Psychotherapeut

, Volume 55, Issue 4, pp 306–311

Mentalisierungsdefizite bei stationären Patienten

Stationäre psychosomatisch-psychotherapeutische Komplexbehandlung

Authors

    • Klinik für Psychosomatische Medizin und PsychotherapieUniversitätsmedizin Mainz
  • Dagmar Böhringer
    • Klinik für Psychosomatische Medizin und PsychotherapieUniversitätsmedizin Mainz
  • Janina Breithaupt
    • Klinik für Psychosomatische Medizin und PsychotherapieUniversitätsmedizin Mainz
  • Lena Herdt
    • Klinik für Psychosomatische Medizin und PsychotherapieUniversitätsmedizin Mainz
  • Achim Knebel
    • Klinik für Psychosomatische Medizin und PsychotherapieUniversitätsmedizin Mainz
  • Manfred E. Beutel
    • Klinik für Psychosomatische Medizin und PsychotherapieUniversitätsmedizin Mainz
Originalien

DOI: 10.1007/s00278-010-0754-7

Cite this article as:
Subic-Wrana, C., Böhringer, D., Breithaupt, J. et al. Psychotherapeut (2010) 55: 306. doi:10.1007/s00278-010-0754-7

Zusammenfassung

Hintergrund

Fonagy (2009) sieht die Verbesserung der Mentalisierungsfähigkeit als ein schulenübergreifendes, die psychische Struktur veränderndes Ziel psychotherapeutischer Behandlung. Über die Ausprägung der Mentalisierungsfähigkeit in klinischen Populationen existieren bisher nur wenige empirische Befunde.

Material und Methoden

Die Mentalisierungsfähikeit von 201 Patienten bei Aufnahme zur stationären psychosomatisch-psychotherapeutischen Komplexbehandlung wurde mit dem „Reading-the-mind-in-the-eyes“-Test (RMET) untersucht. Es wurde geprüft, ob sich diagnosebezogene Unterschiede im RMET zeigen, und die Befunde wurden zu den bisher verfügbaren Daten über den RMET in klinischen und nichtklinischen Populationen in Beziehung gesetzt.

Ergebnisse

Im Vergleich zu nichtklinischen Populationen war die Leistungsfähigkeit von Patienten bei Aufnahme zur psychosomatischen Akutbehandlung im RMET deutlich eingeschränkt. Allerdings fanden sich keine diagnosebezogenen Unterschiede.

Schlussfolgerungen

Gerade bei stationärer Behandlung sollte die eingeschränkte Mentalisierungsfähigkeit der Patienten im Behandlungsangebot berücksichtigt werden, auch wenn die vorgestellten Befunde als vorläufig zu betrachten sind.

Schlüsselwörter

Mentalisierung„Reading-the-mind-in-the-eyes“-TestStationäre psychosomatisch-psychotherapeutische Komplexbehandlung

Mentalizing deficits of patients in psychosomatic inpatient treatment

Abstract

Background

Fonagy (2009) considers the improvement of mentalization, understood as an element of structural change, as a global goal of psychotherapeutic treatment. Yet until now there is little knowledge about the mentalizing skills in clinical populations.

Material and methods

We examined the mentalizing skills in 201 patients on admission for complex psychotherapeutic inpatient treatment with the “Reading the mind in the eyes”-Test (RMET). We explored if there are diagnosis-related differences in the RMET and compared our findings to published data on the RMET in clinical and normal populations.

Results

Compared to normal populations our sample scored significantly lower in the RMET, however, no diagnosis-related differences were found.

Conclusions

Although our data are preliminary, psychotherapeutic inpatient treatment should consider the patients reduced mentalizing skills.

Keywords

MentalizingReading the mind in the eyes testPsychosomatic-psychotherapeutic inpatient treatment

Fonagy et al. (2002) sehen die Mentalisierung, d. h. die Möglichkeit, sich und andere sowohl durch implizite wie explizite mentale Aktivität als denkend, fühlend und intentional handelnd psychisch repräsentieren zu können, als seelische „Kernaktivität“. Ihre Differenziertheit entscheidet wesentlich darüber, wie gut wir uns selbst verstehen, unser Selbstgefühl auch in Krisensituationen aufrechterhalten und uns flexibel im sozialen Miteinander bewegen können. Daraus folgt, dass Fonagy (2009) Störungen der Mentalisierungsfähigkeit zu den wesentlichen Mechanismen zählt, die zur Entstehung sowie Aufrechterhaltung psychischer Erkrankungen beitragen, und die Verbesserung der Mentalisierungsfähigkeit als ein schulenübergreifendes, die Symptomreduzierung überschreitendes und damit strukturveränderndes Behandlungsziel in der Psychotherapie erachtet.

Die Messung der Mentalisierungsfähigkeit hat ihre Ursprünge in der Autismusforschung. Dort wurde davon ausgegangen, dass massive Einschränkungen der Fähigkeit, anderen eine „theory of mind“ (ToM) zuzuschreiben, d. h. sich ihr beobachtbares Verhalten durch die Zuschreibung von Gedanken, Gefühlen und Absichten zu erklären und sich damit im sozialen Raum zurechtfinden zu können, zu den Kerndefiziten von Erkrankungen aus dem autistischen Formenkreis gehört. Baron-Cohen et al. (1985) konnten mit ToM-Tests zeigen, dass sich autistische Kinder in diesen Tests sowohl von gesunden als auch von Kindern mit Down-Syndrom unterscheiden. Damit hatten sie eindrucksvoll nachgewiesen, dass ToM-Tests Fähigkeiten untersuchen, die zumindest weitgehend von der Intelligenz, verstanden als ein Set sensorisch-kognitiver Fertigkeiten, unabhängig sind.

Aufbauend auf den Arbeiten von Baron-Cohen existiert heute eine Reihe von Untersuchungen, die mit verschiedenen ToM-Tests belegen, dass sich normal intelligente, an Autismus erkrankte Personen in ihrer Mentalisierungsfähigkeit von Gesunden unterscheiden (z. B. Castelli et al. 2002). Ein weiteres Feld, in das diese Testinstrumente Einzug gefunden haben, ist die Schizophrenieforschung (Hirao et al. 2008; Irani et al. 2006). Für Störungsbilder, die bevorzugt mit psychotherapeutischen Methoden behandelt werden, ist dagegen die testpsychologische Erfassung der Mentalisierungsfähigkeit noch Neuland. Erste Untersuchungen sind auf kleine Gruppen und wenige Krankheitsbilder beschränkt. Gegenüber Gesunden fand sich eine verminderte Mentalisierungsfähigkeit bei somatoformen Störungen (Subic-Wrana et al. 2010). Bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen wurde sowohl verminderte (Bateman u. Fonagy 2009) wie erhöhte Mentalisierungsfähigkeit (Fertuck et al. 2009) im Vergleich mit Gesunden beobachtet.

Die vorgestellte Untersuchung soll einen Beitrag zur noch weitgehend unklaren Datenlage bezüglich der Ausprägung der Mentalisierungsfähigkeit bei Patienten mit psychischen und psychosomatischen Störungsbildern liefern. Es wurden 201 Patienten bei Aufnahme zur psychosomatisch-psychotherapeutischen Komplexbehandlung in einem Akutkrankenhaus mit einem eingeführten ToM-Test, der revidierten Fassung des „Reading-the-mind-in-the-eyes“-Test (RMET; Baron-Cohen et al. 2001), untersucht. Es wurde geprüft, ob die Mentalisierungsfähigkeit sich diagnoseabhängig unterscheidet. Die Befunde werden im Vergleich zu anderen Untersuchungen, die den RMET bei klinischen und nichtklinischen Stichproben eingesetzt haben, diskutiert.

Methode

Untersuchungsgruppe und -ablauf

Es wurden insgesamt 201 Patienten in der ersten Woche nach Aufnahme zur psychosomatisch-psychotherapeutischen Komplexbehandlung mit dem RMET (Baron-Cohen et al. 2001) untersucht. Die Daten wurden zwischen Oktober 2008 und Dezember 2009 gesammelt. Es wurden nur die Patienten in die Untersuchung aufgenommen, die ausdrücklich ihr Einverständnis zur Teilnahme gegeben hatten. Die Diagnosen der International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD) wurden den Entlassbriefen entnommen; die Diagnosestellung erfolgte durch die die Patienten behandelnden Ärzte bzw. psychologischen Psychotherapeuten und wurde oberärztlich supervidiert.

Der RMET wurde durch eine geschulte studentische Hilfskraft auf einem PC präsentiert. Für die Bearbeitung der Testaufgaben gab es kein Zeitlimit; die studentische Hilfskraft protokollierte die von den Patienten ausgewählten Lösungen der Testaufgaben.

„Reading the mind in the eyes test, revised“

Im Jahr 1997 entwickelten Baron-Cohen et al. eine erste Version des RMET mit dem Ziel, damit „milde Defizite“ (Baron-Cohen et al. 2001) im Verständnis sozialer Interaktionen bei Erwachsenen mit durchschnittlicher Intelligenz zu messen. Die Testperson sollte zeigen, ob sie in der Lage ist, sich in den mentalen Zustand eines anderen einzufühlen. Dazu wurden 25 Fotografien der Augenregion von männlichen und weiblichen Personen präsentiert. Zu jedem Foto wurden 2 verbale Zuschreibungen des mentalen Zustands angegeben, der in der Augenpartie ausgedrückt wurde. Bei der Wahl zwischen diesen beiden Beschreibungen sollen die Testpersonen auf einem nicht explizit bewussten, schnellen und automatischen Niveau die präsentierte Augenregion mit abgespeicherten Erinnerungen an Ausdrücke von Augenpartien anderer und den bei diesen damit verbundenen psychischen oder mentalen Zuständen abgleichen, um beurteilen zu können, welche der Lösungsmöglichkeiten den mentalen Zustand der Person auf dem Foto am besten beschreibt. Dadurch soll der erste Schritt bei der Zuschreibung einer ToM, nämlich die Attribution eines psychischen Zustands (z. B. Mitgefühl), im Test simuliert werden. Der weitere Schritt bei der ToM-Zuschreibung, die Begründung für den psychischen Zustand (z. B. Mitgefühl für den Verlust, den jemand erlitten hat) wird nicht geprüft. Die von den Autoren festgelegte richtige Antwort für jedes Test-Item wurde an in die Testkonstruktion nichteinbezogenen Personen getestet, indem überprüft wurde, ob die meisten von ihnen bei freier Wahl das jeweilige Augenpaar mit der festgelegten richtigen Antwort verknüpften.

Obwohl mit dieser Testversion zwischen der ToM-Kapazität normal intelligenter Patienten mit Autismus, Patienten mit Tourette-Syndrom und gesunden Kontrollen differenziert werden konnte, hatte sie gravierende psychometrische Nachteile. Bei nur 2 Wahlmöglichkeiten lag die Ratewahrscheinlichkeit bei 50%. Da nur bei hohen Testwerten (>17) davon ausgegangen werden konnte, dass die Leistung nicht nur auf Rateglück bzw. Zufall beruhte, wurde die Möglichkeit, zwischen Probanden mit guter und mittlerer Leistungsfähigkeit zu unterscheiden („Ceiling“-Effekt) eingeschränkt. Die Lösungswörter enthielten basale Emotionen (z. B. Freude, Trauer) und komplexe mentale Zustände (z. B. skeptisch, flirtend) und hatten damit möglicherweise einen unterschiedlichen Schwierigkeitsgrad.

Um diese Nachteile auszugleichen, wurde die revidierte Fassung des Tests auf 36 Aufgaben mit gleicher Verteilung von männlichen und weiblichen Augenpartien erweitert, und es wurden für jede Aufgabe 4 Lösungsmöglichkeiten angegeben, die komplexe mentale Zustände jeweils unterschiedlicher Valenz beschreiben (z. B. Item 1: verspielt, tröstend, irritiert, gelangweilt). Mit der Verlängerung des Tests wurde die Ratewahrscheinlichkeit auf 25% vermindert, der Bereich von nicht allein rateabhängigen Leistungen liegt nun zwischen 13 und 36 richtigen Lösungen und bietet damit breitere Differenzierungsmöglichkeiten zwischen guten und mittleren Leistungen. Durch die Vorgabe von Lösungsmöglichkeiten, die für jede Aufgabe 4 komplexe mentale Zustände jeweils gleicher emotionaler Valenz anbieten, ist der Schwierigkeitsgrad der Test-Items einander angeglichen worden.

Für die Bearbeitung des Tests wird kein Zeitlimit vorgeschrieben. Die Testinstruktion: „Sehen Sie sich die 36 Bilder von Augenpaaren nacheinander an. Bitte entscheiden Sie, welcher der 4 aufgeführten Begriffe am besten beschreibt, was die abgebildete Person denkt, fühlt oder ausdrückt.“ wird an einer Beispielaufgabe erläutert. Dem Test wurde ein Glossar beigefügt, das die Lösungswörter erklärt oder mit anderen Begriffen umschreibt, die von den Testautoren als nicht in allen Bildungsschichten bekannt eingeschätzt wurden. Dieses Glossar können die Testpersonen bei der Bearbeitung des Tests benutzen. Die neue Testversion wurde von Baron-Cohens Arbeitsgruppe an einer Stichprobe der Allgemeinbevölkerung, einer Gruppe von Studenten und an normal intelligenten Erwachsenen mit Erkrankungen aus dem autistischen Formenkreis getestet; die Ergebnisse sind in Tab. 1 dargestellt (Darstellung der Testentwicklung nach Baron-Cohen et al. 2001).

Tab. 1

Soziodemografische Daten der Untersuchungsgruppe

Gesamtgruppe

(n=201)

Depressive Störungen

(n=68)

Angststörungen

(n=34)

Somatoforme Störungen

(n=42)

Andere Diagnosen

(n=57)

Geschlecht

Anteil Frauen (%)

67,7

72,1

64,7

52,4

75,4

Alter (Jahre)

Mittelwert

40,0

41,8

41,8

40,4

36,7

Standardabweichung

13,9

14,5

14,6

11,3

14,1

Bildungsstand (%)

Hauptschule

27,4

19,1

26,5

33,3

33,3

Realschule

24,4

26,5

29,4

16,7

26,6

Mindestens Fachabitur

39,3

47,1

38,2

35,7

33,3

Für die deutsche Version des Tests (Bölte 2005) sind die Lösungswörter der Übungsaufgabe und der 36 Testaufgaben in Deutsche übertragen und zur Prüfung der Korrektheit der Übersetzung von einem Muttersprachler ins Englische rückübersetzt worden. Im Deutschen ist das Glossar weniger geläufiger Beschreibungen mentaler Zustände auf 6 Begriffe reduziert. Eine deutsche Normierung des Tests an einer bevölkerungsrepräsentativen Stichprobe existiert bisher nicht.

Statistische Methoden

Die statistischen Analysen wurden mithilfe des Statistical Package for the Social Sciences (SPSS) 17.0 für Windows durchgeführt. Neben rein deskriptiven Angaben bezüglich soziodemografischer Größen wurden diagnose-, geschlechts- und altersabhängige Einflüsse auf die Mentalisierungsfähigkeit (RME) mithilfe multipler Regression geprüft. Die Schätzung statistischer Signifikanz zwischen einzelnen Gruppen erfolgte mithilfe des Chi2-Tests (bei kategorialen Größen) bzw. T-Tests (bei metrischen Größen).

Ergebnisse

Die untersuchte Patientenstichprobe (n=201) besteht aus deutlich mehr Frauen als Männern (67,7 vs. 33,3%), hat ein Altersmittel von 40 Jahren [Standardabweichung (SD): 13,9 Jahre] und ist durch einen hohen Anteil von Patienten mit höherem Bildungsabschluss (39,3% Fachabitur und höher) gekennzeichnet. Im Durchschnitt haben Patienten der Gesamtstichprobe 22,5 der 36 Aufgaben des RMET richtig gelöst (SD: ±4), dies entspricht einem Anteil richtiger Lösungen von 62,5% (SD: 11,1%).

In einem zweiten Schritt wurde untersucht, ob es einen Zusammenhang zwischen der Haupt- oder Erstdiagnose und der Leistung im RMET gibt; dazu wurde die Gesamtgruppe in Patienten mit depressiven Störungen (n=68), Angststörungen (n=34) und somatoformen Störungen (n=42) aufgeteilt. Diverse andere Erstdiagnosen hatten 57 Patienten. Obwohl die Diagnosegruppen sich bezüglich der Geschlechtzusammensetzung (höchster Männeranteil bei somatoformen Störungen, geringster Männeranteil bei depressiven Störungen: 47,6 vs. 27,9%, p=0,032) und tendenziell im Bildungsniveau (Anteil an Patienten mit Fachabitur bei depressiven Störungen: 47,1% vs. bei Patienten mit diversen Störungen: 33,3%; p=0,066; Angaben zu allen Diagnosegruppen Tab. 1) z. T. erheblich unterscheiden, hat dies keine Auswirkung auf die Leistung im RMET, die sich zwischen den Diagnosegruppen nur um Bruchteile hinter dem Komma (0,1–0,2 Punkte, entspricht 0,27–0,55%) unterscheidet. Eine Regressionsanalyse bestätigte, dass Alter oder Diagnosegruppe keinen Einfluss auf die Leistung im RMET hat (Darstellung der RMET-Leistungen einzelner Diagnosegruppen in Abb. 1).

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Abb. 1

Mittelwerte (MW) und Standardabweichung des „Reading-the-mind-in-the-eyes“- (RME-)Test für die Gesamtgruppe (n=201) und die diagnostischen Untergruppen. F3 depressive Störungen, F4 Angststörungen, F45 somatoforme Störungen, Div. andere Diagnosen

Diskussion

Das Hauptergebnis der Untersuchung – unabhängig von Alter und Diagnosegruppe, können Patienten, die soweit destabilisiert sind, dass sie psychosomatisch-psychotherapeutischer stationärer Akutbehandlung bedürfen, bei Aufnahme nur 62,5% der Mentalisierungsaufgaben des RMET richtig lösen – besagt wenig, solange es nicht zu den RMET-Leistungen anderer Untersuchungsgruppen in Beziehung gesetzt werden kann. Deshalb wurde eine Literaturrecherche durchgeführt; die dort gefundenen Angaben zu den Leistungen klinischer und nichtklinischer Untersuchungsgruppen im RMET sind in Tab. 2 (Baron-Cohen et al. 2006; Domes et al. 2007; Fertuck et al. 2009; Guastella et al. 2010; Hirao et al. 2008; Irani et al. 2006; Paradini u. Nichelli 2009; Richell et al. 2003; Roderigues et al. 2009; Smeets et al. 2009; Szily u. Szabolcs 2009) aufgeführt.

Tab. 2

Bisheriger Einsatz des Reading-the-mind-in-the-eyes“- (RME-)Test

Studiea

Größe

Teilnehmer

Reading-the-mind-in-the-eyes“-Test (%)

Mittelwert

Standardabweichung

Nichtklinische Populationen

Baron-Cohen (2001)

14

Gesunde Kontrollen

86

8

122

Normalbevölkerung

74

10

103

Studenten

78

9

Hirao (2008)

20

Gesunde Kontrollen

67,6

5,9

Domes (2007)

30

Gesunde ohne Oxytozin

69,4

8,1

30

Gesunde mit Oxytozin

72,4

8,6

Szily (2009)

50

Gesunde Kontrollen

76

9,2

Iranie (2006)

10

Gesunde Kontrollen

Ca. 75b

Fertuk (2009)

30

Gesunde Kontrollen

69

10

Richell (2003)

18

Gesunde Kontrollen

73

11

Smeets (2009)

64

Gesunde Probanden nach Trierer Stresstest

79

1,5

64

Gesunde Probanden ohne Trierer Stresstest

79,5

3,2

Bateman (2009)

25

Gesunde Kontrollen

76

Baron-Cohen (2006)

12

Eltern von AS

81,4

5,5

12

Kontrollen zu Eltern von AS

87,7

5,5

Roderigues (2009)

47

Studenten mit GG-Allel für Oxytozinrezeptoren

ca. 79,5b

135

Studenten mit AG/AA-Allel für Oxytozinrezeptoren

ca. 74,5b

Pardini (2010)

30

Gesunde zwischen 20–25 Jahren

74

7

30

Gesunde zwischen 45–55 Jahren

70

9

30

Gesunde zwischen 55–65 Jahren

65

9

30

Gesunde zwischen 70–75 Jahren

60

6

Klinische Populationen

Baron-Cohen (2001)

15

Patienten mit HFA/AS

61

19

Hirao (2008)

20

Patienten mit Schizophrenie

53,2

8,8

Szily (2009)

42

Junge Patienten mit „major depression“

70,1

10,4

26

Junge Patienten mit Major depression und Psychoserisiko

66,7

9,6

Iranie (2006)

10

Patienten mit Schizophrenie

ca. 55b

10

Verwandte ersten Grades von Patienten mit Schizophrenie

ca. 65b

Fertuk (2009)

30

Patienten mit BPS

79

9

Richell (2003)

19

Dissoziale Persönlichkeitsstörung

66,3

14

Guastella (2009)

16

AS, 12–19 Jahre, ohne Oxytozin

45

1,8

16

AS, 12–19 Jahre, mit Oxytozin

49

1,5

Bateman (2009)

25

Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung

61

25

Patienten mit Cluster-A/B-Persönlichkeitsstörungen

78

25

Patienten mit Achse-I-Störungen

76

HFA/AS „high functioning autism“/Asperger Syndrom; BPS Borderline-Persönlichkeitsstörung.aEs wird jeweils nur der Erstautor der Studie genannt.

bTestwerte in der Studie nur als Graph ohne Angabe von Mittelwerten und Standartabweichung angegeben.Fettauszeichnung: höchste und niedrigste Werte im RME.

Die Darstellung in Tab. 2 erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, umfasst jedoch alle in Medline bis zum 01.04.2010 verfügbaren Arbeiten, in denen der RMET in der auch hier genutzten revidierten Fassung (Baron-Cohen et al. 2001) eingesetzt worden ist und denen für die Tabelle verwertbare Angaben über die Testleistung der jeweiligen Probanden zu entnehmen waren. Zur besseren Vergleichbarkeit wurden in absoluten Zahlen angegebene Testwerte in Prozentwerte umgerechnet.

Wie Tab. 2 zeigt, lag die Testleistung gesunder Probanden zwischen 60 und 88% richtig gelöster RMET-Aufgaben. Klinische Gruppen konnten 45–79% der RMET-Aufgaben richtig lösen. Damit liegen die bei Aufnahme zur psychosomatisch-psychotherapeutischen Akutbehandlung untersuchten Patienten als Gesamtgruppe genau zwischen der schlechtesten und der besten RMET-Leistung anderer klinischer Gruppen (±17,5% von 45% bzw. 79%). Im Vergleich mit der Testleistung gesunder Probanden liegt die untersuchte Klientel deutlich unter der Durchschnittsleitung Altersgleicher, wie sie in der Studie zu altersabhängigen Leistungsunterscheiden im RMET von Paradini u. Nichelli (2009) angegeben werden.

Ein Vergleich der in Tab. 2 aufgeführten Testwerte zeigt, dass es zwischen dem „range“ der Testleistungen gesunder (60–88%) und psychisch kranker (45–79%) Testpersonen eine relativ große Überschneidung gibt; im Bereich zwischen 60 und 79% richtiger Lösungen punkten sowohl klinische als auch nichtklinische Untersuchungsgruppen. Dieser Befund wirft die Frage auf, ob die revidierte Form des RMET trotz der Bemühungen der Testautoren im mittleren Leistungsbereich nicht ausreichend scharf differenziert. Für diese Vermutung würde sprechen, dass Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen wie Störungen aus dem autistischen Formenkreis und Schizophrenie (Baron-Cohen et al. 2001; Guastella et al. 2010; Irani et al. 2006) außerhalb des Überschneidungsbereichs mit gesunden Probanden liegen, während sich die Ergebnisse bei Achse-I- und Persönlichkeitsstörungen innerhalb dieses Überschneidungsbereichs befinden (Bateman u. Fonagy 2009; Richell et al. 2003; Szily u. Szabolcs 2009). Die Überschneidungen zwischen den Testwerten von Gesunden und weniger basal gestörten psychisch kranken Probanden könnten auch darauf hinweisen, dass Beeinträchtigungen der Mentalisierungsfähigkeit bei der Genese und Aufrechterhaltung psychischer Störungsbilder von unterschiedlicher Bedeutsamkeit sind. Schließlich könnte der Befund, dass die von Bateman u. Fonagy (2009) im tagesklinischen Rahmen behandelten und mit dem RMET untersuchten Borderline-Patienten mit 61% richtiger Lösungen ganz nah an der Testleistung der akut stationär behandlungsbedürftigen Untersuchungsgruppe (62,5% richtige Lösungen) und der Testleistung kognitiv „fähiger“ Patienten mit autistischen Störungsbildern (61% richtige Lösungen im RMET, Baron-Cohen et al. 2001) liegen, darauf hindeuten, dass die Mentalisierungsfähigkeit bei Patienten mit Achse-I-Störungen und Persönlichkeitsstörungen einen „State“-Aspekt hat und damit teilweise situationsabhängig sein könnte (z. B. Verminderung der Mentalisierungsfähigkeit bei starkem Symptomdruck, der stationäre Akutbehandlung nötig macht). Denkbar ist jedoch auch, dass die Ausprägung der Mentalisierungsfähigkeit bei Persönlichkeitsstörungen und Achse-I-Störungen ein Differenzierungsmerkmal innerhalb dieser Diagnosegruppen darstellt, das hilft, diese hinsichtlich des psychischen Strukturniveaus zu unterscheiden. Die beiden letzten Erwägungen könnten mögliche Erklärungen dafür sein, dass in der hier vorgestellten Untersuchungsgruppe keine diagnosebezogenen Unterschiede in der Leistung im RMET gefunden werden konnten.

Jenseits der Frage, ob der RMET ein valides Messinstrument für die Mentalisierungsfähigkeit darstellt, werfen die Ergebnisse und auch die Zusammenschau anderer empirischer Arbeiten mit dem RMET viele Fragen auf, die erst durch weitere empirische Untersuchungen in diesem innovativen Forschungsfeld zu beantworten sein werden.

Fazit für die Praxis

Die deutlich eingeschränkte Leistung von Patienten in stationärer psychosomatisch-psychotherapeutischer Komplexbehandlung im RMET, einem eingeführten Mentalisierungstest, verweist darauf, dass der Förderung der Mentalisierungsfähigkeit in der stationären Behandlung besonderes Interesse gelten sollte. Einschränkungen der Mentalisierungsfähigkeit könnten ein diagnoseübergreifendes Strukturmerkmal sein, das das Risiko einer eine stationäre Behandlung erforderlich machenden psychischen Dekompensation erhöht.

Interessenkonflikt

Der korrespondierende Autor gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

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