Der Urologe

, Volume 49, Issue 9, pp 1199–1207

Hodenhochstand

Aspekte der Behandlung

Authors

    • Sektion Kinderurologie, Klinik und Poliklinik für UrologieUniversitätsklinikum Essen
  • H. Rübben
    • Sektion Kinderurologie, Klinik und Poliklinik für UrologieUniversitätsklinikum Essen
CME Weiterbildung · Zertifizierte Fortbildung

DOI: 10.1007/s00120-010-2327-3

Cite this article as:
Körner, I. & Rübben, H. Urologe (2010) 49: 1199. doi:10.1007/s00120-010-2327-3

Zusammenfassung

Der Hodenhochstand („undescended testis“, UDT), die häufigste angeborene Fehlbildung, betrifft nach dem ersten Lebensjahr noch 1% aller reif geborenen Knaben. Unbehandelt führt er zu histopathologischen Veränderungen des Parenchyms mit Einschränkung der Spermatogenese und Erhöhung des Malignomrisikos. In der klinischen Untersuchung hat sich die Einteilung in palpable und nicht palpable Hoden bewährt. Bis zum 6. Lebensmonat kann ein spontaner Hodendeszensus abgewartet werden. Anschließend sollte die Behandlung begonnen werden und bis zum 1. Geburtstag beendet sein. Palpable Hoden werden durch eine inguinale Orchidolyse und Pexie orthotop in das Skrotalfach verlagert, während nicht tastbare Hoden laparoskopisch versorgt werden. Die Hormontherapie ist wenig effektiv bezogen auf einen Hodendeszensus. Ihre Indikation liegt in der Stimulation der Keimzellreifung und nachfolgenden Verbesserung des Fertilitätspotenzials. Nur eine frühzeitig bis zum Abschluss des 1. Lebensjahres durchgeführte Therapie des UDT ist fertilitäts- und malignomprotektiv.

Schlüsselwörter

HodenhochstandHodendeszensusFertilitätHodentumor

Undescended Testis

Aspects of treatment

Abstract

Undescended testis (UDT) is the most frequent congenital malformation affecting 1% of 1-year-old mature birth boys. If untreated UDT leads to progressive histological changes with impaired spermatogenesis and an increasing risk of testicular cancer. For clinical reasons palpable testes should be differentiated from impalpable testes. Spontaneous testicular descent can be expected only before 6 months of age. Subsequently, treatment should start without delay and be finished before the child has reached the age of 1 year. Surgery is the cornerstone of treatment. Inguinal approaches are standard practice for palpable testes, whereas laparoscopy is used in non-palpable testes. Hormonal treatment is ineffective for inducing testicular descent but facilitates germ cell maturation and an improvement in fertility potential. Only early reatment of UDT reduces germ cell loss, improves fertility and reduces the risk of testicular cancer.

Keywords

CryptorchidismTestis descentFertilityTesticular cancer

Lernziel: Dem Leser sollen Wissensstand und Erkenntnisse vermittelt werden, um die Wichtigkeit einer zeitgerechten Behandlung des Hodenhochstands nochmals zu verdeutlichen.

Prävalenz

Das Fehlen mindestens eines Hodens im Hodensack wird im englischen Sprachgebrauch als „cryptorchidism“ bezeichnet, während im Deutschen der Begriff „Kryptorchismus“ im strengeren Wortsinn dem nicht tastbaren Hoden vorbehalten ist. Der nicht orthotop in das Skrotalfach deszendierte Hoden („undescended testis“, UDT) stellt die häufigste Genitalfehlbildung männlicher Neugeborener dar und ist bei etwa 30% aller Frühgeborenen oder sog. Small-for-date-Babies (in 100% bei einem Geburtsgewicht <900 g, in 25% bei 1800–2000 g) zu finden. Zum Zeitpunkt der Geburt weisen 3 bis 5% aller reif geborenen Kinder noch einen Hodenhochstand auf, der nach Abschluss des 1. Lebensjahres bei etwa 1% der Kinder persistiert und davon in 10 bis 20% bilateral vorliegt.
Der nicht orthotop in das Skrotalfach deszendierte Hoden stellt die häufigste Genitalfehlbildung männlicher Neugeborener dar

Definition und Einteilung

Ein Pendelhoden, der sich dadurch auszeichnet, dass er manuell locker an den tiefsten Punkt des Skrotums verlagert werden kann, befindet sich mehr im Skrotalfach als außerhalb seiner orthotopen Lage und grenzt sich damit vom Gleithoden ab, der häufiger im Bereich der Leiste zu finden ist (Abb. 1). Studien konnten zeigen, dass für Pendelhoden das Risiko einer Aszension und damit Entwicklung eines nicht orthotop deszendierten Hodens (UDT) bei 32% liegt, sodass mindestens jährliche Lagekontrollen solange indiziert sind, bis eine eindeutige skrotale Lage bestätigt werden kann [1].

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Abb. 1

Schematische Darstellung tastbarer, nicht deszendierter Hoden (UDT): Leistenhoden („cryptorchidism“; „undescended testis“,UDT), Gleithoden („ gliding testis“), Pendelhoden („retractile testis“). (Mit freundlicher Genehmigung)

Ektoper Hoden

Ektope Hoden (Abb. 2) haben zwar den transinguinalen Deszensus regelrecht vollzogen, anschließend jedoch ihr zugehöriges Skrotalfach nicht erreicht. Der Hoden kann epifaszial umgeschlagen, suprapubisch an der Peniswurzel, skrotal im Bereich der Gegenseite, an der Oberschenkelinnenseite oder perineal zu palpieren sein.

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Abb. 2

Schematische Darstellung ektoper Hodenfehllagen: Der Hoden kann epifaszial umgeschlagen (1), suprapubisch an der Peniswurzel (2), skrotal im Bereich der Gegenseite (3), an der Oberschenkelinnenseite (4) oder perineal zu palpieren sein. (Mit freundlicher Genehmigung)

Nicht tastbarer Hoden

Bei etwa 20% aller UDT kann der im Skrotum fehlende Hoden nicht getastet werden („ Kryptorchismus“). In der Hälfte der Fälle findet sich der Hoden intraabdominal; in 45% liegt eine Atrophie, Agenesie oder ein Hodenrudiment („nubbin“, „vanishing testis“) zugrunde, und in etwa 5% ist der Hoden der Palpation entgangen und befindet sich doch inguinal („missed testis“; [7]).
Bei etwa 20% aller UDT kann der im Skrotum fehlende Hoden nicht getastet werden

Diagnostik

Ein Hodenhochstand wird durch die klinische Untersuchung verifiziert, die durch einen erfahrenen Untersucher in einer adäquaten Umgebung (Ruhe, liegende Position des Kindes) durchgeführt werden sollte (Abb. 3). Bestehen Zweifel am inguinalen Tastbefund kann die Sonographie (hochauflösende Schallköpfe >7,5 MHz) die Untersuchung ergänzen. Zur Hodensuche bei nicht tastbarem Hoden ist weder die Sonographie [7] noch die Durchführung einer MRT-Untersuchung geeignet und indiziert; beide sollten daher unterbleiben. Die akzeptierte Diagnosemethode ist die Laparoskopie [8].
Die akzeptierte Diagnosemethode beim nicht tastbaren Hoden ist die Laparoskopie
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Abb. 3

Bimanuelle klinische Untersuchung am liegenden Kind, um die Hodenlage zu definieren

Ist durch die klinische Untersuchung und Anamnese nicht zu klären, ob ein Pendel- oder ein Gleithoden vorliegt, werden die Eltern nach Anleitung durch den Untersucher gebeten, ein Hodenlageprotokoll zu führen, welches über zweimal 5 Tage die Hodenlage morgens, mittags und abends erfasst. In einer zeitnahen klinischen Kontrolluntersuchung können dann unter Berücksichtigung des angefertigten Protokolls in der Regel die Diagnose und Indikation zur Operation gestellt werden.

Physiologie

Im männlichen Säugling erreichen FSH, LH und Testosteron beginnend mit der 2. Lebenswoche steigende Serumkonzentrationen (Abb. 4), die ihr Maximum zwischen der 4. und 10. Lebenswoche erreichen und ab dem 6. Lebensmonat bis zum Beginn der Pubertät auf niedrige Werte zurückfallen [9, 15]. Diese GnRH-gepulste kurze Zeitspanne hoher Testosteronkonzentrationen wird auch als „Minipubertät“ bezeichnet und hat zur Folge, dass
  • die Leydig-Zell-Anzahl zunimmt,

  • das Hodenvolumen durch die Längenzunahme der Tubuli seminiferi größer wird,

  • die Sertoli-Zell-Population (85–95% der Zellmasse in den Tubuli seminiferi) sich vermehrt,

  • die Konzentration von zirkulierendem Inhibin B ansteigt,

  • die Gesamtzahl der Keimzellen über etwa 100 Tage deutlich zunimmt,

  • es in dieser Zeit zur Transformation von Gonozyten in Adult-dark (Ad)-Spermatogonien kommt („dark“, da diese Spermatogonien im mikroskopischen Bild dunkel erscheinen),

  • ein Hodendeszensus in das zugehörige Skrotalfach während der ersten 6 Lebensmonate spontan erfolgen kann [19].

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Abb. 4

Schematische Darstellung der sog. Minipubertät: Testosteron-Peaks induzieren die Keimzellreifung, wobei sich Gonozyten zu Ad-Spermatogonien entwickeln, die den adulten Stammzell-Pool der Spermatogenese bilden

Steigt die Gonadotropinsekretion im 2. bis 4. Monat nicht genügend an, fehlt die ausreichende Stimulation der Leydig-Zellen zur Testosteronsynthese. Dies bedingt nachfolgend eine mangelhafte Reifung der Gonozyten zu Ad-Spermatogonien, die den adulten Stammzell-Pool bilden, aus dem in der frühen präpubertären Reifungsphase Spermatozyten hervorgehen [10] Aufgrund dieser Zusammenhänge wird heute der Hodenhochstand als Endokrinopathie, also als eine hormonell bedingte Erkrankung, eingestuft, wobei Parenchymschäden, die durch die in der Leiste gegenüber dem Skrotum erhöhte Umgebungstemperatur hervorgerufen sein könnten, als ursächliches Moment in den Hintergrund treten [18].
Der Hodenhochstand wird heute als Endokrinopathie eingestuft

Fertilität

Zur Beurteilung der Fertilität dienen das Spermiogramm und die Erfassung der Vaterschaften, wobei die Zeugungsfähigkeit gemessen in spontanen Vaterschaften nicht unbedingt mit Spermiogrammparametern korreliert. Ein unilateraler Hodenhochstand hat unabhängig von den gewählten Messparametern gegenüber einem beidseitigen Befund eine bessere Fertiltätsprognose. So weisen publizierte Serien Vaterschaftsraten von 80 bis 90% für Männer mit einem ehemals unilateralen UDT aus, während bei einem bilateralen Hodenhochstand Vaterschaften nur in 45 bis 65% nachgewiesen wurden [14]. Bleibt ein beidseitiger Hodenhochstand unbehandelt, resultiert ein Infertilitätsrisiko, dass sich durch eine operative Behandlung verringern, aber nicht aufheben lässt [3].

In einer prospektiven Studie konnte gezeigt werden, dass 70% der Knaben mit einem unilateralen Hodenhochstand eine gestörte Reifung der Ad-Spermatogonien aufweisen und die Spermienkonzentration im Erwachsenenalter desto niedriger ist, je weniger Ad-Spermatogonien histologisch am kindlichen Hoden zum Zeitpunkt der Operation nachgewiesen werden konnten [11]. Die Gabe von LH-RH-Analoga führt zu einer Zunahme und Reifung der Ad-Spermatogonien, was nachhaltig die Fertilität verbessern könnte [17]. Ein definitiver Hodendeszensus kann durch eine Hormontherapie selten erreicht werden. Der alternative Einsatz von HCG-Injektionen intramuskulär zur Hormontherapie ist umstritten; passager histologisch nachweisbare inflammatorische Reaktionen des Hodenparenchyms sowie eine erhöhte Apoptoserate von Germinalzellen sind beschrieben [5, 6, 12].

Für histopathologische Veränderungen des testikulären Parenchyms beim UDT, die unbehandelt bereits nach 12 Monaten nachweisbar sind, ist nach heutigem Kenntnisstand am ehesten eine Kombination aus temperaturabhängiger Gewebeschädigung, endokriner Dysfunktion der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse und angeborener Gewebedysplasie unterschiedlicher Ausprägung anzunehmen. Je länger ein UDT über das 1. Lebensjahr hinaus unbehandelt bleibt, desto ausgeprägter wird der histologisch nachweisbare Parenchymschaden sein. UDT können ferner mit angeborenen Fehlbildungen des Nebenhodens oder Ductus deferens einhergehen (Ductusaplasie, Hoden-Nebenhoden-Dissoziation), die ihrerseits die Fertilität ungünstig beeinflussen.
Hodenhochstände können mit angeborenen Fehlbildungen des Nebenhodens oder Ductus deferens einhergehen

Malignität

Vorläuferläsion der Keimzelltumoren ist die testikuläre intraepitheliale Neoplasie (TIN) des Hodens. Es handelt sich hierbei um atypische Keimzellen, die aus den fetalen Gonozyten hervorgehen. Eine unbehandelte TIN manifestiert sich postpubertär nach 5 bis 7 Jahren in rund 70% der Fälle als invasiver Hodentumor.
Vorläuferläsion der Keimzelltumoren ist die testikuläre intraepitheliale Neoplasie des Hodens
Das relative Risiko (RR), einen Hodentumor in einem UDT zu entwickeln, ist etwa fünffach höher als in der Normalbevölkerung. Wird der Hodenhochstand bis zum 10. Lebensjahr, d. h. präpubertär, korrigiert, verringert sich dieses Risiko [20]. Bleibt ein Hodenhochstand jedoch bis zur Pubertät unbehandelt, resultiert ein deutlich erhöhtes Malignitätsrisiko [16, 21]. Dies gilt ebenso für intraabdominelle Hoden (Bauchhoden), bei einer zusätzlich zum UDT bestehenden Fehlbildung des äußeren Genitales sowie einer Abnormität des Karyotyps [4].
Bleibt ein Hodenhochstand bis zur Pubertät unbehandelt, resultiert ein deutlich erhöhtes Malignitätsrisiko

Die Entnahme einer Hodenbiopsie zur TIN-Diagnostik ist in diesen Fällen zu diskutieren [4], wird jedoch durch die Leitlinie nur bei Verdacht auf Ovotestis, Dysgenesie oder Tumor als indiziert angesehen [2].

Hormonelle Therapie

Die Hormontherapie ist zur Desensustherapie ungeeignet, da Metaanalysen lediglich eine Erfolgsrate von 20% belegen. Für die neoadjuvante GnRH-Therapie (Infobox 1) konnte ein verbessertes Fertilitätspotenzial durch eine signifikant höhere Anzahl von Ad-Spermatogonien in der kindlichen Hodenbiopsie nachgewiesen werden. Für die neoadjuvante Gabe von HCG intramuskulär ist das Nutzen-Risiko-Verhältnis nicht abschließend geklärt. Eine postoperative Hormontherapie ist durch die aktuelle Datenlage nicht gerechtfertigt.

Infobox 1 Neoadjuvante GnRH-Therapie (Kryptocur®-Nasenspray)

3-mal tgl. je 1 Sprühstoß pro Nasengang (entsprechend 3-mal 400 μg LHRH)

Beginn der präoperativen Hormontherapie nach dem 6. Lebensmonat

Operative Therapie

Beim tastbaren Hoden (Leistenhoden, Gleithoden, ektoper Hoden) wird eine einzeitige Orchidolyse und Orchidopexie mit Verlagerung der Gonade in eine subkutane skrotale Tasche durchgeführt (Abb. 5, Abb. 6, Abb. 7).

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Abb. 5

Lagerung und inguinale Inzisionslinie in Bereich der Hautfalte (eingezeichnet am medialen Schnittrand die subkutan verlaufende A. und V. epigastrica inferior superficialis). (Aus [13], mit freundlicher Genehmigung des Elsevier-Verlags)

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Abb. 6

Unter digitaler Kontrolle wird skrotal eine subkutane Tasche gebildet, in die der Hoden seinem natürlichen Deszensus folgend eingebracht wird. (Aus [13], mit freundlicher Genehmigung des Elsevier-Verlags)

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Abb. 7

Operativer Situs: Nach inguinal erfolgter Orchidolyse, die bis zum inneren Leistenring reichen sollte, ist der Hoden durch die gebildete subkutane Tasche in seinem Skrotalfach „pexiert“

Über eine quere inguinale Inzision im Verlauf der Hautspaltlinien (Abb. 5) werden die Scarpa-Faszie und die Externusaponeurose eröffnet, um nach Durchtrennung des Gubernaculum testis eine Funikulolyse bis zum inneren Leistenring durchführen zu können; ein persitierender Processus vaginalis wird versorgt.

Komplikationen sind die Läsion des N. ilioinguinalis, des Ductus deferens oder der Spermatikagefäße. Das Risiko einer Hodenatrophie als operative Folgekomplikation wird mit etwa 1% angegeben, die Rezidivrate des UDT mit 1 bis 5%.

Beim nicht tastbaren Hoden werden durch die diagnostische Laparoskopie die zugrunde liegende Pathologie und die Hodenlage verifiziert (Abb. 8). Wird der Hoden intraabdominell nachgewiesen (Abb. 9), kann bei ausreichend mobilen Spermatikagefäßen eine einzeitige laparoskopisch und offen-chirurgisch kombinierte Skrotalverlagerung erfolgen.

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Abb. 8

Laparoskopischer Situs über die übliche Trokarinsertion (kleines Bild, seitlich): Der Hoden befindet sich intraabdominal vor Eintritt in den Leistenkanal. Die Spermatikagefäße wurden bereits in einem vorhergehenden Eingriff geklippt. Unter Belassung eines ausreichend breiten Peritonealsaums zur Protektion des Kollateralkreislaufs (kleines Bild, unten), wird der Hoden mobilisiert und auf direktem Weg unter Umgehung des Leistenkanals (Punktlinie) in das Skrotum verlagert. (Mod. n. [13], mit freundlicher Genehmigung des Elsevier-Verlags)

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Abb. 9

Laparoskopischer Operationssitus: Der Hoden liegt intraabdominal vor Eintritt in den Leistenkanal. Die Spermatikagefäße zeihen nach kranial, der Ductus deferens zieht nach medial

Sind Arterie und Vena testicularis von kurzer Länge und ist der Hoden deswegen nicht ausreichend zu mobilisieren, ist ein zweizeitiges Vorgehen nach Fowler-Stephens indiziert. Hierbei werden zunächst die Spermatikagefäße geklipt (Abb. 10). In einer mindestens um 3 Monate zeitversetzten zweiten Operation wird nach Ausbildung eines suffizienten Kollateralkreislaufs über das Gefäßnetz des Ductus deferens der Hoden in das Skrotum verlagert.

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Abb. 10

Laparoskopischer Operationssitus nach durchgeführter Fowler-Stephens-1-Operation: Der Hoden liegt intraabdominal vor Eintritt in den Leistenkanal. Die Spermatikagefäße sind geklippt (blauer Pfeil), der Ductus deferens (roterPfeil) zieht nach medial

Eine Autotransplantation des Hodens mit mikrovaskulärer Anastomose ist sehr selten indiziert und sollte an Zentren mit besonderer operativer Expertise in mikrovaskulärer Chirurgie erfolgen.

Ergibt die Laparoskopie ein Hodenrudiment, wird dieses in selbiger Operation entfernt. Die Einlage einer Hodenprothese (in der Regel nach Abschluss der Pubertät) sollte den Eltern als Behandlungsmöglichkeit offeriert werden.

Liegen beidseits nicht tastbare Hoden vor, sind ursächlich zugrunde liegende Syndrome und endokrinologische Störungen zu bedenken. Laborchemisch wird eine Inhibin-B-Bestimmung empfohlen (Infobox 2). Inhibin B wird von Sertoli-Zellen sezerniert. Ein positiver Wert weist vorhandenes testikuläres Parenchym nach, sodass auf einen Beta-HCG-Stimulationstest (Infobox 3) verzichtet werden kann. Die Inhibin-B-Bestimmung oder alternativ der HCG-Stimulationstest ergänzen die Diagnostik im Falle eines beidseitigen Kryptorchismus, können eine diagnostische Laparoskopie nach heutigem Kenntnisstand jedoch nicht ersetzen.
Ein positiver Inhibin-B-Wert weist vorhandenes testikuläres Parenchym nach, sodass auf einen Beta-HCG-Stimulationstest verzichtet werden kann

Infobox 2 Inhibin B

Inhibin B, ein Peptidhormon, das aus einer Alpha- und einer Beta-Untereinheit besteht, wird präpubertär ausschließlich in den Sertoli-Zellen der Hoden produziert. Ein fehlender Nachweis von Inhibin B im Kindesalter legt daher fehlendes Hodenparenchym nahe.

Die Serumspiegel von Inhibin B steigen in der Pubertät an und zeigen im Erwachsenenalter eine positive Korrelation zur Spermakonzentration im Ejakulat.

Normwerte für Inhibin B liegen laborspezifisch für alle Altersstufen vor.

Infobox 3 HCG-Stimulationstest

  • Bestimmung von Testosteron im Serum vor und 32 Stunden nach Gabe von 5000 IU HCG i.m.

Funktionstüchtiges Hodengewebe liegt vor:
  • wenn nach HCG-Gabe die Testosteronwerte zweifach höher als der gemessene Basalwert sind

Funktionsfähiges Hodengewebe fehlt:
  • bei fehlendem Testosteronanstieg

  • bei erhöhten Basalwerten für FSH und LH nach der Stimulation

Fazit für die Praxis

Die Therapie des UDT sollte ab dem 6. Lebensmonat beginnen und zum 1. Geburtstag abgeschlossen sein. Sie umfasst hormonelle (Stimulation der Keimzellreifung) und operative Therapieansätze. Diese unterscheiden sich im operativen Vorgehen, je nachdem ob ein tastbarer oder nicht tastbarer Hoden vorliegt. Ein bis zur Pubertät unbehandelter retinierter Hoden hat ein signifikant erhöhtes Tumorrisiko und bedarf längerfristiger fachärztlicher Kontrollen.

CME-Fragebogen

Ein ektoper Hoden kann an folgenden Positionen getastet werden:

Inguinal

Umbilikal

Perineal

Suprarenal

Hochskrotal

Ad-Spermatogonien …

sind prämaligne Vorläuferzellen.

bilden Sertoli-Zellen aus.

bilden Leydig-Zellen aus.

entstehen durch Transformation der Gonozyten.

reifen im Nebenhoden.

Der Gleithoden …

gleitet zwischen intraabdominell und inguinal.

bedarf keiner Behandlung.

deszendiert immer nach einer Hormontherapie.

bedarf in der Regel einer operativen Behandlung.

weist im Vergleich zum Abdominalhoden ein erhöhtes Malignitätsrisko auf.

Die Mini-Pubertät zeichnet sich aus durch …

Abnahme der Leydig-Zellen.

Konzentrationszunahme von Inhibin B.

Abnahme der Keimzellen.

verminderte Transformation von Gonozyten.

bis zur Pubertät anhaltenden Testosteronanstieg.

Die beidseitige Hodendystopie führt zu einem Risiko der Infertilität in …

keinem Fall.

ca. 10%.

ca. 30%.

ca. 50%.

mehr als 70%.

Die Hodenbiopsie zum TIN-Nachweis wird empfohlen bei …

Ovotestis.

Inguinalhoden.

Pendelhoden.

laparoskopisch nachgewiesenem intraabdominellen Hodenrudiment.

jeder doppelseitigen Hodenfehllage.

Die Hormontherapie wird derzeit empfohlen …

zur Reduktion des Malignitätsrisikos vor operativer Therapie eines abdominellen Hodens.

zur Behandlung einer Hodenfehllage nach dem 7. Lebensjahr.

postoperativ in adjuvanter Zielsetzung.

mit dem Ziel, einer Fertilitätseinschränkung bei der Behandlung eines kryptorchen Hodens entgegenzuwirken.

im Intervall zwischen 1. und 2. Operation nach Fowler-Stephens.

Die effektivste Methode, einen intraabdominellen Hoden nachzuweisen, ist die …

Computertomographie (CT).

Hodenszintigraphie.

Laparoskopie.

Sonographie.

Magnetresonanztomographie (MRT).

Die Fowler-Stephens-Operation beinhaltet die …

Autotransplantation des Hodens mit mikrovaskulärer Anastomose.

laparoskopische Entfernung eines Hodenrudiments.

Durchtrennung aller Spermatikagefäße.

Durchtrennung nur der V. testicularis.

Durchtrennung nur der A. testicularis.

Das Malignitätsrisiko …

ist beim palpablen und nicht palpablen Hoden gleich.

kann durch eine zeitgerechte Behandlung reduziert werden.

sollte beim Nachweis eines intraabdominellen Hodens zur Ablatio testis führen.

ist durch die Gabe von Inhibin B zu reduzieren.

ist die klassische Indikation zur Hormontherapie im Rahmen der operativen Behandlung.

Interessenkonflikt

Der korrespondierende Autor gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

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