Zeitschrift für Rheumatologie

, Volume 72, Issue 4, pp 339–346

Biologikaregister JuMBO

Langzeitsicherheit von Biologikatherapie bei juveniler idiopathischer Arthritis

Authors

    • Deutsches Rheuma-Forschungszentrum Berlin, ein Institut der Leibnizgemeinschaft, Programmbereich Epidemiologie
    • Universitätskinderklinik Charité, Campus Virchow
  • J. Klotsche
    • Deutsches Rheuma-Forschungszentrum Berlin, ein Institut der Leibnizgemeinschaft, Programmbereich Epidemiologie
  • M. Niewerth
    • Deutsches Rheuma-Forschungszentrum Berlin, ein Institut der Leibnizgemeinschaft, Programmbereich Epidemiologie
  • G. Horneff
    • Asklepios Kinderklinik St. Augustin GmbH
  • A. Zink
    • Deutsches Rheuma-Forschungszentrum Berlin, ein Institut der Leibnizgemeinschaft, Programmbereich Epidemiologie
Leitthema

DOI: 10.1007/s00393-012-1063-z

Cite this article as:
Minden, K., Klotsche, J., Niewerth, M. et al. Z. Rheumatol. (2013) 72: 339. doi:10.1007/s00393-012-1063-z

Zusammenfassung

Die Therapie der juvenilen idiopathischen Arthritis (JIA) hat sich in den letzten Jahren gravierend geändert. Mittlerweile erhält hierzulande jedes dritte Kind mit polyartikulärer JIA ein Biologikum. Die Kenntnisse zur Langzeitsicherheit der Biologika sind noch begrenzt. Informationen hierzu werden mit dem JIA-Biologikaregister BiKeR und dessen Follow-up-Register JuMBO (Juvenile Arthritis Methotrexat/Biologics long-term observation) erhoben. Letzteres umfasst derzeit über 700 junge Erwachsene. Die meisten wurden mit Etanercept behandelt und über mehr als 5 Jahre beobachtet. Erste Rückschlüsse auf die Langzeitsicherheit einer Etanercept-Therapie bei der JIA können deshalb gezogen werden. Über einen Beobachtungszeitraum von 1800 Expositionsjahren wurden Malignome, schwere Infektionen und inzidente immunvermittelte Erkrankungen mit Raten von 0,1, 1,1 bzw. 0,9/100 Patientenjahre erfasst. Neue Sicherheitsrisiken bei längerer Etanercept-Exposition wurden nicht aufgedeckt. Zusätzlich werden mit JuMBO Informationen zum Langzeitoutcome der Patienten gewonnen. Diese belegen eine Verbesserung der Langzeitprognose der JIA vor allem im funktionellen Bereich. Daten des BiKeR/JuMBO-Registers tragen zur Risiko-Nutzen-Bewertung der bei der JIA eingesetzten Biologika bei.

Schlüsselwörter

BiologikaEtanerceptArzneimittelsicherheitLangzeitsicherheitLangzeitoutcome

Biologics register JuMBO

Long-term safety of biologic therapy of juvenile idiopathic arthritis

Abstract

In recent years the treatment of juvenile idiopathic arthritis (JIA) has changed dramatically. Nowadays one out of three children with polyarticular JIA is treated with a biologic drug; however, knowledge about the long-term safety of biologics is still limited. Information on drug safety is collected in the JIA biologic register (BiKeR) and the follow-up register juvenile arthritis methotrexate/biologics long-term observation (JuMBO). The latter currently includes information on more than 700 young adults most of whom were treated with etanercept and prospectively followed for more than 5 years. Preliminary data on the long-term safety of etanercept for JIA are therefore available. Over an observation period of 1,800 etanercept exposure-years, events of particular interest, such as malignancies, serious infections and new onset immune-mediated diseases have been recorded which occurred at rates of 0.1, 1.1 and 0.9/100 patient-years, respectively. Overall, new safety risks were not detected during long-term etanercept exposure. Moreover, JuMBO has also provided information on the long-term outcome of JIA and initial evidence suggests that JIA outcome, especially in functional aspects has improved in the biologic era. Data from BiKeR and JuMBO contribute to the risk-benefit assessment of biologic drugs which have been implemented in the routine treatment of JIA.

Keywords

BiologicsEtanerceptDrug safetyLong-term safetyLong-term outcome

Die juvenile idiopathische Arthritis (JIA) repräsentiert eine klinisch heterogene Gruppe von chronisch entzündlichen Erkrankungen unbekannter Ursache mit einem Erkrankungsbeginn vor dem 16. Lebensjahr. Bei einer Prävalenz von 0,1 % stellt die JIA mit bundesweit schätzungsweise 14.000 Betroffenen bis 18 Jahre die häufigste chronische entzündlich rheumatische Erkrankung im Kinder- und Jugendalter dar. In über der Hälfte der Fälle verläuft die JIA polyartikulär, d. h., es werden mehr als 4 Gelenke in den Entzündungsprozess einbezogen. Insbesondere diese Patienten tragen ein hohes Risiko für lebenslange Folgeschäden in Form von irreversiblen Gelenkzerstörungen, Funktionsminderungen und Einschränkungen in der Lebensqualität. Bei etwa jedem zweiten im Vorbiologika-Zeitalter aufgewachsenen Patienten wurden derartige Krankheitsfolgen konstatiert [3, 4, 12, 16].

In den letzten 15 Jahren hat sich die Therapie der Kinder mit polyartikulärer JIA erheblich geändert. Patienten mit polyartikulärer JIA werden zunehmend häufiger und früher im Krankheitsverlauf mit krankheitsmodifizierenden Substanzen („disease modifying antirheumatic drugs“, DMARDs), Biologika eingeschlossen, behandelt. Methotrexat (MTX) ist unverändert das DMARD der ersten Wahl, aber inzwischen erhält bereits jeder dritte kinderrheumatologisch betreute Patient mit polyartikulärer JIA ein Biologikum (Abb. 1). Dabei handelt es sich vorzugsweise um die in randomisierten, placebokontrollierten Studien bei Patienten mit polyartikulärer JIA auf ihre Wirksamkeit und Verträglichkeit geprüften Substanzen Etanercept, Adalimumab und Abatacept. Deren klinische Prüfungen zeigten, dass die Substanzen bei guter Toleranz effektiv sind und bei etwa jedem dritten zuvor therapierefraktären Patienten zu einer inaktiven Erkrankung führen [9, 11, 20]. Die vorhandene Evidenz aus den klinischen Studien zu Nutzen und Risiken dieser Substanzen beschränkt sich allerdings auf begrenzte Patientenkollektive von 69 bis 190 Patienten und Beobachtungszeiträume von nicht einmal 400 Patientenjahren, selbst bei Berücksichtigung der offenen Anschlussstudien [10, 21]. Insofern können diese Studien keine Antwort auf die klinisch höchst relevante Frage geben, ob die neuen Substanzen bei im Kindes- und Jugendalter beginnender Langzeitanwendung sicher sind und zu einer besseren Langzeitprognose der JIA beitragen.

https://static-content.springer.com/image/art%3A10.1007%2Fs00393-012-1063-z/MediaObjects/393_2012_1063_Fig1_HTML.gif
Abb. 1

Therapietrends bei der polyartikulären juvenilen idiopathischen Arthritis. (Quelle: Querschnittdaten der bundesweiten Kinder-Kerndokumentation von 2000 bis 2011)

Nationale JIA-Biologikaregister – warum?

Für weiterführende Informationen, vor allem zur Arzneimittelsicherheit, wurde kurz nach Zulassung des ersten Biologikums für die Behandlung von Kindern mit JIA das JIA-Register BiKeR (Biologika in der Kinderrheumatologie) etabliert ([7], Abb. 2). In dieses Register wurden zunächst nur JIA-Patienten bei Beginn einer Etanercept-Therapie aufgenommen. Inzwischen finden auch Kinder und Jugendliche Eingang, die mit anderen Biologika behandelt werden. Außerdem wurde BiKeR im Jahr 2005 durch eine Biologika-naive Kontrollgruppe erweitert, d. h. Patienten mit Ersteinstellung auf MTX. Im Sommer 2012 schloss BiKeR bereits über 3000 Kinder und Jugendliche mit einer JIA ein. Jeder dritte in BiKeR eingeschlossene Patient ist allerdings mittlerweile erwachsen. Er hat die kinderrheumatologische Betreuung verlassen und wird deshalb auch nicht mehr in BiKeR dokumentiert. Die durchschnittliche Beobachtungsdauer eines Patienten in BiKeR liegt bei 2,4 Jahren. Diese Zeitspanne ist zu kurz, um valide Aussagen zur Langzeitsicherheit biologischer Substanzen machen zu können.

https://static-content.springer.com/image/art%3A10.1007%2Fs00393-012-1063-z/MediaObjects/393_2012_1063_Fig2_HTML.gif
Abb. 2

Zeitstrahl hinsichtlich Biologikazulassungen für die juvenile idiopathische Arthritis (JIA) und Implementierung der nationalen JIA-Biologikaregister

Seitens der FDA (Food and Drug Administration) und EMA (European Medicines Agency) wird gefordert, Kinder und Jugendliche unter Biologikatherapie langfristig zu beobachten. Dabei sollen insbesondere seltene und mit zeitlicher Latenz auftretende Ereignisse (wie Malignome) in den Blick genommen werden. Ein möglicherweise unter einer Anti-TNF-Therapie im Kindes- und Jugendalter erhöhtes Risiko für bösartige Erkrankungen hat in den letzten Jahren die Öffentlichkeit sehr beschäftigt [2, 8].

Kinder und Jugendliche unter Biologikatherapie müssen langfristig beobachtet werden

Vor diesem Hintergrund wurde das JuMBO (Juvenile arthritis Methotrexate/Biologics long-term Observation)-Register als Follow-up-Register von BiKeR im Jahr 2007 gestartet (Tab. 1, Abb. 2).

Tab. 1

Ziele des JuMBO-Registers: Datenerhebung zur …

Langzeitsicherheit

Erfassung von Häufigkeit, Art, Schweregrad und Folgen schwerwiegender und nicht schwerwiegender unerwünschter Ereignisse in der Behandlung der polyartikulären JIA mit Biologika

Langzeitwirksamkeit

Erfassung der erreichten Outcomes (Krankheitsaktivität, Funktion, Schmerz, Lebensqualität und andere), Dauer unter Therapie sowie Gründe für Therapiewechsel

Kosten/Wirksamkeit

Erfassung der direkten und indirekten Kosten der Behandlung mit Biologika sowie der Therapie-Outcomes

Ermittlung von Prädiktoren des Therapieansprechens/der Therapieverträglichkeit

Zusammen mit dem BiKeR-Studienzentrum in Sankt Augustin und der Universität von Calgary werden DNA-Proben analysiert, um genetische Prädiktoren für die Wirksamkeit und Sicherheit der Biologikatherapie zu bestimmen

JIA juvenile idiopathische Arthritis.

JuMBO-Register – Procedere

In die prospektive Kohortenstudie JuMBO sollen alle Patienten aufgenommen werden, die
  • jemals im BiKeR-Register registriert und beobachtet wurden,

  • eine gesicherte JIA nach der ILAR-Klassifikation [17] aufweisen und

  • das 18. Lebensjahr erreicht haben.

Deshalb werden alle BiKeR-Patienten bei Verlassen der kinderrheumatologischen Einrichtung gefragt, ob sie einer Weiterbeobachtung in JuMBO zustimmen. Ist dies der Fall, werden dem Patienten ab Einschluss in JuMBO halbjährlich jeweils ein Arzt- und ein Patientenfragebogen mit der Bitte zugesandt, den Patientenbogen auszufüllen und den Arztbogen an den aktuell betreuenden Arzt weiterzuleiten. Dieses patientenorientierte Vorgehen wurde gewählt, um folgenden Tatsachen Rechnung zu tragen:
  • Erwachsene Patienten mit einer JIA verbleiben nicht zwangsläufig in der rheumatologischen Versorgung.

  • Der weiterbehandelnde Arzt ist beim Ausscheiden aus der kinderrheumatologischen Versorgung oft unbekannt.

  • Das junge Erwachsenenalter bringt oft Wohnort- und damit Arztwechsel mit sich.

Der Arztfragebogen ist dem in RABBIT ähnlich [27] und erhebt Informationen zum aktuellen klinischen Zustand des Patienten. Aktuelle Therapien, Gründe für deren Absetzen und unerwünschte Ereignisse (UEs) werden darüber hinaus dokumentiert.

Mit dem Patientenfragebogen werden soziodemografische Merkmale, der Bildungshintergrund, Zeiten der Arbeitsunfähigkeit und Hospitalisierungen erfasst. Patienten bewerten ihren allgemeinen Gesundheitszustand, die Krankheitsaktivität, Schmerz und Fatigue auf einer 11-stufigen numerischen Ratingskala (NRS). Außerdem werden die beiden patientenrelevanten Outcome-Instrumente Health Assessment Questionnaire (HAQ; [5]) und die Medical Outcomes Short-Form-36 (SF-36; [26]) eingesetzt.

Das JuMBO-Register ist bislang das einzige Biologikaregister, das JIA-Patienten im Erwachsenenalter standardisiert weiter beobachtet.

JuMBO-Kollektiv – aktueller Stand

Im Sommer 2012 hatte das JuMBO-Register n = 722 Patienten eingeschlossen, das sind 67 % der 1065 von BiKeR in JuMBO theoretisch überführbaren Patienten; 195 junge Erwachsene konnten nicht aufgefunden werden (18 %), 148 (14 %) verweigerten die Teilnahme. Die vergleichsweise hohe Zahl von nicht auffindbaren Patienten geht vor allem darauf zurück, dass das JuMBO-Register erst 6 Jahre nach BiKeR startete. Dies führte teilweise zu langen Zeiträumen zwischen dem Ausscheiden aus BiKeR und dem Erstkontakt durch JuMBO.

Ende Juni 2012 lag von 608 Patienten mindestens eine Arzt- und/oder Patientendokumentation in JuMBO vor. Das Patientenkollektiv setzte sich aus 112 Biologika-naiven Patienten und 496 Patienten zusammen, die jemals mit einem Biologikum therapiert wurden (Tab. 2). Die Patienten der Biologikagruppe waren durch einen schwereren Krankheitsverlauf im Vergleich zur MTX-Kontrollgruppe charakterisiert. Die Mehrzahl der Patienten der Biologikagruppe (91 %) erhielt auch zur letzten Dokumentation noch konventionelle DMARDs oder ein Biologikum. In der MTX-Kontrollgruppe lag dieser Anteil bei 55 %. Im Krankheitsverlauf waren die Patienten in der Biologikagruppe im Mittel mit 3,7 unterschiedlichen DMARDs/Biologika behandelt worden (Range: 1–13), in der MTX-Kontrollgruppe waren es im Mittel 2,4 (Range: 1–3).

Tab. 2

Soziodemografische und klinische Merkmale der JuMBO-Kohorte

Alle Patienten (n = 608)

Methotrexat-Kontrollgruppe (n = 112)

Jemals Biologika (n = 496)

Frauen, n (%)

411 (67,6)

72 (64,3)

339 (68,3)

JIA Subtyp, n (%)

– Systemische Arthritis

30 (4,9)

1 (0,9)

29 (5,8)

– Persistierende Oligoarthritis

50 (8,2)

28 (25,0)

22 (4,4)

– „Extended“ Oligoarthritis

91 (15,0)

13 (11,6)

78 (15,7)

– RF-negative Polyarthritis

162 (26,6)

28 (25,0)

134 (27,0)

– RF-positive Polyarthritis

66 (10,9)

2 (1,8)

64 (12,9)

– Enthesitis-assoziierte Arthritis

125 (20,6)

26 (23,2)

99 (20,0)

– Psoriasisarthritis

61 (10,0)

10 (8,9)

51 (10,3)

– Andere Arthritis

23 (3,8)

4 (3,6)

19 (3,8)

Alter zur letzten Dokumentation, MW (SD)

21,1 (3,1)

19,2 (1,5)

21,5 (3,2)

Erkrankungsdauer in Jahren, MW (SD)

11,7 (5,7)

8,1 (4,5)

12,5 (5,6)

Beobachtungsdauer seit Einschluss in BiKeR in Jahren, MW (SD)

6,1 (2,8)

3,8 (1,3)

6,6 (2,8)

Aktuelle DMARD- bzw. Biologikabehandlung, n (%)

517 (85,0)

61 (54,5)

456 (91,9)

– Methotrexat

220 (42,0)

52 (55,3)

168 (39,1)

– Andere konventionelle DMARDsa

95 (15,6)

20 (17,9)

75 (15,1)

– Etanercept

205 (38,8)

205 (46,3)

– Adalimumab

91 (18,1)

91 (21,8)

– Infliximab

18 (3,7)

18 (4,4)

– Tocilizumab

25 (5,1)

25 (6,2)

– Anakinra

6 (1,2)

6 (1,5)

– Andere Biologikab

29 (4,8)

29 (5,6)

RF Rheumafaktor, MW Mittelwert, SD Standardabweichung, DMARDs „disease modifying antirheumatic drugs“.aThalidomid, Sulfasalazin, Mycophenolatmofetil, Leflunomid, Immunglobuline, HCQ/CQ. bAbatacept, Canakinumab, Certolizumab, Golimumab, Rituximab.

Die mittlere Beobachtungsdauer der Patienten ab Einschluss in BiKeR betrug 6,1 Jahre, wobei die MTX-Kontrollgruppe eine kürzere Beobachtungsdauer aufwies (3,1 Jahre). Die Mehrzahl der JuMBO-Patienten (n = 518; 85 %) hatte im Sommer 2012 mindestens 2 Visiten/Befragungen in JuMBO absolviert, n = 403 (66 %) waren bereits mindestens 5-mal befragt bzw. dokumentiert worden. Die Drop-out-Quote in JuMBO ist nach erfolgter Erstuntersuchung bisher mit 3,1 % (n = 19) gering. Es ist jedoch anzumerken, dass für 20 % der Patienten (n = 121) keine Arztbeurteilungen vorliegen, da die Patienten nicht regelmäßig einen Rheumatologen aufsuchten oder der behandelnde Arzt die Teilnahme an JuMBO verweigerte.

Welche Daten liegen bislang zur Arzneimittelsicherheit vor?

Das Hauptaugenmerk des JuMBO-Follow-up-Registers liegt in der Erhebung von Daten zur Arzneimittelsicherheit. Die meisten der bisher über mindestens 5 Jahre in BiKeR und JuMBO beobachteten Patienten wurden mit Etanercept behandelt (n = 368), insofern können zu diesem Medikament vorläufige Aussagen zur Langzeitsicherheit gemacht werden. Der kumulative Beobachtungszeitraum dieser bis in das Erwachsenenalter hinein beobachteten Patienten beträgt knapp 2800 Jahre, davon 1815 Jahre unter Etanercept-Exposition.

Über diesen (bisher umfangreichsten) Beobachtungszeitraum mit Etanercept behandelter JIA-Patienten (Tab. 3) wurden 77 schwere UEs (SUEs) registriert [4,0 SUEs/100 Patientenjahre (PJ) unter Exposition], davon 8 % in möglichem Zusammenhang zur Therapie. Nun lässt die SUE-Rate bei Anwendung der üblichen Definition (analog jener in klinischen Studien) nur sehr begrenzt Aussagen zur Therapiesicherheit zu. Diesbezüglich relevanter sind Ereignisse mit möglichem Zusammenhang zur Therapie wie neu aufgetretene immunvermittelte Erkrankungen, Infektionen, Malignome oder Todesfälle. Gerade Malignome können sich mit zeitlicher Latenz manifestieren und sind deshalb in klinischen Studien kaum zu erfassen.

Tab. 3

Publizierte Daten zur Sicherheit einer Etanercept-Therapie bei JIA-Patienten im Vergleich zum BiKeR-/JuMBO-Kollektiv

Studie

Lovell et al. [10]

Giannini et al. [6]

Prince et al.a [18]

Otten et al.a [15]

Sevcic et al. [22]

BiKeR/JuMBO

Patienten (n)

69

397

146

262

72

368b

PJ (n)

315

859

312

683

153

1815

Land

USA

USA

NL

NL

Ungarn

Deutschland

Ereignisse pro 100 PJ

– SUEs, davon

12

6,3

2,9

5

4,0

– Schwere Infektionen

3,0

2,0

1,3

3,3

1,1

– Immunvermittelte Erkrankungen

0

3,1

1,3

0,9

– Malignome

0

0

0

0

0,1

– Todesfälle

0

0

0

0

0,1

JIA juvenile idiopathische Arthritis, PJ Patientenjahre, SUEs schwere unerwünschte Ereignisse, NL Niederlande.aBeide bezogen auf holländisches ABC-Register. bBezug Patienten mit Etanercept-Exposition und Beobachtung über mindestens 5 Jahre.

Zwei Todesfälle traten unter (bzw. innerhalb von 3 Monaten nach Absetzen von) Etanercept auf (0,1/100 PJ). Ein kausaler Zusammenhang wurde nicht vermutet. Zwei Malignome (darunter 1 B-NHL, beide wurden bereits in BiKeR erfasst und publiziert [8]) wurden beobachtet (0,1/100 PJ). Diese Malignomrate liegt deutlich über jener der Bevölkerung, ist allerdings aufgrund der geringen Fallzahl vorsichtig zu interpretieren. Nach Untersuchungen aus der jüngsten Vergangenheit besteht bei der JIA ein erhöhtes Hintergrundrisiko für Malignome [1, 13, 23].

Bei der JIA besteht ein erhöhtes Hintergrundrisiko für Malignome

Insgesamt wurden bislang 17 schwere inzidente immunvermittelte Erkrankungen (0,9/100 PJ) gemeldet: darunter 8 Fälle mit entzündlicher Darmerkrankung (0,4/100 PJ) und 9 Uveitisfälle (0,5/100 PJ). Diese können theoretisch als extraartikuläre Manifestationen der JIA angesehen werden, zugleich kann ein Zusammenhang mit der Therapie nicht komplett ausgeschlossen werden [24]. Schwerwiegende Infektionen waren mit einer Rate von 1,1/100 PJ relativ selten, 5 von 20 führten zum Therapieabbruch. Eine Tuberkulose oder Pilzinfektionen wurden nicht registriert.

Insgesamt ergeben sich anhand der bisherigen Daten aus JuMBO keine neuen Sicherheitsbedenken hinsichtlich einer Biologikatherapie, konkret Etanercept-Therapie, im Kindesalter. Insbesondere scheint die längere Substanzanwendung nicht mit einer zunehmenden Rate an Nebenwirkungen einherzugehen. Abschließend lässt sich die Frage der Therapiesicherheit mit dem bisher erfassten Kollektiv nicht beantworten. Aufgrund der relativen Seltenheit sowohl der JIA als auch der Ereignisse von besonderem Interesse sind für valide Aussagen längere Beobachtungen von größeren Patientenkollektiven vonnöten.

Verbessern Biologika die Langzeitprognose der juvenilen idiopathischen Arthritis?

Patienten mit JIA werden heutzutage grundsätzlich anders behandelt als noch vor 15 Jahren. Ob das geänderte Vorgehen im klinischen Alltag die Prognose der Patienten langfristig verbessert, lässt sich nur indirekt durch Vergleiche zum Outcome mit historischen Kollektiven beantworten. Eine Referenzpopulation steht für Patienten, die wegen eines ungenügenden Ansprechens auf eine Standardtherapie Biologika erhalten, nicht zur Verfügung.

Von den in JuMBO eingeschlossenen schwer betroffenen Patienten der Biologikagruppe und den Patienten der MTX-Gruppe wies etwa ein Fünftel zur letzten Nachuntersuchung eine inaktive Erkrankung (nach den Wallace-Kriterien; [25]) auf (Abb. 3). Die Patienten selbst bewerteten ihre Erkrankung etwas häufiger als inaktiv.

https://static-content.springer.com/image/art%3A10.1007%2Fs00393-012-1063-z/MediaObjects/393_2012_1063_Fig3_HTML.gif
Abb. 3

Klinische und Patienten-berichtete Outcomes zur letzten JuMBO-Dokumentation. MTX Methotrexat

Erstaunlich hoch ist trotz der Selektion schwerer Fälle in JuMBO der Anteil von Patienten ohne Funktionseinbußen. In weniger als der Hälfte der Fälle wurde mittels HAQ eine Funktionseinschränkung registriert. Patienten mit einer RF (Rheumafaktor)-positiven Polyarthritis waren von JIA-bedingten Funktionseinschränkungen am häufigsten betroffen (56 %).

Obgleich sich die Patienten relativ häufig bereits mindestens einer Gelenkoperation hatten unterziehen müssen (Gesamtgruppe: 18 %, Biologikagruppe 20 %, darunter Patienten mit systemischer JIA mit 48 % am häufigsten, MTX-Gruppe 6 %), war der Anteil der Patienten mit mindestens einer Endoprothese relativ gering; 16 Patienten (4 %) in der Biologikagruppe berichteten über einen Gelenkersatz, in der MTX-Kontrollgruppe hingegen keiner. Eine derart geringe Endoprothesenrate bei schwer betroffenen jungen Erwachsenen mit JIA wurde bisher in keiner anderen JIA-Kohorte konstatiert, was für eine Abnahme schwerer Gelenkdestruktionen spricht [4, 14, 16].

Biologika führen zu einer Verbesserung der Langzeitprognose der JIA

Ihre gesundheitsbezogene Lebensqualität (HRQoL) bewerteten die in JUMBO erfassten jungen Erwachsenen mit dem SF-36 (Abb. 4). Verglichen mit einer Referenzpopulation [19] aus der deutschen Allgemeinbevölkerung mit gleicher Altersspanne berichteten die JIA-Patienten über eine im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung geringere HRQoL in den Bereichen körperliche Funktionsfähigkeit, Schmerzen und Rollenfunktion, Vitalität und allgemeine Gesundheitswahrnehmung. Grundsätzlich bewerteten die JuMBO-Patienten ihre HRQoL aber viel besser als Patienten mit einem ähnlichen Krankheitsspektrum, die ihre Kindheit im Vorbiologikazeitalter verlebten [4].

https://static-content.springer.com/image/art%3A10.1007%2Fs00393-012-1063-z/MediaObjects/393_2012_1063_Fig4_HTML.gif
Abb. 4

Gesundheitsbezogene Lebensqualität (bewertet mittels SF-36) der JuMBO-Kohorte und einer Referenzpopulation aus der Allgemeinbevölkerung

Damit liefern diese ersten Daten aus JuMBO Hinweise auf eine Verbesserung der Langzeitprognose der JIA im Biologikazeitalter.

Fazit für die Praxis

  • Die JIA-Biologikaregister BiKeR und JuMBO untersuchen die Sicherheit und Wirksamkeit von im Kindes- und Jugendalter eingesetzten biologischen Medikamenten nach der Marktzulassung („post marketing surveillance“).

  • Das Follow-up-Register JuMBO beobachtet die Patienten ab Erreichen des Erwachsenenalters und liefert zusätzlich Daten zum JIA-Langzeitoutcome.

  • Die vorläufigen JuMBO-Ergebnisse weisen nicht auf ein erhöhtes Risiko für unerwünschte Ereignisse mit längerer Etanercept-Exposition hin. Daten zur Langzeitsicherheit/-Wirksamkeit von MTX und anderen Biologika können aufgrund der noch begrenzten Patientenzahl erst perspektivisch gemacht werden.

  • Schwere Infektionen treten bei jungen Erwachsenen mit JIA unter Etanercept relativ selten auf. Valide Risikoabschätzungen für andere Ereignisse von besonderem Interesse (z. B. Malignome) erfordern zahlenmäßig umfassendere Patientenkollektive.

  • Vorliegende Daten stellen den Nutzen einer Biologikatherapie bei der JIA nicht infrage.

Danksagung

Wir bedanken uns bei den Patienten für die regelmäßige Beantwortung unserer Fragebögen. Auch danken wir allen pädiatrischen bzw. internistischen Einrichtungen insbesondere: E. Seipelt, Berlin; J.P. Haas, Garmisch-Partenkirchen; G. Keysser, Halle; C. Baumann, Plauen; P. Aries, Hamburg; I. Foeldvari, Hamburg; G. Ganser, Sendenhorst; M. Hammer, Sendenhorst; J. Hennes, Tübingen; R.M. Küster, Wedel. Ganz herzlich möchten wir Karin Weber für das sorgfältige Monitoring im Rahmen des Projektes danken. Das JuMBO-Register wird durch einen „unconditional grant“ der Firma Pfizer Pharma GmbH unterstützt.

Interessenkonflikt

Die korrespondierende Autorin weist für sich und ihre Koautoren auf folgende Beziehungen hin: Kirsten Minden erhält Forschungsgelder, ist als Referentin oder Beraterin für die Firmen Abbott, Chugai Pharmaceutical, Novartis, Medac, Pfizer und Roche tätig.

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013