Rechtsmedizin

, Volume 21, Issue 6, pp 535–540

Elektrowaffe Taser®

Funktion, Wirkung, kritische Aspekte
Originalien

DOI: 10.1007/s00194-011-0785-6

Cite this article as:
Fieseler, S., Zinka, B., Peschel, O. et al. Rechtsmedizin (2011) 21: 535. doi:10.1007/s00194-011-0785-6

Zusammenfassung

Bei Elektroschockdistanzwaffen, wie beispielsweise dem Taser® X26, handelt es sich um batteriebetriebene, pistolenähnliche Elektroimpulsgeräte, die durch Übertragung hoher Spannung bei geringer Stromstärke zu einer willentlich nichtbeeinflussbaren, allgemeinen Muskelkontraktion und damit zu einer Immobilisierung des Getroffenen führen. Das Ziel der vorliegenden Studie ist die Untersuchung möglicher pathophysiologischer Veränderungen nach Taser®-Applikation im Rahmen einer Trainingseinheit einer bayerischen Spezialeinheit der Polizei. Es wurden laborchemische Parameter, Langzeit-EKG und Fragen zu Schmerzintensität sowie Folgesymptomatik untersucht. Darüber hinaus gibt die vorliegende Arbeit einen kritischen Überblick über thematisch relevante wissenschaftliche Abhandlungen auf diesem Gebiet. Die durchgeführten Experimente ergaben keine Hinweise auf eine kardiale Gefährdung bei Taser®-Applikation; signifikante Veränderungen der Blutparameter konnten ebenfalls nicht festgestellt werden. Auch ergab die Literaturrecherche keinen nachvollziehbaren direkten Kausalzusammenhang zwischen Beschuss und Todeseintritt. In keinem der in der Literatur beschriebenen Fälle konnte zweifelsfrei die Stromapplikation durch den Taser® als todesursächlich benannt werden.

Schlüsselwörter

Elektroschockdistanzwaffenverletzungen Muskelkontraktion Schmerz Wunden und Verletzungen Todesursache 

Electroweapon Taser®

Function, effects, critical aspects

Abstract

Taser® ECDs (electronic control devices) are battery powered, handheld devices, which deliver short high-voltage, low current energy pulses to stimulate motor neurons, causing transient paralysis. This article reports the results of a prospective, non-blinded study, where human volunteers were exposed to the Taser® X26 during a police training exercise. The objective of this study was to determine the immediate effects of the Taser® CEW (conducted electrical weapon) discharges on the heart with possible arrhythmia development and changes in blood parameters. Furthermore, this study gives an overview of the wide range of research works devoted to different subjects surrounding Taser® ECDs, produced by university scientific groups as well as by military and police research departments. The experiments, as well as the literature review showed no indications that Taser® X26 pulses could reach the threshold for causing immediate or delayed onset ventricular fibrillation or any other significant changes in the heart. Furthermore, no pathophysiological changes in blood parameters could be detected. Electronic control devices, such as the Taser® are a relatively safe, less than lethal alternative to the use of firearms.

Keywords

Stun gun injuries Muscle contraction Pain Wounds and injuries Cause of death 

Elektroschockdistanzwaffen, wie beispielsweise der Taser® (Thomas A. Swift’s Electric Rifle), sollen im Rahmen polizeilicher Einsätze, wenn geboten, Personen sofort in einen handlungsunfähigen Zustand versetzen. Begleitschäden bzw. das Risiko potenziell tödlicher Verletzungen sollen dabei minimal sein. Nach Daten, u. a. von Amnesty International, sind aber einige Personen, die durch die Polizei „getasert“ wurden, kurze Zeit nach dem Beschuss verstorben. In der vorliegenden Untersuchung wurden morphologische Wundeigenschaften nach Taser-Beschuss beurteilt sowie verschiedene laborchemische Parameter, physiologische Daten und das subjektive Empfinden der Probanden analysiert.

Hintergrund

Gerade im Polizeidienst kann es zu Situationen kommen, bei denen es gilt, einen Angriff oder eine von einem Angreifer ausgehende Gefahr abzuwehren. Ein Schusswaffeneinsatz ist dann oftmals unabdingbar. Das Ziel eines solchen polizeilichen Schusswaffengebrauchs gegen eine angreifende Person ist es, die vom Angreifer ausgehende Gefahr möglichst effektiv abzuwehren und eine sofortige Handlungsunfähigkeit ohne Kollateralschäden zu erreichen. Um den Einsatz von Schusswaffen minimieren zu können, werden auch alternative, nichtletale Einsatzmittel auf ihre Verwendbarkeit untersucht. Unter solchen nichtletalen Waffen („non-lethal weapons“, NLW bzw. „less than lethal weapons“, LTLW) versteht man speziell entwickelte Waffen-Munition-Kombinationen, deren primäres Ziel darin besteht, Personen sofort in einen handlungsunfähigen Zustand zu versetzen und gleichzeitig Begleitschäden bzw. das Risiko potenziell tödlicher Verletzungen zu minimieren. Mögliche Auswirkungen auf getroffene Personen sollten dabei vollständig reversibel sein.

Zu dieser Kategorie gehört auch der Taser®, eine bereits 1974 entwickelte Elektrowaffe. Es handelt sich um ein elektronisches Kontrollgerät, dessen Anwendung zu einer vorübergehenden Immobilisierung des Getroffenen führt. Durch die Einführung des Taser® als effektives Einsatzmittel zur Erweiterung des Spektrums polizeilichen Handelns soll der Einsatz tödlicher Schusswaffen reduziert werden [20]. Während der Taser® in Amerika bei vielen Polizeieinheiten bereits seit Jahren im Einsatz ist, wurde er erst 2000 bei Spezialeinheiten der Polizei in Deutschland eingeführt. Der von der deutschen Polizei verwendete und in dieser Arbeit analysierte Taser® X26 unterscheidet sich von einer zivilen, an Personen ab 18 Jahren frei verkäuflichen Version lediglich durch einen dem Visier angepassten Laser. Der Taser® gehört zu den Elektroimpulsgeräten und unterliegt dem Waffengesetz. Die Festlegung der Einteilung von Waffen oder Hilfsmitteln der körperlichen Gewalt unterliegt jedoch für Polizeibeamte dem Polizeiaufgabengesetz (Länderrecht). Bayern und Berlin haben den Taser® als Waffe deklariert; Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Sachsen bezeichnen ihn als „Hilfsmittel körperlicher Gewalt“.

Bux et al. berichteten bereits 2002 von dem ersten Taser-Einsatz in Deutschland [3]. Seit der weltweiten Einführung des Taser® X26 2003 wird dessen Nutzung v. a. in den amerikanischen Medien kontrovers diskutiert. Es wurden Daten, u. a. von Amnesty International, nach einigen aktuellen Vorfällen auch in der deutschen Presse veröffentlicht, nach denen Personen, die durch die Polizei „getasert“ wurden, kurze Zeit nach dem Beschuss verstorben waren [1]. Ein Beispiel, das in diesem Bericht erwähnt wird, ist ein Fall aus Vancouver, bei dem ein offenbar verwirrter Mann nach Ankunft auf dem Flughafen getasert worden und wenige Minuten danach verstorben war. In der gesamten Berichterstattung fällt jedoch auf, dass ein oft nicht einmal klar beschriebener zeitlicher Zusammenhang zwischen Taser®-Einsatz und Tod durchweg als kausaler Zusammenhang dargestellt wird.

Aufbau und Funktion des Taser®

Die neue Version X26 ähnelt dem Vorgänger M26. Es handelt sich in beiden Fällen um optisch pistolenähnliche Waffen aus Kunststoff (Abb. 2). Die Betätigung des Abzugs führt dazu, dass mithilfe einer Stickstoffpatrone 2 Pfeile aus einer vorn an der Visierschiene eingesetzten Kartusche abgeschossen werden. Die Pfeile bleiben mithilfe von 2 elektrisch isolierten, ca. 0,5 mm dicken und bis zu 10,6 m langen, frei beweglichen Drähten mit der Handwaffe in Verbindung. Je nach Einsatzkartusche können die Länge der Drähte, die Winkel der Pfeile zueinander und auch der Aufbau sowie die Länge der Pfeile variieren. Standard sind 6,40 m lange, verkupferte Drähte und 3,8 cm lange Pfeile (Abb. 3), die in einem Winkel von 8° zueinander aus der Kartusche abgeschossen werden. Die Distanz der Pfeile zueinander am Zielobjekt ist von der Entfernung zwischen Schütze und Ziel abhängig.

Die Pfeile können mit einer Eindringtiefe von je 2,5 cm auch durch entsprechend dicke Kleidungsschichten dringen. Nach Erreichen des Ziels wird zwischen den 2 Pfeilen, die sich beide am Zielobjekt befinden müssen, ein hochfrequenter Stromkreis realisiert. Der Strom überlagert körpereigene Nervenimpulse führt und so zu einer willentlich nichtbeeinflussbaren, allgemeinen Muskelkontraktion und damit zu einer Immobilisierung des Getroffenen. Hierbei kann die Wirkung des Taser-Beschusses unterschiedlich sein (Tab. 1). Durch diese „Electro-muscular-disruption“(EMD)-Technologie wird die Muskulatur des Getroffenen zwischen und um die Elektroden vollständig arretiert.

Tab. 1

Auswirkungen des Taser-Beschusses. (Quelle: Hersteller Taser® International)

- Unwillkürliche Muskelkontraktionen

- Sofortiger Sturz zu Boden

- Rufen und Schreien der Betroffenen

- Unbewegliches Stehen bei „verriegelten“ Beinen

- Benommenheit (Sekunden bis Minuten)

- Temporäres Schwindel- und Kribbelgefühl

- Stressbedingter kurzzeitiger Gedächtnisverlust

- Schließmuskelfunktion in der Regel nicht gestört

Der Stromstoß der Waffe dauert 5 s; pro Sekunde werden 19 Impulse abgegeben. Bleibt der Abzug gezogen, werden weitere, jeweils 5 s andauernde Stromstöße ausgelöst. Bei dem Einsatz einer Kartusche werden 20–40 ca. 0,8 cm große konfettiähnliche Identifikationsplättchen freigegeben, die mit der Kartuschennummer bedruckt sind, sodass eine Zuordnung der Pfeile und der Kartusche möglich ist. Dadurch kann auch im Nachhinein noch nachvollzogen werden, welche Waffe wo abgefeuert wurde. Um den Taser® erneut benutzen zu können, muss eine neue Kartusche eingeführt werden. Der X26 soll Vergleich zum M26 (laut Angabe von Taser International) um 5% wirksamer, ferner bis zu 60% kleiner und leichter sein. Auch Spannung und Stromstärke sind unterschiedlich (Tab. 2).

Tab. 2

Herstellerangaben für die Modelle X26 und M26

X26

M26

Spannung (V)

50.000

50.000

Stromstärke (mA)

2,1

3,6

Energieabgabe/Impuls (J)

0,07

0,5

Nach dem Beschuss müssen die beiden mit Widerhaken versehenen Pfeile aus der Haut entfernt werden. Dazu sollte die Haut mit der flachen Hand fixiert und mit der anderen Hand sollten die Pfeile ruckartig herausgezogen werden. Die Pfeile werden im Anschluss in die verbrauchte Kartusche gesteckt, um so Folgeverletzungen zu vermeiden. Die Wunden sollten desinfiziert und mit einem Pflaster versorgt werden.

Studie

Material und Methode

Sechs männliche Polizeibeamte beschossen sich gegenseitig mit einem Schussabstand von 2–3 m im Rahmen der Einführung des Taser® X26 in einer Trainingseinheit. Der zu beschießende Beamte wurde je seitlich durch eine Person gesichert, durch die er nach dem Beschuss bäuchlings auf eine Matte ablegt wurde. Der Beschuss erfolgte dorsal am unbekleideten Oberkörper. Vor dem Beschuss wurde jeweils ein 12-Kanal-Langzeit-EKG angelegt und mindestens 12 bis maximal 24 h abgeleitet.

Das Durchschnittsalter der ausschließlich männlichen Beamten betrug 34 Jahre (mindestens 25 Jahre, maximal 46 Jahre). Die letzte sportliche Betätigung war jeweils am Tag zuvor erfolgt; diese hatte aus Kraftsport (maximal 60 min), Schwimmen (maximal 750 m) und in einem Fall Laufen (30 min) bestanden. Es lagen in keinem Fall bekannte Vorerkrankungen oder regelmäßige Medikamenteneinnahme vor. Der durchschnittliche Wert des Body-Mass-Index lag bei 25,66 kg/m2 (Normalbereich: 20–25 kg/m2). Die Probanden wiesen einen überdurchschnittlich muskulösen Körperaufbau auf (Abb. 1).

Abb. 1

Versuchsaufbau

Abb. 2

Taser® X26 (Größe: 15,2×8,1×3,3 cm, Gewicht: 204 g)

Abb. 3

Kartusche und Pfeile. Links Pfeil mit kleinem Widerhaken, rechts Kartusche mit Nitrogentreibsatz, Gewicht: 1,75 g

Dokumentiert wurden die sportlichen Aktivitäten der letzten 24 h sowie mögliche Vorerkrankungen und Medikamenteneinnahme. Dabei gaben die Probanden an, regelmäßig 5–8 h/Woche Ausdauersport (Laufen, Schwimmen, Radfahren etc.) und ca. 4–8 h/Woche Kraftsport zu betreiben. Nach dem Beschuss wurde die Schmerzintensität in einer subjektiven Schmerzskala von 1 bis 10 (1:  kein Schmerz, 10: starker Schmerz) erfasst, ferner wurden zusätzlich die Empfindungen der Beamten während und nach dem Beschuss dokumentiert. Fünf Minuten vor dem Beschuss, 5 und 30 min sowie 24 h nach dem Beschuss wurden laborchemische Parameter erhoben (Tab. 3). Des Weiteren wurde bei allen Personen 24 h nach dem Beschuss eine Ultraschalluntersuchung des Herzens durchgeführt.

Tab. 3

Laborparameter

- Blutbild (Leukozyten, Erythrozyten, Thrombozyten, Hämatokrit, Hämoglobin, MCV, MCH, MCHC)

- Elektrolyte (Natrium, Kalium, Chlorid)

- Leberwerte (γ-GT, GOT, GPT, AP)

- Herzmuskel- und Muskelenzymparameter (Troponin I, BNP, CK, CK-MB (Myokardtyp), LDH)

- Nierenwerte (Harnstoff, Harnsäure, Kreatinin, Zystatin C, glomeruläre Filtrationsrate)

- Laktat

- Blutgasanalyse

AP alkalische Phosphatase, BNP „brain natriuretic peptide“, CK Kreatinkinase, GOT Glutamat-Oxalacetat-Transaminase, GPT Glutamat-Pyruvat-Transaminase, LDH Laktatdehydrogenase, MCH „mean corpuscular hemoglobin“, MCHC „mean corpuscular hemoglobin concentration“, MCV „mean corpuscular volume“, γGT γ-Glutamyltransferase.

Ergebnisse

Blutwerte

Die Blutwerte vor dem Beschuss, 5 und 30 min sowie 24 h danach wiesen keine relevanten Veränderungen auf.

Elektrokardiographie

Im Langzeit-EKG der Probanden waren keine Herzrhythmusstörungen oder Asystolien erkennbar. Die maximale Durchschnittsherzfrequenz lag bei 129 Schlägen/min, die minimale Durchschnittsherzfrequenz bei 38 Schlägen/min. Zum Zeitpunkt des Taser-Beschusses war es zu einer Episode starker Artefakte gekommen, die sich in einer Phase einer Sinustachykardie befunden hatte (zwischen 110 und 120 Schlägen/min).

Schmerz

Auf der Schmerzskala lag der geringste angegebene Wert bei 5, der maximale Wert bei 10. Die Schmerzempfindung war unterschiedlich: Drei Probanden gaben zunehmende Schmerzen während des Beschusses an (Schmerzstärke 6→10, 6→10 und 5→8). Ein Proband gab unter dem Beschuss abnehmende Schmerzen an (8→7). Bei 2 Beamten erfolgten keine Angaben über Zu- oder Abnahme der Schmerzintensität. Die durchschnittliche Schmerzstärke betrug 7,41. Das Schmerzempfinden hielt während der 5 s dauernden Stromwirkung an, danach wurde sofortige Schmerzfreiheit angegeben. Während des Beschusses kam es bei nahezu allen Beteiligten zu verbalen Schmerzäußerungen.

Muskuläre Kontrolle

Alle Probanden verloren die willkürliche Muskelkontrolle während des Taser-Beschusses. Es war keinem der Probanden möglich, stehen zu bleiben. Aufgrund des kontrollierten Ablegens konnten alle Probanden durch die Sicherungspersonen unverletzt auf einer Matte abgelegt werden.

Subjektive Empfindungen der Probanden

Eindrücke nach dem Taser-Beschuss waren ein leichtes Muskelzittern, sehr kurzfristige Benommenheit und ein Entspannungsgefühl nach Beendigung der Taser-Anwendung. Einer der Beamten gab kurz nach dem Beschuss kurzfristig (Sekunden) ein Druckgefühl in der Brust an. In einer Herzultraschalluntersuchung durch einen Kardiologen wenige Tage danach wurde eine mittelgradige Herzhypertrophie diagnostiziert. Am folgenden Tag beklagte keiner der Probanden Muskelkater oder sonstige Beschwerden.

Schutzweste

Ein Beamter ließ sich mit einer Schutzweste der Schutzklasse I (Schutz vor Standardkurzwaffen mit Vollmantel-Weichkern-Geschossen und Rundkopfgeschossen) tasern. Dabei steckte einer der Pfeile in der Weste und einer der Pfeile streifte den Polizisten am Hals und löste eine Muskelkontraktion aus.

Wunden

Die Wunden zeigten innerhalb kürzester Zeit nach dem Schuss eine umgebende Rötung und einen dem Durchmesser des Pfeils entsprechenden Hautdefekt mit geringem Blutaustritt (Abb. 4a). Am nächsten Tag war der Hautdefekt noch deutlich erkennbar. Es fand sich eine umgebende, zirkuläre Abdruckmarke (Abb. 4b) mit teilweise aufgeworfenen Wundrändern. Strommarkentypische Befunde wurden nicht beobachtet. In keinem der Fälle wurde eine Entzündung der Wunden beobachtet. Nach telefonischer Befragung gaben die Probanden an, dass es ausschließlich zur primären Wundheilung gekommen war, die nach maximal 2 Wochen abgeschlossen war.

Abb. 4

a Wunde ca. 2 min nach Beschuss, b Wunde ca. 24 h nach Beschuss

Diskussion

Primäres Ziel von Elektroschockgeräten ist es, die Gefährdung von Polizeibeamten im Einsatz, beispielsweise im Kontakt mit hochaggressiven bzw. bewaffneten Personen, zu minimieren. Gleichzeitig soll der Gebrauch von anderen Einsatzmitteln, die schwerwiegendere Verletzungen beim polizeilichen Gegenüber verursachen können, reduziert werden. Im taktischen Vorgehen der Polizeibeamten kann der Taser® gegen extrem gewalttätige und/oder bewaffnete sowie suizidale Personen eingesetzt werden. Durch den Taser-Beschuss kommt es bei den Betroffenen zu einem kompletten, muskulären Kontrollverlust, sodass willentlich gesteuerte, komplexere motorische Abläufe, wie Flucht oder Angriff, für die kurze Zeit der Anwendung nicht mehr möglich sind. Demzufolge stellt der Taser® als „Less-lethal“-Waffe eine Alternative zum Gebrauch herkömmlicher Schusswaffen dar, was in aktuellen Diskussionen der Medien immer wieder in den Hintergrund gerät.

In Bayern und in anderen Bundesländern wird der Taser® bereits von Spezialeinheiten der Polizei bei Einsätzen verwendet. Eine rechtsmedizinische Begutachtung von Taser-Schuss-Verletzungen könnte deshalb zukünftig eingefordert werden. Verletzungen, die im Rahmen eines Taser-Einsatzes auftreten könnten, sind zum einen direkte Folgeverletzungen durch den Beschuss, d. h. durch die Pfeile; zum anderen können sturzbedingt Begleitverletzungen resultieren. Die optimale Wirkung wird durch das Auftreffen der Pfeile in den Bereich größerer Muskelpartien, z. B. Rumpf- oder Beinmuskulatur, erreicht. Der Beschuss von Kopf- und Halsregion sollte vermieden werden, da hier Verletzungen z. B. der Augen oder größerer Gefäße der Halsregion mit Folgekomplikationen beigebracht werden können [6].

Durch das Eindringen der Pfeile ergibt sich ein typisches Verletzungsmuster, bestehend aus einem zentralen, lochartigen Hautdefekt und einem umgebenden Abdruck des Pfeilkonus auf der Haut [16]. Dieses typische Verletzungsmuster wurde auch bei der vorgestellten Untersuchung beobachtet (Abb. 4a,b). Um die Hautdurchtrennung zeigte sich weiterhin eine hofartige Rötung. Schwellungen der Haut wurden nicht beobachtet, wären jedoch aufgrund des Verletzungsmechanismus prinzipiell vorstellbar. Nach Angaben der Probanden waren alle Verletzungen innerhalb einer Woche vollständig abgeheilt.

Durch die komplette muskuläre Immobilisation des Getroffenen ist ein Sturzgeschehen sehr wahrscheinlich. In der vorgestellten Untersuchung erfolgte aus Sicherheitsgründen das kontrollierte Ablegen der Personen, sodass keine Sturzverletzungen auftraten. Allerdings kann es durch einen unkontrollierten Fall zu sturztypischen Verletzungen in Form von Hämatomen, Zeichen tangential schürfender Gewalteinwirkung, Prellungen, Frakturen u. Ä. kommen. Kroll [16] berichtete von ihm bekannten 6 Fällen, bei denen der Taser-Beschuss in Stürzen mit fatalen Ausgängen durch Schädel-Hirn-Traumata resultierte [16].

Gegenstand kontroverser Diskussionen um den Taser® ist die Wirkung und potenzielle Gefährlichkeit der Elektrizität. Diese Thematik wurde in der aktuellen Literatur bereits mehrfach untersucht. Während es bei einigen Tierversuchen möglich war, klinisch signifikante Herzrhythmusstörungen durch den Taser® hervorzurufen [5], konnte dieses Phänomen in klinischen Untersuchungen bisher nicht verifiziert werden [4, 7, 8, 11]. Entscheidend bei einem elektrisch bedingten Todeseintritt ist die Stärke des Stroms im Herzen [15, 18]. Demnach kann es bei direkter Stromeinwirkung auf das Herz zu kardialen Komplikationen kommen, wie es beispielsweise bei geschlossenem Stromkreis von der linken Hand zum rechten Bein der Fall ist [2]. Die kritische Stromstärke, die bei Einwirkung über 0,3 s zum Herzkammerflimmern führen kann, beschrieb Koeppen [13] als Bereich III (0,08–8 A). Der Taser® erreicht mit  < 0,004 A diese Schwelle nicht, würde jedoch nach der Einteilung Koeppens dem Bereich II zugeordnet werden (25–80 mA), innerhalb dessen es zu Blutdruckanstieg und Herzunregelmäßigkeiten kommen kann. Damit stellt sich die Frage, ob ein Taser-Beschuss zu gefährlichen Herzrhythmusstörungen führen kann.

Ho et al. [8] führten eine 24-stündige Überwachung von 66 Probanden nach einer 5-sekündigen Stromapplikation mit dem Taser X 26 im Rückenbereich durch [8]. In einer ähnlich angelegten Freiwilligenstudie wurden ebenfalls kardiovaskuläre Veränderungen während und nach einer 10-s-Applikation getestet [7]. Es konnten bei keiner dieser Studien Herzrhythmusstörungen oder signifikante Blutveränderungen festgestellt werden. Kim et al. berichteten über den Fall eines Erwachsenen, der nach Taser-Beschuss kollabiert und anschließend von Sanitätern mit Herzkammerflimmern aufgefunden worden war. Angaben zum zeitlichen Rahmen zwischen dem Beschuss und dem Kammerflimmern erfolgten hier nicht [12].

In der vorgestellten Untersuchung wurde von nur einem Probanden kurz nach dem Beschuss ein kurzfristiges Druckgefühl in der Brust beschrieben. Eine im Anschluss durchgeführte Ultraschallechokardiographie (UKG) stellte eine Herzhypertrophie dar. Das EKG war unauffällig, und die laborchemischen Untersuchungen ergaben keinen Hinweis auf einen Herzmuskelzelluntergang oder sonstige Auffälligkeiten. Inwieweit das Druckgefühl mit der festgestellten Herzhypertrophie bzw. dem Taser-Beschuss im Zusammenhang steht, ließ sich nicht abschließend klären. Bei den anderen Probanden, die sich auch im Anschluss alle einer UKG unterzogen, fanden sich keine Auffälligkeiten.

Jauchem [11] sowie Jauchem et al. [10] führten Untersuchungen an narkotisierten Schweinen durch, die mehrfach mit dem Taser® beschossen wurden. Bei der Auswertung der laborchemischen Parameter zeigten sich nur kurzfristige, geringfügige Konzentrationsanstiege von Kalium, Natrium, Laktat, Glucose und Kreatinkinase sowie Anstiege des pH und Hämatokrits. Zu vergleichbaren Ergebnissen von untersuchten Blutproben bei Probanden kamen Dawes et al. [4]. Bei den in der vorliegenden Studie nach dem Taser-Beschuss analysierten Blutproben waren keine statistisch signifikanten Änderungen oder Schwankungen feststellbar.

Kritische Stimmen, insbesondere Amnesty International, weisen auf mögliche Kausalzusammenhänge zwischen Taser-Beschuss und zeitnahem Ableben der Betroffenen hin [1]. In der wissenschaftlichen Literatur hingegen werden zwar Todesfälle nach Taser-Einsatz diskutiert; ein nachweisbarer Zusammenhang zwischen dem Beschuss und Todeseintritt ist jedoch nicht eindeutig belegt worden. Kornblum u. Reddy [14], Ho [9] sowie Strote et al. [21] publizierten Todesfälle nach Taser-Einsatz. Kornblum u. Reddy [14] untersuchten 16 Fälle von Betroffenen aus den Jahren 1982 bis 1990, die nach Polizeieinsätzen im Zuständigkeitsbereich des Los Angeles Police Department und im nahen Landkreis nach einem Taser-Einsatz verstorben waren. Der Todeseintritt lag zwischen 15 min bis 3 Tage nach Taser-Beschuss. In 13 dieser Fälle lagen Drogenintoxikationen mit Phenzyklidin, Kokain oder Amphetaminen vor. Von den 3 nichtintoxikierten Personen war einer an einer idiopathischen Kardiomyopathie mit akuter Myokarditis erkrankt; die beiden anderen Personen wiesen eine Vielzahl von Schusswunden auf. Ob es zu Symptomen in dem Zeitintervall zwischen dem Beschuss und dem Todeseintritt gekommen war, wurde von den Autoren nicht beschrieben. Ihren Aussagen gemäß waren die Drogenintoxikationen und auch die Schussverletzungen, für sich betrachtet, ausreichend, um den Todeseintritt zu erklären. Somit kann insgesamt festgestellt werden, dass in allen Fällen konkurrierende Todesursachen vorlagen und dir Todeseintritt durch Taser-Beschuss nicht eindeutig belegt werden kann.

Da speziell unter Alkohol- und/oder Drogeneinfluss stehende Personen häufiger ein erhöhtes Aggressionspotenzial zeigen, sich und andere damit gefährden, sind sie vermehrt Ziel eines Taser-Beschusses. Auch in weiteren Untersuchungen konnte kein direkter Zusammenhang zwischen Alkohol- bzw. Drogenwirkung und durch den Taser® hervorgerufene Komplikationen gefunden werden [17]. Zwischen 2001 bis 2005 untersuchten Strote et al. [21] 37 von insgesamt 75 Todesfällen nach Taser-Einsatz. Von den betroffenen Personen hatten 54,1% an kardiovaskulären Erkrankungen gelitten, 18,9% wiesen eine signifikante koronare Herzerkrankung auf, 13,5% hatten an einer Kardiomyopathie, 21,6% an einer koronaren Herzerkrankung in Kombination mit einer Kardiomyopathie gelitten. Bei 75,7% der Personen wurde ein „excited delirium“ festgestellt. Es hatten 78,4 illegale Substanzen konsumiert (z. B. Kokain, Metamphetamine, LSD, Antidepressiva etc.), 86,2% davon waren Stimulanzien. Nur bei 10,8% der Beteiligten gelang kein Nachweis von Drogen im Blut.

Angaben zu einem zeitlichen Zusammenhang zwischen Beschuss und Todeseintritt erfolgten in dieser Studie nicht. Ho [9] untersuchte Todesfälle in Polizeigewahrsam über mehrere Monate. Insgesamt stellte sich heraus, dass 27% der Verstorbenen zuvor mit dem Taser® durch Polizeibeamte beschossen worden waren. Genaue Zahlen bzw. genaue zeitliche Angaben publizierte Ho nicht. Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Tod und Taser® konnte hier nicht bestätigt werden. Auch in der hier vorgestellten Untersuchung spielten Drogengebrauch und Excited delirium in mehr als 60% der Fälle eine Rolle. Sowohl die Intoxikation durch Drogen als auch ein extremer Erregungszustand sind, für sich betrachtet, als potenzielle Todesursache geeignet. Somit lagen in fast allen Fällen potenziell konkurrierende Todesursachen vor, sodass ein eindeutiger Kausalzusammenhang zwischen dem Taser-Beschuss und dem Todeseintritt nicht sicher nicht belegt werden konnte.

Bislang gibt es keine Veröffentlichungen bezüglich eines vermeintlichen Kausalzusammenhangs zwischen körperlicher Konstitution und pathophysiologischen Auswirkungen nach Taser-Beschuss. Bei den bisher veröffentlichten Todesfällen nach Taser-Beschuss ist bei den Verstorbenen lediglich ein auffallend häufiger Drogenkonsum bekannt. Es kann gemutmaßt werden, dass es sich hier in der Regel um eine Personengruppe handelt, die schlechtere körperliche Voraussetzungen erfüllt als die an dieser Studie teilnehmenden Polizeibeamten.

Ausblick

Der in der vorliegenden Arbeit beschriebene Taser® X26 ermöglicht als Distanzeinsatzmittel das Einschreiten der Polizei z. B. gegen bewaffnete Personen bei gleichzeitig minimaler Selbstgefährdung. Trotz Reichweiten von bis zu etwa 10 m bleibt durch die bestehenden Drähte der Charakter einer Kontaktwaffe erhalten. In einer ersten Untersuchungsserie beschrieben Sherman u. Bir [19] die Wirkungsweisen und Probleme der neuen Taser®-XREP-Munition. Das „wireless extended range electronic projectile“ (XREP) ist eine neuartige Form nichtletaler Energiewaffen, die von der US-amerikanischen Firma Taser® International entwickelt wurde. Die Munition kann mit einer handelsüblichen Kaliber-12-Flinte abgefeuert werden und dringt mit 4 Metallspitzen, die als Elektroden dienen, in die Haut bzw. die Bekleidung des Getroffenen ein. Dabei werden über einen Mikrokontroller gesteuerte Hochspannungsimpulse übertragen. Mit dieser Munition soll die Taser-Wirkung auf Distanzen von über 30 m gesichert werden. Mit Einführung und flächendeckender Anwendung des Taser® XREP können evtl. veränderte Verletzungsmuster auftreten, die eine neue Herausforderung an die medizinische Versorgung stellen. Um die durch diese moderne Munitionsart ggf. hervorgerufenen pathophysiologischen Veränderungen besser behandeln bzw. verstehen zu können, ist weiterführende Forschung auf diesem Gebiet unabdingbar.

Fazit

Die Elektrowaffe Taser® ist in Deutschland bereits seit 2000 bei einigen Spezialeinheiten der Polizei im Einsatz. Von rechtsmedizinischem Interesse sind die morphologischen Eigenschaften der „Einschussverletzung“, die Symptomatik der Zielperson und die Frage nach schwereren, ggf. gravierenden Schäden bis hin zu möglichen Todesfällen. Bei allen Probanden in dieser Studie kam es nach Taser-Beschuss zu einem kompletten Verlust der Muskelkontrolle. Folgebeschwerden wurden nicht beschrieben (Ausnahme: Ein Proband berichtete über geringen thorakalen Druckschmerz nach Beschuss, im daraufhin durchgeführten UKG wurde eine Herzhypertrophie diagnostiziert). In der Literatur werden vielfach Todesfälle nach Taser-Gebrauch u. a. in Amerika beschrieben. Diese Untersuchungen belegen jedoch keinen nachvollziehbaren direkten Kausalzusammenhang zwischen Beschuss und Todeseintritt. In keinem Fall konnte die Stromapplikation durch den Taser® zweifelsfrei als todesursächlich benannt werden. Trotzdem zeigt sich ein auffallend häufiges Zusammentreffen von Taser-Beschuss, Drogen, extremen Erregungszuständen, kardialen Vorerkrankungen und letalem Ausgang. In Deutschland ist bisher kein Todesfall nach Taser-Einsatz bekannt geworden.

Interessenkonflikt

Die korrespondierende Autorin gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Copyright information

© Springer-Verlag 2011

Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für RechtsmedizinUniversität MünchenMünchenDeutschland

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