfähigkeit nicht zugetraut, trotz anderslautender Beteuerungen des DVK und vor allem des VDI, die ja gerade alle Bestrebungen in der Kriegsinvalidenfürsorge dem Arbeitsparadigma untergeordnet hatten. Die Debatten innerhalb des VDI über die Produktivität eines kriegsinvaliden Arbeiters und seine Leistungsfähigkeit, die er mithilfe von Arbeitsprothesen erhöhen beziehungsweise erst erlangen sollte, ging somit an der Realität vorbei. Dass Siemens als einer der ersten Hersteller in Deutschland 1915/1916 Arbeitsprothesen im industriellen Maßstab herstellte, ist daher kein Zufall, denn die Arbeitsprothesen standen im direkten Zusammenhang mit den Rationalisierungsbestrebungen der Industrie. Siemens kam bei diesen Rationalisierungsbestrebungen eine Vorreiterrolle in Deutschland zu. Bereits um die Jahrhundertwende reisten Wilhelm von Siemens und Carl Dihlmann, Werkstattorganisator des Siemens-Konzerns, in die USA, um die „amerikanischen Methoden“ der Rationalisierung zu studieren (Kocka 1969: 358). Das erklärt, wieso es bei Siemens bereits weit vor dem Ersten Weltkrieg einen so genannten amerikanischen Saal gab, in dem Arbeiter an US-amerikanischen Fräs- und Bohrmaschinen nach tayloristischen Methoden arbeiteten.74 Die Frage nach der „Auslese der geeigneten Arbeiter“ (Meyer 1917: 145), die schon vor dem Krieg die deutsche Industrie beschäftigte, wurde durch den Ersten Weltkrieg und die damit verbundenen „hervorgerufenen Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt“ (ebd.) auch auf die Kriegsinvalidenfürsorge übertragen. In der Realität wurden dem Produktionsparadigma allerdings seine Grenzen aufgezeigt.

Danksagung

Den anonymen Gutachterinnen und Gutachtern sowie Noyan Dinçkal danke ich für ihre wertvollen Hinweise sowie die konstruktive Kritik.

Fußnoten
1

Mannschaftsgrade und Unteroffiziere kamen mit Kriegszulage, Verstümmelungszulage und Rente, nur auf ca. 850 Mark Gesamteinkommen jährlich, vgl. dazu Wollenburg 1915: 29-43.

 
2

Vgl. Stenographischer Versammlungsbericht der außerordentlichen Tagung der Deutschen Vereinigung für Kriegskrüppelfürsorge, Berlin. Zeitschrift für Krüppelfürsorge, 8 (1915): 143.

 
3

Biesalski, Konrad, 1915. Wer ist der Führer in der gesamten Fürsorge für unsere heimkehrenden Krieger. Tägliche Rundschau, 18. Januar.

 
4

Vgl. Stenographischer Versammlungsbericht der außerordentlichen Tagung der Deutschen Vereinigung für Kriegskrüppelfürsorge, Berlin. Zeitschrift für Krüppelfürsorge, 8 (1915): 139.

 
5

Teilnehmerliste der Tagung des DVK 1916, vgl. Zeitschrift für Krüppelfürsorge, 9 (1916): 109 f.

 
6

Bericht über die außerordentliche Tagung der Deutschen Vereinigung für Krüppelfürsorge. Zentralblatt für Chirurgische und Mechanische Orthopädie, 10 (1916): 75.

 
7

Vgl. ebd.: 77.

 
8

Bericht über die außerordentliche Tagung der Deutschen Orthopädischen Gesellschaft. Zeitschrift für orthopädische Chirurgie, 36 (1916/1917): 215.

 
9

Vgl. die Berichte über Tagungen der DVK in der Zeitschrift für Krüppelfürsorge von 1909–1914.

 
10

Zum Begriff „Menschenökonomie“ vgl. Planert (2000: 547).

 
11

Preisausschreiben für einen Armersatz. Zeitschrift des Vereines Deutscher Ingenieure, 59 (1915): 868. Das Initiieren eines Preisausschreibens zur Lösung eines technischen Problems war nicht ungewöhnlich. So veranlasste ein Preisausschreiben für eine Kälteanlage zum Auskristallisieren von Paraffin Carl von Linde sich 1870 eingehend mit der Theorie von Kältemaschinen zu befassen. 1873 konnte er dann ein Patent für eine Kälteerzeugungsmaschine anmelden, einem der Vorläufer des modernen Kühlschrankes, vgl. Hård 1994: 83.

 
12

Für die Rota-Werke vgl. Weigmann 1990: 54 f., für den Jagenberg-Arm vgl. das Antwortschreiben der Jagenberg AG an den Verfasser der Arbeit: „denn die Erfindung des Jagenberg-Armes steht in jedem Falle in Zusammenhang mit einem Wettbewerb, ausgeschrieben vom VDI.“

 
13

Preisausschreiben für einen Armersatz. Zeitschrift des Vereines Deutscher Ingenieure, 60 (1916): 224.

 
14

Jagenberg-Arm Broschüre, ohne Ort und Jahr: 1, Jagenberg AG Archiv Krefeld.

 
15

Vgl. Merkblatt Nr. 1 der Prüfstelle für Ersatzglieder in Charlottenburg. Zeitschrift des Vereines Deutscher Ingenieure 60 (1916): 269.

 
16

Zu Georg Schlesinger vgl. Spur/Fischer 2000.

 
17

Etwa dreihundert Prothesen wurden bis Kriegsende in Deutschland entwickelt.

 
18

Merkblatt Nr. 2 der Prüfstelle für Ersatzglieder in Charlottenburg. Zeitschrift des Vereines Deutscher Ingenieure, 60 (1916): 477.

 
19

Vgl. exemplarisch die SSW, Aufstellung der Bestellten Arbeitsarme bis einschließlich 29. Mai 1916, Siemens-Archiv München, Siemens-Archiv-Akte (SAA) 5022.

 
20

Anonym, 1918. Mitteilungen über den Arbeitsarm der Siemens-Schuckert-Werke Zweigniederlassung Nürnberg für kriegsbeschädigte Handwerker und Arbeiter. Nürnberg: Eigenverlag: B1, SAA 8841.

 
21

Wann genau und unter welchen Umständen wurde von Kesten nicht genannt und geht auch aus den Akten der SSW nicht hervor.

 
22

Das Geschäftsgebiet der SSW, die 1903 durch einen Zusammenschluss der Starkstrombetriebe der Siemens & Halske AG mit den Betrieben der Elektricitäts AG (vormals Schuckert & Co.) hervorgegangen waren, stellte die Starkstrom-Elektrotechnik dar. Das Werk in Nürnberg war für die Herstellung mittlerer Dynamomaschinen und Motoren zuständig, zudem wurden Elektrizitätszähler in großer Stückzahl gefertigt. In keiner Jubiläumsschrift oder Firmenchroniken wird der Siemens-Schuckert-Arm erwähnt.

 
23

Zum Preisausschreiben des VDI siehe das Schreiben an Franz Schuster, Dresden, 28. März 1916, SAA 5111-1, zum Preisausschreiben in Magdeburg siehe das interne Schreiben der SSW an das Wernerwerk, 23. Dezember 1915, SAA 4789.

Der Verzicht auf die Teilnahme am Preisausschreiben des VDI mag auch damit in Zusammenhang gestanden haben, dass der Direktor der Siemens & Halske AG, Prof. Dr. Raps und Adolf Silberstein, der die Anregung zum Bau der Prothese gab, im Preisgericht saßen und somit mit Teilnahme der SSW ein Interessenskonflikt nicht ausgeschlossen hätte werden können.

 
24

SSW an die Landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft für das Königreich Sachsen, 23. Dezember 1915, und SSW an das Bureau der Kriegsärztlichen Abende vom 20. Dezember 1915, beides SAA 5109.

 
25

SSW an die Landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft für das Königreich Sachsen, 23. Dezember 1915, SAA 5109.

 
26

Vgl. das interne Schreiben der SSW an den technischen Pressedienst in Berlin, 1. Mai 1926, SAA 4789.

 
27

Anhang eines internen Schreibens der Patentabteilung des Siemens-Concers an Herrn Kesten, 20. Juni 1916, SAA 5022.

 
28

Ebd.

 
29

Vgl. SSW an das Sanitätsamt XV. Armeekorps Strassburg, 18. März 1916, SAA 5111-2.

 
30

Zur Anzahl der bestellten Arme vgl. die interne Aufstellung „Bestellte Arbeitsarme bis einschl. 29. Mai 1916“, SAA 5022. Zum Zeitpunkt des Beginns der Produktion vgl. das interne Schreiben der SSW an das Patentbüro, 20. Februar 1917, SAA 5110.

 
31

Vgl. SSW an das Sanitätsamt XV. Armeekorps Strassburg, 18. März 1916, und SSW an das Vereinslazarett Paulinenhilfe, 14. Juni 1916, beides SAA 5111-2.

 
32

Zur Tragkraft des Siemens-Schuckert-Arbeitsarms vgl. den Bericht von Kesten zum Brief vom 12. Dezember 1915 an Geh. R. Hartmann, SAA 5022.

 
33

Vgl. Anonym, 1918. Mitteilungen über den Arbeitsarm der Siemens-Schuckert-Werke Zweigniederlassung Nürnberg für kriegsbeschädigte Handwerker und Arbeiter. Nürnberg: Eigenverlag: B4-B19, SAA 8841.

 
34

Ebd.

 
35

Vgl. ebd: 1 f.

 
36

Lohse-Gleiwitz, 1916. Die Kriegsbeschädigtenfürsorge mit besonderer Berücksichtigung des Armersatzes. Sonderabdruck aus den Mitteilungen des Oberschlesischen Bezirksvereines Deutscher Ingenieure und des Oberschlesischen Elektrotechnischen Vereins, 13: 7, SAA 4789.

 
37

Zur Rationalisierungskultur in Deutschland vgl. Peukert 1989: 55–91, und Sarasin 1995.

 
38

Georg Schlesinger an Baurat Dihlmann, SSW Berlin, 29. Oktober 1917, SAA 4789.

 
39

Internes Schreiben der SSW Nürnberg an Baurat Dihlmann, Zentral-Werksverwaltung in Berlin, 10. November 1917, SAA 4789.

 
40

Lohse-Gleiwitz, 1916. Die Kriegsbeschädigtenfürsorge mit besonderer Berücksichtigung des Armersatzes. Sonderabdruck aus der Mitteilungen des Oberschlesischen Bezirksvereines Deutscher Ingenieure und des Oberschlesischen Elektrotechnischen Vereins, 13: 7, SAA 4789.

 
41

Ebd.: 8.

 
42

Vgl. SSW Nürnberg an das Vereinslazarett, SAA 5111-2.

 
43

Vgl. Vorläufige Kalkulation der Kosten des SAA, aufgestellt von Kesten, 3. Dezember 1915, SAA 5022.

 
44

Vgl. Preislisten 1, 2 und 3 des Siemens-Schuckert-Arbeitsarms der SSW vom 15. August 1916, 10. November 1916 und 15. April 1917, SAA 5110.

 
45

SSW Nürnberg an das Sanitätsamt XV. Armeekorps Strassburg, 18. März 1916, SAA 5111-2.

 
46

Vgl. SSW Nürnberg an die SSW Berlin, 15. März 1916. SAA 4789.

 
47

Vgl. SSW Berlin an die SSW Nürnberg, 6. März 1916, SAA 4789.

 
48

Vgl. SSW Nürnberg an das Medizinische Warenhaus Leonhard Schmidt & Co. Hamburg, 21. Februar 1916, SAA 5109, SSW Nürnberg an das Sanitätswarenhaus Gebrüder Johnen Duisburg, 24. Dezember 1915, SAA 5109 sowie SSW Nürnberg an die SSW Berlin, 19. November 1917, SAA 4789.

 
49

Vgl. SSW Nürnberg an die SSW Berlin, 19. November 1917, SAA 4789.

 
50

SSW Nürnberg an SSW Berlin, 1. Oktober 1917, SAA 4789.

 
51

Anonym, 1918. Mitteilungen über den Arbeitsarm der Siemens-Schuckert-Werke Zweigniederlassung Nürnberg für kriegsbeschädigte Handwerker und Arbeiter. Nürnberg: Eigenverlag: 2, SAA 8841.

 
52

Vgl. SSW Nürnberg an S & H AG Berlin, 28. April 1917, SAA 4789.

 
53

Vgl. das Konto für verschiedene „Arbeitsarme“, SAA 5110, und „Bestellte Arbeitsarme bis einschl. 29. Mai 1916“, SAA 5022, und diverse Kostenvoranschläge, so an die Versorgungsabteilung des Bezirkskommando Weimar, 21. September 1917, SAA 5111-3.

 
54

SSW Nürnberg an die Königliche Munitionsfabrik Spandau, 30. September 1916, SAA 4789.

 
55

Vgl. SSW Nürnberg an Carl Zeiss Jena, 9. November 1916, SAA 6801.

 
56

Angelegenheiten des Vereines. Zeitschrift des Vereines Deutscher Ingenieure, 60 (1916): 335.

 
57

Ebd.

 
58

Ebd.

 
59

Ebd.: 336.

 
60

Der Erfinder des Carnes-Arms, der US-Amerikaner William T. Carnes, verlor Anfang des 20. Jahrhunderts seinen Arm bei einem Arbeitsunfall.

 
61

Vgl. Angelegenheiten des Vereines. Zeitschrift des Vereines Deutscher Ingenieure, 60 (1916): 826.

 
62

Ebd.

 
63

Ebd.

 
64

Vgl. Angelegenheiten des Vereines. Zeitschrift des Vereines Deutscher Ingenieure, 61 (1917): 181.

 
65

Ebd.

 
66

Ebd.

 
67

Vgl. ebd.

 
68

Vgl. Dynamowerk der SSW Berlin an SSW Nürnberg, 27. Juni 1916, SAA 4789.

 
69

Krüppelfürsorge. Frankfurter Zeitung und Handelsblatt, Abendblatt, 9. Februar 1916.

 
70

Preisausschreiben für einen Armersatz. Zeitschrift des Vereines Deutscher Ingenieure, 59 (1915): 868.

 
71

Vgl. die Abschrift des Berichtes über die Besprechung im Reichsamt des Innern über die Frage des Patentschutzes für Kunstglieder am 16. November 1915, SAA 4789.

 
72

Vgl. Patentanwalt Ludwig Fischer an die SSW, 18. November 1915, SAA 4789.

 
73

Felix Meyer, Aachen, an SSW Nürnberg, 30. Oktober 1915, SAA 5022.

 
74

Zum Taylorismus in Deutschland zur Zeit des Ersten Weltkrieges vgl. Rabinbach 1992: 189–195, und Nolan 1994.

 

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