, Volume 16, Issue 1, pp 48-67

Intersex(e) und alternative Heilungsstrategien

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Zusammenfassung

Die medizinischen Interventionen bei Intersexualität basieren auf den vorherrschenden gesellschaftlichen Geschlechtsnormen, die das intersexuelle Kind als behandlungsbedürftige Abweichung sehen. Aus diesem Blickwinkel wird unter „Heilung“ die erfolgreiche Integration des intersexuellen Individuums in ein eindeutig abgegrenztes Geschlecht verstanden, das durch eine medizinische Behandlung hergestellt wird. Dabei wird einerseits vorausgesetzt, dass unbehandelte intersexuelle Individuen nicht erfolgreich „heilen“ können, und andererseits, dass behandelte Individuen medizinische Interventionen als „Heilungsmaßnahmen“ erleben. Die Exploration der medizinischen Fachliteratur und der Berichte aus erster Hand sowohl von behandelten als auch von unbehandelten Menschen mit Intersexualität lassen diese Vorannahmen fragwürdig erscheinen. In der Literatur wird nämlich belegt, dass als grundlegende Mittel, die tatsächlich bei diesen Menschen zu einer „Heilung“ führen, zentrale Werte wie Selbstakzeptanz der Andersartigkeit, Überwindung der Isolation durch Austausch mit anderen in ähnlichen Situationen und Wahrhaftigkeit von Bedeutung sind. Dies würde bedeuten, dass eine medizinische Intervention zur Überwindung der sozialen Ausgrenzung in Fällen von Intersexualität möglicherweise nicht die effektivste „Heilungsmaßnahme“ ist. Die medizinische Behandlung muss vielmehr darauf ausgerichtet werden, die Reaktion auf Intersexualität zu überwinden, als diesen Zustand selbst als pathologisch anzusehen.

Abstract

Definition of the problem: Medical intervention in cases of intersexuality are premised upon dominant communitarian gender norms that view the intersexed child as a deviation in need of treatment. Under this view, “healing” is understood as the successful integration of the intersexed individual into a clearly demarcated gender as brought about through medical treatment. This presumes, on the one hand, that untreated intersexed individuals cannot successfully “heal”, and on the other, that treated individuals experience medical intervention as a means for “healing”. Arguments: Exploration of medical literature and first-person accounts of both treated and untreated cases of intersexuality bring into question these presumptions. Instead, the literature demonstrates the importance of the core values of self-acceptance of variability, overcoming isolation by coming together with others with similar conditions, and truth-telling as the fundamental means by which these individuals find “healing”. Conclusion: This would suggest that medical intervention in order to overcome social liminality in cases of intersexuality may not be the most effective means of “healing”. Rather, medical management must redirect its efforts to overcome the response to intersexuality, and not view the condition itself as pathological.