Gynäkologische Endokrinologie

, Volume 8, Issue 1, pp 35–40

Hormonersatztherapie nach Mamma- und Ovarialkarzinom

Authors

    • Klinik für Frauenheilkunde und GeburtshilfeUniversitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck
  • D. Fischer
    • Klinik für Frauenheilkunde und GeburtshilfeUniversitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck
  • K. Röder
    • Klinik für Frauenheilkunde und GeburtshilfeUniversitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck
  • D.W. Lüdders
    • Klinik für Frauenheilkunde und GeburtshilfeUniversitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck
  • K. Diedrich
    • Klinik für Frauenheilkunde und GeburtshilfeUniversitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck
  • C. Dittmer
    • Klinik für Frauenheilkunde und GeburtshilfeUniversitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck
Leitthema

DOI: 10.1007/s10304-009-0330-9

Cite this article as:
Thill, M., Fischer, D., Röder, K. et al. Gynäkologische Endokrinologie (2010) 8: 35. doi:10.1007/s10304-009-0330-9
  • 52 Views

Zusammenfassung

Frauen, die an einem Mammakarzinom behandelt wurden, leiden unter dem konsekutiven Östrogenmangel einer Chemo- oder antiendokrinen Therapie. Diese Frauen würden erheblich von einer Hormonsubstitution profitieren. Die Datenlage dazu ist allerdings inkonsistent. Zahlreiche Beobachtungsstudien konnten kein erhöhtes Rezidivrisiko unter Hormonersatztherapie (HRT) zeigen, allerdings waren viele dieser Arbeiten sehr heterogen, retrospektiv und hatten eine zu geringe Fallzahl. Die wenigen prospektiven Studien suggerieren eine Erhöhung des Rezidivrisikos unter HRT. Auch das Ovarialkarzinom ist ein hormonabhängiges Malignom, weshalb eine HRT in der Peri- und Postmenopause einen Einfluss auf das Erkrankungsrisiko haben kann, insbesondere nach behandelter Erkrankung. Die Datenlage zur Wirkung einer HRT auf das Ovarialkarzinom ist dünn. Epidemiologische Studien zeigen, dass eine langfristige HRT das Ovarialkarzinomrisiko möglicherweise erhöht. Noch spärlicher sind die Daten zum Einsatz einer HRT nach Ovarialkarzinombehandlung. Zuverlässige Empfehlungen lassen sich daraus nicht ableiten. Ziel dieser Arbeit ist es, aus der aktuellen Datenlage die Frage nach der Durchführbarkeit einer HRT zu eruieren und möglicherweise neue Empfehlungen daraus zu erhalten.

Schlüsselwörter

MammakarzinomOvarialkarzinomHormonersatztherapieRezidivrisikoMenopause

Hormone replacement therapy after breast and ovarian cancer

Abstract

Breast cancer patients undergoing chemotherapy or anti-endocrine treatment suffer from a subsequent lack of estrogen. While these women would benefit substantially by estrogen replacement, the pertinent data are sparse and inconsistent. Observational studies have not shown an increased risk of recurrence under hormone replacement therapy (HRT); however, the studies are heterogeneous, retrospective and mostly underpowered. The few randomized prospective studies suggest an increased recurrence rate with HRT regimens. Since ovarian cancer is a hormone-related malignancy as well, HRT in perimenopausal and postmenopausal women may have an impact on ovarian cancer risk, especially after primary treatment, but data are scanty. Epidemiological studies have shown that long-term HRT might even increase the risk of ovarian cancer The data on HRT after ovarian cancer treatment are even scantier ; thus, there are no reliable recommendations. This paper reviews the current literature concerning the feasibility of HRT in order to develop new recommendations.

Keywords

Breast cancerOvarian cancerHormone replacement therapyRecurrence riskMenopause

Immer mehr Patientinnen mit Mamma-, aber auch mit gynäkologischen Karzinomen werden durch die adjuvante Systemtherapie vorzeitig in die Postmenopause gebracht. Die schwerwiegendsten Folgen des Östrogenmangels sind Hitzewallungen, Nachtschweiß, urogenitale Atrophie, Osteoporose und möglicherweise auch ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen. Daher liegt die Schlussfolgerung nahe, diesen Frauen durch eine Hormonersatztherapie (HRT) zu helfen. Inwieweit besteht nun, analog dem erhöhten Mammakarzinomrisiko nach HRT, auch ein erhöhtes Rezidiv- oder Mortalitätsrisiko nach Mammakarzinombehandlung? In einer älteren US-amerikanischen Umfrage äußerten immerhin 27% der postmenopausalen Patientinnen, trotz Mammakarzinomanamnese eine HRT durchführen zu wollen [31].

HRT und Mammakarzinom

Das Mammakarzinom ist mit 57.230 Neuerkrankungen für das Jahr 2004 und mit 55.150 für das Jahr 2002 mit 26,8% die häufigste aller Krebserkrankungen der weiblichen Bevölkerung in Deutschland [13]. Die Inzidenz nimmt in den westlichen Industrienationen kontinuierlich zu, während die fallbezogene Mortalität abnimmt. Ursächlich mögen hier das frühe Screening, das verbesserte und verlängerte Follow-up und die Fortschritte in der Behandlung sein. Das National Center of Statistics der USA konnte für die Jahre 1991–1995 eine Abnahme der brustkrebsbezogenen Mortalität von 6% verzeichnen [4]. Auch Ravdin et al. [26] beschreiben in ihren Ausführungen von 2007 eine Inzidenzabnahme im Vergleich der Jahre 2002 gegenüber 2003. Sie führen diese Reduktion auf den Rückgang der HRT zurück [26]. Dieser Kausalzusammenhang kann zum einen durch Daten aus Deutschland [20, 21], zum anderen aber auch mit Daten aus Frankreich [1], Belgien [30] und Australien [6] postuliert werden. Daher ist von einer zunehmenden Zahl langfristig überlebender Mammakarzinompatientinnen auszugehen. Die Mehrzahl dieser Patientinnen befindet sich zum Zeitpunkt der Diagnose in der Post- und etwa 25% befinden sich in der Prämenopause. Etwa 70% von ihnen werden durch den breiten Einsatz einer Chemotherapie dauerhaft amenorrhoisch, erreichen früher die Menopause und leiden daher wesentlich früher unter den Folgen des Östrogenmangels. Einige Veröffentlichungen berichten über eine 5-mal höhere Prävalenz menopausaler Symptome bei Mammakarzinompatientinnen im Vergleich zu gesunden Frauen. Somit sind viele Frauen in Bezug auf ihre maligne Grunderkrankung zwar potenziell geheilt, jedoch den Folgen eines Östrogenmangels langfristig ausgesetzt.

HRT nach Mammakarzinom – wirklich eine Kontraindikation?

Der behandelnde Arzt steckt in dem Dilemma, dass zahlreiche experimentelle und epidemiologische Studien belegen, dass die meisten Mammakarzinome östrogenabhängig sind und bei hormonrezeptorpositiven Karzinomen eine antiöstrogene Behandlung eine hocheffektive adjuvante Therapie darstellt. Allerdings fehlen große, randomisierte Studien, die statistisch signifikant belegen, dass eine HRT bei Patientinnen nach behandeltem Mammakarzinom das rezidivfreie Überleben und/oder das Gesamtüberleben verkürzt. Man nimmt an, dass das Mammakarzinom eine absolute Kontraindikation für den Einsatz einer Östrogentherapie darstellt, da die Sorge besteht, dass das Wachstum einer okkulten Mikrometastasierung gefördert wird und konsekutiv zur Ausbildung eines Rezidivs führen könnte [25]. Trotzdem bleibt die zentrale Frage, ob eine HRT bei Patientinnen nach Mammakarzinom tatsächlich kontraindiziert ist. Verschiedene Beobachtungen werfen diese Frage auf:

Frauen, die nach Mammakarzinom eine Schwangerschaft austragen, weisen im Vergleich mit nichtschwangeren Frauen nach Mammakarzinom kein erhöhtes Rezidivrisiko auf, obwohl eine Schwangerschaft per se mit hohen Östrogenspiegeln einhergeht, weiterhin hat ein Schwangerschaftsabbruch keinen prognostisch relevanten Effekt auf die Erkrankung [14]. Darüber hinaus gibt es Daten, die keinen Unterschied zwischen Frauen mit oder ohne HRT bezüglich Rezidivrate und Mortalität zeigen [3, 17].

Klinische Studien

Beobachtungsstudien

Zahlreiche Beobachtungsstudien konnten überraschenderweise keine erhöhte Rezidiv- oder Mortalitätsrate unter HRT nach Behandlung eines Mammakarzinoms nachweisen. Allerdings war die Mehrzahl dieser Studien unkontrolliert, retrospektiv, zum Teil unverblindet und hatte nur kleine Fallzahlen sowie ein kurzes Follow-up, sodass die Aussagekraft dieser Studien limitiert ist [2, 8]. In den größten Studien wurden nur knapp über 200 Patientinnen untersucht. Weiterhin ist zu bedenken, dass es tendenziell die gesünderen und jüngeren Frauen waren, die eine HRT – auch nach Mammakarzinom – wünschten, und dass der Anteil hormonrezeptornegativer, nodalnegativer und von Patientinnen mit niedrigerem Tumorstadium in den HRT-Armen höher als in den Vergleichsarmen war. Somit ist es leider nicht möglich, anhand der zurzeit zur Verfügung stehenden Daten die Frage eindeutig zu klären, ob eine HRT (Östrogenmono- oder kombinierte Östrogen-Gestagen-Therapie) das Rezidiv- bzw. das Mortalitätsrisiko beeinflusst. Auch die neueren prospektiven Studien ändern nichts daran.

HRT sollte nur bei Patientinnen durchgeführt werden, die auf keine Alternativtherapie ansprechen

Aufgrund der fehlenden kontrollierten Studien, den schädigenden Effekt einer östrogenhaltigen HRT auf die Prognose der behandelten Mammakarzinompatientinnen auszuschließen, sollte eine HRT nur bei den Patientinnen durchgeführt werden, die auf keine Alternativtherapie angesprochen hatten, dann auch nur für kurze Zeit, mit einer niedrigen Östrogendosis und vorzugsweise in prospektiv kontrollierten Studien [11].

Prospektive Studien

Es gibt nur wenige prospektiv randomisierte, placebokontrollierte Studien. Das Problem, das diesen Studien gemeinsam ist, ist die vorzeitige Beendigung. Daher stehen uns keine schlüssigen Ergebnisse zur Verfügung. Vassilopoulou-Sellin et al. [32] untersuchten bei 296 hormonrezeptorpositiven Patientinnen den Einsatz einer Östrogenersatztherapie (ERT) nach 2-jährigem Intervall nach Primärtherapie. Allerdings wurden nur 56 Frauen in den ERT-Arm und 243 in den Kontrollarm randomisiert. Die Studie war damit vollkommen underpowert. Die Rezidivrate betrug nach 5 Jahren Follow-up 3,6 bzw. 13,5% [32].

HABITS- und Stockholm-Trial

Die 2 schwedischen Studien, der HABITS-(Hormone Replacemennt Therapy After Breast Cancer – is it safe?; n=434) und der Stockholm-Trial (n=378), wurden initiiert, um Patientinnen mit primärem Mammakarzinom in einem 2-armigen Design (HRT vs. Placebo) zu untersuchen. Da beide Studien eine langsame und schlechte Rekrutierung zeigten, entschied ein gemeinsames Steering Komitee, beide Studien kumulativ auszuwerten. Beide Studien waren zwar placebokontrolliert, verwendeten aber verschiedene HRTs. Die HABITS-Studie wurde aufgrund der Empfehlung des unabhängigen Data Monitoring Komitees 2003 gestoppt, da nach einem medianen Follow-up von 2,1 Jahren die Rezidivrate im HRT-Arm signifikant höher als im Kontrollarm war (RR=3,3, 95%-KI 1,5–7,4). Anschließend wurde im selben Jahr auch die Stockholm-Studie beendet. In der Stockholm-Studie konnte nach einem medianen Follow-up von 4,1 Jahren allerdings kein statistisch signifikanter Unterschied verzeichnet werden (RR=0,82, 95%-KI 0,35–1,9; [33]). In der kumulativen Auswertung beider Studien zeigte sich im Vergleich zu den nicht behandelten Patientinnen ein statistisch signifikanter Anstieg der Rezidivrate im HRT-Arm (RR=1,8; 95%-KI 1,03–3,10; [18]). In einem Update der HABITS Study Group von 2008 konnte nach einem Follow-up von 5 Jahren eine Rezidivrate von 22,2% im HRT-Arm vs. 8,0% im Placeboarm beobachtet werden [19]. Das unterschiedliche Patientinnenkollektiv und die unterschiedliche HRT beider Studien dürften für die diskrepanten Ergebnisse verantwortlich sein. So erhielten in der HABITS-Studie nur 21% der Patientinnen eine Östrogenmonotherapie, 72% wurden dagegen mit einer kombinierten Östrogen-Gestagen-Therapie (46% kontinuierlich kombiniert und 26% zyklisch) behandelt. In der Stockholm-Studie hingegen wurde versucht, den Gestagenanteil so gering wie möglich zu halten. Darüber hinaus war der Anteil nodalpositiver Frauen in der HABITS-Studie höher (26 vs. 16%), während in der Stockholm-Studie ein höherer Anteil der Patientinnen mit Tamoxifen behandelt wurde (21 vs. 52%). Dieses dürfte sich protektiv auf die Rezidivrate ausgewirkt haben [19].

Metaanalysen

Col et al. [7] führten 2001 eine erste Metaanalyse aus 11 Studien durch. Nur 4 Studien mit insgesamt 214 Patientinnen hatten eine Kontrollgruppe. In diesen kontrollierten Studien ergab sich ein relatives Rezidivrisiko von 0,64 (95%-KI 0,36–1,15). Berücksichtigt man zusätzlich die übrigen 7 unkontrollierten Studien, lag das Risiko bei 0,82 (95%-KI 0,58–1,15). Die jährliche Rezidivrate von 4,2% in der HRT-Gruppe und von 5,4% in der unbehandelten Kontrollgruppe zeigte keinen statistisch signifikanten Unterschied [7].

In einer aktuelleren Metaanalyse der gleichen Arbeitsgruppe [8], in der 10 Studien (2 randomisierte, 8 Beobachtungsstudien) mit insgesamt 4155 Patientinnen (1316 mit HRT, 2839 ohne HRT) ausgewertet wurden, konnten die Autoren eine Diskrepanz zwischen den Resultaten der randomisierten und der Beobachtungsstudien aufzeigen. In ihren Ausführungen wiesen sie darauf hin, dass, bedingt durch die Limitierungen der Beobachtungsstudien, nur die beiden in die Analyse eingegangenen randomisierten Studien über verlässliche Ergebnisse verfügten. In diesen zeigte sich eine signifikant gesteigerte Rezidivrate (18,2 vs. 11,7%) für den Einsatz einer HRT nach Mammakarzinom [8]. Aufgrund dieser Daten schlussfolgerten die Autoren, dass eine HRT nach Mammakarzinom nicht zu empfehlen ist. Eine kürzlich publizierte Metaanalyse, in der 20 Studien analysiert wurden, kommt zu der gleichen Empfehlung [2]. Im Gegensatz dazu steht die Analyse von Batur et al. [3]. Allerdings wurden in dieser Analyse keine randomisierten Studien berücksichtigt. Eine Übersicht über die neueren Studien findet sich in Tab. 1.

Tab. 1

Studienübersicht HRT nach Mammakarzinom. (Mod. und erweitert nach [8])

Studie

Therapie

n

Durchschnittsalter

Nodalstatus

Durchschnittliches krankheitsfreies Intervall vor HRT (Monate)

Östrogen allein (%)

Durchschnittliche Dauer der HRT (Monate)

Durchschnittliches Follow-up nach HRT (Monate)

Rezidive (n)

Tod jeglicher Ursache (n)

Mammakarzinomassoziierter Tod (n)

Randomisierte Studien

Marsden et al. (2000; n=100)

HRT

51a

58b

NR

40b

NR

6

NR

2

NR

NR

Keine HRT

49a

55b

NR

36b

NR

1

NR

NR

Holmberg et al. (2004; n=345)

HRT

174

55,5

25,9% (38) positiv

31,2b

NR

24

25,2b

26

5

3

Keine HRT

171

55,0

21,4% (31) positiv

32,4b

25,2b

7

4

4

Von Schoultz et al. (2005; n=378)

HRT

188

56,9

16% (28) positiv

15,6

23

NR

49,2

11

4

2

Keine HRT

190

57,5

20% (37) positiv

16,8

50,4

13

9

4

Beobachtungsstudien

Ursic-Vrscaj und Bebar 1999; n=63)

HRT

21c

47b

14 negativ, 7 positiv

62

4,8

28

38

4

0

0

Keine HRT

42c

48,2

28 negativ, 14 positiv

NR

38

5

1

1

DiSaia et al. (2000; n=487)

HRT

125

55,7

NR

46b

28

22b

92,1

NR

4

NR

Keine HRT

362

55,9

NR

NR

90,6

NR

57

NR

O’Meara et al. (2001; n=869)

HRT

174c

63,6d

128 negativ, 31 positiv

47,7d

79

15b

44,4b, e

16

17

5

Keine HRT

695c

63,6d

470 negativ, 175 positiv

47,7d

44,4b, e

101

115

59

Beckmann et al. (2001; 185)

HRT

64

NA

44 negativ, 20 positiv

0

NA

33b

37b

6

4

NR

Keine HRT

121

NA

76 negativ, 45 positiv

0

42b

17

15

NR

Martunnen et al. (2001; n=131)

HRT

88

53,4

72 negativ, 10 positiv

50,4

38,6

30

30

7

2

2

Keine HRT

43

52,8

30 negativ, 13 positiv

50,4

31,2

5

3

3

Duma et al. (2002; n=1122)

HRT

286

56,8b

NA

12b

5,9

21c

69,6b

44

16

13

Keine HRT

836

64,7b

NA

NR

61,2b

247

199

122

Vassilopuolou-Sellin et al. (2002; n=299)

HRT

56f

56b

35 negativ, 13 1–3, 6 >3 positiv

105,6

100

30 >5 Jahre, 20 2–5 Jahre, 6 2 Jahre

71

2

1

0

Keine HRT

243f

53b

133 negativ, 70 1–3, 33 >3 positiv

99,6

NR

33

2

1

Decker et al. (2003; n=554)

HRT

277

57,4b

NR

43,3

48,7

44,4

49,7

30

7

5

Keine HRT

277

59,0b

NR

NR

45,6

35

17

9

aKeine Patientinnen mit Stadium III/IV; bMittelwert; cDCIS ausgeschlossen; dDurchschnitt; efür Rezidive allein, Follow-up für die Mortalität war 55,2 Monate; fDCIS, Stadium III/IV und ER-positive Patientinnen ausgeschlossen. NA nicht zu berechnen; NR nicht berichtet.

HRT und Ovarialkarzinom

Das Ovarialkarzinom ist mit ca. 9000 Neuerkrankungen pro Jahr die fünfthäufigste maligne Erkrankung der Frau in Deutschland und macht 4,1% aller malignen Erkrankungen der weiblichen Bevölkerung aus. Es ist mit ca. 5500 Todesfällen pro Jahr unter den gynäkologischen Malignomen der am häufigsten zum Tode führende Tumor und damit in der Summe der Todesfälle mit einer höheren Mortalität versehen als alle anderen gynäkologischen Malignome zusammen. Im Gegensatz zur sinkenden Inzidenzrate von Uterusmalignomen hat das Ovarialkarzinom seit 1930 um 250% zugenommen. Eine von 70 Frauen wird im Laufe ihres Lebens an einem Ovarialkarzinom erkranken. Risikofaktoren sind genetische Faktoren wie Mutationen im BRCA1/2-Gen, das hereditäre nichtpolypöse kolorektale Karzinom (HNPCC oder Lynch-Syndrom), familiäre Cluster und Faktoren, die mit einem relativen Hyperöstrogenismus vergesellschaftet sind.

Die meisten Ovarialkarzinome werden im Stadium III/IV diagnostiziert, nur etwa 10% in einem frühen Stadium. Obwohl aufgrund dieser späten Diagnose und der daraus resultierenden schlechten Prognose – die 5-Jahres-Überlebensrate liegt bei <40% – die Langzeitprävention einer Osteoporose oder einer kardiovaskulären Erkrankung keine signifikante Rolle spielt, ist es doch von großer Wichtigkeit, der Patientin eine gute Lebensqualität zu garantieren und menopausale östrogenmangelassoziierte Symptome zu lindern. Rückt also bei Patientinnen mit fortgeschrittenem Stadium die prognostische Relevanz einer HRT in den Hintergrund, so ist die Frage einer möglichen Beeinflussung von Rezidivrate und Mortalität in einem frühen Stadium der Erkrankung von größerer Relevanz. Insbesondere bei Frauen <40 Jahren müssen die endokrinen Folgen einer bilateralen Oophorektomie sorgfältig gegen die möglichen Risiken einer HRT abgewogen werden.

HRT und Ovarialkarzinomrisiko

Es gibt keinen schlüssigen Beweis dafür, dass eine HRT als ein initiierender Faktor für die Entwicklung eines Ovarialkarzinoms fungiert, allerdings ist die Datenlage nicht gerade üppig und inkonsistent.

Studienlage

Zwei Metaanalysen, die die Korrelation zwischen einer HRT und dem Ovarialkarzinomrisiko untersuchten, kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen [9, 12]. Coughlin et al. [9] konnte keinen HRT-bedingten Anstieg der Rezidivrate feststellen, Garg et al. [12] hingegen eine kleine, allerdings signifikante Risikoerhöhung. Epidemiologische Beobachtungsstudien berichten, dass eine HRT das Ovarialkarzinomrisiko möglicherweise erhöht, wenn sie lange genug durchgeführt wird. Der zugrunde liegende Pathomechanismus ist bis dato noch nicht geklärt. So konnten Rodriguez et al. [27] in einer umfangreichen Kohortenstudie einen Anstieg der durch das Ovarialkarzinom bedingten Mortalität um den Faktor 2 zeigen, wenn die Frauen ihre HRT über mindestens 10 Jahre durchgeführt hatten. Auch Rossing et al. [28] beobachteten bei 812 Ovarialkarzinompatientinnen im Vergleich zu 1313 Frauen eine diskrete Risikoerhöhung bei den Frauen, die eine langfristige Östrogenersatztherapie (ERT) durchgeführt hatten. Eine Kombinationstherapie hingegen hatte keinen Einfluss. Nach Beendigung der HRT zeigte sich eine deutliche Risikoreduktion, die mit der Länge des therapiefreien Intervalls zunahm. In der WHI (Women’s Health Initiative)-Studie hingegen fand sich im Östrogen-Gestagen-Arm ein Effekt auf das Ovarialkarzinomrisiko, wenn auch nur ein nicht signifikanter. Auch die Autoren der Million Women Study schlussfolgerten, dass eine HRT das Ovarialkarzinomrisiko und konsekutiv die dadurch bedingte Mortalität erhöht [22]. Eine Fall-Kontroll-Studie aus dem Jahr 2008 konnte bei 751 Patientinnen mit Ovarialkarzinom gegenüber einer Kontrollgruppe von 5808 Frauen zwar eine Erhöhung des Ovarialkarzinomrisikos durch eine ERT feststellen, auf das Gesamtüberleben hatte dies jedoch keinen signifikanten Einfluss [34]. Eine erst dieses Jahr veröffentliche dänische Studie konnte ebenfalls den Zusammenhang zwischen einer HRT und dem Ovarialkarzinomrisiko belegen, allerdings unabhängig von Therapiedauer, Zusammensetzung, Östrogendosis und Progestintyp [24]. Die Autoren schätzten das Risiko unter HRT auf 1 zusätzliches Ovarialkarzinom auf 8300 Frauen. Das Risiko sank mit der Dauer des Intervalls nach Ende der HRT.

HRT nach Ovarialkarzinom

Die Datenlage zum Einsatz einer Hormontherapie nach behandeltem Ovarialkarzinom ist ebenfalls sehr spärlich und lässt insgesamt keine zuverlässige Aussage zum Rezidivrisiko zu. Nur 3 Studien haben sich mit dem Einfluss einer HRT auf das Rezidivrisiko nach primär behandeltem Ovarialkarzinom beschäftigt. In einer älteren Arbeit von Eeles et al. [10], in der 78 Patientinnen mit HRT und 78 ohne HRT verglichen wurden, konnte durch den Einsatz einer HRT kein erhöhtes Rezidivrisiko nachgewiesen werden. Eine slowenische Studie konnte dies bestätigen [29]. Guidozzi und Daponte [16] verglichen 59 Patientinnen, die eine HRT mit Östrogenen für einen durchschnittlichen Zeitraum von 4 Jahren erhielten, und eine Kontrollgruppe von 66 Frauen ohne HRT. Das Durchschnittsalter betrug 59 Jahre. Sowohl das krankheitsfreie als auch das Gesamtüberleben waren in beiden Gruppen ähnlich. Auch eine neuere Fall-Kontroll-Studie von Mascarenhas et al. [23] kommt zu keinem anderen Ergebnis.

Es konnte kein erhöhtes Rezidivrisiko durch den Einsatz einer HRT nachgewiesen werden

Unterstützung erfahren die Daten der genannten Studien durch die Tatsache, dass sowohl eine Therapie mit Ovulationshemmern als auch eine Schwangerschaft das Risiko, an einem Ovarialkarzinom zu erkranken, senken können. Des Weiteren gibt es keine experimentellen Daten, die die Hypothese stützen, dass Östrogene ein Ovarialkarzinom induzieren können, auch gibt es keine Evidenz dafür, dass der Hormonrezeptorstatus eine klinisch relevante Rolle spielt.

Fazit für die Praxis

Zurzeit gibt es keine eindeutigen Daten, die bei Patientinnen mit behandeltem Mammakarzinom zum einen eine schädigende Wirkung einer HRT ausschließen und zum anderen Auskunft darüber geben, welche HRT diejenige sein könnte, die am sichersten durchgeführt werden könnte. Die wenigen prospektiv randomisierten Studien postulieren eine Erhöhung des Rezidivrisikos. So bleibt es beim Konsensus der Deutschen Gesellschaft für Senologie aus dem Jahr 2002, dass eine HRT derzeit nicht zu empfehlen ist und die Patientin, sollte eine HRT nicht umgangen werden können, umfassend über die potenziellen Risiken aufgeklärt werden muss. Falls eine HRT zur Disposition steht, sollte die Dosis der Östrogene möglichst niedrig und die Therapiedauer so kurz wie möglich gewählt werden. Ein Anstieg des Ovarialkarzinomrisikos scheint abhängig von der Einnahmezeit der HRT zu sein, für das Gesamtüberleben nach diagnostiziertem Ovarialkarzinom spielt eine HRT jedoch keine Rolle. Es kann darüber spekuliert werden, ob das Risiko nur bei einer ERT und dann auch nur in bestimmten und seltenen Fällen einer Langzeitbehandlung (>10 Jahre) erhöht ist. Ob eine HRT nach Ovarialkarzinom sicher und zu empfehlen ist, kann aufgrund der Datenlage momentan nicht abschließend beurteilt werden, allerdings finden sich keine Daten, die eine Erhöhung des Rezidivrisikos beweisen. Sowohl für das Mamma- als auch für das Ovarialkarzinom wären weitere prospektiv randomisierte Studien mit einer ausreichenden Anzahl von Patientinnen wünschenswert.

Interessenkonflikt

Der korrespondierende Autor gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Copyright information

© Springer Medizin Verlag 2009