Soziale Passagen

, Volume 3, Issue 1, pp 1–3

Editorial

Authors

  • Werner Thole
  • Karin Böllert
  • Holger Ziegler
Editorial

DOI: 10.1007/s12592-011-0078-7

Cite this article as:
Bock, K., Thole, W., Böllert, K. et al. Soz Passagen (2011) 3: 1. doi:10.1007/s12592-011-0078-7
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Im Zentrum des fünften Heftes der Soziale PassagenJournal für Empirie und Theorie der Sozialen Arbeit steht das Thema Hilfe. Die Entscheidung für ein Heftthema, in dessen Zentrum einer der ältesten und zugleich schwierigsten Begriffe der Sozialen Arbeit steht, begründet sich auch über das Projekt der Soziale PassagenJournal für Empirie und Theorie der Sozialen Arbeit selbst, also dem Anliegen der Zeitschrift, grundlegende, theoretisierungsbedürftige Gegenstandsbereiche der Sozialen Arbeit zu thematisieren und wesentliche Kernaspekte empirisch und theoretisch aufzubereiten und weiterzuentwickeln. Das Thema Hilfe sucht nach Ansicht der HerausgeberInnen der Soziale PassagenJournal für Empirie und Theorie der Sozialen Arbeit geradezu nach einer „Aufklärung“, stellt es doch nicht nur in theoretischer wie praxisnaher Absicht den Anfang allen sozialpädagogischen Denkens dar, sondern impliziert auch die gegenwärtigen professionellen Herausforderungen im Kontext sozial- und wohlfahrtsstaatlicher Veränderungen.

Hilfe als theoretisierungsbedürftiger, empirisch gehaltvoller, aber auch janusköpfiger Grundbegriff Sozialer Arbeit eröffnet ganz verschiedene Forschungs- und Themenkomplexe, auf die Karin Bock und Werner Thole in der thematischen Einführung verweisen. Werner Schefold diskutiert anschließend in seinem Beitrag über „Hilfe als Grundkategorie Sozialer Arbeit“, inwieweit es sich lohnen kann, sowohl sozialpädagogisch wie sozialpolitisch am Hilfebegriff festzuhalten, weil sich, wie er ausführt, hierdurch wichtige Bezüge von Hilfe als sozialer Interaktion, als sozialpolitisches Lehrstück, wie Hilfe als Ressourcenaktivierung, herstellen lassen. Sven Steinacker nimmt das Thema „Hilfe und Politik“ in seinem Beitrag zum Anlass, um sich auf die „Suche nach einer neuen Sozialen Arbeit im Gefolge von 1968“ zu begeben. Auf der Grundlage erster Ergebnisse aus einem DFG-Projekt kann er zeigen, inwieweit Hilfe als Instrument diente, um soziale Probleme aufzuheben, die strukturell in der Sozialen Arbeit angelegt sind. Wolfgang Böttcher, Anna-Kristen Hentschke, Pascal Bastian, Virginia Dellbrügge, Anne Lohmann und Holger Ziegler präsentieren ausgewählte Ergebnisse aus ihrem Projekt über Frühe Hilfen und soziale Frühwarnsysteme unter dem Titel „Parallelsystem Frühe Hilfen?“ und diskutieren das „Verhältnis von frühen präventiven Familienhilfen und ambulanten Erziehungshilfen“. Die AutorInnen stellen in ihren Ergebnissen heraus, dass die Instrumente der sozialen Frühwarnsysteme tatsächlich als mögliche Ergänzung zu den etablierten ambulanten Erziehungshilfen eingeordnet werden können, weil sie in der Lage sind, niedrigschwelligere Hilfeleistungen anzubieten. Allerdings bleibt vorerst offen, wie nachhaltig die Wirkung der frühen Hilfen ist, da auch hier das Hilfe-Kontroll-Problem ungeklärt bleibt. Margrit Brückner beschließt den Blickpunkt „Hilfe“ mit einem Beitrag über zentrale Ergebnisse aus ihrer Care-Studie. Care, im Forschungsprojekt verstanden als „Unterstützung“, eröffnet empirisch einen beeindruckenden Blick auf Hilfeprozesse und ihre Dynamiken in professionellen privaten Unterstützungsnetzwerken „von langfristig unterstützungsbedürftigen Frauen und Männern in den Bereichen psychisch erkrankte, hilfebedürftige alte und physisch beeinträchtigte Menschen“. Anhand von leitfadengestützten Interviews kann Brückner zeigen, welche Care-Verständnisse die AkteurInnen, AdressatInnen wie Professionelle haben und wie diese auf verschiedenen Ebenen – Rahmung, Handlung, Normen und Selbstsorge – im Kontext der Care-Debatte ausbuchstabiert werden können.

Auch in der Rubrik Forum wird implizit an das Thema „Hilfe“ im Kontext von sozialer Kontrolle sowie als sozialstrukturelle Programmatik angeknüpft. Michael Dellwing setzt sich in seinem Artikel mit den „Rhetoriken von Norm und Risiko“ auseinander, indem er zwei „Sprachclubs in der Soziologie der sozialen Kontrolle“ gegeneinanderstellt und fragt, warum das Konstruktionsvokabular um die Risiko-Ordnung nunmehr kritisiert und das der Normordnung favorisiert wird, wo doch genau die gleiche Argumentation vor ein paar Jahren andersherum geführt worden ist. Wigbert Flock, Jochen Jungblut und Verónica Filardo geben in ihrem Beitrag „Jugendkulturen in Uruguay“ einen Einblick in den Forschungsstand zu sozialstrukturellen Entwicklungen, Arbeits- und Lebensverhältnissen von Jugendlichen in Uruguay und zeigen daran anschließend auf, welche Jugendkulturen und Jugendszenen sich als neue Organisationsformen von Vergemeinschaftungen identifizieren lassen.

Ergänzt wird der Thementeil „Hilfe“ in der Rubrik „Nachgefragt/Wiederentdeckt“ mit Klaus Mollenhauers Stichwortartikel „Verwahrlosung“ aus dem Jahr 1967, den Alexandra Klein einführt, vergegenwärtigt und auf seine Anschlussfähigkeit und Aktualität in theoretischer wie empirischer Absicht hin kommentiert. Hier wird deutlich, wie allgegenwärtig die Verwahrlosungsproblematik in aktuellen Debatten ist, verfügt doch der Begriff der Verwahrlosung seit nunmehr 54 Jahren über eine außerordentlich normierende und gleichsam stigmatisierende Konnotation, die gerade in der Rede von der „underclass“ machtvoll genutzt wird. Für die Soziale Arbeit ergeben sich daraus wichtige Bezüge, die im Horizont der Kategorie Hilfe neu justiert und diskutiert werden müssen.

Andreas Keller stellt in der Rubrik Praxis Hochschule das Templiner Manifest der Gewerkschaft Erziehung und Bildung (GEW) vor. In den Forschungsnotizen präsentieren sich die drei sozialpädagogischen EU-Projekte, die in den letzten zwei Jahren im Rahmen des Europäischen Forschungsprogramms an den Standorten Bielefeld, Dortmund und Frankfurt a. M. eingeworben wurden: Das Bielefelder EU Projekt „Making Capabilities Work“ unter der Federführung von Hans-Uwe Otto greift das Thema „Übergang Schule-Beruf“ auf. Matthias Eutener (Dortmund) stellt die Familyplattform zur Familienforschung, Familienpolitik und Sozialen Diensten der Europäischen Union vor. Und Andreas Walther (Frankfurt a. M.) präsentiert den Forschungsansatz des EU-Projekts „Governance of Educational Trajectories in Europe. Access, Coping and Relevance of Education for Young People in European Knowledge Societies“. Desweiteren haben wir in den Forschungsnotizen einen Beitrag von Susanne Graumann aufgenommen, die einen Einblick in ein aktuelles Forschungsprojekt an der Universität Münster gibt, dass die „tragfähigen Unterstützungskonstellationen bei Menschen mit einer demenziellen Veränderung“ ins Zentrum stellt.

Uns bleibt auf eine breite LeserInnenschaft zu hoffen, die interessiert und diskussionsfreudig das erste Heft der Soziale PassagenJournal für Empirie und Theorie der Sozialen Arbeit des Jahres 2011 aufnimmt und kritisch rezipiert.

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