Der Nervenarzt

, Volume 81, Issue 9, pp 1049–1068

Evidenzbasierte Therapie der Depression

Die S3-Leitlinie unipolare Depression

Authors

    • Institut und Poliklinik für Medizinische PsychologieUniversitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
  • C. Klesse
    • Institut und Poliklinik für Medizinische PsychologieUniversitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
  • I. Bermejo
    • Institut und Poliklinik für Medizinische PsychologieUniversitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
  • T. Bschor
    • Institut und Poliklinik für Medizinische PsychologieUniversitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
  • J. Gensichen
    • Institut und Poliklinik für Medizinische PsychologieUniversitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
  • T. Harfst
    • Institut und Poliklinik für Medizinische PsychologieUniversitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
  • M. Hautzinger
    • Institut und Poliklinik für Medizinische PsychologieUniversitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
  • C. Kolada
    • Institut und Poliklinik für Medizinische PsychologieUniversitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
  • I. Kopp
    • Institut und Poliklinik für Medizinische PsychologieUniversitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
  • C. Kühner
    • Institut und Poliklinik für Medizinische PsychologieUniversitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
  • M. Lelgemann
    • Institut und Poliklinik für Medizinische PsychologieUniversitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
  • J. Matzat
    • Institut und Poliklinik für Medizinische PsychologieUniversitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
  • B. Meyerrose
    • Institut und Poliklinik für Medizinische PsychologieUniversitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
  • C. Mundt
    • Institut und Poliklinik für Medizinische PsychologieUniversitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
  • W. Niebling
    • Institut und Poliklinik für Medizinische PsychologieUniversitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
  • G. Ollenschläger
    • Institut und Poliklinik für Medizinische PsychologieUniversitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
  • R. Richter
    • Institut und Poliklinik für Medizinische PsychologieUniversitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
  • H. Schauenburg
    • Institut und Poliklinik für Medizinische PsychologieUniversitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
  • H. Schulz
    • Institut und Poliklinik für Medizinische PsychologieUniversitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
  • S. Weinbrenner
    • Institut und Poliklinik für Medizinische PsychologieUniversitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
  • F. Schneider
    • Institut und Poliklinik für Medizinische PsychologieUniversitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
  • M. Berger
    • Institut und Poliklinik für Medizinische PsychologieUniversitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Leitthema

DOI: 10.1007/s00115-010-3084-7

Cite this article as:
Härter, M., Klesse, C., Bermejo, I. et al. Nervenarzt (2010) 81: 1049. doi:10.1007/s00115-010-3084-7

Zusammenfassung

Unipolare Depressionen zählen zu den häufigsten Beratungsanlässen und Erkrankungen in der Versorgung. Obwohl die Diagnostik und Therapie der Depression in den letzten Jahren Fortschritte gemacht hat, besteht noch deutliches Optimierungspotenzial. Die Ausrichtung der Behandlung an evidenzbasierten Leitlinien bildet hierbei einen zentralen Ansatzpunkt. Die neue S3- und Nationale Versorgungsleitlinie Unipolare Depression, deren Erstellung von der DGPPN koordiniert und die von 29 Fachgesellschaften und Berufsverbänden konsentiert wurde, stellt den ambitionierten Versuch dar, Evidenz und klinischen Konsens zum „state of the art“ in der Depressionsbehandlung abzubilden. Für die Pharmakotherapie der Depression können differenzierte Empfehlungen, auch in Abgrenzung und in Ergänzung zur Psychotherapie, gegeben werden.

Schlüsselwörter

Evidenzbasierte PharmakotherapieLeitlinienDepressionVersorgungDeutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde

Evidence-based therapy of depression

S3 guidelines on unipolar depression

Summary

Unipolar depressive disorders are among the most frequent reasons for utilizing the health care system. Although efficacious treatments are available and further advances have recently been made there is still a need for improving diagnostic and therapeutic procedures. Alignment of treatment on evidence-based treatment guidelines establishes an essential mainstay. The new S3 and National Health Care guidelines on unipolar depression, the compilation of which was coordinated by the German Society of Psychiatry, Psychotherapy and Neurology (DGPPN) and which were approved by 29 scientific and professional associations, is the ambitious effort to present state of the art evidence and clinical consensus for the treatment of depression. For pharmacotherapy of depression differentiated recommendations can be given, also separate from and in addition to psychotherapy.

Keywords

Evidence-based pharmacotherapyGuidelinesDepressionHealth careGerman Society of Psychiatry, Psychotherapy and Neurology

Unipolare depressive Störungen gehören mit einer Lebenszeitprävalenz von 18% in Deutschland zu den häufigsten psychischen Störungen und Beratungsanlässen in der Versorgung [1] und gehen für die Betroffenen mit erheblichen Beeinträchtigungen des psychischen und physischen Befindens sowie ihrer sozialen Bindungen und Funktionsfähigkeit einher [2]. Obwohl prinzipiell wirksame Behandlungsverfahren zur Verfügung stehen und bei der Diagnostik und Therapie der Depression in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte gemacht wurden, zeigen versorgungsepidemiologische Studien weiteren Optimierungsbedarf in der Depressionsdiagnose und -therapie auf verschiedenen Ebenen der Versorgung [1, 3].

Unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) und in Zusammenarbeit mit dem Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) und der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) beteiligten sich 29 Fachgesellschaften und Berufsverbände zwischen 2005 und 2009 an der Entwicklung einer S3- bzw. Nationalen Versorgungsleitlinie (NVL) Unipolare Depression [4], die Ende 2009 publiziert wurde. Neben Empfehlungen zur Diagnostik und Vorschlägen zur Versorgungskoordination berücksichtigt diese Leitlinie unter den Behandlungsverfahren prioritär die Pharmako- und Psychotherapie sowie nichtmedikamentöse somatische Therapieverfahren. In diesem Beitrag, der überwiegend auf die differenzierten Empfehlungen zur Pharmakotherapie der Depression fokussiert (ein eigener Beitrag zur Psychotherapie ist kürzlich erschienen; vgl. [5]), wird die Entwicklung und Methodik der Leitlinie skizziert und ein Überblick über die zentralen Inhalte gegeben.

Entwicklung der Leitlinie

Von der „Clearing-Stelle“ des ÄZQ wurde bereits 2001 ein nationales Clearing-Verfahren zur Depression initiiert mit dem Hauptziel, evidenzbasierte, qualitativ hochwertige deutsche und englischsprachige Leitlinien zur Depression zu identifizieren und zu vergleichen. 21 Leitlinien, darunter 3 deutsche, wurden mithilfe der Checkliste „Methodische Qualität von Leitlinien“ [6, 7, 8] nach einer systematischen Literaturrecherche in einem Peer-Review-Verfahren von einer Fokusgruppe von Leitlinienanwendern aus der ambulanten und stationären Versorgung sowie Experten hinsichtlich Methodik, Inhalt und Format sowie der praktischen Anwendbarkeit beurteilt [9]. Diese Bewertung zeigte gravierende Qualitätsunterschiede; deutsche Leitlinien erreichten nur mittlere Rangplätze. Die erweiterte Planungsgruppe des ÄZQ schloss aus dieser Analyse im Rahmen ihres Priorisierungsverfahrens, dass eine Nationale Versorgungsleitlinie für depressive Störungen auf Basis der bestehenden nationalen und internationalen Leitlinien entwickelt werden sollte, die diese Mängel ausgleicht.

Ziele der Leitlinie

Nach Abschluss des Leitlinien-Clearing-Verfahrens und der Arbeit mehrerer Fachgesellschaften an Depressionsleitlinien mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung war es ein zentrales Ziel, einen Konsens verschiedener Akteure im Gesundheitswesen für Leitlinien zur Diagnostik und Therapie depressiver Störungen herzustellen [4]. Seit Anfang 2005 koordinierte die DGPPN in Zusammenarbeit mit dem ÄZQ und der AWMF ein Projekt zur Erarbeitung einer S3-Leitlinie zur unipolaren Depression. 29 ärztliche und psychologische Fachgesellschaften und Berufsverbände sowie Angehörigen- und Patientenverbände waren hieran beteiligt. Im Zuge der Leitlinienentwicklung sollten auch Empfehlungen hinsichtlich einer abgestuften und vernetzten Versorgung zwischen dem haus- und fachärztlichen sowie dem psychotherapeutischen Sektor, zur Indikationsstellung für ambulante, teilstationäre bzw. stationäre Behandlungsmaßnahmen (einschließlich der Rehabilitation) erarbeitet werden.

Durch die gleichzeitige Erarbeitung der S3-Leitlinie und der NVL wurden Synergien genutzt

Mit diesen Zielen war diese S3-Leitlinie mit dem Programm für Nationale Versorgungsleitlinien (NVL), das zwischen Bundesärztekammer, der AWMF und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung 2003 vertraglich vereinbart wurde, eng verknüpft. Auf Basis qualitativ hochwertiger, evidenz- und konsensbasierter Leitlinien werden in den NVL Empfehlungen formuliert, die für die Versorgungskoordination und eine schnittstellenübergreifende Evaluation der Versorgungsqualität von Bedeutung sind. Zugleich verstehen sich die NVL auch als inhaltliche Grundlage von Programmen zur strukturierten medizinischen Versorgung („disease management“ bei chronischen Erkrankungen nach § 137f des Sozialgesetzbuchs (SGB) V, vgl. [10]). Dass eine S3-Leitlinie und eine NVL für Deutschland gleichzeitig erarbeitet wurden, stellt ein Novum dar; durch diese enge Kooperation wurden Synergien genutzt und eine sinnvolle Verbindung von evidenzbasierten Grundlagen und Praxisanforderungen geschaffen. Ein „Disease-Management-Programm“ (DMP) für Depression ist in Deutschland derzeit jedoch nicht geplant.

Struktur der Arbeitsgruppen

Die DGPPN als Initiatorin der Leitlinie beauftragte eine Arbeitsgruppe an der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg (M. Härter, I. Bermejo, C. Klesse, M. Berger) mit der Koordination des Leitlinienprozesses. Diese Leitliniengruppe lud 29 Fachgesellschaften und Berufsverbände sowie Patienten- und Angehörigenvertreter ein, die gemeinsam die Konsensgruppe bildeten (Tab. 1). Nachdem der Beschluss gefallen war, eine NVL Depression zu entwickeln, beteiligte sich das ÄZQ an der organisatorischen Vorbereitung der Konsensustreffen, während die Evidenzrecherchen und inhaltlichen Vorbereitungen dieser Treffen von der Leitliniengruppe geleistet wurden. Aus den in der Konsensgruppe vertretenen Fachgesellschaften, der Leitliniengruppe, ÄZQ und AWMF wurde eine Steuergruppe für die NVL gebildet. Die Steuergruppe war einerseits für die Konsentierung der NVL zuständig, prüfte und diskutierte andererseits vorab die vom Koordinationsteam erarbeiteten Hintergrundtexte und Empfehlungen, ehe sie der Konsensgruppe vorgelegt wurden (zum Prozedere s. [4, 5]). Im Rahmen von 14 Konsenskonferenzen wurden 107 Empfehlungen abgeleitet und verabschiedet.

Tab. 1

Fachgesellschaften und Berufsverbände sowie deren Vertreter in der Konsensusgruppe

Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN)

Prof. Dr. Christoph Mundt, Prof. Dr. Dr. Frank Schneider

Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM)

Prof. Dr. Wilhelm Niebling, Prof. Dr. Jochen Gensichen

Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin (DGPM)

Prof. Dr. Henning Schauenburg

Fachgruppe Klinische Psychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs)

Prof. Dr. Christine Kühner, Prof. Dr. Martin Hautzinger

Deutsche Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften (DGRW)

PD Dr. Holger Schulz

Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ)

PD Dr. Tom Bschor

Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen (DAGSHG)

Dipl.-Psych. Jürgen Matzat

Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT)

Dipl.-Psych. Christa Leiendecker, Dr. Wolfram Keller

Deutsche Ärztliche Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DÄVT)

Prof. Dr. Georg Wiedemann, Dr. Thomas Wiehn

Deutsche Fachgesellschaft für tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (DFT)

PD Dr. Karin Tritt

Deutsche Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie (DGGPP)

Prof. Dr. Gabriela Stoppe, Prof. Dr. Georg Adler

Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT)

Dipl.-Psych. Rudi Merod, Prof. Dr. Thomas Heidenreich

Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft (DPG)

Prof. Dr. Matthias Franz, Dr. Norbert Hartkamp

Deutsche Psychoanalytische Vereinigung (DPV)

Prof. Dr. Heinz Böker, Prof. Dr. Joachim Küchenhoff

Deutscher Fachverband für Verhaltenstherapie (DVT)

Prof. Dr. Ulrich Schweiger

Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie (GwG)

Prof. Dr. Hans-Jürgen Luderer, Dipl.-Psych. Detlev Haimerl

Deutscher Hausärzteverband (BDA)

Dr. Diethard Sturm

Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP)

Dipl.-Psych. Inge Neiser

Berufsverband der Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Deutschlands (BPM)

Dr. Karin Bell, Dr. Herbert Menzel

Berufsverband Deutscher Nervenärzte (BVDN)

Dr. Norbert Mönter

Berufsverband Deutscher Psychiater (BVDP)

Dr. Christian Vogel

Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten (bvvp)

Dr. Regine Simon, Dipl.-Psych. Benedikt Waldherr

Deutsche Psychotherapeutenvereinigung (DPtV)

Dr. Annelie Scharfenstein

Vereinigung der leitenden Ärzte der psychosomatisch-psychotherapeutischen Krankenhäuser und Abteilungen in Deutschland

Dr. Wolfgang Merkle

Arbeitskreis der Chefärztinnen und Chefärzte der Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie an Allgemeinkrankenhäusern (ACKPA)

Dr. Hans-Peter Unger

Bundesdirektorenkonferenz Psychiatrischer Krankenhäuser (und AK Depressionsstationen) (BDK)

Dr. Iris Hauth, Prof. Dr. Manfred Wolfersdorf

Kompetenznetz Depression, Suizidalität (KND)

Prof. Dr. Ulrich Hegerl

Bundespsychotherapeutenkammer (beratend)

Prof. Dr. Rainer Richter, Dipl.-Psych. Timo Harfst

Referenzleitlinien

Die zur Beantwortung der Schlüsselfragen notwendigen Informationen und Evidenzen wurden nicht primär durch eigene Literaturrecherchen ermittelt, sondern abgeleitet aus bereits publizierten Leitlinien. Diese wurden von der Konsensgruppe zu Beginn des Arbeitsprozesses ausgewählt und formal konsentiert. Aus den Aussagen in den einzelnen Leitlinien wurden Synopsen, also systematische Gegenüberstellungen erstellt. Die „National Clinical Practice Guideline Depression“ des britischen National Institute for Mental Health ([11]; aktualisiert 2009) diente aufgrund ihrer methodischen Stringenz und Aktualität als primär zu berücksichtigende Quellleitlinie. Zusätzliche Referenzleitlinien waren die „Versorgungsleitlinien für depressive Störungen in der ambulanten Praxis“ des Kompetenznetzes Depression, Suizidalität [12], die „Evidenzbasierte Leitlinie zur Psychotherapie affektiver Störungen“ der DGPs [13], die „Gemeinsamen Leitlinien zur Psychotherapie der Depression“ von DGPM, DGPT, DKPM und AÄGP [14], die „Praxisleitlinie affektive Störungen“ der DGPPN [15], die „Empfehlungen zur Therapie der Depression“ der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) [16], außerdem die „Clinical Guidelines for the Treatment of Depressive Disorders“ des Canadian Network für Mood and Anxiety Treatments und der Canadian Psychiatric Association [17] sowie die „Practice Guideline for the Treatment of Patients with Major Depressive Disorder“ der American Psychiatric Association [18].

Methodische Grundlagen

Randomisiert-kontrollierte Studien („randomized controlled trials“, RCTs), Metaanalysen und systematische Übersichtsarbeiten stellten im Rahmen einer Evidenzhierarchie bei dieser S3-/Nationalen Versorgungsleitlinie die höchste Evidenzstufe dar (Tab. 2), da diese das geringste Risiko für einen Bias der Studienergebnisse aufweisen. Lagen zu einer Schlüsselfrage keine RCT oder Metaanalysen vor, wurde zunächst nach kontrollierten, nichtrandomisierten Studien gesucht, in der nächsten Ebene nach Korrelations- oder Vergleichsstudien und nach Fallserien. Die Grade der Evidenz bildeten in erster Linie den Maßstab für die Ableitung von Empfehlungen: Empfehlungen fielen umso stärker aus, je höher der Evidenzgrad und je sicherer damit die Evidenzgrundlage ist (Tab. 3). Durch Beschluss der Konsensgruppe konnte aufgrund von Konsensusaspekten wie ethischen Verpflichtungen, der klinischen Relevanz der Effektivitätsmaße, der Umsetzbarkeit der Studienergebnisse bei der jeweiligen Gruppe von Patienten, Patientenpräferenzen und der Anwendbarkeit in der Versorgung der Empfehlungsgrad gegenüber dem Evidenzgrad auf- oder abgewertet werden.

Tab. 2

Evidenzebenen bei Erstellung einer Leitlinie

Ia

Evidenz aus einer Metaanalyse von mindestens 3 RCTs

Ib

Evidenz aus mindestens einer RTC oder einer Metaanalyse von weniger als 3 RCTs

IIa

Evidenz aus zumindest einer methodisch gut kontrollierten Studie ohne Randomisierung

IIb

Evidenz aus zumindest einer methodisch guten, quasi-experimentellen deskriptiven Studie

III

Evidenz aus methodisch guten, nichtexperimentellen Beobachtungsstudien, wie z. B. Vergleichsstudien, Korrelationsstudien und Fallstudien

IV

Evidenz aus Berichten von Expertenkomitees oder Expertenmeinung und/oder klinische Erfahrung anerkannter Autoritäten

RCTs „randomized controlled trials“.

Tab. 3

Grade der Empfehlung

A: „Soll-Empfehlung“

Zumindest eine randomisierte, kontrollierte Studie von insgesamt guter Qualität und Konsistenz, die sich direkt auf die jeweilige Empfehlung bezieht und nicht extrapoliert wurde (Evidenzebenen Ia und Ib)

B: „Sollte-Empfehlung“

Gut durchgeführte klinische Studien, aber keine RCT, mit direktem Bezug zur Empfehlung (Evidenzebenen II oder III) oder Extrapolation von Evidenzebene I, falls der Bezug zur spezifischen Fragestellung fehlt

0: „Kann-Empfehlung“

Berichte von Expertenkreisen oder Expertenmeinung und/oder klinische Erfahrung anerkannter Autoritäten (Evidenzkategorie IV) oder Extrapolation von Evidenzebene IIa, IIb oder III. Diese Einstufung zeigt an, dass direkt anwendbare klinische Studien von guter Qualität nicht vorhanden oder nicht verfügbar waren

KKP: „Klinischer Konsenspunkt“

Empfohlen als gute klinische Praxis („good clinical practice point“) im Konsens und aufgrund der klinischen Erfahrung der Mitglieder der Leitliniengruppe als ein Standard in der Behandlung, bei dem keine experimentelle wissenschaftliche Erforschung möglich oder angestrebt ist

Statement

Statements fanden dann Verwendung, wenn es für praktische Vorgehens- und Behandlungshinweise keine Evidenzen gab, obwohl diese aus Expertensicht der Konsensrunde plausibel waren oder wenn auf fehlende Evidenzen und entsprechenden Forschungsbedarf hingewiesen werden sollte

RCTs „randomized controlled trials“.

Die aus den Synopsen und systematischen Literaturrecherchen abgeleiteten Hintergrundtexte und Empfehlungen einschließlich der Graduierung der Empfehlungen wurden in den Konsensussitzungen unter Moderation einer Vertreterin der AWMF (I. Kopp, Marburg) in einem nominalen Gruppenprozess diskutiert und konsentiert. Lag eine Zustimmung von 50% und mehr in der Konsensusgruppe vor, wurde der Vorschlag umgesetzt. Das Ziel bestand jedoch im Sinne einer breiten Akzeptanz der Leitlinie darin, für die meisten Empfehlungen einen starken Konsens (Zustimmung >75%) zu erreichen.

Im Sinne einer breiten Akzeptanz wurde eine Zustimmung >75% angestrebt

Die von der Konsensusgruppe abgestimmte Gesamtversion des Leitlinientextes wurde im Rahmen eines externen und internen Peer-Review-Verfahrens von den Vorständen der Fachgesellschaften und Berufsverbände, die Vertreter in die Konsensusrunde entsandt hatten, sowie weiteren Fachgesellschaften und Berufsgruppen, die aufgrund der Gruppengröße nicht mehr in den Konsensusprozess integriert werden konnten, kommentiert. Die finale Leitlinienversion, die hieraus entstand, wurde im November 2009 über das Internet veröffentlicht (z. B. Homepage der DGPPN, des ÄZQ und der AWMF, [19]). Eine Buchpublikation liegt ebenfalls inzwischen vor [20].

Inhalte der Leitlinie

Die rechtzeitige und lege artis durchgeführte Behandlung depressiver Störungen weist eine hohe Erfolgsrate auf, während nicht oder inadäquat behandelt zumeist ein mehrmonatiger, evtl. auch chronischer Verlauf zu erwarten ist [21, 22, 23]. Optimierungspotenzial in der Depressionsbehandlung besteht v. a. hinsichtlich der richtigen und rechtzeitigen diagnostischen und differenzialdiagnostischen Einschätzung, der Abschätzung des Behandlungsbedarfs, der Kombination und sequenziellen Abfolge verschiedener Behandlungsstrategien einschließlich der gezielten Überprüfung der Wirksamkeit sowie der Indikationsstellung zu einer stationären bzw. teilstationären Therapie bzw. des Übergangs zu einer ambulanten Weiterbehandlung.

Entsprechend umfasst die Leitlinie u. a. Hintergrundtexte und Empfehlungen zur Depressionsdiagnostik einschließlich der Differenzialdiagnostik und der somatischen Zusatzdiagnostik, zu allgemeinen Behandlungsprinzipien (Behandlungsziele; Akut- und Erhaltungstherapie, Rezidivprophylaxe; Einbezug von Patienten und Angehörigen und partizipative Entscheidungsfindung; Psychoedukation) und zur Versorgungskoordination, zur Pharmako-, zur Psychotherapie bzw. einer Kombinationsbehandlung, zu nichtmedikamentösen somatischen Therapieverfahren (z. B. Elektrokrampftherapie [EKT], Sport- und Lichttherapie), zur Therapie häufiger komorbider psychischer Störungen und somatischer Erkrankungen sowie zum Umgang mit Suizidalität. Abschließend werden Empfehlungen zur Leitlinienanwendung, Qualitätssicherung und Leitlinienimplementierung gegeben.

Der Geltungsbereich dieser Leitlinie bezieht sich nach der ICD-10 auf:
  • die unipolare depressive Störung, d. h. depressive Episoden (F32),

  • rezidivierende depressive Störungen (F33),

  • anhaltende affektive Störungen (hier nur: Dysthymia, F34.1) und

  • sonstige affektive Störungen (hier nur: rezidivierende kurze depressive Störung, F38.1).

Diagnostik

Diagnostisch orientiert sich diese Leitlinie an der International Classification of Diseases (ICD-10) der WHO. Ein Screening auf eine mögliche depressive Störung kann mit folgenden beiden Fragen geschehen [24]:
  • Fühlten Sie sich im letzten Monat häufig niedergeschlagen, traurig, bedrückt oder hoffnungslos?

  • Hatten Sie im letzten Monat deutlich weniger Lust und Freude an Dingen, die Sie sonst gerne tun?

Empfehlung 1

Die Diagnose einer behandlungsrelevanten depressiven Störung sollte, wenn in einem Screening erhöhte Depressionswerte festgestellt werden, durch die anschließende direkte und vollständige Erfassung der Haupt- und Zusatzsymptome (Schweregrad) sowie Fragen zu Verlauf und Dauer gestellt werden (Empfehlungsgrad B).

Empfehlung 2

Da depressive Patienten selten spontan über typische depressive Kernsymptome berichten und eher unspezifische Beschwerden wie Schlafstörungen mit morgendlichem Früherwachen, Appetitminderung, allgemeine Kraftlosigkeit, anhaltende Schmerzen und/oder körperliche Beschwerden angeben, sollen das Vorliegen einer depressiven Störung bzw. das Vorhandensein weiterer Symptome einer depressiven Störung aktiv exploriert werden (A).

Behandlungsphasen und Behandlungsziele

Die Behandlung einer Depression, insbesondere wenn es sich um eine rezidivierende Störung handelt, lässt sich in drei Phasen aufgliedern (Abb. 1):
  • die Akuttherapie,

  • die Erhaltungstherapie und

  • die Langzeittherapie (Rezidivprophylaxe).

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Abb. 1

Erkrankungsphasen und Behandlungsabschnitte

Im Anschluss an die Diagnostik steht am Beginn der Behandlung depressiver Störungen ein Aufklärungsgespräch. Dessen Ziel ist es, Hoffnung zu vermitteln und den Patienten zu entlasten. Verständliche Informationen dienen zur Erklärung, dass es für die Therapie der bestehenden Erkrankungsepisode bewährte und wirksame Behandlungsmöglichkeiten gibt. Hierzu gehört einerseits die Aufklärung über die Wirklatenz z. B. von Pharmako- und Psychotherapie, andererseits aber auch über deren Nachhaltigkeit.

Das primäre Behandlungsziel [2] besteht darin, die Symptome der depressiven Störung zu vermindern und eine vollständige Remission zu erreichen. Auf diesem Weg gilt es, die Suizidgefahr zu verringern, die berufliche und psychosoziale Leistungsfähigkeit wieder herzustellen, das seelische Gleichgewicht wieder zu stabilisieren sowie die Wahrscheinlichkeit für einen direkten Rückfall oder eine spätere Wiedererkrankung zu reduzieren. Über die Abwesenheit depressiver Symptome hinaus sind insbesondere eine allgemeine bejahende Lebenseinstellung (z. B. Optimismus, Vitalität, Selbstbewusstsein, Lebenswillen), die Rückkehr zum herkömmlichen psychosozialen Funktionsniveau, verbesserte Bewältigung von Alltagsverpflichtungen und -stress oder auch eine verbesserte Beziehungsqualität zu engen Bezugspersonen als Therapieziele bedeutsam.

Patienten mit depressiven Störungen haben das Recht und den Anspruch, über ihre Erkrankung und die Behandlungsmöglichkeiten möglichst gut informiert zu werden und sich an der Entscheidung über die Form der Behandlung zu beteiligen [25]. Bei der partizipativen Entscheidungsfindung („shared decision making“) wird ein gleichberechtigtes Zusammenarbeiten von Arzt bzw. Psychotherapeut und Patient bei der Wahl der Behandlungsalternativen und Behandlungsziele angestrebt. Dieses hat sich in der Depressionstherapie empirisch hinsichtlich positiver Effekte auf das Behandlungsergebnis bewährt.

Die konsequente Patientenbeteiligung ist eine der Innovationen dieser Leitlinie.

Empfehlung 3

Depressive Patienten sollen über Symptomatik, Verlauf und Behandlung der Depression aufgeklärt werden. Wenn es angebracht ist und die Patienten einverstanden sind, gilt dies auch für deren Angehörige (A).

Empfehlung 4

Psychoedukative Angebote für Betroffene und Angehörige sollten zur Verbesserung des Informationsstands, der Akzeptanz und der Patientenmitarbeit im Rahmen einer Gesamtbehandlungsstrategie als sinnvolle Ergänzung angeboten werden (B).

Empfehlung 5

Über die gesetzlich vorgeschriebene Aufklärungspflicht hinaus sollte mit dem Patienten im Rahmen einer partizipativen Entscheidungsfindung über mögliche Behandlungsstrategien und die damit verbundenen erwünschten Wirkungen und möglichen Risiken gesprochen und entschieden werden (B).

Empfehlung 6

Patienten und Angehörige sollen über Selbsthilfe- und Angehörigengruppen informiert und, wenn angebracht, zur Teilnahme ermuntert werden (A).

Pharmakotherapie in der Depressionsbehandlung

Zur Wirksamkeit von Antidepressiva liegen zahlreiche randomisierte und placebokontrollierte klinische Studien sowie Metaanalysen vor. Als Nachweis einer klinisch relevanten Wirksamkeit bei der akuten antidepressiven Behandlung wird in placebokontrollierten klinischen Studien eine mindestens 50%ige Verbesserung anhand eingeführter Instrumente (z. B. auf der Hamilton Rating Scale of Depression) angesehen. In derartigen Therapiestudien mit einer Dauer von bis zu maximal 12 Wochen beträgt die Responserate für Antidepressiva meist zwischen 50–60%, die Placeboresponseraten liegen bei ca. 25–35% [26].

In der Öffentlichkeit wird die Wirksamkeit von Antidepressiva überschätzt

Die Placeboresponse variiert zwischen den verschiedenen Studien und scheint in neueren Studien zuzunehmen sowie vom Schweregrad der Depression abzuhängen [26, 27, 28]; bei schweren Depressionen hingegen nimmt sie ab [29, 30]. Zudem beziehen sich die Wirksamkeitsunterschiede im Vergleich zu Placebo zumeist auf eine höhere Rate an Respondern, während die Unterschiede in den Remissionsraten oder dem Rückgang des Summenscores in den Depressionsratingskalen häufig nicht signifikant sind [11]. In der Wahrnehmung der (Fach-)Öffentlichkeit wird die Wirksamkeit von Antidepressiva eher überschätzt, da Studien, in denen das Antidepressivum besser als Placebo abschnitt, sehr viel häufiger in Fachjournalen publiziert werden als solche, in denen das Antidepressivum Placebo nicht überlegen war [31].

Akuttherapie

Eine Innovation der S3- und Nationalen Versorgungsleitlinie Unipolare Depression stellt die konsequente Beachtung des Schweregrads der Depression nach ICD-10 für die Indikationsstellung in der Akuttherapie dar. So wird bei leichten depressiven Episoden eine aktiv-abwartende Begleitung über 14 Tage empfohlen, ehe bei Persistieren der Symptomatik eine spezifische Therapie eingeleitet wird; eine Pharmakotherapie wird auch in der NICE-Guideline wegen des ungünstigen Nutzen-Risiko-Verhältnisses bei leichten Depressionen zunächst zurückhaltend beurteilt [28, 32]. Bei mittelgradiger Depression soll in jedem Fall eine Therapie eingeleitet werden, wobei eine Pharmakotherapie mit Antidepressiva und eine Psychotherapie gleichwertige Behandlungsoptionen sind (z. B. [33]). Bei schweren depressiven Episoden soll ein Antidepressivum angeboten werden [34]; die Leitlinie empfiehlt insbesondere hier eine Kombinationsbehandlung mit einer Psychotherapie.

Empfehlung 7

Bei einer leichten depressiven Episode kann, wenn anzunehmen ist, dass die Symptomatik auch ohne aktive Behandlung abklingt, im Sinne einer aktiv-abwartenden Begleitung zunächst von einer depressionsspezifischen Behandlung abgesehen werden. Hält die Symptomatik nach einer Kontrolle nach spätestens 14 Tagen noch an oder hat sie sich verschlechtert, soll mit dem Patienten über die Einleitung einer spezifischen Therapie entschieden werden (0).

Empfehlung 8

Antidepressiva sollten nicht generell zur Erstbehandlung bei leichten depressiven Episoden eingesetzt werden, sondern allenfalls unter besonders kritischer Abwägung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses (B).

Empfehlung 9

Für einen Einsatz von Antidepressiva bei einer leichten depressiven Episode können u. a. sprechen:
  • Wunsch/Präferenz des Patienten,

  • positive Erfahrung des Patienten mit gutem Ansprechen auf eine medikamentöse Therapie in der Vergangenheit,

  • Fortbestehen von Symptomen nach anderen Interventionen.

  • Episoden mittelgradiger oder schwerer Depression in der Vorgeschichte des Patienten (Statement).

Empfehlung 10

Zur Behandlung einer akuten mittelgradigen depressiven Episode soll Patienten eine medikamentöse Therapie mit einem Antidepressivum angeboten werden (A).

Empfehlung 11

Bei akuten schweren depressiven Episoden soll eine Kombinationsbehandlung mit medikamentöser Therapie und Psychotherapie angeboten werden (A).

Erhaltungstherapie und Rezidivprophylaxe

Ist unter einer Pharmakotherapie eine Remission, d. h. ein (nahezu) vollständiger Rückgang der depressiven Symptome eingetreten, soll das Medikament in der gleichen Dosis über 4 bis 9 Monate fortgeführt werden, weil sich hierdurch das Rückfallrisiko signifikant senken lässt (sog. Erhaltungstherapie) [35]. Bei rezidivierenden, d. h. wiederkehrenden depressiven Episoden sollen die Medikamente in der Dosis, die in der Akuttherapie wirksam war, über mindestens 2 Jahre nach der Remission fortgeführt werden [35]. In der Praxis ist eine Dosisreduzierung nicht unüblich; Studien zeigen jedoch, dass hiermit ein erhöhtes Rezidivrisiko verbunden ist. Auch eine psychotherapeutische Erhaltungstherapie bzw. Rezidivprophylaxe ist durch Studien gut belegt [36, 37]. Die Rezidivprophylaxe ist umso wichtiger, je mehr depressive Episoden in der Vergangenheit bestanden und je kürzer der Abstand zwischen ihnen war.

Empfehlung 12

Antidepressiva sollen mindestens 4 bis 9 Monate über die Remission einer depressiven Episode hinaus eingenommen werden, weil sich hierdurch das Risiko eines Rückfalls erheblich vermindern lässt. In dieser Erhaltungsphase soll die gleiche Dosierung wie in der Akutphase beibehalten werden (A).

Empfehlung 13

Patienten mit 2 oder mehr depressiven Episoden mit bedeutsamen funktionellen Einschränkungen in der jüngeren Vergangenheit sollten dazu angehalten werden, das Antidepressivum mindestens 2 Jahre lang zur Langzeitprophylaxe einzunehmen (B).

Empfehlung 14

Zur Vorbeugung eines Rezidivs sollte die gleiche Dosierung des Antidepressivums verabreicht werden, die bei der Akuttherapie wirksam war (0).

Chronische Depressionsformen

Bei chronischen Depressionsformen – d. h. einer Dysthymie, einer „double depression“ (Dysthymie mit aktueller, aufgesetzter depressiver Episode) oder einer chronischen majoren Depression (Episodendauer >2 Jahre) – sprechen die vorliegenden Studie für die Wirksamkeit einer Pharmakotherapie mit Antidepressiva (z. B. [38]). Bei einer Dysthymie oder Double Depression lässt sich dieser Effekt durch eine zusätzliche Psychotherapie noch steigern, während hier die Pharmakotherapie gegenüber der Psychotherapie als wirksamer gilt; hingegen wird bei chronischer majorer Depression eine äquivalente Wirksamkeit von Pharmako- und Psychotherapie diskutiert [39].

Empfehlung 15

Bei Dysthymie und Double Depression soll die Indikation für eine pharmakologische Behandlung geprüft werden (A).

Empfehlung 16

Bei einer chronischen (mehr als 2 Jahre persistierenden) depressiven Episode sollte eine pharmakologische Behandlung erwogen werden (B).

Empfehlung 17

Bei Dysthymie, Double Depression und chronischer Depression soll der Patient darüber informiert werden, dass eine Kombinationstherapie mit Psychotherapie und Antidepressiva gegenüber einer Monotherapie wirksamer ist (A).

Kombinationsbehandlung mit Psychotherapie

Zur Kombinationstherapie von Psychotherapie und Antidepressiva liegen für spezifische Subgruppen hinreichende Studienbelege vor [40, 41, 42, 43]: Für schwere depressive Episoden, chronisch depressive Patienten, rezidivierende Depressionen sowie ältere (59 bis 70 Jahre alte) depressive Patienten sind statistisch signifikante additive Effekte einer Kombinationstherapie gegenüber einer alleinigen Pharmakotherapie (bei chronisch depressiven Patienten) und einer alleinigen Psychotherapie (bei schweren Episoden) nachgewiesen. Bei Patienten mit einer leicht- bis mittelgradigen depressiven Episode zeigen die Studien keine klaren Überlegenheitseffekte einer Kombinationsbehandlung.

Empfehlung 18

Bei schweren und rezidivierenden sowie chronischen Depressionen, Dysthymie und Double Depression sollte die Indikation zur Kombinationsbehandlung aus Pharmakotherapie und geeigneter Psychotherapie vorrangig vor einer alleinigen Psychotherapie oder Pharmakotherapie geprüft werden (B).

Auswahl des Antidepressivums

Studien zeigen keine klinisch bedeutsame Überlegenheit eines Wirkstoffs, sodass letztlich von annähernd äquivalenter Wirksamkeit auszugehen ist (z. B. [44]). Allerdings unterscheiden sich die gängigen Medikamente hinsichtlich ihres Nebenwirkungsprofils. So sind die Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI) gegenüber den tri- und tetrazyklischen Antidepressiva (TZA) besser verträglich und weniger toxisch. Umgekehrt ist das TZA Amitriptylin als Einzelsubstanz wirksamer als die Gruppe der SSRI, insbesondere bei schwer depressiven, hospitalisierten Patienten. Die Wirksamkeit von Johanniskraut ist umstrittener; einige Metaanalysen und Studien belegen seine Effektivität (z. B. [45]), andere zeigen keine Überlegenheit gegenüber Placebo (z. B. [46]). Zusammenfassend richtet sich die Auswahl des Antidepressivums zunächst u. a. nach der Verträglichkeit, aber auch nach der Wirksamkeit in früheren Therapien.

Empfehlung 19

Wenn bei leichten oder mittelgradigen depressiven Episoden eine Pharmakotherapie erwogen wird, kann bei Beachtung der spezifischen Nebenwirkungen und Interaktionen ein erster Therapieversuch auch mit Johanniskraut unternommen werden (0).

Empfehlung 20

Patienten, die Johanniskraut einnehmen, sollten über die unterschiedliche Wirkstärke der verfügbaren Zubereitungen und die sich daraus ergebenden Unsicherheiten informiert werden. Sie sollten ebenfalls aufgeklärt werden über mögliche schwere Wechselwirkungen von Johanniskraut mit anderen Medikamenten (einschließlich oraler Kontrazeptiva, Antikoagulanzien und Antiepileptika; B).

Beginn einer Pharmakotherapie und Therapiemonitoring

Es hat sich bewährt, Antidepressiva in der niedrigen, als „Anfangsdosis“ bezeichneten Tagesdosis zu beginnen. Bei älteren Patienten ist eine Halbierung der Anfangsdosis sinnvoll, insbesondere bei TZA. Bessert sich die Symptomatik, ist keine weitere Dosissteigerung notwendig; diese ist nur sinnvoll, wenn die Wirksamkeit ungenügend ist und erhebliche Nebenwirkungen fehlen [47]. Zu Beginn der Behandlung ist eine sorgfältige Überwachung der Wirkungen und Nebenwirkungen wichtig. Weiterhin sollten Blutbild und Transaminasen, Elektrokardiogramm (EKG) und Blutdruck geprüft werden. Im Verlauf kann bei jenen Medikamenten, für die ein Zusammenhang zwischen Serumspiegel und klinischer Wirkung gut nachgewiesen ist, zur Wirkprüfung bzw. zur Feststellung von Metabolisierungsbesonderheiten eine Plasmaspiegelbestimmung vorgenommen werden. Grundsätzlich angeraten sind Plasmaspiegelkontrollen bei Behandlung mit der Maximaldosis, Verträglichkeitsproblemen, multimedizierten oder komorbiden Patienten, Symptomverschlechterung bei dosisstabiler antidepressiver Medikation und Nonrespondern bzw. Problemen in der Mitarbeit des Patienten.

Eine intensive Aufklärung (z. B. über mögliche Nebenwirkungen und die Wirklatenz von ca. 14 Tagen) und engmaschige Betreuung (wöchentlich) in den ersten 4 Wochen gehört zur bewährten Routine, um die Mitarbeit des Patienten zu fördern. Nach den ersten 4 Wochen sind Einbestellungen, beispielsweise in Intervallen von 2 bis 4 Wochen, während der ersten 3 Monate sinnvoll, danach in längeren Intervallen, vorausgesetzt das Ansprechen ist gut. Hauptkriterium der Wirksamkeit der Therapie ist der Grad der Symptomreduktion beim Patienten.

Empfehlung 21

Bei jedem Patienten sollte die antidepressive Medikation mit der niedrigen, als „Anfangsdosis“ bezeichneten Tagesdosis begonnen werden. Bei älteren Patienten ist es sinnvoll, bei Trizyklika diese Anfangsdosis zu halbieren und gegebenenfalls langsam aufzudosieren (Statement).

Empfehlung 22

Bei trizyklischen Antidepressiva sind deren anticholinerge und chinidinartige Nebenwirkungen zu beachten. Daher ist deren Gabe für Patienten mit kardiovaskulärer Erkrankung, Engwinkelglaukom, Prostatahypertophie, Pylorusstenose und anderen ausgeprägten intestinalen Stenosen, schwerer Obstipation, kognitiven Störungen, Krampfleiden oder Verwirrtheitszuständen/Delir mit einem erhöhten Risiko verbunden (Statement).

Empfehlung 23

Besonders zu Beginn der Therapie mit SSRI sollte auf Folgendes geachtet werden:
  • Hinweise auf ein Serotoninsyndrom (Verwirrtheit, Delir, Zittern/Frösteln, Schwitzen, Veränderungen des Blutdrucks, Myoklonus und Mydriasis),

  • Blutungsneigung in Verbindung mit der Gabe von nichtsteroidalen Antirheumatika; Hyponatriämie v. a. bei älteren Patienten (SIADH vermehrte Produktion oder Wirkung des antidiuretischen Hormons ADH),

  • Diarrhöe,

  • Suizidgedanken,

  • eine erhebliche Zunahme motorischer Unruhe und von Angst und Agitiertheit.

Die Patienten sollten auf die Möglichkeit solcher Symptome zu Beginn der medikamentösen Behandlung hingewiesen werden und bei deren Auftreten umgehend ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen (B).

Empfehlung 24

Eine intensive Aufklärung und engmaschige Betreuung (wöchentlich) in den ersten 4 Wochen ist zu empfehlen, um die Mitarbeit des Patienten zu fördern (KKP).

Mangelndes Ansprechen auf eine Pharmakotherapie

Etwa ein Drittel der Patienten respondiert nicht ausreichend auf das primär eingesetzte Antidepressivum [48]. Wenn ein Patient nach 2 bis 4 Wochen auf das Medikament keinerlei Besserung zeigt, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass er überhaupt noch ansprechen wird. Abgesehen davon, dass eine Entscheidung über einen Strategiewechsel auf bis zu 6 Wochen hinausgeschoben werden kann, bestehen bei mangelnder Response verschiedene Optionen (Abb. 2). Zunächst sollte die Mitarbeit des Patienten überprüft werden, wenn die regelmäßige Medikamenteneinnahme fraglich ist. Bei Nonresponse nach 3 bis 4 Wochen ist eine Bestimmung der Serumspiegelkonzentration (Plasmaspiegel) i. S. eines therapeutischen Drug-Monitorings (TDM) die Methode der Wahl [49].

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Abb. 2

Pharmakotherapie der therapieresistenten Depression. SSRI Serotoninwiederaufnahmehemmer, TZA tri- und tetrazyklischen Antidepressiva

Die einfachste Möglichkeit besteht in einer Dosisanhebung in Abhängigkeit von Verträglichkeit, Plasmaspiegel und empfohlenen Maximaldosen. Dosis-Wirkungs-Beziehungen sind jedoch nur für TZA, Venlafaxin und den MAOI (Monoaminoxidaseinhibitor) Trancylcypromin wirklich gut beschrieben und gelten nicht für SSRI [50]. Falls diese Maßnahmen nicht ausreichen, ist in erster Linie an eine Augmentation, d. h. eine Wirkungsverstärkung durch zusätzliche Gabe eines weiteren Wirkstoffs, der kein Antidepressivum ist, zu denken. Am besten durch Studien nachgewiesen ist die Lithiumaugmentation [51, 52]. Weiterhin könnte an eine Kombination mit einem weiteren Antidepressivum gedacht werden; dies ist jedoch nur für die Gabe von Mirtazapin und Mianserin zusätzlich zu einem TZA oder SSRI belegt [53]. Der Wechsel des Antidepressivums, obwohl in der Praxis sehr verbreitet, ist nicht gut beforscht und daher nicht Methode der 1. Wahl [54]. Ist das Ansprechen trotz dieser Maßnahmen weiterhin nicht ausreichend, kann an eine zusätzliche Psychotherapie (oder einen gänzlichen Wechsel hierzu) oder an nichtmedikamentöse somatische Therapieverfahren gedacht werden.

Empfehlung 25

Spricht ein Patient nach 3 bis 4 Wochen nicht auf eine Antidepressivamonotherapie an, sollten zunächst Ursachen für diesen Verlauf evaluiert werden. Zu diesen Ursachen gehören gegebenenfalls die mangelnde Mitarbeit des Patienten, eine nicht angemessene Dosis und ein zu niedriger Serumspiegel (0).

Empfehlung 26

Bei zahlreichen Antidepressiva (z. B. TZA, Venlafaxin, Tranylcypromin) kann eine sinnvolle Maßnahme bei Nonresponse im Aufdosieren der Substanz im Einklang mit den Anwendungsempfehlungen des Herstellers bestehen. Dies gilt nicht für SSRI (0).

Empfehlung 27

Ein Versuch zur Wirkungsverstärkung (Augmentation) mit Lithium sollte vom erfahrenen Arzt bei Patienten erwogen werden, deren Depression auf Antidepressiva nicht angesprochen hat (B).

Empfehlung 28

Wenn bei einem Patienten 2 bis 4 Wochen nach Erreichen wirksamer Lithiumspiegel keine Wirkung festzustellen ist, sollte Lithium wieder abgesetzt werden (KKP).

Empfehlung 29

Patienten, die gut auf ein Antidepressivum mit Lithiumaugmentation ansprachen, sollten unter diesem Regime für mindestens 6 Monate bleiben (B).

Empfehlung 30

Die Augmentation von Antidepressiva mittels Carbamazepin, Lamotrigin, Pindolol, Valproat, Dopaminagonisten, Psychostimulanzien, Schilddrüsen- oder anderen Hormonen wird als Routineeinsatz bei therapieresistenter Depression nicht empfohlen (0).

Empfehlung 31

Beim Wechsel zwischen Antidepressiva sollten wegen möglicher Wechselwirkungen eine schrittweise Aufdosierung des neuen und ein ausschleichendes Absetzen des alten Antidepressivums erfolgen (B).

Empfehlung 32

Der Wechsel des Antidepressivums ist bei Nichtansprechen nicht die Behandlungsalternative 1. Wahl. Jeder Wechsel sollte daher sorgfältig geprüft werden (B).

Empfehlung 33

Bei der Umstellung von SSRI, SNRI und Clomipramin auf MAOI ist ein ausreichender Sicherheitsabstand von 2 Wochen, bei Fluoxetin von 5 Wochen zu berücksichtigen. Eine Kombination der MAOI mit diesen Antidepressiva ist kontraindiziert (Statement).

Empfehlung 34

Bei einem Patienten, der auf eine Antidepressivamonotherapie nicht respondiert hat, kann als einzige Antidepressivakombination die Kombination von Mianserin (unter Berücksichtigung des Agranulozytoserisikos) oder Mirtazapin einerseits mit einem SSRI oder einem TZA andererseits empfohlen werden. Nur für diese Kombination wurde in mehreren randomisierten und doppelblinden Studien gezeigt, dass sie wirksamer ist als die Monotherapie mit nur einem der Wirkstoffe (Statement).

Pharmakotherapie bei besonderen Patientengruppen

Wirksamkeitsunterschiede zwischen den beiden großen Antidepressivagruppen TZA und SSRI, aber auch zu anderen und neueren Antidepressiva wurden für ältere Patienten bislang nicht nachgewiesen [55]. Bei ähnlicher Wirksamkeit orientiert sich die Substanzauswahl daher am Neben- und Wechselwirkungspotenzial. Dabei erfordern erhöhtes Nebenwirkungsrisiko und Multimedikation bei älteren Menschen detaillierte Kenntnisse für die Pharmakotherapie. Eine konsequente Behandlung ist aber gerade bei älteren Menschen nötig, da nicht nur die Risiken der Behandlung, sondern auch die der Nichtbehandlung erhöht sind.

Empfehlung 35

Die Wirksamkeit von Antidepressiva ist auch für ältere Patienten belegt. Ältere Patienten sollten daher in gleicher Weise behandelt werden wie jüngere. Im Vergleich zu jüngeren Patienten ist das Nebenwirkungsprofil bzw. die Verträglichkeit noch stärker zu beachten. Wirksamkeitsunterschiede zwischen den beiden großen Antidepressivagruppen TZA und SSRI, aber auch zu anderen bzw. neueren Antidepressiva (z. B. Moclobemid, Venlafaxin, Mirtazapin, Reboxetin) wurden bislang nicht nachgewiesen. Bei älteren Patienten sollte eine Behandlung mit TZA in einer erniedrigten Anfangsdosis begonnen werden (Statement).

Zur medikamentösen Behandlung der Depression bei Patienten mit Demenz liegen nur sehr wenige Untersuchungen vor, die die Überlegenheit von Antidepressiva gegenüber Placebo nicht ausreichend stützen. Gegebenenfalls sollten jedoch Substanzen ohne anticholinerge Wirkkomponente verwendet werden [56]. Bei schwerer Depression bzw. Depressionen in der Vorgeschichte ist jedoch eine Behandlung in gleicher Weise wie bei anderen älteren Erwachsenen gerechtfertigt.

Empfehlung 36

Grundsätzlich können Patienten mit Depression und gleichzeitig vorliegenden hirnorganischen Erkrankungen in gleicher Weise mit Antidepressiva behandelt werden wie ältere Patienten ohne hirnorganische Erkrankungen. Dabei sollten allerdings Wirkstoffe mit sedierender und/oder anticholinerger Komponente vermieden werden (0).

Bei wahnhaften Depressionen wird oft die Kombination von Antidepressiva mit einem Antipsychotikum angewandt [11]. Diese Empfehlung ist auf die allgemeinen klinischen Erfahrungen und weniger auf stringente klinische Studien begründet.

Empfehlung 37

Bei Patienten mit psychotischer Depression sollte die Kombination des Antidepressivums mit Antipsychotika erwogen werden, wobei die optimale Dosierung und Anwendungsdauer dieser Medikamente unbekannt sind (B).

Nichtmedikamentöse somatische Therapieverfahren

Bei therapieresistenten schweren bzw. psychotischen depressiven Episoden zeigen Studien eine hohe Wirksamkeit mit Remissionsraten von 60–80% für die Elektrokrampftherapie (EKT) [57]. Diese kann als sicheres Verfahren gelten, obwohl sie nicht selten auf Vorbehalte stößt. EKT wird üblicherweise stationär in auch hierfür spezialisierten Einrichtungen appliziert. Neuere Hirnstimulationsverfahren – die repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS) sowie die Vagusnervstimulation (VNS) – können gegenwärtig nicht für die Routineversorgung empfohlen werden. Eine Wachttherapie mit partiellem oder vollständigem Schlafentzug mit Wiederholungen in 2- bis 3-tägigen Abständen sollte als Add-on-Therapie erwogen werden [58]. Bei der saisonal abhängigen Depression mit leichtem oder mittlerem Schweregrad hat sich in vielen Studien eine Lichttherapie (mit Beginn zu Anfang der „dunklen“ Monate im Herbst und Winter) bewährt [59]. Körperliche Aktivität, insbesondere z. B. ein aerobes Training, kann zusätzlich zu einem anderen Verfahren (z. B. Pharmako- oder Psychotherapie) insbesondere zur Verbesserung von Stimmung und Antrieb empfohlen werden [60].

Empfehlung 38

EKT soll bei schweren, therapieresistenten depressiven Episoden als Behandlungsalternative in Betracht gezogen werden (A).

Empfehlung 39

EKT kann auch zur Erhaltungstherapie eingesetzt werden bei Patienten, die
  • während einer Krankheitsepisode auf EKT angesprochen haben,

  • auf eine andere leitliniengerechte antidepressive Therapie nicht angesprochen haben,

  • psychotische Merkmale aufweisen oder

  • eine entsprechende Präferenz haben (0).

Empfehlung 40

Wachtherapie sollte in der Behandlung depressiver Episoden als Behandlungsform erwogen werden, wenn eine rasche, wenn auch kurz anhaltende Response therapeutisch gewünscht wird oder eine andere leitliniengerechte Behandlung ergänzt werden soll (B).

Empfehlung 41

Lichttherapie soll als Behandlungsform bei Patienten mit leicht- bis mittelgradigen Episoden rezidivierender depressiver Störungen, die einem saisonalen Muster folgen, erwogen werden (A).

Empfehlung 42

Mit Lichttherapie behandelte Patienten mit saisonal abhängiger depressiver Episode, die auf diese Therapieform ansprechen, können die Lichttherapie den gesamten Winter über fortsetzen (0).

Empfehlung 43

Körperliches Training kann aus klinischer Erfahrung heraus empfohlen werden, um das Wohlbefinden zu steigern und depressive Symptome zu lindern (KKP).

Behandlungsmonitoring

Je nach Ausgangslage (akuter, teilremittierter oder remittierter Zustand) besteht das Ziel der Depressionsbehandlung entweder in der (weiteren) Symptomreduktion oder in der Verhinderung von Rückfällen. Weitere Ziele stellen die Wiedererlangung, die Erhaltung oder die Verbesserung des psychosozialen Funktionsniveaus (Leistungsfähigkeit, soziale Interaktionen und Kontakte, Erwerbstätigkeit) dar, bezogen auf die Situation vor der Erkrankung. An dieser allgemeinen Zielvorgabe ist der Therapiefortschritt und Behandlungserfolg zu messen, d. h. es bedarf einer behandlungsbegleitenden Verlaufsdiagnostik und Prozessevaluation. Besonders während der Akutbehandlung ist ein regelmäßiges, in den ersten 3 bis 4 Behandlungswochen wöchentliches Monitoring der Behandlung notwendig. Dieses kann mit standardisierten Instrumenten erfolgen. Dass ein nach 3 bis 4 Wochen hinsichtlich der Depressivität und der anderen Zielvorgaben erfolgloses Vorgehen nicht unverändert fortgesetzt werden soll, ist eine weitere zentrale innovative Empfehlung der Leitlinie.

Ein nach 3 bis 4 Wochen erfolgloses Vorgehen soll nicht fortgesetzt werden

Empfehlung 44

Stellt sich in der Akutbehandlung 3 bis 4 Wochen nach Behandlungsbeginn keine positive Entwicklung im Sinne der Zielvorgaben ein, sollte ein bislang nicht wirksames Vorgehen nicht unverändert fortgesetzt werden (0).

Versorgung und Kooperation

Bei leichten bis mittelschweren depressiven Störungen kann eine alleinige ambulante Behandlung, nach lege artis durchgeführter somatischer, psychopathologischer und psychologischer Diagnostik, von allen relevanten Behandlungsgruppen, d. h. Hausärzten oder Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie sowie für psychosomatische Medizin und Psychotherapie oder Nervenärzte, Ärzten mit Zusatztitel Psychotherapie und Psychoanalyse oder Psychologischen Psychotherapeuten erfolgen [22, 61]. Bei psychotherapeutischer Behandlung ist aber bei fehlender Besserung nach spätestens 3 Monaten die Konsultation eines Facharztes zu empfehlen. Dies ist eine weitere bedeutende, in der Leitlinie vorgesehene innovative Empfehlung, von der erwartet wird, dass sie durch frühzeitige intersektorielle Zusammenarbeit die Behandlungsergebnisse verbessern kann. Die Überweisung zu oder Zusammenarbeit mit Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie und Nervenärzten ist insbesondere bei folgenden Kriterien angezeigt:
  • unklare psychiatrische Differenzialdiagnostik,

  • schwere Symptomatik,

  • Therapieresistenz,

  • Probleme bei der Pharmakotherapie und/oder in einer Psychotherapie,

  • Interaktionsprobleme im Rahmen der Kombinationstherapie von Antidepressiva mit anderen Medikamenten,

  • akute Selbst- und Fremdgefährdung,

  • psychotische Symptome oder depressiver Stupor,

  • Komorbidität einer depressiven Störung mit einer anderen schweren psychischen Störung sowie mit anderen schweren körperlichen Erkrankungen.

Eine Notfallindikation zur stationären psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung besteht insbesondere bei Vorliegen einer akuten suizidalen Gefährdung oder Fremdgefährdung mit fehlender oder eingeschränkter Absprachefähigkeit sowie deutlichen psychotischen Symptomen.

Eine Indikation zur psychiatrisch-psychotherapeutischen stationären Behandlung besteht meist auch bei der Gefahr der depressionsbedingten Isolation und anderen schwerwiegenden psychosozialen Faktoren, bei den Therapieerfolg massiv behindernden äußeren Lebensumständen (z. B. Indikation aufgrund gewünschter Milieuänderung), bei Therapieresistenz gegenüber ambulanten Therapien und bei der starken Gefahr einer (weiteren) Chronifizierung sowie bei so schweren Krankheitsbildern, dass die ambulanten Therapiemöglichkeiten nicht ausreichen. Soll in derartigen Fällen vorrangig eine Psychotherapie angeboten werden, kann auch eine Indikation zur psychosomatisch-psychotherapeutischen stationären Behandlung bestehen.

Eine Überweisung zu psychologischen Psychotherapeuten und Fachärzten für psychosomatische Medizin und Psychotherapie, die im Allgemeinen Richtlinien-Psychotherapie anbieten, wird umgekehrt insbesondere empfohlen:
  • zur psychotherapeutischen Mitbehandlung bei schwerer Symptomatik im Rahmen einer Kombinationstherapie,

  • bei psychotherapeutisch zugänglicher Therapieresistenz,

  • bei Komorbidität einer depressiven Störung mit einer anderen schweren psychischen Störung zur psychotherapeutischen (Mit-)Behandlung,

  • bei Problemen in einer Psychotherapie,

  • bei einer psychotherapeutischen Behandlung bei Komorbidität von Depression und chronischen körperlichen Erkrankungen.

Bisherige Rezeption der Leitlinie

Die S3-/Nationale Versorgungsleitlinie Unipolare Depression hat seit ihrer Publikation ein großes Echo in verschiedenen Veröffentlichungen gefunden. Aus Sicht der ambulanten psychiatrisch-nervenärztlichen Versorgung begrüßt z. B. Mönter, für den Berufsverband der Deutschen Nervenärzte (BVDN) Mitglied in der Konsensgruppe, dass mit der S3-/NVL ein wichtiger Schritt gemacht worden sei, „die langjährig breit im therapeutischen Denken wie im Versorgungsalltag etablierte Dichotomie (oder sogar Frontstellung) von Psychopharmakotherapie vs. Psychotherapie aufzuheben“: Pharmakotherapie bedürfe immer auch eines „psychotherapeutisch geprägten Verständnisses der Behandlungssituation [63]. Mönter sieht allerdings als kritisch an, dass die Leitlinie aufgrund eines bestehenden Methodendissenses in der Konsensgruppe über die Bedeutung von RCT gegenüber naturalistischen Studien keine Empfehlungen für spezifische Psychotherapieverfahren enthält, sondern die Empfehlungen hier allgemein gehalten von „Psychotherapie“ sprechen.

Die Bundespsychotherapeutenkammer streicht in ihrem Spezial zu dieser Leitlinie [63] heraus, dass die Leitlinie einen wesentlichen Beitrag auch als Informationsbasis für Patienten bezüglich evidenzbasierter Behandlungsmethoden darstelle und die Leitlinie in der Versorgung breit disseminiert werden solle. Die BPtK weist hierbei auf aktuelle Versorgungsdaten hin, die belegen, dass es ein relevantes Ausmaß an Unter- und Fehlversorgung gibt und die Aspekte Chronizität und Schweregrad bei den Behandlungsentscheidungen bislang eine zu geringe Rolle spielen.

Schauenburg und seine ebenfalls an der Konsensrunde beteiligten tiefenpsychologisch orientierten Mitautoren betonen in einem Beitrag, dass durch die Leitlinie die Relevanz der Psychotherapie in der Versorgung depressiver Störungen nochmals gestärkt worden sei [64]. Umgekehrt kritisieren sie die zu den entsprechenden und von ihnen begrüßten Empfehlungen führende Evidenz als zu einseitig an randomisiert-kontrollierten Studien ausgerichtet. Damit wird eine Diskussion wiederbelebt, die die Konsensussitzungen zur Leitlinie über Jahre geprägt hat und insbesondere mit dem Umstand zusammenhängt, dass für einige psychotherapeutische Verfahren (speziell die Langzeitpsychoanalyse) bislang keine kontrollierte Evidenz und damit keine Datenbasis über die vergleichende Wirksamkeit gegenüber anderen, erwiesenermaßen wirksamen Psychotherapieverfahren (wie kognitiv-behaviorale Therapie [KVT] oder interpersonelle Therapie [IPT]) vorliegt, sondern nahezu ausschließlich Evidenz aus naturalistischen Studien an diagnosegemischten Patientenpopulationen. Darüber hinaus hinterfragen Schauenburg und Mitautoren den Wirksamkeitsnachweis für eine Pharmakotherapie mit Antidepressiva unter Verweis auf die Placeboresponse sowie einen „publication bias“ so weitgehend, dass ihre Darstellung kommentiert wurde [65].

Matzat begrüßt aus Sicht der Selbsthilfeorganisationen die Leitlinie vor allem die strikte Betonung der partizipativen Entscheidungsfindung von Patient und Behandler über die Therapiemaßnahmen sowie die starke Empfehlung an depressiv Erkrankte, über die spezifische professionelle Behandlung hinaus an Selbsthilfegruppen teilzunehmen [66].

Ausblick

Leitlinien unterliegen einer dynamischen Entwicklung innerhalb und außerhalb der sie erstellenden Arbeitsgruppen und bedürfen der fortlaufenden Aktualisierung aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse. Nach ihrer Veröffentlichung hat diese Leitlinie eine Gültigkeit von 4 Jahren. Schon jetzt wurden von der Steuergruppe der Leitlinie verschiedene Themenbereiche genannt, die nach Möglichkeit schon vor Ablauf der Gültigkeitsdauer prioritär bearbeitet werden sollen. Hierzu gehören die Themen „Gender und geschlechtsspezifische Aspekte“, „Schwangerschaft und Stillzeit“, „Migrationshintergrund“ sowie „unipolare Depressionen bei Kindern und Jugendlichen“. Darüber hinaus ist bezüglich der psychotherapeutischen Verfahren die Prüfung der Evidenzlage bei der systemischen Therapie geplant. Aus den Empfehlungen dieser Leitlinie wurden erste mögliche versorgungs- und praxisrelevante Qualitätsindikatoren zur Qualitätssicherung formuliert. Diese sowie der Nutzen einer Implementierung der Leitlinie sollten in Modellprojekten unter ambulanten und stationären Praxisbedingungen wissenschaftlich evaluiert werden. Ein erster Versuch hierzu startet ab 2011 im Rahmen der Überprüfung eines „Stepped-care-Modells für depressive Erkrankungen“ als Teil der BMBF-geförderten Gesundheitsregion der Zukunft „Gesundheitsmetropole Hamburg – Netzwerk Psychische Gesundheit“ (http://www.gwhh.de).

Fazit für die Praxis

Leitlinien sind als leitende Handlungsempfehlungen anwendbar, von denen in begründeten Fällen abgewichen werden kann und mitunter sogar muss. Letztlich sollen im konkreten Einzelfall im Sinn einer partizipativen Entscheidungsfindung sowohl ärztliche und therapeutische als auch patientenrelevante Faktoren wie Wissen, Präferenzen sowie soziokulturelle Aspekte bei Diagnose- und Therapieentscheidungen berücksichtigt werden. Leitlinien dürfen aufgrund der häufig diskutierten Probleme und Kritikpunkte – z. B. fehlende Akzeptanz bei den Akteuren in der Versorgung oder Einschränkung in der „Therapiefreiheit“ (z. B. [67]) – nicht als Richtlinien für therapeutisches Handeln mit gesundheitspolitischen und juristischen Konsequenzen (miss-)verstanden werden.

Die Leitlinie Unipolare Depression stellt das überaus positive Ergebnis eines von den relevanten Akteuren in der Behandlung getragenen, ausgewogenen Entscheidungsprozesses hinsichtlich der Inhalte und Bewertung der aktuellen Evidenzlage bei depressiven Erkrankungen dar. Nun ist es Aufgabe der individuellen Akteure und der beteiligten Organisationen, die Leitlinie mit ihren Empfehlungen rasch in der Versorgung zu verankern. Es ist zu hoffen, dass sich durch eine breite Implementierung der Leitlinie die Versorgung depressiver Patienten in Richtung einer früheren Erkennung, Übermittlung in eine fachgerechte Behandlung und einer höheren Wirksamkeit therapeutischer Maßnahmen weiter verbessern wird.

Interessenkonflikt

Der korrespondierende Autor weist auf folgende Beziehungen hin: Alle Autoren haben zu der sie entsendenden Fachgesellschaft oder sonstigen Organisation, deren Interessen vom Beitragsinhalt positiv oder negativ betroffen sein könnten, finanzielle und/oder ideelle Beziehungen. Es ist gerade das Anliegen des Verfahrens zur Erstellung einer NVL, mögliche Interessenskonflikte nicht nur transparent zu machen, sondern durch die heterogene Zusammensetzung der Steuergruppe zu neutralisieren. Aus diesem Grund haben die Autoren nur solche möglichen Interessenskonflikte angegeben, die über die Beziehungen zu der sie entsendenden Organisation hinausgehen könnten: Tom Bschor hat Vortragshonorare der Firmen Lilly, Esparma, Sanofi Aventis, Boehringer-Ingelheim und GSK und eine Kongressreiseunterstützung der Firma Lilly erhalten. Martin Härter hat 2008 Vortragshonorare der Firmen Lilly und Boehringer-Ingelheim erhalten. Henning Schauenburg hat einmalig ein Vortragshonorar der Firma Wyeth erhalten. Alle übrigen Autoren machen keinen Interessenskonflikt geltend.

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