Soziale Passagen

, 3:115

Verwahrlosung – Eine sozialpädagogische Vergegenwärtigung mit Klaus Mollenhauer

Authors

    • Institut für Erziehungswissenschaft, Abt. II: SozialpädagogikWestfälische Wilhelms-Universität Münster
Nachgefragt/Wiederentdeckt

DOI: 10.1007/s12592-011-0071-1

Cite this article as:
Klein, A. Soz Passagen (2011) 3: 115. doi:10.1007/s12592-011-0071-1
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Zusammenfassung

Bis zum Inkrafttreten des SGBVIII im Jahr 1991 fungierte „Verwahrlosung“ als zentrale Bezugs- bzw. Eingriffskategorie öffentlicher Erziehung. Mindestens seit Ende der 1960er Jahre wurde diese jedoch innerhalb der sozialpädagogischen Fachdebatte massiv kritisiert. Ausgehend von Klaus Mollenhauers klassischem Beitrag zu Verwahrlosung aus dem Jahr 1967 werden zunächst die differenten Schwierigkeiten, die mit diesem Begriff verbunden sind, herausgearbeitet, um daran anschließend seine gegenwärtige Reaktivierung, deren Implikationen sowie eine alternative Perspektive zu diskutieren.

Schlüsselwörter

VerwahrlosungJWGKJHGMollenhauerBefähigungsperspektive

Neglect – A socialpedagogical visualisation with Klaus Mollenhauer

Abstract

Until the entry into force of SGBVIII in 1991 “neglect” was a central reference and intervention category of youth welfare. But at least since the late 1960s this category was massively criticized within the professional debate. Based on the classic contribution to neglect of Klaus Mollenhauer (1967) different difficulties associated with this concept are worked out, in order to discuss the current reactivation of the category as well as its implications and an alternative perspective subsequently.

Keywords

NeglectJWGKJHGMollenhauerCapability approach

1 Einstieg: Verwahrlosung als klassische sozialpädagogische Kategorie

„Eine richtungslose, ungebundene Jugend verwahrlost auf breiter Ebene. Sie entwächst der Sittlichkeit, sie kennt nur noch sich selbst. Ihr Scheinerwachsensein und ihre hilflose Unreife stemmen sich gegen die Autorität und reißen die Kluft zu den Erwachsenen noch tiefer. – Auch im geschlechtlichen Bereich achtet man nicht mehr auf Intimsphäre. Das Massenangebot an Gebrauchs- und Vergnügungsgütern lässt die Jugend gierig werden. […] Lebens- und Liebeshunger werden ausschweifend und ungesteuert“ (AFET 1960 zit. nach Gehltomholt und Hering 2006, S. 51).

Mit dieser Diagnose zur Lage der Jugend, vorgetragen auf der Tagung des Allgemeinen Fürsorgeerziehungstages im Jahr 1960, eröffnen Gehltomholt und Hering in ihrem 2006 erschienen Buch „Das verwahrloste Mädchen“ das Kapitel zu „Verwahrlosung“.

So oder ähnlich gelagerte Interpretationen der Wirklichkeit durch pädagogische Fachleute bestimmten lange Jahre das ‚professionelle‘ Bild einer verwahrlosten oder verwahrlosenden Jugend, der es an Zucht und Ordnung mangelt. Bis zum Inkrafttreten des SGBVIII im Jahr 1991 stellte die Kategorie der Verwahrlosung die zentrale Bezugs- bzw. Eingriffskategorie öffentlicher Erziehung dar. So konnte das Vormundschaftsgericht für ein Kind oder einen Jugendlichen beispielsweise Fürsorgeerziehung anordnen „wenn sie erforderlich ist, weil der Minderjährige zu verwahrlosen droht oder verwahrlost ist“ (§ 64 JWG).

Wodurch Verwahrlosung herbeigeführt wird und wodurch sie sich auszeichnen sollte blieb – da es sich hierbei um einen unbestimmten Rechtsbegriff handelte – auf gesetzlicher Ebene weitgehend offen. In den Kommentaren zum JWG fanden sich ebenfalls nur vergleichsweise vage Beschreibungen. So formulierten auch Johannes Münder u. a. noch im Frankfurter Kommentar von 1988 Verwahrlosung als „ein erhebliches, nicht nur erkennbar vorübergehendes Herabsinken des körperlichen, geistigen oder sittlichen Zustands unter den Normalzustand, der bei einem Minderjährigen unter sonst gleichen Verhältnissen als Ergebnis einer ordnungsgemäßen Erziehung vorausgesetzt werden muss, wobei ein Absinken auf einem der genannten Gebiete genügt“ (Münder et al. 1988, S. 272).

Hier werden nicht nur die breiten Deutungsspielräume bei der Bestimmung dessen deutlich, was als verwahrlost galt und was nicht, sondern auch die Abhängigkeit der Verwahrlosungsbestimmung von einer positiven Norm. Die Einordnung als verwahrlost setzte das Vorhandensein einer Norm voraus unter die ‚Herabgesunken‘ werden musste – wobei diese jedoch ebenso unbestimmt blieb. Gehltomholt und Hering (2006) kommen vor diesem Hintergrund zu der Einschätzung, dass als verwahrlost galt, „wer von seinem Erscheinungsbild oder den äußeren Umständen her nicht den Standards der in der Regel zur Mittelschicht gehörenden Fachleuten entsprach“ (Gehltomholt und Hering 2006, S. 55). Diese offene Abhängigkeit der Bestimmung von kulturellen Wertmustern hat Mollenhauer mit Blick auf die frühen Bestimmungsversuche der Sozialpädagogik in seinem Aufsatz zur Verwahrlosung aus dem Jahr 1967, der nachfolgend noch genauer betrachtet wird, folgendermaßen pointiert: „Im Begriff der Verwahrlosung faßte man all jene Merkmale zusammen, die einen oder viele Menschen kennzeichneten, welche sich nicht so verhielten, wie man es gewöhnt war“ (Mollenhauer 1967, S. 281).

Die Verhaltensauffälligkeiten, die als Merkmale von Verwahrlosung klassifiziert wurden, lassen sich aufschlussreich an den Klassifikationen der empirischen Studien zu Kindern und Jugendlichen in der Fürsorgeerziehung aufzeigen: Pongratz und Hübner verwendeten beispielsweise in ihrer 1959 veröffentlichen Studie zur Lebensbewährung nach öffentlicher Erziehung ‚Umhertreiben/Entlaufen‘, ‚Eigentumsdelikte‘, ‚Verlogenheit‘, ‚Sexuelle Auffälligkeit‘, ‚Aggressive Auffälligkeit‘, ‚Leistungsschwäche‘, ‚Kinderfehler‘ und ‚Arbeitsunlust‘ als Verwahrlosungserscheinungen. Es sind insbesondere jene Normverstöße wie sexuelle Auffälligkeiten, die deutlich machen, dass auch in der Ausdifferenzierung des Überbegriffs der Verwahrlosung in Verwahrlosungserscheinung, normative Zuschreibungen – also Zuschreibungen auf der Basis von den Bewertungsmustern und -maßstäben der Bewertenden – von elementarer Bedeutung waren. Was galt also in jener Zeit als „sexuelle Auffälligkeiten“? Unter „sexueller Auffälligkeit“ subsumierten Pongratz und Hübner „Selbstbefriedigung in gesteigertem Ausmaß“, „gleichgeschlechtliche sexuelle Beziehungen“, „Frühsexualisierung“ und „vermehrter Wechsel der Sexualpartner“. In Analogie zum allgemeinen Verwahrlosungsbegriff blieb auch hier die Definition dessen, was als „gesteigertes Ausmaß“ oder „vermehrt“ klassifiziert wurde, den Deutungen und Wertungen der jeweiligen InstitutionenvertreterInnen überlassen. Ihre subjektiv beschränkt variablen Norm- und Ordnungsvorstellungen fungierten somit als Grundlage für eine Kategorisierung mit Rechtsfolgen.

Bei den konkreten Einweisungsgründen war es schließlich eine relativ beschränkte Zahl von Verwahrlosungsmerkmalen, die von den Richtern angeführt und kombiniert wurden. Männliche Minderjährige gerieten überproportional häufig aufgrund von Eigentumsdelikten ins Visier der Jugendfürsorge. Bei Mädchen standen sexuelle Auffälligkeiten an erster Stelle. Düchting kam 1952 zu dem Befund, dass bei knapp 80 % der Mädchen in der Fürsorgeerziehung „sexuelle Verwahrlosung“ als der oder ein Einweisungsgrund angeführt wurden. 15 Jahre später gelangte Specht in seiner Untersuchung zu dem Ergebnis, dass „unerwünschte sexuelle Beziehungen“ bei mehr als 60 % der Mädchen zur Anordnung öffentlicher Erziehung beitrugen. Bei den Jungen sahen sich nur vier Prozent dieser Zuschreibung ausgesetzt (vgl. Specht 1967). Die sozialpädagogische Kategorie der sexuellen Verwahrlosung zielte seit ihrer Entstehung folglich vor allem auf die Kategorisierung und Erfassung von Mädchen und jungen Frauen. Schmidt (2002) analysierte den Zugriff auf die Mädchen und jungen Frauen in der Fürsorgeerziehung des 20. Jahrhunderts in diesem Zusammenhang als einen dreifachen: Als zu disziplinierende Angehörige der Unterschicht, als zu pädagogisierende Halbwüchsige und als zu verhäuslichende Frauen. Ein Zugriff, der sich unter dem Topos der sexuellen Verwahrlosung verdichtete. Es waren Mädchen und junge Frauen aus der Unterschicht, die in aller Regel aufgrund eines als abweichend klassifizierten Sexualverhaltens in Fürsorgeerziehung kamen, wobei sich die Auffälligkeitsdefinitionen und Interventionen an der bürgerlichen Erwachsenenrolle von Frauen und Müttern orientierten. Jungen wurden demgegenüber mehr Freiheiten zugebilligt als Mädchen: „Verhaltensweisen wie eine als zu freizügig beurteilte Einstellung zur Sexualität […] wurden im Gegensatz zum devianten Verhalten (von Jungen) zwar nicht strafrechtlich verfolgt, jedoch verletzten sie das ungeschriebene Gesetz des Moralkodex über die weibliche Geschlechtsrolle und führten aufgrund dieser moralischen Verurteilung zur Heimeinweisung“ (Lützke 2002, S. 182).

Erst die soziologischen und sozialpädagogischen Theoriedebatten rund um den Ettiketierungsansatz gegen Ende der 1960er Jahre, die Verwahrlosung als einen Begriff analysierten, der Jugendhilfe und -gerichten vorrangig dazu diente, klassen- und geschlechtsselektive Kontrolle über abweichendes Verhalten auszuüben und zu sanktionieren, sowie die Heimkampagnen zogen gesellschafts- und jugendhilfepolitische Auseinandersetzungen und eine fachliche Umorientierungen und Reformen nach sich. Die Kategorie der Verwahrlosung verschwand sukzessive aufgrund ihres diskriminierenden Charakters aus dem professionellen Deutungsspektrum.

2 Was ist Verwahrlosung? Eine Analyse von Klaus Mollenhauer

In der 1967 erschienenen Erstausgabe der von Flitner und Scheuerl herausgegebenen Textsammlung „Einführung in pädagogisches Sehen und Denken“ ist Mollenhauer mit zwei Beiträgen vertreten: „Anpassung“ und „Verwahrlosung“. Beide Beiträge finden sich identisch in der von Mollenhauer 1964 erstmals veröffentlichten „Einführung in die Sozialpädagogik“. Während die Ausführungen in der Einführung von Mollenhauer jedoch in weitere Begriffs- und Problembestimmungen integriert sind, stehen die Beiträge in dem Sammelband von Flitner und Scheuerl – vergleichbar mit Beiträgen in einem Hand- oder Wörterbuch – für sich allein. Bereits durch diese Positionierung innerhalb der Textsammlung kann Mollenhauers Beitrag zur Verwahrlosung als diskursrelevante Begriffsanalyse jener Zeit angesehen werden.

Den Ausgangspunkt der Analyse von Mollenhauer bilden die bereits angeführten frühen sozialpädagogischen Bestimmungsversuche, die unter Verwahrlosung ein heterogenes Spektrum abweichender Verhaltensmerkmale subsumierten: „Menschen, die nicht in die Kirche gingen, die oft in der Schänke saßen, viel tanzten, häufig den Ort wechselten, keinen festen Beruf hatten; Jünglinge, die ihrem Meister nicht aufs Wort gehorchen mochten, der Obrigkeit nicht die schuldige Achtung erwiesen, dem Kartenspiel frönten; Kinder, die bettelten, ohne Eltern herumzogen, die Schule vermieden; schließlich jede Art unehrenhaften Gesindels, das nirgends zu Hause war, sich in die neu entstehenden Großstädte verzog, die Schule oder Handwerkerehre gering achtete, Diebe, Brandstifter, Betrüger, dem Genuß und dem Laster Verfallene, herkömmlicher Sitte und Brauchtum Entfremdete“ (Mollenhauer 1967, S. 281 f.). Eine solch hyperonymische Klassifizierung bewertete Mollenhauer als ebenso „richtig“ wie „naiv“: „Richtig“, weil „Verwahrlosung immer die Abwesenheit einer – inneren oder äußeren Ordnung, einer Regelhaftigkeit des Daseins bedeutet, deren Gültigkeit angenommen werden muß, soll der Begriff sinnvoll sein“ (Mollenhauer 1967, S. 282). Als „naiv“ wird diese Kategorisierung von Mollenhauer bewertet, da die Beurteilungsgrundlage dieser Klassifikationen selbst gerade keinen expliziten Gegenstand der Reflexion darstelle. Die kritische Bearbeitung dieser Problematik erachtet Mollenhauer als komplizierte wissenschaftliche Aufgabe, der er sich in dem vorliegenden Text über eine vergleichende Sichtung von einem knappen Duzend Verwahrlosungsdefinitionen unterschiedlicher disziplinärer Provenienz nähert. Im Anschluss an Wilhelm Mollenhauer (1961) fasst Klaus Mollenhauer die Gemeinsamkeiten der „verwirrend“ vielfältigen Bestimmungsversuche dahingehend zusammen, dass damit Zustände bezeichnet werden, „die unterhalb einer als feststehend vorausgesetzten Norm liegen. Insbesondere werden als verwahrlost Kinder und Jugendliche bezeichnet, die aus der Bewahrung in einer festen, sie tragenden und schützenden Lebensordnung herausgefallen sind oder sich anders verhalten als es den üblichen und altersgemäßen Normen entspricht; zugleich handelt es sich dabei um einen abgesunkenen Gesamtzustand der Persönlichkeit“ (Mollenhauer 1967, S. 283). Obgleich in dieser zusammenfassenden Einordnung die damalige Rechtsauslegung von Verwahrlosung ihre Entsprechung findet, wie sie etwa in den Kommentaren zum JWG dokumentiert ist, plädiert Mollenhauer bereits vor dem Hintergrund der heterogenen Definitionen dafür, den Begriff als Fachbegriff zu verabschieden und sich den differenten Einzelaspekten zuzuwenden, die bislang noch unter dem Sammelbegriff der Verwahrlosung subsummiert wurden. Diese Perspektive begründet er aus zwei verschiedenen Richtungen: Zum einen in einer psychologischen Argumentationslinie, in der er ausführt, dass die heterogenen „Symptome“, die sich in der Literatur finden lassen, „von der Psyche des Einzelnen gesehen, kaum noch unter einem Begriff zusammengefasst werden können [… so dass] ein Begriff von Verwahrlosung auf psychologische Weise offenbar überhaupt nicht zu gewinnen ist“ (Mollenhauer 1967, S. 284 f). Darauf aufbauend analysiert er – und das ist die zweite Argumentationslinie – den Verwahrlosungsbegriff als ein sozialpädagogisches Phänomen, das nur in Bezug auf „Verwahrung – oder eine wie auch immer verstandene – geordnete Existenz“ (Mollenhauer 1967, S. 285) sinnvoll zu betrachten sei. Hier argumentiert er unter Rückgriff auf den Verwahrlosungsbegriff des Heilpädagogen Paul Moor, dass Verwahrlosung ein pädagogischer Begriff sei, „mit dem die Diskrepanz zwischen der Wirklichkeit und der Möglichkeit eines Menschen bezeichnet werden soll“ (Mollenhauer 1967, S. 285). Doch auch eine solche pädagogische Bestimmung von Verwahrlosung ist für Mollenhauer mit einer Vielzahl von Schwierigkeiten konfrontiert: Zum ersten ließe sich von einer so verstandenen Verwahrlosung nur nach einer gründlichen Analyse sprechen, die den „Nachweis der Differenz, die zwischen dem, was dem Menschen seinem psycho-sozialen Bestand nach möglich war, und dem, was er faktisch erreicht hat“ (Mollenhauer 1967, S. 286) voraussetzt. Ein „bestimmtes, vielleicht auffallendes und dem Betrachter subjektiv als abweichend von seiner Norm erscheinendes Verhalten“ (Mollenhauer 1967, S. 286) dürfe dementsprechend nicht als verwahrlost gelten. Ein solch ‚objektiver‘ Bestimmungsversuch von Verwahrlosung sei jedoch weiterführend mit dem Problem konfrontiert, dass nun potentiell „Beliebiges als Verwahrlosung bezeichnet werden [kann], je nach dem, was dem Betrachter als das ‚Aufgegebene‘ erscheint. Nicht nur einzelne in bezug auf eine Gruppe, sondern auch Gruppen, Stände, Klassen, ganze Kulturen oder Gesellschaften, schließlich ‚der moderne Mensch‘ können in diesem Rahmen als verwahrlost gelten“ (Mollenhauer 1967, S. 286). Diese potentielle Beliebigkeit sieht Mollenhauer verstärkt durch gesellschaftliche Modernisierungsprozesse, die dazu führten, dass „nicht nur das Bewußtsein von dem, was als Verwahrlosung bezeichnet werden kann, sondern auch von ihrem Bezugsrahmen, was als geordnete Existenz zu gelten habe, mit Skepsis durchsetzt“ sei (Mollenhauer 1967, S. 286). In der Konsequenz würden damit tendenziell unangemessen pauschalisierende Aussagen über Verwahrlosung ebenso ermöglicht wie die pädagogische Brauchbarkeit des Begriffs verunmöglicht, da hierfür bestehende Ordnungen und Verhaltensnormen gleichzeitig als gültig, beständig und „nicht verwahrlost“ angenommen werden müssten. Ein pädagogisch gehaltvoller Verwahrlosungsbegriff setze – so das Fazit der Analyse von Mollenhauer – mindestens einen sozialen Bezugsrahmen voraus, der auszuweisen vermag, was unter der „erzieherischen Kultivierung“ (Mollenhauer 1967, S. 287) von Personen überhaupt verstanden werden kann.

3 Die aktuelle Wiederentdeckung der Verwahrlosungskategorie

Die diskursive Reaktivierung der klassischen Kategorie der Verwahrlosung, wie sie gegenwärtig in der Gestalt so genannter „Medienverwahrlosung“ (vgl. Pfeiffer 2003; Moser 2006) oder „sexueller Verwahrlosung“ (vgl. Siggelkow und Büscher 2009; Schetsche und Schmidt 2010) beobachtbar ist, fällt hinter die Einsichten Mollenhauers deutlich zurück – möglicherweise sind sie den aktuellen Verwahrlosungsprotagonisten gar unbekannt. Im Anschluss an Mollenhauer lassen sich die gegenwärtigen Verwahrlosungsproklamationen zwar als „naiv“, keineswegs jedoch als „richtig“ bezeichnen. Naiv sind sie insofern, wie in der aktuellen Verwahrlosungsdebatte unterschiedliche Lebensführungspraktiken als problematisch vorgestellt werden, die sich vor allem darin ähneln, dass dabei in der Beschreibung der Verwahrlosungssymptome und -ursachen auf individualisierend-pathologisierende Negativzuschreibungen rekurriert wird. Hierbei zeigen sich beachtliche Analogien zu jenen klassischen Ausführungen, wie sie auch von Mollenhauer in seinem Beitrag exemplarisch dargestellt wurden: Mangelnde Triebkontrolle, fehlender Bedürfnisaufschub, Unreife, Bindungsstörungen etc. Weiterhin lässt sich feststellen, dass in der aktuellen Debatte um die ‚neue Verwahrlosung‘ nicht zuletzt das Verhältnis von gesellschaftlichen Ungleichheitsverhältnissen und Verwahrlosungsdiagnosen, welches von Mollenhauer zumindest ansatzweise problematisiert wurde, in dem er auf die „Schichtung des Problems“ (Mollenhauer 1967, S. 285) verweist, das aber vor allem in den darauffolgenden Jahren den zentralen Bezugspunkt der kritischen Fachdebatte darstellte, eine Reformulierung erfährt: Denn diejenigen, die gegenwärtig von Verwahrlosung betroffen sein sollen, seien nicht mehr nur Angehörige ‚der Unterschicht‘, sondern nunmehr Angehörige einer ‚neuen Unterschicht‘, die durch den Bezug sozialstaatlicher Transferleistungen in Kombination mit spezifischen verhaltensbezogenen Merkmalen charakterisiert wird. In moralisch-individualisierenden Zuschreibungen werden im gegenwärtigen Verwahrlosungsdiskurs jegliche relationalen (empirischen und theoretischen) Analysen und redistributiven Ansätze zurückgewiesen. Stattdessen sind es die individuellen Werte und Verhaltensweisen der Betroffenen, die fokussiert werden. Angehörige unterer sozialer Klassen werden dabei typischerweise als eine ‚neue Unterschicht‘ verhandelt, welche weniger durch ihre sozial-ökonomische Position als durch ihr moralisches Handeln und kulturelles Sein bestimmt wird. Diese ‚Gruppe‘ wird also im Wesentlichen gerade nicht durch ihre sozial-strukturelle Position in gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsverhältnissen definiert, sondern durch Einstellungen und Verhaltensweisen, die sie und ihre Lebensweise ‚außerhalb der Gesellschaft‘ und des normativ Akzeptablen stellen würden. Während genau jene Verhältnisse, also die mehr oder weniger institutionalisierten ökonomischen, politischen und sozialen Prozesse, die über die Verweigerung von Ressourcen Ausschließung und Deprivation erzeugen, ausgeblendet bleiben, wird ein als defizitär klassifizierter Sozialcharakter der Armen ins Zentrum gerückt. Auf empirisch gesättigte relationale Analysen zwischen Lebensführungspraktiken und sozialer Positionierung der Akteure wird in der aktuellen Debatte ebenso verzichtet wie darauf, die generierten „sozialen Profile“ (Cremer-Schäfer 2006, S. 55) hinsichtlich ihrer distinktiven Nützlichkeit für andere gesellschaftliche Gruppen abzufragen. So kann ausschließlich Mollenhauers Kriterium für eine naive Bewertung als erfüllt gelten. Pointiert: Naiv und falsch. Denn im Mittelpunkt der gegenwärtigen Verwahrlosungsdebatte stehen in der Regel weder sozialinfrastrukturelle Probleme noch mögliche Realisierungsprobleme der Lebensvorstellungen und -ziele der als verwahrlost Klassifizierten. Fokussiert werden die prognostizierten Konsequenzen ihrer zwar attestierten aber keineswegs empirisch validen „Kultur der Abhängigkeit“ (vgl. Klein 2009, Klein et al. 2005). Im gleichen Maße, wie der empirische Gehalt jener Phänomene, die gegenwärtig als Verwahrlosung problematisiert werden in der Debatte nahezu keine Relevanz besitzt, gewinnt die für die Verwahrlosungsrhetorik konstitutive Unterscheidung zwischen ‚gut‘ und ‚böse‘ an Bedeutung (vgl. Menzel 2010). War diese Einsicht in den kritischen Debatten um den Verwahrlosungsbegriff Ende der 1960er Jahre noch ein wesentliches Argument für seine Abschaffung, spricht viel dafür, dass die Debatte aktuell genau aus diesem Grund ihre Wiederbelebung erfährt. Wurde in der kritischen Fachdebatte zum Verwahrlosungsdiskurs der „ersten Generation“ argumentiert, dass Armut und ihre Folgeprobleme vorrangig nicht mehr als Ausdruck individuell-moralischen Unvermögens, sondern als sozialstrukturelle und sozial strukturierende Erscheinungen bearbeitet werden sollten und der Verwahrlosungsbegriff damit samt seiner Differenzierungslogiken für die Verwendung in der sozialpädagogischen Wissenschaft und Praxis als ungeeignet erschien, lässt sich seine aktuelle Reaktivierung in eine ebenso aktuelle Konstruktion und Definition von Abweichung einordnen, wie sie im Zuge des gegenwärtigen Umbaus des Sozialstaats alter Provenienz in einen aktivierenden Staat hervorgebracht wird: Abweichung wird nun „nicht mehr als Produkt oder Nebenwirkung gesellschaftlicher Verhältnisse und materieller Ungleichheit aufgefasst, sondern entweder rational – als mangelndes Selbstmanagement und inadäquate Selbstkontrolle – oder individualisiert – als unzureichende moralische Erziehung oder kulturalisiertes Defizit – thematisiert“ (Lutz 2010, S. 245).

Im aktuellen Verwahrlosungsdiskurs ebenso wie in dem damit unmittelbar verbundenen Diskurs um die „neue Unterschicht“ handelt es sich also weniger um empirische Ungleichheitsanalysen, sondern vielmehr um eine Delegitimierung einer vermeintlich egalitären sozialstaatlichen Politik. Insgesamt kommt die empirische Armutsforschung demgegenüber zu dem Ergebnis, dass von Armut Betroffene zwar beachtlichen Belastungen ausgesetzt sind, sich aber gerade mit Blick auf ihre Alltags- und Bewältigungsstrategien nicht wesentlich vom Rest der Bevölkerung unterscheiden. Dass sich hier zwischen Menschen aus unteren Klassenlagen bzw. in Armutslagen keine wesentlichen Unterschiede finden bedeutet jedoch nicht, dass sich keine Unterschiede finden. Ohne Zweifel finden sich klassentypisch unterschiedliche Arten der Alltagsorganisation, der Freizeitgestaltung, der familialen Kommunikation etc. Es lassen sich aber – und das ist „richtig“ – keine Unterschiede in einer Art und Weise identifizieren, die das Bild von einer moralisch und kulturell abgekoppelten, einer verwahrlosten neuen Unterschicht begründen könnten. Gleichwohl ist kaum zu bestreiten, dass der Aufwand für und der Erfolg von Bewältigungsversuchen überaus unterschiedlich sein kann. Ebenso wenig ist zu bestreiten, dass es Korrespondenzen zwischen sozialen Positionen und den Lebensführungen, Wahrnehmungen, Bewertungen und Präferenzen bzw. dem gibt, was man als kulturelle Praktiken von Akteuren bezeichnen kann. Lebenschancen und Lebensführungen stehen in einem Korrespondenzverhältnis. Ökonomische und bildungsmäßige Restriktionen gehen mit Beschränkungen von Lebensführungen bzw. Handlungs- und Daseinsmöglichkeiten einher. Schon Pierre Bourdieu hat in diesem Zusammenhang etwa von einem „Geschmack der Notwendigkeit“ der unteren Klassen gesprochen, der aus den verinnerlichten praktischen Erfahrungen klassenspezifischer Existenzbedingungen resultiere (vgl. Bourdieu 1982).

Tatsächlich scheint diese kulturelle Dimension von Ungleichheit für die Soziale Arbeit überaus relevant. So hat etwa Hack (1977) in seiner klassischen Studie zur „Subjektivität im Alltagsleben“ nachgezeichnet, dass Deprivation nicht nur hinsichtlich materieller Beschränkungen zu verstehen ist, sondern vor allem als eine Lebenssituation, die dazu führen kann, dass „Denken und Handeln nur noch darum kreisen, unter den auferlegten Bedingungen gerade eben funktionsfähig zu bleiben“ (Hack 1977, S. 110). Genau an dieser Stelle bietet sich die Möglichkeit – auch und gerade im Anschluss an die Analysen von Mollenhauer – die sozialarbeiterisch zentrale Lebensführungsdimension von Ungleichheit ernst zu nehmen, ohne in eine kulturalistische und empirisch kaum haltbare Deutung zu verfallen, wie sie der aktuelle Diskurs um Verwahrlosung nahe legt. Denn – so lässt sich schon aus Hacks Analyse schließen – eine Bedingung dafür, dass alternative Lebensführungsmöglichkeiten überhaupt denkbar und erprobbar erscheinen, ist darin zu sehen, dass die sozialen, psychologischen und emotionalen Belastungen bei der Bewältigung des Alltagslebens nicht die gesamten Energien des Einzelnen erfordern. „Sich in einer Situation ständiger Unsicherheit zu finden“ – so formulierte Castel (2005) diesen Gedanken – „bedeutet, weder die Gegenwart meistern noch die Zukunft positiv gestalten zu können“; dies, so schreibt er weiter und in deutlicher Korrespondenz zur gegenwärtigen Unterschichtsdebatte, sei „die berüchtigte ‚Sorglosigkeit‘, die die Moralisten des 19. Jahrhundert den unteren Volksklassen unablässig zum Vorwurf machten. Wie sollte allerdings jemand, den Tag für Tag die Unsicherheit zermürbt, Zukunftspläne schmieden und sein Leben in die Hand nehmen?“ (Castel 2005, S. 39).

Mit diesen Einsichten und Fragen verbunden verweist eine kulturtheoretisch aufgeklärte Perspektive auf Ungleichheit schließlich auf die Möglichkeit einer alternativen Formulierung dessen was Ungleichheit – auch – darstellt. Als lebenspraktisch zentrales Problem von Ungleichheit erweisen sich über die ungleiche Verfügung von Gütern und Ressourcen hinaus vor allem Ungleichheiten hinsichtlich der Ermöglichungen des Lebens, das Menschen realisieren möchten und hinsichtlich des Zugangs zu Dingen, Beziehungen und Praktiken wertschätzen können. Diese lebenspraktische Perspektive auf Ungleichheiten ist nun gerade auch für die Soziale Arbeit im hohen Maße relevant. Zu relevant jedenfalls, um sie jenen Verwahrlosungsprotagonisten zu überlassen, die zwar eine kulturelle Perspektive betonen, hier aber teils rigide paternalistischen, teils abwertenden und die Betroffenen selbst verantwortlich machenden Logiken folgen. Und tatsächlich hat die lebenspraktische Perspektive auf Ungleichheit offensichtliche Anschlussmöglichkeiten an Bestimmungsversuche einer reflexiven sozialpädagogischen Professionalität. Denn deren Aufgabe besteht nicht zuletzt darin, im „reflexiven Umgang mit wissenschaftlich gewonnenen Einsichten in strukturell bedingte soziale Ungleichheiten“ die „soziale[n] Verursachungen zu rekonstruieren, um den KlientInnen aufgeklärte Begründungen für selbst zu verantwortende Entscheidungen anzubieten und subjektive Handlungsmöglichkeiten zu erweitern“ (Dewe und Otto 2002, S. 188). Hier wird eine Befähigungsperspektive angesprochen, die eben nicht nur mit Blick auf Ungleichheit, sondern auch hinsichtlich einer Bestimmung der Aufgaben von Sozialer Arbeit insgesamt zumindest bedenkenswert erscheint. Zentrale Aspekte dieser Befähigungsperspektive sind in den letzten Jahren u. a. im Rekurs auf den so genannten Capabilities Ansatz diskutiert worden1 (vgl. Otto und Ziegler 2008; Otto et al. 2010). Folgt man dieser Perspektive besteht die Aufgabe Sozialer Arbeit weniger darin, bestimmte Lebensführungen hervorzubringen oder den AdressatInnen zu oktroyieren. Vielmehr geht es darum, das Ausmaß und die Reichweite des objektiven Spektrums effektiv realisierbarer und hinreichend voneinander unterscheidbarer Möglichkeiten und Handlungsbemächtigungen zu erweitern, das es ihren AdressatInnen erlaubt ihr Leben in einer Weise zu führen, die sie vor dem Hintergrund ihrer eigenen Lebensziele wertschätzen können. Auch im Umkehrschluss kann menschliches Leiden – sei es in Form von Missachtung, Diskriminierung, Ausbeutung oder Unterdrückung – als Einschränkung dieser Entfaltungsmöglichkeiten beschrieben werden. Damit lässt sich die Frage nach dem guten Leben und menschlichen Entfaltungsmöglichkeiten nicht nur als ein Fokus auf Ungleichheit verstehen, sondern auch als Referenzpunkt von Subjektbildungspraktiken. Allgemeiner formuliert: als zentraler normativer Referenzpunkt der Praxis Sozialer Arbeit. Und im Anschluss an die Forderung von Mollenhauer könnte damit schließlich auch eine „objektive“ Bestimmung der „Diskrepanzen zwischen der Wirklichkeit und der Möglichkeit eines Menschen“ (Mollenhauer 1967, S. 285) erfolgen, die weder „theologisch“ ist noch in der aktivierungs-politischen Verantwortlichmachung verwundbarer Akteuren mündet.

In dem Maße, wie Soziale Arbeit als ein spezifisch wohlfahrtsstaatlich-professionelles Projekt beschreibbar ist, in dem sich Versuche der Gewährleistung einer Autonomie der Lebenspraxis und normalisierende Kontrollfunktionen miteinander verschränken, sind sowohl die Ziele der professionellen Praktiken, die Bestimmungen ihrer AdressatInnen als auch die Kategorisierungen der sozialen Lebensführungsprobleme, auf die sie sich richten, mit normativen Deutungen, Beurteilungen und Bewertungen verknüpft. Dabei sind Fragen danach, was als hinnehmbar oder problematisch, was als gerecht oder ungerecht gilt und welche Lebensführungsweisen in welcher Form durch die Soziale Arbeit wie zu bearbeiten seien, abhängig von gesellschaftlichen Definitionsprozessen und -kämpfen. Soll ein Ziel Sozialer Arbeit tatsächlich in der Sicherstellung der Autonomie der Lebenspraxis ihrer AdressatInnen liegen, dann wird sie im Kontext gegenwärtiger Wohlfahrtsreformen nicht umhin kommen, sich mit den institutionellen, sozialen und personalen Voraussetzungen menschlicher Entfaltung intensiver auseinandersetzen zu müssen. Keineswegs hilfreich wäre es dagegen, in dieser Frage auf gleichermaßen verschleiernde und diskriminierende Begriffe wie den der Verwahrlosung auszuweichen – aber das wusste schon Klaus Mollenhauer.

Fußnoten
1

In aller Kürze geht es den sozialpädagogischen VertreterInnen dieser Perspektive darum, subjekt- und strukturtheoretische Aspekte zu verknüpfen. Aspekte des materiell und institutionell strukturierten Raums gesellschaftlicher Möglichkeiten sollen dabei mit dem je akteursbezogenen Raum individueller Bedürfnisse, Motivationen und Handlungsbefähigungen in Beziehung gesetzt werden und zwar mit Blick auf die Ermöglichung einer selbstbestimmten Lebenspraxis. Die zentrale Idee lautet, dass Rechte, Infrastrukturen, Geldmittel etc. zwar ohne Zweifel wesentlich für die Lebensaussichten von Menschen sind, aber eben nicht allein dafür entscheidend, welche Entfaltungspotentiale Menschen mit ihren individualbiographischen Unterschieden und persönlichen Lebenssituationen tatsächlich praktisch realisieren können. Entscheidend ist vielmehr, wie und ob Menschen strukturelle Optionen in reale Lebensführungen, bzw. genauer in Zustände und Praktiken überführen können, für die aus der Sicht ihres eigenen Lebensplans gute Gründe sprechen. Eine wichtige Unterscheidung besteht dabei zwischen Funktionsweisen und Capabilities: Funktionsweisen sind tatsächlich realisierte Zustände und Handlungen, die für das eigene Leben als wertvoll erachtet werden. Mit Capabilities geht es hingegen um das Ausmaß der realen, praktischen Freiheiten der Akteure sich zu erträglichen Konditionen für – oder gegen – die Realisierung solcher Funktionsweisen selbst entscheiden zu können.

 

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