Leviathan

, Volume 39, Issue 1, pp 125–140

Wie organisiert ist das organisierte Verbrechen?

Warum es die Mafia nicht geben dürfte und warum es sie trotzdem gibt

Authors

    • Universität Siegen, Philosophische Fakultät
  • Benjamin Schwalb
    • Universität Siegen, Philosophische Fakultät
Aufsatz

DOI: 10.1007/s11578-011-0112-3

Cite this article as:
Paul, A. & Schwalb, B. Leviathan (2011) 39: 125. doi:10.1007/s11578-011-0112-3

Zusammenfassung

Kriminelle Organisationen sind relativ dauerhafte, nach außen geschlossene und intern gegliederte Gebilde. Mit der arbeitsteiligen Her- oder Bereitstellung illegaler Waren und Dienstleistungen haben sie zumeist eine dezidiert wirtschaftliche Komponente. Gleichwohl greifen verbreitete transaktionskostentheoretische Erklärungen krimineller Organisationsbildung zu kurz, da die Spezifika der Illegalität ökonomisch gedacht gegen die Ausbildung vertikal integrierter Organisationen sprechen. Wir zeigen am Beispiel der sizilianischen Mafia, dass kriminelle Organisationen sich nur dann behaupten können, wenn sie sich nicht primär als wirtschaftliche Unternehmen, sondern vor allem als politische Institutionen konstituieren.

Schlüsselwörter

Organisierte KriminalitätKriminelle OrganisationMafiaInstitutionenökonomieTauschlogik

How organized is organized crime?

Why the Mafia should not exist and why it yet does

Abstract

Criminal organizations are relatively enduring, externally closed, internally differentiated entities. Generally speaking, organized crime is based on a specific division of labor; it supplies illegal goods and services, and thus contains an economic component. Nevertheless, popular and well-established explanations of criminal organization which find their bases in transaction cost theory are not adequate to account for this phenomenon. Properly speaking a pure economic interpretation of the specific features of illegal enterprise would contradict the establishment of vertically integrated organizations. Drawing on the example of the Sicilian Mafia, we show that criminal organizations do survive and prosper, but only if they become political institutions as well and act as such.

Keywords

Organized crimeCriminal organizationMafiaInstitutional economicsLogic of exchange

1 Einleitung1

Die sizilianische, aber auch die US-amerikanische Mafia wurde und wird z. T. noch heute von den Medien, den Strafverfolgungsbehörden sowie einer Vielzahl wissenschaftlicher Autoren als Prototyp des organisierten Verbrechens angesehen. Dementsprechend sorglos und inflationär wird die Bezeichnung Mafia zur Kennzeichnung aller möglichen Formen und Vorkommnisse von organisierter Kriminalität benutzt. Man spricht von der russischen, der chinesischen, der albanischen und der kolumbianischen Mafia oder nennt schlicht korruptes Verhalten mafiös. Wenn wir im Folgenden Mafia schreiben, beziehen wir uns ausschließlich auf die US- und die süditalienische Mafia.2 Doch ist diese Mafia tatsächlich ein, wenn nicht der Prototyp des organisierten Verbrechens?

Fragen wir zunächst, was überhaupt gemeint ist, ja, was sinnvollerweise gemeint sein kann, wenn von organisiertem Verbrechen die Rede ist.

Organisiert kriminelles Verhalten unterscheidet sich von anderen Formen des organisierten Verhaltens zunächst dadurch, dass es dem geltenden Recht zufolge strafbar ist und von Behörden verfolgt werden muss. Dabei hat die Illegalität organisiert kriminellen Verhaltens zwei Bezugspunkte: die angebotenen Güter auf der einen und die gewählten Mittel auf der anderen Seite. Empirisch bilden die arbeitsteilige Her- und/oder Bereitstellung illegaler Waren (wie Drogen, Waffen oder Kreditkartennummern) und Dienstleistungen (etwa in den Bereichen Glücksspiel, Prostitution, Schmuggel, Schleusung oder Kreditwucher) den wirtschaftlichen Kern der organisierten Kriminalität. Zu den typischen rechtswidrigen Handlungsweisen und Techniken zählen dabei die Verschleierung rechtswidrig erworbener Vermögenswerte, insbesondere deren Investition in legale Unternehmen oder Frontbetriebe, Bestechung und vor allem Gewalt.3

Von solchen organisiert kriminellen Tätigkeiten zu unterscheiden sind kriminelle Organisationen als mehr oder weniger dauerhafte, nach außen geschlossene und intern gegliederte Gebilde. Kriminelle Organisationen verfolgen keine primär politischen Ziele; sie sind arbeitsteilig differenziert, hierarchisch integriert, selbsterhaltend und auf Dauer gestellt; sie knüpfen Mitgliedschaft an exklusive Bedingungen und regulieren das Mitgliederverhalten durch explizite Normen; häufig streben sie ein territorial begrenztes (Schwarzmarkt-)Monopol an und machen nicht nur, aber gerade zu diesem Zweck von Gewalt, ihrer Androhung und Bestechung Gebrauch (Lyman und Potter 2004, S. 7; Abadinsky 2007, S. 3).4

In kriminologischen Diskursen werden die Begriffe kriminelle Organisation und organisierte Kriminalität indes oft synonym verwendet oder zumindest nicht systematisch differenziert. Unterschlagen wird damit aber die Ambivalenz des Begriffs Organisation (Paoli 2002). Denn Organisation verweist einerseits auf eine bestimmte Form von Aktivität, andererseits auf einen bestimmten Typus sozialer Assoziation. Stellt man diese Differenz in Rechnung, wird deutlich, dass der Begriff kriminelle organisation zwar organisierte Kriminalität impliziert, organisierte Kriminalität jedoch mitnichten auf kriminelle Organisation verweist.

Die weitverbreitete Nicht-Unterscheidung von organisierter Kriminalität und krimineller Organisation ist zwar historisch erklärlich, einem angemessenen Verständnis sowohl der spezifischen Probleme des organisierten Verbrechens als auch der Lösung dieser Probleme durch die Mafia jedoch hinderlich. Wir werden darum zunächst auf die Geschichte des Begriffs organisierte Kriminalität eingehen (2). Tatsächlich ist die Existenz von kriminellen Organisationen weitaus voraussetzungsvoller als das Phänomen der organisierten Kriminalität. Wie wir zum zweiten zeigen wollen, sind kriminelle Organisationen aus einer heute auch in der Kriminologie dominierenden ökonomisch-rationalistischen Perspektive geradezu unwahrscheinlich, wenn nicht rätselhaft (3). Eine soziologisch-institutionalistische Perspektive erhellt indes nicht nur – und damit werden wir schließen –, warum es kriminelle Organisationen überhaupt gibt, sondern auch unter welchen sozialstrukturellen Bedingungen sie sich hartnäckig halten (4).

2 Begriff und Modelle der organisierten Kriminalität

Zum Thema wurde das organisierte Verbrechen erstmalig im Chicago der 1920er Jahre (Lampe 1999, S. 114–122). Die neugegründete Chicago Crime Commission, eine zivilgesellschaftliche Organisation des städtischen Wirtschaftsbürgertums, deutete die seinerzeit anschwellende Kriminalitätsrate nicht als vorübergehendes, sondern als systemisches Phänomen: als Symptom einer zentralisierten, organisierten und kommerzialisierten Kriminalität, eines „gigantic system organized and protected, reaching into business and politics, and while still subject to indictment and prosecution, […] largely immune from punishment“ (Chamberlin 1920, S. 397). Im Jahr 1919 prägte sie dafür den Begriff organisierte Kriminalität. Den sozialgeschichtlichen Hintergrund bildete die massive Immigration in die USA, insbesondere aus Süd- und Osteuropa. Viele der Neubürger sammelten sich als working poor in den ethnisch segregierten Slums der industriellen Großstädte, wo die organisierte Kriminalität eine der wenigen Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs bot, „one of the queer ladders of social mobility in American life“ (Bell 1953, S. 133; s. a. Merton 1968, S. 185–214).

Wissenschaftlich ausformuliert wurde das „OK“-Konzept erstmalig von Thrasher (1927) und Landesco (1968, Orig. 1929). Sie entwickelten, beeinflusst durch die Chicago School, Begriffe von organisierter Kriminalität, die (noch) nicht auf kriminelle Organisation, sondern auf die Professionalisierung einer primär erwerbswirtschaftlich orientierten und insofern instrumentellen oder, wie Landesco vermutete, sogar ökonomisch funktionalen Kriminalität abstellten. Kriminelle Unternehmer würden zwar in flüchtigen, durch subkulturelle Werte und informelle Beziehungen integrierten Banden kooperieren, um die Effektivität und Effizienz ihres illegalen Handelns zu steigern. Sie seien aber nicht bereit, so Thrasher, ihre grundsätzliche Autonomie auf- bzw. an eine Organisation abzugeben. Auf die weitere Entwicklung der Theorie haben Thrasher und Landesco indes keinen nachhaltigen Einfluss ausüben können. Zusammenhängen dürfte dies damit, dass das Phänomen selbst sich mit den Prohibitionsgesetzen (1919–1933) gewandelt und eine neue Qualität erhalten hatte (Abadinsky 2007, S. 52–56): Das wirtschaftliche Volumen des Alkoholschwarzmarktes sowie die Logistik des Schmuggels und der Schwarzbrennerei begünstigten erstens die Bildung großer und überregionaler Syndikate, wobei dieses Potential zweitens von kriminellen Unternehmern insbesondere italienischer Abstammung effektiv genutzt worden zu sein scheint. Nicht von ungefähr also stellte sich der öffentliche wie wissenschaftliche Diskurs in den 1960er Jahren der Sache nach, wenn auch nicht nominell von organisierter Kriminalität auf kriminelle Organisation um.

Als Wegbereiter einer nun organisationstheoretisch orientierten Kriminologie gilt Cressey, der die perspektivische Verengung auf die amerikanische Mafia zwar nicht erfunden, wohl aber verwissenschaftlicht hat (1969, 1972). In seinem Beitrag für den Abschlussbericht der 1967 eingesetzten Task Force Commission on Organized Crime identifizierte er deren Struktur mit einer landesweit operierenden Konföderation krimineller Organisationen: der Cosa Nostra (President’s Commission on Law Enforcement and Administration of Justice 1967, S. 25–60; s. a. Anderson 1965). Die Einheiten der amerikanischen Cosa Nostra, ihre „Familien“, seien formal-hierarchisch aufgebaut, mit einem Boss als oberster Instanz, einem Stellvertreter und einem Berater darunter sowie „Leutnants“ und ihren „Soldaten“ auf den unteren Hierarchieebenen. Daneben gäbe es eine Reihe weniger formalisierter, für den Bestand der kriminellen Organisation als eines natürlichen und den Kontingenzen der Strafverfolgung ausgesetzten Systems gleichwohl funktionaler und deshalb typischer Rollen. Dazu gehörten die Positionen des buffers, der als Vertrauensmann und Mittler die oberen von den etwaig geschwätzigen unteren Ebenen isoliert, des corrupters, der z. B. durch Bestechung Einfluss auf die Strafverfolgungsbehörden nimmt, und des enforcers, der die Regeln der Organisation mit Sanktionsmacht bewehrt. Entsprechend sei organisiertes Verbrechen „any crime committed by a person occupying, in an established division of labor, a position designed for the commission of crimes providing that such division of labor includes at least one position for a corrupter, one position for a corruptee, and one position for an enforcer“ (Cressey 1969, S. 319) und deshalb nicht handlungs-, sondern strukturtheoretisch zu erklären.

In den 1970er und 1980er Jahren gerieten sowohl das von Cressey geprägte Bürokratiemodell als auch der italienische-ethnische Fokus der Forschung unter Beschuss (Albanese 1994; Lampe 1999). So arbeiteten Albini (1988) und Ianni und Reuss-Ianni (1972) auf der Basis reichhaltiger Fallstudien die Bedeutung persönlicher Beziehungen heraus. „[P]eople rather than organizational functions […] define the organization, and it is through people that the family operates“ (Ianni und Reuss-Ianni 1972, S. 104). Während Albini die Ordnung krimineller Syndikate in der Aggregation von diffusen, teils affektiv, teils instrumentell motivierten asymmetrischen Tauschbeziehungen zu Patron-Klient-Netzwerken sah, die trotz gemeinsamer Normen wie der Pflicht zur Geheimhaltung eben nicht als geschlossene Verbände zu interpretieren seien, bejahten Ianni und Reuss-Ianni grundsätzlich die Existenz mitgliedschaftlich strukturierter Familien. Die Stellung der Mitglieder in Familienunternehmen bliebe dabei jedoch an eine traditionale und oftmals patrimoniale Herrschaftsordnung gekoppelt, in der legitime Macht vorrangig auf Alter und Abstammung gründe.

Etwa zeitgleich entwickelten Schelling (1967), Smith (1975, 1980) und Haller (1970, 1990) eine dritte Perspektive, die sich nicht nur vom Bürokratiemodell, sondern auch von ethnischen Obertönen distanzierte. Smith und andere rückten einen eher vordergründigen und insofern unkontroversen Aspekt des organisierten Verbrechens in den Blick: das Geschäft mit illegalen Gütern. „The man engaged in organized crime was set apart from the professional thief because he had customers, not victims“ (Haller 1970, S. 622 f.). Aus kriminellen Organisationen war wieder organisierte Kriminalität geworden. Diese erscheint nun als Ausweitung geschäftsmäßigen Treibens auf Waren und Leistungen, die qua Gesetz zwar verboten sind, nichtsdestotrotz aber nachgefragt werden (z. B. Glücksspiel, Drogen oder Prostitution). Entsprechend wurde der (auch von Cressey und seinen Mitstreitern benutzte) Begriff organisierte Kriminalität durch den der illegalen oder unerlaubten Unternehmung ersetzt.

Wiederum gingen organisationsgeschichtliche und semantische Prozesse Hand in Hand. Durchgesetzt hat sich das Unternehmensmodell der organisierten Kriminalität zeitgleich zum tatsächlichen Niedergang der amerikanischen Mafia (Reuter 1995). Das Verblassen der amerikanischen Cosa Nostra war nicht zuletzt eine Folge ihrer zweifelhaften Popularität, durch die sie unter extremen Druck von Seiten nicht nur lokaler, sondern auch föderaler Strafverfolgungsbehörden geraten war. Asiatische und kolumbianische Gruppen haben sich dieser Aufmerksamkeit erfolgreicher entziehen können und dominieren heute das amerikanische Drogengeschäft (President’s Commission on Organized Crime 1986). Es sei jedoch angemerkt, dass es bisher keiner dieser Gruppen gelungen ist, weder in der Breite der kriminellen Unternehmungen noch in der Durchdringung von legaler Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft, der amerikanischen Mafia gleichzukommen (Jacobs und Panarella 1998).

Einen der Entwicklung oder zumindest ihrer Stoßrichtung nach der amerikanischen Diskussion ähnlichen Verlauf nahm auch die Thematisierung der italienischen Mafia. Während frühe Arbeiten (Hess 1970; Schneider und Schneider 1976; Blok 1981) sie als den Besonderheiten Siziliens geschuldete informelle Institution beschrieben hatten, argumentierte Arlacchi (1989), dass aus der Mafia als traditioneller, kulturell verwurzelter und nicht illegitimer Organisation zur Erpressung von Schutzgeldern, aber auch – und daher ihre Legitimität – zur Vermittlung sozialer Konflikte sowie zentralstaatlicher Ansprüche im Zuge erstens der staatlich finanzierten wirtschaftlichen und infrastrukturellen Modernisierung des Mezzogiorno in den 1950er und 1960er Jahren sowie zweitens des Einstiegs der Mafia in das internationale Drogengeschäft in den 1970er Jahren ein illegales, vornehmlich an der „Erwirtschaftung“, d. h. korrupten Aneignung und gewalttätigen Erzwingung von Profiten interessiertes Unternehmen geworden sei. Die nächste Kohorte der Mafia-Forscher (Catanzaro 1992; Gambetta 1994) ging bzw. geht noch einen Schritt weiter und versucht(e) die Mafia empirisch von Beginn (d. h. der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts) an auf nichts als kriminelle Gewinnerzielung ausgerichtet und theoretisch unter Rückgriff auf ökonomische Denkfiguren zu begreifen.

Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht heute also nicht mehr der von Cressey „entdeckte“ assoziative Aspekt von Organisation, sondern, wie in der frühen „OK“-Forschung bereits angelegt, das Wirtschaften mit illegalen Waren und Dienstleistungen. Nur: Kriminelle Organisationen im oben definierten Sinne sind in einer solchen ökonomischen Deutung extrem unwahrscheinlich, unwahrscheinlicher jedenfalls als kriminelle Netzwerke oder Gangs (Paoli 2002). Und tatsächlich vollziehen sich Herstellung und Verkauf illegaler Güter weithin desorganisiert (Reuter 1983; Fijnaut und Paoli 2004).

Der nächste Abschnitt wird die ökonomischen Argumente gegen die Existenz von kriminellen Organisationen als formaler Großbetriebe explizieren.

3 Die Unwahrscheinlichkeit krimineller (Wirtschafts-)Organisationen

Die Fokussierung der wirtschaftlichen Interessen der Mafia blieb theoretisch nicht folgenlos. Ob legal oder illegal, so der Gedanke, die Gesetze des Marktes blieben die gleichen. Die neoklassisch modernisierte Organisations- bzw. Transaktionskostentheorie würde auch für verbotene Geschäfte greifen; dementsprechend hinge die Wahrscheinlichkeit der Bildung krimineller Wirtschaftsorganisationen von je spezifischen Technologie- und Umweltbedingungen ab. Ob sich eine konkrete kriminelle Unternehmung formal-hierarchisch als kriminelle Organisation oder netzwerkförmig organisiere, sei mithin eine Funktion marktwirtschaftlicher Effizienzparameter.

Wie gezeigt werden soll, gibt es durchaus starke transaktionskostentheoretische Gründe, welche die Entstehung von hierarchisch gegliederten Unternehmen auf illegalen Märkten, die Existenz von kriminellen Organisationen also, erwarten lassen, noch stärkere Gründe aber, die für flachere, flexiblere, netzwerkförmige Ordnungsformen des organisierten Verbrechens, eben für organisierte Kriminalität statt krimineller Organisation, sprechen.

Tatsächlich sind (wider alle Empirie) vom Primat des Marktes her gedacht hierarchisch gegliederte Unternehmen sonderbare Gebilde und deshalb erklärungsbedürftig. In Anschluss an Coase (1937) argumentiert Williamson (1975), dass es sich nur unter bestimmten Bedingungen lohne, soziale Tauschprozesse, so genannte Transaktionen, nicht auf dem Markt, sondern in hierarchischen Organisationen abzuwickeln. Seine Kernthese lautet: Je höher der Transaktionsaufwand, desto wahrscheinlicher, weil günstiger, sind hierarchische Strukturen. Die Transaktionskosten sind dabei vornehmlich durch transaktionsspezifische Vorleistungen, die Unsicherheit des Tausches sowie die Tauschbarkeit des Tauschobjekts bestimmt. Überträgt man die Überlegung, dass Organisationen keineswegs absolut, sondern nur unter spezifischen Bedingungen effizienter operieren als Märkte, auf das gegenwärtig dominierende Modell krimineller als illegaler wirtschaftlicher Unternehmungen, ergibt sich zunächst, dass die Bildung und Existenz von kriminellen Organisationen durchaus wahrscheinlich ist.

Zum einen – und dies lassen kriminelle Organisationen erwarten – impliziert die Rechtswidrigkeit kriminellen Handelns, dass ohne den Staat operiert und dementsprechend auf jede Rechtssicherheit verzichtet werden muss. Die unbedingte rechtliche Bindung der Parteien an ihre „Verträge“ ist durchbrochen; illegale Akteure können sich nicht auf die Durchsetzbarkeit ihrer Ansprüche verlassen. Von diesem Geltungsverlust sind alle Vertragsformen betroffen, durch die Transaktionen institutionell arrangiert werden: hierarchische Beschäftigungsverhältnisse und Konzessionsverträge ebenso wie direkte Marktbeziehungen. Praktisch alle illegalen Geschäfte müssen deshalb auf der Basis persönlichen Vertrauens stattfinden. („Morgen treffe ich Dich und niemand anderen, um Dir ein halbes Kilo Koks zu verkaufen.“) Wäre mein Geschäftspartner hingegen Mitglied einer rechtsfähigen formalen Organisation, würde ich darauf vertrauen, dass ein gleichqualifizierter Kollege mein Anliegen genauso sachgemäß und unpersönlich bearbeiten würde wie er. Und selbst wenn er es nicht täte, so hätte ich doch die Möglichkeit, rechtlich gegen ihn und/oder seine Organisation vorzugehen. Doch im Unterschied zu generalisiertem Systemvertrauen ist persönliches Vertrauen, das sich nicht an der Identität eines Systems, sondern an der Identität einer Person festmacht, stets prekär (Luhmann 1989). Immer wieder muss einer der Beteiligten in Vorleistung treten und sich der idiosynkratischen Entscheidung eines anderen für oder gegen die Erwiderung des vorgeschossenen Vertrauens aussetzen. Weder kann ein „Geschädigter“ irgendwelche Eigentumsrechte an einer verbotenen Ware einklagen, noch kann er eine Gewalttat zur Anzeige bringen, ohne der Polizei zugleich ihn selbst belastende Informationen zuzuspielen. Eben aufgrund dieser schwachen Stellung des „Opfers“ in einem rechtsfreien Raum ist bei jeder Transaktion mit List, Betrug und Gewalt zu rechnen (Hobbs 2002).

Kriminelle Unternehmer begegnen der Fragilität persönlichen Vertrauens, indem sie ihre geschäftsmäßigen Beziehungen nach außen abschließen, z. B. also an Bedingungen der sozialen Zugehörigkeit (etwa der Verwandtschaft oder Abstammung) oder der Freundschaft knüpfen. Allein, persönliche Vertrauensbildung ist ein kostenintensiver Prozess. Investiert werden muss in erster Linie Zeit, denn persönliches Vertrauen wird von gemeinsamen Erfahrungen getragen. Dabei sind diese Vorleistungen nur in der jeweiligen Beziehung von Nutzen, also transaktionsspezifisch, was im Übrigen zahlreiche Gelegenheiten für opportunistisches Verhalten schafft. Außerdem wird man aufgrund der besagten operativen Konsequenzen illegalen Wirtschaftens von einer prinzipiell großen Unsicherheit der Umwelt ausgehen dürfen, was die Transaktionskosten noch einmal steigert.

Institutionenökonomisch gedacht stünde deshalb zu erwarten, dass ein Großteil der geschäftsrelevanten Beziehungen auf illegalen Märkten hierarchisch eingebunden wird: Der typische modus operandi eines kosteneffizient arbeitenden illegalen Unternehmens wäre demnach die kriminelle Organisation. Indes, er ist es nicht. Denn die Spezifika der Illegalität erschöpfen sich nicht in dem Verzicht auf ein staatlich sanktioniertes Recht.

Zum anderen nämlich – und dies spricht gegen kriminelle Organisation – wirtschaften Schwarzmarktunternehmer nicht nur ohne, sondern auch gegen die staatlichen Institutionen des Rechts (Paoli 2002, S. 65–67). Aus der Strafbarkeit ihres Handelns resultieren die permanenten Risiken der Verhaftung und Besitzkonfiskation. Jede Polizeimaßnahme kann das unmittelbare Ende aller Aktivitäten und Wertbestände bedeuten. Der wenigstens latente Konflikt mit den Strafverfolgungsbehörden begründet die Notwendigkeit, die Verbreitung von Informationen über die eigene (Mit-)Täterschaft zu kontrollieren und allgemein zu begrenzen. Der Zwang zur Geheimhaltung aber relativiert den Einfluss einer auf legalen Märkten triftigen Transaktionskostenkalkulation – unterstellt freilich, dass der durchschnittliche Berufskriminelle Freiheit und Besitz deutlich höher bewertet als die ja ohnehin immer nur relative wirtschaftliche Vorteilhaftigkeit eines bestimmten Koordinationsarrangements. Maßgeblich für die Strukturierung kooperativer Beziehungen ist dann nicht deren Spezifizität und Unsicherheit, sondern die Minimierung des Aufdeckungsrisikos. Dieses Ziel wiederum setzt Anreize für Strategien, etwa der Segmentierung, der Lokalisierung und des Werbeverzichts, die gegen die Ausbildung großer, vertikal integrierter und geografisch weit gestreuter Organisationen auf illegalen Märkten wirken.

Eine besondere Gefährdung geht von den Handlangern und Klienten krimineller Unternehmer aus. Häufig wissen diese viel über deren aktive und/oder passive Beteiligung an früheren und geplanten Straftaten. Jede Internalisierung einer Transaktion in hierarchische Strukturen wird mit einem Mitwisser und potentiellen Denunzianten erkauft. Es braucht deshalb Gegenstrategien, die darauf abzielen, entweder das Wissen der Mitarbeiter zu reduzieren oder die Kosten einer Denunziation zu erhöhen. Eine nützliche und regelmäßig gewählte Strategie besteht darin, das Unternehmen zu segmentieren, also die Zahl derjenigen Akteure, die viel wissen und in direktem Kontakt zum „Prinzipal“ stehen, zu minimieren. Tatsächlich zeichnen sich hierarchisch gegliederte Systeme wie das der amerikanischen Cosa Nostra durch eine lose Kopplung der Segmente aus: Der Boss der Familie weiß nicht und will nicht wissen, mit welchen Nichtmitgliedern seine Soldaten kooperieren, und umgekehrt gibt es Soldaten, die ihren Boss kaum je zu Gesicht bekommen.

Segmentierung aber erzeugt Asymmetrien im Wissen über die Bedingungen von Fremdentscheidungen. Das Wissen der Mitarbeiter über die Verwicklungen ihres Chefs wird zwar, wie gewollt, stark begrenzt. Diese Beschränkung gilt jedoch auch in der Gegenrichtung: Der illegale Unternehmer erfährt nur noch wenig über die Aktivitäten und etwaigen Umtriebe seiner Mitarbeiter. Er kann daher nie letzte Gewissheit darüber erlangen, ob der „Agent“ in seinem, des Prinzipals, besten Interesse handelt (Arrow 1985). Verschärft wird die Problematik durch die fehlende Formalisierung des „Beschäftigungsverhältnisses“ sowie die Ubiquität von Betrug und Gewalt. Beides führt dazu, den Grad sowohl der Produkt- als auch der geografischen Diversifikation des Unternehmens niedrig zu halten und stattdessen möglichst viele Leistungen in überschaubaren Direkttransaktionen abzuwickeln. Daneben können kriminelle Unternehmer an der Motivation ihrer Mitarbeiter ansetzen, um die Wahrscheinlichkeit opportunistischen Verhaltens zu verringern. Indem sie z. B. in ihre Reputation als erbarmungslose Rächer „investieren“, können sie die Kosten einer Denunziation drastisch steigern (Reuter 1983, S. 142 ff.). Gleichwohl birgt jede faktische und nicht nur angedrohte Gewaltanwendung das Risiko, die Aufmerksamkeit der Strafverfolgungsbehörden zu erregen. Und nicht nur das: gerade Tyrannen der Unterwelt riskieren, wenn sie nicht auch Milde und Nachsicht walten lassen und sich den Ihren gegenüber solidarisch verhalten, über kurz oder lang den eigenen Sturz.

Doch nicht nur von den Mitarbeitern, auch und gerade von den (End-)Kunden geht eine große Gefahr für das kriminelle Unternehmen aus (ebd., S. 126 f.). Die Kundschaft illegaler Geschäfte ist typischerweise zahlreich, treulos und unvorsichtig. Ein Großteil der polizeilichen Ermittlungen nimmt hier seinen Anfang. Aus der Notwendigkeit, die Beziehungen mit Kunden mit besonderem Bedacht zu gestalten, folgt jedoch, dass illegale Unternehmen auf effektive Werbemaßnahmen und damit auf einen für den Aufstieg moderner Großunternehmen ganz wesentlichen Skaleneffekt verzichten müssen. Werbung würde den Strafverfolgungsbehörden sowohl Informationen über die relative Bedeutung verschiedener illegaler Unternehmen als auch einen Nachweis auf ihre innere Struktur an die Hand geben, dem Geschäft also letztlich schaden. Die Unternehmen müssen deshalb einer eigenen Marke und der generalisierten Kundenbindung, die ein Markenprodukt verspricht, entbehren. Der Kunde vertraut seinem Dealer, nicht dem Unternehmen. Auch dies steht einer Expansion illegaler Unternehmen entgegen.

Diese Spezifika und Zwänge der Illegalität führen mithin dazu, dass die Vorteile formaler Organisation von Kriminellen bzw. für kriminelle Aktivitäten nur eingeschränkt ausgenutzt werden können. Organisierte Kriminalität kann durchaus als gemeinschaftliches, arbeitsteilig koordiniertes und in diesem Sinne organisiertes Streben nach Reichtum verstanden werden, kriminelle Organisationen aber sind ein spezifischer Typus von Organisation, den eine streng ökonomische Deutung von Kriminalität als zweckrationaler, von Staats wegen verfolgter und deswegen „vorzeitig“ an Effizienz- oder Wachstumsgrenzen formaler Organisation stoßender Aktivität gerade nicht erwarten lässt. Illegale Märkte begünstigen vielmehr netzwerkartige Kooperationsformen, wechselnde Koalitionen einzelner Banden und Spezialisten, die zwischen marktförmigen und hierarchischen Strukturen liegen (Powell 1990; Bruinsma und Bernasco 2004; Hiller 2006) und einerseits, nach innen, die Bildung persönlichen Vertrauens katalysieren, und andererseits, nach außen, das Tatentdeckungs- und Inhaftierungsrisiko minimieren.

Gleichwohl sind kriminelle Organisationen international auf einer Vielzahl illegaler Märkte tätig und wirtschaftlich erfolgreich oder zumindest über Jahrzehnte hinweg überlebensfähig. Nach und neben der Mafia behaupten sich auch und gerade neotraditionelle kriminelle Organisationen wie die chinesischen Triaden (Murray und Baoqi 1994) oder die japanische Yakuza (Hill 2003). Zugespitzt: Warum gibt es die Mafia also trotzdem? Die Antwort, die wir abschließend skizzieren wollen, lautet schlicht: weil die Mafia wie andere neotraditionelle kriminelle Organisationen auch keiner exklusiv oder auch nur primär wirtschaftlichen Logik folgt.

4 Die kriminelle Organisation der Mafia

Selbstverständlich sind Mafiosi als organisierte Kriminelle auf illegalen Märkten tätig, handeln sie mit illegalen Gütern und verstoßen sie gegen das Gebot des freiwilligen Tauschs. Nur liegt, wie Gambetta, der wohl bekannteste Vertreter einer ökonomischen Deutung der italienischen Mafia, bemerkenswerterweise selbst einräumt (1988a; s. a. Fiorentini und Peltzman 1995), die spezifische, wie wir meinen: spezifisch politische, Funktion der Mafia darin, einen solchen Handel überhaupt zu ermöglichen, darin also, die aufgrund ihrer Illegalität instabilen, von Misstrauen und Betrug geprägten Märkte durch Einschüchterung und gezielten Gewalteinsatz soweit zu regulieren, dass nicht-gewaltförmige – und damit ökonomische! – Interaktionen überhaupt möglich werden.

Im Unterschied zu Arlacchi (1989, 1996) behauptet Gambetta (1988b) indes „ökonomisch korrekt“ einen fragmentierten, netzwerkartigen Charakter der Mafia, anstatt sie als geschlossene, zentral geführte Organisation gelten zu lassen. Diese Einschätzung steht jedoch in Widerspruch zu den Äußerungen der so genannten pentiti (Falcone und Padovani 1992; Arlacchi 1993). Bei diesen handelt es sich um eine Reihe ab Anfang der 1980er Jahre gefasster und geständiger z. T. führender Mafiosi, welche gegen die omertà, das traditionelle Schweigegebot allen staatlichen Stellen gegenüber, verstießen und der italienischen Justiz damit nicht nur zu einem echten Schlag gegen die Mafia verhalfen, sondern darüber hinaus dokumentierten, dass diese einen seit einem Jahrhundert mehr oder weniger zusammenhängenden, und in jüngerer Zeit auch zentral gelenkten Verband darstellt(e). Doch selbst wenn über den historisch variablen Grad der organisatorischen Integration der Mafia keine Gewissheit besteht, geht aus den Aussagen der pentiti eindeutig hervor, dass die Mafia wenn auch keine bürokratische oder formale Organisation im Sinne Webers (1980, S. 551–579), Barnards (1938) oder Luhmanns (1964), so doch eine spezifische Form von Organisation darstellt, deren Einheitlichkeit über die von Hess (1970, S. VI, passim) postulierte bloße Einheitlichkeit eines mafiösen Verhaltensstils Einzelner hinaus geht. Wie ist dieses „Rätsel“, dieser Einspruch der Empirie gegen die Theorie, zu erklären? Im Grunde weiß Gambetta es selbst: Die Mafia ist eine Institution, die illegale Märkte ermöglicht. Anders und schärfer gesagt: unwahrscheinlich, wenn nicht unmöglich, sind nicht kriminelle Organisationen, sondern freie Märkte (Elwert 1987).

Die Einheit der Mafia oder auch ihr „Wesen“ besteht abgesehen von der historischen Kontinuität des Phänomens (Dickie 2004; Lupo 2005) zum einen in ihrer gemeinsamen Kultur, ihren gemeinsamen Normen, Werten, Symbolen und Ritualen, und zum anderen in der Strukturgleichheit der einzelnen cosche oder Mafia-Familien (Paoli 2003). Letztere sind zwar um Verwandtschaftsverbände herum gruppierte, jedoch auch auf nicht-verwandte Mitglieder ausgreifende, je nach Größe intern mehr oder weniger differenzierte Gebilde. Zunächst einmal sind nur Männer im eigentlichen Sinne Mitglieder einer cosca. Nichtsdestotrotz sind die weiblichen Verwandten und Kinder durch die Mitgliedschaft ihrer Männer und Väter fest an die Mafia-Familie gebunden und ihr gegenüber zu absoluter Loyalität verpflichtet. So wie die einzelnen Familien autark sind, sind auch die einfachen Mitglieder dazu angehalten, wirtschaftlich auf eigenen Füßen und der Familie „nur“ für besondere Dienste zur Verfügung zu stehen. Geleitet werden die cosche von einem Patron, einem „Paten“, dem ein Berater zur Seite gestellt ist und je nach Größe der Familie verschieden viele, untereinander gleichrangige capi unterstehen. Handelt es sich um eine Familie mit mehreren Dutzend Mitgliedern, kommt es vor, dass die capi nicht den einfachen Mitgliedern, sondern weiteren „Gruppenführern“ „vorgesetzt“ sind, welche die diversen Aktivitäten der Mitglieder ihrer Einheit respektive ihres Netzwerks anleiten und überwachen. Dass der innere Aufbau der sizilianischen und der US-Mafia sich mithin gleichen, muss freilich nicht genetisch-kausal, sondern kann ebenso und besser funktional erklärt werden: Strukturell besteht eine Familie aus ineinander verschachtelten, baumartig verästelten asymmetrischen persönlichen Beziehungen. Bricht ein Zweig des Baumes weg, sind Ast und Stamm davon nicht unmittelbar betroffen. Ebenso hat das Ende einer ganzen Familie für die übrigen Familien keine unmittelbaren Folgen. Darin gleichen die cosche den Clans, Lineages oder Segmenten einfacher, vorstaatlicher Gesellschaften.

Ebenfalls vergleichbar ist der Typus von „Mitgliedschaft“ in Clans und Mafia-Familien. In einen Clan wird man hineingeboren, er ist dementsprechend ein Verwandtschaftsverband; gleichwohl gibt es für Nicht-Verwandte Möglichkeiten, auf dem Wege der Verbrüderung, von Adoptionen und Patenschaften in einen Clan aufgenommen zu werden. Umgekehrt ist es aus Warte des Clans attraktiv, u. U. auch überlebenswichtig, eine möglichst große Anzahl von Männern zu rekrutieren. Auch Mafia-Familien haben einen biologischen Kern; regelmäßig erweitert werden die Familien allerdings durch die rituelle, Blutsbande fingierende Aufnahme weiterer Mitglieder. Und hier wie dort sind der eigentlichen Initiation regelmäßig Phasen der Bewährung vorgeschaltet. Insofern es der Clan oder die Familie ist, welche über die Aufnahme eines Nicht-Verwandten entscheidet, kann die Zugehörigkeit durchaus als eine Art der Mitgliedschaft aufgefasst werden. Was diese jedoch scharf von der Mitgliedschaft in formalen Organisationen unterscheidet, ist erstens eine fehlende Trennung von Motiv und Zweck und zweitens ihre Unkündbarkeit.

Freilich sind Mafiosi mit Geld vertraut und meist auch an Geld interessiert, und doch ist es nicht das Geld, das sie dazu motiviert, ihre Arbeitskraft den Zwecken einer Organisation zur Verfügung zu stellen.5 Vielmehr identifizieren sich die Angehörigen eines Clans oder einer Familie mit dieser, werden sie vor ihrer formellen oder besser rituellen Aufnahme als Vollmitglieder auf ihre Vollmitgliedschaft vorbereitet und schließlich als ganze Personen Teil ihres Verbands. Besiegelt wird mit den segmentären und mafiösen Paten- und Blutsbrüderschaften ein Statuskontrakt, der die Neumitglieder eben nicht rollen- oder funktionsspezifisch, partiell und reversibel in eine Organisation hineinstellt, sondern der sie um den Preis eines meist suizidalen Verrats zu „anderen Menschen“ macht bzw. totalinkludiert.

Es liegt auf der Hand, dass dieser scheinbar archaische, tatsächlich jedoch höchst funktionale Mangel an Spezialisierung zwar den Aufbau großer zentralisierter und rationaler Organisationen erschwert, den einzelnen Familien dafür jedoch ein außerordentliches Maß an Beweglichkeit auf illegalen (wie legalen) Märkten erlaubt und zudem ein Maß an commitment erzeugt, das von keinem Arbeitsvertrag je garantiert werden kann (Ouchi 1980). Man muss gar nicht bestreiten, dass die leicht reizbare „Ehre“ der Mafiosi, der Ruf einer bestimmten Familie, sie in der Regel davor bewahrt, ihre Wünsche und Anordnungen gewaltsam durchzusetzen, und damit einen wirtschaftlichen Zweck erfüllt. Nur läuft eine derartig aufs Ökonomisch-Instrumentelle fixierte Analyse Gefahr, die innen- wie außenpolitische Funktion von mafiöser Ehre und omertà zu übersehen.

Nach außen hin soll das absolute Schweigegebot die Mafia vor dem Zugriff staatlicher Strafverfolgungsbehörden bewahren. Demselben Zweck dient die in aller Regel mündliche und, falls doch schriftliche, dann verschlüsselte Kommunikation innerhalb der Mafia. Darüber hinaus aber führt das Hegen und Pflegen von Gruppengeheimnissen, eben weil es Vertrauen schürt, zur Stärkung des Gruppenzusammenhalts selbst (Simmel 1992, S. 422). Tatsächlich war die Mauer der omertà bis zur Welle des pentitismo der 1980er Jahre stark genug, um dem Staat ein rechtliches Vorgehen gegen die Mafia als ganzer zu verwehren. Aber auch die spezifische Ehre, der weithin respektierte Anspruch des Mafioso, sich selbst zu seinem Recht verhelfen zu können, hat neben dem Effekt, für ihn und seine Familie „Reklame“ zu machen, die Bedeutung eines prinzipiellen Gegenentwurfs zur Ordnung des Staates. Zwar wäre die Mafia ohne den italienischen Staat und die politischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten, welcher dieser ihr bietet, nicht die, die sie ist, wäre sie weniger mächtig und ökonomisch potent (Morini 2005), und doch stellt sie sich gegen das staatliche Gewaltmonopol und steht demgegenüber für eine Ordnung der gewaltsamen Selbsthilfe. Eben dies ist der Kern einer „politischen“ Ehre, welche auf Selbstbehauptung statt auf Rechtssicherheit oder gar Rechtsstaatlichkeit baut (Trotha 2000; Paul 2005).

Residuen eines derartigen Ehrverständnisses sind im mediterranen Raum weit verbreitet (Peristiany 1966) und haben stets mit einer relativen Schwäche zentralstaatlicher Institutionen bzw. einem Nebeneinander von segmentären und funktionalen gesellschaftlichen Differenzierungsformen zu tun. In Sizilien ist die politische und sozialstrukturelle Lage im 19. Jahrhundert dadurch gekennzeichnet, dass die in ganz Europa anhängige Aufhebung feudaler Besitzverhältnisse nicht durch ein wirtschaftlich starkes, politisch selbstbewusstes städtisches Bürgertum eingefordert und durchgesetzt wird, sondern der schwache, in der Regel im fernen Neapel weilende Adel von dessen landsässigen Pächtern und Verwaltern genötigt wird, ihnen zwecks Abwehr der Ansprüche und Aktionen landhungriger Bauern polizeiliche und auch politische Prärogative einzuräumen. Es ist diese Gruppe von Mittlern, die sich im Laufe der Zeit einerseits selbst in den Besitz der vormals adligen Latifundien und Plantagen zu bringen weiß, der sizilianischen Bevölkerung gegenüber andererseits jedoch als Schutzmacht wider neapolitanische und später römische Steuerforderungen und Gestellungsbefehle auftritt, aus deren Umfeld die Mafia als eine Art gegen- oder besser parastaatliche „Lumpenbürgerwehr“ gegen Ende des 19. Jahrhunderts hervorgeht.

Die Ursprünge der Mafia, die anfänglich tatsächlich eher ein loses Netzwerk lokaler Akteursgruppen als einen kulturell kohärenten Verband, geschweige denn einen zentral koordinierten Erzwingungsstab der ländlichen Bourgeoisie dargestellt haben dürfte, sind demnach nicht primär ökonomisch, insofern eine normative wie faktische Scheidung der Bereiche Ökonomie und Politik in Sizilien ausblieb, ebenso wenig aber auf dem Feld der reinen Politik zu suchen. Ohne Zweifel ging und geht es der Mafia stets auch um Geld, nur war und ist ihr Ziel nicht die Bereicherung als solche; erstrebt und verteidigt wird ebenso politische Macht, ja, territoriale Hoheit, die umgekehrt zum Zwecke der Bereicherung einzusetzen sie freilich nicht zögert (Hess 1993, S. 189–213; Arlacchi 1996). Eben dieser politische Anspruch der Mafia, ihr „Wille“ oder zumindest der strukturelle Zwang, sich gegen den Staat und andere Konkurrenten zu behaupten, erklärt die grundlegende Gewalttätigkeit der Mafia. Die Pointe oder vielmehr die Tragik der Entwicklung auf Sizilien lag und liegt indes darin, dass jene Trennung von Wirtschaft und Politik, die Unterscheidung einer privaten, an materiellen Gewinnen und persönlichem Wohlergeben orientierten, dafür jedoch regeltreuen von einer öffentlichen, am Gemeinwohl orientieren regelsetzenden Logik, durch die Mafia nicht nur vorläufig verhindert, sondern dauerhaft blockiert wurde.6

Mit anderen Worten: Der allen bisherigen polizeilich-justiziellen Bemühungen zum Trotz mittlerweile über hundertjährige „Erfolg“ der Mafia ist in erster Linie nicht dem Geschick ihrer Köpfe zu danken, sich veränderten Rahmenbedingungen anzupassen, sondern vor allem darin zu sehen, dass die Mafia sich selbst zum Grund geworden ist. Die Mafia als gleichermaßen stabile wie flexible, kulturell geeinte wie strukturell außerordentlich überlebensfähige Organisation, deren „Geschäft“ der Verkauf und die Gewährung von Schutz ist, entstand, weil Zentralstaat und peripheres Bürgertum nicht stark genug waren, den Patrimonialismus zu überwinden; und sie konnte sich halten, weil es ihr gelang, die fehlgeschlagene Differenzierung von Wirtschaft, Recht und Politik auf Dauer zu stellen. Sie wusste, die unklaren Machtverhältnisse im Süden des Landes auszunutzen und sich einerseits als tatsächliche Garantin eines Grundstocks an politischer Stabilität und „Rechts“-Sicherheit zu etablieren, andererseits aber durch ihren Kampf gegen staatliche Stellen, die interne Konkurrenz und die Einschüchterung des „Publikums“, der Bevölkerung und insbesondere der Händler und Unternehmer, selbst für das notwendige Maß an politischer Instabilität, administrativer Intransparenz, wirtschaftlicher Unkalkulierbarkeit und nicht zuletzt Angst um persönliche Unversehrtheit zu sorgen, welches die Nachfrage nach mafiösem Schutz und Vermittlerdiensten allererst verstetigt.

Die Mafia steht damit in Konkurrenz zum Staat und ist doch sein Parasit. Die nicht bloß logische, sondern seitens der Mafia durchaus erwogene Alternative zum historischen Kompromiss mit dem italienischen Staat wäre ein politisch autonomes und damit im Grunde nicht mehr mafiöses Sizilien der Mafia. Der staatliche Widerstand, aber auch die Aussicht, den Staat als Quelle ihrer bonanza versiegen zu sehen – wie vielleicht auch ihr längst geglückter Marsch auf Rom –, haben die Mafia von derartigen Plänen freilich stets schnell Abstand nehmen lassen. Noch einmal zeigt sich, dass der politische Charakter der kriminellen Organisation Mafia sie selbstverständlich nicht darin hindert, kriminell Profite zu schlagen; im Gegenteil, gerade ihre segmentär-patrimoniale Form erlaubt ihr, sich langfristig auf illegalen Märkten zu behaupten. Nur verfolgt die Mafia deswegen bis heute keine rein oder auch nur primär wirtschaftlichen Zwecke. Für eine patrimoniale Organisation ergibt die Scheidung von Haushalts- und Herrschaftsfragen gar keinen Sinn. Sie operiert vielmehr verschiedenen, u. U. konfligierenden Logiken gemäß, was strukturell zu Spannungen und innerorganisatorischen Lösungsversuchen innerhalb der Mafia führt wie ihr Verhältnis zur Umwelt verunklart.

Auf der einen Seite ist die Mafia für ihre kriminellen Klienten und selbst die Bevölkerung im Allgemeinen nicht immer und notwendigerweise ein illegitimes Syndikat, dessen schierer Willkür man sich zu beugen hätte, sondern wenigstens situativ auch Schutzmacht der Kleinen und Schwachen und Bollwerk gegen (vermeintlich) überzogene Ansprüche Dritter. Auf der anderen Seite verrät die Mafia, verraten einzelne Familien, Paten und vor allem solche, die es werden wollen, regelmäßig die immer wieder beschworenen Ideale ihrer Organisation, die eben doch nicht unverbrüchliche Solidarität ihres Clans, das wechselseitige Versprechen der Blutsbrüder, eher selber zu sterben, als dem anderen nicht beizustehen. Die Mafia verkörpert und lebt einerseits ein extremes Maß an nacktem Interesse, praktiziert qua Erpressung, Ausbeutung, Raub und Verrat die allerrohesten Formen des Tauschs sowohl ihrer Umwelt als u. U. auch anderen Mitgliedern des Verbands und selbst der eigene Familie gegenüber. Andererseits ist – den pentiti zum Trotz – der Verrat nicht der Normalfall, sind Schutzversprechen, Beistand und wechselseitige Unterstützung keine bloßen Chimären, sondern Ausdruck generalisierter Reziprozität. Anders denn als Insel der Sicherheit und des Vertrauens hätte die kriminelle Organisation Mafia sich auf dem heimtückischen Meer der organisierten Kriminalität nicht über ein Jahrhundert gehalten.

Nur: Gaben sind dadurch Gaben, dass der Empfänger frei bleibt, sie zu erwidern. In dem Maße nun, in dem die von uns kritisierte ökonomische Beschreibung der Mafia bloß historisch falsch läge, sehr wohl aber eine Zukunft beschreibt, welche der Mafia vielleicht erst noch bevorsteht, wäre das Bemühen, sich einer reinen und brutalen Tauschlogik anzuverwandeln, ein Versehen – und der wahrscheinlich sicherste Weg, das Kapitel Mafia zu schließen.

Fußnoten
1

Der nachstehende Text erscheint unter dem Titel Kriminelle Organisationen in stark überarbeiteter Fassung auch in Maja Apelt, Veronika Tacke (Hrsg.). 2011: Handbuch Organisationstypen, Wiesbaden: VS.

 
2

Zu dieser sind neben der sizilianischen Cosa Nostra die kalabrische ’Ndrangheta und mit Einschränkungen auch die apulische Sacra Corona Unita und die neapolitanische Camorra zu rechnen (Paoli 2004).

 
3

Diese (Straf-)Tatbestände können als funktionale Abwehrstrategien gegen die operativen Konsequenzen aus der Illegalität von Waren und Dienstleistungen gedeutet werden: Gewalt und ihre glaubhafte Androhung substituieren staatliche Rechtsprechungs- und Schlichtungsinstanzen; rechtswidrig erworbene Vermögenswerte werden verschleiert, um sie dem staatlichen Zugriff zu entziehen; und Repräsentanten der staatlichen Rechtsinstanzen werden bestochen, um das Risiko oder die Kosten der Strafverfolgung zu mindern (Reuter 1983, S. 14).

 
4

Kriminelle Organisationen unterscheiden sich damit einerseits von kriminellen Gruppen, die zwar kooperativ und insofern organisiert agieren, mitnichten aber die Kriterien formaler Organisation erfüllen: etwa von Gangs, die in der Regel nicht arbeitsteilig differenziert sind, oder von ephemeren Einbrecherbanden, die bindende Entscheidungen nicht zentral, sondern nach dem Kollegialitätsprinzip treffen und kein politisches oder wirtschaftliches Monopol anstreben. Auf der Ebene der Organisationsziele heben sich kriminelle Organisationen andererseits von nichtstaatlichen Gewaltorganisationen ab, die zumindest vorgeblich (primär) politische Ziele verfolgen. Dazu gehören etwa Rebellen- und Terrororganisationen, die sich häufig über den Handel mit Drogen finanzieren.

 
5

„Viele glauben, daß man wegen des Geldes bei der Cosa Nostra mitmacht. Aber das stimmt nur teilweise. Wissen Sie, warum ich uomo d’onore geworden bin? Weil ich vorher in Palermo ein niemand war und weil sich danach, wo ich auch hinkam, die Köpfe beugten. Das kann man nicht mit Geld aufwiegen“ (Marino Mannoia, zit. n. Hess 1993, S. 203 f.).

 
6

Nicht zuletzt diese historische Lehre hätte dagegen gesprochen, wie von Luttwak (1996) vorgeschlagen, der russischen Mafia den Nobelpreis für Ökonomie zu verleihen, weil sie als einzige ein Gegengewicht zur korrupten Staatswirtschaft bilde. Kritisch zu Luttwaks Vorschlag Blomert (1997); zur russischen Mafia s. Volkov (2002).

 

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