Zeitschrift für Erziehungswissenschaft

, Volume 14, Issue 1, pp 7–9

Editorial

Authors

    • Pädagogische PsychologieGoethe-Universität Frankfurt am Main
    • Department für Pädagogik, Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik (Nürnberg)Universität Erlangen-Nürnberg
    • Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
Editorial

DOI: 10.1007/s11618-011-0176-5

Cite this article as:
Kunter, M., Scheunpflug, A. & Baumert, J. Z Erziehungswiss (2011) 14: 7. doi:10.1007/s11618-011-0176-5

Die Lehrerbildung steht seit mehreren Jahren in der Aufmerksamkeit der Bildungsforschung und der Bildungspolitik. In Deutschland wurden in den letzten Jahren in vielen Ländern umfassende Reformen auf den Weg gebracht, die zum Ziel haben, die professionelle Kompetenz von Lehrkräften systematisch und frühzeitig zu fördern. Im Fokus vieler dieser Reformen steht dabei das Universitätsstudium, für das ein stärkerer Berufsfeldbezug und eine Kompetenzorientierung angestrebt wird. Diesem Ziel dienen inhaltliche Neuorientierungen – wie die von allen Ländern gemeinsamen verabschiedeten Standards für die Lehrerbildung – und strukturelle Veränderungen – wie die Einführung modularisierter Studiengänge oder ausgedehnter Praxisphasen bereits in der universitären Phase. Mit diesen Reformen ist die Hoffnung verbunden, den oft als schwierig empfundenen Übergang vom Studium in die praktische Phase des Berufs nahtloser und einfacher zu gestalten.

Dass der Eintritt in die praktische Welt des Lehrerberufs für viele Berufsanfänger(innen) eine Herausforderung darstellt, hat Veenman bereits 1984 auf Basis einer umfangreichen Metaanalyse anschaulich beschrieben. Die von ihm als besonders häufig auftretend identifizierten Probleme sind vor allem Schwierigkeiten bei der Klassenführung, ein angemessener Umgang mit Heterogenität, Unsicherheit im Umgang mit Eltern, Probleme bei der Zusammenstellung von Unterrichtsmaterialen oder Schwierigkeiten, angemessen auf individuelle Schülerprobleme eingehen zu können. Diese Studie sowie ähnliche Befunde auch aus dem deutschsprachigen Raum (Abs 2011; Lersch 2006) weisen darauf hin, dass die Universitätsausbildung nur begrenzt in der Lage zu sein scheint, Absolventen auf die schulische Wirklichkeit vorzubereiten und dass der Übergang in die eigenverantwortliche Lehrtätigkeit junge Lehrkräfte vor sehr große Herausforderungen stellen kann. Die fehlende Vorbereitung auf das praktische Berufsfeld scheint sogar mitunter dazu zu führen, dass der durch das Studium begonnene Professionalisierungsprozess im Angesicht der nun zu bewältigenden Herausforderungen stagniert oder sogar rückgängig gemacht wird, wie Studien zu Einbrüchen in Selbstwirksamkeitsüberzeugungen oder professionellen Überzeugungen von jungen Lehrkräften zeigen (Dann et al. 1981; Woolfolk Hoy und Burke-Spiro 2005). Aus vielen Ländern ist bekannt, dass ein großer Anteil neu ausgebildeter Lehrkräfte innerhalb der ersten Jahre der Berufstätigkeit den Beruf wieder verlassen (OECD 2005).

Um die beschriebenen Schwierigkeiten beim Berufseintritt zu verringern, wurden in vielen Lehrerbildungssystemen Vorkehrungen getroffen, um den Übergang von der Universität weniger krisenhaft zu gestalten (Abs 2011). Ein vor allem auch aus Sicht der Studierenden selbst vielfach geforderter Weg ist es, den Praxisanteil bereits in der ersten – universitären – Phase zu erhöhen, um Studierenden möglichst schnell Praxiserfahrungen anzubieten (Lersch 2006). Ferner gelten Einführungsangebote wie Mentorenprogramme oder Coaching-Ansätze als vielversprechende Maßnahmen, um die in der Einführungsphase auftretenden Probleme unter Anleitung von erfahrenen Lehrkräften besser bewältigen zu können. Der im deutschen Schulsystem anderthalb- bis zweijährige Vorbereitungsdienst stellt dabei ein besonders umfangreiches Einführungsprogramm dar, das in dieser Form in kaum einem anderen Land zu finden ist. Eine noch deutlichere Verzahnung zwischen theoretischer Grundlagenbildung und praktischer Erfahrung bieten schließlich kombinierte Lehrerbildungsprogramme, wie sie zum Beispiel in der Schweiz umgesetzt werden, die universitäres Studium und praktische Ausbildung miteinander verschmelzen und somit anstreben, die typischen „Praxis-Schock“-Phänomene zu vermeiden.

Wie gut gelingt es diesen Ansätzen, angehende Lehrkräfte „fit für den Lehrerberuf“ zu machen? Welche dieser Modelle sind besonders erfolgreich? Der vorliegende Thementeil führt aktuelle empirische Forschungsarbeiten zusammen, die den Berufseinstieg von Lehrkräften untersuchen, dabei typische Probleme aufzeigen und den Erfolg pädagogischer Unterstützungsmaßnahmen bewerten. Dabei wurde bewusst eine internationale Perspektive eingenommen und es wurden Arbeiten aus Ländern mit unterschiedlichen Lehrerbildungssystemen zusammengestellt. Im theoretischen Übersichtsartikel liefern Päivi Tynjälä und Hannu Heikinnen eine Systematisierung der Forschung zum Berufseinstieg von Lehrkräften. Sie zeigen auf, wie Forschungsergebnisse aus dem Bereich des beruflichen Lernens genutzt werden können, um theoretische Modelle zu entwickeln, die dann die Grundlage für eine Optimierung des Berufseinstiegs von Lehrkräften darstellen können. Der angestrebten internationalen Perspektive folgend wird im Beitrag speziell auch auf die Situation in Finnland Bezug genommen. Der erste empirische Artikel von Dirk Richter, Mareike Kunter, Oliver Lüdtke, Uta Klusmann und Jürgen Baumert widmet sich dem deutschen Referendariat als praktischer Einführungsphase und untersucht in einer Längsschnittstudie den Beitrag von Mentoren und der Peer Group der Referendare für die Bewältigung der beruflichen Aufgaben und die Entwicklung professioneller Kompetenz. Der zweite empirische Beitrag von Annelies Kreis und Fritz C. Staub stellt die Ergebnisse einer quasi-experimentelle Interventionsstudie vor, bei der die Wirkungen eines fachspezifischen Unterrichtscoachings auf die Lernerträge und die Unterrichtsqualität von schweizerischen Lehramtsstudierenden im Unterrichtspraktikum untersucht wurden. Der dritte empirische Beitrag von Matthias Baer, Mirjam Kocher, Corinne Wyss, Titus Guldimann, Susanna Larcher und Günter Dörr stellt eine große Längsschnittstudie vor, die Lehramtsstudierende aus der Schweiz von Beginn des Studiums bis zum ersten Jahr des Berufs untersucht und dabei unter anderem Veränderungen in den selbst eingeschätzten Kompetenzen sowie der per Video analysierten Unterrichtsqualität beschreibt. Das Schwerpunktthema wird arrondiert durch eine Rezension von Martin Rothland, die zwei Publikationen behandelt, die sich speziell mit dem Berufseinstieg von Lehrkräften und den in dieser beruflichen Phase zu bewältigenden Entwicklungsphasen befassen.

In der Zusammenschau dokumentieren die Beiträge dieses Thementeils, dass die Berufseinstiegsphase heutiger Lehrkräfte nicht zwangsläufig krisenhaft verlaufen muss. Stattdessen zeigen sie, dass in vielen Systemen bereits effektive Unterstützungssysteme etabliert sind, von denen junge Lehrkräfte profitieren können. Die Arbeiten weisen jedoch auch auf Optimierungspotenziale hin und belegen eindrücklich, wie wichtig es ist, Neuerungen in Lehrerbildungssystemen auf angemessene Art empirisch zu begleiten.

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