Der Unfallchirurg

, Volume 110, Issue 6, pp 553–562

Epidemiologie und Perspektiven der Alterstraumatologie

Authors

    • Lohmann & Birkner Health Care Consulting GmbH
  • K. Haid
    • Lohmann & Birkner Health Care Consulting GmbH
  • U. Stöckle
    • Abteilung für UnfallchirurgieKlinikum rechts der Isar, Technische Universität München
  • M. Raschke
    • Klinik und Poliklinik für Unfall-, Hand- und WiederherstellungschirurgieUniversitätsklinikum Münster
CME - Weiterbildung • Zertifizierte Fortbildung

DOI: 10.1007/s00113-007-1286-7

Cite this article as:
Lohmann, R., Haid, K., Stöckle, U. et al. Unfallchirurg (2007) 110: 553. doi:10.1007/s00113-007-1286-7

Zusammenfassung

In den wichtigen Bereichen der Alterstraumatologie Humerusfrakturen, Handgelenksfrakturen und hüftgelenksnahe Frakturen werden die Patientenzahlen in den kommenden 40 Jahren stark anwachsen. Für die Zahl der wegen hüftgelenksnaher Frakturen zu versorgenden Patienten bedeutet dies bis 2050 voraussichtlich eine Steigerung um etwa 70%, bei den Fällen, in denen die Patienten älter sind als 80 Jahre, sogar um 150%. Nur unfallchirurgische Kliniken, die einen Schwerpunkt in der Alterstraumatologie setzen, ihr Personal schulen und Abläufe und Umgebungsbedingungen an die medizinisch und pflegerisch anspruchsvolle Patientenklientel anpassen, können auf diese Veränderungen optimal vorbereitet sein. Die postoperative Überleitung in die Weiterversorgung der Patienten spielt bei den oft multimorbiden Patienten, bei denen eine Fraktur die vollständige Pflegebedürftigkeit bedeuten kann, eine besondere Rolle. Der zu erwartenden Kostensteigerung in der Versorgung geriatrischer Patienten muss durch die Verknüpfung und Synergieausnutzung der verschiedenen Leistungsbereiche und durch verbesserte Osteoporose- und Sturzprophylaxe entgegengewirkt werden.

Schlüsselwörter

AlterstraumatologieEpidemiologieDRGPräventionRehabilitation

Epidemiology and perspectives in traumatology of the elderly

Abstract

Corresponding to the demographic development, fractures of the humerus, wrist, or hip will occur noticeably more often during the next four decades. The number of patients with hip fractures will increase to 170% of present-day numbers, and in the age group >80 years to 250%. Trauma surgical departments should train their staff as well as adapt their workflows and ambient conditions to this demanding clientele to be prepared for these changes. For the elderly, a fracture may lead to need for permanent home care, which is why postoperative transfer to ambulatory care is especially important. The expected cost progression in traumatology of the elderly may be moderated by the conjunction of inpatient and ambulatory care, the utilization of synergies among the different service types, and by implementation of prophylaxis for osteoporosis and falls.

Keywords

EpidemiologyDiagnosis related groupsPreventionTraumatology of the Elderly

Die Alterstraumatologie wird in den kommenden Jahren eine große Fallzahlsteigerung erfahren. Dies gilt insbesondere für die Zahl der wegen hüftgelenksnaher Frakturen zu versorgenden Patienten, deren Anzahl bis 2050 voraussichtlich um etwa 70% steigen wird, bei den Fällen, in denen die Patienten älter sind als 80 Jahre, sogar um 150%. Diese Patienten, die häufig mehrere behandlungsbedürftige Nebenerkrankungen haben, sind für die versorgenden Ärzte eine besondere Herausforderung. Die postoperative Überleitung in weiterführende Einrichtungen (ambulant – REHA – Geriatrie) spielt bei den oft multimorbiden Patienten eine besondere Rolle. Aber auch Krankenkassen und Fachgesellschaften werden sich auf diese Fallzahlsteigerungen vorbereiten und ihre Prozessabläufe darauf einstellen müssen. Nach Lektüre dieses Beitrags wird der Leser in der Lage sein einzuschätzen, welche Veränderungen in den verschiedenen Leistungsbereichen vonnöten sind, um bei gleichbleibend hoher Versorgungsqualität die zu erwartende Kostenexplosion in der Versorgung geriatrischer Patienten abzumildern.

Definition und Einteilung

Durch die fortschreitende Überalterung der Gesellschaft in Deutschland werden in den nächsten Jahrzehnten Erkrankungen, die üblicherweise erst im höheren Lebensalter auftreten, in der Häufigkeit stark zunehmen. Als Beispiele werden hier für die Unfallchirurgie die Entwicklungen von 3 der häufigsten Verletzungen des alten Menschen aufgeführt. Dies sind die
  • Frakturen des proximalen Endes des Humerus (ICD S42.2*),

  • Frakturen des Handgelenkes (ICD S62*) und die

  • hüftgelenksnahen Frakturen (ICD S72.0*, S72.1* und S72.2*)

Diese Fälle wurden nach dem Fallpauschalenkatalog 2005 vornehmlich in die folgenden Diagnosis Related Groups (DRGs) eingruppiert:
  • Humerusfrakturen: DRGs I75A und B und I13Z,

  • Handgelenksfrakturen: DRGs I74A und B sowie I31Z und I59Z,

  • hüftgelenksnahe Frakturen: DRGs I05Z, I47Z und I34Z.

Die Daten zu diesen DRGs liegen aus dem Erfassungsjahr 2005 vor und waren Grundlage der Entwicklung des DRG-Systems 2007 (Tab. 1).

Tab. 1

DRGs, in die Patienten mit den verschiedenen Frakturen 2005 eingruppiert wurden

Frakturgebiet

Bevorzugte DRGs 2005

DRG-Text

Humerusfraktur

I75*

Schwere Verletzungen von Schulter, Arm, Ellbogen, Knie, Bein und Sprunggelenk

I13Z

Komplexe Eingriffe an Humerus, Tibia, Fibula und Sprunggelenk

Handgelenksfrakturen

I74*

Verletzungen an Unterarm, Handgelenk, Hand oder Fuß

I31Z

Mehrere komplexe Eingriffe an Ellenbogengelenk und Unterarm

I59Z

Andere Eingriffe an Humerus, Tibia, Fibula und Sprunggelenk oder mäßig komplexe Eingriffe an Kniegelenk, Ellenbogengelenk und Unterarm

Hüftgelenksnahe Frakturen

I05Z

Anderer großer Gelenkersatz oder Revision oder Ersatz des Hüftgelenkes ohne komplizierende Diagnose, ohne Arthrodese, ohne komplexen Eingriff, mit äußerst schweren CC

I47Z

Revision oder Ersatz des Hüftgelenkes ohne komplizierende Diagnose, ohne Arthrodese, mit komplexem Eingriff

I34Z

Geriatrische frührehabilitative Komplexbehandlung mit bestimmter OR-Prozedur bei Krankheiten und Störungen an Muskel-Skelett-System und Bindegewebe

Für die heutige Altersverteilung in den verschiedenen DRGs liegen Daten vor, anhand derer das zukünftige Aufkommen an zu operierenden Patienten abschätzbar ist. Auf die Hochrechnung im Bereich der häufigsten osteoporotischen Frakturen, der Wirbelsäulenfrakturen, wurde verzichtet, weil hier ein erheblicher Anteil der Patienten konservativ versorgt wird und diese Fälle in eine Vielzahl von DRGs münden.

Material und Methoden

Datenquellen

Für die epidemiologischen Daten der Altersentwicklung in der Bundesrepublik wurden die Veröffentlichungen des Statistischen Bundesamtes zur Bevölkerungsentwicklung herangezogen [23].

Um die Entwicklung der Häufigkeit der zu untersuchenden DRGs in den kommenden Jahren ermitteln zu können, bedarf es der heutigen Zahlen zur Häufigkeit in den verschiedenen Altersklassen. Diese Zahlen liegen in Deutschland für einen Großteil der in Krankenhäusern versorgten Fälle vor; Ausschnitte davon werden vom Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK gGmbH, Siegburg) jährlich veröffentlicht [14, 15]. Der Bericht über das Erfassungsjahr 2005 wurde für diese Untersuchung genutzt.

Berechnungen

Um die Entwicklung der Fallzahlen in den verschiedenen Altersklassen abschätzen zu können, wurden die Altersgruppen der Daten des statistischen Bundesamtes zur Bevölkerungsentwicklung den berichteten Gruppen des InEK angeglichen. Zu jeder Altersgruppe wurde die prognostizierte Bevölkerungszahl für die Jahre bis 2050 aus den Daten des statistischen Bundesamtes betrachtet.

Mithilfe des InEK-DRG-Browsers für die §-21-Daten kann für jede Haupt- und Nebendiagnose deren Verteilung auf die verschiedenen DRGs in der stationären Krankenhausbehandlung ermittelt werden. Die Altersverteilung ist für die DRGs ausgewiesen, kann jedoch nicht auf Haupt- oder Nebendiagnosen bezogen ausgewertet werden. Anhand der Altersverteilung innerhalb der DRGs, in die Patienten mit diesen Frakturen im Jahr 2005 bevorzugt eingruppiert wurden, konnte die wahrscheinliche Patientenzahl für jede DRG pro Jahr und Altersgruppe hochgerechnet werden. Diese wurde zur heutigen Zahl ins Verhältnis gesetzt, sodass eine prozentuale Verteilung resultierte.
Anhand der Altersverteilung innerhalb der DRGs konnte die wahrscheinliche Patientenzahl für jede DRG pro Jahr und Altersgruppe hochgerechnet werden

Es handelt sich um eine semiquantitative Beschreibung der prognostizierten Fallzahlen, da eine Eingruppierung in die DRGs nicht allein aufgrund der medizinischen Gegebenheiten und Versorgung, sondern insbesondere auch durch die ökonomische Fallschwere der Patienten begründet ist. Die Zugangskriterien zu den DRGs wurden untersucht und einzelne, für die Erstversorgung der jeweiligen Verletzung repräsentative DRGs zur Berechnung ausgewählt. Dabei blieben DRGs mit einem hohen Anteil an Fällen mit weiteren stationären Verweilgründen als der Frakturversorgung unberücksichtigt.

Epidemiologie und Ergebnisse

Bevölkerungsentwicklung

Im Jahr 2050 werden doppelt so viele über 70-Jährige in Deutschland leben wie heute; der Anteil der mehr als 90 Jahre alten Menschen wird sich im gleichen Zeitraum verdreifachen. Über 50% der Bevölkerung werden älter sein als 52 Jahre, ein Drittel älter als 65 Jahre (Abb. 1).

Abb. 1

Altersverteilung in Deutschland 2007 und 2050 [21]

Schulterverletzungen

Laut DRG-Browser sind im Jahr 2005 in deutschen Krankenhäusern mehr als 36.000 Patienten mit der Hauptdiagnose S42.2 „Fraktur des proximalen Ende des Humerus“ behandelt worden. Von diesen Patienten wurden kumulativ 71% in die Basis-DRGs I13 und I75 eingruppiert.

Die Anzahl der Patienten mit „Komplexen Eingriffen an Humerus, Tibia, Fibula und Sprunggelenk“ (DRG I13) wird bis zum Jahr 2024 voraussichtlich um ca. 9% anwachsen und dann bis 2050 wieder auf 105% vom Ausgangswert zurückgehen. In der DRG I75 „Schwere Verletzungen von Schulter, Arm, Ellenbogen, Knie, Bein und Sprunggelenk“ würde bei gleichbleibenden DRG-Definitionen dieser Zuwachs stärker ausfallen, hier ist mit einem Anwachsen der Patientenzahlen um mehr als 30% zu rechnen. Der Anteil der Patienten über 80 Jahre hingegen erfährt einen Fallzahlanstieg um mehr als 150%.
In der DRG I75 „Schwere Verletzungen von Schulter, Arm, Ellenbogen, Knie, Bein und Sprunggelenk“ ist mit einem Anwachsen der Patientenzahlen um mehr als 30% zu rechnen

Handgelenksverletzungen

Handgelenksverletzungen waren bei mehr als 70.000 Patienten die Hauptdiagnose für den stationären Aufenthalt. Die Anzahl der Patienten in der I31Z „Mehrere komplexe Eingriffe an Ellenbogengelenk und Unterarm“ wird bei gleichbleibender Altersverteilung innerhalb der Fallgruppen bereits bis 2040 um ca. 9% zunehmen und bei der erreichten Inzidenz bleiben, dasselbe gilt für die Basis-DRG I74 „Verletzungen an Unterarm, Handgelenk, Hand oder Fuß“. Die Anzahl der Patienten in einem Alter zwischen 80 und 99 Jahren wird jedoch auf 250% der Zahl von 2005 ansteigen (Abb. 2). In der DRG I59Z „Andere Eingriffe an Humerus, Tibia, Fibula und Sprunggelenk oder mäßig komplexe Eingriffe an Kniegelenk, Ellenbogengelenk und Unterarm“ kann man einen leichten Rückgang der Inzidenz auf 94% des heutigen Wertes erwarten.
Die Anzahl der Patienten in einem Alter zwischen 80 und 99 Jahren wird auf 250% der Zahl von 2005 ansteigen
Abb. 2

Fallzahländerungen in der DRG I74 in verschiedenen Altersgruppen

Hüftgelenksnahe Frakturen

Laut DRG-Browser 2004 und 2005 wurden im Mittel etwa 90.000 Patienten pro Jahr mit der Hauptdiagnose „Hüftgelenksnahe Fraktur“ (S72.0*, S72.1* oder S72.2*) in deutschen Krankenhäusern behandelt, das sind über 0,5% aller Krankenhausfälle. Dazu kamen jährlich mehr als 20.000 Patienten, bei denen die Fraktur als Nebendiagnose kodiert wurde, weil eine andere Erkrankung zur Aufnahme in die Klinik geführt hatte. Die Anzahl der Patienten, die wegen einer hüftgelenksnahen Fraktur operiert werden müssen, wird bis 2050 voraussichtlich um 70% zunehmen. Dies betrifft sowohl den Hüftgelenksersatz in den DRGs I05Z „Anderer großer Gelenkersatz oder Revision oder Ersatz des Hüftgelenkes...“ und I47* „Revision oder Ersatz des Hüftgelenkes ohne komplizierende Diagnose...“ mit einer Rate von 72% als auch die Kombination mit der geriatrischen Komplexbehandlung in der I34Z „Geriatrische frührehabilitative Komplexbehandlung mit bestimmter OR-Prozedur bei Krankheiten und Störungen an Muskel-Skelett-System und Bindegewebe“. Da in den letzten Jahren in vielen Krankenhäusern eine Ausweitung der strukturellen Voraussetzungen für die Möglichkeit der Abrechnung der geriatrischen Komplexbehandlungen stattgefunden hat, ist hier mit einem überproportionalen Anstieg zu rechnen. Dieser Anstieg ist allerdings besonders im höheren Lebensalter zu verzeichnen; bei den 80–99 Jahre alten Patienten wird es voraussichtlich zu einer Fallzahlerhöhung auf 250% vom heutigen Wert kommen (Abb. 3).
Die Anzahl der Patienten, die wegen einer hüftgelenksnahen Fraktur operiert werden müssen, wird bis 2050 voraussichtlich um 70% zunehmen
Da in den letzten Jahren in vielen Krankenhäusern eine Ausweitung der strukturellen Voraussetzungen für die Möglichkeit der Abrechnung der geriatrischen Komplexbehandlungen stattgefunden hat, ist mit einem überproportionalen Anstieg zu rechnen
Abb. 3

Fallzahländerung bei der hüftgelenksnahen Fraktur in den verschiedenen Altersgruppen

Diskussion

Daten

Die korrekte Prognose der in den kommenden Jahren auftretenden Frakturen im Bereich der Alterstraumatologie ist schwierig. Anhand der vorliegenden Daten kann nur indirekt über die demographische Entwicklung sowie die Altersverteilung in den heute gültigen Fallpauschalengruppen für im Krankenhaus behandelte Patienten auf die zukünftige Inzidenz zurückgeschlossen werden. Die Notwendigkeit der Behandlung osteoporotischer Frakturen verursacht in Deutschland bereits heute immense Kosten. Allein für die proximale Femurfraktur reichen die Schätzungen hier bis zu 2–4 Mrd. EUR pro Jahr [10].
Die Notwendigkeit der Behandlung osteoporotischer Frakturen verursacht in Deutschland bereits heute immense Kosten

Auch in anderen europäischen Ländern erhobene Daten stützen die Einschätzung, dass hier ein Wachstum zu erwarten ist, das nicht zuletzt einen erheblichen volkswirtschaftlichen Faktor darstellt.

In England lag bereits 1999 der Bettenbedarf für die proximalen Femurfrakturen bei ca. 20% aller orthopädischen Betten [5], die Kosten dafür wurden auf 850 Mio. ₤ (1,25 Mrd. EUR) geschätzt.

Von den 1996 in Holland für die Versorgung osteoporotischer Frakturen ausgegebenen umgerechnet mehr als 182 Mio. EUR entfiel ein Drittel auf Patienten über 85 Jahre, die nur einen Anteil von 1,3% der Gesamtbevölkerung ausmachten [7]. Durch die zunehmende Alterung der Gesellschaft ist davon auszugehen, dass die Anzahl dieser stationären Fälle weiter steigen wird [3, 8].

Dazu kommt, dass häufig der finanzielle Aufwand pro Fall bei den älteren Patienten deutlich höher ist als bei den jungen Verletzten. In den USA betrugen 1995 die durchschnittlichen Kosten für die proximale Femurfraktur eines 50-jährigen umgerechnet 4073 EUR und die eines 90-jährigen Patienten fast 3-mal so viel (10.966 EUR; [27]). Ein Drittel der Kosten für alle osteoporotischen Frakturen entfiel auf die proximale Femurfraktur, der größte Teil davon für Krankenhauskosten und Pflegeheime. Eigene Untersuchungen zeigten für Deutschland auf der Basis der Krankenhausdaten des VdAK/AEV (Verband der Angestelltenkrankenkassen e.V. und Arbeiter – Ersatzkassen – Verband e.V.) von 2002–2004 allerdings keine gravierenden Erlösunterschiede in der Versorgung der hüftgelenksnahen Frakturen der verschiedenen Altersgruppen auf [12, 18]. In dieser Studie konnte jedoch gezeigt werden, dass die jährliche Inzidenz eines Krankenhausaufenthaltes mit einer isolierten hüftgelenksnahen Fraktur in der Altersgruppe von 85 Jahren und älter mit 1,32% um den Faktor 22 größer ist als in der Altersgruppe von 60–64 Jahren (0,06%). Für Patienten, die älter sind als 85 Jahre, bedeutet dies, dass die Wahrscheinlichkeit, innerhalb der nächsten 5 Jahre einen Krankenhausaufenthalt wegen hüftgelenksnaher Fraktur zu erleben, schon bei etwa 7% liegt. Dies deckt sich mit den in der Literatur angegebenen Zahlen von Barrett [2].
Der finanzielle Aufwand pro Fall ist bei den älteren Patienten deutlich höher
Die jährliche Inzidenz eines Krankenhausaufenthaltes mit einer isolierten hüftgelenksnahen Fraktur ist in der Altersgruppe von 85 Jahren und älter um den Faktor 22 größer ist als in der Altersgruppe von 60–64 Jahren

Schlussfolgerungen

Vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung in Deutschland und der Altersverteilung bestimmter Frakturen kann eine massive Zunahme der im Alter häufigeren Frakturen vorhergesagt werden. Bis 2050 wird sich z. B. die Anzahl der hüftgelenksnahen Frakturen nahezu verdoppeln. Neben der Herausforderung durch die Erhöhung der absoluten Fallzahlen bei den einzelnen Frakturen ist zu beachten, dass auch in den Bereichen mit weniger stark ansteigenden Zahlen die Menge der zu versorgenden Patienten, die älter sein werden als 80 Jahre, überproportional ansteigt.
Vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung in Deutschland und der Altersverteilung bestimmter Frakturen kann eine massive Zunahme der im Alter häufigeren Frakturen vorhergesagt werden

Leistungserbringer

Die Alterstraumatologie nimmt heute einen geringeren Teil des Spektrums einer unfallchirurgischen Klinik ein, als dies in den kommenden Jahren der Fall sein wird. Auf die durch die demographische Entwicklung zukünftig größer werdenden Patientenzahlen müssen sich die Behandler dieser wirtschaftlich relevanten Fallgruppe rechtzeitig einstellen und Algorithmen zur Behandlung entwickeln.

Die Versorgung der Frakturen in der Alterstraumatologie gewinnt für die Kliniken in mehrfacher Hinsicht an Bedeutung.

Interdisziplinarität

Einerseits sind die älteren Patienten als häufig multimorbide Klientel während ihres stationären Aufenthaltes für die Betreuer erheblich anspruchsvoller und zeitaufwendiger als der jüngere unfallchirurgische Patient.

Dies gilt zum Ersten für den pflegerischen Aufwand im klinischen Alltag, der neben der schlechteren Mobilität zusätzlich durch eine bereits bestehende Demenz oder ein postoperatives Durchgangssyndrom erschwert werden kann.

Es gilt aber auch für die medizinische Versorgung der Nebenerkrankungen der älteren Menschen, wie beispielsweise Herzinsuffizienz, Kreislauferkrankungen oder Diabetes mellitus. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Kardiologen, Endokrinologen, Neurologen und Spezialisten aus weiteren Fachgebieten ist in der Behandlung dieser Patienten ein Muss. Eine Fehlversorgung der Patienten durch relative Überdosierungen mit Antihypertensiva oder Sedativa kann für das Ereignis, das für die Fraktur ursächlich war, mit verantwortlich sein, sodass bei den bereits bestehenden medikamentösen Therapien sowohl die Verordnungen als auch die Compliance der Betroffenen kritisch hinterfragt und ggf. angepasst werden sollten. Ursache für die im Alter erhöhte Inzidenz an Knochenbrüchen ist häufig die Osteoporose, die durch eine erniedrigte Knochendichte und ein erhöhtes Frakturrisiko in der Folge von Minimaltraumata charakterisiert ist. Mehrere Studien konnten den positiven Effekt von einer adäquaten Osteoporosetherapie sowie der Sturzprophylaxe nachweisen [5, 6, 8, 17, 19, 21, 24], die während des stationären Aufenthaltes initiiert werden sollten.

Sektorenübergreifende Versorgung

Zweitens ist die Versorgung des alten Patienten mit einer Fraktur mit der operativen Therapie und der folgenden stationären Behandlung noch lange nicht abgeschlossen. Zusätzlich zu der postoperativen Physiotherapie benötigen die alten Patienten eine auf den Mobilitätsgrad vor dem Unfall abgestimmte Mobilisation, häufig eine längerfristige intensive rehabilitative Nachbehandlung und evtl. anschließend eine häusliche pflegerische Versorgung.
Zusätzlich zur postoperativen Physiotherapie benötigen die alten Patienten eine intensive rehabilitative Nachbehandlung und evtl. anschließend eine häusliche pflegerische Versorgung

Die Organisation der entsprechenden Dienste, Heil- und Hilfsmittel sollte im Sinn einer sektorenübergreifenden Versorgung aus einer Hand organisiert werden, damit mögliche Synergien ausgenutzt und Kosten gespart werden können [1, 2, 21, 22, 24]. Strukturen und Prozessabläufe in sämtlichen Leistungsbereichen müssen an die geänderten Bedingungen angepasst werden. Dies kann in einem vereinheitlichten Versorgungsmanagement der Patienten resultieren, um die Selbstständigkeit der Patienten schnell wieder herstellen zu können, Folgefrakturen zu verhindern und eine drohende Pflegebedürftigkeit zu vermeiden.

Da viele der Fälle kein ambulantes Potenzial bieten [3, 4, 6], ist eine Berücksichtigung dieser Entwicklung bei der Krankenhausbedarfsplanung im Bereich der Unfallchirurgie ebenfalls vonnöten.

Krankenkassen

Auch für die Kostenträger ist die Versorgung einer größeren Anzahl an multimorbiden Patienten mit Frakturen eine finanzielle und organisatorische Herausforderung. Zurzeit ist das Controlling der Krankenkassen noch wenig auf die intersektorale Verknüpfung der Leistungsbereiche eingestellt. Hier müssen in den kommenden Jahren Mechanismen entwickelt werden, mithilfe derer Qualität und Wirtschaftlichkeit der verschiedenen Leistungserbringer gemessen werden können. Patientenströme können dann beispielsweise mithilfe integrierter Versorgungsverträge zu den Zentren umgeleitet werden, die optimierte Abläufe und eine Verzahnung von stationärem und ambulantem Sektor vorhalten, um so das Outcome zu verbessern und die zu erwartende höhere finanzielle Belastung in Grenzen zu halten. Das Ziel muss sein, allen Patienten eine qualitativ hochwertige Versorgung zukommen zu lassen, die selbst für große Fallzahlen noch bezahlbar ist.

Durch zahlreiche Studien wird die gesundheitsökonomische Bedeutung der Prävention hüftgelenknaher Frakturen dargestellt [5, 13, 16, 19, 20, 21, 25, 26]. Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Folgen haben auch die Krankenkassen ein großes Interesse an der Vermeidung der potenziellen Fallzahlsteigerungen im Bereich der Alterstraumatologie, sodass neben der sektorenübergreifenden Versorgung die strategische Ausrichtung in Richtung Prävention ausgeweitet werden sollte.

Fachgesellschaften

In den Weiterbildungsordnungen der Ärztekammern oder den Curricula der Fachgesellschaften hat die Behandlung von älteren Patienten noch keine besondere Gewichtung erfahren. Hier sollte der zu erwartenden Entwicklung Rechnung getragen und ein Schwerpunkt der Ausbildung junger Orthopäden und Unfallchirurgen in der Alterstraumatologie gesetzt werden. Dies bezieht sich sowohl auf die Operationsindikationen und -verfahren für geriatrische Patienten als auch auf die Optimierung des perioperativen Umfeldes.

Die Unterstützung der Forschung im Bereich von alternativen und für die älteren Menschen schonenderen Operationsmethoden oder Osteosynthesematerialien ist ein weiteres Thema, dessen sich die Fachgesellschaften verstärkt annehmen sollten.

Die Arbeitsgemeinschaft Alterstraumatologie der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie hat sich zum Ziel gesetzt, zunächst die Versorgungsrealität in Deutschland abzubilden. Epidemiologie, Kosten, Komplikationsraten und Behandlungsstrategien können ausgewertet und mithilfe der demographischen Prognosen für die kommenden Jahre hochgerechnet werden. Das Ziel muss hier sein, einheitliche Klassifikationssysteme für Verletzungen im Alter zu erarbeiten und anschließend Behandlungsalgorithmen und Strategien für die Besonderheiten dieser Patienten zu entwickeln.

CME-Fragebogen

Um wie viel Prozent steigt die Inzidenz an hüftgelenksnahen Frakturen voraussichtlich in den kommenden 40 Jahren in der Altersgruppe der über 80-jährigen Menschen?

40%.

70%.

100%.

150%.

250%.

Was ist keine Option für die Kostenbegrenzung der Therapie hüftgelenksnaher Frakturen der kommenden Jahre?

Sturzprophylaxe.

Sektorenübergreifende Versorgungskonzepte.

Ausnutzung des ambulanten Potenzials.

Steuerung der Betroffenen in wirtschaftliche Einrichtungen.

Osteoporoseprophylaxe.

Die folgenden Nachbehandlungen benötigen geriatrische Patienten häufig nach Operation einer Fraktur. Welche Aussage ist falsch?

Postoperative Physiotherapie.

Ambulante parenterale Ernährungstherapie.

Auf den Mobilitätsgrad vor dem Unfall abgestimmte Mobilisation.

Längerfristige intensive rehabilitative Nachbehandlung.

Häusliche pflegerische Versorgung.

Welche Bereiche sollten die Fachgesellschaften beeinflussen?

Anzahl der Fälle, die mit Osteosynthesen versorgt werden.

Ausbildungsordnung für die Weiterbildung von Fachärzten.

Vergütung der unfallchirurgischen Leistung.

Altersentwicklung der Bevölkerung mit einem Alter von mehr als 65 Jahren.

Intersektorale Versorgung.

Welche Aussage zur vom Bundesamt für Statistik prognostizierten Bevölkerungsentwicklung trifft zu?

Im Jahr 2050 wird die Gesamtzahl der bundesdeutschen Bevölkerung um 20 Mio. geringer sein als heute.

Bis 2050 wird die Zahl der über 70-Jährigen sich verdoppeln.

Im Jahr 2050 wird der Anteil der über 90 Jahre alten Menschen in Deutschland 4-mal so hoch sein wie heute.

Mehr als 50% der Bevölkerung werden im Jahr 2050 älter sein als 65 Jahre.

Der Anteil der über 65-Jährigen an der deutschen Bevölkerung beträgt bereits heute 33%.

Die Ursachen für altersbedingte Frakturen können vielschichtig sein. Welche Aussage trifft nicht zu?

Eine Ursache kann die versehentliche Fehldosierung von Antihypertensiva sein.

Eine Ursache kann das Vorliegen einer Osteoporose sein.

Eine Ursache kann eine bestehende Demenz sein.

Eine Ursache kann die zunehmende Mobilität im Alter sein.

Eine der Ursachen kann die Therapie mit Sedativa sein.

Welche Informationen können zur Prognose der Fallzahlen in der Alterstraumatologie bis 2050 herangezogen werden?

Die Dokumentation von Frakturhäufigkeiten durch das Statistische Bundesamt.

Die Häufigkeit von Frakturen als Diagnosen in bestimmten Diagnosis Related Groups (DRGs) des heutigen Fallpauschalensystems.

Prognosen zur Entwicklung des deutschen DRG-Systems.

Vom Institut für das Entgeltsystem (InEK) veröffentlichte Altersverteilungen bei bestimmten Diagnosen.

Die Anzahl der Nebendiagnosen je Fall.

Wo liegt ein Potenzial der Krankenkassen im Bereich der Steuerung von Kostenentwicklungen in der Alterstraumatologie?

Verlagerung der Kosten der älteren Versicherten in die Pflegeversicherung.

Abschluss von Verträgen mit effizienten und wirtschaftlichen Einrichtungen zur sektorenübergreifenden Versorgung von geriatrischen Traumapatienten.

Einflussnahme auf die wissenschaftliche Erforschung von günstigen Operationsverfahren und -materialien.

Ausbildung von versiertem ärztlichem und pflegerischem Personal.

Berücksichtigung der Nebenerkrankungen der Betroffenen.

Welche Aussage ist richtig?

In England wurden die Kosten für die Versorgung osteoporotischer proximaler Femurfrakturen bereits 1999 auf 850 Mio. EUR geschätzt.

Die Kosten für die Versorgung der Patienten mit hüftgelenksnahen Frakturen in Deutschland werden heute auf 2–4 Milliarden EUR pro Jahr geschätzt.

In Holland wurden 1996 für die Versorgung osteoporotischer Frakturen umgerechnet mehr als 850 Mio. EUR ausgegeben.

In den USA waren 1995 die durchschnittlichen Kosten für die proximale Femurfraktur eines 90-jährigen Patienten doppelt so hoch wie für die Versorgung eines 50-jährigen.

Patienten, die älter sind als 85 Jahre, haben eine Wahrscheinlichkeit von etwa 20%, innerhalb der nächsten 5 Jahre einen Krankenhausaufenthalt wegen hüftgelenksnaher Fraktur zu erleben.

Welche Aussage zur Prognose in der Alterstraumatologie trifft zu?

Handgelenksverletzungen waren im Jahr 2005 bei 7000 Patienten die Hauptdiagnose für den stationären Aufenthalt.

Die Zahl der Patienten in der Basis-DRG I74 „Verletzungen an Unterarm, Handgelenk, Hand oder Fuß“ wird bei gleichbleibender Altersverteilung bis 2050 um 70% zunehmen.

Die Anzahl der Patienten in einem Alter zwischen 80 und 99 Jahren in der Basis-DRG I74 „Verletzungen an Unterarm, Handgelenk, Hand oder Fuß“ wird um 70% ansteigen.

In einigen traumatologischen DRGs, so z. B. der DRG I59Z „Andere Eingriffe an Humerus, Tibia, Fibula und Sprunggelenk oder mäßig komplexe Eingriffe an Kniegelenk, Ellenbogengelenk und Unterarm“ ist ein leichter Rückgang der Inzidenz zu erwarten.

Die Anzahl der Patienten in der DRG I31Z „Mehrere komplexe Eingriffe an Ellenbogengelenk und Unterarm“ wird bei gleichbleibender Altersverteilung innerhalb der Fallgruppen bis 2050 um ca. 70% zunehmen.

Interessenkonflikt

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