, Volume 26, Issue 1, pp 3-18
Date: 23 Nov 2012

Behandlungsfehler in der Psychotherapie: ein empirischer Beitrag zum Fehlerbegriff und seinen ethischen Aspekten

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Zusammenfassung

Behandlungsfehler in der Psychotherapie sind bisher kaum erforscht. Eine empirisch gestützte Kategorisierung von Behandlungsfehlern stellt einen ersten Schritt dar, sich evidenzbasierten ethischen Empfehlungen zum Umgang mit solchen Fehlern zu nähern. Zielsetzung dieser Arbeit ist es, dafür erste Grundlagen zu erarbeiten, die auf Erfahrungen von Praktikern Bezug nehmen. Nach einer systematischen Literaturrecherche wurden 30 semistrukturierte Interviews mit approbierten Psychotherapeuten unterschiedlicher Ausrichtungen (Schulen) geführt und anhand der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet. Die beschriebenen, alltäglich auftretenden Behandlungsfehler konnten in technische, normative, Einschätzungs- und Systemfehler klassifiziert werden. Viele der technischen und Einschätzungsfehler wurden als reversibel angesehen; sie könnten sogar konstruktiv für die Behandlung nutzbar gemacht werden. Das Versäumnis, einen Fehler zu korrigieren, wurde als Hauptfehler betrachtet. Bei normativen Fehlern sei mit rechtlichen oder berufspolitischen Konsequenzen, aber auch mit Vertrauensverlust und Therapieabbruch zu rechnen. Für Systemfehler fühlten sich die befragten Therapeuten nicht verantwortlich; hier seien berufspolitische Änderungen nötig. Die Ergebnisse zeigen, dass die Befragten zu der Empfehlung tendieren, Psychotherapiepatienten in passender Form über Behandlungsfehler aufzuklären und in die entstehenden Konsequenzen einzubeziehen. Fazit: Psychotherapeuten äußern sich aufgeschlossen gegenüber einer transparenten, konstruktiven Fehlerkultur – eine wesentliche Voraussetzung für Fehlerprävention. Häufig resultiert erst durch die fehlende Korrektur eines (alltäglichen) Fehlers ein Behandlungsfehler, der Konsequenzen hat (z. B. Scheitern der Therapie). Um diesem entgegenzuwirken, zeichnet sich eine Befürwortung für eine passende Form der Patientenaufklärung über Fehler ab.

Abstract

Aim Treatment errors in psychotherapy have rarely been a research topic until today. An empirically grounded categorisation of therapy error is a first step towards evidence-based ethical recommendations for the management of treatment errors. The following study aimed to provide foundations for the definition of treatment error in psychotherapy, which are based on the experiences of practitioners. Materials and methods After a systematic literature search, 30 semi-structured interviews with psychotherapists of different therapy directions (schools) were analysed using qualitative content analysis according to Mayring. Results The “normal” treatment errors described by the psychotherapists could be classified into technical, judgemental, normative and system errors. Many of the technical or judgemental errors were considered to be reversible; they could even be useful if used constructively in the treatment process. A missing revision of the error is considered the actual treatment error. Normative errors will most likely result in legal and professional consequences, loss of trust and cessation of the therapeutic relationship. System errors are met with the feeling of not being responsible; professional policies need to be adjusted. The results show that the interviewees tend to recommend disclosing errors in an appropriate way as well as including patients in the resulting consequences. Conclusion Psychotherapists appear open for a transparent, constructive error culture—an essential condition for error prevention. Negative consequences (e.g., therapy failure) often only result by failing to revise the (everyday/normal) treatment error. To prevent this, therapists advocate appropriate error disclosure.