Somnologie - Schlafforschung und Schlafmedizin

, 15:141

Altersgebrechlichkeit und Schlafapnoe

Authors

    • Zentrum für AltersmedizinKliniken Essen-Mitte
    • Fakultät für Gesundheit, Department HumanmedizinUniversität Witten-Herdecke
  • B. Nickel
    • Zentrum für AltersmedizinKliniken Essen-Mitte
  • B. Talbi
    • Zentrum für AltersmedizinKliniken Essen-Mitte
  • H.C. Heuer
    • Zentrum für AltersmedizinKliniken Essen-Mitte
  • P. Wilschrei
    • Zentrum für AltersmedizinKliniken Essen-Mitte
  • C. Falkenhahn
    • Zentrum für AltersmedizinKliniken Essen-Mitte
Schwerpunkt

DOI: 10.1007/s11818-011-0530-0

Cite this article as:
Frohnhofen, H., Nickel, B., Talbi, B. et al. Somnologie (2011) 15: 141. doi:10.1007/s11818-011-0530-0

Zusammenfassung

Einleitung

Altersgebrechlichkeit („frailty“) und Schlafapnoe sind häufige Entitäten im hohen Lebensalter. Altersgebrechlichkeit führt zu Abhängigkeit und Pflegebedürftigkeit. Die Verhinderung von Altersgebrechlichkeit ist eine der wichtigsten geriatrischen Aufgaben. Der Zusammenhang zwischen Schlafapnoe und Altersgebrechlichkeit ist kaum untersucht.

Methodik

In einer prospektiven Pilotstudie untersuchten wir die Beziehung zwischen dem Vorhandensein wenigstens eines der 5 “frailty symptoms“ nach Fried und einer Schlafapnoe bei geriatrischen Klinikpatienten mit erhaltener Kommunikationsfähigkeit und ohne Demenz. Als Surrogatkriterium für eine Schlafapnoe diente die nächtliche Pulsoxymetrie. Tagesmüdigkeit wurde mittels Fragebogen nach Siegrist erfasst.

Ergebnisse

In die Studie wurden 42 Patienten mit einem mittleren Alter von 82 ± 7 Jahren eingeschlossen, 15 m (36%), 27 w (64%). Bei 28 Patienten (67%) lag wenigstens ein Frailty-Symptom vor. Patienten mit Frailty-Kriterien gaben signifikant häufiger Tagesmüdigkeit an (1/14 vs. 17/28, p < 0,001) und wiesen signifikant häufiger eine schwere Schlafapnoe mit einem Entsättigungsindex > 30/h (p <0,04) und eine niedrigere durchschnittliche nächtlich Sauerstoffsättigung (95 ± 2 vs. 91 ± 4%; p <0,02) auf.

Schlussfolgerung

Unsere Pilotstudie zeigt an einem kleinen Kollektiv geriatrischen Klinikpatienten eine Assoziation zwischen dem Vorliegen wenigstens eines Frailty-Kriteriums, Tagesschläfrigkeit und Schlafapnoe. Angesichts der Häufigkeit beider Phänomene und der klinischen Relevanz von Altersgebrechlichkeit sind prospektive Studien zum Nachweis einer kausalen Beziehung zwischen Altersgebrechlichkeit und Schlafapnoe gerechtfertigt.

Schlüsselwörter

AltersgebrechlichkeitMüdigkeitSchlafapnoeHohes AlterSchlafstörung

Frailty and sleep apnea

Abstract

Background

Frailty and sleep apnea are common entities in the elderly. Frailty causes dependency and need of care. The prevention of frailty is a major topic in geriatrics. However, the relationship between sleep apnea and frailty has hardly been studied.

Methods

In a prospective pilot study, the relationship between the presence of at least one of the five frailty criteria proposed by Fried and sleep apnea were examined. Patients were eligible, if they able to communicate and had no dementia. Sleep apnea was diagnosed by overnight pulse oximetry. Tiredness was obtained using the questionnaire by Siegrist.

Results

A total of 42 patients with a mean age of 82 ± 7 years were enrolled. There were 15 (36%) male and and 27 (64%) female patients, of which 28 (67%) patients met at least one frailty criterion. Patients with frailty criteria experienced significantly more often daytime sleepiness (1/14 vs. 17/28, p <0.001), had a significantly higher incidence of severe sleep apnea with an oxygen desaturation index > 30/h (p <0.04) and had a lower mean nocturnal oxygen saturation (95 ± 2% vs. 91 ± 4%, p <0.02).

Conclusion

Our small pilot study showed an association between the presence of at least one frailty criterion, daytime sleepiness, and severe sleep apnea. Given the high frequency of both phenomena and regarding the clinical relevance of frailty, prospective studies are warranted to prove a causal relationship between sleep apnea and frailty.

Keywords

Frail elderlyTirednessSleep apneaAgedDyssomnia

Das geriatrische Syndrom der Altersgebrechlichkeit („frailty“) ist durch deutlich reduzierte funktionelle Reserven gekennzeichnet [11]. Oft verfügen Menschen mit Altersgebrechlichkeit aber noch über soviel Selbstversorgungsfähigkeit, dass bei günstigen Umgebungsbedingungen eine Lebensführung ohne direkte Fremdhilfe möglich ist [20, 24, 25]. Altersgebrechlichkeit charakterisiert die Betroffenen als Risikogruppe, die von einem passageren oder dauerhaften Funktionsverlust bedroht ist [28, 29]. Funktionsverlust ist ein kritischer Endpunkt und verantwortlich für Abhängigkeit, reduzierte Lebensqualität, Heimunterbringung und Tod [8]. Mit dem Eintritt von Abhängigkeit steigt der Versorgungsaufwand für die Betroffenen, ihre Familien und die Solidargemeinschaft. Die Verhinderungen von Abhängigkeit und Pflegebedürftigkeit hat damit daher eine hohe individuelle und gesellschaftliche Relevanz [23].

Altersgebrechlichkeit entwickelt sich infolge einer Überlagerung natürlicher Altersprozesse und medizinisch feststellbaren Organ- und Funktionsstörungen [5, 33]. Viele der Faktoren, die Altersgebrechlichkeit auslösen oder fördern, sind aber noch unklar und Schwerpunkt aktueller gerontologischer Forschung [3]. Neben fehlender körperlicher Aktivität und Mangelernährung werden chronische Entzündungsprozesse und hormonelle Dysbalancen als auslösende Faktoren diskutiert [5, 8, 31, 33].

Altersgebrechlichkeit wird aufgrund klinischer Kriterien diagnostiziert [17, 20, 28, 29]. Die weiteste Verbreitung fand ein von Fried vorgeschlagener Score, der die 5 Komponenten
  • unfreiwillige Gewichtsabnahme,

  • Kraftlosigkeit,

  • Reduktion der Gehgeschwindigkeit,

  • Erschöpfung und

  • geringe Alltagsaktivität

umfasst [17]. Das Symptom der Erschöpfung ist jedoch unspezifisch. Fried schlägt zur Erfassung der Erschöpfung die Selbsteinschätzung des Patienten vor [17]. Dabei kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch Phänomene wie Müdigkeit oder Schläfrigkeit seitens der Befragten als Erschöpfung gedeutet werden. Sollten bei Menschen mit Altersgebrechlichkeit Symptome vorliegen, die auf einen gestörten Schlaf hinweisen, so ergäbe sich bei diesen Patienten ein Bedarf an schlafmedizinischer Abklärung und Behandlung.

Der Zusammenhang zwischen Schläfrigkeit und Altersgebrechlichkeit wurde bisher in 3 epidemiologischen Studien näher untersucht, wobei ausschließlich zu Hause lebende ältere Probanden eingeschlossen wurden [12, 13, 32]. Als wesentliches Ergebnis fand sich in allen 3 Studien eine signifikante Assoziation zwischen Altersgebrechlichkeit und angegebener Tageschläfrigkeit.

Bei älteren Klinikpatienten sind bisher keine Daten bezüglich einer Assoziation zwischen Altersgebrechlichkeit, angegebener Müdigkeit oder schlafbezogenen Atemstörungen verfügbar. Solche Daten sind aber wichtig, da sich daraus präventive, diagnostische und therapeutische Konsequenzen ergeben könnten. Wir untersuchten daher im Rahmen einer Pilotstudie die Beziehung zwischen dem Vorliegen von Frailty-Kriterien nach Fried, Parametern der Schlafanamnese und den Ergebnissen einer nächtlichen Pulsoxymetrie.

Methodik

Studienpopulation

Für diese Pilotstudie wurden zufällig ausgewählte geriatrischen Klinikpatienten rekrutiert, wenn ihr klinischer Zustand stabil war, Fragebögen verstanden und beantwortet werden konnten und eine schriftliche Einwilligung zur Teilnahme an dieser Pilotstudie vorlag. Patienten mit dauerhafter Bettlägerigkeit oder fortgeschrittenem Demenzsyndrom wurden nicht in die Studie eingeschlossen.

Bei allen Patienten wurden Daten zu Alter, Geschlecht, Wohnsituation (in der Familie, allein zu Hause, im Heim), Krankhausverweildauer und Entlassungsort (Entlassung in die bisherige Wohnsituation oder Neueinweisung in ein Pflegeheim) erhoben.

Gebrechlichkeit

Zur Erfassung von Gebrechlichkeit verwendeten wir den von Fried vorgeschlagenen Score, da dieser im Bereich der klinischen Forschung die weiteste Verbreitung gefunden hat. Dieser Score umfasst die 5 Kriterien unfreiwilliger Gewichtsverlust, reduzierte Ausdauer, Inaktivität im Alltag, reduzierte Gehgeschwindigkeit und Kraftlosigkeit [17]. Werden 1 oder 2 Kriterien erfüllt, spricht man von „prefrailty“, bei 3 und mehr Kriterien vom Vollbild der „frailty“ [10]. Für diese Pilotstudie wurden aufgrund der geringen Probandenzahl 2 Gruppen gebildet. Die 1. Gruppe bildeten die Patienten ohne Frailty-Kriterien, die Patienten der 2. Gruppe wiesen wenigstens ein Frailty-Kriterium auf.

Geriatrisches Assessment

Das geriatrische Assessment wurde gemäß den üblichen Standards durchgeführt und umfasste die Messung der
  • instrumentellen Aktivitäten des täglichen Lebens (IADL),

  • basalen Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL) und des

  • Mini-Mental-Status (MMSE) zur Erfassung der Hirnleistung.

Die IADL wurden nach Lawton u. Brody gemessen [26]. Bei diesem Score werden 8 alltägliche Aktivitäten als durchführbar (1 Punkt) oder nicht durchführbar (0 Punkte) bewertet. Ein Score von weniger als 6 Punkten weist auf eine eingeschränkte selbstständige Lebensführung hin [26]. Zur Messung der ATL verwendeten wir den Barthel-Index (BI, [27]). Mit dem BI werden Mobilität, Körperpflege, Nahrungsaufnahme und Kontinenz bewertet. Der Score umfasst 0–100 Punkte. Weniger als 70 Punkte weisen auf funktionelle Abhängigkeiten im Alltag hin. Der MMSE diente zur Bestimmung der Hirnleistung, wobei weniger als 25 Punkte bei einem 0–30 Punkte umfassenden Bereich für eine Hirnleistungsstörung sprechen [16].

Weitere Kovariaten

Die Art der Krankenhausaufnahme wurde als Notfallaufnahme, Übernahme aus anderen Fachabteilungen oder als Zieleinweisung klassifiziert. Wir erfassten als Hauptdiagnosegruppen Einschränkungen der Hirnleistung, Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems, der Atemwege, des muskuloskelettalen Systems und die Komorbiditäten arterielle Hypertonie, Herzinsuffizienz, Myokardinfarkt, Vorhofflimmern, obstruktive Ventilationsstörung, Diabetes mellitus, Krebserkrankung in der Anamnese und Hirnleistungsstörungen.

Schlafanamnese und nächtliche Pulsoxymetrie

Die Schlafanamnese wurde mithilfe des Fragebogens von Siegrist erfragt [30]. Dabei wurden die Bettgehzeit, die Aufwachzeit, die Gesamtschlafzeit, die Einschlaflatenz, die Dauer des Mittagsschlafs, Vorliegen von Ein- und Durchschlafstörungen, Zufriedenheit mit dem Nachtschlaf, Tagesmüdigkeit und Einschlafneigung auf einer 5 Stufen umfassenden Skala mit den Bewertungen „nie“, „selten“, „gelegentlich“, „oft“ und „dauernd“ erfragt [30]. Für die weitere Analyse wurden die Antworten in 2 Gruppen geteilt. Die 1. Gruppe bildeten die Antworten „nie“, „selten“ und „gelegentlich“,, die 2. Gruppe die Antworten „oft“ und „dauernd“. Bei Antworten in den Kategorien „oft“ und „dauernd“ wurde die angegebene Symptomatik als relevant vorhanden bewertet.

Die Epworth-Sleepiness-Scale (ESS) wurde zur Messung der Tagesschläfrigkeit nicht verwendet, da diese in einer Voruntersuchung nur von einer Minderheit alter Patienten komplett ausgefüllt werden konnte [19]. Bei allen Patienten wurde darüber hinaus eine nächtliche Pulsoxymetrie mit dem Gerät Somnocheck (Fa. Weinmann, Hamburg) durchgeführt. Über den zuvor festgelegten Zeitraum von 22:00 bis 6:00 Uhr wurden die mittlere Sauerstoffsättigung, der Entsättigungsindex und die minimale Sauerstoffsättigung erfasst. Der Sauerstoffentsättigungsindex wurde berechnet aus dem Quotienten aller Sauerstoffentsättigungen mit einem Sättigungsabfall von wenigstens 4% und anschließendem Wiederanstieg der Sauerstoffsättigung (zyklische Sauerstoffentsättigung) sowie der Registrierzeit in Stunden.

Statistik

Die statistische Analyse der Daten erfolgte mithilfe des Programms SPSS 15.0 (Fa. SPSS, Chicago/IL, USA). Für intervallskalierte Werte werden Mittelwerte  ±  Standardabweichung angegeben, statistische Vergleiche erfolgen mittels Mann-Whitney-U-Test für unverbundene Stichproben, rangskalierte Werte werden mittels χ2-Test verglichen. Ein p-Wert <0,05 wird als signifikant angesehen.

Die Studie wurde von der zuständigen Ethikkommission (Universität Witten-Herdecke) genehmigt.

Ergebnisse

Die Grundgesamtheit umfasste 42 Patienten. Davon waren 15 (36%) männlich und 27 (64%) weiblich. Vierzehn (33%) Patienten zeigten kein und 28 Patienten (67%) wenigstens ein Frailty-Kriterium. Die Tab. 1 zeigt die basalen Daten zum einen für das Gesamtkollektiv und zum anderen unter Berücksichtigung des Vorhandenseins von Frailty-Kriterien.

Tab. 1

Basisdaten aller Patienten und getrennt für robuste und gebrechliche Patienten

Parameter

Gesamt

n=42

Kein Frailty-Kriterium

n=14

1–5 Frailty-Kriterien

n=28

p-Wert

Alter (Jahre)

82 ± 7

78 ± 8

84 ± 6

 <0,01

BMI (kg/m2)

25 ± 6

29 ± 5

23 ± 4

n. s.

Männer (n/%)

15 (36%)

7 (50%)

8 (29%)

n. s.

Hypnotikaverordnung (n/%)

10 (24%)

2 (14%)

8 (29%)

n. s.

Liegedauer (Tage)

24 ± 14

25 ± 18

24 ± 11

n. s.

IADL (0–8)

4 ± 2

5 ± 2

4 ± 2

n. s.

BI bei Aufnahme (0–100)

65 ± 30

74 ± 34

60 ± 25

n. s.

BI bei Entlassung (0–100)

75 ± 27

84 ± 24

70 ± 27

 <0,06

MMSE (0–30)

24 ± 5

24 ± 4

24 ± 6

n. s.

Heimbewohner (n/%)

1 (2%)

0 (0%)

1 (4%)

n. s.

Neuaufnahme Heim (n/%)

2 (4%)

1 (7%)

1 (4%)

n. s.

Aufnahmetyp (n/%)*

Notfall

Zieleinweisung

Übernahme

3 (9%)

17 (56%)

22 (35%)

1 (7%)

7 (50%)

6 (43%)

2 (7%)

10 (36%)

16 (57%)

n. s.

Hauptdiagnose (n/%)

Hirnleistung

kardiovaskulär

muskuloskelettal

15 (36%)

4 (9%)

23 (55%)

8 (57%)

1 (7%)

5 (36%)

7 (25%)

3 (11%)

18 (64%)

 <0,04

Angegeben sind Mittelwert  ±  Standardabweichung (SD) oder Anzahl/prozentualer Anteil an der Gruppe.

BMI Body-Mass-Index (kg/m2), IADL instrumentelle Aktivitäten des täglichen Lebens (0–8), BI Barthel-Index (0–100), MMSE Mini-Mental-Status n. Folstein (0–30) ; n. s. nicht signifikant.

Die Verteilung der Komorbiditäten zeigt Tab. 2. Aus den Tab. 1 und Tab. 2 ist ersichtlich, dass ein multimorbides und hochbetagtes Patientenkollektiv mit Funktionseinschränkungen im Alltag und zahlreichen Komorbiditäten untersucht wurde. Erwartungsgemäß finden sich hohe Prävalenzen für kardiovaskuläre Erkrankungen.

Tab. 2

Rate der Komorbiditäten für das Gesamtkollektiv und die Gruppe der robusten und gebrechlichen Patienten

Komorbidität

Gesamt

n=42

Kein Frailty-Kriterium

n=14

1–5 Frailty-Kriterien

n=28

p-Wert

Hypertonie

33 (79%)

12 (86%)

21 (75%)

n. s.

Vorhofflimmern

13 (31%)

5 (34%)

8 (27%)

n. s.

Kongestive Herzinsuffizienz

3 (7%)

1 (7%)

2 (7%)

n. s.

Myokardinfarkt

6 (14%)

2 (14%)

4 (14%)

n. s.

Diabetes mellitus

4 (10%)

2 (14%)

2 (7%)

n. s.

COPD

3 (7%)

1 (7%)

2 (7%)

n. s.

Schlaganfall

5 (12%)

2 (14%)

3 (11%)

n. s.

Malignom

2 (5%)

0 (0%)

2 (7%)

n. s.

Hirnleistungsstörung

15 (36%)

8 (57%)

7 (25%)

n. s.

Angegeben sind Anzahl/prozentualer Anteil an der Gruppe. COPD Chronisch obstruktive Lungenerkrankung; n. s. nicht signifikant.

In Tab. 3 sind die Ergebnisse der standardisierten Befragung zur Schlafanamnese zusammengefasst. Die Gesamtschlafzeit entspricht mit im Mittel 6–7 h dem aus großen epidemiologischen Studien bekannten Werten [1, 2]. Ein mit über 40% erheblicher Anteil der Patienten berichtet über Tagesmüdigkeit. Hier ist auch der Unterschied zwischen den beiden Patientengruppen signifikant.

Tab. 3

Schlafverhalten nach den Angeben der Patienten für das Gesamtkollektiv und für die jeweilige Subgruppe robuster bzw. gebrechlicher Patienten

Parameter

Gesamt

n=42

Kein Frailty-Kriterium

n=14

1–5 Frailty-Kriterien

n=28

p-Wert

Gesamtschlafzeit (h)

6,5 ± 1,4

6,4 ± 1,6

6,5 ± 1,3

n. s.

Einschlaflatenz (min)

25 ± 32

15 ± 19

31 ± 36

n. s.

Einschlaflatenz > 30 min

9 (21%)

2 (14%)

7 (25%)

n. s.

Mittagsschlaf (n/%)

17 (40%)

4 (29%)

13 (46%)

n. s.

Dauer Mittagsschlaf (min)

54 ± 21

64 ± 39

51 ± 12

 <0,02

Bettgehzeit (Uhrzeit  ±  min)

21:20  ± 15

21:30  ± 15

21:15  ± 15

 <0,03

Bettgehzeit vor 21:00 Uhr (n/%)

7 (17%)

1 (7%)

6 (21%)

n. s.

Aufstehzeit (Uhrzeit ± min)

7:30  ± 25

7:20  ± 15

7:40  ± 25

n. s.

Unzufriedenheit (n/%)

5 (12%)

2 (14%)

3 (11%)

n. s.

Tagesmüdigkeit (n/%)

18 (43%)

1 (7%)

17 (61%)

 <0,01

Einschlafneigung (n/%)

1 (2%)

0 (0%)

1 (4%)

n. s.

Einschlafstörung (n/%)

12 (29%)

2 (14%)

10 (36%)

n. s.

Durchschlafstörung (n/%)

23 (55%)

4 (29%)

19 (68%)

n. s.

Ständiges Schnarchen (n/%)

4 (10%)

2 (14%)

2 (7%)

n. s.

Restless Legs (n/%)

6 (14%)

2 (14%)

4 (14%)

n. s.

SaO2 mitt (%)

92 ± 3

95 ± 2

91 ± 4

 <0,02

EI (1/h)

15 ± 15

11 ± 9

17 ± 17

n. s.

EI > 30/h (%)

7 (17%)

0 (0%)

7 (25%)

 <0,04

SaO2 min (%)

82 ± 7

83 ± 5

81 ± 7

n. s.

Angegeben sind Mittelwert  ± Standardabweichung ( SD) oder Anzahl/prozentualer Anteil an der Gruppe. EI Entsättigungsindex, SaO2mitt mittlere Sauerstoffsättigung, SaO2 min minimale Sauerstoffsättigung; n. s. nicht signifikant.

Siebzehn Patienten gaben an, regelmäßig einen Mittagsschlaf zu halten. Die Patienten mit Frailty-Kriterien hielten häufiger einen Mittagschlaf als die Patienten ohne Frailty-Kriterien. Der Unterschied war jedoch bei der niedrigen Patientenzahl nicht signifikant.

Ein- und Durchschlafstörungen waren mit 29 bzw. 55% in diesem Patientenkollektiv hoch, jedoch ohne signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen. Patienten mit Frailty-Kriterien zeigten in der Pulsoxymetrie eine signifikant niedrigere durchschnittliche nächtliche Sauerstoffsättigung, und ein signifikant höherer Anteil dieser Patienten wies eine schwere Schlafapnoe auf, gemessen an einem Sauerstoffentsättigungsindex von mehr als 30/h.

Diskussion

Unsere Pilotstudie zeigt einen Zusammenhang zwischen den klinischen Kriterien des Frailty-Syndroms einerseits und der von den Patienten angegebenen Tagesmüdigkeit, der durchschnittlichen nächtlichen Sauerstoffsättigung und einem Sauerstoffentsättigungsindex von mehr als 30/h andererseits.

Die Patienten, die wenigstens ein Frailty-Kriterium erfüllten, klagten signifikant häufiger über Tagesmüdigkeit und zeigten signifikant häufiger das Bild einer schweren zyklischen Hypoxämie. Weitere Interpretationen dieser ersten Ergebnisse sind aufgrund des geringen Stichprobenumfangs und fehlender Messungen mittels Polysomnographie zu unsicher. Die Ergebnisse sollten aber Anlass sein, den vermuteten Zusammenhang zwischen Schlafapnoe und Altersgebrechlichkeit weiter zu untersuchen.

Altersgebrechlichkeit ist ein komplexes Geschehen, und nicht alle der zugrunde liegenden Auslösemechanismen sind bisher bekannt [8, 33]. Altersgebrechlichkeit ist häufig. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass 6–14% der älteren Allgemeinbevölkerung davon betroffen sind [11]. Altersgebrechlichkeit prädisponiert zu Pflegebedürftigkeit, Abhängigkeit im Alltag, Stürzen, Krankenhaus- und Pflegeheimaufnahme und Tod [22]. Damit ist sie ein relevantes Problem für den einzelnen Patienten und die Gesellschaft.

Wir verwendeten in unserer Pilotstudie die von Linda Fried vorgeschlagenen 5 Kriterien zur klinischen Erfassung des Frailty-Syndroms, da diese Kriterien in der Frailty-Forschung akzeptiert und weit verbreitet sind [10, 15]. Durch die Zusammenstellung dieser 5 Kriterien versuchten Fried et al. die Phänotypisierung der einer Altersgebrechlichkeit mutmaßlich zugrunde liegenden pathophysiologischen Mechanismen [17]. Bei diesem Ansatz spielten Schlafstörungen jedoch keine Rolle [8, 10, 17]. Eines der 5 Frailty-Kriterien ist die Angabe von reduzierter Ausdauer bei alltäglichen Verrichtungen [17]. Dieses Kriterium kann aber auch als ein Hinweis auf einen gestörten Schlaf interpretiert werden, da Probanden beim klinischen Interview den empfundenen Grad an Erschöpfung angeben sollen, jedoch Überschneidungen der Begriffe Erschöpfung, Müdigkeit und Schläfrigkeit nicht auszuschließen sind [6, 21]. Damit könnte einerseits erklärt werden, warum in den bisher vorgelegten Studien übereinstimmend eine Assoziation zwischen Altersgebrechlichkeit und angegebener Tagesmüdigkeit oder Schläfrigkeit gefunden wurde [12, 13, 32], obwohl Tagesmüdigkeit kein originäres Frailty-Kriterium darstellt. Anderseits könnte der Zusammenhang zwischen Tagesmüdigkeit und Altersgebrechlichkeit auf eine bis dahin noch unentdeckte Schlafapnoe hinweisen. Unsere Daten unterstützen diese Annahme.

Unsere Studie zeigt auch, dass bei alten Menschen häufig mit einer schlafbezogenen Atemstörung zu rechnen ist. Der Sauerstoffentsättigungsindex als Surrogatparameter für eine Schlafapnoe war mit im Mittel 15 Ereignissen pro Stunde hoch, liegt aber in einer Größenordnung, wie sie auch in anderen Kollektiven älterer Menschen beschrieben wurden [1, 2, 4].

Die Art der Beziehung zwischen Altersgebrechlichkeit und Schlafapnoe bleibt aufgrund der spärlichen Datenlage zzt. unklar und teilweise widersprüchlich, auch wenn die bisher publizierten Studien Assoziationen zwischen Tagesmüdigkeit oder Schläfrigkeit und einer Schlafapnoe zeigen [7, 12, 13, 32]. So fand sich bei 374 zu Hause lebenden Menschen mit einem mittleren Lebensalter von 84 Jahren eine mit einer adjustierten Odds-Ratio (OR) von 3,67 (Konfidenzintervall, KI: 2,03–6,61) deutliche Assoziation zwischen Altersgebrechlichkeit und Tagesschläfrigkeit [32]. Tagesschläfrigkeit wurde in dieser Studie mithilfe der ESS gemessen und dann diagnostiziert, wenn ein Grenzwert von 10 erreicht oder überschritten wurde. Die ESS wurde aber nie für ältere Menschen validiert, sodass unklar bleibt, wie ein Grenzwert von 10 bei alten Menschen zu interpretieren ist und ob nicht auch niedrigere Werte für die ESS im hohen Lebensalter schon relevante Tagesschläfrigkeit bedeuten können [19].

Bei den im Mittel 77 Jahre alten 1248 Teilnehmern der Cardiovascular Health Study (CHS) betrugen die Werte für die ESS im Mittel 7 ± 4 für die gesamte Studienpopulation. Männer zeigten signifikant höhere ESS-Werte als Frauen (8 ± 4,4 vs. 6,6 ± 4,1), hatten eine signifikant geringere Schlafeffizienz (77,7 ± 11,2 vs. 80,8 ± 11,3) und häufiger eine schwere Schlafapnoe, definiert als ein Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI) von mehr als 30/h (18 vs. 7%). In dieser Studie war eine schwere Schlafapnoe (AHI > 30/h) aber nur bei den Frauen mit den für Altersgebrechlichkeit typischen Symptomen verlangsamte Gehgeschwindigkeit und reduzierte Handkraft assoziiert [12].

In einer anderen Studie fand sich bei 3133 älteren Männern (≥67 Jahre) eine Assoziation zwischen Altersgebrechlichkeit, Schlafeffizienz, Einschlaflatenz und Schlafapnoe [13]. In dieser Studie zeigten die Teilnehmer mit einer gemäß den Fried-Kriterien diagnostizierten Altersgebrechlichkeit signifikant häufiger erhöhte Werte im Pittsburgh-Sleep-Quality-Index (PSQI), in der ESS, im Respiratory-Disturbance-Index (RDI) sowie im Umfang der nächtlichen Hypoxämie (gemessen als kumulative nächtliche Hypoxämiezeit unter 90% Sauerstoffsättigung). Alle 3 Studien fanden zwar Assoziationen zwischen einer Altersgebrechlichkeit einerseits und Tagesschläfrigkeit oder einer Schlafapnoe andererseits, jedoch waren die Ergebnisse teilweise widersprüchlich.

Ausblick

Bei allen Limitationen rechtfertigen die Ergebnisse der bisherigen Studien sowie die Ergebnisse unserer Pilotstudie weitere Forschungen in diesem Bereich. Ziel dieser Forschung sollte es u. a. sein, kausale Zusammenhänge zwischen den pathophysiologischen Folgen der Schlafapnoe wie Schlaffragmentation, gestörtem Schlafprofil, Tagesmüdigkeit, Tagesschläfrigkeit, Belastung des Herz-Kreislauf-Systems und Hypoxämie, anderen Schlafstörungen wie z. B. dem Restless-Legs-Syndrom sowie einer Altersgebrechlichkeit zu belegen und darauf aufbauende pathophysiologisch begründete und altersadaptierte Therapieregime zu entwickeln und zu evaluieren [14, 18]. Weiterhin sollte untersucht werden, ob Altersgebrechlichkeit nicht durch die Verwendung von Begriffen aus der Schlafmedizin, wie z. B. Tagesschläfrigkeit, besser operationalisiert werden kann.

Epidemiologische Studien und Fall-Kontroll-Studien sind nicht geeignet, kausale Zusammenhänge zu beweisen. Hierzu sind langfristig angelegte Beobachtungsstudien und prospektive randomisierte Interventionsstudien erforderlich. Solche Studien fehlen bisher.

Der Absicht dieser Studie ist es, die Entwicklung von Hypothesen anzuregen und auf ein noch wenig untersuchtes Feld in der Schlafmedizin hinzuweisen. Die wachsende Zahl alter Menschen und deren individuelle Probleme insbesondere im Hinblick auf Versorgungsbedarf, Hilfsbedürftigkeit und Abhängigkeit machen angesichts der zunehmenden Morbidität in der Allgemeinbevölkerung eine Forschung erforderlich, die diese Probleme abzumildern hilft. Hier kommt auch der Schlafmedizin zukünftig eine wichtige Rolle zu.

Interessenkonflikt

Keine Angaben.

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