, Volume 24, Issue 3, pp 193-205
Date: 23 Aug 2011

Ist die Beihilfe zum Suizid auf der Grundlage des Wunsches, anderen nicht zur Last zu fallen, ethisch gerechtfertigt?

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Zusammenfassung

Ein Argument gegen die ärztliche Beihilfe zum Suizid lautet, Patienten könnten sich um Suizidassistenz bemühen, weil sie sich als Belastung empfinden. Dabei wird die Selbstbestimmtheit eines so motivierten Todeswunsches in Frage gestellt. Ist dieses Argument überzeugungskräftig? Empirische Daten zeigen, dass die ärztliche Beihilfe zum Suizid auf der Grundlage dieses Motivs den ethischen Prinzipien der Sorge um das Patientenwohl und des Respekts vor der Autonomie des Patienten nicht widersprechen muss. Denn das Empfinden, anderen zur Last zu fallen, kann trotz adäquater palliativmedizinischer Betreuung wesentlich zu einem Leidensdruck am Lebensende beitragen. Zudem ist dieses Motiv eng verknüpft mit der Sorge um das Wohl der Angehörigen, die einer erheblichen Belastungssituation ausgesetzt sein können. Da aber das Wohlergehen der Familie zu den elementaren Werten von schwerstkranken Patienten am Lebensende gehört, kann der Wunsch nach ärztlicher Beihilfe zum Suizid auch auf der Basis dieses Motivs Ausdruck eines selbstbestimmten Patientenwillens sein. Andererseits korreliert das Empfinden, anderen zur Last zu fallen, mit einer depressiven Verstimmung. Dieser Zusammenhang ist deshalb relevant, da bei depressiven Störungen eine Einschränkung der Selbstbestimmungsfähigkeit vorliegen kann. Vor diesem Hintergrund sind Zweifel an der Selbstbestimmtheit eines so motivierten Sterbewunsches durchaus begründet. Aufgrund des bestehenden Wissensdefizits bei der Feststellung der Selbstbestimmungsfähigkeit ist die Mitwirkung des Arztes bei einem so motivierten Todeswunsch daher ethisch fragwürdig.

Abstract

Definition of the problem One argument against physician-assisted suicide is that patients might ask for assisted suicide, because they feel like they are a burden to others. In this context, it is then questioned whether a so-motivated desire for death is authentic. Is this a convincing argument? Arguments Empirical data show that physician-assisted suicide based on this motive does not have to be contradictory to the biomedical principles of beneficence and the respect for autonomy. First, the worry about causing burden to others contributes to existential distress at the end of life despite sufficient palliative care. Second, this motive arises from the empathic concern about relatives who may be exposed to a significantly stressful situation. Since the family’s welfare is an elementary value in terminal illness, the desire for hastening death based on this motive could be an expression of an autonomous will. On the other hand, there is a correlation between self-perceived burden and depression. This is important, because in depressive disorders decision-making capacity may be limited. Therefore, it is reasonable to doubt such a motivated desire to die. Conclusion Given the fact of limited tools currently available to assess decision-making capacity, the doctor’s participation in such a motivated request for hastened death is ethically questionable.