Die Einführung des Euro

Vom Edelmetall zum reinen Beziehungsgeld
I. Abhandlungen

DOI: 10.1007/s11577-002-0037-6

Cite this article as:
Nollmann, G. Koelner Z.Soziol.u.Soz.Psychol (2002) 54: 226. doi:10.1007/s11577-002-0037-6

Zusammenfassung

Der Euro übernimmt weitaus mehr als die Geldfunktionen der D-Mark. Mit seinem Erscheinen tritt der zukünftige europäische Bundesstaat in Form von Münzen und Scheinen — zum ersten Mal ganz real — in den Alltag des Bürgers ein. Die Europäische Union war bisher nur eine ferne Bürokratie, für die Bürger und Medien meist nur Kritik übrig hatten. Dagegen wird in Zukunft bei jeder Zahlung der Euro dem Bürger buchstäblich vor Augen führen, dass er in Europa lebt — und nicht mehr in einem der schrittweise zurücktretenden Nationalstaaten. Die neue Präsenz Europas im öffentlichen Bewusstsein wird jedoch durch unangenehme Themen ergänzt werden. Eine einheitliche Währung erzeugt eine ökonomische Integration, in der schwächere Regionen Verluste erleiden. Zur monetären Vergemeinschaftung wird sich deshalb eine Vergemeinschaftung der Ansprüche hinzugesellen: Benachteiligte Länder werden sozialpolitische Umverteilungen auf europäischer Ebene verlangen. Kritiker der Währungsunion haben deshalb immer wieder die Befürchtung ausgesprochen, dass der Euro die Europäer nicht einigen, sondern auseinander dividieren werde. Das Gegenteil wird der Fall sein: Der Euro wird sich als der effizienteste Beschleuniger europäischer Institutionen erweisen. Der Sinn der Euro-Einführung besteht daher nicht nur in der Vereinheitlichung von Geldfunktionen, sondern in der Ausweitung der europäischen Staatsbürgerschaft. Der Euro wird die öffentliche Aufmerksamkeit schrittweise nach Brüssel, der Hauptstadt Europas, umlenken.

Abstract

The Euro takes over far more than the monetary functions of the old national currencies. It creates a new collective consciousness. For the first time, the future European Federal State penetrates noticeably the everyday life of its citizens in terms of coins and notes. So far the European Union has been a distant bureaucracy that was mostly criticized by citizens and mass media alike. However, with any payment made in the future the Euro will literally show citizens that they live rather in Europe than in one of the receding national states. Yet the new presence of Europe in the public consciousness will be complemented by unpleasant topics. A uniform currency fosters an economic integration in which weaker regions will suffer losses. The monetary unification will therefore be joined by a unification of demands: Disadvantaged countries will demand redistribution at the European level. Therefore, critics of the monetary union have repeatedly claimed that the Euro will not unite Europeans but divide them in the end. It is argued that the opposite will be the case: The Euro will turn out to be the most efficient accelerator for building European institutions. Therefore, the real significance of the Euro does not lie in the standardization of monetary functions. Its impact can rather be found on a political level: in the expansion of the European citizenship. The Euro will, gradually but definitely, redirect the public attention to Brussels, Europe’s capital city.

Keywords

European Union Euro money economic integration citizenship European institutions 

Copyright information

© VS Verlag für Sozialwissenschaften/Wiesbaden 2002

Authors and Affiliations

  1. 1.Fakultät für Gesellschaftswissenschaften, Institut für SoziologieGerhard-Mercator-Universität DuisburgDuisburgGermany