Allergo Journal

, Volume 22, Issue 7, pp 464–470

Allergien und Umwelt

Authors

  • Dörthe Andrea Kesper
    • Institut für Laboratoriumsmedizin, Biomedizinisches ForschungszentrumPhilipps-Universität Marburg
  • Esma Kilic-Niebergall
    • Institut für Laboratoriumsmedizin, Biomedizinisches ForschungszentrumPhilipps-Universität Marburg
    • Institut für Laboratoriumsmedizin, Biomedizinisches ForschungszentrumPhilipps-Universität Marburg
    • Institut für LaboratoriumsmedizinBiomedizinisches Forschungszentrum (BMFZ), Philipps-Universität
Übersicht Review Article

DOI: 10.1007/s15007-013-0375-x

Cite this article as:
Kesper, D.A., Kilic-Niebergall, E. & Pfefferle, P.I. Allergo J (2013) 22: 464. doi:10.1007/s15007-013-0375-x

Zusammenfassung

Wie auch andere chronische Erkrankungen des Menschen sind Allergien nicht monokausal begründet — vielmehr entstehen sie durch das Zusammenwirken vielfältiger exogener und endogener Faktoren mit dem Immunsystem. In Zwillingsstudien konnte belegt werden, dass eine genetische Komponente an diesem Zusammenspiel beteiligt ist. Die schnelle Zunahme von Allergien innerhalb der letzten sechs Dekaden deutete darauf hin, dass Umweltexpositionen ebenfalls ursächlich an der Initiation allergischer Entzündungen beteiligt sind. Die epidemiologische Erforschung der Allergogenese führte zur Identifikation von Risiko- und Schutzfaktoren aus der Umwelt, die neue Ansätze für die Prävention und Therapie bieten könnten. Darüber hinaus hat die Translation epidemiologischer Befunde in tierexperimentelle Modelle den Zugang zu den Mechanismen eröffnet, die der Allergieentstehung zugrunde liegen. Zwei Konzepte bildeten die Grundlage für ein neues Verständnis der frühen Immunprogrammierung: erstens die Hygienehypothese, die die Bedeutung mikrobieller Stimuli in der Entwicklung der tolerogenen Immunantwort unterstreicht, und zweitens die Barker-Hypothese, die die Weichenstellung für chronische Krankheitsprozesse im Alter bereits in der Pränatalphase ansiedelt.

Schlüsselwörter

AllergieAsthmaentstehungUmweltfaktorenmikrobielle StimuliHygienehypothese

Verwendete Abkürzungen

ALEX

Allergy and Endotoxin

APC

Antigenpräsentierende Zellen

DoHaD

Development of origins of Health and Disease

IFN

Interferon

ISAAC

International Allergy and Asthma in Childhood

KiTas

Kindertagesstätten

OVA

Ovalbumin

PARSIFAL

Prevention of Allergy – Risk Factors for Sensitization Related to Farming and Anthroposophic Lifestyle

PASTURE

Protection against Allergies Study in rural Environments

Th

T-Helfer

TLR

Toll-like receptor

Treg

T-regulatorische Zellen

Allergies and environmental factors

Summary

As other human chronic diseases allergies are not of mono-causative etiology — these conditions develop by a complex misguided interplay between exogenous and endogenous determinants and the developing immune system. Twin studies substantiated genetic factors as basic determinants involved in this interplay. The rapid increase of allergic disorders within the last six decades pointed out to a causative contribution of environmental exposures as crucial in initiating allergic inflammation. Epidemiological research focusing on the onset of allergies led to the identification of risk and protective environmental factors, which might offer new approaches for prevention and therapy. Moreover, translation of epidemiological evidence into animal models provided access to immune mechanisms underlying the development of allergies. Two concepts built the fundament for a new understanding of early immune programming: (1) The hygiene hypothesis, which emphasizes the impact of microbial stimuli on the development of a tolerogenic immune response and (2) the Barker-hypothesis, which allocates the onset of chronic disease already in utero.

Key words

Allergyasthma developmentenvironmental factorsmicrobial stimulihygiene hypothesis

Weltweite Prävalenzstudien belegen die Allergie- und Asthmaepidemie

Allergische Erkrankungen wie das Asthma bronchiale spielen in der täglichen klinischen Praxis eine zunehmende Rolle. Besonders im Bereich der Kinder- und Jugendmedizin hat sich in den letzten 60 Jahren das Krankheitsspektrum von Infektionen hin zu chronisch-entzündlichen Erkrankungen, insbesondere Allergien verschoben. Diese Entwicklung zeichnete sich anfänglich in industrialisierten Ländern ab. Die von Bach [1] zur Millenniumswende in Industriestaaten durchgeführte Untersuchung zur Inzidenz chronisch-entzündlicher Erkrankungen belegte eine stetige Zunahme dieses Krankheitsbildes seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Die weltweit durchgeführten Erhebungen zur Prävalenz allergischer Erkrankungen im Rahmen der „International Allergy and Asthma in Childhood“(ISAAC)-Studie belegen einen ähnlichen, wenn auch verzögerten Trend in den „developing countries“, also Schwellenländern wie Mexiko, Brasilien, Indien, China und in einigen osteuropäischen Staaten [2].

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Umweltfaktoren und der Entstehung von Allergien?

Parallel ist ein gegenläufiger Trend für Infektionserkrankungen zu registrieren, denn in den Industrienationen erkranken immer seltener Menschen an Infektionen mit hochpathogenen Erregern viraler und bakterieller Art. Die zeitgleiche Beobachtung der gegenläufigen Trends legte die Vermutung nahe, dass beide Entwicklungen ursächlich miteinander verbunden sein könnten. Diese Hypothese wurde erstmals zum Ende der 80er-Jahre durch Strachan postuliert [3]. Er verglich die Infektionshäufigkeit mit dem Auftreten allergischer Erkrankungen bei englischen Kindern und belegte, dass sich die Infektionsprävalenz reziprok zur Allergiehäufigkeit verhielt. In der von ihm erstmals formulierten Hygienehypothese postulierte Strachan, dass Infektionen im frühen Kindesalter das Immunsystem schulen und Entgleisungen verhindern können.

Die Allergieepidemie wird von sich verändernden Lebensstilfaktoren getrieben

Die wenig später im wiedervereinigten Deutschland durchgeführten Querschnittsstudien zur Allergie- und Asthmaprävalenz in Ost- und Westdeutschland sollten die Hypothese von Strachan nicht nur stützen, sondern auch um neue Aspekte erweitern. Der Fall des „Eisernen Vorhangs“ und die Wiedervereinigung Deutschlands bot die Möglichkeit, eine Population, die sich über 40 Jahre sozioökonomisch voneinander getrennt entwickelt hatte, vergleichend zu untersuchen. Zu Beginn der Untersuchungen galten Umweltbelastungen durch Industrie und Verkehr als treibende Kraft der Allergieepidemie. Die Ergebnisse des über ein Zeitintervall von zehn Jahren angelegten Ost-West-Vergleichs deuteten jedoch darauf hin, dass die postmoderne Lebensweise westlicher Industriegesellschaften als treibende Kraft für den Anstieg der Allergieinzidenz verantwortlich sein könnte. Die Daten des im Jahr 1994 bei Schulkindern durchgeführten Surveys belegten eine signifikant niedrigere Allergieprävalenz in Ostdeutschland [4]. Zehn Jahre nach der Wiedervereinigung hatte sich die Allergieprävalenz im Osten an das Westniveau angeglichen (Abb. 1) [5].

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Abb. 1

Verlauf des Prävalenzanstiegs bei Allergien in Ostund West deutschland seit Ende des Zweiten Weltkrieges (a) und differierende Lebensstilfaktoren in Ostund Westdeutschland bei der Wiedervereinigung (b)

© P. Pfefferle

Frühe mikrobielle Stimuli sind essenziell für die Entwicklung einer tolerogenen Immunantwort

Die im Ost-West-Vergleich gemachten Beobachtungen führten dazu, dass die bis dahin im Wesentlichen auf die Infektionshäufigkeit in der frühen Kindheit fokussierte Hygienehypothese erweitert wurde. Von Mutius, die die Untersuchungen am Studienstandort München durchführte, erkannte in dem Verlust der frühen ontogenetischen Konfrontation mit Umweltkeimen den zentralen Faktor, der die postmoderne Lebensweise charakterisiert. Die von Strachan postulierten allergieprotektiven Effekte durch frühkindliche Infektionen sind Teil einer mikrobiellen Stimulation des sich entwickelnden Immunsystems, die die Etablierung einer tolerogenen Immunantwort gewährleistet. Die erweiterte Hygienehypothese postuliert, dass der postmoderne Mensch in seinen überwiegend urban geprägten Lebenswelten an einer Verarmung mikrobieller Stimuli leidet. Das reifende Immunsystem benötigt den frühen Kontakt mit unterschiedlichsten Mikroben, um zwischen harmlosen und gefährlichen Umweltfaktoren unterscheiden zu lernen [6]. Im Zusammenspiel mit anderen modernen Lebensstilfaktorenkommt es zur Begünstigung chronisch-inflammatorischer Prozesse (Abb. 2).

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Abb. 2

Moderne Lebensstilfaktoren beeinflussen die Homöostase des Immunsystems vor dem Hintergrund genetischer Prädispositionen

© P. Pfefferle

Das traditionelle Bauernhofmilieu — eine prototypische Lebenswelt zur Untersuchung der mikrobiell vermittelten Allergieprotektion

Zur Prüfung dieser komplexen Hypothese eignen sich Umwelten, die im Gegensatz zur urbanen Lebensweise eine vielfältige mikrobielle Exposition bieten. Traditionell wirtschaftende Bauernfamilien im bayrischen Voralpenland bieten hierfür prototypische Charakteristika, denn sie leben in engem nachbarlichem Kontakt mit Nichtbauernfamilien, deren Lebensweise überwiegend modern geprägt ist. Die erste epidemiologische Querschnittsstudie, die von Mutius [7] und ihrem Studienteam in dieser Population durchgeführt wurde, belegte, dass Kinder, die auf traditionell geführten Bauernhöfen aufwachsen, seltener eine allergische Erkrankung entwickeln als ihre nichtbäuerlichen nachbarlichen Altersgenossen.

Die „Allergy and Endotoxin“(ALEX)-Studie, die in ländlichen Regionen der Schweiz, Österreichs und Bayerns durchgeführt wurde, gab Hinweise darauf, dass sowohl der enge Kontakt zu Nutztieren als auch der Konsum von bauernhofeigener Rohmilch zur Allergieprotektion bei Bauernhofkindern beiträgt. Der Endotoxingehalt in Hausstaubproben, der ein Maß für die mikrobielle Last der häuslichen Umgebung darstellt, lag bei Bauernhoffamilien signifikant höher als in Proben aus Nichtbauernhäusern. Mit steigendem Endotoxingehalt der Staubproben sank die Allergiehäufigkeit bei den dazugehörigen Kindern [8].

Die anschließend durchgeführte „Prevention of Allergy — Risk Factors for Sensitization Related to Farming and Anthroposophic Lifestyle“(PARSIFAL)-Studie, die neben Bauernfamilien auch Familien mit anthroposophischem Lebensstil einschloss, belegte, dass die Protektion gegen Allergien bereits im Mutterleib vermittelt wird, wenn die Mütter der untersuchten Kinder in der Schwangerschaft direkten Kontakt zu Stalltieren hatten [9].

Die Barker- oder DoHaD-Hypothese — Umweltfaktoren beeinflussen die Entwicklung des Immunsystems bereits in utero

Die Ergebnisse der PARSIFAL-Studien legten nahe, dass die mütterliche Umwelt bereits in utero Einfluss auf das sich entwickelnde Immunsystem des Kindes nimmt. Barker war der Erste, der der fötalen Entwicklung eine wichtige Rolle in der Entstehung von sich später manifestierenden Erkrankungen zuwies. Aus seinen Untersuchungen zu Ursachen von Koronarerkrankungen leitete er ab, dass ein niedriges Geburtsgewicht mit einem erhöhten Risiko für spätere Koronarerkrankungen assoziiert ist [10]. Aktuelle retrospektive Studien zum „Hungerwinter“ 1944/45 in den Niederlanden belegten, dass Studienteilnehmer, deren Mütter in dieser Winterperiode während der Nahrungsblockade schwanger waren, ein niedrigeres Geburtsgewicht aufwiesen und später häufiger an chronisch-entzündlichen und metabolischen Erkrankungen litten als Menschen, die keiner pränatalen Nahrungsrestriktion ausgesetzt waren [11].

Mit der Barker- oder „Development of origins of Health and Disease“(DoHaD)-Hypothese wird postuliert, dass entscheidende Weichenstellungen hin zu pathogenetischen Prozessen bereits in der pränatalen Phase erfolgen. Umwelt- und Lebensstilfaktoren, denen die Mutter während der Schwangerschaft ausgesetzt ist, nehmen nicht nur Einfluss auf das fötale Wachstum und die Entwicklung von Organsystemen, sondern beeinflussen auch die Reifung des zellulären Immunsystems. Diese beginnt bereits im zweiten Trimenon der Schwangerschaft, ist durch einen hohen Grad an Proliferation und Differenzierung gekennzeichnet und damit besonders suszeptibel für exogene Einflüsse, die über die Plazenta zum Fötus gelangen.

Die Ergebnisse der PARSIFAL-Studie deuteten darauf hin, dass die mütterliche Konfrontation mit einer vielfältigen Mikroflora die Immunreifung begünstigt und damit bereits im Mutterleib die Grundlage für eine später breit gefächerte zelluläre Immunantwort legt. Fehlen diese frühen Stimuli, so bleibt es dem neo- und postnatalen Immunsystem verwehrt, diese Vielfalt auszubilden, was in der Folge zur Sensibilisierung gegen ansonsten harmlose Umweltstoffe führen kann.

Die Ausprägung einer vielfältigen und dennoch harmlosen Stoffen gegenüber toleranten Immunantwort wird durch ein ausbalanciertes Gleichgewicht der T-Helfer-Zellpopulationen Th1 und Th2 vermittelt, die T-Zell-Antwort des Allergikers ist Th2-dominiert. Auch der Fötus wird von einem ausgeprägten Th2-Milieu umgeben, das ihn vor der maternalen Abwehr schützt. In seiner Auseinandersetzung mit der Außenwelt benötigt das Neugeborene bald ein Repertoire von Immunantworten, das eine erfolgreiche Abwehr pathogener Keime ermöglicht und eine Toleranz gegenüber nützlichen Mikroorganismen schafft. Dies garantieren Th1-und T-regulatorische Zellen (Treg), die die Immunantwort ausbalancieren. Dominieren Zellen der Th2-Antwort, so wird der Weg in eine allergische Erkrankung schon in früher Kindheit begünstigt (Abb. 3) [12]. Untersuchungen im Nabelschnurblut von Studienkindern, die im Rahmen der „Protection against Allergies Study in rural Environments“(PASTURE)-Studie rekrutiert wurden, zeigten, dass Kinder, deren Mütter regelmäßig im Stall arbeiteten, eine bereits bei Geburt stärkere Th1-Antwort ausprägten als Kinder, deren Mütter keinen Kontakt zu Stalltieren hatten [13].

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Abb. 3

Mikrobielle Stimuli fördern die Entwicklung eines tolerogenen Immunsystems

© P. Pfefferle

Prä- und postnatale Allergieprotektion durch Bauernhofkeime lassen sich im experimentellen Tiermodell belegen

Die Translation epidemiologischer Befunde in standardisierte Tiermodelle ermöglicht die Überprüfung der epidemiologisch begründeten Hypothesen im experimentellen Feld. Für die Prüfung der allergieprotektiven Effekte durch mikrobielle Exposition sind Asthmamodelle bei der Maus geeignet, da sie die Parameter der Erkrankung auf immunologischer, histologischer und funktioneller Ebene in der Lunge abbilden können.

Um die Allergieprotektion durch die mikrobielle Bauernhofexposition prototypisch im Modell abbilden zu können, wurden die Bakterien gezielt aus Stallstäuben isoliert, die besonders häufig in Ställen traditionell geführter Höfe zu finden waren. Die Prüfung auf postnatale Wirkung zeigte, dass die intranasale Verabreichung des Stallisolats Acinetobacter lwoffii F78 zu einer signifikanten Verbesserung des asthmatischen Phänotyps bei Mäusen führte, die mit dem Modellallergen Ovalbumin (OVA) sensibilisiert und mit einem entsprechenden Aerosol provoziert wurden. Die so behandelten Tiere zeigten gegenüber Kontrolltieren eine signifikante Verbesserung des allergischen Phänotyps [14]. Ebenso konnte der pränatal vermittelte Schutz durch das Bakterium experimentell bestätigt werden. Im standardisierten Pränatalmodell wurde exklusiv das trächtige Muttertier mit A. lwoffii F78 intranasal exponiert und die Nachkommen nach der Geburt mit OVA sensibilisiert und provoziert. Nachkommen, deren Mütter während der Trächtigkeit mit A. lwoffii F78 behandelt wurden, zeigten einen signifikant verbesserten Asthmaphänotyp nach Sensibilisierung und Provokation mit OVA gegenüber Nachkommen von nicht bakteriell behandelten Muttertieren (Abb. 4).

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Abb. 4

Prüfung des pränatalen Allergieschutzes durch A. lwoffii F78 im transmaternalen Mausmodell

© P. Pfefferle

In diesem Modell konnten auch erste mechanistische Studien durchgeführt werden, die zeigten, dass das Toll-like-Rezeptor(TLR)-System der Muttertiere in der vordersten Reihe der immunologischen Abwehr benötigt wird, um einen pränatalen Allergieschutz in utero zu initiieren. Die mit OVA sensibilisierten Nachkommen von A. lwoffii F78 behandelten Müttern zeigten gegenüber Kontrolltieren eine signifikant höhere Interferon(IFN)-γ-Produktion in Th-Zellen der lungennahen Lymphknoten nach OVA-Restimulation. Diese Ergebnisse deuteten darauf hin, dass die pränatale A. lwoffii F78 Exposition zu einer frühen Weichenstellung der T-Zell-Reifung in Richtung Th1-Antwort führt [15].

Der bakterielle Clustermix — eine neue Perspektive für die allergologische Forschung und Klinik

Analysen zur bakteriellen Bandbreite von Bauernhofkeimen in Staubproben lassen darauf schließen, dass nicht nur eine hohe Vielfalt von Mikroorganismen mit hoher Allergieprotektion korreliert [16], sondern dass spezifische Keime besonders protektiv zu sein scheinen [17]. In diesen Analysen konnte ein distinktes Cluster bakterieller Spezies (darunter auch A. lwoffii) identifiziert werden, das eine hohe Assoziation zur Allergie- und Asthmaprotektion aufweist. Die experimentelle Prüfung dieses Clustermix ist Gegenstand der derzeitigen experimentellen Arbeiten und stellt eine vielversprechende Möglichkeit dar, die Mechanismen der mikrobiell vermittelten Allergieprotektion als Ganzes besser zu verstehen. Darüber hinaus bietet der Clustermix eine neue Perspektive für die klinische Anwendung in der kausalen Prävention und Therapie allergischer Erkrankungen.

Allergie und Umwelt

Welche Aussage zur Entstehung allergischer Erkrankungen ist falsch?

□ Allergische Erkrankungen entstehen vor einem suszeptiblen genetischen Hintergrund.

□ Allergische Erkrankungen sind monokausal.

□ Allergische Erkrankungen entstehen unter Mitwirkung von Umweltfaktoren.

□ Allergische Erkrankungen basieren auf einer frühen Immunprogrammierung.

□ Allergische Erkrankungen sind durch eine Störung der Immunzellbalance gekennzeichnet.

Welche Aussage ist richtig? In den letzten 60 Jahren …

□ kam es zu einer simultanen Abnahme der Inzidenz von chronisch-inflammatorischen und Infektionserkrankungen in entwickelten Ländern.

□ stieg die Zahl der Neuerkrankungen bei chronisch-inflammatorischen Erkrankungen in Industrieländern deutlich an, während die Prävalenz von Infektionserkrankungen zeitgleich stagnierte.

□ stagnierte in industrialisierten Ländern die Zahl der Neuerkrankungen bei chronisch-inflammatorischen Krankheitsbildern weltweit, während die Inzidenz von Infektionserkrankungen zeitgleich sichtbar sank.

□ wurde in den Industriestaaten eine steigende Inzidenz allergischer Erkrankungen beobachtet, die mittlerweile auch in den Schwellenländern verzeichnet wird.

□ trug die in Europa durchgeführte ISAAC-Studie dazu bei, die Epidemiologie allergischer Erkrankungen auf nationaler Ebene zu erfassen.

Welche Aussage ist richtig? Die erstmals von David Strachan formulierte Hygienehypothese postuliert, dass ...

□ Impfen der Entstehung von allergischen Erkrankungen vorbeugt, der Einsatz von Antibiotika im frühen Kindesalter hingegen die Entstehung von allergischen Erkrankungen begünstigt.

□ Infektionen im frühen Kindesalter zur stabil ausbalancierten Immunantwort beitragen.

□ frühe kindliche Infektionen prinzipiell die Sensibilisierung und damit allergische Erkrankungen verhindern.

□ sanitäre Verhältnisse im persönlichen Umfeld eines Kindes allein entscheidend für die Entwicklung einer allergischen Erkrankung sind.

□ eine erhöhte Sauberkeit im persönlichen Umfeld eines Kindes die Allergieentstehung verhindern kann.

Welche Aussage ist richtig? Die unterschiedliche Verkehrsbelastung in Ost- und Westdeutschland vor der Wende …

□ konnte als wesentliche Einflussgröße ermittelt werden, die zu einer niedrigeren Prävalenz von allergischen Erkrankungen im Osten zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung beitrug.

□ trug neben unterschiedlichen Lebensstilfaktoren dazu bei, dass zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung die Prävalenz allergischer Erkrankungen im Osten niedriger war als im Westen.

□ begünstigte in Westdeutschland eine niedrige Allergieinzidenz, da hier die Einführung von abgasarmen Fahrzeugen den Ausstoß von Luftschadstoffen früher als im Ostdeutschland reduzierte.

□ stellte keinen wesentlichen Einflussfaktor dar, weil die Luftverschmutzung in Ostdeutschland durch industrielle Luftschadstoffe die Luftverschmutzung in Westdeutschland um ein Vielfaches übertraf.

□ trägt bis heute zu einem Gefälle der Prävalenz allergischer Erkrankungen zwischen Ost- und Westdeutschland bei.

Welche Aussage ist falsch? Studien zum Zusammenhang zwischen Umweltexpositionen und der Entwicklung eines tolergenen Immunsystems deuten darauf hin, dass …

□ adipöse Kinder unabhängig von ihrem genetischen Hintergrund ein niedrigeres Risiko aufweisen, eine chronisch imflammatorische Erkrankung zu bekommen.

□ genetische Dispositionen und Lebensstilfaktoren wie Ernährung, Bewegung und Stress wechselseitig zur Entstehung von chronisch-entzündlichen Erkrankungen betragen.

□ die Darmbesiedlung durch Ernährungsfaktoren beeinflusst wird und auf die Entstehung von chronisch-entzündlichen Erkrankungen Einfluss nehmen kann.

□ frühe mikrobielle Stimuli der Entstehung chronisch-inflammatorischer Zustände entgegenwirken, indem sie eine stabile ausgewogene Th-Zell-Balance begünstigen.

□ Vitamin-D-Mangel die Entstehung von pro-inflammatorischen Konditionen begünstigt.

Welche Aussage zur pränatalen Nahrungsmittelrestriktion ist falsch?

□ Die pränatale Nahrungsmittelrestriktion führt zu einem transgenerationalem Effekt in den Nachkommen, wie die Studien zum Hungerwinter 1944/45 in den Niederlanden belegen.

□ Die pränatale Nahrungsmittelrestriktion begünstigt ein niedriges Geburtsgewicht und in der Folge die Untergewichtigkeit des Nachkommens im Erwachsenenalter.

□ Die pränatale Nahrungsmittelrestriktion begünstigt ein niedriges Geburtsgewicht und erhöht das Risiko des Nachkommens für spätere chronische Organerkrankungen.

□ Die pränatale Nahrungsmittelrestriktion hat plazentavermittelt Einfluss auf fötale Differenzierungsprozesse.

□ Die pränatale Nahrungsmittelrestriktion hat weitreichenden Folgen für die weitere Ontogenese des Nachkommens.

Welche Aussage ist falsch? Frühe mikrobielle Stimuli tragen zur stabilen ausbalancierten Immunantwort bei, indem sie …

□ das angeborene Immunsystem bereits während der frühen Entwicklungsphase des Immunsystems aktivieren und damit die Entwicklung eines dominanten Th-Subsets unterdrücken.

□ durch Aktivierung der Toll-like-Rezeptor Signaling-Kaskade direkt Einfluss auf die Entwicklung von Th-Subpopulationen nehmen.

□ die naive Th-Zelle über Zellen des angeborenen Immunsystems aktivieren und die Bildung von regulatorischen Th-Zellen begünstigen.

□ die Dominanz der plazentaren Th2-Antwort auch postnatal begünstigen.

□ bereits in utero auf die Th-Zell-Reifung Einfluss nehmen.

Welche Aussage ist falsch? Bauernhofstudien belegen, dass …

□ der Endotoxingehalt in Hausstaubproben ein Maß für die mikrobielle Last der häuslichen Umgebung darstellt und mit der Allergieprotektion bei Bauernhofkindern korreliert.

□ die Stallexposition werdender Mütter zum Schutz des Nachkommens vor Allergien beiträgt.

□ Bauernkinder im Vergleich zu Nicht-Bauernkindern seltener an Allergien erkranken, weil bereits im Mutterleib erste Sensibilisierungsreaktionen durch Stalleffekte verhindert werden.

□ Bauernkinder im Vergleich zu Nicht-Bauernkindern bereits bei Geburt eine höhere Konzentration von Th1-Zytokinen aufweisen.

□ der Konsum von bauernhofeigener Rohmilch zur Allergieprotektion bei Bauernhofkindern beiträgt

Welche Aussage ist falsch? Im pränatalen Tiermodell der experimentellen allergischen Atemwegsinflammation konnte gezeigt werden, dass …

□ intranasale pränatale Verabreichung von bakteriellen Bauernhofisolaten in sensibilisierten Nachkommen den allergischen Phänotyp in der Maus abschwächt.

□ pränatale Exposition mit dem Stallbakterium A. lwoffii F78 mit einer verbesserten Lungenfunktion bei sensibilisierten Tieren assoziiert ist.

□ die ausgeprägte Eosinophilie wie sie bei Ovalbumin-sensibilisierten und provozierten Tieren beobachtet wird, zurückgedrängt werden kann.

□ das Toll-like-Rezeptor-System der mütterlichen Zellen des angeborenen Immunsystems für die Allergieprotektion des Nachkommes essenziell ist.

□ die mit Ovalbumin-sensibilisierten Nachkommen von A. lwoffii-F78-behandelten Müttern gegenüber Kontrolltieren eine signifikant niedrigere Zytokinproduktion aufwiesen.

Welche Aussage zum bakteriellen Clustermix ist falsch?

□ Der bakterielle Clustermix stellt ein ausschließlich experimentell nutzbares Werkzeug dar, mit dem Mechanismen der Asthmaentstehung untersucht werden können.

□ Der bakterielle Clustermix verspricht eine verbesserte Allergieprotektion gegenüber der Applikation von einzelnen Bakterienstämmen.

□ Der bakterielle Clustermix ermöglicht die Untersuchung der allergoprotektiven Mechanismen von bakteriellen Gemeinschaften.

□ Der bakterielle Clustermix basiert auf der Speziesanalyse von bakteriellen Gemeinschaften im Bauernhofmilieu.

□ Der bakterielle Clustermix könnte eine neue Perspektive für die Therapie und Prävention allergischer Erkrankungen eröffnen.

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