Der Nervenarzt

, Volume 84, Issue 5, pp 563–568

Glücksspielsucht

Authors

    • Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und PsychotherapieUniversität Würzburg
  • G. Meyer
    • Institut für Psychologie und KognitionsforschungUniversität Bremen
  • T. Hayer
    • Institut für Psychologie und KognitionsforschungUniversität Bremen
Leitthema

DOI: 10.1007/s00115-012-3720-5

Cite this article as:
Böning, J., Meyer, G. & Hayer, T. Nervenarzt (2013) 84: 563. doi:10.1007/s00115-012-3720-5

Zusammenfassung

Weitgehend kohärente klinische, psychopathologische, neurobiologische und genetische Gemeinsamkeiten mit den Substanzabhängigkeiten rechtfertigen die anstehende Zuordnung der Glücksspielsucht zur neuen Kategorie „Substance Use and Addictive Disorders“ im DSM-5. Damit kann dieses Störungsbild als Prototyp einer Verhaltenssucht angesehen werden. Grundsätzlich zu beachten ist, dass einzelnen Glücksspielformen aufgrund unterschiedlicher situativer und struktureller Veranstaltungsmerkmale ein unterschiedliches Suchtpotenzial zukommt. Die im Allgemeinen mit hoher Verschuldung, Suizidalität, sozialer Isolierung und Beschaffungsdelinquenz einhergehende Glücksspielsucht stellt volkswirtschaftlich betrachtet eine äußerst kostenlastige psychische Störung dar, wobei sich die 12-Monats-Prävalenz für problematisches Glücksspielverhalten im Erwachsenenalter zwischen 0,24 % und 0,64 % bzw. für pathologisches Glücksspielverhalten zwischen 0,20 % und 0,56 % bewegt. Da Glücksspiele sog. demeritorische, d. h. nichtverdienstvolle, Wirtschaftsgüter bilden, sind Spieler- und Jugendschutzmaßnahmen zur Bekämpfung von Glücksspielsucht und Begleitkriminalität am besten durch ein staatliches Monopol zu regeln.

Schlüsselwörter

Pathologisches GlücksspielverhaltenPrototypische VerhaltenssuchtRisikofaktorenSuchtpotenzialGlücksspielrecht

Gambling addiction

Summary

Extensive coherent clinical, psychopathological, neurobiological and genetic similarities with substance-related addictions justify the forthcoming classification of gambling addiction under the new category “Substance Use and Addictive Disorders” in the DSM-5. Thus, gambling addiction can be regarded as the prototype of behavioral addiction. In general it should be kept in mind that isolated gambling forms are associated with varying addictive potential due to specific situational and structural game characteristics. High rates of indebtedness, suicidality, social isolation and gambling-related crime often accompany pathological gambling. As a consequence gambling addiction represents a mental disorder with a significant economic burden. In Germany 12-month prevalence rates for problem gambling in adulthood range from 0.24 % to 0.64  % and for pathological gambling from 0.20 % to 0.56 %. Because gambling products rank among the so-called demeriting (i.e. potentially harmful) social activities, player and youth protection measures to prevent gambling disorders and associated crime should be best regulated as a state monopoly.

Keywords

Pathological gamblingPrototypical behavioral addictionRisk factorsAddictive potentialGambling law

Die kategorial unterschiedlichen, aber in der Evolution miteinander in Beziehung stehenden Phänomene Glücksstreben, Spielbedürfnis und Suchtverhalten können im jeweiligen gesellschaftlich-biographischen Kontext und bei individueller Disposition eine Krankheitsentität Glücksspielsucht generieren. Als nichtstoffgebundene „Tätigkeitssucht“ ist dieses Krankheitsbild im deutschen Sprachraum seit Ende des 19. Jahrhunderts bekannt und hat in den letzten 25 Jahren vor dem Hintergrund eines expandierenden Glücksspielmarktes sowie einer steigenden Versorgungsnachfrage eine beachtliche klinische, therapeutische und glücksspielpolitische Bedeutung erlangt [3, 10, 18, 21].

Seit der frühen Antike sind kulturübergreifend verschiedene Ausgestaltungen von Glücksspielen bekannt, die wegen ihrer negativen Auswirkungen auch wiederholt einzuschränken versucht wurden. Erst der hohe Spielanreiz des Geldes und die suggestive „Anziehungskraft“ bestimmter Strukturmerkmale der einzelnen Glücksspielformen verleihen ihnen ihre besondere Bedeutung und zeichnen für die ausgeprägte psychotrope Wirkung verantwortlich [18]. Die Umfunktionalisierung des Glücksspiels als alleiniges Mittel zur Gefühlsregulation [25] wirkt dabei ähnlich wie ein Suchtstoff. Klinisch ist die Glücksspielsucht mit zum Teil massiven Verschuldungen, einem deutlich erhöhten Suizidrisiko, Beschaffungskriminalität bzw. dem drohenden Abgleiten in die soziale Isolierung assoziiert und damit unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten eine der teuersten psychischen Störungen.

Die aus Mitteln des 2008 in Kraft getretenen Glücksspielstaatsvertrages (GlüStV) flächendeckend unterstützte, qualifizierte Beratungs- und Behandlungsstruktur ging mit einem bemerkenswerten Innovationsschub der bis dahin nur bruchstückhaft existierenden Forschungsszene einher. Neben empirischer und epidemiologischer Forschung sind mittlerweile auch differenzierte Projekte zu indizierter Prävention im Glücksspielbereich erarbeitet und vorgeschlagen worden [12]. Für die stationäre oder ambulante medizinische Rehabilitationsbehandlung gilt bereits seit 2001 die gleiche Anspruchsberechtigung durch den Rentenversicherungsträger wie für stoffgebundene Suchterkrankungen.

Glücksspielrechtliche Aspekte

Die besonderen Eigenschaften von Glücksspielen beziehen sich einerseits auf das sehr variable Suchtrisiko mit ebenso unterschiedlicher sozioökonomischer Folgelast. Andererseits können sich Glücksspiele für die Anbieter nur dann rentieren, wenn die meisten Spieler durchschnittlich mehr verlieren als gewinnen. Daher ist der milliardenschwere Glücksspielmarkt auch kein normaler Markt mit unbedenklich Wert schöpfenden Profiten; vielmehr zählen Glücksspiele zu den sog. demeritorischen, d. h. nichtverdienstvollen, Wirtschaftsgütern. Dieser Sachverhalt schlägt sich in der Gesetzgebung nieder, da die öffentliche Veranstaltung von Glücksspielen nach § 284 Strafgesetzbuch (StGB) nur unter staatlicher Aufsicht und Kontrolle geschehen darf. So wird dem menschlichen Drang zum Spiel und Wetten Rechnung getragen (und zugleich als Nebeneffekt das fiskalische Interesse des Staates bedient). Grundsätzlich sind Glücksspiele somit aufgrund ihrer schadensträchtigen Folgelast für das Individuum und die dafür haftende Solidargemeinschaft an sich unerwünscht.

Der dem Spielerschutz und der Bekämpfung von Glücksspielsucht sowie Begleitkriminalität verpflichtete GlüStV läutete einen Wandel vom einstigen „staatlichen Kassiermodell“ zum verfassungsrechtlich begründeten „Schutz- und Präventionsmodell“ ein [3]. Er scheiterte aber an seiner halbherzigen Umsetzung und vor allem wegen der weitgehend unreguliert gelassenen Geldspielautomaten in Spielhallen bzw. Gaststätten. Dieses größte und suchtgefährdendste Segment des deutschen Glücksspielmarktes [8] basiert auf einem gemeinwohlwidrigen Geschäftsmodell, da 56 % der Bruttospielerträge auf Kosten von Glücksspielsüchtigen „erwirtschaftet“ werden [1]. Der GlüStV verletzt somit zum einen die europarechtlich geforderte kohärente Regulierung aller Glücksspiele. Zum anderen lässt sich ein beträchtlicher Rückgang der staatlichen Einnahmen – vornehmlich bedingt durch die zahlreichen illegalen Glücksspielangebote von Privatunternehmen im Internet – verzeichnen.

Mit der Glücksspiellizenzvergabe an private Anbieter entsteht eine Wettbewerbssituation

Der seit dem 01.07.2012 in Kraft getretene Glücksspieländerungsstaatsvertrag (GlüÄndStV) bestätigt zwar das alte Monopol für relativ risikoarme Lotterien. Zugleich werden – etwa unter Berufung auf die Integrität des Sports – im Zuge einer Experimentierklausel bestimmte Formen von Sportwetten genehmigt (z. B. bleiben Live-Wetten mit Ausnahme von End- und Zwischenergebniswetten verboten). Generell erweist sich die Lizenzvergabe an private Anbieter als schwerlich mit dem geforderten Spielerschutz vereinbar. Mit der (partiellen) Marktöffnung entsteht eine Wettbewerbssituation, die zwangsläufig mit einer Erhöhung der Spielanreize einhergeht. Zum originären Bestandteil der Geschäftskonzepte von Privatunternehmen gehört die Umsatzmaximierung, sodass unter diesen Rahmenbedingungen kaum mit einer nachhaltigen Umsetzung von proaktiven Präventionsmaßnahmen zu rechnen ist. Daneben darf bei den weltweit eskalierenden Sportwettskandalen mit Wett- und Manipulationsbetrug sowie kriminell organisierter Geldwäsche angezweifelt werden, ob die im GlüÄndStV vorgesehenen ordnungs- und rechtspolitischen Maßnahmen zur Erfüllung des jetzt gleichberechtigt eingebrachten Ziels der Kriminalitätsbekämpfung überhaupt ausreichen.

Verhältnispräventiv positiv könnten die umzusetzenden Spielhallen- und Ausführungsgesetze zum GlüÄndStV der einzelnen Bundesländer sein, die unter anderem Verbote von Mehrfachkonzessionen, Mindestabstände, Sperrzeiten und die Vorlage von Sozialkonzepten vorsehen. Im Gegensatz dazu sind von der neu zu novellierenden Spielverordnung durch das Wirtschaftsministerium höchstens marginale Veränderungen in Bezug auf eine Entschärfung der Strukturmerkmale von Geldspielautomaten zu erwarten [18]. Der Bund muss sich demzufolge vorhalten lassen, das grundrechtlich überragend wichtige Gemeinwohlziel aus dem Auge verloren und selbst zur Ausweitung eines zweiten, „wildwüchsigen“ Glücksspielmarktes beigetragen zu haben [3].

Epidemiologie und Krankheitsverlauf

Lange Zeit ließ sich in Deutschland über das Ausmaß glücksspielbezogener Probleme auf Bevölkerungsebene bestenfalls spekulieren. Unmittelbar im Vorfeld des GlüStV – und durch ihn dann gezielt gefördert – konnte durch die Publikationen von nunmehr 7 verwertbaren epidemiologischen Studien die Erkenntnislage substanziell verbessert werden (für Quellen s. [10]). Wenngleich die einzelnen Studien in ihrer methodischen Güte variieren und eine direkte Gegenüberstellung von Prävalenzraten besonders bei kleinen Fallzahlen immer mit der gebotenen Vorsicht erfolgen sollte, lassen sich ungeachtet dessen verlässliche Angaben zur Glücksspielnachfrage im Allgemeinen sowie zum Ausmaß problematischen und pathologischen Glücksspielverhaltens im Speziellen ableiten.

Mit den 12-Monats-Prävalenzen von 0,24 % (123.000) bis 0,64 % (347.000) für problematisches und 0,20 % (103.000) bis 0,56 % (300.000) für pathologisches Glücksspielverhalten liegt Deutschland auf europäischer Ebene eher im unteren Bereich (vgl. [10]). Nach der unter methodischen Aspekten hervorzuhebenden PAGE-Studie, die sich auf Personen im Alter von 14 bis 64 Jahren bezieht, ergeben sich folgende Lebenszeitprävalenzen:
  • 1,0 % für pathologisches Glücksspielverhalten (531.490),

  • 1,4 % für problematisches Glücksspielverhalten (776.069) sowie

  • 5,5 % für risikoreiches Glücksspielverhalten (3.019.838; [17]).

In einer multivariaten Analyse unter Berücksichtigung der Nutzung mehrerer Glücksspielformen zeigte sich außerdem, dass die Teilnahme an Geldspielautomaten, Poker, Sportwetten und dem Kleinen Spiel in Spielbanken (Glücksspielautomaten) mit einer erhöhten Chance für die Diagnose „Glücksspielsucht“ einhergeht. Schließlich lässt sich bereits in der Altersgruppe der nichtspielberechtigten 14- bis 17-jährigen Jugendlichen eine signifikante Minderheit finden, die von Glücksspielproblemen betroffen ist. Ohnehin gelten Heranwachsende als Risikogruppe (vgl. ausführlich hierzu mit [9]), da sie sich in einer besonders „prägungsaffinen“ Lebensphase hinsichtlich einer Suchtgefährdung befinden.

Abgesehen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen können mittlerweile auf der Grundlage epidemiologischer Befunde weitere Subgruppen benannt werden, die überzufällig häufig von glücksspielbezogenen Problemen betroffen sind (vgl. zusammenfassend mit [9]). Hierzu zählen in erster Linie Männer, Personen mit einem niedrigen Bildungsabschluss oder -status, Individuen mit einem geringen Haushaltsnettoeinkommen, Migranten und Arbeitslose.

Klinisch unterliegt der mehrheitlich relativ kurze Weg von einer zunächst willentlich zugelassenen vermehrten „Spiellust“ über eine sich dann einschleichende „Spielgewohnheit“ als Leidenschaft bis zur finalen Entwicklung einer manifesten Glücksspielsucht einer Reihe sich gegenseitig modifizierender Einfluss- und Prägefaktoren [4]. Aufgrund klinisch-empirischer und psychologischer Erfahrungen wurde in der Vergangenheit mehrheitlich eine pragmatische, aber keineswegs immer geradlinig verlaufende, dreiteilige Stadieneinteilung in der Entstehung einer Glücksspielsucht bestehend aus einer „Gewinn“-, „Verlust“- und „Verzweiflungsphase“ postuliert (vgl. [13, 18]).

Pathologische Spieler sind keineswegs eine homogene Gruppe

Aktuelle Forschungsbefunde widersprechen jedoch diesem aus dem klinischen Kontext stammenden idealtypischen Phasenmodell einer Spielerkarriere partiell. Zum einen bilden Problem- bzw. pathologische Spieler keineswegs eine homogene Gruppe, da u. a. der individuelle Belastungsgrad erheblich variieren kann. Zum anderen gilt die Annahme, dass glücksspielbedingte Fehlanpassungen ausnahmslos progredient verlaufen und zwangsläufig in einem chronischen Suchtstadium münden müssen, inzwischen als widerlegt. Phänomene wie das „binge gambling“, d. h. periodisch auftretende, intensive Spielattacken, wobei auf relativ kurze Zeitspannen exzessiven „Zockens“ längere Phasen der Abstinenz folgen, sowie eine relativ hohe Rate an Spontanremissionen, d. h. signifikante Verbesserungen des Gesundheitszustandes ohne die Inanspruchnahme professioneller Hilfeangebote, deuten exemplarisch die Heterogenität der Entwicklungsverläufe an. Neben chronischen Verlaufsformen dürften in der Praxis somit auch episodische, kurvenförmige oder anfallsartige Entwicklungen eine wichtige Rolle spielen (vgl. [18]).

Diagnostische „Wesensgleichheit“ mit stoffgebundener Sucht

Wurde das „pathologische Spielen“ („pathological gambling“) bislang in den gängigen psychiatrischen Klassifikationsmanualen als Impulskontrollstörung geführt, sieht die für Mai 2013 geplante Veröffentlichung des DSM-5 eine Reklassifikation dieses Störungsbildes unter die Kategorie „Substance Use and Addictive Disorders“ vor (mit der wahrscheinlichen Bezeichnung: „Gambling Disorder“). Dieser Schritt stellt einen Paradigmenwechsel dar, da stoffgebundene und stoffungebundene Suchterkrankungen nunmehr nosologisch gleichberechtigt nebeneinander stehen und die Tür für die Aufnahme von weiteren Verhaltenssüchten geöffnet wurde.

Pathologisches Glücksspielverhalten ist den Suchterkrankungen zuzuordnen

Verschiedene Evidenzstränge bestätigen in konsistenter Weise, dass das pathologische Glücksspielverhalten tatsächlich den Suchterkrankungen zuzuordnen ist. So zeigt die klinische Psychopathologie der Glücksspielsucht in diagnostischer Hinsicht (vgl. [10, 16]) sowohl nach den Kriterien für das „pathologische Spielen“ (DSM-IV-TR) als auch nach den zu erwartenden Kriterien für die „glücksspielbedingte Störung“ (DSM-5) weitgehend kohärente Übereinstimmung mit den entsprechenden Merkmalen für das substanzbezogene „Abhängigkeitssyndrom“ (DSM-IV-TR). Als entscheidend für eine Verhaltenssucht erweist sich das durch neurobiologische Konditionierungsprozesse entstandene Suchtverhalten, das sich in den konstitutiven Kernkriterien im Sinne der psychischen Abhängigkeitsdimension mit ihren unmittelbaren Auswirkungen äußert [4, 14]. Diese allerdings nicht allein auf ein „süchtiges Gehirn“ zu reduzierende eigentliche Süchtigkeit im Erleben und Verhalten ist ein in der deutschen Suchtpsychopathologie gewonnener Erfahrungsschatz. Selbst Toleranzeffekte und in ihrer Genese wahrscheinlich anders zu deutende „Entzugssymptome“ können als Kriterien einer Verhaltenssucht gelten [6]. Grundsätzlich sind die eigentlichen Wesensmerkmale erworbener Süchtigkeit sogar besser an einer Verhaltenssucht studierbar als an stoffgebundenen Süchten mit ihren neuroadaptativen Substanzmechanismen und den interagierenden neurotoxischen Einflüssen.

Weitere weitreichende Gemeinsamkeiten zwischen der Glücksspielsucht und Substanzabhängigkeiten bestehen hinsichtlich der Pathogenese, der komorbiden Erkrankungen und Persönlichkeitsprofile [23], des zwar spezifischen, aber in großen Teilen überlappenden therapeutischen Settings [21] sowie der durch moderne Bildgebungsverfahren verifizierten neurobiologischen und molekulargenetischen Faktoren [7, 15, 20, 22, 24, 28, 30]. Das häufig zu beobachtende Shiften zwischen Glücksspielsucht und Substanzabhängigkeit beruht auf gemeinsamen ätiopathogenetischen Grundmechanismen; hier gilt das Axiom der gegenseitigen Ersetzbarkeit von „Suchtmitteln“. Des Weiteren ist das signifikant erhöhte Auftreten von traumatischen Kindheitserlebnissen (mit Missbrauchserfahrungen) und sog. „Lifetime-Belastungen“ [26] genauso unspezifisch wie bei einigen anderen psychischen Störungen.

Das bei den Substanzstörungen akzeptierte multikonditionale „Vulnerabilitäts-Stress-Modell“ findet sich auch im biopsychosozialen Erklärungsmodell der Entwicklung und Aufrechterhaltung problematischen bzw. pathologischen Glücksspielverhaltens wieder [27]. Dabei spielen im Rahmen kognitiv-affektiver und neuronaler, handlungsgesteuerter Bahnungsprozesse die Grundfunktionen wie Motivation, Gedächtnis, Lernen und Stressregulation genauso eine zentrale Rolle wie Emotions-, Handlungs- und (natürliche) Impulskontrolle. Eine genetisch vulnerable, individuelle „Suchtaffinität“ [4] durch besonders gefährdende biopsychologische Personenmerkmale (u. a. „sensation seeking“ oder „novelty seeking“, „harm avoidance“, Neurotizismus) und konfundierend hiermit durch molekulargenetische Besonderheiten im Sinne eines „Reward-Deficiency-Syndroms“ [5] im opioderg-dopaminergen mesokortikolimbischen Belohnungssystem trifft für beide Suchtformen zu.

Dies gilt ebenso für den genetischen Polymorphismus des Serotonin-Rezeptors-2A, der sowohl bei Alkohol- und Nikotinabhängigkeit als auch bei pathologischen Glücksspielern ermittelt wurde [29]. Jene genetische Variante, die wie ein schon länger bekannter, bestimmter Polymorphismus des Dopamin-Rezeptor-D4-Gens zum Novelty Seeking im Rahmen der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung zu finden ist, steht in Einklang mit der nicht selten auftretenden Kombination dieser Komorbidität bei Substanzabhängigkeit und Glücksspielsucht. Bei beiden Störungsbildern wird über dieselben verhaltensbiologischen Gehirnprozesse im jeweiligen biographischen Erfahrungs- und Lernkontext ein individuelles Suchtgedächtnis [4] geprägt, dem eine besondere Bedeutung für das Rückfallgeschehen zukommt. Davon unbedingt abzugrenzen ist ein funktional-exzessives Glücksspielverhalten im Zuge von (hypo)manischen Psychosen, schweren Borderline-Persönlichkeitsstörungen oder unter medikamentöser Parkinson-Therapie mit Dopamin-D3-Agonisten. In diesen Fällen wird ohne vorauslaufende Eigendynamik das menschliche Spielbedürfnis lediglich durch endogen bzw. exogen provozierende Mechanismen akut aus der Latenz gehoben.

Der nosologische Kategorienstreit

Ausgehend von dem dargestellten Erkenntnisstand erscheint die Klassifizierung der Glücksspielsucht im ICD-10 als „Impulskontrollstörung“ als verfehlt und dringend revisionsbedürftig [4, 10, 11]. Allenfalls der typologisch herausgearbeitete „antisozial-impulsive Problemspieler“ [2] mit vorrangig schwerer Impulskontrollstörung, welche auch Ausgangspunkt für den Typ-II-Alkoholiker und andere psychiatrische Krankheitsbilder ist, stützt dieses Konstrukt. Dagegen sind die anderen beiden Subtypen des „emotional-anfälligen Problemspielers“ (mit vorbestehender depressiver oder ängstlicher Symptomatik, niedrigem Selbstwertgefühl sowie dysfunktionaler Bewältigungsstrategie) und des „verhaltenskonditionierten Problemspielers“ (im Vorfeld psychopathologisch unauffällig und erst durch operante und klassische Konditionierung im Spielverhalten pendelnd zwischen regelmäßig und exzessiv) ohne Weiteres in den Suchtkontext integrierbar [vgl. [18]].

Die kontrovers diskutierte Zuordnung zu einer „Zwangsspektrumstörung“ dürfte psychopathologisch auf einer Fehlinterpretation der Syndromgenese des pathologischen Glücksspielverhaltens basieren. Für die Aufrechterhaltung eines über neuronale Konditionierungs- und Bahnungsprozesse gelernten und schließlich autonom werdenden Suchtverhaltens [4] ist anzunehmen, dass dies durch permanent exzessive, belohnungssuchende Verhaltensweisen [7] ausgelöst wird. Oftmals findet in diesem Zusammenhang die wichtige Differenzierung zwischen dem initial ich-syntonen, verstärkten (süchtigen) Belohnungsverhalten und dem final autonom gewordenen, ich-dystonen „Sich-so-Verhalten-Müssen“ nicht hinreichend statt [4]. Offensichtlich kann letzteres, phänomenologisch als „impulsiv-zwanghaft“ anmutendes Verhalten durch repetitive Aktivierung und Hemmung derselben orbito-fronto-striato-thalamischen Regelkreise in Gang gesetzt werden, die zugleich an der Entstehung von Zwangssymptomen beteiligt sind.

Schließlich trifft die einst favorisierte Serotonerge-Dysfunktions-Hypothese, die für die mitursächliche Erklärung verschiedener psychiatrischer Krankheitsbilder herangezogen wurde, mit dieser Stringenz zumindest zur Ätiopathogenese der Glücksspielsucht ohne primäre Impulskontrollstörung nicht zu. Deshalb scheint die nosologische Kontroversdebatte „Zwangs- oder Suchterkrankung“ bzw. „gestörte Impulskontrolle oder Sucht“ sowohl im kategorialen als auch im dimensionalen Sinne wenig zielführend zu sein.

Das Suchtpotenzial von Glücksspielen

Das bei den verschiedenen Glücksspielformen sehr unterschiedliche Suchtpotenzial steht in direkter Verbindung mit ihren konkreten Ausgestaltungen [18]. Situative Veranstaltungsmerkmale erleichtern dabei grundsätzlich den Erstkontakt bzw. Zugang zum Glücksspiel. Zu diesem Merkmalsbündel zählen in erster Linie eine hohe Verfügbarkeit und leichte Griffnähe, die extensive Vermarktung mit suggestivem Aufforderungscharakter und die Anonymität sowie der bargeldlose Zahlungsverkehr beim Online-Glücksspiel. Strukturelle Veranstaltungsmerkmale, wie eine ereignisdichte Spielabfolge, variable Einsatz- und Gewinnmöglichkeiten oder häufige Fast-Gewinne, fördern indessen primär die Bindung an das Spielmedium [18].

In der Literatur lassen sich mittlerweile erste Mess- und Bewertungsinstrumente finden, mit denen das Suchtpotenzial einzelner Glücksspielprodukte verlässlich bestimmt werden kann. Für den deutschen Sprachraum liegt ebenfalls ein auf empirisch validierten Merkmalen beruhendes Verfahren vor, das eine generelle Einschätzung zum Gefährdungspotenzial ermöglicht [19]. Danach können die in Deutschland gängigen Glücksspielformen insgesamt 5 Clustern zugeordnet werden, die von sehr hohen Risikowerten (Cluster 1 mit Glücks- und Geldspielautomaten) bis zu sehr niedrigen Risikowerten (Cluster 5 mit Fernsehlotterien) reichen. Es verwundert nicht, dass das gewerbliche Automatenspiel vor allem wegen der „kreativ optimierten“ strukturellen Veranstaltungsmerkmale sowie seiner Omnipräsenz zusammen mit den Glücksspielautomaten an der Spitze der Hierarchie stehen, knapp gefolgt von Poker und Live-Wetten im Internet.

Fazit für die Praxis

  • Für die Mehrheit aller Spielteilnehmer bedeutet die mit dem Glücksspiel einhergehende Hoffnung auf Geldgewinne ein kurzweiliges und spannendes Freizeitvergnügen. Demgegenüber existiert eine kleine, aber gesundheitspolitisch und volkswirtschaftlich relevante Minderheit, die süchtig getrieben jegliche Kontrolle über das Spielverhalten verliert und häufig in einen Teufelskreis von Verschuldung, Beschaffungsdelinquenz, sozialem Abstieg und Armutsfalle gerät.

  • Eine gerade durch moderne Informations- und Kommunikationstechnologien signifikant gesteigerte Verfügbarkeit von immer attraktiver gestalteten, suchtpotenten Glücksspielangeboten verkörpert besonders im Hinblick auf die Gefährdung von Jugendlichen das Kernproblem. Folglich beziehen sich die sozialstaatlichen Verpflichtungen sowohl auf die Umsetzung von Frühpräventionsprogrammen als auch auf die im Glücksspielrecht verankerten verhältnispräventiven Ansätze zum besseren Spieler- und Jugendschutz bzw. zur nachhaltigen Eindämmung der Glücksspielsucht inklusive ihrer mannigfaltigen negativen Auswirkungen.

Interessenkonflikt

Der korrespondierende Autor gibt für sich und seine Koautoren an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

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