, Volume 3, Issue 1, pp 81-95

Rhetoriken von Norm und Risiko

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Zusammenfassung

Die Forschung zur sozialen Kontrolle diagnostiziert seit Jahren eine Verschiebung hin zur präventiven Risikokontrolle. Gerade kritische Autoren bemängeln, dass dadurch eine individuelle Gerechtigkeitsorientierung einer „versicherungsmathematischen“ Gruppenkontrolle weicht. Dieselben kritischen Autoren hatten jedoch gerade diese Normorientierung einmal als Fassaden auf Herrschaftsordnungen analysiert. Das Werkzeug dazu war der Labeling Approach, der den Prozess der Zuschreibung von Abweichlerrollen in sozialen Interaktionen in den Vordergrund rückte, nicht die Erkenntnis eines klaren Normbruchs. So etwas wie einen „objektiven Normbruch“ gibt es für diese Perspektive nicht. Diese Argumentation ist übertragbar: Auch Risikoeinschätzungen sind Zuschreibungen und wären daher als „objektive Gefährdungen“ falsch verstanden. Versteht man diesen Ansatz, sind Risiko und Norm Aushandlungsvokabularien für die Zuschreibung von Abweichlerrollen, die beide die Ergebnisse dieser Aushandlungen nicht bereits in sich tragen. Die Frage ist daher: Warum kritisiert man ein Konstruktionsvokabular so scharf und will das andere, das man zuvor kritisiert hatte, nun doch erhalten?

Abstract

Social Control Studies have been diagnosing a shift towards preventive risk control for years now. Critical authors especially bemoan the loss of an orientation towards individual normative justice in favor of “actuarial” group control. The same critical authors had once analyzed the normative vocabulary as a facade on domination: the tool they utilized, the Labeling Approach, allowed them to focus on the processes in which deviant roles were ascribed in social interactions. Deviance was not the result of “objective breaches of a norm”; there is no such thing. This argument can be transferred to risk: assessments of risk are social ascriptions as well, and there is equally no such thing as “objective risk factors” and “objective dangers.” Both norms and risk are negotiation vocabularies for the ascription of deviant roles and the justification of them, and neither has a set outcome already within the vocabulary. The question then becomes: why do critics levy such harsh charges against the risk vocabulary to safeguard a normative vocabulary they had harshly attacked earlier?

Ich danke Michèle Spohr für ihre Hilfe bei der Entzerrung dieses Beitrages.