Der Diabetologe

, Volume 4, Issue 4, pp 252–258

Chancen und Risiken der chirurgischen Adipositastherapie

Metabolische Chirurgie beim Typ-2-Diabetes

Authors

    • Chirurgische KlinikKrankenhaus Sachsenhausen
Leitthema

DOI: 10.1007/s11428-008-0222-y

Cite this article as:
Weiner, R. Diabetologe (2008) 4: 252. doi:10.1007/s11428-008-0222-y
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Zusammenfassung

Neue Schlagzeiten gehen um die Welt: „Adipositaschirurgie kann Diabetes heilen“, nachdem die erste randomisierte kontrollierte Studie über die Effektivität des laparoskopisch implantierten steuerbaren Magenbandes (LAGB) auf den Typ-2-Diabetes in JAMA publiziert wurde. Den Adipositaschirurgen ist diese Tatsache seit Jahren wohl bekannt. Aber die jüngste randomisierte Studie zeigt gemeinsam mit der in The New England Journal of Medicine im August 2007 veröffentlichten Langzeitbeobachtung über die lebensverlängernden Effekte der Adipositaschirurgie, dass bariatrische Chirurgie Leben rettet und drastisch Begleit- und Folgeerkrankungen beseitigt oder grundlegend verbessert. Das Risiko der operativen Behandlung ist deutlich geringer als der Fortbestand der Adipositas mit einem metabolischen Syndrom. Die operative Intervention ist die effektivste Behandlung des Diabetes mellitus bei Übergewicht und Adipositas.

Schlüsselwörter

AdipositasTyp-2-DiabetesOperationMagenchirurgie

Risks and prospects of obesity surgery

Metabolic surgery in type 2 diabetes

Abstract

News headlines around the world read “Obesity Surgery Can Cure Diabetes” following the first randomized controlled study of the effect of laparoscopic adjustable gastric banding (LAGB) on type 2 diabetes was published today in the Journal of the American Medical Association (JAMA). As bariatric and metabolic surgeons we have known this for years, but today’s study, along with the two landmark studies published in The New England Journal of Medicine in August 2007 that showed a significant increase in survival among people who have bariatric surgery, provide new and important evidence that this type of surgery saves lives and can eliminate, or dramatically improve, disease. The risks of the surgery are less than the existing combination of obesity with metabolic syndrome. Surgery in overweight and obese patients is the most effective treatment for diabetes.

Keywords

ObesityType 2 diabetesSurgeryGastric surgery

Übergewicht und Adipositas verbreiten sich weltweit epidemieartig. Etwa 250 Mio. Menschen der Weltbevölkerung sind inzwischen übergewichtig oder adipös [13]. Im Gefolge der Adipositasepidemie kommt es zu einem rasanten Anstieg der Diabetesprävalenz und der Herz-Kreislauf-Erkrankungen in allen entwickelten Ländern. Deutschland führt sowohl in der Prävalenz der Adipositas als auch in der Diabetesprävalenz die traurige Rekordliste in Europa an. Auch international ist Deutschland mit 6,5 Mio. bekannten Diabetikern und 9 Mio. Adipositaskranken in einer führenden Position. Nach der IASO- („International Association for the Study of Obesity“-) Statistik aus dem Jahr 2007 [7] sind 75,4% der Männer und 58,9% der Frauen in Deutschland übergewichtig oder adipös. Adipositas Grad III (BMI >40 kg/m2) allein betrifft 1–2% der Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland. Das Mortalitätsrisiko steigt auf das 6- bis 12fache der Normalbevölkerung an, wobei die Verminderung der Lebenserwartung für übergewichtige Männer 12 Jahre und für übergewichtige Frauen 9 Jahre beträgt. Der Anstieg der Diabetes-Typ-2-Prävalenz ist eindeutige Folge der Adipositasepidemie.

Operative Maßnahmen zur Gewichtsreduktion können die durch Adipositas verkürzte Lebenserwartung normalisieren

Adipositas und Diabetes verkürzen für sich allein die Lebenserwartung. Treten sie in Kombination auf, dann potenziert sich diese Verkürzung. Die zu erwartenden Lebensjahre werden durch die Adipositas besonders drastisch reduziert, wenn sie in jungen Lebensjahren auftritt. Bei morbider Adipositas (Adipositas Grad III) wurde eine statistisch gesicherte Verkürzung der Lebenserwartung von 20 Jahren ermittelt [5]. Christou et al. [5] konnten in einer Kohortenstudie zeigen, dass die operierten gegenüber nichtoperativ behandelten morbid Adipösen eine geringere Mortalitätsrate in einem Zeitraum von 5 Jahren aufwiesen (0,68 vs. 6,17%). Damit wurde das relative Sterblichkeitsrisiko durch die operativen Maßnahmen um 89% gesenkt (Abb. 1). Die negativen Folgen der Adipositas sind schwerwiegender als Nikotinabusus oder Alkoholkonsum.

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Abb. 1

Prozentuale Senkung der Mortalität durch Adipositaschirugie um 89% [5]. Die Mortalität der Operierten enthält eine perioperative (30-Tage-) Mortalität von 0,4%. (Die Unterschiede zwischen den Gruppen sind signifikant: p<0,001)

Konservative Behandlung bei Adipositas

Bei krankhafter Adipositas versagen alle konservativen Behandlungen langfristig. Konservative Therapieansätze beinhalten vor allem rein diätetische, pharmakologische, bewegungs- und/oder verhaltenstherapeutische Methoden. In der Regel zeigen sie jedoch nur kurzfristige Erfolge. Die SOS-Studie in Schweden [12] hat in Langzeituntersuchungen belegen können, dass nur maximal 2% der krankhaft Adipösen langfristig eine Gewichtsreduktion durch Lebensumstellung erreichen können. Die Chirurgie zeigt hier einen hohen Prozentsatz von Langzeiterfolgen, insbesondere auch im Hinblick auf eine Reduktion der Komorbiditäten und eine deutlich erhöhte Lebensqualität. Die operativen Interventionen werden daher international als sichere und effektive Maßnahmen einheitlich anerkannt.

Folgekrankheiten der Adipositas

Adipositas erzeugt Folgekrankheiten, die nur durch chirurgische Maßnahmen effektiv therapiert werden können. Folge- und Begleiterkrankungen sind nach evidenzbasierten Studien:
  • Hypertonus,

  • Diabetes mellitus Typ 2,

  • Schlafapnoe und andere Ventilationsstörungen,

  • Adipositas-bedingte Kardiomyopathie,

  • Hyperlipidämie,

  • Asthma,

  • gastroösophageale Refluxkrankheit,

  • Pseudotumor cerebri,

  • orthopädische Schäden der Knie,

  • Wirbelsäulenprobleme,

  • Stressinkontinenz,

  • polyzystisches Ovarsyndrom,

  • Infertilität,

  • Anstieg einer Reihe von Karzinomerkrankungen u.v.a.m.

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die massive Gewichtsreduktion zur Prävention, relativen Besserung oder auch Remission der Adipositas-assoziierten somatischen Krankheiten führt.

Metabolische Effekte

Der metabolische Effekt des Bypass-Verfahrens auf das metabolische Syndrom und die Krankheit Diabetes mellitus geht weit über den alleinigen Gewichtsverlust hinaus und wird von keiner anderen Therapiemaßnahme erreicht. Die Definition des metabolischen Syndroms durch die WHO [2], nach NCE-ATP III [9] und nach der Internationalen Diabetes-Föderation (IDF; [3]) zeigen geringe Variationen. Unabhängig von der Definition werden alle Kriterien durch die operative Intervention maßgeblich und nachhaltig therapeutisch positiv beeinflusst. Die kardiovaskulären Komplikationen von Hochdruck, Diabetes mellitus und Fettstoffwechselstörungen verkürzen die Lebenserwartung der Betroffenen. Bariatrische Operationen reduzieren die Mortalität um 24% innerhalb von 10 Jahren gegenüber nichtoperierten Kontrollen [1]. Sieben Jahre nach einer Magen-Bypass-Operation lässt sich eine Reduktion der Mortalität um 40% gegenüber nichtoperierten Kontrollen nachweisen, die durch eine Reduktion der Sterblichkeit an Diabetes mellitus und entsprechenden Folgeerkrankungen resultiert [1].

Die metabolische Chirurgie ist kosteneffizient

Im Update der SOS-Studie, die über 15 Jahre 2037 konservativ behandelte Adipöse mit 2010 Operierten („Matched-pair-Analyse“) vergleicht [12], konnte eine statistisch höhere Mortalität für die konservativ behandelten Patienten nachgewiesen werden, die langfristig gegenüber den Operierten auch keine dauerhafte Gewichtsreduktion zu verzeichnen hatten. Die häufigste Todesursache war der Myokardinfarkt. Die Effekte auf das metabolische Syndrom waren auch nach 15 Jahren in der Gruppe der Operierten statistisch signifikant nachweisbar.

Diabeteseffekt

Pathophysiologisch zeigt sich eine Normalisierung des Glukosemetabolismus schon kurze Zeit nach der operativen Maßnahme, lange bevor es zu einem signifikanten Gewichtsverlust kommt. Damit unterscheiden sich die Bypass-Verfahren von den rein restriktiven Techniken (z. B. Magenband). Die alleinige Begrenzung der Nahrungsmenge, die postoperativ mit einer Mahlzeit aufgenommen werden kann, bietet nur eine unzureichende Erklärung. Beim Magen-Bypass ist dies sicher eine mögliche Komponente. Die Veränderungen des Essverhaltens durch den Verzicht auf Süßspeisen aus Sorge vor einem Dumping-Syndrom sind nur von untergeordneter Bedeutung, da davon nur eine Minderheit der Patienten betroffen ist. Auch die malabsorptive Komponente des Magen-Bypasses bietet für den andauernden Gewichtsverlust keine überzeugende Erklärung, da nach 6 Monaten in der Nachkontrolle keine Defizite von Proteinen oder fäkaler Fettverlust festgestellt werden.

Gegenüber der Bandoperation berichten Patienten nach Magen-Bypass nicht nur über ein frühes Sättigungsgefühl, sondern auch über ein reduziertes Hungergefühl. Offensichtlich sind für die Reduktion des Hungererlebens hormonale Mechanismen ausschlaggebend, die durch die Ausschaltung von Magenfundus bzw. Duodenum und proximalem Jejunum hervorgerufen werden.

Alle Verfahren, die den Magenfundus und damit den Hauptort der Ghrelin-Produktion ausschalten oder resezieren (biliopankreatische Diversion mit Duodenal-Switch, Schlauchmagen, Magen-Bypass) erzeugen nachhaltig ein deutlich reduziertes Hungergefühl. Die Verminderung des „Heißhungers“ auf Süßes ist nur hypothetisch. Erstaunlich ist bislang die hohe Remissionsrate des Diabetes nach Schlauchmagenbildung („sleeve-gastrectomy“).

Zwei Jahre nach dem Eingriff hat sich für 72% der Patienten der Diabetes nicht mehr nachweisen lassen.

Mit Entfernung von 1000 ml und mehr Magenvolumen werden ein Großteil der Ghrelin-Rezeptoren entfernt, die sich ja zu 80% im Magen befinden (Abb. 2). Die Interaktion von Ghrelin und Proinsulin ist bekannt, allerdings sind die Mechanismen auf die postoperative Glukosestoffwechselregulation erst seit 2 Jahren Gegenstand intensiver Forschungen. Es ist bei diesen 72% der diabetischen Patienten jede Form einer Therapie innerhalb von 2 Jahren nach dem Eingriff eingestellt worden [15, 16].

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Abb. 2

Entfernter Magenanteil mit einem Volumen von mehr als 1000 ml im Rahmen einer laparoskopischen Schlauchmagenbildung. Das Volumen des entfernten Magenanteils wird postoperativ gemessen. Entfernte Volumina von weniger als 500 ml zeigen keinen ausreichenden langfristigen Gewichtsverlust („excess weight loss“ >50%)

Ein wichtiger Hinweis für die Bedeutung hormonaler Mechanismen ist die postoperativ sehr kurzzeitige Remission des Diabetes mellitus vom Typ 2 nach allen Bypass-Verfahren (Magen-Bypass, Duodenal-Switch und biliopankreatische Diversion). Der Therapieeffekt ist viel rascher nachweisbar als nach rein restriktiven Verfahren, bei denen Gewichtsverlust und Geschwindigkeit der Nahrungsaufnahme offenbar die alleinigen Hauptmechanismen sind. Die durch die Operation veränderte Regulation von Enterohormonen (GLP-1, GLP-2, GIP, Ghrelin u. a.) spielt offenbar eine Schlüsselrolle.

Eine adäquate Ausschüttung des GIP verhindert zu hohe Glukosespiegel im Blut. GLP-1 wirkt über eine Stimulation der Freisetzung von Insulin und eine Hemmung der Glukagonsekretion, sodass der Blutzuckerspiegel nüchtern und nach Nahrungsaufnahme verringert ist. Ein Nebeneffekt ist zudem die verzögerte Entleerung von Mageninhalt in den Darm. Die Elektrostimulation des Magens zur Behandlung des Diabetes mellitus vom Typ 2 (Tantalus-System) bewirkt wahrscheinlich mehrere dieser pathophysiologischen Mechanismen.

Die Metaanalysen von Buchwald [4] und Maggard [8] zeigen in 2 wesentlichen Punkten eindeutige Ergebnisse:
  1. 1.

    führt die Adipositaschirurgie zu einer effektiven Reduktion des Übergewichts von durchschnittlich 60% (p<0,001),

     
  2. 2.

    sind chirurgische Maßnahmen geeignet, einen präoperativ bestehenden Diabetes Typ 2 in über 75% der Patienten zu heilen.

     
In dieser Indikation zeigt sich ein Gradient von den malabsorptiven Operationen zu den restriktiven Operationen mit dem Effekt der Heilung bzw. Besserung von
  • 98,9% für die biliopankreatische Diversion zu

  • 83,7% für den Roux-Y-Magen-Bypass und

  • 71,6% für die vertikale Gastroplastik bzw.

  • 47,9% für das Magenband.

Die drastische Verminderung der Insulindosierungen bis hin zur Einstellung der Therapie sind für alle Operationsverfahren dokumentiert [9]. Parikh et al. [9] haben die prozentuale Reduktion der oralen Medikation und der Insulintherapie ein Jahr und 2 Jahre nach verschiedenen operativen Verfahren unabhängig von der Diabetesdauer zusammengestellt (Abb. 3).

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Abb. 3

Prozentuale Reduktion der oralen Medikation und der Insulintherapie (von 100% auf x%) 1 Jahr und 2 Jahre nach operativer Intervention mit unterschiedlichen Operationsverfahren (LAGB laparoskopisches „gastric banding“, RNYGB Roux-Y-Magen-Bypass, BPD/DS biliopankreatische Diversion mit und ohne Duodenalswitch; [9])

Operative Maßnahmen sind bei Typ-2-Diabetes-Patienten mit Adipositas Grad I und II ebenfalls konservativen Therapieansätzen überlegen

Eine fundamentale prospektiv-randomisierte Studie wurde 2008 von Dixon et al. [6] veröffentlicht. Es ist die erste randomisierte kontrollierte Studie zwischen operativen Verfahren (steuerbares Magenband) und konservativen Behandlungen bei Frühformen des Typ-2-Diabetes. Therapieziel war die Remission des Typ-2-Diabetes mit einem Nüchternblutzucker von <126 mg/dl (7,0 mmol/l) und HbA1c-Werten <6,2% ohne gleichzeitige glykämische Therapie. Sekundäre Messungen betrafen weitere Komponenten des metabolischen Syndroms.

Die vollständige Remissionsrate der 60 Patienten mit einem Typ-2-Diabetes, der nicht länger als 2 Jahre bestand und deren BMI zwischen 30 und 40 kg/m2 lag, betrug 73% in der operativ behandelten Gruppe vs. 13% nach konservativem Behandlungsprogramm. Das relative Risiko einer Remission betrug in der chirurgischen Gruppe 5,5 (95%-Konfidenzintervall: 2,2–14,0). Die chirurgisch und konventionell behandelten Patienten verloren im Mittel 20,7% (Standardabweichung/SD 8,6%) und 1,7% (SD 5,2%) des Körpergewichtes in 2 Jahren (p<0,001). Die Remission des Typ-2-Diabetes war abhängig vom Gewichtsverlust (Regression/R2=0,46, p<0,001) und niedrigeren Baseline-HbA1c-Spiegeln (kombiniert R2=0,52, p<0,001). Es traten keine Komplikationen in beiden Gruppen auf.

Es ist damit die höchste Erfolgsrate in der Behandlung des Diabetes, welche jemals in einer randomisierten kontrollierten Studie dokumentiert wurde. Damit erscheint die operative Behandlung als eine Option für Diabetiker mit Übergewicht und Adipositas Grad I und II. Es ist übrigens auch die erste Studie mit einer operativen Behandlung von Diabetespatienten mit einem BMI von weniger als 35 kg/m2. Damit werden Ergebnisse anderer Studien bestätigt, die ebenfalls die Effektivität der operativen interventionellen Behandlung bei Patienten mit einem BMI von weniger als 35 kg/m2 belegt haben.

Es stellt sich somit die Frage, inwieweit und wie lange noch die im Jahre 1991 in den NIH- („National Institutes of Health-“) Richtlinien willkürlich und fiktiv, d. h. ohne wissenschaftliche Untermauerung festgelegte absolute Untergrenze für eine Einsetzbarkeit operativer Verfahren weiterhin haltbar ist. Gemeinsam mit den neuesten Studien zur Lebensverlängerung [1, 12] durch operative Intervention wird der Ruf nach einer neuen interdisziplinären Konsensuskonferenz laut, die die Grenzen für eine interventionelle Behandlung der Adipositas und des Diabetes mellitus neu festlegt. Die Entscheidungen der Kostenträger bei der Genehmigung derartiger Interventionen müssen neu überdacht und grundsätzlich korrigiert werden.

Operative Maßnahmen zur Gewichtsreduktion werden in Deutschland nach der DRG ko4Z klassifiziert und abgerechnet. Die DRG ist mit den Kostenträgern auf der Basis der Kostenanalysen verhandelbar und beträt zwischen 4000 und 6000 EUR. Die Ersparnis bei den direkten Kosten bei einem insulinpflichtigen Adipösen mit einem BMI >35 kg/m2 hochgerechnet auf 10 Jahre beträgt nach eigenen Analysen von mehr als 340 behandelten Diabetikern bis zu 100.000 EUR pro Patient.

Bei der hier vermittelten Datenlage erscheint es unverständlich, dass es bislang nicht gelungen ist, die Indikation zu operativen Eingriffen in der Akzeptanz bei den Kostenträgern zu etablieren.

Mittel- und langfristig führt die metabolische Chirurgie dadurch auch zu einer drastischen Reduktion der Behandlungskosten. Schätzungsweise ließe sich Insulin in einem Umfang von einigen Milliarden Euro pro Jahr einsparen, wenn alle adipösen Typ-2-Diabetes-Patienten sich einer operativen Intervention unterziehen würden.

Der Preis blutzuckersenkender Medikamente spielt dabei noch insgesamt eine untergeordnete Rolle. Kostentreibend sind die Behandlungskosten für Diabeteskomplikationen. Patienten mit komplexen Folgeerkrankungen verursachen durchschnittlich mehr als das 4fache an Kosten. Diese Kostenersparnis ist jedoch noch nicht ausreichend untersucht. Die Kosteneinsparung bei den direkten Kosten ist jedoch so deutlich, dass sich hier bereits zwingende praktische sozioökonomische und damit gesundheitspolitische Schlussfolgerungen ableiten lassen.

Neue Therapieansätze in Erprobung

Die metabolische Chirurgie, d. h. die operative Intervention beim metabolischen Syndrom hat international einen Durchbruch erfahren und eine Vielzahl neuer Therapieansätze möglich gemacht, die gegenwärtig Gegenstand klinischer Studien sind. Alle führenden Fachgesellschaften haben eine Umbenennung vorgenommen in „operative Behandlung der Adipositas und metabolischer Störungen“. In New York wurde 2007 an der Cornell University der erste Lehrstuhl für metabolische Chirurgie geschaffen. Aus der Vielzahl neuer Ansätze seien stellvertretend nur einige Beispiele genannt. Die duodenale Exklusion mit Ausschaltung der Rezeptoren im Duodenum ist von Rubino et al. [11] als metabolischer Eingriff eingeführt worden (Abb. 4). Inzwischen kann dieses Konzept durch einen endoskopisch platzierten Kunststoffschlauch umgesetzt werden, der im Pylorus verankert den Kontakt der Nahrung mit dem Duodenum verhindert.

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Abb. 4

Duodenalexklusion zur Behandlung des Diabetes mellitus [11]

Die Stimulation der GLP-Hormone wird durch die operative Interposition von Ileumabschnitten in obere Darmabschnitte zunutze gemacht, um ebenfalls eine Verbesserung der glykämischen Kontrolle bei Diabetes zu erreichen. Diese Ansätze der hormonalen Diversion sind ohne Einfluss auf das Körpergewicht und bieten somit auch Therapiemöglichekeiten für Diabetespatienten ohne Übergewicht und Adipositas.

Für Diabetespatienten ohne Übergewicht bietet die hormonale Regulation einen Ansatzpunkt für die Therapie

Im Fokus der Forschung in Deutschland, Indien und den USA steht die durch Nahrungszufuhr gesteuerte gastrale Elektrostimulation des Magens. Durch das Tantalus-System (Metacure Inc.), welches gezielt die gastrale Entleerung und hormonale Regulation beeinflusst, kann minimal-invasiv ohne bleibende Veränderungen im Gastrointestinaltrakt die glykämische Kontrolle therapeutisch beeinflusst werden. Die Nüchternblutzuckerwerte und die HbA1c-Werte werden gesenkt, und die Notwendigkeit einer Insulintherapie kann verhindert werden. Die vorliegenden Studienergebnisse, die von Diabetologen und Chirurgen gemeinsam erbracht wurden, geben Hoffnung auf eine baldige Umsetzung in die klinische Praxis.

Ausblick

Es ist bei den gut dokumentierten Ergebnissen der Adipositaschirurgie weltweit verwunderlich, dass in Deutschland die Zahl der operativen Interventionen noch immer in einem krassen Gegensatz zu der Zahl der Adipositaskranken steht. Die Krankenkassen sollten in Zukunft mehr von den vorliegenden Fakten der Effizienz chirurgischer Behandlungsmaßnahmen und damit auch ihrer Kosteneffizienz Kenntnis nehmen. Eine Magen-Bypass-Operation ist bei einem insulinpflichtigen Diabetiker hinsichtlich der direkten Kosten bereits nach 8 Monaten in finanzieller Hinsicht „amortisiert“. Die indirekte Kostenersparnis, wenn man die Komplikationen und Folgen des Diabetes, wie diabetisches Fußsyndrom, Augen- und Nierenschädigung bis hin zu den vaskulären Komplikationen einbezieht, ist jedoch weitaus größer.

Im Jahre 2006 wurden etwa 250.000 bariatrische Eingriffe in den USA durchgeführt. Wenn die Häufigkeit der Eingriffe in den Folgejahren beibehalten wird, dann hat jedoch etwa nur 1% der krankhaft Adipösen die Chance, einmal während ihres Lebens einen solchen Eingriff zu erhalten. Die Zunahme der Adipositasprävalenz in den nächsten Jahren bleibt dabei noch unberücksichtigt. Um eine den Verhältnissen in den USA, Belgien und Frankreich adäquate Operationsfrequenz zu erreichen, wäre eine Steigerung der Operationszahlen in Deutschland auf das 20- bis 40fache des gegenwärtigen Standes notwendig [14].

Fazit für die Praxis

Die operative Intervention bei morbider Adipositas ist derzeit die einzige effektive und zuverlässige Lösung, das tödliche Quartett (Abb. 5) von extremer Fettansammlung, metabolischem Syndrom, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Immobilisation durch Übergewichts-induzierte Gelenkerkrankungen zu besiegen. Die therapeutischen Effekte der Bypass-Verfahren auf das metabolische Syndrom sind nicht allein auf die Gewichtsreduktion zurückzuführen, sondern basieren auf spezifischen hormonalen Effekten. Der Diabetes Typ 2 bei Übergewicht und Adipositas kann, sofern er noch nicht über 15 Jahre besteht, durch operative Eingriffe in minimal-invasiver Operationstechnik beseitigt werden. Durch die Beseitigung der metabolischen Störungen und der Blutdrucknormalisierung wird der Entwicklung der Arteriosklerose und ihrer tödlichen Folgen vorgebeugt. Die Effekte der Adipositaschirurgie auf die Komorbiditäten sind in Langzeitstudien gut dokumentiert. Es gilt für Adipositas und Diabetes mellitus vom Typ 2 das gleiche Prinzip: Der beste Weg der Heilung ist es, die Entwicklung und Manifestation der Erkrankung zu verhindern. Diabetes verhindern, heißt die Entwicklung von Übergewicht und Adipositas verhindern, und zwar bereits im Kindes- und Jugendalter.

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Abb. 5

Das tödliche Quartett: Adipositas, metabolisches Syndrom, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Immobilisation durch Arthrosen und degenerative Erkrankungen des Bewegungsapparates

Die Chirurgie ist eine Ultima Ratio, die nur durch eine erfolgreiche Prävention verhindert werden kann. Sie hat derzeit keine Konkurrenz. Hat die Prävention versagt, dann bietet die metabolische Chirurgie die einzige effiziente Lösung für den adipösen Diabetiker. Die Chirurgie kann, wenn sie frühzeitig ansetzt, den Diabetes und die Adipositas beseitigen und den Betroffenen ein neues Leben schenken. Hoffentlich können wir auch bald dem übergewichtigen, noch nicht morbid adipösen Diabetespatienten diese Vorzüge einer effizienten Beseitigung dieser lebensverkürzenden Erkrankungen durch die metabolische Chirurgie zukommen lassen. Das Umdenken hat weltweit und auch in Deutschland begonnen.

Interessenkonflikt

Der korrespondierende Autor weist auf folgende Beziehungen hin: Er ist als Referent für die European Educational Programme der Firmen Johnson & Johnson und Covidien tätig und erhält Referentenhonorare für Weiterbildungsveranstaltungen.

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