Forum

, Volume 28, Issue 2, pp 111–114

Pflegeforschung in Deutschland

Aktueller Stand und Perspektiven
Fokus

DOI: 10.1007/s12312-013-0924-y

Cite this article as:
Jahn, P. & Landenberger, M. Forum (2013) 28: 111. doi:10.1007/s12312-013-0924-y

Zusammenfassung

Die deutsche Pflegewissenschaft befindet sich in der Phase des Aufbaus von Pflegeforschung. Besonders im Rahmen der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Pflegeforschungsverbünde sind einige hochwertige Studien in der onkologischen Pflege umgesetzt worden. Klinische Pflegeforschung bezieht sich bisher schwerpunktmäßig auf die Förderung des Selbstmanagements der Patienten. Diese sollen befähigt werden, sich aktiv an der Reduktion von Symptombelastung, z. B. durch Fatigue, Schmerz oder Übelkeit und Erbrechen, mitzuwirken. Ein Ausblick auf die Forschungsagenden zeigt Ressourcen und Potenziale onkologischer Pflegeforschung auf.

Schlüsselwörter

Onkologische Pflege Pflegeforschung Selbstmanagement Klinische Studien Onkologie 

Nursing research in Germany

Current status and perspectives

Abstract

In Germany nursing science is currently in the phase of establishing nursing research. Particularly through the Federal Ministry of Education (BMBF) funded nursing research networks some high quality studies were implemented in oncological nursing. Clinical nursing research mainly addressed improvement of patient self-management ability who should be enabled to take an active part in reducing the symptom burden, e.g. through fatigue, pain or nausea and vomiting. The published research plans provide perspectives in areas of future research which shows resources and potential of nursing research in oncology.

Keywords

Oncological nursing Nursing research Self-management Clinical trials as topic Oncology 

Pflegerische Studien in der Onkologie, besonders solche, die mit öffentlichen Geldern gefördert werden, sind noch immer selten. Dies ist aber kein spezifisches Problem onkologischer Pflege, sondern betrifft nahezu alle Bereiche pflegerischen Handelns. Dabei könnten klinische Studien, die die Wirksamkeit pflegerischen Handelns untersuchen, zur Verbesserung der Versorgung beitragen. Der Grund für den Mangel an Pflegeforschung liegt darin begründet, dass sich die deutsche Pflegewissenschaft erst in der Phase des Aufbaus von Pflegeforschung befindet [1, 2].

Gründe für unzureichende Etablierung onkologischer Pflegeforschung

Ohne Zweifel steht damit die deutsche Pflegeforschung, besonders in der Onkologie, den internationalen Entwicklungen, z. B. in den USA, Großbritannien oder Skandinavien, nach.

Wichtigste Voraussetzung für Pflegeforschung ist die Etablierung der Akademisierung der Pflegeausbildung, sodass Forschungsdenken und -methoden in die Berufsrolle integriert werden. Die Möglichkeit zur akademischen Qualifikation wurde in Deutschland vergleichsweise spät geschaffen. In den letzten 20 Jahren haben sich etwa 50 Pflegestudiengänge zumeist an Fachhochschulen etabliert. Daneben haben sich einige universitäre, auf Forschung ausgerichtete Studiengänge entwickelt (z. B. in Halle, Berlin, Witten-Herdecke).

Nach Meleis [3] befindet sich die Entwicklung der deutschen Pflegewissenschaft somit in der „Phase der Ausbildung“. Schaeffer et al. [4] schlussfolgern daraus, dass hierbei alle Energie zunächst in den Aufbau pflegewissenschaftlicher Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten und noch wenig in Forschung investiert wurde.

Pflegeforschung sollte an eine medizinische Fakultät und Uniklinik gekoppelt sein

Pflegeforschung wird begünstigt, wenn die pflegewissenschaftlichen Studiengänge an einer medizinischen Fakultät verortet sind. Durch die Koppelung ergibt sich ein besonders günstiges Umfeld für die Entwicklung klinischer, patientenbezogener Pflegeforschung. Die Robert-Bosch-Stiftung empfiehlt daher dieses Organisationsmodell im Memorandum: Für eine Verankerung der Pflegewissenschaft und Pflegeforschung an medizinischen Fakultäten und Universitätskliniken in Deutschland [5]. Die Universitätskliniken haben aus den Hochschulmedizingesetzen den Auftrag, in Verbindung mit der medizinischen Fakultät Lehre, Forschung und Krankenversorgung zu gewährleisten. In diesen Auftrag sind die Pflegedienste der Universitätskliniken und die pflegewissenschaftlichen Studiengänge an der Fakultäten mit einbezogen.

Ärzte und Pflegekräfte treffen sich somit im Hörsaal und am Krankenbett beim Patienten und können hier in der Ausbildung, Forschung und insbesondere in der Krankenversorgung zu einer neuen partnerschaftlichen Kooperation finden. Die unterstützende oder supportive Therapie in der Onkologie ist hierbei ein Bereich, in dem pflegerisches und ärztliches Handeln eng ineinandergreifen. Somit besteht ein ideales Feld, pflegerische Fragestellungen in eine interprofessionelle patientenbezogene Forschung zu integrieren. Der Bereich der Symptomlinderung kann dabei nicht nur helfen, physische und psychische Belastungen der Patienten zu reduzieren, sondern wie Temel et al. [6] zeigen konnten, auch deren Überlebenszeit zu verlängern.

Studienthemen onkologischer Pflegeforschung

Ein umfassender Überblick zu den Studienthemen onkologischer Pflegeforschung ist schwierig, da viele deutschsprachige Veröffentlichungen nicht in den wissenschaftlichen Datenbanken gelistet werden. Die Übersicht in Tab. 1 begrenzt sich daher auf die im Rahmen der Pflegeforschungsverbünde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Studien und assoziierten Projekte. Neben dieser geförderten Forschung wird eine Vielzahl von Studienprojekten in Rahmen von Qualifikationsarbeiten wie Promotionen, Masterarbeiten o. ä. durchgeführt, die aber kaum veröffentlicht werden und folglich schwer systematisch zu recherchieren sind.

Tab. 1

Übersicht der Studien im Rahmen der Pflegeforschungsverbünde des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF)

Zeitraum

Titel

Forschergruppe/Einrichtungen

Studientyp

Schwerpunkt

2012–2015

SCAN – Sektorübergreifende Versorgung von Patienten mit kolorektalem Karzinom

Landenberger, Bauer, Boese, Kuss, Vordermark, Mau, Dralle, Seufferlein, Schmoll

Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg; Universitätskliniken Halle

Randomisierte, kontrollierte Studie

Prüfung der Wirksamkeit einer Pflegeintervention zur besseren Vernetzung von stationären und ambulanten Leistungserbringern, damit mehr geeignete Darmkrebspatienten als bisher an einer adjuvanten Therapie teilnehmen

2012–2015

FAMKOL – Transdisziplinäre Förderung der Screeningteilnahme bei Personen mit familiär erhöhtem Risiko für kolorektale Karzinome

Landenberger, Bauer, Jahn, Haug, Kuss, Seufferlein, Riemann, Reinshagen, Hollerbach

Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg; Universitätskliniken Halle; Stiftung LebensBlicke; Krankenhaus Celle; Klinikum Braunschweig; Nationales Centrum für Tumorerkrankungen, Heidelberg; Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ), Heidelberg

Cluster-randomisierte, kontrollierte Studie

Prüfung der Wirksamkeit einer Pflegeintervention zur Erhöhung der Teilnahmerate an der Vorsorgekoloskopie bei Verwandten von Patienten mit Darmkrebs

2007–2011

Alltagsautonomieförderung für onkologische Schmerzpatienten durch einrichtungsübergreifende pflegerisch-interdisziplinäre Betreuung [7]

Landenberger, Jahn, Kitzmantel, Thoke-Colberg, Krasemann

Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaften, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg; Universitätskliniken Halle; Klinikum rechts der Isar, München

Cluster-randomisierte, kontrollierte Studie

Prüfung der Wirksamkeit einer Pflegeintervention zur Verbesserung der Tumorschmerzbehandlung

2007–2011

Somatopsychosoziales interdisziplinäres Pflegekonzept für onkologische Patienten mit Stammzelltransplantation (HSCT) zur Steigerung der Versorgungsqualität [8]

Landenberger, Jahn, Schmidt, Boese, Lau, Jordan, Körholz-Mauz, Schmoll

Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaften & Department für Sportwissenschaft, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg; Universitätskliniken Halle

Nichtrandomisierte kontrollierte Studie

Prüfung der Wirksamkeit einer Pflegeintervention zur Reduktion der Belastungen nach einer Stammzelltransplantation

2007–2010

FIBS-Studie: Entwicklung und Evaluation einer Patientenschulung bei tumorbedingter Fatigue [9]

Reif, de Vries, Stuhldreher, Petermann, Görres

Institut für Public Health und Pflegeforschung IPP & Zentrum für Klinische Psychologie und Rehabilitation, Universität Bremen

Randomisierte, kontrollierte Studie

Prüfung der Wirksamkeit einer Pflegeintervention zur Reduktion der tumorbedingten Mattigkeit

2007–2010

Förderung des Selbstmanagements und der Adhärenz chronisch kranker Patienten mit komplexen Medikamentenregimen [10]

Schaeffer, Müller-Mundt, Universität Bielefeld, AG 6 Versorgungsforschung/Pflegewissenschaft)

Prospektive, nichtrandomisierte, kontrollierte Studie (Phase II)

Prüfung der Wirksamkeit einer Pflegeintervention zur Erhöhung der Adhärenz zu komplexen Medikamentenregimen

2005–2008

Verbesserung der Selbstpflegekompetenz von stammzelltransplantierten Patienten durch ein pflegerisch-interdisziplinäres Beratungsprogramm in der ambulanten Nachsorge [11]

Gittler-Hebestreit, Sayer

Universitätsklinikum Jena

Landenberger

Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaften, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Randomisierte, kontrollierte Studie

Prüfung der Wirksamkeit einer Beratung zur pflegerischen Nachsorge nach einer Stammzelltransplantation

2004–2007

Entwicklung und Evaluierung einer strukturierten Pflegeintervention zu Übelkeit und Kommunikations-/Wissensdefizit von Chemotherapiepatienten in stationär-ambulantem Setting [12]

Landenberger, Jahn, Renz, Thoke-Colberg, Horn

Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaften, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg; Universitätskliniken Halle; Klinikum rechts der Isar, München

Cluster-randomisierte, kontrollierte Studie

Prüfung der Wirksamkeit einer Pflegeintervention zur Reduktion von chemotherapieinduzierter Übelkeit und Erbrechen

2004–2006

Wirkung von Lavendelölauflagen bei pflegebedürftigen Patienten mit der Pflegediagnose „Schlafstörungen“ [13]

Etzel, Thielhorn, Wylegalla, Behrens

Klinik für Tumorbiologie, Freiburg; Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaften, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Randomisierte, kontrollierte Studie

Prüfung der Wirksamkeit einer Pflegeintervention zur Reduktion von Schlafstörungen bei Tumorpatienten

2004–2006

IDAK – Interprofessionelle Dokumentation der Aufklärung im Krankenhaus (duozentrische Interventionsstudie zur Aufklärungsproblematik bei Bronchialkarzinompatienten [14]

Behrens, Luderer

Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaften, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Nichtrandomisierte, kontrollierte Studie

Prüfung der Wirksamkeit eines Bogens zur berufsgruppenübergreifenden Dokumentation des Aufklärungszustandes der Patienten zur Erhöhung der durchschnittlichen Kontaktzeit des Personals beim Patienten

Klinische Pflegeforschung bezieht sich bisher schwerpunktmäßig auf die Förderung des Selbstmanagements der Patienten [7, 8, 9, 10, 11, 12, 13]. Hierbei geht es vor allem um die Befähigung der Patienten, aktiv an der Reduktion von Symptombelastung aus der Tumorerkrankung oder Therapie mitzuwirken [7, 8, 9, 11, 12, 13]. Besonders häufige und schwerwiegende Belastungen wie Fatigue [8, 9], Schmerz [7] oder Übelkeit [12] stehen dabei im Vordergrund. Untersucht wird die Wirksamkeit spezifischer Interventionen im Vergleich zu anderen Maßnahmen oder kliniküblicher Versorgung. Pflegekräfte werden in allen Studien beratend tätig.

Bisherige Strukturen der Pflegeforschung müssen ausgebaut werden

Viele Bereiche, in denen sich onkologische Pflegeforschung weiter entwickeln kann, sind aber durch die bisherigen Aktivitäten kaum eröffnet, z. B. breite Bereiche der Versorgungsforschung onkologischer Patienten oder der grundlagenorientierten Forschung zur Entwicklung von theoretischen Modellen und Praxiskonzepten [15].

Zukunftsthemen onkologischer Pflegeforschung

In vielen Ländern haben Pflegeforscher ihre zukünftigen Strategien in nationalen Forschungsagenden abgestimmt, z. B. in den USA den NINR Strategic Plan des National Institute for Nursing Research [16], in der Schweiz die Swiss Research Agenda Nursing (SRAN [17]) oder auch seit Herbst 2012 in Deutschland die Agenda Pflegeforschung [18]. Für die Onkologie gibt es spezifische Kapitel in den Agenden, z. B. SRAN [19] oder gesonderte Agenden [20, 21].

Die erwähnte erste Agenda Pflegeforschung für Deutschland [18] wurde von der Robert-Bosch-Stiftung gefördert. Ziel war es, auf Basis einer Literaturrecherche und Befragungen von Experten aus Wissenschaft und Praxis Themenbereiche für die Pflegeforschung zu identifizieren und damit eine kontinuierliche staatliche Förderung zu erleichtern und die Bedeutung von Pflegeforschung innerhalb der Gesundheitsforschung zu steigern. In der Agenda werden keine speziellen Erkrankungen oder Indikationen benannt. Für die onkologische Pflegeforschung sind die Themenbereiche 03 „Leben mit einer chronischen Erkrankung“ und 06 „Pflege in akuten Krankheitssituationen“ besonders einschlägig. Im nächsten Schritt ist es nun notwendig, aus den Studienempfehlungen der Themenbereiche die spezifischen onkologischen Fragestellungen abzuleiten.

Fazit

  • In den vergangenen Jahren wurde viel Aufbauarbeit geleistet, und eine vielversprechende Entwicklung onkologischer Pflegeforschung hat auch in Deutschland begonnen.

  • Entscheidend ist, dass die bisherigen Strukturen ausgebaut werden und weitere Zentren sich an der Forschung beteiligen.

  • Die Entwicklung der onkologischen Pflegeforschung ist besonders wichtig, damit die Pflege innerhalb des therapeutischen Teams ihre eigene Identität weiterentwickeln kann.

Interessenkonflikt

Der korrespondierenden Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013

Authors and Affiliations

  1. 1.Stabsstelle des Klinikumsvorstands „Pflegeforschung und Entwicklung“, Kooperationsstelle Medizinische FakultätUniversitätsklinikum Halle (Saale)Halle (Saale)Deutschland
  2. 2.Institut für Gesundheits- und PflegewissenschaftMedizinische Fakultät, Martin-Luther-Universität Halle-WittenbergHalle (Saale)Deutschland

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