Der Nervenarzt

, Volume 77, Issue 10, pp 1204–1209

Prospektive Erfassung der direkten und indirekten Kosten des idiopathischen Parkinson-Syndroms

Authors

  • I. Dengler
    • Europa Fachhochschule Fresenius (EFF)
  • N. Leukel
    • Europa Fachhochschule Fresenius (EFF)
  • T. Meuser
    • Europa Fachhochschule Fresenius (EFF)
    • Fachbereich NeurologieDeutsche Klinik für Diagnostik (DKD)
Originalien

DOI: 10.1007/s00115-006-2150-7

Cite this article as:
Dengler, I., Leukel, N., Meuser, T. et al. Nervenarzt (2006) 77: 1204. doi:10.1007/s00115-006-2150-7

Zusammenfassung

Das idiopathische Parkinson-Syndrom ist eine chronisch progrediente, neurodegenerative Erkrankung, welche derzeit nicht geheilt werden kann. Die Erkrankung besteht bei den meisten Patienten über viele Jahre und führt häufig zu schwerer körperlicher Beeinträchtigung. Die Kosten der Therapie sind erheblich und basieren größtenteils auf Schätzungen und retrospektiven Untersuchungen. Um bessere Daten zu erhalten, führten wir eine gesundheitsökonomische Studie über 3 Jahre durch. Bei 117 Patienten (78 männlich, durchschnittlich 67,5 Jahre) der Deutschen Klinik für Diagnostik in Wiesbaden wurden prospektiv die direkten und indirekten Kosten erfasst. Die durchschnittlichen Gesamtkosten pro Patient und Monat betrugen 1007,55 €. Davon entfielen 603,33 € auf die direkten Kosten (55,9%), wovon die Medikamentenkosten wiederum den Großteil mit 480,23 € darstellten. Die indirekten Kosten beliefen sich auf 404,22 € pro Patient und Monat, wovon 76% durch den Erwerbsausfall und die Pflegekosten verursacht waren. Die Kosten stiegen mit dem Hoehn-und-Yahr-Stadium und nahmen in den Stadien 4 und 5 wieder ab. Die erhobenen Daten bestätigen, dass das Parkinson-Syndrom erhebliche Kosten sowohl für die Kostenträger, als auch für die gesamte Volkswirtschaft verursacht.

Schlüsselwörter

Idiopathisches Parkinson-SyndromDirekte KostenIndirekte KostenGesundheitsökonomische StudieHoehn-und-Yahr-Stadium

Prospective study of the direct and indirect costs of idiopathic Parkinson’s disease

Summary

Idiopathic Parkinson’s disease is a chronic progressive neurodegenerative disorder that remains refractory to curative treatment. Most patients are afflicted for many years, and the disease frequently results in severe physical handicap. Statements on the considerable cost of treatment are largely based on estimates and retrospective studies. To obtain more substantial data, we conducted a 3-year study of the economic aspects. Direct and indirect costs incurred by 117 patients (78 male, mean age 67.5 years) at the Deutsche Klinik für Diagnostik in Wiesbaden, Germany, were prospectively followed. The average cost per patient and month ran to € 1007.55. Of that, direct costs amounted to € 603.33 (55.9%), with drugs taking up the major share at € 480.23. Indirect costs were € 404.22 per patient and month, with 76% thereof related to nursing care and the incapacity to earn a living. Cost increased in proportion to Hoehn and Yahr stage, declining again with stages 4 and 5. The data we gathered confirm that Parkinsonism is responsible for sizeable expenses for not only the treating unit but the national economy as a whole.

Keywords

Idiopathic Parkinson’s diseaseDirect and indirect costsHealth economics study Hoehn and Yahr stage

Wachsende Kosten und knapper werdende Budgets im Gesundheitswesen zwingen zum Abwägen zwischen Kosten und Nutzen in der medizinischen Versorgung. Die Gesundheitsökonomie gibt Ansätze zur Analyse, Beurteilung und Lösung wirtschaftlicher Fragen im Gesundheitswesen [11]. Patientennutzen einerseits sowie medizinische Risiken und Kosten andererseits werden in einem bestimmten Zeitraum erfasst und aus medizinischer und ökonomischer Sicht bewertet. Die ökonomische Evaluation medizinischer Alternativen soll Entscheidungsträgern eine Entscheidungshilfe über eine wirtschaftliche Verwendung bieten [6, 9].

Patienten und Methodik

Ziel der Studie war die Erfassung direkter und indirekter Kosten. Aufgenommen wurden Patienten, die sich im Zeitraum August 2001 bis April 2004 zur ambulanten oder teilstationären Behandlung an der Deutschen Klinik für Diagnostik, Wiesbaden (DKD) vorstellten und bereit waren, sich über 3 Jahre regelmäßig befragen zu lassen und die Kosten zu erfassen. An der Studie nahmen 148 Patienten teil; die Daten von 117 Patienten konnten ausgewertet werden. Davon waren 66,67% männlich (n=78). Das Durchschnittsalter lag insgesamt bei 67,5 Jahren (Tab. 1).
Tab. 1

Altersstruktur der erfassten Parkinson-Patienten

H&Y

Männer

Frauen

Gesamt

[n]

MW

Min

Max

n

MW

Min

Max

n

MW

Min

Max

1

4

56,80

35,00

68,00

6

60,00

35,00

85,00

10

58,70

35,00

85,00

1,5

4

64,00

43,00

82,00

2

63,50

53,00

74,00

6

63,80

43,00

82,00

2

31

64,10

43,00

76,00

9

64,00

56,00

74,00

40

64,10

43,00

76,00

2,5

5

66,40

57,00

73,00

2

68,50

55,00

82,00

7

67,00

55,00

82,00

3

25

71,00

54,00

88,00

11

73,40

64,00

82,00

36

71,10

54,00

88,00

4

8

71,40

66,00

76,00

9

72,30

65,00

83,00

17

71,90

65,00

83,00

5

1

82,00

82,00

82,00

0

0,00

0,00

0,00

1

82,00

82,00

82,00

Gesamt

78

67,25

44,50

85,00

39

68,05

49,50

84,00

117

67,50

44,50

86,50

H&Y Hoehn-und-Yahr-Stadium, MW Mittelwert, Min Minimum, Max Maximum.

Die Daten der Studie wurden durch eine persönliche Befragung der Patienten während ihrer Besuche in der Deutschen Klinik für Diagnostik anhand zweier vorher standardisierter Fragebögen erhoben. Die Patientenkontakte während der Studiendauer variierten in ihrer Häufigkeit zwischen 2 und 4 Besuchen. Anschließend wurden die Daten sowohl mit der Patientenakte als auch dem behandelnden Arzt überprüft und abgeglichen. Beide Fragebögen enthielten Stammdaten der Patienten mit Geburtsdatum, Hoehn-und-Yahr (H&Y)-Stadium, UPDRS, Beginn der Studienaufnahme und Krankenkassenzugehörigkeit (private oder gesetzliche Krankenkasse).

Der Fragebogen zu den direkten Kosten enthielt die Komponenten Medikamente, Heilmittel, Hilfsmittel, stationäre Aufenthalte, ärztliche Behandlung und Beratung sowie außerordentliche Untersuchungen. Die indirekten Kosten umfassten die Erwerbsausfallkosten (inkl. Frührente), Pflegekosten, Fahrtkosten, Wohnungsumbaukosten sowie sonstige Kosten.

Alle Medikamente, die mit der Parkinson-Erkrankung in Verbindung gebracht werden konnten, wurden anhand der Preise in dem in Deutschland allgemeingültigen Medikamentenverzeichnis, der sog. „Roten Liste“ (Stand: 01/2002) bewertet [1]. Art und Dosierung der Medikamente wurde durch die Befragung der Patienten oder über den behandelnden Arzt in Erfahrung gebracht. Bei der Bewertung wurde versucht, die monatlichen exakten Medikamentenkosten zu ermitteln (kaufmännische Rechnung 30 Tage). Aufgrund gleichzeitiger Auf- und Abdosierungen von verschiedenen Medikamenten über mehrere Wochen war dies nicht immer möglich, so dass in diesen Fällen Durchschnittswerte in die Berechnung eingingen. Des Weiteren wurden auch Medikamentenvorräte berücksichtigt, wodurch die Kosten für eine neue Packung erst nach dem Verbrauch der Vorräte in die Bewertung eingingen.

Die Kosten für die Heilmittel wie Physiotherapie wurden direkt bei den entsprechenden Leistungserbringern für jeden Patienten individuell erfragt. Konnte der individuelle Behandlungssatz nicht in Erfahrung gebracht werden, wurde diese Leistung anhand der deutschen Gebührenwerke des Gesundheitswesens (GOÄ, EBM) bewertet. Die Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ Stand: 01/2002) für privat versicherte Personen und der Einheitliche Bewertungsmaßstab (EBM Stand: 10/2001) für gesetzlich versicherte Personen sind zwei Kataloge mit einer Kostengewichtung aller ärztlichen und technischen Leistungen. Ebenso wurden die Höhe der Kosten für ärztliche Leistungen und außerordentliche Untersuchungen wie MRT oder CT aus diesen Gebührenwerken entnommen.

Die von den Patienten in Anspruch genommenen Hilfsmittel (z. B. Seh- oder Gehhilfen) wurden mit den Anschaffungspreisen bewertet.

Die Kosten für Parkinson-bedingte stationäre Aufenthalte richteten sich nach den Basis- und Abteilungspflegesätzen der jeweiligen Einrichtungen zu dem Zeitpunkt, an denen der Eingriff vorgenommen wurde.

Bei der Feststellung der Erwerbsausfallkosten, die durch die Parkinson-Erkrankung entstehen, bildet der Human-Kapital-Ansatz den Ausgangspunkt. Dieser Ansatz geht im Wesentlichen davon aus, dass jeder Mensch durch seine Erwerbstätigkeit einen Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt (BIP), das Maß für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft, leistet. Dies hat zur Folge, dass lediglich krankheitsbedingte Fehlzeiten am Arbeitsplatz berücksichtigt wurden, nicht jedoch der Produktivitätsverlust bei unentgeltlichen Arbeiten (Hausarbeit, ehrenamtliche Tätigkeiten). Zur Ermittlung der krankheitsbedingten Fehlzeiten bildete der Bruttolohn des jeweiligen Patienten zuzüglich des Arbeitgeberanteils zur Sozialversicherung in Höhe von 21,45% den Ausgangspunkt der Berechnung. Zur Berücksichtigung der durch den vorzeitigen Ausstieg aus dem Erwerbsleben anfallenden volkswirtschaftlichen Kosten wurde die Gruppe der Frührentner in der Studie aufgenommen. Hierbei richtet sich die Höhe des Produktivitätsverlusts nach der Höhe der Frührente des jeweiligen Patienten.

Bei der Ermittlung der Pflegekosten wurden alle Ressourcenverbräuche der Parkinson-Patienten berücksichtigt, die im alltäglichen Leben hilfsbedürftig waren. Dabei wurden sowohl die tatsächlichen Kosten für die entgeltliche Pflege als auch die fiktiven Kosten für unentgeltliche Pflegekosten aus dem familiären Umfeld erfasst. Da sich diese Pflegekosten nicht unmittelbar mit der Behandlung in Verbindung bringen lassen, wurde die Einstufung der Pflegekosten hier zu den indirekten Kosten erforderlich. Bewertet wurden die Kosten für die entgeltliche Pflege mit den Pflegesätzen des Sozialgesetzbuches (SGB XI § 35f.), die nach dem Schweregrad der Pflegebedürftigkeit unterschieden werden. Zusätzlich wurde eine Pflegestufe 0 gebildet, um auch Pflegeaufwendungen abdecken zu können, die unter einem Zeitbedarf von 90 min lagen. Bewertet wurde der Ressourcenverbrauch der Pflegestufe 0 mit einem Minutensatz in Höhe von 0,08 € (Pflegegeldsatz der 1. Stufe/90 min/30 Tage). Die Pflegesätze umfassen sowohl Geld- als auch Sachleistungen. Die unentgeltliche Pflege wurde hier nach dem von den Pflegenden abgeschätzten Zeitaufwand ebenso bewertet.

Die Kosten für krankheitsbedingte Fahrten (Fahrten zu Arztbesuchen oder zur Krankengymnastik etc.) wurden in Abhängigkeit von dem benutzten Transportmittel veranschlagt. Bei Transporten mit einem PKW wurde eine Kilometerpauschale von 0,30 € herangezogen. Im Falle der Nutzung von öffentlichen Nahverkehrsmitteln oder Taxen wurden die Preisangaben der Patienten berücksichtigt.

Im Rahmen der Kostenermittlung für Wohnungsumbaumaßnahmen wurden kleinere und größere bauliche Maßnahmen in Wohnungen oder Häusern beachtet. Darüber hinaus wurden auch Umzüge in die Auswertung aufgenommen, sofern diese durch das Parkinson-Syndrom bedingt waren.

Bei den sonstigen Kosten wurden Aufwendungen wie Beiträge für Selbsthilfegruppen und für Vereine für Parkinson-Patienten oder Kosten für Vitaminpräparate etc. berücksichtigt.

Ergebnisse

Gesamtkosten

Die in dieser Studie ermittelten Gesamtkosten belaufen sich auf durchschnittlich 1007,55 € pro Patient und Monat, d. h. im Jahr 12.090,60 €. Diese durchschnittlichen Kosten setzen sich zu 55,9% aus direkten Kosten und zu 40,1% aus indirekten Kosten zusammen. Den weitaus größten Anteil haben hier an den Gesamtkosten die Medikamentenkosten mit 47,7% und die Erwerbsausfallkosten mit 16,1%.

Direkte Kosten

Die Medikamentenkosten der 117 Parkinson-Patienten lagen insgesamt bei durchschnittlich 480,23 € pro Patient und Monat. Aufgeteilt auf die einzelnen H&Y-Stadien ergab sich ein monatlicher Durchschnittswert für die 16 Patienten in H&Y I von 387,92 €, für die 47 Patienten in H&Y II von 500,84 €, für die 36 Patienten in H&Y III von 573,50 €, für die 17 Patienten in H&Y IV von 529,44 € und für einen Patienten in H&Y V von 534,94 € (Tab. 2).
Tab. 2

Absolute Verteilung der direkten Gesamtkosten pro Patient und Monat in den einzelnen Hoehn-und-Yahr-Stadien

 

H&Y 1

H&Y 2

H&Y 3

H&Y 4

H&Y 5

H&Y 1–5

Medikamente

387,92 €

500,84 €

573,50 €

529,44 €

534,94 €

480,23 €

Heilmittel

42,06 €

37,59 €

64,33 €

72,54 €

91,49 €

58,35 €

Hilfsmittel

2,24 €

1,28 €

23,15 €

25,19 €

7,95 €

Behandlungskosten

11,23 €

10,72 €

16,46 €

12,27 €

8,31 €

11,56 €

Außerordentliche Kosten

55,09 €

13,41 €

11,44 €

12,97 €

17,10 €

26,96 €

Stationäre Kosten

18,10 €

1,74 €

97,22 €

18,27 €

Direkte Kosten

516,64 €

563,84 €

690,62 €

749,63 €

651,83 €

603,33 €

H&Y Hoehn-und-Yahr-Stadium.

Durch die Inanspruchnahme von Heilmitteln wie Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Massagen und Wassergymnastik ergaben sich hierfür durchschnittlich 58,35 € pro Patient und Monat. Für außerordentliche Untersuchungen fielen im Betrachtungszeitraum insgesamt 26,96 € pro Patient und Monat an. Die Kosten für ärztliche Behandlung und Beratung betrugen 11,56 € und für Hilfsmittel 7,95 €. Die Kosten für stationäre Aufenthalte beliefen sich auf 18,27 € pro Patient und Monat (Tab. 2).

Vergleicht man die einzelnen Kostenvolumen zeigt sich, dass der prozentuale Anteil der Medikamente an den direkten Gesamtkosten mit 80% der größte ist (Abb. 1).
Abb. 1

Prozentuale Verteilung der gesamten direkten Kosten

Indirekte Kosten

Bei 102 der 117 Parkinson-Patienten fielen indirekte Kosten, d. h. der aus volkswirtschaftlicher Sicht anfallende Ressourcenverbrauch, an.

Die Ergebnisse zu den indirekten Kosten setzen sich wie folgt zusammen:

Die Kosten für den Erwerbsausfall (inkl. Frührente) für die 117 Parkinson-Patienten betrugen durchschnittlich pro Patient und Monat 162,18 €. Die Kosten für die Pflegeaufwendungen beliefen sich auf 145,96 € pro Patient und Monat.

Das meistgenutzte Transportmittel der betrachteten Patienten stellte der Pkw dar (91 Patienten). Zehn Patienten nutzten öffentliche Verkehrsmittel und weitere 10 Patienten das Taxi. Lediglich 4 Patienten gingen zu Fuß. Hieraus ergaben sich Fahrtkosten in Höhe von 25,44 € pro Patient und Monat.

Die Kosten für Wohnungsumbauten und Umzüge belaufen sich auf 58,45 € pro Patient und Monat und die für die sonstigen anfallenden Aufwendungen wie z. B. Beiträge für Parkinson-Vereine etc. 12,19 € pro Patient und Monat (Tab. 3). Bei Betrachtung des Verhältnisses zwischen den einzelnen Kostenkomponenten der indirekten Kosten wird ersichtlich, dass mit 40,1% der Erwebsausfall den größten Teil der indirekten Kosten bilden (Abb. 2).
Abb. 2

Prozentuale Verteilung der gesamten indirekten Kosten

Tab. 3

Absolute Verteilung der indirekten Gesamtkosten pro Patient und Monat in den einzelnen Hoehn & Yahr-Stadien

 

H&Y 1

H&Y 2

H&Y 3

H&Y 4

H&Y 5

H&Y 1–5

Erwerbsausfall

407,54 €

115,32 €

82,60 €

8,07 €

162,18 €

Pflegekosten

0,54 €

15,30 €

63,01 €

322,82 €

605,00 €

145,96 €

Fahrtkosten

16,74 €

26,95 €

27,84 €

21,93 €

21,00 €

25,44 €

Sonstige Kosten

11,12 €

4,06 €

5,95 €

45,21 €

12,19 €

Wohnungsumbau

0,00 €

240,52 €

20,84 €

105,69 €

58,45 €

Indirekte Kosten

435,93 €

402,14 €

200,22 €

503,71 €

626,00 €

404,22 €

H&Y Hoehn-und-Yahr-Stadium.

Diskussion

Durch die gleichzeitige Berücksichtigung finanzieller und medizinischer Aspekte können sowohl die Lebensqualität vieler Patienten langfristig verbessert als auch die Kosten durch den Erhalt der Selbstständigkeit der Patienten gesenkt werden. Frühberentung und Pflege werden verzögert [13]. Folglich wird es im Rahmen ökonomischer Evaluationen im Gesundheitswesen immer wichtiger, Therapiemaßnahmen ökonomisch zu bewerten, um durch die wirtschaftliche Handhabung langfristig und flächendeckend die bestmögliche Versorgung der Patienten zu gewährleisten [8]. In Europa wurde die Prävalenz an Parkinson zu erkranken auf 1,6% einer Bevölkerung eingeschätzt. Dabei steigt die Rate bei über 80-Jährigen auf 3,5–3,6% an [4]. In der Prävalenz gibt es zwischen den Geschlechtern und Ländern keine Unterschiede [7].

Direkte Kosten

Bei Betrachtung der Ergebnisse der direkten Kosten wird ersichtlich, dass die Medikamentenkosten eine Steigerung von H&Y I (387,92 €) auf H&Y III (573,50 €) aufweisen. Diese Entwicklung untermauert die Vermutung, dass mit fortschreitendem Krankheitsstadium und der damit einhergehenden Intensivierung der Symptomatik die Notwendigkeit kostenintensiverer Therapien verbunden ist. Auch in anderen Studien wurde diese Entwicklung festgestellt [2, 3, 5, 14, 17].

In unserer Studie konnte dieser Trend für H&Y IV und V nicht bestätigt werden. Die Kosten gingen hier leicht zurück. Dies könnte im H&Y-Stadium IV vor allem durch den leichten Rückgang hochpreisiger Medikamente zugunsten L-Dopas erklärt werden. Im H&Y-Stadium V wurde nur ein Patient befragt, was die Aussage des Werts stark einschränkt. Ein Patient der Studie wurde mit einer Apomorphin-Pumpe behandelt.

Eine ähnliche Entwicklung wie bei den Medikamentenkosten zeigt sich bei den Heilmitteln (insbesondere bei der Physiotherapie). Mit deren Hilfe soll die Mobilität der Patienten verbessert werden bzw. erhalten bleiben. Die Kosten stiegen hier mit fortschreitendem Krankheitsstadium und der damit einhergehenden stärkeren Symptomatik von 42,06 € (H&Y I) auf 72,54 € (H&Y IV) an.

Die Hilfsmittel nahmen ebenfalls mit steigendem Krankheitsverlauf zu (von 2,24 € in H&Y I auf 25,19 € in H&Y IV). Besonders auffällig war hier der Anstieg der Kosten von H&Y II auf H&Y III (von 1,28 € auf 23,15 €). Dieses Resultat bestätigt, dass Patienten in den Frühstadien geringer betroffen sind und noch keine Gehilfen oder Sehhilfen etc. in Anspruch nehmen müssen.

Die Kosten für außerordentliche Untersuchungen (MRT, CT etc.) waren insbesondere in den ersten H&Y-Stadien hoch, da diese i. d. R. bei Erstuntersuchungen und zu Beginn der Erkrankung durchgeführt werden. Die Kosten sanken hier von 55,09 € in H&Y I auf 11,44 € in H&Y III. Allerdings kam es in H&Y IV (12,97 €) wieder zu einem Kostenanstieg, was durch notwendige Diagnostik bei Therapieproblemen bedingt sein könnte.

Erst ab H&Y III fielen Kosten für den stationären Aufenthalt an. Hier stiegen die Kosten von 1,74 € in H&Y III auf 97,22 € in H&Y IV. Einzige Ausnahme bildet ein Patient in H&Y I. Grundsätzlich ist für unsere Studie anzumerken, dass der Anteil stationär behandelter Patienten aufgrund der Struktur der Klinik sehr gering ist.

Die ärztlichen Leistungen, die die Behandlung und Betreuung der Patienten umfassen, zeigten nur einen geringfügigen Anstieg von H&Y I (11,23 €) auf H&Y III (16,46 €). Da die Patienten im späteren Krankheitsverlauf bereits überwiegend stabil eingestellt sind, sinken hier die Behandlungskosten von 12,27 € (H&Y IV) auf 8,31 € (H&Y V).

Ein Vergleich unserer Ergebnisse mit anderen Studien zu direkten Kosten ist problematisch aufgrund der unterschiedlichen Bewertungsmethoden in den nationalen Gesundheitssystemen und der unterschiedlichen Berücksichtigung der Faktoren, die die direkten Kosten bestimmen.

Im Jahr 1998 wurde in Großbritannien eine prospektive Studie mit 432 Patienten durchgeführt, bei der sich die gesamten direkten Kosten jährlich auf 9554,00 € beliefen [7]. Erfasst wurden dabei der Ressourcenverbrauch des Gesundheits- und Sozialsystems sowie direkte Ausgaben des Betroffenen oder Pflegender. Das H&Y-Stadium war auch hier für die Kosten ausschlaggebend: H&Y I 4.736,00 € (n=110), H&Y II 4886,00 € (n=89), H&Y III 857,00 € (n=120), H&Y IV 16.155,00 € (n=87), H&Y V 29.265,00 € (n=17).

In einer 3-monatigen Studie wurden bei 40 Patienten in Deutschland die direkten Kosten erhoben. Die direkten Kosten betrugen jährlich 7331,26 € pro Patient wobei 45% auf die Medikamente, 39% auf die stationären Aufenthalte, 8% auf andere medizinische Maßnahmen, 5% auf ambulante Besuche und 4% auf Physiotherapie entfielen [5].

Bei einer in Kanada durchgeführten Studie beliefen sich die monatlichen Medikamentenkosten auf 18,61 € pro Patient [10].

In North-Carolina wurden bei 109 Patienten 335,50 $ für die gesamten direkten Kosten kalkuliert [16].

In der 6-monatigen prospektiven deutschen Studie von Spottke et al. [15] werden durchschnittliche direkte medizinische Kosten pro Monat für die Gesetzliche Krankenversicherung von 1370,00 € angegeben. In diesen Kosten sind die Kosten für die Rehabilitation, Klinikaufenthalte, ambulante Behandlung, Heilmittel und ambulante Diagnostik enthalten. Die in dieser Studie extra aufgeführten Medikamentenkosten liegen durchschnittlich bei 1520,00 € im Monat.

Indirekte Kosten

Betrachtet man die Resultate der indirekten Kosten dieser Studie wird deutlich, dass der Erwerbsausfall (inkl. Frühberentung) mit fortschreitendem Krankheitsverlauf zurückging. Im H&Y-Stadium V fiel kein Erwerbsausfall an. In dieser Studie wurde nur ein Patient im Krankheitsstadium V erfasst. Die Kosten für den Erwerbsausfall betrugen im H&Y-Stadium I 407,54 € und im H&Y-Stadium IV nur noch 8,07 €. Dieses Ergebnis ist unter anderem damit begründet, dass es sich bei der Parkinson-Erkrankung um eine Alterserkrankung handelt, die somit vermehrt im Rentenalter auftritt. Dies wird auch durch das in dieser Studie ermittelte hohe Durchschnittsalter der Patienten von 67,5 Jahren bestätigt.

Die steigenden Pflegekosten ergeben sich durch die Zunahme und Intensivierung der Symptome im Laufe der Erkrankung. Während in H&Y I lediglich 0,54 € für den Pflegebedarf aufgewendet wurden, waren es für den Patienten in H&Y V bereits 605,00 €.

Die Fahrtkosten steigen mit fortschreitendem Krankheitsverlauf von 16,74 € in H&Y I auf 27,84 € in H&Y III. Ausnahme hiervon bildet das H&Y-Stadium IV (21,93 €). Dies kann wie bei den ärztlichen Leistungen durch die stabile Medikamenteneinstellung der Patienten und der damit geringeren Anzahl von Konsultationen erklärt werden.

Die Betrachtung der Wohnungsumbaukosten gestaltet sich etwas schwierig, da oft keine genaue Abgrenzung zwischen Parkinson-bedingten und altersbedingten Umbauten vorgenommen werden konnte. Zusätzlich waren nur wenige Patienten von den Umbaumaßnahmen betroffen.

Die sonstigen Kosten (Beiträge zu Parkinson-Selbsthilfegruppen etc.) sind vom Krankheitsverlauf unabhängig.

In der von Iskedijan und Einarson durchgeführten Studie wurden sowohl die Pflegekosten als auch der Erwerbsausfall nur abgeschätzt [10]. Dabei ergaben sich monatliche Pflegekosten von 39,36 € pro Patient und Monat und Erwerbsausfallkosten von 85,33 € pro Patient und Monat. Die Pflegekosten entsprechen dabei einem Anteil von 18% an denen in dieser Studie ermittelten Gesamtkosten.

In der bereits oben zitierten Studie von Spottke et al. wurden durchschnittliche indirekte medizinische Kosten pro Monat von 3180,00 € ermittelt. Darin sind u. a. die Kosten für den Arbeitsausfall enthalten [15].

Fazit

Ziel dieser Studie war die prospektive und verursachungsgerechte Erhebung der direkten und indirekten Kosten bei der Parkinson-Erkrankung. Ökonomische Studien bilden die Voraussetzung, sich für eine qualitativ hochwertige Behandlungsalternative mit dem sowohl betriebswirtschaftlichen als auch volkswirtschaftlich höheren Grenzertrag entscheiden zu können.

Nur durch prospektive Langzeitstudien wird der tatsächliche volkswirtschaftliche Effekt dieser Erkrankung deutlich. Ein Vergleich prospektiver Studien, die die Kosten der Parkinson-Erkrankung erheben, ist aufgrund unterschiedlicher Instrumente, Methodiken und Berechnungsverfahren und verschiedener nationaler Gesundheitssysteme sowie unterschiedlicher Patientencharakteristiken problematisch [12].

Trotzdem zeigt diese Studie wie auch die anderen Studien zu diesem Thema, dass die Erkrankung an Parkinson einen sehr hohen Verbrauch an gesellschaftlichen Ressourcen fordert [10, 15]. Dieser Ressourcenverbrauch steigt mit zunehmender Erkrankung. Wirtschaftliche Alternativen zu wählen bedeutet auch, in Zukunft den Parkinson-Patienten eine bestmögliche Versorgung gewährleisten zu können. „Wirtschaftlich“ heißt nicht unbedingt, die kostengünstigste Alternative zu wählen, da diese zwar zu kurzfristigen Einsparungen aber zu langfristig höheren Folgekosten führen kann wie beispielsweise beim Medikamentenverbrauch. Der Versuch günstigere Levodopa-Präparate zu verschreiben, bedeutet für die Patienten zum Teil erhebliche Einschränkungen in der Lebensqualität (Auftreten von Fluktuationen) und für die Volkswirtschaft höhere indirekte Kosten (Folgekosten). Insgesamt betrugen die Arzneimittelausgaben der GKV für Parkinson-Patienten 1998 157 Millionen € [13].

Danksagung

Diese Untersuchung wurde durch die Firma Orion, Hamburg finanziell unterstützt. Wir danken Florian Barth, Belinda Baum, Dr. Dirk Bremen, Dr. Wolfgang Fogel, Sascha Keller, Tobias Kessler sowie den vielen Patienten für die Unterstützung und den Beitrag von Daten.

Interessenkonflikt

Der korrespondierende Autor weist auf eine Verbindung mit folgender Firma hin: Orion, Hamburg. Trotz des möglichen Interessenkonfliktes ist der Beitrag unabhängig und produktneutral.

Copyright information

© Springer-Verlag 2006