Der Diabetologe

, Volume 8, Issue 8, pp 639–646

Diabetologisches und geburtshilfliches Management des Gestationsdiabetes

Authors

    • Abteilung für Geburtshilfe und PränatalmedizinKlinik Hallerwiese
Leitthema

DOI: 10.1007/s11428-012-0931-0

Cite this article as:
Kainer, F. Diabetologe (2012) 8: 639. doi:10.1007/s11428-012-0931-0

Zusammenfassung

Ein Gestationsdiabetes kann bei nichtadäquater Behandlung zu erheblichen Risiken für Mutter und Kind führen. Die Inzidenz der Erkrankung steigt; dies ist durch eine Zunahme der Adipositas sowie durch Migration und veränderte Ernährungsgewohnheiten bedingt. Rechtzeitige Diagnose und optimale Therapie führen zu einer Reduktion der perinatalen Risiken. Bei der Behandlung ist eine effektive Ernährungsberatung von zentraler Bedeutung. In der Optimierung der Therapie spielen jedoch auch körperliches Training, Insulintherapie und orale Antidiabetika wichtige Rollen. Ergänzend zur Messung der maternalen Glukosewerte sollen die fetale Biometrie und die Dopplersonographie von fetomaternalen Gefäßen bei der Stoffwechseleinstellung berücksichtigt werden. Für die optimale Betreuung ist die Zusammenarbeit in einem interdisziplinären Team von Diabetologen, Frauenarzt sowie Kinderarzt von entscheidender Bedeutung.

Schlüsselwörter

Embryonale und fetale EntwicklungFetale MakrosomieUltrasonographie, prenatalBiometrieBlutzucker

Diabetalogic and obstetric management of gestational diabetes

Abstract

Gestational diabetes can lead to severe risks for both mother and fetus when it is not managed properly. The incidence of gestational diabetes is increasing, with increased obesity in the pregnant population, lifestyle changes and migration thought to be the underlying causes. Diagnosing and treating gestational diabetes early can reduce perinatal complications. Nutritional management is the cornerstone of treatment and exercise, insulin, glyburide and metformin can be used to intensify treatment. Fetal measurements and Doppler sonography complement maternal glucose monitoring in the identification of pregnancies that require such intensification. Antenatal management involves service organization to provide multi-disciplinary team reviews to address glycemic control, fetal monitoring and associated conditions such as obesity and hypertensive disorders of pregnancy.

Keywords

Embryonic and fetal developmentFetal macrosomiaBiometryUltrasonography, prenatalBlood glucose

Rechtzeitige Diagnose und optimale Therapie des Gestationsdiabetes führen zu einer Reduktion der perinatalen Risiken. Dieser Erkenntnis folgend wurden die diagnostischen Kriterien des Gestationsdiabetes weitgehend vereinheitlicht. Das optimale therapeutische Konzept ist allerdings weiterhin in einigen Punkten ungeklärt.

Hintergrund

Die Inzidenz des Gestationsdiabetes hat in den letzten Jahren zugenommen. Als Ursachen werden eine Veränderung der Ernährungsgewohnheiten („fast food“), eine Zunahme der Adipositas und ein höheres Alter der Schwangeren angesehen. Einige Studien aus den letzten Jahren [7, 10] haben zur Vereinheitlichung der diagnostischen Kriterien beigetragen. Bezüglich des therapeutischen Konzepts existieren gute Hinweise, dass eine Ernährungsberatung, körperliche Aktivität und eine engmaschige Kontrolle der maternalen Glukosekonzentration einen positiven Effekt auf die perinatalen Komplikationen haben. Für die Beurteilung des fetalen Zustands und die Optimierung der Stoffwechseleinstellung haben die fetale Biometrie sowie die fetomaternale Dopplersonographie hohen Stellenwert.

Diabetologische Betreuung

Ernährungstherapie, Empfehlungen zur Gewichtszunahme, körperliches Bewegungstraining

Der zentrale Bestandteil der erfolgreichen Behandlung ist die Umsetzung einer individuell abgestimmten Ernährungstherapie. Dazu ist es primär erforderlich, die Essgewohnheiten der Schwangeren zu erfragen und ihren soziokulturellen Hintergrund zu kennen. Ebenso spielt das aktuelle maternale Körpergewicht (Body-Mass-Index, BMI) eine wichtige Rolle für die Festlegung der Ernährungstherapie. Ziel ist die Erreichung von normnahen Blutglukosewerten mit Vermeidung von Ketosen und Hypogykämien. Inwieweit nun Blutglukosewerte im unteren oder oberen Normbereich erreicht werden sollen, hängt zusätzlich von der Versorgung des Fetus durch die Plazenta ab (s. Abschn. „Geburtshilfliche Betreuung“).

Die Umsetzung der individuell abgestimmten Ernährungstherapie hat zentrale Bedeutung

Evidenzbasierte Daten empfehlen ballaststoffreiche Nahrung mit einem niedrigen glykämischen Index (Ballaststoffanteil von 28 g/Tag in Form von Obst, Gemüse und Getreide, [24]). Um die postprandialen Glukosespitzenwerte zu vermeiden, sollten die Kohlenhydrate auf 3 Hauptmahlzeiten und 2 bis 3 kleine Mahlzeiten aufgeteilt werden; hierbei soll der Kohlenhydratanteil insgesamt etwa 40–50% betragen. Der Proteinanteil sollte 20% betragen; es sollten fettarmes Fleisch und fettarme Milchprodukte zugeführt werden. Der Fettanteil der Nahrung sollte insgesamt etwa 30% betragen.

Für die Berechnung der Kalorienzufuhr sind das Körpergewicht vor der Schwangerschaft und die Körpergewichtszunahme während der Schwangerschaft entscheidend. Der Kalorienbedarf ist vom Ausgangsgewicht abhängig und beträgt bei Normalgewicht ca. 30–34 kcal/kgKG. Bei vorhandener Adipositas sollte eine moderate Kalorienrestriktion auf 20 kcal/kgKG erfolgen. Die Mindestkalorienmenge von 1600–1800 kcal/Tag sollte jedoch nicht unterschritten werden [12, 19]. Ebenso sollte bei Adipositas eine Hungerketose vermieden werden; allerdings sollte die Körpergewichtszunahme nicht mehr als 5–9 kgKG betragen. Bei einer Kalorienreduktion sind daher regelmäßige Kontrollen des Morgenurins auf Ketonkörper durchzuführen. Bei einem BMI < 18,5 kg/m2 ist eine Gewichtzunahme von 12,5–18 kgKG, bei Normalgewicht (BMI 18,5–24,9 kg/m2) von 11,5–16 kgKG und bei Übergewicht (BMI 25–29,9 kg/m2) von 7–11,5 kg anzustreben. Energiefreie Süßstoffe können auch in der Schwangerschaft verwendet werden.

Für die Umsetzung einer effizienten Ernährungstherapie ist der Einsatz entsprechender Schulungsprogramme mit Überprüfung der verordneten Ernährungsempfehlungen anhand von Ernährungsprotokollen angezeigt.

Zusätzlich zur Ernährungsumstellung konnte in verschiedenen Studien der positive Einfluss von mäßigem, aber regelmäßigem körperlichen Training belegt werden [21, 22]. Ein leichtes körperliches Training von jeweils 30 min 3-mal wöchentlich kann bereits zu einer deutlichen Reduktion der Insulindosierung führen. Zusätzlich war in den Studien der Anteil der Kinder mit Makrosomie deutlich erniedrigt. Neben verschiedenen Trainingsmöglichkeiten (Schwimmen, Zirkeltraining mit elastischem Band) können adäquate Verbesserungen des Stoffwechsels auch durch zügiges Spaziergehen im vorgeschlagenen Rhythmus erzielt werden [2].

Zielwerte der maternalen Blutgukosemessungen

Die Umsetzung vorgegebener Zielwerte ist aus verschiedenen Gründen schwierig. Einerseits ist die Genauigkeit von Handmessgeräten sehr unzuverlässig, andererseits sind die Blutzuckerselbstmessungen bei Frauen mit Gestationsdiabetes aufgrund der noch geringen Erfahrung mit der Messmethode mit einer großen Fehlerquelle behaftet [8]. Trotzdem ist es wichtig, sich primär einen zuverlässigen Überblick über die Stoffwechseleinstellung zu verschaffen. Dafür ist ein Blutzuckertagesprofil mit 4 Werten (Nüchternwert, 3 postprandiale Werte) innerhalb von 2 Wochen ausreichend. Die Messwerte der Schwangeren sollten regelmäßig kontrolliert werden; hierbei ist neben der Methode der Messung auch die Qualität der Messgeräte zu überprüfen.

Bei pathologischen Werten ist ein Sechspunkteprofil angezeigt.

Sind sämtliche Werte innerhalb der ersten 2 Wochen unter einer Ernährungstherapie im Normbereich, ist die einmalige tägliche Messung im Wechsel des Zeitpunkts der Messung ausreichend. Im Rahmen einer Insulintherapie ist weiterhin mindestens ein Vierpunkteprofil mit individueller Anpassung von zusätzlichen Messwerten erforderlich. Die Bestimmung der HbA1c-Werte hat zur Überwachung der Blutzuckereinstellung beim Gestationsdiabetes keinen hohen Stellenwert, daher kann darauf verzichtet werden. Allenfalls bei Verdacht auf eine bereits länger bestehende Hyperglykämie oder bei der Erstmanifestation eines manifesten Diabetes ist die HbA1c-Messung sinnvoll.

In den vorhandenen Therapiestudien wurden folgende Zielwerte angegeben:

- Landon et al. [13]: Nüchternwert < 5,3 mmol/l (95 mg/dl), 2 h postprandial: 6,7 mmol/l (< 120 mg/dl);

- Crowther et al. [7]: Nüchternwert 3,5–5,5 mmol/l (63–99 mg/dl), 2 h postprandial: < 7,0 mmol/l (< 126 mg/dl).

Die Grenzwerte der aktuellen Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF, [1]) sind Tab. 1 aufgeführt.

Tab. 1

Einstellungsziele von plasmakalibrierten Selbstmessgeräten [1]

Nüchtern, präpradial

3,6–5,3 mmol/l (65–95 mg/dl)

1-h-Wert, postprandial

< 7,8 mmol/l (< 140 mg/dl)

2-h-Wert, postprandial

< 6,7 mmol/l (< 120 mg/dl)

Mittlere Blutglukosekonzentration (1-h-Werte)

5,0–6,1 mmol/l (90–110 mg/dl)

Mittlere Blutglukosekonzentration (Zweistundenwerte)

4,4–5,6 mmol/l (80–100 mg/dl)

Pharmakotherapie

Insulintherapie

Bei Überschreiten von mehr als 50% der Zielwerte innerhalb der ersten 2 Wochen ist eine Insulintherapie angezeigt [1, 14]. Beim wiederholten Vorliegen von Nüchternwerten > 6,1 mmol/l (> 110 mg/dl) oder hoch pathologischen Blutglukosewerten ist ebenfalls eine sofortige Therapie mit Insulin sinnvoll.

Zusätzlich werden fetale Parameter für die individuelle Stoffwechseleinstellung herangezogen [s. Abschn. „Ultraschalluntersuchung (Biometrie, Fruchtwassermenge)“]. Zur Stoffwechselkontrolle ist die engmaschige interdisziplinäre Kooperation zwischen Diabetologen und Geburtshelfern erforderlich.

Mütterliche Blutzuckerwerte und fetale Biometriedaten im Mutterpass dokumentieren

Sinnvoll ist die Dokumentation der wichtigsten mütterlichen Blutzuckerwerte [oraler Glukosetoleranztest (oGTT), mittlere Blutglukosekonzentration] sowie der fetalen Biometriedaten im Mutterpass. Der Mutterpass sollten von beiden Berufsgruppen zur Dokumentation verwendet werden (s. Einlegeblatt für den Mutterpass als Anlage zur AWMF-Leitlinie [1]).

Die Insulintherapie erfolgt meist in Form der Gabe von Kurzzeitinsulinen zu den Hauptmahlzeiten und bei Bedarf von zusätzlichem Neutrales-Protamin-Hagedorn(NPH)-Insulin morgens und abends. Lang wirksame Insulinanaloga sollten nicht eingesetzt werden. Die Insulinanaloga Insulin Aspart und Insulin Lispro können in der Schwangerschaft bei unzureichenden postprandialen Blutzuckerwerten verabreicht werden [18].

Der Einsatz von Insulinpumpen ist möglich, sollte allerdings nur bei unzureichender Stoffwechseleinstellung erfolgen, da aufgrund der kurzfristigen Anwendungsdauer eine zuverlässige Einschulung meist nicht ausreichend umgesetzt werden kann.

Orale Antidiabetika

Metformin kann in Deutschland nur als „Off-label“-Anwendung eingesetzt werden. Obwohl zahlreiche Studien über den effektiven Einsatz während der Schwangerschaft berichten, ist zu bedenken, dass die Substanz hochgradig plazentagängig und eine Wirkung beim Fetus nicht zuverlässig ausgeschlossen werden kann [3, 16].

Glibenclamid gilt während der Schwangerschaft und der Stillzeit als kontraindiziert. Es liegen jedoch prospektive Studien vor, die den Einsatz auch während der Schwangerschaft als gleichwertig zur Insulintherapie beschreiben [4, 13].

Für weitere Substanzgruppen wie „Glucagon-like-peptide“(GLP)-1-Analoga, α-Glukosidase-Hemmer, Glinide, Dipeptidylpeptidase(DPP)-4-Hemmer sowie für Glitazone liegen derzeit keine ausreichenden Daten über eine risikofreie Therapie beim Gestationsdiabetes vor, und diese Medikamente sollten daher nicht verordnet werden.

Geburtshilfliche Betreuung

Ultraschalluntersuchung (Biometrie, Fruchtwassermenge)

Die Ultraschalluntersuchung im ersten Trimenon (Ersttrimesterscreening mit Nackentransparenzmessung zwischen 11 und 14 SSW) und im zweiten Trimenon (Zweittrimesterscreening zwischen 19 und 22 SSW) unterscheidet sich nicht von den Kontrollen bei stoffwechselgesunden Schwangeren.

Zur Beurteilung des fetalen Wachstumsverlaufs in der zweiten Schwangerschaftshälfte ist neben der Messung des Kopfumfangs und der Femurlänge v. a. der Abdomenumfang wichtig (Abb. 1). Bei gleichmäßiger Fettverteilung (normosome Feten) kann bis in Terminnähe von einer sehr zuverlässigen sonographischen Gewichtsschätzung ausgegangen werden. Bei fetalem Hyperinsulinsmus kommt es ab 28 SSW zu einer Zunahme von Fettgewebe und zur Organomegalie. Dabei werden das Wachstum des Kopfes sowie die Femurlänge in einem deutlich geringeren Ausmaß beeinflusst. Die fetale Gewichtsschätzung wird daher aufgrund der unterschiedlichen Fettverteilung zunehmend ungenauer.

Zur Beurteilung des fetalen Wachstumsverlaufs ist der Abdomenumfang wichtig

Obwohl die fetale Gewichtsschätzung bei diabetogener Fetopathie unzuverlässiger ist als bei stoffwechselgesunden Schwangeren, hat die Verlaufsbeobachtung des Abdomenumfangs einen hohen Stellenwert. Da in Studien bereits bei einer Zunahme des Abdomenumfangs > 75. Perzentile eine deutliche Zunahme der Feten mit Hyperinsulinismus gefunden wurde, ist eine Korrektur der Blutzuckerwerte nicht erst mit der 90. Perzentile sinnvoll. Auch die Zunahme des Abdomenumfangs von > 1,2 cm/Woche ist ab 32 SSW ein Hinweis für ein beschleunigtes fetales Wachstum. Zusätzlich ist v. a. bei einer Zunahme des Verhältnisses zwischen Kopf und Rumpf von einer diabetogenen Makrosomie auszugehen (Abb. 2). In randomisierten Interventionsstudien wurde der additive Wert der Abdomenumfangmessung als zusätzliches Kriterium der Stoffwechseleinstellung evaluliert. Dabei konnte gezeigt werden, dass eine dem Fetus angepasste Therapie sinnvoll ist (Vermeidung von Wachstumsverzögerungen und Reduktion der Makrosomierate, [5, 6, 10, 23]).

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Abb. 1

Abdomenumfangmessung bei fetaler Makrosomie (Abdomenumfang 39 cm, Geburtsgewicht 4800 g). Messung des Abomenumfangs auf der Höhe der Einmündung der V. umbilicalis in die linke Portalvene, dabei kommt im linken Abdomen gleichzeitig die gefüllte Magenblase zur Darstellung

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Abb. 2

Verlaufskurven von Abdomenumfangmessungen. Blaue gepunktete Linie normosomer Wachstumsverlauf, rote gestrichelte Linie Wachstumsrestriktion (Sectio mit 32 SSW bei Präeklampsie, Geburtsgewicht 1100 g), gelbe gepunktete Linie fetale Makrosomie (Sectio mit 38 SSW, Geburtsgewicht von 4800 g). ([26], mit freundl. Genehmigung von Lippincott Williams & Wilkins)

Besteht nun der Verdacht auf eine diabetesbedingte übermäßige fetale Gewichtszunahme, wird derzeit empfohlen, die Grenzwerte für die Nüchternwerte geringfügig auf  < 4,4 mmol/l (< 80 mg/dl) und die 1-h-Werte auf < 6,1 mmol/l (< 110 mg/dl) abzusenken.

Es ist allerdings zu bedenken, dass die frühzeitige Erfassung eines Hyperinsulinismus nur mithilfe einer Bestimmung des Fruchtwasserinsulinspiegels möglich ist. Da diese Methode einen invasiven Eingriff erfordert, wird sie nicht routinemäßig eingesetzt. Für die Entwicklung einer Makrosomie muss jedoch ein Hyperinsulinismus über Wochen vorausgegangen sein, sodass die Makrosomie ein relativ später Parameter der fetalen Hyperglykämie ist. Zur Beurteilung der Zunahme von Fettgewebe im Schulterbereich und in den Extremitäten wurden verschiedene Messparameter untersucht, diese konnten sich aber bislang klinisch nicht durchsetzen. Weiterhin ist zu berücksichtigen, dass es genetisch große Kinder gibt, bei ihnen findet sich jedoch ein proportionales Wachstum von Kopf, Rumpf und Extremitäten.

Neben der fetalen Makrosomie ist auch die Wachstumsverzögerung ein wichtiger Risikofaktor, der bei der Stoffwechseleinstellung zu berücksichtigen ist. Zeigt sich ein fetales Geburtsgewicht  < 10. Perzentile, ist v. a. bei zusätzlich vorhandenen pathologischen fetomaternalen Dopplersonographiewerten (A. umbilicalis, Aa. uterinae) eine geringgradige Anhebung der Normwerte sinnvoll. Feten mit Wachstumsrestriktion haben im Vergleich zu normosomen Feten bereits die Tendenz zu Hypoglykämien, und daher ist die Normalisierung der fetalen Blutzuckerwerte anzustreben. Eine deutliche maternale Hypergkykämie ist jedoch auch in diesen Fällen zu vermeiden. Es sollten dann Nüchternwerte von < 5,8 mmol/l (< 105 mg/dl) und postprandiale 1-h-Werte < 8,9 mmol/l (< 160 mg/dl) angestrebt werden.

Die Beurteilung der Fruchtwassermenge spielt für die klinische Überwachung keine wesentliche Rolle, da die Menge einerseits stark von der Schwangerschaftswoche abhängig ist und es andererseits große individuelle Schwankungen gibt. Bei ausgeprägter diabetogener Fetopathie ist mäßiges Polyhydramnion allerdings ein sehr häufiges und typisches Krankheitszeichen.

Fetomaternale Dopplersonographie

Für die dopplersonographische Diagnostik gelten die in der Leitlinie zur Dopplersonographie sowie den Mutterschafts-Richtlinien vorgegebenen Indikationen. Bei Gestationsdiabetes mit einem normosomen Fetus ist keine Dopplersonographie indiziert.

Die Beurteilung der uterinen Perfusion ist bei adipösen oder hypertensiven Schwangeren sinnvoll.

Ein erhöhter Gefäßwiderstand mit pathologischen Dopplersonographiewerten [erhöhte Widerstandsindizes, Persistenz einer postsystolischen Inzisur („notch“)] ist ein wichtiger Hinweis auf eine ausbleibende schwangerschaftstypische Weitstellung der uterinen Gefäße mit erhöhtem Risiko für die Entwicklung einer Präeklampsie im weiteren Schwangerschaftsverlauf. Neben den uterinen Gefäßen spielt v. a. die Dopplersonographiemessung der Nabelarterie eine wichtige Rolle in der frühzeitigen Erfassung einer intrauterinen Wachstumsrestriktion. Dopplersonographiewerte der Nabelarteriengefäße zeigen frühzeitig eine Beeinträchtigung der fetalen Versorgung an. Bei pathologischen Parametern ist davon auszugehen, dass bereits mehr als die Hälfte der Austauschfläche der Plazenta durch vorzeitige Umbauvorgänge gestört ist. Neben einer engmaschigen fetalen Überwachung [Kardiotokographie(CTG)-Kontrollen, Kontrolle des fetalen Wachstums, Dopplersonographiekontrollen] ist auch die individuelle Anpassung der maternalen Stoffwechseleinstellung indiziert, damit die Mangelversorgung des Fetus nicht zusätzlich durch maternale Hypoglykämien negativ beeinflusst wird. Eine mäßige Anhebung der Grenzwerte mit Nüchternwerten < 105 mg/dl (< 5,8 mmol/l) und 1-h-Werten < 160 mg/dl (< 8,9 mmol/l) ist angezeigt.

Kardiotokographieüberwachung

Die CTG-Überwachung bei Schwangeren mit diätisch eingestelltem Gestationsdiabetes entspricht den Vorgaben bei stoffwechselgesunden Schwangeren. Eine CTG-Kontrolle ist erst mit Erreichen des Entbindungstermins erforderlich. Besteht eine Insulintherapie, entspricht die Überwachung den Vorgaben bei primär insulinpflichtigem Diabetes. Auch bei fetaler Makrosomie oder intrauteriner Wachstumsrestriktion sind individuell angepasste CTG-Kontrollen bereits vor dem Entbindungstermin notwendig.

Bei der Interpretation der CTG-Aufzeichnung ist zu bedenken, dass die Körperlage der Schwangeren (Stehen oder Rückenlage), die SSW und v. a. der fetale Verhaltenszustand wesentlichen Einfluss auf das CTG-Muster haben. Hierzu wird in erster Linie der „Non-stress“-Test eingesetzt. Beim Auftreten von sporadischen Akzelerationen ohne Dezelerationen kann davon ausgegangen werden, dass das ungeborene Kind innerhalb der nächsten Woche keinen Fruchttod erleiden wird. Für den zusätzlichen Einsatz des Wehenbelastungstests gibt es keine Evidenz; dieser sollte aufgrund falsch-positiver Ergebnisse nicht mehr durchgeführt werden.

Bei ausgeprägter diabetogener Fetopathie kommt es zu einem Oszillationsverlust, der jedoch nach Normalisierung der Stoffwechseleinstellung reversibel ist und daher primär keine Indikation für eine Entbindung darstellt [9]. Eine mäßige maternale Hypoglykämie hat in der Regel keinen Einfluss auf das Herzfrequenzmuster des Fetus [20]. Tritt eine mütterliche Ketoacidose auf, gehen damit hoch pathologische Herzfrequenzmuster mit Tachykardie, Oszillationsverlust und regelmäßigen Spätdezelerationen als Ausdruck einer hochgradigen fetalen Gefährdung einher (Abb. 3a). Dieses CTG-Muster erfordert ohne maternale Ketoacidose die unmittelbare rasche Entbindung. Bei einer Ketoacidose kann jedoch zugewartet werden, da sich das CTG-Muster nach adäquater Therapie der Ketoacidose wieder normalisiert ([25], Abb. 3b).

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Abb. 3

a Pathologisches Kardiotokographiemuster bei Ketoacidose mit 28 SSW, b Normalisierung des Kardiotokographiemusters mit 28 SSW nach internistischer Therapie der Ketoacidose

Geburtsplanung

Für die Wahl des optimalen Geburtsmodus wird die fetale Gewichtsschätzung in Terminnähe empfohlen, obwohl mit einer großen Fehlerbreite zu rechnen ist. Bei einem Abdomenumfang von > 36 cm ist in 80% der Fälle mit einem Geburtsgewicht > 4000 g zu rechnen [17].

Fazit für die Praxis

  • Bei der Betreuung von Schwangeren mit Gestationsdiabetes ist die enge Kooperation zwischen Diabetologen und Frauenarzt erforderlich.

  • Von diabetologischer Seite erfolgen die Ernährungsberatung und Schulung der Schwangeren sowie eine evtl. erforderliche Einstellung auf eine Insulintherapie.

  • Die Beurteilung des fetalen Wohlbefindens obliegt dem Frauenarzt. Dabei ist v. a. das fetale Wachstumsverhalten mit Ausschluss einer Makrosomie oder einer Wachstumsrestriktion von Bedeutung, da dies Einfluss auf die mütterliche Stoffwechseleinstellung hat.

  • Bei guter Stoffwechseleinstellung kann meist der spontane Wehenbeginn abgewartet werden; bei zusätzlichen Risiken wie Insulintherapie, Präeklampsie, fetaler Makrosomie oder Wachstumsrestriktion ist die vorzeitige Geburtseinleitung angezeigt.

  • Rechtzeitige Diagnose und optimale Therapie ermöglichen eine Reduktion der perinatalen Risiken.

Interessenkonflikt

Der korrespondierende Autor weist auf folgende Beziehung hin: Referenten-, Beratertätigkeit für d. Fa. Vifor.

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