Die stille Umverteilung

Budgetierung als Transmissionsriemen für die Verschärfung von Einkommensungleichheit
I. Abhandlungen

DOI: 10.1007/s11577-003-0087-4

Cite this article as:
Nollmann, G. Koelner Z.Soziol.u.Soz.Psychol (2003) 55: 500. doi:10.1007/s11577-003-0087-4

Zusammenfassung

Seit einigen Jahrzehnten nimmt in den westlichen Industriestaaten die Einkommensungleichheit wieder zu. Während die Daten den Wandel von Verteilungsregelmäßigkeiten detailliert abbilden, besitzt die Soziologie noch nicht ein vergleichbares Wissen über die dazugehörigen Motive. Als wichtigste Ursachen gelten die Globalisierung von Wertschöpfungsketten, der technologische Wandel, die verstärkte Erwerbstätigkeit der Frauen, der Einflussverlust der Gewerkschaften und die steuerpolitisch bewusst herbeigeführten Umverteilungen. Der Aufsatz widerspricht diesen Annahmen nicht, sondern zeigt, dass sie die Mikroebene organisatorischer Verteilungsänderungen zu wenig verdeutlichen. Ressourcenverteilungen werden dort immer mehr als „stille“ Budgetnotwendigkeit erlebt. Inzwischen regieren Budgets nicht nur Unternehmen, sondern mit erstaunlicher Ähnlichkeit auch Verwaltungen, Sozialorganisationen, Schulen, Universitäten und das Gesundheitssystem. Vor diesem Hintergrund liegt die Hypothese nahe, dass organisatorische Budgetierung als Transmissionsriemen wirtschaftliche Stagnation in größere gesellschaftliche Einkommensungleichheit übersetzt. Der Aufsatz charakterisiert monetäre Verantwortungsdelegation und Konsensbeschaffung als zentrale Ziele von Budgetierung, wender sich anhand von Beispielen der Frage zu, wie sie sich auf die Verteilung von Ressourcen auswirkt und diskutiert die Budgetierungspraxis in Wirtschaft, Verwaltung, Bildung und Gesundheit.

Abstract

During the last decades income inequality has risen again in western societies. Whereas empirical indicators and statistical data show in detail the changes in income distribution, sociology has no adequate knowledge about the corresponding micro-level motives. The globalization of value chains, technological change, the increasing occupational participation of women, the decline of union participation and tax reform are considered to be the main factors relevant for the increase in income inequality. It is shown that these variables do not sufficiently explain the micro level of organizational allocation structures, which are mainly experienced as budgetary exigencies. Not only business organizations but also public administrations, welfare organizations, schools, universities and health care organizations are governed by budgets in a similar way. It is hypothesized that budgeting functions as a micro-mechanism to transform economic stagnation into income inequality at a societal level. Delegation of responsibility and the creation of consensus are discussed to be central goals of budgeting in enterprises, social administrations, educational and health organizations and the effects of budgeting on the distribution and the allocation of resources are analyzed.

Keywords

income inequality budgeting organization societal change 

Copyright information

© VS Verlag für Sozialwissenschaften/Wiesbaden 2003

Authors and Affiliations

  1. 1.Fak. 1, Institut für SoziologieUniversität Duisburg-EssenDuisburgGermany

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