Notfall + Rettungsmedizin

, Volume 12, Issue 7, pp 502–506

Lebensbedrohliche Blutungen im Rahmen von penetrierenden Verletzungen

Leitthema

DOI: 10.1007/s10049-009-1187-0

Cite this article as:
Lichte, P., Waydhas, C. & Kobbe, P. Notfall Rettungsmed (2009) 12: 502. doi:10.1007/s10049-009-1187-0
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Zusammenfassung

Penetrierende Verletzungen entstehen meist durch Schuss- oder Stichwaffen und sind daher in Deutschland relativ selten. Durch Verletzungen großer Gefäße kann es zu lebensgefährlichen Blutungen kommen, wobei der Zeitpunkt bis zur operativen Versorgung der entscheidende Überlebensfaktor ist. Deshalb wird präklinisch die „scoop and run“-Strategie mit permissiver Hypotonie favorisiert, um den Patienten möglichst schnell operativ versorgen zu können. Die Indikationen zur Thorakotomie und Laparotomie sind insbesondere vom hämodynamischen Zustand des Patienten abhängig, wobei die Kombination aus penetrierender Torsoverletzung und hämodynamischer Instabilität immer eine Indikation zur Notfalloperation darstellt. Die klinische Volumentherapie ist ein wichtiger Bestandteil der Notfalltherapie, jedoch darf sie niemals die operative Versorgung verzögern.

Schlüsselwörter

Penetrierende Verletzung Scoop and run Thorakotomie Laparotomie Volumentherapie 

Life-threatening haemorrhaging due to penetrating injuries

Abstract

Penetrating injuries are most often associated with firearm or stab wounds and are relatively rare in Germany. Injuries of great vessels may cause fatal bleeding and time until surgical management is the most important factor for survival. Therefore, the scoop and run strategy with permissive hypotension is favored in the field in order to allow surgery as fast as possible. The indications for thoracotomy and laparotomy mainly depend on the hemodynamic status of the patient: the combination of penetrating torso injury with hemodynamic instability is always an indication for emergency surgery. Adequate resuscitation in the clinic is an important adjunct but should however, never delay surgery.

Keywords

Penetrating injury Scoop and run Thoracotomy Laparotomy Resuscitation 

Penetrierende Verletzungen werden meist durch Schuss- oder Stichwaffen im Rahmen von kriminellen oder suizidalen Ereignissen verursacht, können jedoch auch durch Pfählungsverletzungen bedingt sein. Die Häufigkeit von penetrierenden Verletzungen zeigt ausgeprägte regionale Unterschiede, wobei in den USA bis zu 40% aller in einem Vorstadt-Krankenhaus behandelter Verletzungen mit Schusswaffen assoziiert sind. Im Gegensatz hierzu sind penetrierende Verletzungen mit einem Anteil von 5% in Deutschland wesentlich seltener, was eine fehlende Routine in der Behandlung dieses Verletzungsmusters bedingt.

Penetrierende Verletzungen werden meist durch Schuss- oder Stichwaffen verursacht

Selten sind penetrierende Verletzungen sofort letal, jedoch kann eine Organverletzung oder die Verletzung eines großen Blutgefäßes zu einer Exsanguination des Patienten führen. Gefäßverletzungen der Extremität lassen sich üblicherweise prä- als auch klinisch gut kontrollieren, wohingegen abdominelle oder thorakale Blutungen präklinisch meist nicht kontrollierbar sind. Für diese hämodynamisch instabilen Patienten ist deshalb die Zeit bis zur operativen Versorgung der wichtigste Überlebensfaktor.

Präklinik

Lokale Anzeichen, die dem Notarzt die Gefahr eines hämorrhagischen Schocks signalisieren, sind:
  • starke oder pulsierende Blutungen,

  • rasch expandierende Hämatome oder

  • periphere Pulslosigkeit.

Häufig können diese lokalen Anzeichen jedoch fehlen. Insbesondere Schussverletzungen des Rumpfes wirken wenig spektakulär, sind jedoch meist sehr viel lebensbedrohlicher als offensichtlich stark blutende Extremitätenverletzungen. Deshalb darf sich der behandelnde Notarzt im Rahmen von penetrierenden Verletzungen nicht durch ein vermeintlich geringes Ausmaß der äußeren Verletzungen täuschen lassen, sondern muss bei Anzeichen eines manifesten Schockgeschehens (Tab. 1) stark blutende intrathorakale oder abdominelle Verletzungen antizipieren. Im Gegensatz zu penetrierenden Torsoverletzungen, lassen sich Blutungen bei penetrierenden Extremitätenverletzungen gut durch Hochlagerung und manuellen Druck oder Anlage eines Druckverbandes behandeln. Kann durch Kompressionsbehandlung keine ausreichende Blutstillung erreicht werden, sollte nach den neuesten Empfehlungen des Advanced Trauma Life Support (ATLS®) ein Tourniquet angelegt werden. Hierzu kann z. B. das „Combat Application Tourniquet“ (CAT) -System genutzt werden, bei dem ein an einer Kompressionsbinde befestigter Knebel bis zum Sistieren der Blutung gedreht wird. Dieses Vorgehen wird durch Militärstudien gestützt, die bei nicht kontrollierbaren Extremitätenblutungen zeigten, dass die Vorteile eines adäquaten Tourniquets gegenüber den Risiken deutlich überwiegen [2]. Der Anlagezeitpunkt sollte dokumentiert und den nachbehandelnden Kollegen übergeben werden. [17]

Tab. 1

Erkennen und Einschätzen des Schocks. (Mod. nach [1])

Schockzustand

Klasse 1

Klasse 2

Klasse 3

Klasse 4

Blutverlust (ml)

<750

750–1500

1500–2000

>2000

Herzfrequenz (pro min)

<100

>100

>120

>140

Blutdruck

Normal

↓↓

↓↓↓

Atemfrequenz (pro min)

14–20

20–30

30–40

>40

Mentaler Zustand

Verwirrt

Verwirrt

Ängstlich

Lethargisch

Bei penetrierenden Torsoverletzungen wird im Rahmen von Stich- oder Pfählungsverletzungen empfohlen, verbliebende Stich-/Fremdkörper in situ zu belassen, um eine mögliche Tamponade der Wunde nicht aufzuheben (Abb. 1).

Abb. 1

Stichverletzung des Thorax im Schockraum. Das Messer ist in situ belassen worden, der Patient im kompensierten Schockzustand

In der präklinischen Notfallversorgung werden zwei verschiedene Grundstrategien unterschieden:
  • die „stay and play“-Strategie sowie

  • die „scoop and run“-Strategie.

Die „stay and play“-Strategie impliziert, dass der Notarzt versucht, den Patienten vor Ort kardiopulmonal zu stabilisieren, um sekundär hypoxisch bedingte Organschäden zu minimieren. Es zeigte sich jedoch, dass diese Strategie bei penetrierenden Verletzungen mit hämodynamischer Instabilität der „scoop and run“-Strategie unterlegen ist [11, 15]. Die „scoop and run“-Strategie beruht auf der Annahme, dass das Outcome eines hämodynamisch instabilen Patienten durch eine möglichst schnelle operative Versorgung erheblich verbessert werden kann.

Bei der „scoop and run“-Strategie werden die Vitalparameter nach ABC-Schema gesichert und der Patient schnellstmöglich in die Klinik transportiert.

Eine hämodynamische Stabilisierung des Patienten, z. B. mittels Volumengabe, wird im Rahmen dieser Strategie nicht angestrebt, sondern das Konzept der permissiven Hypotonie mit kontrollierter Volumengabe und einem systolischen Zieldruck von 80–90 mmHg umgesetzt. Bei Patienten mit penetrierenden Verletzungen des Körperstammes ist von einer Flüssigkeitssubstitution eher Abstand zu nehmen [4]. Theoretischer Hintergrund des Konzeptes der permissiven Hypotonie ist, dass durch die Gabe von intravenöser Flüssigkeit Gerinnungsfaktoren verdünnt und die Thrombozytenaggregation beeinflusst wird. Dies in Kombination mit der Anhebung des systolischen Blutdruckes kann zur Verstärkung einer Blutung führen. Mittlerweile konnte in mehreren Tiermodellen eine Senkung der Mortalität durch die Strategie der permissiven Hypotension gezeigt werden [12]. Jedoch steht der Nachweis, dass die permissive Hypotension beim Traumapatienten anderen Modellen der Volumensubstitution überlegen ist, derzeit noch aus [14].

Klinik

Grundsätzlich richtet sich auch bei penetrierenden Verletzungen das klinische Vorgehen nach dem ATLS®-Schema. Nachfolgend wird jedoch aus didaktischen Gründen eine anatomische Gliederung vorgenommen.

Thoraxverletzungen

Penetrierende Verletzungen des Thorax sind aufgrund der anatomischen Enge von großen Gefäßen und Organen oft lebensgefährlich. Nicht gedeckte Massenblutungen der großen thorakalen Gefäße sind meist letal, ebenso erreichen Patienten mit großen Perforationen der Herzkammern die Klinik selten lebend.

Penetrierende Verletzungen des Thorax sind oft lebensgefährlich

Die häufigsten lebensbedrohlichen Thoraxverletzungen lassen sich meist durch eine klinische Untersuchung kombiniert mit einfachen apparativen Verfahren schnell diagnostizieren. Mit Hilfe der Auskultation kann sicher und schnell eine einseitige Minderbelüftung identifiziert werden, wobei hier differenzialdiagnostisch an einen Hämato-, Spannungs- oder Pneumothorax aber auch an eine Fehlintubation zu denken ist. Ergänzt durch eine Thoraxröntgenaufnahme kann die entsprechende Diagnose gestellt und weitere wichtige Informationen, wie etwa über mediastinale Verbreiterungen oder den Verbleib von Projektilen und Fremdkörpern gewonnen werden (Abb. 2).

Abb. 2

Thoraxröntgenaufnahme, a.p.-Strahlengang. Schussverletzung mit Projektilen in der linken Lunge, eingelegte Thoraxdrainagen beidseits

Die klinische Diagnose einer Herzbeuteltamponade ist schwierig, wobei das Erkennen der klassischen Beck-Trias (gedämpfte Herztöne, gestaute Jugularvenen und volumenresistente Hypotension) in unruhiger Umgebung häufig nur eingeschränkt möglich ist. Häufig wird eine Herzbeuteltamponade aufgrund der Hypotension im Rahmen von penetrierenden Verletzungen als hämorrhagischer Schock fehlgedeutet. Eine sichere Diagnose kann jedoch meist im Rahmen der Sonographie nach „focused abdominal sonography for trauma“ (FAST) -Schema erfolgen [21]. Auch wenn CT-Untersuchungen sicherlich die höchste Sensitivität aufweisen, insbesondere bei der Erkennung mediastinaler Verletzungen, sind sie bei hämodynamisch instabilen Patienten nicht indiziert.

Die Diagnose einer Herzbeuteltamponade kann mittels FAST-Schema erfolgen

Über 80% aller penetrierenden Thoraxverletzungen können durch Anlage einer Thoraxdrainage suffizient behandelt werden. Die Drainage wird unter sterilen Kautelen bevorzugt in Bülau-Position angelegt und danach unter Sog gesetzt (maximal 20 cm H2O). Anschließend erfolgt die Lagekontrolle durch eine Röntgenaufnahme. Sollte trotz korrekt einliegender Drainage ein größerer Pneumo- oder Hämatothorax persistieren, muss eine zweite Drainage angelegt werden. Einige Autoren schlagen bei ausgeprägtem Hämatothorax das zwischenzeitliche Abklemmen der Drainage vor, um eine Tamponade zu erreichen. Dieses Vorgehen erscheint aus unserer Sicht nicht sinnvoll, da das Erreichen einer thorakalen Selbsttamponade fraglich ist. Stattdessen ist bei initialem Verlust von über 1,5 l Blut oder mehr als 250 ml Blut pro h über eine Dauer von 4 h eine Thorakotomie indiziert [21].

Eine Notfallthorakotomie im Schockraum ist im Rahmen von penetrierenden Thoraxverletzungen nach den aktuellen Richtlinien des American College of Surgeons bei folgenden Indikationen durchzuführen:
  1. 1.

    Patienten mit penetrierenden Verletzungen des Herzens, die das Krankenhaus kurzfristig nach dem Trauma erreichen und objektive Lebenszeichen wie Pupillenreflexe, Sponanatmung oder einen messbaren Blutdruck zeigen.

     
  2. 2.

    Instabile Patienten mit penetrierenden Thoraxverletzungen ohne offensichtliche Herzbeteiligung sollten trotz geringer Überlebensraten ebenfalls thorakotomiert werden. Oft können Herzverletzungen klinisch übersehen werden und erst durch die Thorakotomie festgestellt werden.

     
  3. 3.

    Patienten im schweren hämorrhagischen Schock mit abdominellen Gefäßverletzungen können ebenfalls von einer Thorakotomie (z. B. mit kurzfristigem Abklemmen der Aorta descendens) zur Ergänzung der definitiven Blutstillung profitieren. Aufgrund der schlechten Überlebensprognose sollte die Indikation jedoch genau geprüft werden.

     

Als weitere Indikationen werden genannt: Akute Verschlechterung der Kreislaufsituation bei unkontrollierbarer Blutung aus der Thoraxwunde, bei Verdacht auf Verletzung der Subklaviagefäße mit intrapleuraler Verblutung sowie massivem Hämatothorax [23].

Für die Notfallindikation wird bevorzugt die anterolaterale Thorakotomie im 4. oder 5. Interkostalraum (ICR) durchgeführt. Bei massiver Blutung aus einer Lungenverletzung kann mit einer Klemme der betroffene Hilus abgeklemmt werden. Liegt eine stark blutende Verletzung des Herzens oder eine Perikardtamponade vor, wird das Perikard longitudinal eröffnet, das Blut ausgeräumt und die Blutungsquelle mittels Fingerdruck, Klemme oder durch Einlegen eines Blasenkatheters mit nachfolgendem Aufblasen des Ballons verschlossen und anschließend übernäht. Zudem erlaubt die Thorakotomie die offene Herzmassage. Ein Abklemmen der Aorta descendens kann hierbei zu einer verbesserten Durchblutung von Myokard und Gehirn führen sowie massive Blutungen unterhalb des Zwerchfellniveaus kontrollieren helfen.

Im Notfall wird bevorzugt die anterolaterale Thorakotomie im 4./5. ICR durchgeführt

Ein Algorithmus zur Therapie der kreislaufinstabilen thorakalen Penetrationsverletzung ist in Abb. 3 dargestellt.

Abb. 3

Therapie der kreislaufinstabilen thorakalen Penetrationsverletzung

Abdominalverletzungen

Jede penetrierende Verletzung zwischen Mamille und Gesäß kann zu einer intraperitonealen Verletzung führen. Die Wahrscheinlichkeit für eine Peritonealperforation bei abdominellen Schussverletzungen liegt bei bis zu 96% und für Stichverletzungen immerhin noch bei 65–75% [9]. Nicht jede Penetration des Peritoneums verursacht eine intraabdominelle Blutung, jedoch ist die Wahrscheinlichkeit hierfür bei Schussverletzungen aufgrund des höheren Energietransfers sehr viel höher.

Für die Festlegung des weiteren Vorgehens ist das schnelle Erkennen von hämodynamisch wirksamen intraabdominellen Blutungen von größter Bedeutung. Hierbei wird der klinischen Untersuchung, insbesondere der Detektion einer Abwehrspannung, eine hohe Wertigkeit zugesprochen. Eine Sensitivität und Spezifität von 95% für freie Flüssigkeit wird für die Abdomensonographie beschrieben. Aufgrund der schnellen Anwendbarkeit und der nichtinvasiven Methode hat die FAST-Sonographie die Peritoneallavage abgelöst [19], jedoch können mit diesem Verfahren Organverletzungen nicht sicher ausgeschlossen werden. Eine Computertomographie (CT) mit Kontrastmittel, die Organverletzungen mit hoher Sensitivität aufdecken kann, ist wiederum nur beim hämodynamisch stabilen Patienten indiziert.

Die Abdomensonographie hat eine Sensitivität und Spezifität von 95% für freie Flüssigkeit

Bis vor wenigen Jahren war die penetrierende Verletzung des Abdomens eine absolute Indikation zur Laparotomie. Zunehmend wird jedoch ein selektives Vorgehen bevorzugt, um die Zahl der Laparotomien ohne Nachweis von Organverletzungen zu minimieren. Absolute Indikationen zur Laparotomie sind Verletzungen, die zu hämodynamischer Instabilität mit freier abdomineller Flüssigkeit, Peritonismus, der Entleerung von Darminhalt über die Wunde oder Eviszeration von Darm oder Netzanteilen führen [13]. Fehlen diese Symptome kann ein konservatives Vorgehen mit engmaschigen klinischen und sonographischen Kontrollen erwogen werden [8]. Das konservative Vorgehen setzt jedoch eine größere Erfahrung der Behandelnden voraus. Aufgrund der hohen Verletzungswahrscheinlichkeit und der eingeschränkten Erfahrung in Europa ist die Indikation zur operativen Revision bei Schussverletzungen sehr großzügig zu stellen. Lediglich bei Tangential- oder Streifschüssen sowie isolierten Leberverletzungen ist ein konservatives Vorgehen bei Kreislaufstabilität beschrieben worden [13]. Einzelne Publikationen beschreiben jedoch ein konservatives Vorgehen bei penetrierenden Monoverletzungen der Leber Grad I–II mit Schockzeichen, die auf eine Volumengabe gut reagieren („responder“; [6]). Hintergrund ist die mögliche Selbsttamponade eines intrahepatischen Hämatoms.

Intraabdominelle Verletzungen bei hämodynamisch instabilen Patienten werden initial nach der „damage control surgery“-Strategie versorgt.

Die „damage control“-Laparotomie beinhaltet 5 Schritte:
  1. 1.

    Blutungskontrolle durch temporäres „packing“ und manuelle Kompression,

     
  2. 2.

    Exploration,

     
  3. 3.

    Kontaminationskontrolle durch Abstaplen von verletzten Darmabschnitten,

     
  4. 4.

    definitives „packing“ sowie

     
  5. 5.

    temporärer Bauchdeckenverschluss.

     

Im Rahmen dieser Strategie wird auf zeitaufwändige definitive Versorgungen, die mit einer hohen Gewebetraumatisierung oder intraoperativen Blutung einhergehen, verzichtet. Die definitive Versorgung der Patienten erfolgt dann in einer Sekundärphase, nachdem der Patient auf der Intensivstation stabilisiert wurde.

Verletzungen der Extremitäten

Verletzungen großer stammnaher Arterien können auch bei penetrierenden Verletzungen der Extremitäten eine lebensbedrohliche Blutung hervorrufen. Gefäßverletzungen und instabile Frakturen stellen die Indikationen zur sofortigen operativen Versorgung dar.

Bei nicht kontrollierbaren Blutungen im Bereich der Extremitäten muss die Amputation in Erwägung gezogen werden („life before limb“).

Ansonsten ist bei Gefäßverletzungen die spannungsfreie Direktnaht zu favorisieren, welche jedoch leider häufig nicht möglich ist, weshalb ein Veneninterponat oder eine Gefäßprothese eingesetzt werden müssen. Im Rahmen des akuten hämorrhagischen Schocks kann auch im Sinne der „damage control“-Strategie ein endovaskulärer Stent oder eine intraluminale Shunt-Insertion erfolgen, bis der klinische Zustand eine definitive operative Versorgung erlaubt. Ebenso können arterielle Gefäßäste durch radiologisch gestützte Embolisation verschlossen werden.

Volumentherapie

Bei ausgedehnten Blutungen nach penetrierenden Verletzungen ist eine Transfusion von Blutprodukten unumgänglich. Diese sollte möglichst frühzeitig begonnen werden, um Gerinnungsstörungen zu vermeiden. Präklinisch stehen zum Volumenersatz jedoch lediglich kristalloide und kolloidale Flüssigkeiten zur Verfügung. Obwohl Kolloide aufgrund ihres höheren Molekulargewichtes länger im Intravasalraum verbleiben, konnte in einer Metaanalyse ein Vorteil der kristalloiden Lösungen im Rahmen der Traumaversorgung gezeigt werden [20]. Zunehmend haben hypertone Kochsalzlösungen, in Deutschland als 7,5%ige Kochsalzlösung in Kombination mit Hydroxyethylstärke (HAES) und Dextran 70 (6%), in der präklinischen Traumaversorgung an Bedeutung gewonnen. Diese wirken durch Mobilisation vor allem interstitieller Flüssigkeit zugunsten des intravasalen Volumens. Angewendet werden sie als einmalige Bolusgabe von 4 ml/kg Körpergewicht (KG); dies wird deshalb auch auch „small volume resuscitation“ bezeichnet. Bei hypotonen Patienten nach penetrierenden Verletzungen konnten Wade et al. [22] zeigen, dass die Infusion hypertoner Lösungen einen Überlebensvorteil zeigt. Im Gegenteil dazu wurde aktuell in den USA eine große randomisierte Studie des National Heart, Lung and Blood Institute of Health (NHLBI) gestoppt, in der beim hämorrhagischen Schock eine hypertone Lösung gegen eine normotone Kochsalzlösung getestet wurde. Sie zeigte keinen Unterschied in der kumulativen Mortalität nach 28 Tagen, jedoch war die Sterblichkeit in der frühen Phase in der Gruppe mit hypertoner Lösung erhöht [7]. Der Vorteil der „small volume resuscitation“ bei schweren Blutungen muss daher nach derzeitigem Stand in Frage gestellt werden.

Bei ausgedehnten Blutungen nach penetrierenden Verletzungen müssen Blutprodukte transfundiert werden

Nach Eintreffen in der Klink ist die Transfusion von Erythrozytenkonzentraten (EK) und „fresh frozen plasma“ (FFP) im Verhältnis 1:1 der Volumenersatz der Wahl. Zur notfallmäßigen Massentransfusion bieten sich Schnellinfusionsgeräte an (z. B. Ranger®, Arizant Healthcare Inc., Eden Prairie, MN/USA; Level 1®, Level 1 Technologies Inc., Rockland, MA/USA; RIS®, Haemonetics, Braintree, MA), die gleichzeitig die Konserven anwärmen und unter Druck infundieren. Ebenso ist eine möglichst frühzeitige Gerinnungstherapie zu empfehlen. Hierzu bietet sich zusätzlich zu den gefrorenen Frischplasmen vor allem Fibrinogen an [16], da es als erster Gerinnungsfaktor auf kritische Werte abfällt. Die Substitution von Thrombozyten beim Schwerverletzten wird von vielen Fachgesellschaften bei Werten <50.000/µl empfohlen [10]. Eine in der Notfallsituation gut nutzbare Faustformel stellt das Verhältnis von 6:6:1 (EK:FFP:Thrombozytenkonzentrat) dar.

Ein wichtiges Hilfsmittel zum gezielten Anpassen der Gerinnungstherapie kann die Durchführung eines Thrombelastogrammes sein [18]. Der Einsatz von rekombinantem aktiviertem Faktor VIIa (NovoSeven®, Novo Nordisk, Bagsvaerd, Denmark) bei anders nicht kontrollierbaren Blutungen scheint nach derzeitiger Datenlage den Transfusionsbedarf bei stumpfen Traumata senken zu können. Jedoch konnte kein positiver Effekt auf die Sterblichkeit nachgewiesen werden. Für penetrierende Verletzungen konnten keinerlei statistisch signifikanten Unterschiede gefunden werden [5] weshalb der „Off-Label-Use“ von rFVIIa daher aus Sicht der Autoren bei penetrierenden Traumata besonders kritisch zu sehen ist.

Hervorzuheben ist, dass jegliche Volumenersatz- wie Gerinnungstherapie die kausale Therapie der chirurgischen Blutstillung weder verzögern noch ersetzen darf.

Aussichten

Kommt es im Rahmen einer nicht stillbaren Blutung zu einem Herz-Kreislauf-Stillstand, wird derzeit eine nahezu 100%ige Mortalität, trotz Flüssigkeitszufuhr und Notfallthorakotomie, beschrieben. Ende des letzten Jahrtausends entwickelte die Arbeitsgruppe um Dr. Bellamy und Dr. Safar im Auftrag der United States Navy ein Konzept, um verblutende Soldaten auf dem Schlachtfeld trotz Exsanguination vor hypoxischen Organschäden und dem Tod zu bewahren [3]. Dieses Konzept des sog. „suspended animation“ (Scheintod) beruht auf einer schlagartigen Abkühlung des Organismus auf 5–10°C durch intraaortale oder -kardiale Injektion von eiskalten Infusionslösungen und die spätere Wiederbelebung nach Versorgung der Gefäßverletzung. Das Zeitfenster für den Herz-Kreislauf-Stillstand unter „suspended animation“ wird im Großtiermodell derzeit auf 60 min festgelegt, ohne dass nach der Wiederbelebung neurologische Schäden auftreten. Problematisch ist derzeit jedoch noch die Übertragung dieses Verfahrens auf die präklinische Situation: zum einen müssen ausreichend kalte (4°C) Infusionslösungen zur Verfügung stehen, zum anderen muss ein sicherer aber schneller Zugang zum arteriellen Gefäßsystem geschaffen werden. Derzeit erscheint das Konzept des „suspended animation“ noch Zukunftsvision, einmal präklinisch umsetzbar könnte es jedoch die präklinische Versorgung des schweren hämorrhagischen Schocks grundlegend verändern.

Interessenkonflikt

Der korrespondierende Autor gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Copyright information

© Springer Medizin Verlag 2009

Authors and Affiliations

  1. 1.Klinik für UnfallchirurgieUniversitätsklinikum AachenAachenDeutschland
  2. 2.Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Schwerpunkt UnfallchirurgieUniversitätsklinikum AachenAachenDeutschland

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