Spektrum der Augenheilkunde

, Volume 27, Issue 4, pp 181–183

Hyperhomocysteinämie bei Patienten/innen mit retinalen arteriellen Verschlüssen – gibt es Evidenz für einen Benefit einer therapeutischen Homocysteinsenkung?

Authors

    • Augenklinik, Klinikum Köln MerheimKliniken der Stadt Köln gGmbH
  • S. Christmann
    • Augenklinik, Klinikum Köln MerheimKliniken der Stadt Köln gGmbH
  • A. Bodsch
    • Augenklinik, Klinikum Köln MerheimKliniken der Stadt Köln gGmbH
  • N. Schrage
    • Augenklinik, Klinikum Köln MerheimKliniken der Stadt Köln gGmbH
originalarbeit

DOI: 10.1007/s00717-013-0175-4

Cite this article as:
Leisser, C., Christmann, S., Bodsch, A. et al. Spektrum Augenheilkd. (2013) 27: 181. doi:10.1007/s00717-013-0175-4
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Zusammenfassung

Hintergrund

Hyperhomocysteinämie, die bei mehr als 60 % der Patienten/innen vorliegt, zählt zu den unabhängigen Risikofaktoren bei retinalen Arterienverschlüssen.

Methode

120 Patienten/innen mit RAO wurden bezüglich Vorliegen einer Hyperhomocysteinämie ausgewertet und die aktuelle Literatur zur Homocysteinsenkung diskutiert.

Resultate

Eine Hyperhomocysteinämie von > 10 µmol/l lag bei 82,5 % und eine Hyperhomocysteinämie von > 15 µmol/l bei 44,3 % unserer Patienten/innen vor. Der mittlere Homocysteinplasmaspiegel war 15,5 µmol/l ± 6 µmol/l. Nebenbefundlich konnte bei 64,2 % eine arterielle Hypertonie, bei 55 % eine Hypercholesterinämie und bei 17,5 % ein Diabetes mellitus erhoben oder neu diagnostiziert werden.

Schlussfolgerung

Hyperhomocysteinämie zählt zu den häufigsten Comorbiditäten der retinalen arteriellen Verschlüsse, jedoch kann zum aktuellen Zeitpunkt eine Homocysteinsenkung bei Patienten/innen mit RAO bis zum Vorliegen von Studien, die einen Benefit zeigen, nicht routinemäßig empfohlen werden.

Schlüsselwörter

HyperhomocysteinämieRetinale arterielle VerschlüsseHomocysteinsenkung

Hyperhomocysteinemia and patients with retinal artery occlusions—Is there evidence for a benefit of homocysteine-lowering interventions?

Hyperhomocysteinemia and patients with retinal artery occlusions—is there evidence for a benefit of homocysteine-lowering interventions? Summary

Background

Hyperhomocysteinemia, affecting more than 60 % of patients with retinal artery occclusion, is an independent risk factor for that disease.

Methods

We evaluated plasma levels of homocysteine from 120 patients with retinal artery occlusion and discussed actual literature about homocysteine-lowering interventions.

Results

82.5 % of patients had hyperhomocysteinemia of > 10 µmol/l and 44.3 % hyperhomocysteinemia of > 15 µmol/l, with mean plasma levels of homocyste­ine of 15.5 µmol/l ± 6 µmol/l. Further results included 64.2 % of patients with arterial hypertension, 55 % with hypercholesterolemia and 17.5 % with diabetes mellitus.

Conclusion

Hyperhomocysteinemia is one of the most common comorbidities for retinal artery occlusion, but homocysteine-lowering interventions for patients with retinal artery occlusion should not be routinely recommended until studies showing a clear benefit for patients with retinal artery occlusions are available.

Keywords

HyperhomocysteinemiaRetinal artery occlusionHomocysteine-lowering interventions

Hintergrund

Hyperhomocysteinämie kommt bei 5–10 % der Normalbevölkerung [1] vor, kann jedoch bei mehr als 60 % der Patienten/innen mit retinalen arteriellen Verschlüssen (RAO) beobachtet werden [2]. Neben klassischen arteriosklerotischen Risikofaktoren, wie arterielle Hypertonie und Hypercholesterinämie, zählt auch die Hyperhomocysteinämie zu den unabhängigen Risikofaktoren der RAO [27]. Erhöhte Homocysteinspiegel verursachen eine endotheliale Dysfunktion mit nachfolgender Erhöhung des Thromboserisikos [89] und sind wahrscheinlich auf diesem Weg an der Entstehung einer RAO beteiligt. Offen ist die Frage ob durch eine therapeutische Senkung der Homocysteinspiegel ein niedrigeres Risiko für RAO besteht.

Material und Methode

Anhand der im Zeitraum zwischen Januar 2006 und Mai 2013 an der Augenabteilung Köln Merheim mit frischer RAO vorstelligen Patienten/innen haben wir die Häufigkeit der Hyperhomocysteinämie bei RAO in unserem Patientenkollektiv erfasst. Excludiert wurden Patienten/innen, bei denen keine aktuellen Homocysteinwerte vorlagen und Patienten/innen mit RAO aufgrund von Arteritis temporalis oder Gefäßanomalien. Die Auswertung der Daten erfolgte retrospektiv. Außerdem haben wir aktuelle Publikationen zum Benefit einer Senkung der Hyperhomocysteinämie bei Patienten/innen mit AMD, Schlaganfall und koronarer Herzkrankheit verglichen, um eine Beurteilung für eine routinemäßige Homocysteinsenkung bei RAO-Patienten/innen mit Hyperhomocysteinämie vorzunehmen. Nach unserem Kenntnisstand gibt es keine prospektiven Studien zur Homocysteinsenkung bei RAO-Patienten/innen.

Resultate

120 Patienten/innen konnten in diese Studie eingeschlossen werden (46 weiblich, 74 männlich, medianes Alter 74 Jahre, 65 Patienten/innen mit Zentralarterienverschluß, 55 mit Arterienastverschluss, 69 Patienten/innen hatten RAO am rechten und 51 am linken Auge). Hyperhomocysteinämie (> 10 µmol/l) lag bei 82,5 % (n = 99) unserer Patienten/innen vor, wobei Werte über 15 µmol/l bei 44,3 % (n = 52) diagnostiziert werden konnten. Der mittlere Homocysteinplasmaspiegel unserer Patienten/innen lag bei 15,5 µmol/l ± 6 µmol/l. Als Nebenbefunde konnte bei 64,2 % (n = 77) eine arterielle Hypertonie, bei 55 % (n = 66) eine Hypercholesterinämie und bei 17,5 % (n = 21) ein Diabetes mellitus erhoben oder neu diagnostiziert werden.

Diskussion

Eine Hyperhomocysteinämie lag bei 82,5 % unserer Patienten/innen vor, von denen die Patienten/innen mit Hyperhomcysteinämie > 15 µmol/l (43,3 %) einem erhöhten vaskulären Risiko unterliegen. Diese hohe Häufigkeit der Hyperhomocysteinämie zeigt sich auch in anderen Patientenkollektiven [2, 10] und stellt uns Ophthalmologen vor die Frage, ob eine therapeutische Homocysteinsenkung für unsere Patienten/innen notwendig ist. Verlässliche Ergebnisse einer Homocysteinsenkung mit den Vitaminen B6, B12 und Folsäure gibt es zu kardiovaskulären Erkrankungen, Schlaganfall und altersbedingter Makuladegeneration (AMD). Eine aktuelle Metaanalyse und zahlreiche Studien berichten von keinen Benefit einer Homocysteinsenkung auf kardiovaskuläre Ereignisse [1115]. Mit Ausnahme der HOPE 2 Studie [13] konnte keine niedrigere Schlaganfallrate durch Homocysteinsenkung gefunden werden [1112]. Zwei Studien diskutieren sogar eine schnellere Progression der Arteriosklerose durch Homocysteinsenkung [13, 15] – ein Aspekt der zu Vorsicht bei Homocysteinsenkung bei RAO-Patienten/innen bis zum Vorliegen von Studiendaten bei dieser Patientengruppe mahnt. Die WAFAC-Studie wiederum konnte bei AMD-Patienten eine 35–40 % Risikoreduzierung an AMD zu erkranken zeigen [16], womit das Thema der Homocysteinsenkung weiter kontrovers bleibt.

Schlussfolgerung

Routinemäßige Homocysteinsenkung kann zum derzeitigen Zeitpunkt bei Patienten/innen mit RAO und Hyperhomocysteinämie bis zum Vorliegen von eindeutigen benefiziellen Studienergebnissen nicht empfohlen werden (Abb. 1).

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Abb. 1

Risikofaktoren für RAO im Vergleich

Interessenskonflikt

Die Autoren geben an, dass keine Interessenskonflikte bestehen.

Copyright information

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