Der Nervenarzt

, 82:695

Neuromuskuläre Erkrankungen

Authors

    • Friedrich-Baur Institut, Neurologische Klinik Interdisziplinäres Zentrum für Neuromuskuläre ErkrankungenKlinikum der Universität München
  • S. Zierz
    • Neurologische Universitätsklinik
Einführung zum Thema

DOI: 10.1007/s00115-010-3038-0

Cite this article as:
Schoser, B. & Zierz, S. Nervenarzt (2011) 82: 695. doi:10.1007/s00115-010-3038-0
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Neuromuscular diseases

Warum ein Themenheft zu neuromuskulären Erkrankungen in Der Nervenarzt?

Das periphere Nervensystem und die neuromuskulären Erkrankungen sind „orphan diseases“ der Neurologie geworden. Trotz vielfältiger klinischer, wissenschaftlicher und v. a. therapeutischer Fortschritte finden auf den großen neurologischen Kongressen Erkrankungen peripherer Nerven und der Muskulatur kaum Beachtung. Ebenso ist auch der Bereich der Motoneuronerkrankungen an vielen Universitäten unterrepräsentiert. Dieses Themenheft soll Ihnen den aktuellen Stand zu Diagnose und Therapie einiger wichtiger neuromuskulärer Erkrankungen zusammenfassen und Ihr Interesse wecken, sich wieder mit diesen immer erfolgreicher behandelbaren Erkrankungen auseinanderzusetzen.

Die Identifizierung der genetischen Grundlage einer zunehmenden Zahl neuromuskulärer Erkrankung hat das Verständnis und die Klassifikation dieser Gruppe von Erkrankungen in den letzten Jahren deutlich erweitert und verändert. Die Auswahl der vorliegenden Beiträge soll jedoch keine Kurzdarstellung der einzelnen neuromuskulären Erkrankungen sein, sondern soll sich vielmehr auf solche Erkrankungen richten, bei denen die Fortschritte im Verständnis der molekularen Grundlage auch zu einem erweiterten Verständnis der klinischen Phänotypen geführt haben.

Die Identifizierung der genetischen Grundlagen veränderte das Krankheitsverständnis

Petri u. Meyer beschreiben in ihrer Darstellung die sich diversifizierende Gruppe der neurodegenerativen Motoneuronerkrankungen. Schwerpunkt sind neu gewonnene pathogenetische Erkenntnisse aus molekularbiologischen Untersuchungen der hereditären Formen. Intraneuronale Proteininklusionen und Aggregatakkumulation stellen das zurzeit ordnende neuropathologische Korrelat dar. Pathogenetisch ursächlich sind hierfür wiederum u. a. Veränderungen in transkriptionsassoziierten DNA/RNA-Bindungsproteinen, die zu Störungen der RNA-Regulation beitragen. Die Aufklärung übereinstimmender Abschnitte der neuronalen Schädigungskaskade ist ein wesentlicher Ansatz zur Entwicklung einer molekulargenetisch-definierten Therapiestrategie sowohl bei der amyotrophen Lateralsklerose (ALS) als auch bei hereditären und sporadischen Vorderhornerkrankungen.

Obgleich die Myasthenia gravis und das Lambert-Eaton-Rooke-Syndrom die häufigsten Krankheitsbilder aus der Gruppe von Erkrankungen aufgrund einer defekten neuromuskulären Übertragung darstellen, gibt es eine Vielzahl genetisch determinierter Störungen der neuromuskulären Transmission, die teilweise ähnliche Phänotypen aufweisen, dabei jedoch im Unterschied zu den immunogen vermittelten Erkrankungen auf genetisch determinierten Veränderungen der Rezeptorkanäle der postsynaptischen Membranen beruhen. Zusätzlich wird auf neue Aspekte zur doppelseronegativen Myasthenia gravis eingegangen. Dies wird in dem Beitrag von Abicht et al. dargestellt.

Eine der häufigsten Muskelerkrankungen im Erwachsenenalter ist die fazioskapulohumerale Muskeldystrophie (FSHD). Interessanterweise beruht diese Erkrankung nicht auf der Mutation eines spezifischen Genprodukts, sondern auf einer Veränderung regulatorischer nichtkodierender DNA-Abschnitte. In dem Beitrag von Jordan u. Müller-Reible werden die komplexen molekulargenetischen Grundlagen erörtert. Die Möglichkeit einer genetischen Diagnostik bei der FSHD führte weiterhin zu einem deutlich erweiterten Verständnis des klinischen Phänotyps dieser Erkrankung.

Obgleich den neuromuskulären Erkrankungen in der Vergangenheit der Nimbus einer Unbehandelbarkeit anhing, gibt es nicht nur bei den autoimmunvermittelten Myopathien, sondern selbst bei den progressiven Muskeldystrophien sinnvolle medikamentöse und z. T. auch molekulare Therapiemöglichkeiten. Dies wird in praxisrelevanter Weise in dem Beitrag von Schmidt u. Vorgerd übersichtlich zusammengefasst. Wir hoffen, Ihnen mit der Auswahl dieser Themen einen Eindruck von der interessanten Komplexität und Vielfalt neuromuskulärer Erkrankungen vermitteln zu können.

Wie geht es weiter?

Als zielführend werden die Translation der molekularen Pathogenese in moderne Therapieansätze wie z. B. für die Enzymersatztherapie bei metabolischen Erkrankungen oder die „Exon-skipping“-Studie bei Duchenne-Muskeldystrophie anzusehen sein [1, 2, 3]. Vielfältige Strategien zur „trial readiness“ liegen u. a. in der Etablierung neuer nationaler und internationaler Netzwerkstrukturen, in Patientenregistern, der Etablierung von Studienzentren sowie der Einbeziehung spezialisierter Selbsthilfegruppen. Dieses strategisch sinnvolle Konzept konnte schon für die Muskeldystrophien (www.md-net.de) und die mitochondrialen Erkrankungen (www.mitonet.de) erfolgreich in den letzten Jahren umgesetzt werden.

Die Translation der Molekularpathogenese in Therapieansätze ist ein wesentliches Ziel

Die fortlaufende Erforschung der Molekularpathogenese wird vielfältige therapeutische Wege für Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen eröffnen. Es lohnt sich also für junge wissenschaftlich engagierte Neurologen, Zeit, Lust und Freude in die Auseinandersetzung mit neuromuskulären Erkrankungen zu investieren.

Prof. Dr. Benedikt Schoser

Prof. Dr. Stephan Zierz

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