Leviathan

, Volume 39, Issue 1, pp 1–2

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Editorial

DOI: 10.1007/s11578-011-0113-2

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Blomert, R. Leviathan (2011) 39: 1. doi:10.1007/s11578-011-0113-2
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In diesem Heft greift der Wiener Soziologe Sighard Neckel die Vorstellung an, dass der Kapitalismus eine rein rational funktionierende Wirtschaftsweise sei. Nein, findet er, da gibt es auch durchaus tragende Gefühlskomponenten, die dem Handeln einen emotionalen Unterbau geben, wie etwa die Gier. Warum hält man trotzdem an dem Max Weberschen Idealtypus des Betriebskapitalismus fest? Müssten nicht auch die Idealtypen um die „Realdimension“ des Gefühls ergänzt werden?

Dass praktisches Handeln und das, was vernünftig ist, häufig weit auseinander liegen, zeigt sich auch am Beispiel des Klimawandels, der offenbar schlecht zu steuern ist. Bernd Sommer weist mit Norbert Elias darauf hin, dass die funktionalen, institutionellen und habituellen Dimensionen sozialer Prozesse weit auseinander klaffen können. Wenn also angesichts der Klimakrise auf der funktionalen Ebene wirksame Vermeidungs- und Anpassungsstrategien und die Kooperation zwischen Staaten gefordert ist, so wird man doch nicht nur auf das Fehlen entsprechender funktionsfähiger Institutionen stoßen, sondern auch darauf, dass gerade auf der mentalen bzw. habituellen Ebene der politischen und wirtschaftlichen Führungen der Hegemonialmacht USA und der aufstrebenden Macht China nur nationale Verhaltensmuster zu entdecken sind, die ihrer Verantwortung angesichts der Krise nicht gerecht werden. Allerdings zeige sich in einer entstehenden globalen Öffentlichkeit eine wachsende Aufmerksamkeit für den Klimawandel, die auf die Vetospieler Einfluss ausüben könnten, weil sie ihnen eine schlechte Presse beschert.

Auch Mode rührt tief an emotionale Dimensionen des Verhaltens. Sie hat die französische Revolution überdauert und jenseits der protestantischen Ethik in der bürgerlichen Gesellschaft ihre größten Triumphe gefeiert. Eva-Maria Ziege geht hier auf eine andere Dimension der Mode ein, sie skizziert klassische und neuere Modesoziologien im Hinblick auf die Unterscheidung von Zentrum und Peripherie, die Unterscheidung von öffentlicher und privater Sphäre, die mit der Entstehung eines Markts zusammenhängt, sowie als Zeichensystem.

In den Sozialwissenschaften hatten wir schon eine ganze Reihe von Moden, wie der Historiker Kocka unlängst in dieser Zeitschrift notierte: Die thematischen Präferenzen, die Fragestellungen und damit auch die Ergebnisse in der historischen Wissenschaft haben sich immer neu verschoben. Einem „linguistic turn“ folgte ein „gender-turn“ und die „dekonstruktivistische“ Wende (man wollte doch nicht „de-struktivistisch“ sagen), und nun steht der „spatial turn“ auf der Präferenzliste. Von Ausnahmen wie Karl Schlögel abgesehen wirkt die Hinwendung zum Raum bislang freilich eher abstrakt und emotionsfrei, es scheint ihr mindestens soziologisch etwas zu fehlen: Der Historiker Detlev Schöttker spricht nun von einer Architekturvergessenheit der Sozialwissenschaften und weist darauf hin, dass zwar Sloterdijk auf dieses Fehlen mit aller Wortgewalt hingewiesen habe, dabei aber selbst soziale Faktoren aus der Architekturtheorie ausgrenzt.

Wohin führt die Frage nach der Implementierung von Politikzielen? Könnte es sein, dass sie vielleicht schon im Ansatz falsch ist, weil sie nur an die Durchsetzung, nicht an die Teilhabe denkt? Katrin Meyer widmet sich der Kritik der Technokratie im Sinne von Jacques Rancière und Hannah Arendt. Dabei zeigen sich Übereinstimmungen, da beide eine konsensorientierte Volksherrschaft ablehnen, die dem politischen Streit keinen Eigenwert beimisst und tendenziell technokratisch ist. Mit Arendt und über Rancière hinaus entwickelt die Verfasserin ein Konzept der Demokratie, das die Teilung der Macht als unverzichtbares Element der Volksherrschaft bestimmt.

Der Politik definitiv nicht legitimierter Herrschaft widmet sich der Aufsatz von Axel T. Paul und Benjamin Schwalb, nämlich der Mafia. Darin zeigen sie am Beispiel der sizilianischen Mafia, dass kriminelle Organisationen sich nur dann behaupten und wirtschaftlich erfolgreich sein können, wenn sie sich nicht primär als wirtschaftliche Unternehmen, sondern gerade als politische Institutionen konstituieren.

Schließlich behandeln zwei Aufsätze das Thema Integration – zum einen als eine substantielle und empirisch fundierte Kritik des inzwischen auch für die Einwanderergruppen verwendeten individualisierungstheoretischen Milieuansatzes, zum andern geht es um die die Messung des „Integrationsklimas“, die als eine Art „Integrationsbarometer“ vorgestellt wird.

Zeitschriften haben ebenfalls ihre Moden, auch wenn sie sich treu bleiben. Das gehört, dem berühmten Bonmot von Tomasi di Lampedusa gemäß, zu ihrer Überlebenskunst. Diese Zeitschrift hat angefangen in einer anderen Zeit und mit einem anderen Redakteur, mit Claus Koch. Claus Koch ist am 3. November 2010 gestorben. Er war in den 1960er Jahren Redakteur der Monatszeitschrift „atomzeitalter“ für den gewerkschaftsnahen EVA-Verlag, bevor er seit 1973 neun Jahre lang als Redakteur und Mitherausgeber neben Klaus Horn, Wolf-Dieter Narr, Claus Offe, Dieter Senghaas und Winfried Vogt die Geschäfte des „Leviathan“ führte. Dann ging er wieder seine eigenen Wege als freier Journalist, und baute seit 2003 einen eigenen Mediendienst auf „Der neue Phosphoros“. Ein Nachruf folgt.

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