Notfall + Rettungsmedizin

, Volume 10, Issue 4, pp 266–272

Kompetenzentwicklung im Rettungsdienst

Ein Pilotprojekt zur erweiterten Notfalltherapie durch Rettungsassistenten

Authors

    • Klinik für Anästhesie und IntensivtherapieUniversitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH,Standort Marburg
    • Zentrum für NotfallmedizinUniversitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH,Standort Marburg
  • I. Greb
    • Klinik für Anästhesie und IntensivtherapieUniversitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH,Standort Marburg
  • E. Wranze
    • Fachbereich Gefahrenabwehr, Landkreis Marburg-Biedenkopf
  • H. Hartmann
    • DRK Rettungsdienst Mittelhessen gGmbH
  • H.P. Hündorf
    • DRK Rettungsdienst Mittelhessen gGmbH
    • Bildungszentrum Marburg
  • B. Gliwitzky
    • Bildungszentrum Marburg
  • H. Wulf
    • Klinik für Anästhesie und IntensivtherapieUniversitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH,Standort Marburg
Originalien

DOI: 10.1007/s10049-007-0919-2

Cite this article as:
Kill, C., Greb, I., Wranze, E. et al. Notfall Rettungsmed (2007) 10: 266. doi:10.1007/s10049-007-0919-2

Zusammenfassung

Empfehlungen der Bundesärztekammer sehen den Einsatz ausgewählter Notfallmedikamente durch Rettungsassistenten auch vor Eintreffen eines Arztes vor. Daten zur Sicherheit und Praktikabilität im deutschen Rettungsdienst liegen bislang nicht vor. In einem Pilotprojekt wurden Rettungsassistenten weiterqualifiziert, um algorithmisierte Versorgungsaufträge einschließlich medikamentöser Therapie selbständig durchführen zu können. Methodik. Nach einem strukturierten Auswahlverfahren wurden 15 Rettungsassistenten mit Berufserfahrung ≥3 Jahren in der Anwendung spezifischer Behandlungsalgorithmen (Extremitätentrauma, Bewusstseinsstörung, akutes Koronarsyndrom) geschult. Die Schulung bestand aus einer eintägigen theoretischen Unterrichtung, Training im Anästhesievollsimulator sowie einem 3-tägigem Anästhesiepraktikum und Lernzielkontrolle. Über ein „Call-back-System“ war einer der beiden projektbetreuenden Notärzte ständig erreichbar. Ergebnisse. Im Untersuchungszeitraum 01.01.–31.12.2005 wurden insgesamt 38 Patienten (Trauma 25, akutes Koronarsyndrom 10, Hypoglykämie 3) gemäß Algorithmen versorgt. Von 25 Patienten mit Trauma konnte bei 9 allein durch achsengerechte Extension eine ausreichende Schmerzlinderung erzielt werden. 16 Patienten erhielten Morphin i.v. (Mittel 8,6±4,4 mg), davon erfolgte bei 7 Patienten eine Weiterbehandlung durch den Notarzt, 9 Patienten wurden nach Analgesie ohne notärztliche Behandlung in die Klinik transportiert. Es wurden keine relevanten Komplikationen dokumentiert. Schlussfolgerungen. Die durchgeführte Qualifizierungsmaßnahme erscheint geeignet, ausgewählte Rettungsassistenten mit der Anwendung erweiterter medizinischer Maßnahmen vor Behandlungsübernahme durch den Arzt zu beauftragen.

Schlüsselwörter

RettungsassistentenNotfalltherapieNotkompetenzBehandlungsalgorithmen

Advanced emergency treatment by paramedics: A pilot project in German Emergency Medical Service

Abstract

The German medical association recommends the use of selected medications for emergency treatment by paramedics. There exists no data proving safety and effectiveness. In a pilot project paramedics were trained in advanced emergency treatment using algorithms for selected emergency situations. Methods. 15 paramedics with a professional experience of at least 3 yrs underwent an additional training in the use of algorithms for “extremity trauma”, “unconsciousness” and “acute coronary syndrome”. For safety and legal reasons, a “call-back” system was established providing medical support by telephone at any time. Results. In the study period 01.01.–31.12.2005 in total 38 patients (trauma 25, acute coronary syndrome 10, hypoglycemia 3) were treated according the algorithms. Out of the 25 patients with extremity trauma in 9 patients the extension of the injured extremity caused sufficient analgesia. 16 patients received morphine IV (mean 8,6±4,4 mg), 9 of them without presence of an emergency physician in the field. No major complications could be observed in any patient. Conclusions. The advanced training of preselected paramedics enables the performance of emergency medical treatment in selected situations. Analgesia with morphine is safe and effective when used by trained paramedics in the field.

Keywords

ParamedicsEmergency treatmentEmergency competenceTreatment algorithms

Die selbständige Anwendung erweiterter Notfalltherapieverfahren durch Rettungsassistenten ist seit Jahren Gegenstand zahlreicher, zumeist berufspolitisch geprägter Diskussionen. Während die Bundesärztekammer die Anwendung ausgewählter Verfahren durch Rettungsassistenten grundsätzlich befürwortet, bleibt die praktische Umsetzung der vorliegenden Empfehlungen berufsständischer Vereinigungen nach wie vor unklar [1, 2]. Insbesondere bei der Durchführung nicht unmittelbar lebensrettender erweiterter Maßnahmen ist der sicher delegierbare Behandlungsumfang mangels Daten unbekannt. Ferner bleibt bis heute die Frage unbeantwortet, an welcher Stelle die Weiterbehandlung durch einen Arzt nach erfolgreicher Notfalltherapie durch Rettungsassistenten zu erfolgen hat, nämlich durch einen Notarzt am Einsatzort oder durch den aufnehmenden Arzt einer Klinik.

Das vorliegende Pilotprojekt diente der Überprüfung eines Konzepts zur betrieblichen Weiterqualifizierung von Rettungsassistenten für die Durchführung erweiterter Notfalltherapie.

Methodik

Auf der Grundlage nationaler repräsentativer Einsatzdaten wurden die 3 häufigsten Einsatzereignisse für RTW-Einsätze erfasst, bei denen regelmäßig eine Anwendung von Notfallmedikamenten einschließlich Infusionslösungen durchgeführt wurde [14]. Dies umfasste die Notfallereignisse „Extremitätentrauma“, „akute Bewusstseinsstörung“ sowie „akutes Koronarsyndrom“. Zur Versorgung dieser Einsatzereignisse wurden ein universeller „Startalgorithmus“ (Abb. 1) sowie situationsspezifische Behandlungsalgorithmen entwickelt (Abb. 2 Abb. 3). Für die Entwicklung der Behandlungsalgorithmen wurden folgende Ziele definiert:
  • Sicherstellung maximaler Patientensicherheit,

  • Vermeidung iatrogener Beeinträchtigung von Vitalfunktionen,

  • universelle Anwendbarkeit bezüglich Situation, Patientenalter und Begleitumstände,

  • Verwendung möglichst weniger Substanzen,

  • klare Entscheidungsräume und -grenzen.

Abb. 1

Startalgorithmus

Abb. 2

Algorithmus Extremitätentrauma

Abb. 3

Algorithmus Bewusstseinsstörung

Diese Ziele fanden in den Behandlungsalgorithmen u. a. durch folgende Komponenten Berücksichtigung:

In allen Behandlungsalgorithmen finden sich als Sicherheitsgrenzen für Medikamentendosierung und Notarzteinbindung multifaktorielle Parametermuster, bei denen durch redundante, voneinander unabhängige Messwerte maximale Sicherheit zur Erkennung von Komplikationen gewährleistet wird (z. B. SpO2 plus Atemfrequenz).

Als alleiniges Analgetikum wird Morphin intravenös verdünnt titriert verwendet. Gründe hierfür sind neben der universellen Anwendbarkeit sowohl beim Trauma als auch beim akuten Koronarsyndrom, die im Vergleich zu Fentanyl geringere Atemdepression sowie längere Wirkdauer. Dadurch können repetitive Dosierungen, die zu schwer definierbaren Gesamtdosen führen, vermieden werden. Im Vergleich zu Ketamin bleibt bei der Gabe von Morphin die Vigilanz beurteilbar, es ist keine vorherige Gabe eines Benzodiazepins erforderlich. Die langsame Titration des Morphins vermeidet Übelkeit und verhindert individuelle Überdosierungen.

Alle Behandlungsalgorithmen beinhalten Entscheidungskriterien für die obligate Hinzuziehung des Notarztes in Abhängigkeit von Patientenzustand und Interventionserfolg.

Auswahl der Rettungsassistenten

Für das Pilotprojekt wurden Rettungsassistenten in einem strukturierten Auswahlverfahren gewonnen. Voraussetzung waren mindestens 3 Jahre vollzeitige Berufserfahrung und ein hauptamtliches Beschäftigungsverhältnis. Für das strukturierte Auswahlverfahren erfolgte eine verblindete, persönliche Einschätzung aller im Betrieb solchermaßen qualifizierten Mitarbeiter durch den Personalvorgesetzten sowie die beiden projektbetreuenden Notärzte in die Stufen A (geeignet), B (bedingt geeignet) und C (ungeeignet). Alle Rettungsassistenten, deren Einstufung A-A-A oder A-A-B betrug, wurden zur freiwilligen Teilnahme eingeladen.

Von den so formal vorausgewählten Rettungsassistenten wurden 15 an dem Projekt beteiligt. Von diesen waren 11 übergeleitete Rettungsassistenten und 4 Rettungsassistenten mit 2-jähriger Ausbildung. Es erfolgte eine Schulung bestehend aus eintägiger theoretischer Unterrichtung mit Lernzielkontrolle (8 Unterrichtseinheiten), einem Training im Anästhesievollsimulator sowie einem 3-tägigen Anästhesiepraktikum. Die Schulung wurde von der staatlich anerkannten betrieblichen Rettungsassistentenschule unter Beteiligung der projektbetreuenden Notärzte durchgeführt. Die theoretische Lernzielkontrolle bestand aus einer schriftlichen Klausur im Antwortauswahlverfahren. Im Anästhesievollsimulator wurden in Gruppen zu je 7 bzw. 8 Rettungsassistenten Fallbeispiele unter Anwendung der geschulten Algorithmen simuliert. Das Anästhesiepraktikum erfolgte in Zusammenarbeit mit den den Rettungsassistenten persönlich vorbekannten, notärztlich tätigen Anästhesisten als Mentoren im Operationssaal.

Zur juristischen Absicherung bei der Gabe von Betäubungsmitteln (Morphin) im Sinne einer Einzelfallanordnung und zur jederzeitigen Sicherstellung eines verantwortlichen Ansprechpartners wurde ein „Call-back-System“ eingerichtet, über das einer der beiden projektbetreuenden Notärzte ständig erreichbar war.

Datenerfassung

Die Dokumentation der Einsätze erfolgte mittels DIVI-Notarzteinsatzprotokoll (Version 4.2). Weiterhin wurde jeder Einsatz gemäß der festgelegten Ereignisgruppen mittels eines elektronischen Erfassungsbelegs unmittelbar nach Einsatzabschluss im Intranet des Rettungsdienstes hinterlegt.

Vor Beginn der Versorgung am Einsatzort mussten alle Patienten an das Vitaldatenmonitoring (EKG, SpO2, manuelle Blutdruckmessung mindestens alle 5 min) angeschlossen werden und mit O2-Gabe (6 l/min) versorgt werden. Die Übertragung der Messwerte in das DIVI-Notarzteinsatzprotokoll erfolgte manuell.

Eingeschlossen in die Einsatzdatenerfassung des Projekts wurden alle Einsätze, die jedes der folgenden Kriterien erfüllten:
  • RTW-Notfalleinsatz (Anfahrt mit oder ohne Sonderrechten),

  • verantwortlicher Rettungsassistent Teilnehmer des Pilotprojekts,

  • Primäreinsatz (ohne Einsatzort Arztpraxis),

  • Zeitraum vom 01.01.2005 bis 31.12.2005.

Ergebnisse

Im Untersuchungszeitraum wurden von den Projektteilnehmern insgesamt 1186 Einsätze mit dem Rettungswagen abgewickelt, davon waren 678 Einsätze ohne weitere Rettungsmittel („Solo-Einsatz“). Bei 361 Einsätzen traf zeitgleich oder in weniger als 5 min nach dem RTW der Notarzt (NEF) an der Einsatzstelle ein, bei 147 Einsätzen traf der Notarzt 5 oder mehr Minuten nach dem RTW ein. Somit ergaben sich 825 Einsätze, bei denen entweder gar kein Notarzt oder der Notarzt erst mit deutlicher Verzögerung beteiligt war. Von diesen 825 Patienten wurden 25 gemäß dem Algorithmus „Extremitätentrauma“ versorgt, 10 Patienten gemäß Behandlungsalgorithmus „akutes Koronarsyndrom“ sowie 3 Patienten mit Notfalltherapie einer Hypoglykämie gemäß Behandlungsalgorithmus „akute Bewusstseinsstörung“.

Die weitere Ergebnisdarstellung beschreibt das Kollektiv der 25 Patienten mit Extremitätentrauma. Hiervon konnte bei 9 Patienten allein durch achsengerechte Extension eine ausreichende Schmerzlinderung erzielt werden. 16 Patienten erhielten Morphin intravenös, das mittlere Alter betrug 55 Jahre (min. 13, max. 95). Durchschnittlich waren 8,6 mg Morphin zur Analgesie erforderlich (±4,4 mg). Bei 7 Patienten erfolgte eine Weiterbehandlung durch den Notarzt, 9 der Patienten wurden nach Analgesie ohne zusätzliche notärztliche Behandlung in die Klinik transportiert (Abb. 4).

Abb. 4

Behandlungsform Extremitätentrauma

Alle Patienten konnten mit dem vorgesehenen Analgesieschema ausreichend versorgt werden.

Weitergehende Interventionen wurden auch bei den notärztlich weiterversorgten Patienten nicht durchgeführt. Bei allen Patienten war die initiale, fraktionierte Morphingabe für die Analgesie während der gesamten Einsatzdauer ausreichend, spätere Repetitionsgaben beispielsweise während des Transports erfolgten nicht. Tab. 1 zeigt den Verlauf der Vitalparameter der Patienten, eine Überschreitung der vordefinierten Sicherheitsgrenzen konnte zu keiner Zeit beobachtet werden. Bei einem Patienten bestand bereits vor Analgesie eine deutliche Übelkeit, die mit 10 mg Metoclopramid behandelt wurde. Ein Patient beschrieb unter Morphinapplikation leichte Übelkeit ohne diesbezügliche Intervention. Weitergehende Nebenwirkungen oder Komplikationen sind nicht berichtet worden.

Bei keinem Patienten wurden durch den weiterbehandelnden Not- oder Klinikarzt Mängel in der Durchführung der erweiterten Maßnahmen festgestellt.

Tab. 1

Vitalparameter bei Patienten unter Analgesie mit Morphin (n=16)

Parameter

Erstbefund

Übergabe

Herzfrequenz [1/min]

Mittelwert

86

83

Maximum

110

100

Minimum

60

60

Systolischer Blutdruck [mmHg]

Mittelwert

140

131

Maximum

190

180

Minimum

110

100

Sauerstoffsättigung [%]

Mittelwert

96

97

Maximum

99

99

Minimum

92

94

Glasgow Coma Score (Minimum)

15

15

Diskussion

Die Durchführung erweiterter Maßnahmen durch Rettungsassistenten ist seit langem Gegenstand überwiegend berufspolitischer Diskussionen. Wenngleich die Bundesärztekammer sich mittlerweile durchaus zu diesem Themenkomplex positioniert hat und auch in Rechtsverordnungen zum Rettungsdienst beispielsweise in Hessen Stellung bezogen wird, so fehlen jedoch im deutschen Rettungsdienst bislang vielerorts präzise Konzepte zur Umsetzung dieser Empfehlungen innerhalb der Leistungserbringer. Daten zur Sicherheit wie auch Praktikabilität fehlten bislang ebenso. Mit dem vorliegenden Pilotprojekt werden erstmals Daten und Erfahrungswerte veröffentlicht, die einen möglichen Weg zur Umsetzung der Empfehlungen beleuchten.

Präklinische Analgesie mit Morphin

Die Stellungnahme des Ausschuss „Notfall-, Katastrophenmedizin und Sanitätswesen“ der Bundesärztekammer vom 20.10.2003 [2] und die erstmalige Aufnahme eines Analgetikums in die Liste der Medikamente, die Rettungsassistenten in der sog. Notkompetenzsituation verabreichen dürfen, haben bezüglich der Wahl des geeigneten Analgetikums für flächendeckende Diskussionen gesorgt. Die Anforderungen, die an ein entsprechendes Analgetikum gestellt werden, scheinen klar definiert. Zum einen muss es eine ausreichend hohe analgetische Potenz aufweisen, um bei ausgeprägten Schmerzzuständen eine adäquate Analgesie zu gewährleisten, zum anderen muss es einen hohen Grad an Sicherheit und geringstmögliche Nebenwirkungen bieten. Die Auswahl des Morphins in der vorliegenden Studie begründet sich in seiner ausreichend hohen Potenz, in seiner universellen Anwendbarkeit sowohl beim Trauma als auch beim akuten Koronarsyndrom und in seiner, bei entsprechender Anwendung, hohen Sicherheit.

Morphin findet auf nationaler und internationaler Ebene weit verbreiteten Einsatz in der präklinischen Notfallmedizin. In Teilen des europäischen Auslands und im angloamerikanischen Raum ist die Applikation von Opiaten (Morphin) durch nichtärztliches Personal in der präklinischen Notfallmedizin längst etabliert. Allerdings zielt die Ausbildung der ganz überwiegend ohne (not)ärztliche Unterstützung tätigen Rettungsdienstmitarbeiter in diesen Ländern auf die Beherrschung algorithmisierbarer und leitsymptomorientierter Notfallversorgung vor der erweiterten, ärztlichen Versorgung in der Klinik ab. Dagegen werden deutsche Rettungsassistenten für einen Einsatz in notarztgestützten Systemen ausgebildet. Auch der Ausbildungsumfang unterscheidet sich teilweise erheblich: So werden beispielsweise in den Niederlanden fachweitergebildete Krankenpfleger mit einer Ausbildung von etwa 5 Jahren im Rettungsdienst als medizinisch Verantwortliche eingesetzt.

Zahlreiche Studien [3, 4, 5, 9, 10, 15, 17] bestätigen die hohe Effizienz, die einfache Handhabung und die hohe Sicherheit von Morphin in der präklinischen Anwendung. In allen angegebenen Studien [4, 5, 9, 10, 15, 16, 17] konnten keine bedeutsamen Komplikationen beschrieben werden, die auf die Applikation von Morphin zurückzuführen waren. Kreislauf- und Atemparameter blieben unter titrierter Applikation im Normbereich [5, 9, 10, 15, 16, 17]. Unerwünschte Nebenwirkungen wie Übelkeit/Erbrechen, Benommenheit oder Urtikaria wurden als selten eingestuft [4, 5, 9, 10, 17]. Im Vergleich mit anderen verwandten Substanzen wie z. B. Fentanyl konnten keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich des Analgesieverlaufs oder unerwünschter Nebenwirkungen nachgewiesen werden [10, 15, 17].

Die Applikation von Morphin durch Paramedics, die eine eingehende und intensive Schulung absolvierten, wurde in den vorliegenden Studien als sicher eingestuft [4, 5, 10, 13, 17]. Die titrierte und langsame intravenöse Gabe von Morphin erscheint demnach als Konzept zur präklinischen Analgesie geeignet. Wenngleich die geringen Fallzahlen des vorliegenden Pilotprojekts nicht zu übereilten Schlussfolgerungen führen sollten, so gab es zumindest im beobachteten Kollektiv keine relevanten Komplikationen, insbesondere kam es zu keinen Störungen der Vitalfunktionen durch die Gabe von Morphin. Die im Startalgorithmus enthaltene Abfrage von Kontraindikationen oder Unverträglichkeiten sowie die in den einzelnen Behandlungsalgorithmen enthaltenen Sicherheitsgrenzen für die Medikamentendosierung unter laufender Überwachung der Vitalfunktionen sollten hier zusätzliche Sicherheit bieten.

Die ausgewählten 3 Notfallsituationen wurden von tatsächlichen Einsatzhäufigkeiten abgeleitet [14]. Dennoch ist die erzielte Fallzahl insgesamt vergleichsweise gering. Hierdurch wird die Aussagekraft der Ergebnisse insbesondere im Hinblick auf die Häufigkeit von Komplikationen naturgemäß limitiert. Die geringe Fallzahl liegt im Wesentlichen darin begründet, dass durch die Art der Personalauswahl Rettungsassistenten geschult wurden, die nicht ausschließlich im Einsatzdienst auf Rettungswagen eingesetzt waren, sondern als Funktionsträger (z. B. Lehrrettungsassistent oder Bereichsleiter) Arbeitszeitanteile außerhalb des Einsatzdienstes oder aber auf arztbesetzten Rettungsmitteln (NEF/ITW) erbracht haben. Wenngleich es nach den vorliegenden Daten im Einsatzspektrum von Rettungswagen relativ viele Extremitätenverletzungen gibt, greift die algorithmisierte Versorgung in diesem Projekt nicht bei Bagatellverletzungen, sondern erst beim klinischen Verdacht auf eine schmerzhafte, knöcherne Verletzung, wodurch ebenfalls die relativ geringe Fallzahl begründet ist.

Ärztliche Weiterbehandlung

Die Frage, wann und an welcher Stelle eine Weiterbehandlung durch einen Arzt nach erfolgreicher Notfalltherapie durch Rettungsassistenten zu erfolgen hat, bleibt anhand der vorliegenden Daten weiterhin zu diskutieren. Im Falle des akuten Koronarsyndroms (ACS) ist das schnellstmöglichste Hinzuziehen eines Arztes in jedem Fall obligat [1]. In den aktuellen Guidelines des European Resuscitation Council vom November 2005 und in den „Leitlinien: ACS“ der deutschen Gesellschaft für Kardiologie (2004), wird grundsätzlich das größte Potenzial zur Senkung der Letalitätsrate im Bereich der Prähospitalphase gesehen [6, 8, 11, 12]. Um alle unnötigen Zeitverluste zu vermeiden, sollte jede Institution, die Patienten mit akutem Koronarsyndrom versorgt, ihre Abläufe weitgehend optimieren [6].

Schmerzen zu bekämpfen, gehört neben der raschen Diagnostik, der Risikobeurteilung und der Abwendung oder Behandlung eines Herzstillstands zu den erklärten Therapiezielen [7]. Die Schmerzbehandlung mit Morphin bei der akuten koronaren Ischämie begründet sich zum einen in der Unterdrückung der Sympathikusaktivierung und der damit verbundenen Herabsetzung des myokardialen Sauerstoffverbrauchs [6], zum anderen trägt sie bei fehlenden Kontraindikationen entscheidend zu einem erhöhten Patientenkomfort bei. Eine frühe Einleitung der Notfalltherapie durch den Rettungsassistenten kann Möglichkeiten schaffen, das therapiefreie Intervall bis zum Eintreffen des Notarztes zu verkürzen. Weiter kann der Behandlungszeitraum, der am Notfallort von Nöten ist, vorverlegt werden. Der Transport kann so unter Umständen früher eingeleitet werden. Dies schafft Möglichkeiten, die prähospitale Versorgungszeit [6] zu verkürzen.

Die Einleitung der Notfalltherapie durch Rettungsassistenten kann das therapiefreie Intervall verkürzen

Im Falle des Extremitätentraumas bei erhaltener Vigilanz und stabilen Vitalparametern ist die telefonische Einbindung eines unmittelbar erreichbaren Arztes („call-back“) zur Einleitung einer analgetischen Therapie durch den Rettungsassistenten (Delegation) eine Option, zusätzliche Rechtssicherheit zu schaffen. Das weitere Hinzuziehen eines Notarztes wäre in diesem Falle nicht zwingend erforderlich, da keine unmittelbare vitale Bedrohung des Patienten vorliegt. Die Weiterbehandlung kann in diesem Fall durch den aufnehmenden Arzt in der Klinik erfolgen. Ebenso kann nach einer erfolgreichen Behandlung eines akuten hypoglykämischen Geschehens, bei wieder erlangter Vigilanz und stabilen Vitalparametern, auf die Nachforderung eines Notarztes verzichtet werden, sofern sich der Patient einer unmittelbaren Weiterbehandlung durch einen Arzt zuführen lässt. So können im Einzelfall notärztliche Ressourcen für tatsächlich vital bedrohte Patienten vorgehalten werden und die für den Patienten nötige Therapie frühzeitiger eingeleitet werden.

Ausblick

Ziel des Pilotprojekts war vorrangig, die Praktikabilität erweiterter algorithmisierter Notfallversorgung durch Rettungsassistenten zu prüfen. Um die bislang vorliegenden ersten Erkenntnisse auf einer breiteren Datenbasis erneut zu evaluieren, findet derzeit eine Ausweitung der Gruppe an weiterqualifizierten Rettungsassistenten unter den gleichen Auswahlkriterien wie in der Pilotgruppe statt. Mit dieser Erhöhung der Anwenderzahl und Fortsetzung des Beobachtungszeitraums sollen aussagekräftigere Fallzahlen für sichere Aussagen zu Wirksamkeit und Sicherheit dieser Verfahrensweisen generiert werden. Dabei soll nicht an der Notwendigkeit zur Vorhaltung von Notarztsystemen im deutschen Rettungsdienst gezweifelt werden, vielmehr sollen notwendige Maßnahmen früher erfolgen und die Verfügbarkeit von Notarztsystemen bei vitalen Indikationen gesichert werden.

Fazit für die Praxis

Die bislang existente Ausbildung deutscher Rettungsassistenten stellt bei selektiver Personalauswahl eine mögliche Grundlage dar, um mit einer nur kurzen Weiterqualifizierung auch die Anwendung einzelner Medikamente in die Notfallversorgung zu integrieren. Die Entwicklung von Behandlungsalgorithmen für häufige Einsatzindikationen ermöglicht den Versorgungsbeginn vor Eintreffen des Notarztes und vermeidet Einsätze von Notarztsystemen bei nicht vital bedrohlichen Ereignissen. Insbesondere die Analgesie beim Extremitätentrauma mit Morphin im deutschen Rettungsdienst sollte an einer größeren Fallzahl auf die Anwendungssicherheit bei Delegation an Rettungsassistenten hin untersucht werden.

Interessenkonflikt

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