Der Gynäkologe

, Volume 45, Issue 3, pp 199–204

Notfälle in der gynäkologischen Onkologie

Authors

    • Universitätsfrauenklinik der Ruhr-Universität BochumMarienhospital Herne
Leitthema

DOI: 10.1007/s00129-011-2874-8

Cite this article as:
Tempfer, C. Gynäkologe (2012) 45: 199. doi:10.1007/s00129-011-2874-8
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Zusammenfassung

Zu den häufigsten Notfällen in der gynäkologischen Onkologie zählen Infusionsreaktionen auf Chemotherapeutika und Antikörper und Chemotherapieparavasationen. Infusionsreaktionen treten typischerweise im Rahmen der Erstapplikation auf, die Häufigkeit liegt zwischen 12 und 42%. Taxane, platinhaltige Chemotherapeutika wie Cisplatin und Carboplatin, Doxorubicin, Etoposid und Bleomycin verursachen am häufigsten Infusionsreaktionen. Schwere Infusionsreaktionen und anaphylaktische Zustandsbilder sind durch fünf charakteristische Symptome gekennzeichnet: Juckreiz, Urtikaria, Bronchospasmus, Gesichtsschwellung und Hypotension. Reaktionen auf Antikörpertherapien wie z. B. Trastuzumab, Bevacizumab und Cetuximab treten bei etwa 20−40% der Patientinnen auf. Die Häufigkeit von Chemotherapieparavasationen wird mit 1−7% angegeben. Unterschieden werden gewebeirritierende und nekrotisierende Substanzen. Der Symptomenkomplex umfasst lokale Rötung, Schmerzen, Überwärmung, Dysästhesie und Phlebitis bis hin zu Nekrosen und Verlust von Haut, Unterhautfettgewebe, Bindegewebe und angrenzenden Strukturen. Diagnose und Therapie von Infusionsreaktionen und Chemotherapieparavasationen werden erörtert.

Schlüsselwörter

Anaphylaktische ReaktionExtravasationDysästhesieChemotherapieKortikoide

Emergencies in gynecologic oncology

Abstract

Chemotherapy infusion reactions (e.g., hypersensitivity reactions and anaphylactic reactions) and chemotherapy extravasation injuries are among the most common emergencies in gynecologic oncology. Infusion and hypersensitivity reactions typically occur during the first chemotherapy cycle and affect 12–42% of patients. Those agents most likely to induce infusion reactions are taxanes, platin compounds (e.g., carboplatin and cisplatin), doxorubicine, etoposide, and bleomycin. The most common signs and symptoms of severe infusion reactions and anaphylactic reactions are cutaneous symptoms such as urticaria and itching, bronchospasm, angioedema, and hypotension. Local and/or systemic reactions to targeted therapies such as trastuzumab, bevacizumab, and cetuximab are also common, affecting 20–40% of treated women. Extravasation injury associated with chemotherapy is a rare complication, but may occur in up to 7% of patients. Chemotherapy compounds are classified as irritant and vesicant/necrotizing according to their effects on the surrounding tissue. The complex of symptoms associated with extravasation injury include local erythema, pain, swelling, dysesthesia, phlebitis, ulceration, and ultimately necrosis with subsequent loss of local tissue and adjacent structures. Diagnosis and therapy of chemotherapy infusion reactions and extravasation injuries are discussed.

Keywords

Anaphylactic reactionExtravasationDysesthesiaChemotherapyCorticoids

Notfälle kommen im Bereich der gynäkologischen Onkologie äußerst selten vor. Im Gegensatz zu anderen Bereichen wie Allgemeingynäkologie und Geburtshilfe, in denen Notfälle, wie der akute Unterbauchschmerz, Blutungen in der Schwangerschaft oder peripartale Komplikationen wie Schulterdystokie, Nabelschnurvorfall und Uterusatonie häufig sind, gibt es in der gynäkologischen Onkologie keine typischen, regelmäßig auftretenden Notfallsituationen, die zur Tagesroutine zählen. Dennoch trifft man auch in diesem Teilbereich der Frauenheilkunde auf einige wenige akute Zustandsbilder, die ein umgehendes Eingreifen unter Notfallbedingungen erfordern, so u. a. Infusionsreaktionen durch Chemotherapeutika und Antikörper, Chemotherapieparavasationen und akute Abdominalschmerzen durch eine – in diesem Fall meist noch unerkannte − maligne gynäkologische Grunderkrankung. Im Folgenden werden diese Problembereiche mit den typischen klinischen Bildern und den notwendigen Akutmaßnahmen erörtert und kritisch diskutiert.

Infusionsreaktionen bei systemischer Chemotherapie

Grundsätzlich kann jedes in der gynäkologischen Onkologie verwendete Chemotherapeutikum eine Infusionsreaktion auslösen, die sich als allergische oder nicht-allergische Reaktion manifestieren kann [1]. Infusionsreaktionen treten typischerweise im Rahmen der Erstapplikation auf, können aber auch während späterer Chemotherapiezyklen vorkommen. Aufklärungsrelevant ist, dass Infusionsreaktionen auf Chemotherapien zwar meist während oder kurz nach der Applikation auftreten, jedoch auch verzögerte Reaktionen bis zu mehrere Tage nach Chemotherapie möglich sind. Taxane, platinhaltige Chemotherapeutika wie Cisplatin und Carboplatin, pegyliertes liposomales Doxorubicin, Etoposid und Bleomycin sind die Substanzen, die am häufigsten Infusionsreaktionen verursachen und in der gynäkologischen Onkologie gebräuchlich sind.

Auch noch Tage nach Chemotherapiegabe können Infusionsreaktionen auftreten

Zu den häufigsten und in der Regel mild und transient verlaufenden Infusionsreaktionen zählen Juckreiz, Blutdruck- und Herzfrequenzveränderungen, Dyspnoe, Brust-, Rücken- und Abdominalschmerzen, Übelkeit, Fieber, Flush (wellenartige Dysästhesie- und Wärmesensation in den Akren), Synkopen und Hypoxie. Im Gegensatz zu diesen typischen Infusionsreaktionen handelt es sich bei der anaphylaktischen Reaktion um eine IgE-vermittelte Reaktion, die durch eine systemische Ausschüttung von vasoaktiven Substanzen aus Mastzellen und basophilen Granulozyten gekennzeichnet ist [2]. Klinisch manifestiert sich die anaphylaktische Reaktion durch die typischen fünf Symptome: Juckreiz, Urtikaria, Bronchospasmus, Gesichtsschwellung und Hypotension. Differenzialdiagnostisch wichtig sind Fieber und Muskelschmerzen, die für Infusionsreaktionen charakteristisch sind, nicht jedoch für eine anaphylaktische Reaktion. Weiterhin finden sich im Rahmen von anaphylaktischen Reaktionen in unterschiedlicher Ausprägung und Kombination kutane (Flush, Angioödem), respiratorische [Hustenreiz, Stimmverlust (durch Larynxödem), Atemnot, Brustschmerzen, Erstickungsanfälle], kardiovaskuläre (Tachykardie, Synkope), gastrointestinale (Übelkeit, Erbrechen, Abdominalkrampf, Diarrhoe) und neurologische (Schwindel, Schwäche, Bewusstseinsverlust) Symptome. In ihrer schwersten Ausprägung kann die anaphylaktische Infusionsreaktion in einen Schockzustand münden.

Jede Einheit, die Chemotherapieapplikationen durchführt, sollte daher über schriftlich fixierte, allgemein bekannte und regelmäßig trainierte Standardschemata verfügen, die ein umgehendes und effizientes Eingreifen ermöglichen. Standardmedikationen und -ausstattung, wie Sauerstoffapplikatoren, Antihistaminika, Epinephrin und Bronchodilatatoren, sollten vor Ort verfügbar sein, ein Akutbereitschaftsteam für Notmaßnahmen wie Defibrillation und Tracheostomie sollte unmittelbar abrufbar sein.

Am häufigsten finden sich anaphylaktische Reaktionen bei Taxanen und platinhaltigen Chemotherapeutika, während sie bei anderen Chemotherapeutika eher als Rarität vorkommen. In diesem Sinne sind die meisten mit Platinen assoziierten anaphylaktischen Infusionsreaktionen typische IgE-vermittelte Typ-I-Reaktionen mit Pruritus, Urtikaria, Bronchospasmus, Gesichtsschwellung und Hypotension. Beschrieben sind auch selten auftretende Typ-II-Reaktionen (immunvermittelte Anämie und Thrombozytopenie) und Typ-III-Reaktionen (verzögerte Urtikaria-Vaskulitis; [3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10]).

Die Häufigkeit von Infusionsreaktionen liegt zwischen 12 und 42% [11, 12]. Chemotherapieinfusionen im Rahmen von Second- und Third-line-Therapien weisen in der Tendenz höhere Raten an Infusionsreaktionen auf als Chemotherapieinfusionen im Rahmen einer first line-Therapie [11, 12, 13].

NCI(National Cancer Institute)-Klassifikation

Infusionsreaktionen auf Chemotherapeutika werden im Rahmen der NCI-Klassifikation für Nebenwirkungen der Chemotherapie in fünf Grade eingeteilt, die sich an der Schwere der Symptome orientieren: Grad-1- und -Grad-2-Reaktionen umfassen mild und moderat ausgeprägte Reaktionen wie Pruritus, Flush, Urtikaria, Fieber, Dyspnoe und Hypotension. Grad-3- und Grad-4-Reaktionen sind mittelschwer und schwer ausgeprägte Reaktionen wie Angioödem, Bronchospasmus und Hypotension, die akut auftreten und ein unmittelbares invasives Eingreifen zur Folge haben. Fatale Ereignisse werden als Grad-5-Reaktion klassifiziert. Die meisten beschriebenen Todesfälle nach anaphylaktischen Reaktionen treten innerhalb von nur 30 Minuten auf, sodass ein akut einsetzendes, symptomorientiertes Mangement kritisch ist.

Wie an dieser kurzen Beschreibung der NCI-Klassifikation ersichtlich, handelt es sich um eine subjektive klinische Beurteilung, die auch insbesondere nicht zwischen allgemeinen Infusionsreaktionen und anaphlaktischen Reaktionen unterscheidet. Dennoch empfiehlt sich die Anwendung der NCI-Klassifikation in der klinischen Praxis zur einheitlichen Dokumentation derartiger Ereignisse. Eine exakte Differenzialdiagnose der anaphylaktischen Reaktion ist nur durch Labortests und allergologische Untersuchungen (Serumtryptasespiegel, Hauttestung) möglich.

Prämedikation und Therapie

Eine pharmakologische Prophylaxe im Sinne einer Prämedikation ist für Chemotherapeutika mit erhöhtem Potenzial für Infusionsreaktionen wie z. B. Taxane empfehlenswert. Häufigkeit und Schweregrad von Infusionsreaktionen können damit eventuell reduziert werden. Erwähnenswert ist, dass durch Prämedikationen mit Antihistaminika und Glukokortikoiden nur Infusionsreaktionen beeinflusst werden, nicht jedoch anaphylaktische Reaktionen. Eine sichere Aussage zum Therapieeffekt der Prämedikation ist nicht möglich, da es sich um empirische Therapien und Erfahrungswerte handelt. In einer Serie von 272 Patienten mit Oxaliplatintherapie zeigten 18% Infusionsreaktionen trotz Prämedikation mit Dexamethason, Famotidin und Diphenhydramin [14]. Dies zeigt, dass auch mit Prämedikation Infusionsreaktionen nicht gänzlich zu unterdrücken sind [14]. Randomisierte Studien zu dieser Fragestellung fehlen.

Therapie

Die Therapie von NCI-Grad-1- und Grad-2-Infusionsreaktionen besteht in der Beendigung der Chemotherapieapplikation und einer symptomatischen Therapie. Ein neuerlicher Infusionsversuch nach vollständigem Abklingen der Symptome ist mit reduzierter Infusionsgeschwindigkeit und nach Prämedikation mit Glukokortikoiden (z. B. Fortecortin® 20 mg in 250 ml NaCl i. v.) und Antihistaminika (z. B. Fenistil® 4 mg in 100 ml NaCl i. v.) möglich und in den meisten Fällen erfolgreich. Es kann angenommen werden, dass die Reduktion der Infusionsgeschwindigkeit zu einer Reduktion der Frequenz und Intensität möglicher Infusionsreaktionen führt, wie dies eine retrospektive Serie von Frauen mit carboplatinhaltiger Chemotherapie nahelegt [15]. Ein wiederholtes Auftreten von Grad-1- bis Grad-2-Nebenwirkungen trotz mehrfacher Unterbrechungen der Infusion und Prämedikation sollte zum Abbruch der Therapie führen. Ein Wechsel der Substanz ist empfehlenswert. Alternativ ist eine allergologische Desensibilisierung möglich, sollte ein Wechsel der Substanz von onkologischer Seite her nicht wünschenswert erscheinen.

Eine geringere Infusionsgeschwindigkeit kann zu selteneren, weniger starken Reaktionen führen

Die Therapie von NCI Grad-3- und Grad-4-Infusionsreaktionen besteht in der sofortigen Beendigung der Infusion und Einleitung einer Therapie mit i.m. Epinephrin und i. v. Antihistaminika. Im Falle einer vermuteten anaphylaktischen Reaktion sind entsprechend den Empfehlungen internationaler Gesellschaften folgende Maßnahmen zu treffen: Beendigung der Infusion, i.m. Epinephrin (0,01 mg/kg), Verständigung des Herzalarm-Akutteams, Fuß-hoch-Kopf-tief-Lagerung, Sauerstoffgabe, i. v. Volumengabe, i. v. Antihistaminikaapplikation [16, 17].

Ein neuerlicher Applikationsversuch des Chemotherapeutikums nach schwerer Infusionsreaktion oder anaphylaktischer Reaktion ist möglich, aber nicht empfehlenswert. Bei platinhaltigen Chemotherapeutika ist in diesem Fall mit einer Wiederholungswahrscheinlichkeit der anaphylaktischen Reaktion von 50% zu rechnen [13]. Eine allergologische Desensibilisierung ist möglich [4, 12], doch klare Studiendaten dazu gibt es nicht.

Infusionsreaktionen bei zielgerichteten Therapien

Zielgerichtete Therapien, z. B. Antikörpertherapien, gehören zu den erfolgreichsten onkologischen Innovationen der letzten Jahre und haben mittlerweile Einzug in den klinischen Alltag gehalten. Daher ist es unumgänglich die spezifischen Nebenwirkungsprofile dieser Substanzen zu kennen und entsprechende Therapiealgorithmen in der klinischen Praxis zu etablieren. Ähnlich wie bei den klassischen zytotoxischen Chemotherapeutika treten auch im Rahmen von Antikörpertherapien Infusionsreaktionen auf. Typischerweise erfolgen derartige Reaktionen im Rahmen der Erstanwendung während oder unmittelbar nach Applikation, doch auch verzögerte Infusionsreaktionen bis zu 24 Stunden nach Applikation sind beschrieben [18]. Die Häufigkeit liegt für Trastuzumab und Bevacizumab bei etwa 40%, für Cetuximab bei etwa 20% [19]. In einer Postmarketingstudie an Frauen mit metastasiertem Brustkrebs wird die Inzidenz von schweren Infusionsreaktionen während und nach Trastuzumab-Applikation mit 0,3% angegeben [20].

Trastuzumab, Bevacizumab und Cetuximab werden im Bereich der gynäkologischen Onkologie in der Therapie von Mammakarzinom (Trastuzumab und Bevacizumab), Ovarialkarzinom (Bevacizumab mit wahrscheinlicher Zulassung 2012) und Zervixkarzinom (Cetuximab als Off-label-Use und in experimenteller Form) eingesetzt. Der Mechanismus antikörpervermittelter Infusionsreaktionen ist unklar. Vermutet werden Antigen-Antikörper-Interaktionen mit nachfolgender Zytokinausschüttung durch Leukozyten, z. B. im Falle von Rituximab und CD20 auf der Oberfläche von Lymphozyten [21]. Im Speziellen kann es auch je nach Beschaffeneit des Antikörpers zu einer antichimären, antihumanen und/oder antimurinen Antikörperbildung kommen. Diese Antikörper treten allerdings mit einer Häufigkeit von 1% eher selten auf und korrelieren offenbar nicht mit dem Auftreten von Infusionsreaktionen [22, 23].

Wie oben erwähnt können auch bei Applikation von Antikörpern NCI Grad-1 bis Grad-5-Reaktionen auftreten. Unspezifische Infusionsreaktionen sind von anaphylaktischen Reaktionen zu unterscheiden, wobei diese Unterscheidung – wie bereits oben beschrieben – klinisch erfolgt und ohne Labortests und allergologische Hauttestung nicht exakt erfolgen kann. IgE-vermittelte anaphylaktische Reaktionen sind für die Applikation von Trastuzumab und Cetuximab beschrieben worden und scheinen durch den Galaktoseanteil des Fab-Fragments des Cetuximab-Antikörpers verursacht zu werden [24]. Ein Wechsel auf den nicht kreuzreagierenden Antikörper Panitumumab ist möglich, allerdings im Bereich der gynäkologischen Onkologie als Off-label-Use und experimentell anzusehen. Die akneiformen Nebenwirkungen von Cetuximab treten in der Regel nicht akut auf und werden im Rahmen dieses Artikels nicht erörtert.

In Analogie zu zytotoxischen Chemotherapeutika können auch vor Anwendung von Antikörpertherapien Prämedikationen mit Glukokortikoiden und Antihistaminika zur Anwendung kommen. Randomisierte Daten zum präventiven Effekt derartiger Interventionen fehlen allerdings. Eine Gabe vor den ersten zwei Zyklen mit nachfolgendem Verzicht im Falle des Ausbleibens von Infusionsreaktionen ist möglich. Auch die wiederholte Anwendung von Antikörpertherapien nach NCI Grad-1- und Grad-2-Infusionsreaktionen ist möglich. Eine wiederholte Anwendung von Antikörpertherapien nach NCI Grad-3- und Grad-4-Infusionsreaktionen oder anaphylaktischer Reaktion ist nicht empfehlenswert. Allerdings wurden erfolgreiche Desensibilisierungstherapien nach anaphylaktischer Reaktion auf Trastuzumab beschrieben [25, 26] und können daher in Erwägung gezogen werden, falls der zu erwartende onkologische Therapievorteil als hoch genug eingeschätzt wird.

Ebenfalls in Analogie zu zytotoxischen Chemotherapeutika gilt die Empfehlung, Standardprozeduren, Trainingspläne und einschlägige Medikamente wie oben beschrieben vorzuhalten und die unmittelbare Verfügbarkeit eines Herzalarmteams für den Fall schwerer Infusionsreaktionen oder anaphylaktischer Reaktionen sicherzustellen.

Chemotherapieparavasation

Unter Chemotherapieparavasation versteht man den unerwünschten Austritt von Chemotherapeutika in paravasales Gewebe. Dieses Ereignis ist als medizinischer Notfall anzusehen, Akutmaßnahmen sind anzuwenden. Die Häufigkeit von Chemotherapieparavasaten wird mit 1−7% angegeben [27]. Je nach dem zu erwartenden Schweregrad der Gewebsschädigung unterscheidet man gewebeirritierende und nekrotisierende Substanzen. Unter einer Gewebeirritation wird ein Symptomenkomplex von lokaler Rötung, Schmerzen, Überwärmung, Dysästhesie und Phlebitis verstanden. Nekrosen treten nicht auf, Langzeitschäden sind nicht zu erwarten. Im Gegensatz dazu ist bei Paravasation von gewebenekrotisierenden Substanzen der Verlust von Haut, Unterhautfettgewebe, Bindegewebe und eventuell angrenzenden Strukturen zu erwarten. Die Notwendigkeit plastisch-chirurgischer Maßnahmen ist – ja nach Paravasatmenge – möglich. In einer Serie von 35 Paravasationen war in zwei Fällen (6%) eine chirurgische Deckung notwendig [28]. Zu erwähnen ist, dass die Unterscheidung zwischen gewebeirritierenden und nekrotisierenden Substanzen nicht absolut ist und Überschneidungen berichtet wurden [28, 29, 30, 31, 32, 33]. Eine herausragende Stellung nehmen jedenfalls Anthrazykline ein, da diese Substanzen häufig verwendet werden und Paravasationen von Anthrazyklinen zu schweren Gewebenekrosen führen können. Darüber hinaus ist das hochpreisige (etwa EUR 10.000/Patient) und einzige für die Therapie von Chemotherapieparavasaten zugelassene Medikament Dexrazoxin (Savene®) auf die Anwendung nach Anthrazyklinparavasaten beschränkt.

Symptome

Eine typische Symptomabfolge nach Paravasation eines gewebenekrotisierenden Chemotherapeutikums beginnt mit einem milden lokalen Erythem, Juckreiz und Schwellung. Diese Initialsymptome können unmittelbar auf die Paravasation erfolgen, allerdings auch mit starker Verzögerung von bis zu mehreren Wochen [34], akute Verläufe sind ebenfalls möglich. Über einen Zeitraum von mehreren weiteren Wochen kommt es zu einer Verstärkung der lokalen Symptome, Hautablösung, Nekrose und Ulzeration. Darunter liegende Strukturen wie Muskeln, Nerven und Gefäße können betroffen sein.

Management von Paravasaten

Präventive Maßnahmen wie Aufklärung, adäquate Fixierung des Zuganges, Verwendung von dauerhaften Gefäßports, Vermeidung von Mobilisierung unter laufender Chemotherapie insbesondere bei älteren, sturzgefährdeten oder kognitiv beeinträchtigten Personen sind empfehlendwert. Ob derartige Maßnahmen tatsächlich geeignet sind, die Frequenz von Paravasationen signifikant zu senken, ist unbekannt. In einer Serie von Chemotherapieapplikationen über subkutane Gefäßports beispielsweise wurde von Paravasaten in 6% der Anwendungen berichtet [35], was zeigt, dass mit dieser Komplikation auch bei den technisch aufwändigeren und vermeintlich sichereren Gefäßports durchaus zu rechnen ist.

Folgende Vorgangsweisen sind bei Diagnose eines Paravasates empfehlenswert [36], wobei die Empfehlung einzelner Maßnahmen auf Tiermodellen und Erfahrungsberichten aus unkontrollierten Studien beruht, deren Effizienz nicht genau angegeben werden kann:
  • sofortige Beendigung der Infusion,

  • Entfernung des Zugangs unter Aspiration, keine Spülung des Zugangs,

  • kein Druck auf das Paravasatareal,

  • topische Kälte (trockene Applikation) außer bei Vinkaalkaloiden, z. B. Vincristin, und Epipodophyllotoxinen, z. B. Etoposid (eventuell Verstärkung der Ulzeration anhand von Daten aus dem Tiermodell),1

  • topische Wärmeapplikation bei Paravasaten mit Vinkaalkaloiden und Epipodophyllotoxinen [38],

  • Applikation eines spezifischen Antidots,

  • Dokumentation des Vorfalls und

  • Organisation von spezifischer Nachsorge einschließlich Vorstellung an einer plastischen Chirugie im Fall einer Paravasation von nekrotisierenden Substanzen.

Als spezifische Antidote für Chemotherapieparavasate stehen eine Reihe von Substanzen zur Verfügung, darunter Hyaluronidase, Dimethylsulfoxid (DMSO), Kaliumthiosulfat, Kortikosteroide und Dexrazoxan. Keine dieser Substanzen wurde in randomisierten Studien getestet. Die Empfehlung zum Einsatz dieser Substanzen beruht auf anekdotischer Evidenz sowie Tiermodellen und unkontrollierten Studien. Kaliumthiosulfat (2%ige Lösung) kann bei Mechlormethamin, Dacarbazin und Cisplatin angewandt werden, topisches DMSO (99%ige Lösung alle 8 Stunden über 7 Tage) mit oder ohne Kälte bei Anthrazyklinen und Mitomycin [39], Hyaluronidase (1 ml s.c. mit 150 Einheiten) bei Paclitaxel und Vinkaalkaloiden, Ifosphamid und Epipodophyllotoxinen.

Der Einsatz von Kortikosteroiden ist umstritten, manche Chemotherapie-Hersteller raten ausdrücklich von der Anwendung bei Anthrazyklinparavasaten ab.

Eine besonders interessante Substanz ist Dexrazoxan, da sie als einzige für die Anwendung bei PatientInnen mit Anthrazyklinparavasaten zugelassen ist. Diese Substanz ist äußerst kostspielig, mit etwa EUR 10.000 pro Patientin kann gerechnet werden. In zwei prospektiven, nicht-randomisierten Multicenter-Studien an 54 PatientInnen mit Anthrazyklinparavasaten lag die Häufigkeit von Gewebenekrosen mit plastisch-chirurgischer Deckung bei 1/54 (1,8%). Die Chemotherapie konnte in 70% der Fälle fortgesetzt werden [40]. Dexrazoxan soll über drei Dosen mit Beginn innerhalb von 6 Stunden i. v. über einen Zugang der kontralateralen Körperseite verabreicht werden. Die Dosierung beträgt 500–2000 mg/m2 Körperoberfläche.

Fazit für die Praxis

  • Notfälle im Bereich der gynäkologischen Onkologie sind selten.

  • Akute Zustandsbilder, die ein umgehendes Eingreifen unter Notfallbedingungen nötig machen, sind z. B. Infusionsreaktionen auf Chemotherapeutika und Antikörper sowie Chemotherapieparavasationen.

  • Infusionsreaktionen treten typischerweise im Rahmen der Erstapplikation auf, die Häufigkeit liegt zwischen 12 und 42%.

  • Taxane, platinhaltige Chemotherapeutika wie Cisplatin und Carboplatin, Doxorubicin, Etoposid und Bleomycin verursachen am häufigsten Infusionsreaktionen.

  • Neben in der Regel mild und transient verlaufenden Infusionsreaktionen (Juckreiz, Blutdruck- und Herzfrequenzveränderungen, Dyspnoe, Brust-, Rücken- und Abdominalschmerzen, Übelkeit, Fieber, Flush, Synkopen und Hypoxie) können auch schwere Reaktionen und anaphylaktische Reaktionen auftreten, die durch die typischen fünf Symptome Juckreiz, Urtikaria, Bronchospasmus, Gesichtsschwellung und Hypotension gekennzeichnet sind.

  • Auch Antikörpertherapien können zu Infusionsreaktionen führen; die Häufigkeit liegt für Trastuzumab und Bevacizumab bei etwa 40%, für Cetuximab bei etwa 20%.

  • Die Inzidenz von schweren Infusionsreaktionen unter Trastuzumab wird mit 0,3% angegeben.

  • Diagnose und Therapie von Infusionsreaktionen werden in diesem Artikel erörtert.

  • Eine weitere Notfallsituation sind Chemotherapieparavasationen, die mit einer Häufigkeit von 1−7% zu erwarten sind.

  • Man unterscheidet gewebeirritierende und nekrotisierende Substanzen.

  • Der Symptomenkomplex umfasst lokale Rötung, Schmerzen, Überwärmung, Dysästhesie und Phlebitis bis hin zu Nekrosen und Verlust von Haut, Unterhautfettgewebe, Bindegewebe und angrenzenden Strukturen.

  • Als spezifische Antidote für Chemotherapieparavasate stehen eine Reihe von Substanzen zur Verfügung, darunter Hyaluronidase, DMSO, Kaliumthiosulfat, Kortikosteroide und Dexrazoxan.

Fußnoten
1

Topische Kälte soll zur Vasokonstriktion führen. Gute Erfahrungen mit alleiniger topischer Kälteapplikation in einer Serie von 175 Paravasationen wurden berichtet [37].

 

Interessenkonflikt

Der korrespondierende Autor gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

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