Der Onkologe

, Volume 18, Issue 4, pp 355–364

S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie des Prostatakarzinoms

Aktualisierung

Authors

    • Klinik und Poliklinik für UrologieUniversitätsklinikum Carl Gustav Carus, Technische Universität Dresden
  • M. Fröhner
    • Klinik und Poliklinik für UrologieUniversitätsklinikum Carl Gustav Carus, Technische Universität Dresden
CME Zertifizierte Fortbildung

DOI: 10.1007/s00761-012-2216-z

Cite this article as:
Wirth, M. & Fröhner, M. Onkologe (2012) 18: 355. doi:10.1007/s00761-012-2216-z
  • 169 Views

Zusammenfassung

An der Entwicklung der 2009 veröffentlichten S3-Leitlinie zur Früherkennung, Diagnose und Therapie des Prostatakarzinoms waren diverse Organisationen und Fachvertreter beteiligt. Der interdisziplinäre Konsens setzte eine über das Fachgebiet Urologie hinausgehende breite Akzeptanz voraus. Bei der erstmaligen Aktualisierung im Jahr 2011 wurden vorrangig klinisch besonders relevante und potenziell kontroverse Schlüsselfragen bearbeitet. Zu den überarbeiteten Therapieempfehlungen gehören u. a. die zur HIFU (hochintensiv fokussierter Ultraschall) und zur perkutanen bzw. interstitiellen Strahlentherapie. Ein weiteres Gebiet war die Bewertung der neuen Therapieoptionen beim kastrationsresistenten Prostatakarzinom. Die zu erwartenden neuen Erkenntnisse v. a. zur Behandlung des fortgeschrittenen Prostatakarzinoms, zum Prostatakarzinomscreening sowie zur aktiven Überwachung erfordern eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Leitlinie.

Schlüsselwörter

ProstatakarzinomS3-LeitlinieKrebsfrüherkennungScreeningÜberwachung

S3 guidelines for diagnostics and therapy of prostate cancer

Update

Abstract

The S3 guidelines on the early detection, diagnosis and treatment of the different stages of prostate cancer initially published in 2009 were updated in 2011 for the first time. The interdisciplinary consensus findings offer optimal conditions for a broad acceptance even outside the urological community. During the update in 2011, clinically relevant and controversially discussed key questions were prioritized, for example the recommendations concerning early detection and those concerning new diagnostic procedures. Furthermore, treatment recommendations on high intensity focused ultrasound (HIFU) and external and interstitial radiotherapy were revised. Evaluation of the new treatment options for castration-resistant disease was another area of activity. In the years ahead, new data are awaited mainly on the treatment of advanced disease but also on prostate cancer screening and on active surveillance which will require a continuous further development of these guidelines.

Keywords

Prostate cancerS3 guidelinesEarly detection of cancerScreeningSurveillance

1 Lernziele

Nach Lektüre dieses Beitrags
  • ist ihnen die große gesundheitspolitische Bedeutung des Prostatakarzinoms bewusst,

  • sind Ihnen die aus praktischer Sicht wichtigsten Veränderungen der Empfehlungen der im Jahr 2011 aktualisierten S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie des Prostatakarzinoms bekannt,

  • kennen Sie insbesondere die Empfehlungen zur
    • Früherkennung des Prostatakarzinoms,

    • kritischen Bewertung bildgebender Verfahren,

    • neoadjuvanten bzw. adjuvanten Hormontherapie und

    • medikamentösen Therapie des kastrationsresistenten Stadiums,

  • wissen Sie um die potenziell mit einer Therapie verbundenen negativen Auswirkungen auf die Lebensqualität und

  • können Sie Patienten hinsichtlich der Teilnahme an Screeeninguntersuchungen oder aber auch bezüglich Therapiemaßnahmen und -nebenwirkungen beraten.

2 Einleitung

In Deutschland ist das Prostatakarzinom der häufigste bösartige Tumor beim Mann.

Im Jahre 2004 lag die Zahl der Neuerkrankungen bei 58.570, die Zahl der Todesfälle bei 11.135. Damit ist dieser Tumor nach dem Bronchialkarzinom und dem kolorektalen Karzinom die dritthäufigste zum Tode führende Krebserkrankung beim Mann [1]. Die hohe Prävalenz, das auch ohne kurative Therapie häufig zu beobachtende langsame Fortschreiten der Erkrankung und die potenziell mit einer Behandlung verbundenen negativen Auswirkungen auf die Lebensqualität sind für die große gesundheitspolitische Bedeutung dieses Krankheitsbildes verantwortlich.
Das Prostatakarzinom ist die dritthäufigste zum Tode führende Krebserkrankung beim Mann
Die S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie des Prostatakarzinoms ist ein evidenz- und konsensbasiertes Instrument, um Früherkennung, Diagnostik und Behandlung aller Stadien zu verbessern. Sie wendet sich sowohl an die behandelnden Ärzte als auch die potenziell betroffenen Männer. Auf längere Sicht ist es Ziel dieser Leitlinie, die Morbidität und die Mortalität dieser Tumorentität zu senken und die Lebensqualität der betroffenen Patienten durch eine individuell angepasste, angemessene und qualitativ gute Therapie zu verbessern [2]. Die an der Entwicklung dieser Leitlinie beteiligten Organisation sind in Tab. 1 aufgeführt.
Die S3-Leitlinie dient der Verbesserung von Früherkennung, Diagnostik und Behandlung aller Stadien der Prostatakarzinomerkrankung
Tab. 1

An der Entwicklung und Aktualisierung der Leitlinie beteiligte Organisationen. (Nach [2])

Organisation

Abkürzung

Deutsche Gesellschaft für Urologie

DGU

Berufsverband der Deutschen Urologen

BDU

Berufsverband Deutscher Strahlentherapeuten

BVDST

Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie

DEGRO

Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie

DGHO

Deutsche Gesellschaft für Pathologie

DGP

Deutsche Gesellschaft für Nuklearmedizin

DGN

Deutsche Röntgengesellschaft

DRG

Bundesverband Prostatakrebs Selbsthilfe

BPS

Deutsche Krebsgesellschaft

DKG

3 Graduierung der Evidenz und der Empfehlungen

Die Evidenzlevel der in die Leitlinie einfließenden Studien wurden nach den Kriterien des SIGN (Scottish Intercollegiate Guidelines Network; [3]) bewertet. Auf dieser Skala werden insgesamt 4 Stufen mit Untergruppen unterschieden, beginnend bei Stufe 1 + +  (qualitativ hochwertige Metaanalysen oder systematische Übersichtsarbeiten von randomisierten kontrollierten Studien oder randomisierte kontrollierte Studien mit einem sehr geringen Risiko systematischer Fehler) und endend bei Stufe 4 (Expertenmeinung; [2]).

Die Empfehlungen zu diagnostischen oder therapeutischen Maßnahmen wurden in 3 Stärken unterteilt (Tab. 2), welche von den Autoren im Rahmen eines formalen Konsensusverfahrens unter Moderation von Methodikern des Leitlinienprogramms Onkologie und des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin (ÄZQ) konsentiert wurden. Neben den graduierten Empfehlungen wurden auch Statements verabschiedet, die nicht eingestuft (graduiert) waren. Durch dieses Verfahren wurde eine größtmögliche interdisziplinäre Akzeptanz ermöglicht. Klinisch-praktische Erwägungen und Patientenpräferenzen ließen sich so neben der nüchternen Bewertung der internen Validität der Evidenz berücksichtigen.
Eine größtmögliche interdisziplinäre Akzeptanz wurde durch neben den Empfehlungen verabschiedete nichtgraduierte Statements ermöglicht
Tab. 2

Erläuterung der Empfehlungsgrade der S3-Leitlinie. (Nach [2])

Empfehlungsgrad

Beschreibung

Formulierung

Kommentar

A

Starke Empfehlung

Soll

Definiert Therapiestandard (Abweichung erfordert Begründung)

B

Empfehlung

Sollte

Offeriert eine Option, von der auch abgewichen werden kann

0

Offene Empfehlung

Kann

Schwache Empfehlung, Handlungsalternativen sind offen

4 Aktualisierung der Leitlinie

Die S3-Leitlinie wurde erstmals im Jahr 2009 veröffentlicht und im Jahr 2011 aktualisiert [2]. Hierfür wurden 12 als besonders relevant erachtete Schlüsselfragen durch das Führungskkomitee der Leitlinie formuliert. In einigen Fällen (v. a. bezüglich der Bewertung diagnostischer Verfahren) herrschte Konsens, dass die gegenwärtige Datenlage für eine positive Empfehlung nicht ausreicht.

In den kommenden Jahren sind weitere neue Erkenntnisse v. a. zur Therapie des fortgeschrittenen Prostatakarzinoms, aber auch zum Screening und zur aktiven Überwachung zu erwarten. Daher wäre es wünschenswert, wenn die S3-Leitlinie als „living guideline“ kontinuierlich weiterentwickelt werden könnte.
Aufgrund zukünftig zu erwartender Forschungsergebnisse wäre es wünschenswert, die S3-Leitlinie kontinuierlich weiterzuentwickeln

4.1 Früherkennung des Prostatakarzinoms

Durch ein auf die Bestimmung des prostataspezifischen Antigens (PSA) bei asymptomatischen Patienten gestütztes Screening konnte die Sterblichkeit am Prostatakarzinom in 2 miteinander verbundenen Studien reduziert werden, ohne jedoch die Gesamtsterblichkeit messbar zu beeinflussen [4, 5]. Demgegenüber konnte in einer amerikanischen Studie eine verminderte Sterblichkeit am Prostatakarzinom – möglicherweise wegen des dort weit verbreiteten opportunistischen Screenings in der Kontrollgruppe – nicht nachgewiesen werden [6]. Eine Metaanalyse aller Studien zeigte keine eindeutig verminderte Sterblichkeit am Prostatakarzinom [7]. Der Anteil von nachgewiesenen Prostatakarzinomen war zwar in Screeninggruppen signifikant höher als in Beobachtungsgruppen. Durch das Screening werden aber auch zahlreiche Karzinome entdeckt, die keiner Behandlung bedürfen. Weitere Langzeitdaten sind erforderlich, um den Nutzen und mögliche negative Folgen des Screenings abschließend beurteilen zu können.
Um den Nutzen und mögliche negative Folgen des Screenings abschließend beurteilen zu können, sind weitere Langzeitdaten erforderlich
Basierend auch auf den Daten dieser Studien [4, 5, 6, 7] empfiehlt die S3-Leitlinie nunmehr im Unterschied zur Primärversion, in der dies lediglich eine Option war, standardmäßig alle Männer über 40 Jahre mit einer Lebenserwartung von mehr als 10 Jahren über die Möglichkeit einer Früherkennung (mittels PSA-Bestimmung und rektaler Tastuntersuchung) zu informieren. Dabei sollen die betroffenen Männer über die Vor- und die Nachteile der Prostatakarzinomfrüherkennung aufgeklärt werden, insbesondere über die Bedeutung positiver und negativer Testergebnisse, evtl. erforderliche weitere diagnostische Maßnahmen sowie die Behandlungsoptionen mit ihren Risiken [2].
Empfohlen wird, standardmäßig alle Männer >40 Jahre mit einer Lebenserwartung >10 Jahre über die Möglichkeit einer Früherkennung zu informieren

Standardbestandteile der Prostatakarzinomfrüherkennung sind die rektale Palpation der Prostata und die Bestimmung des prostataspezifischen Antigens [2]. Letztere wird bisher von den gesetzlichen Krankenkassen nicht übernommen, wenn sie dem Zweck der Früherkennung dient.

4.2 Diagnostik und Stadieneinteilung

Anlässlich der Aktualisierung der S3-Leitlinie wurden mehrere diagnostische Verfahren bewertet [2]. Dabei wurde Konsens dahingehend erzielt, dass die Evidenzlage nicht ausreicht, diese Verfahren zur Primärdiagnostik zu empfehlen. Es handelt sich dabei um
  • den kontrastmittelverstärkten Ultraschall,

  • die Ultraschallelastographie,

  • den computergestützten Ultraschall (das sog. Histoscanning),

  • die diffusionsgewichtete und die kontrastmittelverstärkte MRT (Magnetresonanztomographie) sowie

  • die PET-CT (Positronenemissionstomographie-Computertomographie).

Dass diese Verfahren negativ bewertet wurden, soll nicht verhindern, dass sie weiter unter Studienbedingungen evaluiert werden, jedoch soll ihrer unkritischen und kostenintensiven Anwendung vor dem Nachweis ihres Nutzens vorgebeugt werden.
Es soll einer unkritischen und kostenintensiven Anwendung diagnostischer Verfahren vor dem Nachweis ihres Nutzens vorgebeugt werden
Abgeraten wird davon, bildgebende Verfahren bei Niedrigrisikopatienten und solchen mit nicht tastbaren Tumoren (Stadium T1c) einzusetzen. Für Patienten mit Tumoren intermediären Risikos wird keine Empfehlung zur Bildgebung abgegeben, für solche mit Tumoren hohen Risikos (hier definiert als ein Gleason-Score 8–10 oder ein organüberschreitendes Wachstum) wird eine Bildgebung mittels CT oder MRT – abhängig von den klinischen Fragen – empfohlen. Letztere Einschränkung wurde neu hinzugefügt und soll den Einsatz bildgebender Verfahren ohne therapeutische Konsequenz begrenzen. In der ersten Version der Leitlinie aus dem Jahr 2009 wurde nur die MRT als lokale Bildgebungsmodalität genannt. Die dort eingefügte Spezifizierung endorektal wurde (neben der Hinzufügung der CT als Alternative zur MRT bei der Bildgebung des Beckens) in der aktualisierten Version weggelassen. Ergänzt wurde bei der Indikationsstellung zur MRT-Diagnostik nach negativer Prostatabiopsie oder zur Bestimmung des lokalen Tumorstadiums der Hinweis
Für Patienten mit Tumoren hohen Risikos wird eine Bildgebung mittels Computer- oder Magnetresonanztomographie empfohlen

„wenn sie geltenden Qualitätsstandards genügt“.

Sogar in den publizierten Studien zur MRT-Diagnostik der Prostata sind die Angaben zur Qualität der Bildgebung sehr heterogen [2]. Im Versorgungsalltag besteht die Gefahr, dass mit der Bildgebung der Prostata wenig erfahrene Radiologen mehr Unsicherheit schaffen als dass sie die klinische Situation klären können. Das sollte bei der Anforderung einer bildgebenden Diagnostik mit berücksichtigt werden.
Im Versorgungsalltag besteht die Gefahr, dass mit der Bildgebung der Prostata wenig erfahrene Radiologen mehr Unsicherheit als Klärung schaffen

Bewertet wurde auch die Positronenemissionstomographie-Computertomographie. Sie ist im Rahmen der Primärdiagnostik und der Stadieneinteilung nicht indiziert. Im Falle eines PSA-Rezidivs soll sie nicht bei niedrigen PSA-Werten unter 1 ng/ml erfolgen [2]. Bei PSA-Werten über 1 ng/ml wird aufgrund des bisher fehlenden Nachweises eines therapeutischen Nutzen keine Empfehlung zum Einsatz der PET-CT ausgesprochen [2].

4.3 Therapie des lokal begrenzten oder lokal fortgeschrittenen Prostatakarzinoms

Für das lokal begrenzte oder lokal fortgeschrittene Prostatakarzinom gibt es verschiedene, kaum gegeneinander getestete Therapieoptionen.

4.3.1 Aktive Überwachung

Die Leitlinie konkretisiert die Empfehlungen zur aktiven Überwachung („active surveillance“) beim lokal begrenzten Tumor [2]. Unter aktiver Überwachung wird im Gegensatz zur rein symptomatisch-palliativen Watchful-Waiting-Strategie eine Überwachung mit kurativer Intention verstanden. Dabei wird eine kurative Therapie erst dann eingesetzt, wenn eine ungünstigere Tumorbiologie und/oder eine Tumorprogression nachgewiesen werden oder aber der Wunsch des Patienten nach definitiver Therapie besteht [2].
Die aktive Überwachung erfolgt im Gegensatz zur rein symptomatisch-palliativen Watchful-Waiting-Strategie mit kurativer Intention

In der aktualisierten S3-Leitlinie wird empfohlen, Kontrollbiopsien bei aktiver Überwachung in den ersten 3 Jahre alle 12 bis 18 Monate und dann, bei stabilem Befund, alle 3 Jahre vorzunehmen. Die aktive Überwachungsstrategie soll verlassen werden, wenn ein Tumornachweis in mehr als 2 von 10 bis 12 Stanzen oder in mehr als 50% eines Biopsiestanzzylinders geführt wurde. Diese Kriterien wurden zusätzlich in die Leitlinie aufgenommen.

4.3.2 Radikale Prostatektomie

Wenn Patienten über die Vorteile einer radikalen Prostatektomie gegenüber einer konservativen Watchful-Waiting-Strategie ohne kurative Intention aufgeklärt werden, sollen sie aufgrund aktuellerer Daten aus der der Empfehlung zugrunde liegenden Studie [8] nicht nur auf das verminderte Progressionsrisiko und die geringere prostatakarzinomspezifische Sterblichkeit, sondern zusätzlich auch auf die verminderte Fernmetastaseninzidenz und die geringere Gesamtsterblichkeit der Patienten mit vs. ohne radikale Prostatektomie hingewiesen werden.

4.3.3 Perkutane und interstitielle Strahlentherapie

Mehrere neue Empfehlungen betreffen die perkutane Strahlentherapie beim nichtmetastasierten Tumor. Eine aktuelle Studie zeigte beim lokal begrenzten und lokal fortgeschrittenen Prostatakarzinom die Überlegenheit einer 6-monatigen neoadjuvanten Hormontherapie in Kombination mit Bestrahlung über eine alleinige Strahlentherapie [9]. Deshalb nennt die Leitlinie nunmehr als Option, dass eine 2- bis 3-jährige adjuvante Therapie bis zu 6 Monate lang auch neoadjuvant appliziert werden kann. Dies gilt sowohl für das lokal begrenzte Prostatakarzinom mit hohem Risikoprofil als auch für den lokal fortgeschrittenen Tumor.
Eine 2- bis 3-jährige adjuvante Therapie kann bis zu 6 Monate lang auch neoadjuvant appliziert werden

Zur perkutanen Strahlentherapie des lokal begrenzten und des lokal fortgeschrittenen Prostatakarzinoms wurden die Angaben zur Strahlendosis anhand aktueller Studienergebnisse angepasst (etwa 74 Gy bis unter 80 Gy in Standardfraktionierung; das Intervall ergibt sich aus unterschiedlichen möglichen Fraktionierungsschemata).

Bewertet wurden auch die Studien zur Protonentherapie beim lokal begrenzten und lokal fortgeschrittenen Stadium. Hier wurde der fehlende Vorteil dieser (teuren) neuen Therapie gegenüber einer konventionellen Strahlentherapie benannt.

Zur LDR-Brachytherapie (LDR: „low dose rate“) bei Patienten mit lokal begrenztem Prostatakarzinom mittleren Risikoprofils konnte wegen der heterogenen Datenlage weiterhin keine Empfehlung formuliert werden.

4.3.4 Therapie mit hochintensivem fokussiertem Ultraschall

Die HIFU-Therapie (HIFU: „high intensity focused ultrasound“) wird erstmals als mögliche Option beim histologisch gesicherten Lokalrezidiv nach perkutaner Strahlentherapie genannt. Trotzdem bestand die Einschätzung fort, nach der sie beim primären nichtmetastasierten Prostatakarzinom nur in Studien durchgeführt werden sollte. Beim Rezidiv wird die Methode als Option genannt, da Alternativen ebenfalls unzureichend gesichert sind.
Die Therapie mit hochfokussiertem Ultraschall ist beim Rezidiv des Prostatakarzinoms eine Behandlungsoption

4.4 Therapie des ossär metastasierten Prostatakarzinoms

Das fortgeschrittene Prostatakarzinom siedelt sich vorwiegend im Skelettsystem ab [2]. Für die Behandlung von Knochenmetastasen beim Prostatakarzinom sind
  • Hormontherapie,

  • Chemotherapie,

  • lokale Bestrahlung oder chirurgische Dekompression von Metastasen,

  • Bisphosphonatgabe und

  • Radionuklidtherapie

etablierte Optionen. Neu ist die mögliche Therapie mit Denosumab, einem gegen den RANK-Liganden (RANK: „receptor activator of NFκB ligand“) gerichteten monoklonalen Antikörper, mit dem skelettbezogene Komplikationen im kastrationsresistenten Stadium verzögert werden können [2]. Zoledronsäure und Denosumab unterschieden sich in einer vergleichenden Studie nicht hinsichtlich der Überlebensraten [10]. Der für die Zulassung von beiden Substanzen maßgebliche kombinierte Endpunkt skelettbezogene Ereignisse umfasst Probleme unterschiedlicher klinischer Relevanz. Daher ist der in einer Studie [10] festgestellte relative Vorteil für Denosumab gegenüber Zoledronsäure von unklarer klinischer Signifikanz. Die Leitlinie formuliert, dass Denosumab der Zoledronsäure mindestens gleichwertig ist [2].
Mit dem monoklonalen Antikörper Denosumab können skelettbezogene Komplikationen im kastrationsresistenten Stadium verzögert werden

Keine Empfehlung wurde für eine frühzeitige Therapie mit Clodronat (beim hormonnaiven metastasierten Prostatakarzinom) ausgesprochen, obwohl in einer randomisierten Studie ein Überlebensvorteil gegenüber Placebo nachgewiesen werden konnte [10]. Gründe dafür sind die fehlende Zulassung von Clodronat für diese Indikation und die eingeschränkte Datenqualität der zugrunde liegenden Studie [11].

Neu aufgenommen in die Leitlinie wurde die Empfehlung, zur Prävention von Kieferosteonekrosen vor der Gabe von Bisphosphonaten oder Denosumab eine zahnärztliche Untersuchung und Sanierung zu veranlassen sowie den Patienten zu unterweisen.
Vor Bisphosphonat- oder Denosumabgabe werden eine zahnärztliche Untersuchung und Sanierung sowie eine Unterweisung des Patienten empfohlen

4.5 Therapie des kastrationsresistenten Prostatakarzinoms

Unter einem kastrationsresistenten Prostatakarzinom wird ein Tumor verstanden, der unter Kastrationsbedingungen (Serumtestosteron im Kastrationsbereich unter 20–50 ng/ml) progredient ist. Unterschieden werden eine asymptomatische (lediglich PSA-Anstieg oder Progress in der Bildgebung ohne klinische Symptomatik) und eine symptomatische Progression.

Bei der Behandlung des kastrationsresistenten Prostatakarzinoms wurde das Angebot einer Erstlinienchemotherapie mit Docetaxel von einer Option zum Therapiestandard hochgestuft [2]. Aufgrund neuer Studiendaten wurde die Empfehlung zur Information über die für die Zweitlinientherapie nunmehr zugelassenen Substanzen Cabazitaxel [12] und Abirateron [13] in die Leitlinie aufgenommen. Die Nebenwirkungen sind unter Therapie mit Letzterem (in erster Linie bedingt durch die Mineralokortikoidwirkung des Präparates) geringer als unter Cabazitaxel (hämatotoxische Nebenwirkungen bis zum therapiebedingten Tod; [2]).
Bei kastrationsresistentem Prostatakarzinom wurde das Angebot einer Erstlinienchemotherapie mit Docetaxel zum Therapiestandard hochgestuft

Da in den zugrunde liegenden Studien [12, 13] sowohl symptomatische als auch asymptomatische Patienten eingeschlossen wurden, unterscheidet die Leitlinie [2] in ihren Empfehlungen zur Zweitlinientherapie (im Gegensatz zu ihren Empfehlungen zur Erstlinientherapie mit Docetaxel) nicht zwischen symptomatischer und asymptomatischer Progression.

5 Fazit für die Praxis

  • Die interdisziplinäre, konsensbasierte Entwicklung und kontinuierliche Aktualisierung der im Jahr 2009 erstmalig veröffentlichten S3-Leitlinie zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms vermitteln aktuelles praxisrelevantes und allgemein akzeptiertes Wissen für mit der Behandlung dieses Tumors befasste Ärzte und betroffene Patienten.

  • Aus klinisch-praktischer Sicht betreffen wichtige Neuerungen bei der ersten Aktualisierung im Jahre 2011 die Information über
    • die Früherkennung des Prostatakarzinoms,

    • die kritische Bewertung der Bildgebung,

    • die neoadjuvante Hormontherapie bei perkutaner Strahlentherapie und

    • die Aufnahme neuer Substanzen (Abirateron, Cabazitaxel, Denosumab) zur Therapie des metastasierten Stadiums.

6 CME-Fragebogen

Welche Aussage ist richtig?

Im Jahre 2004 lag die Zahl der Neuerkrankungen am Prostatakarzinom in Deutschland bei etwa 59.000 Fällen.

Das Prostatakarzinom ist das zweithäufigste Malignom beim Mann in Deutschland.

Es steht bei den Krebstodesfällen beim Mann an 4. Stelle.

Die Therapie ist selten mit Nebenwirkungen verbunden.

Meistens schreitet der Tumor schnell fort.

Welche Aussage zur aktualisierten Leitlinie ist falsch?

Die Empfehlungen zur Prostatakarzinomfrüherkennung wurden nicht aktualisiert.

Die Bildgebung wurde kritisch bewertet.

Veränderungen gab es bei der medikamentösen Therapie des kastrationsresistenten Prostatakarzinoms.

Neuerungen gab es bei den Empfehlungen zur neoadjuvanten bzw. adjuvanten Hormontherapie.

Die Aktualisierung der Leitlinie erfolgte nur an einigen Schwerpunkten.

Bisher nicht an der Bearbeitung der Leitlinie beteiligt ist …

Berufsverband der Deutschen Urologen.

Berufsverband Deutscher Strahlentherapeuten.

Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie.

Deutsche Gesellschaft für Pathologie.

Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin.

Keine kurative Therapie des lokal begrenzten Prostatakarzinom ist …

radikale Prostatektomie.

Low-Dose-Rate-Brachytherapie.

aktive Überwachung.

„watchful waiting“.

externe Strahlentherapie.

Wenn Patienten über die radikalen Prostatektomie und konservative Watchful-Waiting-Strategie aufgeklärt werden, so ist folgende Aussage falsch:

Vermindertes Progressionsrisiko nach radikaler Prostatektomie

Geringere prostatakarzinomspezifische Sterblichkeit nach radikaler Prostatektomie

Verminderte Inzidenz von Fernmetastasen nach radikaler Prostatektomie

Geringere Gesamtsterblichkeit nach radikaler Prostatektomie

Nicht signifikant verminderte Gesamtsterblichkeit nach radikaler Prostatektomie

Eine neue Substanz zur systemischen Behandlung des fortgeschrittenen Prostatakarzinoms ist …

Clodronat.

Zoledronat.

Docetaxel.

Cabazitaxel.

Paclitaxel.

Denosumab ist …

ein monoklonaler Antikörper gegen den RANK-Liganden.

ein monoklonaler Antikörper gegen das prostataspezifische Membranantigen.

bisher noch nicht zur Therapie skelettbezogener Komplikationen zugelassen.

hinsichtlich der Überlebenszeit einer Therapie mit Zoledronat überlegen.

hinsichtlich der Überlebenszeit einer Therapie mit Zoledronat deutlich unterlegen.

Welche Aussage zum Prostatakarzinomscreening ist richtig?

Es vermindert die Gesamtsterblichkeit.

Alle durch das Screening entdeckten Karzinome müssen auch behandelt werden.

Es wird erst ab dem 50. Lebensjahr empfohlen.

Eine Aufklärung der für eine Früherkennung in Frage kommenden Männer wird in der aktuellen S3-Leitlinie als Standard empfohlen.

Eine Aufklärung der für eine Früherkennung in Frage kommenden Männer wird in der aktuellen S3-Leitlinie als Option empfohlen.

Zur Primärdiagnostik bei Verdacht auf ein Prostatakarzinom gehört …

Aufklärung über mögliche Nachteile einer Früherkennungsdiagnostik.

kontrastmittelverstärkter Ultraschall.

Ultraschallelastographie.

kontrastmittelverstärkte MRT.

PET-CT.

Im Rahmen einer aktiven Überwachung eines Niedrigrisikotumors wird empfohlen, …

Kontrollbiopsien bei aktiver Überwachung in den ersten 3 Jahre alle 12 bis 18 Monate und dann bei stabilem Befund alle 3 Jahre vorzunehmen.

Kontrollbiopsien jährlich vorzunehmen.

Kontrollbiopsien für 5 Jahre jährlich und dann individuell vorzunehmen.

Konrtollbiopsien nur bei verdächtigem PSA-Anstieg vorzunehmen.

eine Therapie erst beim Auftreten von tumorbedingten Symptomen zu beginnen.

Danksagung

Die Autoren danken Frau Dr. med. Monika Nothacker, MPH, und Herrn Prof. Dr. med. Lothar Weißbach für die kritische Durchsicht des Manuskripts.

Interessenkonflikt

Der korrespondierende Autor weist für sich und seinen Koautor auf folgende Beziehungen hin:

Professor Wirth ist Vorsitzender und Professor Fröhner ist Sekretär des Steering-Komitees für die Entwicklung der S3-Leitlinie Prostatakarzinom. Professor Fröhner hat Vortragstätigkeiten für die Firmen Sanofi Aventis, GlaxoSmithKline, Apogepha, Bayer, Novartis, AstraZeneca und Janssen wahrgenommen. Professor Wirth hat Vortragstätigkeiten für die Firmen AstraZeneca, Bayer, Ferring, Takeda, Millennium und Amgen wahrgenommen.

Copyright information

© Springer-Verlag 2012