Zeitschrift für Herz-,Thorax- und Gefäßchirurgie

, Volume 26, Issue 3, pp 196–202

Grenzen der Medizin – Medizin als Arzt ohne Grenzen

Die Arbeit von „Médecins sans Frontières“ im Südsudan

Authors

    • Klinik für HerzchirurgieHerzzentrum Leipzig – Universitätsklinikum
  • L. Dominguez Mateos
    • Klinik für HerzchirurgieHerzzentrum Leipzig – Universitätsklinikum
  • F.W. Mohr
    • Klinik für HerzchirurgieHerzzentrum Leipzig – Universitätsklinikum
Blick über den Tellerrand

DOI: 10.1007/s00398-012-0929-3

Cite this article as:
Hahn, J., Dominguez Mateos, L. & Mohr, F. Z Herz- Thorax- Gefäßchir (2012) 26: 196. doi:10.1007/s00398-012-0929-3
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Zusammenfassung

In der modernen westlichen Medizin werden die Grenzen des Lebens zunehmend verschoben. Ein Patient, der vor wenigen Jahren noch als inoperabel galt, kann heutzutage durchaus erfolgreich operiert werden. Dank der modernen Medizin können Patienten trotz hohen Risikos mit teils enormem Aufwand und hohen Folgekosten behandelt werden. Wo aber sind die Grenzen der Medizin? Ist alles, was machbar ist, auch sinnvoll? Hier kann der Blick nach Afrika den Horizont weiten.

Die Lage im Südsudan ist schwierig. Nur ein Viertel der Bevölkerung hat Zugang zur Gesundheitsversorgung. Im Jahr 2010 wurden mehr als 588.000 Patienten von „Ärzte ohne Grenzen“ („Médecins sans Frontières“) im Südsudan behandelt. Im Jahr 2009 war ich dort für diese Organisation in einer Klinik in Pieri tätig. Für 160.000 Menschen in der Umgebung war die Klinik der einzige Zugang zu einer medizinischen Versorgung. Dort wurden bis zu 4000 Patienten pro Monat von einem Team aus 10 internationalen und 110 nationalen Mitarbeitern behandelt. Zur Diagnostik konnte man sich nur auf seine Erfahrung und seine Sinne verlassen.

Im Jahr 2009 kam es im Bundesstaat Jonglei zu zahlreichen Stammeskämpfen. Mehr als 2900 Menschen wurden getötet und viele verwundet. Es war eine große Herausforderung, Verwundete mit spartanischen Mitteln an der Klinik in Pieri zu behandeln. Unter schwierigen und instabilen Bedingungen in einem Land wie dem Südsudan zu arbeiten, ist eine große Herausforderung. Man kann dabei aber nicht nur unschätzbare medizinische Erfahrungen machen, sondern auch beeindruckenden Menschen begegnen und andere Kulturen kennenlernen. Für viele Menschen konnten wir mit einfachen Mitteln viel erreichen.

Die moderne westliche Medizin bietet Patienten viele verschiedene Therapieoptionen. Wir sollten dennoch nicht vergessen, dass dies nicht überall auf der Welt so ist.

Schlüsselwörter

Médecins sans frontièresÄrzte ohne GrenzenGesundheitsversorgungGrenzen der modernen MedizinAfrika Südsudan

Limits of medicine – medicine as a Doctor without Borders

The work of “Médecins sans Frontières” in South Sudan

Abstract

In western medicine, borders of life are increasingly pushed to its limits. A patient who was inoperable a few years ago can nowadays successfully be operated. High-risk patients can be treated with enormous efforts and high cost. But where are the limits in medicine? Is everything we are capable of doing also beneficial for the patient? Looking at Africa can broaden our horizon.

The situation in South Sudan is complicated. Only a quarter of the population has access to basic health care. In 2010 more than 588,000 patients were treated by Doctors without Borders (“Médecins sans Frontières”). I worked with this organisation at a clinic in Pieri, South Sudan, in 2009. This was the only access to health care for more than 160,000 people. At this clinic, 10 international and 110 national staff treated up to 4,000 patients/month. In order to make a diagnosis, we had only our experience and senses to rely on.

During 2009, there were also a large number of intertribal fightings. More than 2,900 people were killed and there were many wounded. It was a difficult task to treat so many wounded patients with only the limited resources available. Working under difficult and unstable circumstances is a very big challenge. But even then, one can gather invaluable medical experience. For many of the patients in South Sudan, much could be achieved with our presence and very simple means.

Western medicine can offer a wide range of therapeutic options. However, we should ensure that basic health care is accessible to all people of the world, which itself is one of the largest challenges.

Keywords

Médecins sans FrontièresDoctors without BordersBasic health careLimits of modern medicineAfrica South Sudan

Wo sind die Grenzen der Medizin in der westlichen Welt?

Hin und wieder über den Tellerrand zu blicken und von anderen zu lernen, ist elementarer Bestandteil unserer Medizin. Meist richtet sich unser Blick dabei nach oben, zu den führenden Zentren der Welt. Meist dorthin, wo neue Maßstäbe gesetzt werden und junge Mediziner gern einen Forschungsaufenthalt verbringen, z. B. in die USA. Kaum einer aber richtet seinen Blick in die ärmeren Regionen dieser Welt, in denen Krisen und Konflikte den Alltag prägen. Und doch sterben dort mehr Menschen an behandelbaren Krankheiten als irgendwo sonst in der Welt. Nirgendwo sonst kann man als Mediziner mit wenig so viel erreichen wie in Afrika.

Wir verschieben in unserer modernen westlichen Welt die Grenzen des Lebens zunehmend. Ein Patient, der vor wenigen Jahren noch als inoperabel galt, kann heutzutage durchaus erfolgreich operiert werden. Minimal-invasive Zugangswege und Hybridverfahren bieten dazu neue Möglichkeiten. So können z. B. Patienten auch noch im hohen Alter transapikal oder transfemoral einen Aortenklappenersatz bekommen.

In der modernen westlichen Welt verschieben wir die Grenzen des Lebens stetig

Ein Alter von über 70 Jahren ist bei herzinsuffizienten Patienten schon längst kein Grund mehr, ihnen nicht ein LVAD („left ventricular assist device“) zu implantieren [1]. Teilweise ist dies auch schon bei über 80-Jährigen durchgeführt worden [2]. Auch können Patienten im Einzelfall im Alter von über 65 Jahren old-for-old noch herztransplantiert werden, insofern eine Entscheidung hierfür getroffen wird.

Dank der modernen Medizin können Patienten ungeachtet hoher Risiken mit teils enormem Aufwand und hohen Folgekosten operiert werden. Aber wie lange kann das Gesundheitssystem die steigenden Kosten bewältigen? Steigern risikoreiche Operationen im hohen Altern tatsächlich die Lebensqualität des Patienten? Aufgabe des Arztes ist es, Indikation, Risiko und Nutzen abzuwägen und mit dem Patienten zu besprechen. Eine Beschränkung, welche Therapieoption gewählt wird, gibt es von Seiten des Gesetzgebers in Deutschland nicht.

Wo aber sind die Grenzen der Medizin? Ist alles, was machbar ist, auch sinnvoll? Wo sind die ethischen Grenzen zwischen dem Machbaren und der Akzeptanz der Endlichkeit des Lebens? Hier kann der Blick nach Afrika den Horizont weiten.

Geschichte des Südsudan

Der Südsudan ist der jüngste Staat der Welt. Er erlangte am 9. Juli 2011 die Unabhängigkeit vom Sudan. Bereits seit der Unabhängigkeit des Sudan von Großbritannien im Jahr 1956 kämpften Rebellen im Süden von 1955–1972 und später von 1983–2005 für die Unabhängigkeit eines christlich-animistischen Südsudan. Die Menschen im Südsudan erlebten somit im letzten halben Jahrhundert über 39 Jahre Bürgerkrieg. Dem letzten, 22 Jahre währenden Krieg sollen dabei mehr als 2 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sein [3].

Ab 1983 übernahm die Sudanesische Volksbefreiungsarmee („Sudan people’s liberation army“, SPLA) die Führung auf der Seite der Separatisten. Sie einigte sich im Jahr 2005 mit der Regierung in Khartum auf ein Friedensabkommen. Aber auch nach diesem Friedensabkommen gab es verschiedentliche, sich jedoch nicht zum Krieg ausweitende Zusammenstöße zwischen Truppen aus Norden und Süden, in erster Linie der Ölfelder wegen rund um die Stadt Abyei.

Innerhalb des Südsudan gibt es immer wieder lokale Kämpfe, die vereinfacht als „Stammeskonflikte“ dargestellt werden. Dahinter stehen Konflikte um Land und Vieh, aber auch die Schwierigkeiten der SPLA, eine funktionierende Verwaltung aufzubauen. Die staatlichen Institutionen sind lediglich begrenzt in der Lage, Konflikte zu lösen. Die Verteilung von staatlichen Ressourcen ist oft intransparent, dessenthalben sich gewisse Gruppen benachteiligt fühlen [4].

Der weiße Nil durchzieht den Südsudan und verwandelt das Land regelmäßig in der Regenzeit zu einem der größten Sumpfgebiete der Erde, dem Sudd. Durch Kriege und Konflikte wurde zudem in den letzten 50 Jahren praktisch die gesamte Infrastruktur des Südsudan zerstört. Diese Faktoren haben bewirkt, dass der Südsudan eine der am wenigsten entwickelten Regionen der Welt ist. Die Menschen leben halbnomadisch von der Viehzucht. Ackerbau wird nur in sehr geringem Umfang betrieben. Die größten Bevölkerungsgruppen sind die zu den Niloten zählenden Dinka und die Nuer, zudem zahlreiche kleinere Bevölkerungsgruppen, unter anderem die Murle.

Viele Regionen können nur per Flugzeug erreicht werden. Mehr als 73% der Bevölkerung sind nach Angaben südsudanesischer Behörden Analphabeten und 20–34% sind mangelernährt [5]. Ein Gesundheitssystem ist in weiten Teilen des Landes nicht existent und für einen Großteil der Menschen nicht zu erreichen. Drei Viertel der Bevölkerung haben nach Schätzungen keinen Zugang zu einer Gesundheitsversorgung [6]. Häufig kann eine Epidemie bereits Tausende Opfer gefordert haben, bevor die Nachricht über deren Ausbruch überhaupt den Rest der Welt erreicht. Malaria, Atemwegserkrankungen, Durchfallerkrankungen, Mangelernährung, Tuberkulose, Kala Azar, Masern, Meningitis, Tetanus, Keuchhusten und Schlafkrankheit gehören zu den häufigsten Krankheiten. Auch treten im Südsudan noch Fälle von Poliomyelitis auf.

“Ärzte ohne Grenzen“ im Südsudan

Die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ arbeitet seit 1978 im Sudan (Abb. 1). Deren Aktivitäten haben sich den Bedürfnissen der Bevölkerung und auch den wechselnden Konflikten angepasst. Einmal stand die Hungersnot in Bahr el Gahzal im Vordergrund, ein anderes Mal die Reaktion auf Kala-Azar- und Meningitisepidemien oder aber die Versorgung Verwundeter nach Kämpfen. „Ärzte ohne Grenzen“ konnte im Laufe der Jahre im Sudan den Beweis erbringen, dass auch unter ausgesprochen instabilen Bedingungen in einer halbnomadischen Bevölkerung Tuberkulose erfolgreich behandelt werden kann.

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Abb. 1

Karte Südsudan mit aktuellen Projekten von „Ärzte ohne Grenzen“ (rot; Stand Januar 2012). (Mit freundl. Genehmigung von „Médecins sans Frontières“)

Der Südsudan ist eines der Länder mit den umfangreichsten Projekten von „Ärzte ohne Grenzen“. Das betrifft sowohl die Anzahl der behandelten Patienten als auch das dafür eingesetzte Personal, Logistik und Geld. Der Bedarf der Bevölkerung nach einer Gesundheitsversorgung ist so offensichtlich, dass man sich nicht fragen muss, was man machen soll, sondern wie viel man überhaupt machen kann und wo hierbei die Prioritäten sind. Nur etwa ein Viertel der Bevölkerung hat überhaupt Zugang zu einer Gesundheitsversorgung. Von diesen Menschen werden mehr als 80% von „Ärzte ohne Grenzen“ versorgt; im Jahr 2010 waren es mehr als 588.000 Patienten, wofür ein Budget von etwa 29 Millionen Euro zur Verfügung stand.

Der Südsudan ist eines der Länder mit den umfangreichsten Projekten von „Ärzte ohne Grenzen“

Anfang Januar 2009 bin ich zu einem Einsatz mit „Ärzte ohne Grenzen“ in den Südsudan aufgebrochen. Allein die Reise in das Projekt nach Pieri im Jonglei-State hat über eine Woche gedauert (Abb. 2). Die dort lebenden Lou-Nuer sind Rinderzüchter, die halbnomadisch mit ihren Tieren dem Wasser hinterher ziehen, immer auf der Suche nach fruchtbaren Weideplätzen. Sie leben traditionell in Tukuls, einfachen Lehmhütten. Die Klinik in Pieri hat ein sehr großes Einzugsgebiet. Da es weder Autos noch Straßen gibt, sind Patienten bis zu 4 Tage zu Fuß unterwegs, um zur Klinik zu kommen.

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Abb. 2

Anflug auf Pieri im Südsudan. Hier leben etwa 4000 Menschen, aber auch für die etwa 160.000 Menschen der Umgebung befindet sich im Dorf die einzige Klinik, die von „Ärzte ohne Grenzen“ betrieben wird.

Ambulanter Bereich

Für etwa 160.000 Menschen in der Umgebung ist die Klinik in Pieri die einzige Hoffnung auf eine medizinische Versorgung im Krankheitsfall. Patienten müssen teilweise mit selbstgebauten Tragen über Tage von jungen Männern zur Klinik getragen werden (Abb. 3). Dort behandelt sie ein Team von 10 internationalen und 110 nationalen Mitarbeitern. Bis zu 4000 Patienten wurden pro Monat in der Klinik von Pieri ambulant behandelt, der Großteil davon waren Kinder unter 5 Jahren.

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Abb. 3

Ein Patient wird zur Klinik in Pieri gebracht: seit 4 Tagen wechseln sich die jungen Männer beim Tragen ab

Stationärer Bereich

Schwerere Fälle werden stationär behandelt. Bis zu 80 Patienten fassen die Stationen. Von Betten zu sprechen, wäre dabei jedoch reichlich übertrieben, denn jeder stationär aufgenommene Patient bekam lediglich eine Decke und einen Platz auf dem staubigen Boden (Abb. 4). Das Krankenhaus besteht aus einfachen Lehmhütten mit Strohdächern. Wasser muss täglich von Frauen aus dem Brunnen mit Plastikkanistern und Schubkarren geholt werden. Strom gibt es nur, wenn der Generator läuft. Allerdings gab es ohnehin keine medizinischen Geräte, die Strom benötigt hätten. Bei der Diagnostik kann man sich lediglich auf die eigene Erfahrung und seine Sinne verlassen. Anamnese, klinische Untersuchung, Stethoskop und eine rudimentäre Labordiagnostik, z. B. Stuhldiagnostik oder Malaria-Schnelltests, sind die einzigen Hilfsmittel bei der Diagnosestellung.

Zur Diagnostik kann man sich nur auf die eigene Erfahrung und seine Sinne verlassen

Weder Röntgen- noch Ultraschalluntersuchungen sind unter diesen Bedingungen möglich.

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Abb. 4

Krankenschwester und ein nationaler Mitarbeiter zur Visite auf der Kinderstation in Pieri

Kong Lam, ein 12-jähriger Junge, wurde von seinem Vater in die Klinik nach Pieri gebracht. Ein Jahr zuvor war er erkrankt, zuerst nur an einer Erkältung. Seitdem hat sich sein Zustand ständig verschlechtert. Als er zur Klinik kommt, hat er ausgeprägte Luftnot bei Belastung und überall am Körper Ödeme, selbst im Gesicht. Bei der Auskultation hört man ein lautes Systolikum über der Mitralklappe. Das Herz ist deutlich vergrößert, man sieht gut den Herzspitzenstoß. Kong Lam leidet an einer ausgeprägten Mitralklappeninsuffizienz, vermutlich handelte es sich um ein rheumatisches Mitralklappenvitium. An Herzinsuffizienzmedikamenten steht uns lediglich Furosemid zur Verfügung. Damit bessert sich sein Zustand deutlich. Aber eine medikamentöse Dauerbehandlung ist im Südsudan praktisch nicht möglich. Kong Lam muss operiert werden, eine andere Möglichkeit gibt es für den Jungen nicht.

Dazu muss er aber in die Hauptstadt des Nordsudan, nach Khartum. Dort steht die einzige herzchirurgische Klinik des Landes, das Salam Center for Cardiac Surgery, das von „Emergency“, einer italienischen Hilfsorganisation, betrieben wird. Aufgrund der Spannungen zwischen Nord- und Südsudan kann kein Flugzeug zum Transport eingesetzt werden, zudem Kong Lam und sein Vater ohnehin keinen Pass haben. Sie müssen sich zu Fuß auf die fast 2000 km lange Reise machen, wobei sie teilweise mit Schiffen und Lastkraftwagen reisen können. Der Vater verkauft vor Antritt der Reise noch ein Rind, damit er das nötige Geld hat. Sieben Wochen später kommen sie im Salam Center for Cardiac Surgery in Khartum an. Kong Lam wird operiert und erholt sich schnell. Da eine Dauertherapie mit oralen Antikoagulanzien im Südsudan nicht möglich ist, bekommt er einen biologischen Mitralklappenersatz. Die Kosten trägt die Hilfsorganisation Emergency.

Im Anschluss an die Operation machen sich Kong Lam und sein Vater erneut zu Fuß auf den Weg nach Pieri. Nach einem halben Jahr sind sie heil bei ihrer Familie angekommen.

Geburtshilfe

Für einen Arzt, der in Deutschland ausgebildet wurde, ist die Geburtshilfe eine besondere Herausforderung, da wir in unserer Ausbildung nur selten Geburten miterleben. Frauen im Südsudan kommen allerdings nur dann in eine Klinik, wenn besondere Schwierigkeiten auftreten, z. B. ein Geburtsstillstand oder anhaltende Blutungen. Die Mütter- und Kindersterblichkeit im Südsudan gehört zu den höchsten weltweit. Gegenwärtig liegt die Müttersterblichkeit im Südsudan bei 2054 Todesfällen pro 100.000 Geburten und die Kindersterblichkeit bei 135 pro 1000 Geburten [7].

Etliche Kinder im Südsudan heißen nun „Doctor“

Wir hatten an unserer Klinik nicht die Möglichkeit, eine Sectio durchzuführen. Dennoch konnte unsere Hebamme den meisten Müttern helfen und die Kinder per Vakuum entbinden. Allerdings sind auch einige Kinder unter der Geburt gestorben. Etliche Kinder im Südsudan heißen nun „Doctor“, da die Menschen dort traditionell nach den Umständen benannt werden, unter denen sie geboren wurden.

Tuberkulose

Zur Tuberkulosebehandlung gab es ein eigenes Tuberkulosedorf direkt bei der Klinik. Hier waren etwa 120 Patienten ständig in Behandlung. Neben dem pulmonalen Befall gab es auch häufig Lymphknoten- und spinale Tuberkulose (teilweise auch Morbus Pott). Bei einigen Patienten, insbesondere Kindern, konnte mikroskopisch kein positiver Nachweis geführt werden. Kleinkinder wurden, wenn sie innerhalb von 3 Wochen im Ernährungsprogramm kein Gewicht zugenommen und noch zusätzliche Kriterien erfüllt haben, auf Verdacht auf Tuberkulose behandelt. Meist zeigten sich dann schnell eine Gewichtszunahme und eine Verbesserung des Zustands.

Ernährungsprogramm

Jedes Kind unter 5 Jahren wurde bei der Aufnahme auf Mangelernährung getestet. Lag das Kind bei einem Gewicht von <75% des Sollwerts für seine Größe, wurde es aufgrund der schweren Mangelernährung im stationären Ernährungsprogramm aufgenommen. Bis zu 15 schwer mangelernährte Kinder wurden gleichzeitig behandelt. Unter ihnen auch Nyahoth. Sie war 10 Monate alt und wog gerade einmal 3000 g. Damit lag sie bei etwa 55% des Sollgewichts und unter dem durchschnittlichen Geburtsgewichts eines Babys in Deutschland (3.500 g). Neben einem ausgeprägten Marasmus wies sie auch Zeichen der Dehydration auf. Schwer mangelernährte Kinder bekommen nach einem Schema Milch (F75 oder F100) und werden für 5 Tage antibiotisch und gegen Wurmerkrankungen behandelt. Sie erhalten außerdem Folsäure, Zink und Eisen. Dennoch nahm das Gewicht von Nyahoth über Wochen nicht zu und ihr Zustand wurde immer kritischer. Daraufhin begannen wir zusätzlich eine Tuberkulosebehandlung und schon nach wenigen Wochen war aus dem schwer mangelernährten Baby ein strahlendes, kleines Mädchen geworden.

Interventionsraum

Kleinere chirurgische Eingriffe konnten in Pieri durchgeführt werden. Für größere Operationen wurden Patienten mit dem Flugzeug in eines der größeren Krankenhäuser von „Ärzte ohne Grenzen“ gebracht, in denen neben einem Allgemeinmediziner auch noch ein Chirurg tätig war. In der Regenzeit war jedoch häufig kein Transport möglich, da sich das Flugfeld in einen Sumpf verwandelte.

Neben der Wundversorgung waren das Spalten von Abszessen, die Versorgung schwerer Verbrennungen, die Amputation von Gliedmaßen und die Versorgung von Schlangenbissen häufige chirurgische Eingriffe.

Die Versorgung von Schussverletzten ist eine der großen Herausforderungen

Die Versorgung von Schussverletzten bedeutete eine der sehr großen Herausforderungen. Bei Stammeskonflikten standen sich oft mehrere tausend bewaffnete junge Männer gegenüber. Teilweise wurden bis zu 40 Schussverletzte gleichzeitig an die Klinik gebracht. Schwerverletzte mit Kopf- oder Bauchschusswunden überlebten den mehrtägigen Transport zur Klinik meist nicht. Wir führten bei Schussverletzten ein Debridement der Wunden durch, entfernten die Geschosse und versorgten die Frakturen (Abb. 5). In einigen Fällen war auch eine Fasziotomie bei Kompartmentsyndrom notwendig.

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Abb. 5

Medizinische Versorgung von Schussverletzten nach Stammeskämpfen: bis zu 40 Verwundete wurden gleichzeitig versorgt

Im Jahr 2009 kam es im Bundesstaat Jonglei vermehrt zu Kämpfen zwischen den Lou-Nuer und den weiter im Süden lebenden Murle. „Ärzte ohne Grenzen“ veröffentlichte im selben Jahr einen Bericht [8] über den Gewaltausbruch, bei dem im Jahr 2009 mehr als 2900 Menschen getötet und viele verwundet wurden.

Die Patienten wurden zunächst in Pieri versorgt. Patienten mit einer komplizierten Verwundung, die beispielsweise ein größeres Knochenfragment verloren haben, wurden ausgeflogen und in den Krankenhäusern von „Ärzte ohne Grenzen“ in Leer oder Nasir weiterbehandelt (Abb. 6).

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Abb. 6

Transport von Schussverletzten mit dem Flugzeug in das Krankenhaus von Nasir

Aktuelle Lage im Südsudan

Am Ende des Jahres 2009 wurde ich von einem anderen Arzt abgelöst und bin von meinem Einsatz aus dem Südsudan zurückgekehrt. Die Gewaltspirale vor Ort dreht sich aber weiter. Im August 2011 wurden Pieri und 12 Dörfer in der Umgebung vom Stamm der Murle angegriffen. Meldungen zufolge gab es 600 Tote und zahlreiche Verletzte [9]. 200 Frauen und Kinder sollen entführt worden sein. Zudem wurden 25.000 Rinder gestohlen; die Lebensgrundlage der Menschen. Große Teile der Klinik in Pieri wurden zerstört.

Schon seit vielen Jahren befindet sich der Stamm der Lou-Nuer mit dem Stamm der Murle in blutigen Auseinandersetzungen. Bestürzend ist jedoch das Ausmaß der aktuellen Kämpfe. Dörfer werden angegriffen und weder Frauen noch Kinder verschont. Die Hoffnung, dass mit der Gründung des unabhängigen Staats Südsudan die Stammeskämpfe eingestellt werden oder zumindest deren Intensität abnimmt, hat sich bislang nicht erfüllt. Dem jüngsten Angriff auf Pieri folgte ein Vergeltungsschlag der Lou-Nuer gegen die Murle Ende Dezember 2011. Dabei wurde die Stadt Pibor angegriffen und viele Dörfer in der Umgebung zerstört. Wieder gab es Hunderte Tote. Diese Kämpfe sind der vorläufige Höhepunkt einer jahrelangen Auseinandersetzung [10].

“Ärzte ohne Grenzen“ ist entschlossen, die Klinik in Pieri nach der Zerstörung wieder aufzubauen. Kliniken und Patienten dürfen niemals Ziel von Angriffen sein. Auch auf dem Gebiet der Murle unterstützt „Ärzte ohne Grenzen“ einige Kliniken. Neutrale und unabhängige Hilfe ist für die vielen Patienten, die „Ärzte ohne Grenzen“ im Südsudan behandelt, oft die einzige Hoffnung. Dies gilt nicht nur für den Südsudan, sondern auch für die aktuellen Krisen in Somalia und Ostafrika [11].

Fazit

  • Über den Tellerrand zu schauen, ist für jeden Arzt wichtig. Es ist eine große Herausforderung, unter schwierigen und instabilen Bedingungen in einem Land wie dem Südsudan zu arbeiten. Man kann dabei aber nicht nur unschätzbare medizinische Erfahrungen machen, sondern auch beeindruckenden Menschen begegnen und andere Kulturen kennenlernen.

  • Medizin stößt allerorten an Grenzen. Während aber in Deutschland und der modernen westlichen Medizin eher die ethischen Fragen, ob man immer alles machen soll, was machbar ist, im Zentrum stehen, geht es in Regionen wie dem Südsudan darum, wie man mit dem wenigen, was man hat, möglichst viel für die Patienten erreichen kann.

  • Immer wieder hat mich die Schicksalsergebenheit der Menschen im Südsudan beeindruckt. Selten haderten Betroffene mit ihrem oft schweren Schicksal, meist traf man Menschen, die wenig haben und dennoch Freude und Glück ausstrahlen.

  • Für zahlreiche Menschen konnten wir im Südsudan mit einfachen Mitteln viel erreichen. Wir konnten für Menschen einen großen Unterschied machen, die ohne die Arbeit von „Ärzte ohne Grenzen“ keinen Zugang zu einer Gesundheitsversorgung hätten.

  • In der modernen westlichen Medizin können wir unseren Patienten viele verschieden Therapienoptionen anbieten. Dabei sollten wir aber nicht vergessen, dass dies nicht überall auf der Welt so ist.

Infobox

“Ärzte ohne Grenzen“ arbeitet in mehr als 400 Projekten in über 60 Ländern. Zu 90% werden diese Projekte über private Spenden finanziert. Im Jahr 1999 wurde der Organisation der Friedensnobelpreis verliehen. Interessierte Ärzte mit 2 Jahren Berufserfahrung können sich für einen Einsatz in einem Projekt bewerben. Informationen zur Arbeit der Organisation und zur Mitarbeit:

http://www.aerzte-ohne-grenzen.de

Interessenkonflikt

Der korrespondierende Autor gibt für sich und seine Koautoren an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

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