Der Urologe

, 48:1182

Postoperative Schmerztherapie nach radikaler Prostatektomie mit oder ohne epiduraler Analgesie

Authors

    • Klinik und Poliklinik für UrologieUniversitätsklinikum
  • O. Dagtekin
    • Klinik für Anästhesiologie und Operative IntensivmedizinUniversitätsklinikum
  • K. Straub
    • Klinik für Anästhesiologie und Operative IntensivmedizinUniversitätsklinikum
  • U. Engelmann
    • Klinik und Poliklinik für UrologieUniversitätsklinikum
  • H. J. Gerbershagen
    • Klinik für Anästhesiologie und Operative IntensivmedizinUniversitätsklinikum
Leitthema

DOI: 10.1007/s00120-009-2039-8

Cite this article as:
Özgür, E., Dagtekin, O., Straub, K. et al. Urologe (2009) 48: 1182. doi:10.1007/s00120-009-2039-8

Zusammenfassung

Die epidurale Analgesie zur postoperativen Schmerztherapie wird insbesondere im Rahmen der sog. „Fast-track-Chirurgie“ favorisiert. Zur Optimierung der schmerztherapeutischen Versorgung unserer urologischen Patienten untersuchten wir die Qualität der postoperativen Schmerztherapie mit oder ohne epiduraler Analgesie bei Patienten nach radikaler Prostatektomie. Nach Genehmigung durch die Ethikkommission wurden mit Hilfe eines Fragebogens Patienten nach radikaler Prostatektomie bezüglich ihrer Schmerzen an 7 postoperativen Tagen detailliert befragt. An allen 7 postoperativen Tagen konnte bei Patienten mit epiduraler Analgesie eine signifikant niedrigere Schmerzintensität gemessen werden. Dies konnte für die durchschnittliche und stärkste Schmerzintensität in Ruhe, sowie für Schmerzen unter Belastung gezeigt werden. Patienten mit epiduraler Analgesie konnten im Durchschnitt einen Tag früher aus dem Krankenhaus entlassen werden. Die postoperative Schmerztherapie nach radikaler Prostatektomie mittels epiduraler Analgesie scheint Vorteile bezüglich der Analgesiequalität und der Krankenhausverweildauer der Patienten zu bieten.

Schlüsselwörter

Epidurale AnalgesiePeriduralkatheterPostoperativer SchmerzProstatektomie

Postoperative pain therapy after radical prostatectomy with and without epidural analgesia

Abstract

Epidural analgesia for postoperative pain treatment is favored, for example, within the scope of so-called fast-track surgery, especially abdominal surgery. To improve pain care for our urological patients, we examined the quality of postoperative pain therapy with and without epidural analgesia after radical prostatectomy. After the investigation was approved by the local ethics committee, patients were questioned in detail about the pain they experienced for 7 days after radical prostatectomy. For all 7 postoperative observation days, significantly less pain was measured for patients receiving epidural analgesia compared with patients without epidural analgesia. This could be shown for the average and strongest pain intensity at rest as well as for pain during mobilization. Patients with epidural analgesia were discharged, on average, 1 day earlier. After radical prostatectomy, postoperative pain therapy with epidural analgesia seems to offer advantages with regard to the quality of analgesia and the average length of hospital stay.

Keywords

Epidural analgesiaPostoperative painUrologic surgeryChronic pain

Die postoperative Schmerztherapie nimmt als Qualitätskriterium in den operativen Fächern an Bedeutung zu. In diesem Zusammenhang erfreut sich die epidurale Analgesie (EDA) zunehmender Beliebtheit, da zahlreiche Studien Vorteile für die Patienten zeigen konnten. So zeichnen sich Patienten mit EDA nach abdominellen Eingriffen durch geringere Schmerzintensitäten, eine frühere Mobilisierbarkeit, früheres Wiedereinsetzen der Darmmotilität und bessere Zufriedenheit aus [14, 15]. Im Rahmen der Optimierung der postoperativen Schmerztherapie unserer urologichen Patienten nach radikaler Prostatektomie untersuchten wir die Qualität der postoperativen Schmerztherapie mit oder ohne EDA.

Material und Methodik

Diese Studie wurde von der Ethikkommission der Universität zu Köln genehmigt. Für die Zustimmung zu dieser Untersuchung, die Speicherung und die Auswertung der Fragebogendaten erteilten die Patienten schriftlich ihr Einverständnis.

Im Zeitraum von August 2004 bis Juli 2006 wurden 114 Patienten bezüglich ihrer akuten und chronischen präoperativen und postoperativen Schmerzen befragt. Aus der Studie wurden 26 Patienten, bei denen ein alternatives Verfahren zur Behandlung des Prostatatumors durchgeführt wurde, ausgeschlossen. Von den 88 Patienten mit radikaler Prostatektomie, die in die Studie eingeschlossen werden konnten, antworteten 84 (dies entspricht einer Rücklaufquote von 95%).

Die Wahl, ob eine EDA durchgeführt werden sollte oder nicht, trafen die Patienten, bei denen keine Kontraindikation zur Durchführung einer EDA bestanden nach einem ausführlichen Aufklärungsgespräch am Vortag der Operation. Eine EDA wurde bei 65 Patienten (77%) durchgeführt. Zudem erhielten die Patienten am Tag vor der Operation und direkt nach der Operation einen epidemiologischen Schmerzfragebogen. Dieser Fragebogen bestand aus mehreren Modulen:

Schmerzmodule

Diese ermöglichten die Analyse akuter und chronischer präoperativer und postoperativer Schmerzen. Untersucht wurden Module des Deutschen Schmerzfragebogens, die Schmerztopographie, die Schmerzcharakteristik, die Anzahl der Schmerzen (Schmerzlokularität), die Schmerzintensitäten und die Schmerzdauer.

Deutscher Schmerzfragebogen (DSF)

Der DSF erfasst mit einer modularen Grundkonzeption neben identifizierenden Daten zur Person, Krankenversicherung, Hausarzt etc. fwesentliche Komponenten der Schmerzerkrankung [11].

Schmerzcharakteristika und Schmerztopographie

Erfragt wurden für den Patienten relevante Schmerzorte. Der Patient legte sich anhand einer zusammenfassenden Liste für die Beschreibung seiner Beschwerden auf einen Hauptschmerz sowie zwei Nebenschmerzen fest. Ergänzend zu der verbalen Schmerzbeschreibung wurde dem Patienten ein Körperschema vorgegeben, in dem er Lokalisation und Ausstrahlung seiner Schmerzen einzeichnen konnte.

Zeitliche Schmerzcharakteristik

Häufigkeit, Dauer- bzw. Hintergrundschmerzen und anfallsartige Beschwerden wurden getrennt erfasst.

Schmerzintensität

In der klinischen Schmerzforschung werden, den Anregungen von Daut [2] entsprechend, separat die Schmerzintensitäten des momentanen, des durchschnittlichen und des stärksten Schmerzes, z. B. mit der numerischen 11-Stufen-Ratingskala (NRS: 0 = keine Schmerzen bis 10 = stärkste, vorstellbare Schmerzen) ermittelt.

Schmerzempfindungsskala (SES)

Die SES ist ein standardisiertes Verfahren zur Erfassung von affektiven und sensorischen Schmerzempfindungen. Affektive Komponenten betonen den Gefühls- oder Leidensaspekt des Schmerzes, während sensorische die Reizcharakteristika wie Rhythmik, Hitze- und Druckeigenschaften thematisieren [3].

Beschwerdenliste

Beschwerdenliste mit acht Beschwerden aus der validierten Symptomencheckliste (SCL-27-A) von Hardt [6] und jeweils 5 Antwortkategorien von (0 = überhaupt nicht vorhanden bis 4 = sehr stark). Die Liste umfasste die vegetativen Symptome: Ohnmachts- und Schwindelgefühl, Übelkeit oder Magenverstimmung, Schwierigkeit beim Atmen, Hitzewallungen und Kälteschauer, Taubheit oder Kribbeln in einzelnen Körperteilen, dem Gefühl einen Kloß im Hals zu haben, Schwächegefühl in einzelnen Körperteilen und Schweregefühl in den Armen oder Beinen.

Statistik

Die statistische Auswertung erfolgte mit dem Programm SPSS® 14.0. Als Lagemaße wurden der Median und der Mittelwerte errechnet. Als Streuungsmaße dienten Standardabweichung sowie das Minimum und Maximum der numerischen Variablen. Die Normalverteilung der Faktoren wurde mit Hilfe des Kolmogorov-Smirnov-Tests überprüft. Es bestand keine Normalverteilung. Zur Berechnung der Mittelwertvergleiche zweier unabhängiger Stichproben wurde der Mann-Whitney-Test verwendet. Ein p-Wert von <0,05 wurde als signifikant angesehen und der entsprechende Wert mit * gekennzeichnet.

Ergebnisse

Die 84 Patienten, die unsere Fragebogen beantworteten, waren im Durchschnitt 63±6,3 (45–75) Jahre alt. Über 59% der Patienten waren zwischen 60 und 70 Jahren. Die durchschnittliche Schmerzintensität wurde am Abend nach der Operation bei 74 Patienten mit einem NRS-Wert von 1,8±1,8 ermittelt;10 Patienten machten keine Angaben. Die stärksten Schmerzen am Abend lagen durchschnittlich bei NRS=2,4±2,4. Über mittelstarke Schmerzen (NRS=5-6) klagten 6 Patienten. Hohe Schmerzintensitäten (NRS=7-10) wurden von 7 Patienten angegeben. Von 10 Patienten lagen keine Daten zur akuten postoperativen Schmerzintensität vor. In den ersten 7 Tagen nahm die durchschnittliche Schmerzintensität kontinuierlich ab (Abb. 1). Die stärkste Schmerzintensität in Ruhe reduzierte sich vom 1. Tag nach der Operation (2,5±2,2) stetig bis zum 7. Tag auf einen Wert von 1,1±1,2 (Abb. 2). Am 7. postoperativen Tag hatte jeweils noch ein Patient mittelstarke bzw. starke Schmerzen. Die Schmerzintensität unter Belastung war über die Tage am höchsten. Von den 74 erfassten Patienten hatten am 1. postoperativen Tag unter Bewegung 34% mäßige bis starke Schmerzen. Am 7. Tag nach der Operation lag die mittlere Schmerzintensität bei NRS=1,6 (Abb. 3). Der Anteil der Patienten mit akuten postoperativen Schmerzen mit NRS>3 fiel stetig von 32% am 1. bis auf 5% am 7. postoperativen Tag ab (Abb. 4).

https://static-content.springer.com/image/art%3A10.1007%2Fs00120-009-2039-8/MediaObjects/120_2009_2039_Fig1_HTML.gif
Abb. 1

Mittelwerte der durchschnittlichen Schmerzintensität über 7 postoperative Tage. Die jeweilige Anzahl der Patienten befindet sich im Balkendiagramm

https://static-content.springer.com/image/art%3A10.1007%2Fs00120-009-2039-8/MediaObjects/120_2009_2039_Fig2_HTML.gif
Abb. 2

Mittelwerte der stärksten Schmerzintensität in Ruhe über 7 postoperative Tage. Die jeweilige Anzahl der Patienten ist im Balkendiagramm angegeben

https://static-content.springer.com/image/art%3A10.1007%2Fs00120-009-2039-8/MediaObjects/120_2009_2039_Fig3_HTML.gif
Abb. 3

Mittelwerte der Schmerzintensität bei körperlicher Belastung über 7 postoperative Tage. Die Zahlen in den Balkendiagrammen gibt die Anzahl der Patienten an den verschiedenen Tagen wieder

https://static-content.springer.com/image/art%3A10.1007%2Fs00120-009-2039-8/MediaObjects/120_2009_2039_Fig4_HTML.gif
Abb. 4

Prozentuale Verteilung der Patienten mit einer Schmerzintensität von NRS>3 in körperliche Ruheposition über die ersten 7 postoperativen Tage

Unter Belastung war der Anteil der Patienten mit einer NRS>3 am 1. Tag bei 53%. Der höchste Rückgang der Belastungsschmerzen konnte am 3. Tag festgestellt werden. Am 2. Tag hatten 44% der Patienten einen NRS-Wert>3 und am 3. Tag reduzierte sich die Anzahl der Patienten in dieser Gruppe mit klinisch relevanten Schmerzen auf 29% (Abb. 5).

https://static-content.springer.com/image/art%3A10.1007%2Fs00120-009-2039-8/MediaObjects/120_2009_2039_Fig5_HTML.gif
Abb. 5

Prozentuale Verteilung der Patienten bei körperlicher Belastung mit einer Schmerzintensität von NRS>3 über 7 postoperative Tage

Postoperative Schmerztherapie mit oder ohne EDA

Zur Analyse der postoperativen Schmerztherapie wurde die Medikamentengabe in WHO-Stufen I–III eingeteilt. Zur WHO-Stufe I gehören nichtopioidhaltige Analgetika wie Metamizol, Ibuprofen, Diclofenac und Paracetamol (NSAR). Niederpotente Opioide (z. B. Tramadol oder Tilidin) bilden die WHO-Stufe II und in der WHO-Stufe III werden hochpotente Opioide (z. B. Morphin, Fentanyl, Oxycodon) verordnet. Nach der radikalen Prostatektomie erhielten am Operationstag auf der Station 48% (n=40) keine orale oder i. v.-Schmerzbehandlung. Von dieser Gruppe waren 33 Patienten mit einer epiduralen Analgesie mittels Ropivacain und Sufentanil versorgt.

Der Verbrauch an hochpotenten Opioiden war am Operationstag nach Verlassen des Aufwachraums und am 4. Tag am höchsten. An diesen Tagen bekamen jeweils 14% der Patienten Medikamente der WHO-Stufe III. Bei der Verordnung von Medikamenten der WHO-Stufe II fällt ein Anstieg ab dem 3. bis 5. Tag auf. Der Anteil der Patienten mit ausschließlicher Therapie mit Nichtopioidanalgetika blieb über die 7 Tage relativ konstant bei 13% (Abb. 6).

https://static-content.springer.com/image/art%3A10.1007%2Fs00120-009-2039-8/MediaObjects/120_2009_2039_Fig6_HTML.gif
Abb. 6

Einteilung der postoperativen Schmerztherapie in den WHO-Stufen I–III von Patienten mit und ohne EDA über 7 postoperative Tage

Eine EDA wurde bei 65 Patienten (77%) angelegt. Zusätzlich zur epiduralen Analgesie wurde bei 23 Patienten (27%) die Schmerztherapie am Operationstag nach Entlassung aus dem Aufwachraum mit oraler oder i. v.-Applikation von Analgetika supplementiert. Bei 5 Patienten wurden hochpotente Opioide eingesetzt. Ab dem 3. bis zum 5. Tag stieg in dieser Gruppe der Verbrauch der niederpotenten Opioide. Dies steht im zeitlichen Zusammenhang mit dem Beenden der epiduralen Analgesie.

Von den 65 Patienten mit EDA lagen von 53 Patienten Daten über die Medikamentengabe und die Dauer der EDA vor. Von 12 Patienten standen die Daten nicht zur Verfügung. Die Dauer der EDA variierte zwischen 2–7 Tagen. Im Durchschnitt betrug die Verweildauer der epiduralen Katheter 5 Tage. Die Medikamentengabe über den Katheter endete in der Mehrzahl der Fälle am 4. postoperativen Tag. Bei allen erfassten Patienten wurde die Medikamentenpumpe mit 1 μg/ml Sufentanil und 0,1% Ropivacain bestückt. Die mittlere Flussrate betrug am 1. Tag 8,3 ml/h und während der ersten 7 Tage 5,1 ml/h.

Die Schmerzintensität konnte von 57 Patienten mit EDA ermittelt werden. Patienten mit EDA hatten an allen postoperativen Tagen im Durchschnitt eine signifikant geringere Schmerzintensität (p<0,05) im Vergleich zu den Patienten ohne EDA. Dies konnte für die durchschnittliche und stärkste Schmerzintensität in Ruhe, sowie für die Schmerzen unter Belastung gezeigt werden (Tab. 1, Tab. 3, Tab. 3).

Tab. 1

Durchschnittliche Schmerzintensität während der ersten 7 postoperativen Tage, unterteilt in Patienten mit oder ohne epidurale Analgesie

Postoperativ

Mit/ohne EDA

n

NRS Median

NRS MW

NRS SD

p

1. Tag

Mit

57

1,0

1,5

1,4

0,001a

Ohne

17

3,0

2,9

1,7

2. Tag

Mit

56

1,0

1,3

1,2

0,002a

Ohne

17

2,0

2,4

1,4

3. Tag

Mit

56

1,0

1,0

1,3

<0,001a

Ohne

17

2,0

2,5

1,4

4. Tag

Mit

55

1,0

1,0

1,0

0,008a

Ohne

17

2,0

1,9

1,4

5. Tag

Mit

50

0,0

0,8

1,0

0,005a

Ohne

14

2,0

1,9

1,4

6. Tag

Mit

41

0,0

0,6

0,9

0,012a

Ohne

9

2,0

1,8

1,4

7. Tag

Mit

33

0,0

0,6

0,8

0,04a

Ohne

8

1,5

2,0

2,5

aSignifikanter Unterschied.

Tab. 2

Schmerzenintensität bei Belastung über 7 postoperative Tage, unterteilt in Patienten mit und ohne epidurale Anlagesie

Postoperativ

Mit/ohne EDA

n

NRS

Median

NRS

MW

NRS

SD

p

1. Tag

Mit

57

1,0

2,0

1,9

0,001a

Ohne

17

4,0

4,2

2,3

2. Tag

Mit

56

2,0

1,9

1,8

0,002a

Ohne

17

3,0

3,8

2,2

3. Tag

Mit

56

1,0

1,4

1,6

p<0,001a

Ohne

17

3,0

3,8

1,9

4.Tag

Mit

55

1,0

1,4

1,4

0,013a

Ohne

17

2,0

2,8

2,2

5. Tag

Mit

50

1,0

1,2

1,3

0,033a

Ohne

14

2,0

2,6

2,7

6. Tag

Mit

41

1,0

0,9

1,0

0,007a

Ohne

9

2,0

2,2

1,7

7. Tag

Mit

33

1,0

0,7

0,9

0,027a

Ohne

8

2,0

2,7

3,2

aSignifikanter Unterschied.

Tab. 3

Stärkste Schmerzenintensität in Ruhe über 7 postoperative Tage, unterteilt in Patienten Schmerzenintensität bei Belastung über 7 postoperative Tage, unterteilt in Patienten mit und ohne epidurale Anlagesie

Postoperativ

Mit/ohne EDA

n

NRS

Median

NRS

MW

NRS

SD

p

1. Tag

Mit

57

3,0

3,1

1,9

<0,001a

Ohne

17

5,0

5,1

1,7

2. Tag

Mit

56

2,0

2,6

1,7

0,001a

Ohne

17

4,0

4,4

2,0

3. Tag

Mit

56

2,0

2,1

1,6

<0,001a

Ohne

17

4,0

4,5

1,9

4. Tag

Mit

55

2,0

2,0

1,4

0,01a

Ohne

17

3,0

3,4

2,2

5. Tag

Mit

50

2,0

1,9

1,4

0,01a

Ohne

14

3,0

3,6

2,7

6. Tag

Mit

41

1,0

1,5

1,2

0,034a

Ohne

9

3,0

2,9

1,9

7. Tag

Mit

33

1,0

1,3

0,8

0,025a

Ohne

8

2,5

3,0

2,5

aSignifikanter Unterschied.

Patienten mit EDA konnten im Durchschnitt einen Tag früher aus dem Krankenhaus entlassen werden. Die Anzahl der Krankenhaustage betrug bei diesen Patienten im Median 8 Tage. Ohne EDA blieben die Patienten im Median 9 Tage. Die Liegedauer variierte in der Gesamtgruppe der Patienten zwischen 5–34 Tagen.

Diskussion

Es wurde allgemein angenommen, dass die präemptive Analgesie das Risiko, chronisch postoperative Schmerzen zu entwickeln, verringert. Das Konzept der präemptiven Analgesie zur Senkung der Schmerzstärke und Schmerzdauer nach Operationen wurde 1983 von Woolf [16] eingeführt. Er fand in tierexperimentellen Studien Hinweise für eine zentrale Sensibilisierung durch Schmerzen nach Verletzungen. Unterstützt wird diese These durch Daten, die nahe legen, dass Patienten mit hoher Schmerzintensität in der akuten postoperativen Phase eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, später an einem chronischen postoperativen Schmerzsyndrom zu leiden [12]. Klinische Studien konnten diese These bisher nicht unterstützen.

Møiniche et al. [10] analysierten in einer Literaturrecherche 80 doppelblinde randomisierte Studien zum Thema präemptive Analgesie zur postoperativen Schmerzlinderung. Die Arbeiten beschäftigten sich mit der postoperativen Schmerzstärke bei Patienten mit Schmerztherapie vor Inzision vs. Patienten mit nahezu gleicher Therapie nach Inzision, bei verschiedenen Operationsarten. Sieben von 11 Studien mit präemptiver Single-dose-Epiduralanalgesie zeigten postoperativ niedrigere Schmerzintensitäten im Gegensatz zur Kontrollgruppe. Allerdings konnten diese Unterschiede nicht konstant, sondern nur zu bestimmten Zeitpunkten gemessen werden. Sowohl hier, als auch bei den präemptiv kontinuierlichen Katheterverfahren konnten postoperativ keine klinisch relevanten signifikanten Unterschiede zwischen den Therapiegruppen gefunden werden [9].

Gottschalk [4] wiederum untersuchte, ob die Gabe von Fentanyl oder Bupivacain über den epiduralen Katheter vor der radikalen Prostatektomie eine Besserung der akuten sowie chronischen postoperativen Schmerzen bewirkte. 100 Patienten wurden in 3 Gruppen eingeteilt. In der Kontrollgruppe wurde der epidurale Katheter erst nach der Operation bedient. Die 2. Gruppe erhielt zusätzlich kurz vor dem Hautschnitt Fentanyl über den epiduralen Katheter und die 3. Gruppe bekam Bupivacain vor der Operation. Die Patienten mit Bupivacain hatten eine signifikant niedrigere Schmerzintensität über alle 4 postoperativen Tage als die Kontrollgruppe. In der Fentanyl-Gruppe trat dies erst am 4. postoperativen Tag auf. Die Patienten wurden nach 3,5, 5,5, 9,5 Wochen nochmals nach ihren Schmerzen befragt. Ein signifikanter Unterschied wurde nur nach 9,5 Wochen beobachtet [4].

Studien von Brown [1] und Heller [7] konnten bei Patienten mit und ohne EDA nach radikaler Prostatektomie nur geringe Unterschiede in der akuten postoperativen Schmerzintensität feststellen. Die Befragung nach dem Vorliegen von Schmerzen und Änderungen der Lebensqualitätsdimensionen nach 2, 4, 8 und 12 Wochen ergab ebenfalls keinen signifikanten Unterschied [1]. Keinen Unterschied zwischen oraler Schmerztherapie und EDA fanden Hohwu et al. [8] bei Patienten nach radikaler Prostatektomie. Die 40 untersuchten Patienten zeigten keinen signifikanten Unterschied in der akuten postoperativen Schmerzintensität in Ruhe und bei Mobilisation. Die Krankenhausliegezeit war in beiden Gruppen ebenfalls gleich. Gupta et al. [5] fanden hingegen bei 60 Patienten mit Prostatakarzinom einen signifikanten Unterschied zwischen EDA und i. v.-Schmerztherapie nach der Prostatektomie. Diese Autoren konnten eine Reduzierung akuter Schmerzintensität und schnellere Mobilisierung bei Patienten mit EDA nach radikaler Prostatektomie beschreiben.

Im eigenen Patientenkollektiv wurde bei 65 Patienten (77%) präoperativ ein epiduraler Katheter angelegt. An allen 7 postoperativen Beobachtungstagen konnte bei Patienten mit EDA eine signifikante niedrigere Schmerzintensität gemessen werden als bei Patienten ohne EDA. Die Mittelwerte der postoperativen Schmerzintensitäten in beiden Gruppen zeigten Werte, die nur geringfügige Schmerzen bedeuten. Diese Erfahrung wurde auch durch andere Arbeiten bestätigt [1, 4, 7]. Der höchste Mittelwert (NRS=5,1) der Schmerzintensität bei Belastung wurde am 1. postoperativen Tag von Patienten ohne EDA angegeben. An den folgenden 6 Tagen lag der Schmerzmittelwert NRS<4,5 bei Belastung. Patienten mit EDA konnten in unserer Studie einen Tag früher entlassen werden.

Im eigenen Patientenkollektiv konnte allerdings kein Effekt auf die Entstehung von chronischen Schmerzen nach 3–6 Monaten beobachtet werden. In der Regressionsanalyse der Prädiktoren zur Entwicklung von postoperativen Schmerzen konnte kein Zusammenhang zwischen EDA und chronischen postoperativen Schmerzen dargestellt werden. Dies bestätigt auch die These von Pogatzki-Zahn [13]. Im Tiermodel wurde die Chronifizierung von nozizeptiven Mechanismen nach Schnittverletzung an Rattenpfoten untersucht. Verglichen wurde der Effekt einer präoperativen Analgetikumgabe mit der postoperativen Analgesie. Die Infiltration der Inzisionswunde mit einem Lokalanästhetikum vor Begin der Operation war einer Infiltration am Ende der Operation nicht überlegen. Auch durch die epidurale Gabe eines NMDA-Rezeptorblockers vor der Operation konnte kein überzeugender, anhaltend positiver Effekt auf postoperative nozizeptive Reaktionen und Analgetikaverbrauch im präemptiven Sinne erbracht werden.

Die genauen Mechanismen der Sensibilisierung von Nozizeptoren auf mechanische Reize nach Inzision sind bisher noch nicht bekannt. Allerdings unterscheiden sie sich von den peripheren Sensibilisierungscharakteristiken während eines entzündlichen Prozesses. Die Untersuchungen ergaben, dass die Hautinzision nicht für die Chronifizierungsmechanismen der Nozizeption verantwortlich ist, sondern von anderen Faktoren abhängen muss [13].

Fazit für die Praxis

Zu unserer Studie muss angemerkt werden, dass die Anzahl der Patienten für eine definitive Aussage bezüglich der Vorteile einer EDA nicht ausreichen. Trotzdem scheint die EDA deutliche Vorteile im Bezug auf die Analgesiequalität und der Krankenhausverweildauer der Patienten zu bieten.

Interessenkonflikt

Der korrespondierende Autor gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

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