Monatsschrift Kinderheilkunde

, Volume 161, Issue 12, pp 1163–1168

Respiratory-syncytial-Virus und Norovirus

Impfstoffe dringend gesucht
Leitthema

DOI: 10.1007/s00112-013-2922-7

Cite this article as:
Panning, M. & Forster, J. Monatsschr Kinderheilkd (2013) 161: 1163. doi:10.1007/s00112-013-2922-7

Zusammenfassung

Hintergrund

Respiratory-syncytial- (RSV) und Norovirus sind nicht nur in der Pädiatrie wichtige Erreger von Bronchiolitis und Gastroenteritis und für eine bedeutsame Morbidität und Letalität verantwortlich. Impfstoffe zur Verhinderung schwerer Erkrankungen und Komplikationen sind deshalb wünschenswert. Trotz intensiver Bemühungen ist jedoch bislang weder für RSV noch für Norovirus ein wirksamer und sicherer Impfstoff verfügbar.

Impfstoffentwicklung

Mit Hilfe gentechnischer Methoden stehen heute neue Werkzeuge zur Verfügung, mit denen einerseits Grundlagen wie die Pathogenese der Erkrankungen besser erforscht, andererseits neue Impfstoffe hergestellt werden können. Der folgende Beitrag befasst sich mit den speziellen Anforderungen und Problemen der Impfstoffentwicklung für RSV und Norovirus.

Schlüsselwörter

Respiratory-syncytial-Virus Norovirus Bronchiolitis Gastroenteritis Impfung 

Respiratory syncytial virus and norovirus

Vaccines urgently needed

Abstract

Background

Respiratory syncytial virus (RSV) and norovirus are important causes of bronchiolitis and gastroenteritis and significantly contribute to morbidity and mortality among children worldwide. Vaccines are highly desirable to prevent severe disease and complications hereof. However, despite intensive research, safe and efficacious vaccines for RSV and norovirus are not available to date.

Vaccine development

Modern molecular techniques (e.g., reverse genetics) have greatly improved our understanding of the biology of both diseases. These techniques might also help in the development of vaccines which are safe and sufficiently immunogenic. This review highlights the special challenges and problems in the development of vaccines for RSV and norovirus.

Keywords

Respiratory syncytial virus Norovirus Bronchiolitis Gastroenteritis Vaccine 

Das Respiratory-syncytial-Virus (RSV) ist nach wie vor der häufigste Erreger von Luftwegserkrankungen mit Krankenhauseinweisungen im Säuglings- und Kleinkindesalter. Das Norovirus (NoV) ist, seit für Rotaviren Impfstoffe zur Verfügung stehen, der häufigste Erreger schwerer Gastroenteritiden. Die Eigenschaften von RSV und NoV, die Epidemiologie der durch sie hervorgerufenen Erkrankungen und die Probleme bei der Entwicklung von erfolgreichen und insbesondere sicheren Impfstoffen werden dargestellt.

Respiratory-syncytial-Virus

Das RSV verursacht klassischerweise Bronchiolitis und obstruktive Bronchitis bei Säuglingen und Kleinkindern und stellt den wichtigsten Grund für Krankenhauseinweisungen aufgrund akuter Atemwegsinfektionen in dieser Altersklasse dar. Die Erstbeschreibung des Erregers gelang 1955, zunächst bei Primaten [4].

Weltweit ist RSV für über 20 % der akuten unteren Atemwegsinfektionen verantwortlich, mit 66.000 bis 199.000 Todesfällen pro Jahr [17]. Fast alle Todesfälle (99 %) ereignen sich in Entwicklungsländern. Auch nach 50 Jahren intensiver Forschung gibt es noch keine lizenzierte RSV-Impfung.

Virus

RSV gehört zur Familie der Paramyxoviridae, Genus Pneumovirus. Es werden die beiden Gruppen RSV-A und RSV-B unterschieden. Beide können parallel zirkulieren. In den letzten Jahren dominierte RSV-A, das in einigen Studien mit einer höheren Pathogenität assoziiert war.

Das Genom besteht aus einer nichtsegmentierten Einzelstrang-RNA (RNA: Ribonukleinsäure) mit negativer Polarität. Sie kodiert für 11 Proteine. Es gibt 2 wichtige Oberflächenglykoproteine, die in die Lipidhülle des Erregers eingelagert sind:
  • das Attachementprotein G und

  • das Fusionsprotein F.

Das Attachementprotein G ist wenig konserviert, für die Zellbindung wichtig und definiert die beiden RSV-Gruppen A und B. Es liegt stark glykosyliert vor. Aufgrund genetischer Unterschiede im G-Gen werden bei RSV-A und -B darüber hinaus zahlreiche Genotypen unterschieden. Das Fusionsprotein F liegt hochkonserviert vor und trägt zur Zellbindung und -fusion bei. Beide Proteine sind im Rahmen der Immunantwort essenziell und stellen alleine oder in Kombination wichtige Kandidaten für zukünftige Impfstoffe dar.

Die Replikation von RSV findet in den Epithelien des Respirationstrakts statt. Durch die vom F-Protein induzierte Synzytienbildung und die immunologische Reaktion kommt es zu einer reversiblen Zerstörung der Epithelien.

Für RSV ist es möglich, sog. „virus-like particles“ (VLP), vergleichbar mit den HPV-Impfstoffen (HPV: humanes Papillomavirus), gentechnisch herzustellen, die zur Immunisierung im Tierexperiment verwendet werden können. Sie enthalten die immunologisch wichtigen Oberflächenproteine F und/oder G, z. T. auch weitere RSV-Proteine.

Übertragbarkeit und Erkrankung

Die Übertragung von RSV erfolgt über engen Kontakt zu infizierten Personen, v. a. mit den Händen, z. T. über kontaminierte Oberflächen und Gegenstände oder, wie bei anderen Infektionen des Respirationstrakts, durch eine Tröpfcheninfektion. Eintrittspforten können Schleimhäute der Nase sowie die Konjunktiven sein.

Die Infektiosität beginnt schon vor dem Auftreten der ersten Symptome und kann bei Erstinfektion bis zu 3 Wochen andauern. Bei Reinfektionen hält sie über etwa 1 Woche an. Die Inkubationszeit der RSV-Infektion beträgt etwa 4 bis 5 Tage. Infektionen verlaufen in der Regel symptomatisch und können vom banalen Schnupfen bis hin zu Krupp, Bronchiolitis und Pneumonie reichen [10]. Nosokomiale Infektionen, v. a. auf Säuglingsstationen oder hämatoonkologischen Stationen, sind gefürchtet und können mit einer hohen Letalität assoziiert sein [8].

In klimatisch gemäßigten Regionen finden die meisten Infektionen im Rahmen von Ausbrüchen in den Monaten Oktober bis April statt [18].

Krankheitslast

Die Durchseuchungsrate bei Erwachsenen mit RSV liegt bei 100 %, und bis zum Alter von 2 Jahren haben 95 % der Kinder eine RSV-Infektion durchgemacht. Ein sicherer Nestschutz existiert nicht.

Der Erkrankungsgipfel der RSV-Infektionen liegt in unseren Breiten zwischen November und März.

Der Manifestationsindex von RSV bei Kindern ist mit über 50 % sehr hoch.

Bei Säuglingen und Kleinkindern ist eine RSV-Infektion die häufigste Ursache für schwer verlaufende Atemwegsinfektionen.

Risikogruppen sind insbesondere Frühgeborene und junge Säuglinge, Kinder mit bronchopulmonaler Dysplasie und angeborenen Herzfehlern. Bei Erwachsenen stellen Patienten mit kardiopulmonalen Vorerkrankungen oder mit Immundefizienz/Immunsuppression sowie ältere Menschen allgemein Risikogruppen für schwer verlaufende RSV-Infektionen dar.

Schutz und Immunität

Schutz vor Erkrankung wird hauptsächlich durch neutralisierende Antikörper vermittelt. Tierexperimentell konnte gezeigt werden, dass das F- und G-Protein die beiden einzigen RSV-Proteine sind, die neutralisierende Antikörper induzieren können. Dabei scheint die Höhe der Antikörpertiter mit dem Schutz zu korrelieren [11]. Die Immunität nach durchgemachter Infektion hält allerdings nur kurz und ist auf den jeweiligen Subtyp beschränkt. Hierdurch kann es lebenslang zu Reinfektionen mit RSV, v. a. bei Erwachsenen mit Kontakt zu Säuglingen und Kleinkindern, kommen. Die Gründe für diesen inkompletten Schutz vor Reinfektionen sind noch unklar. Die passive Übertragung materner Antikörper verleiht in den ersten Wochen nach Geburt ebenfalls nur einen vorübergehenden Schutz.

Evolution des Virus

Wie bei anderen RNA-Viren besteht auch bei RSV eine gewisse Antigenvariabilität. In einer Saison können zeitgleich unterschiedliche Genotypen zirkulieren. Dabei können ein oder zwei dominante Genotypen in der folgenden Saison oder später durch andere abgelöst werden. Auch die Gruppen RSV-A und -B können sich abwechseln.

Interessanterweise sind Reinfektionen nicht an das Aufkommen von Veränderungen gekoppelt, wie dies z. B. bei der Influenza der Fall ist. Im Gegensatz zu Influenza A kommt es bei RSV auch nicht zu einer durch starken immunologischen Druck bedingten Virusevolution. Es ist zurzeit unklar, ob und ggf. wie genetische Unterschiede innerhalb der beiden Gruppen RSV-A und -B bei der Impfstoffentwicklung berücksichtigt werden müssten.

Stand der Impfstoffentwicklung

Aufgrund der großen Bedeutung von RSV gab es schon früh Bestrebungen, einen Impfstoff zu entwickeln. In den 1960er Jahren wurde ein formalininaktivierter RSV-Impfstoff (FI-RSV) hergestellt. In folgenden klinischen Studien zeigte sich allerdings bei Geimpften eine Verstärkung von RSV-assoziierten Symptomen nach RSV-Erstinfektion, darunter auch 2 Todesfälle [15]. Wahrscheinlich war eine überschießende TH2-Antwort (TH: T-Helferzelle) für diese schwerwiegende Komplikation mitverantwortlich. Darüber hinaus konnte gezeigt werden, dass der FI-RSV-Impfstoff nur in geringem Umfang die Bildung neutralisierender Antikörper bewirkte.

Säuglinge < 6 Monate würden wahrscheinlich am meisten von einer RSV-Impfung profitieren

Die Epidemiologie von RSV legt nahe, dass es mindestens 4 unterschiedliche Zielgruppen gibt, die von einer RSV-Impfung profitieren können (Tab. 1). Impfziele sind dabei u. a. die Vermeidung von RSV-assoziierten Komplikationen, die Reduktion von RSV-Übertragungen und die Verhinderung von Erkrankung bei Neugeborenen durch einen passiven Antikörpertransfer. Höchste Priorität haben Säuglinge < 6 Monate, da in dieser Altersgruppe die mit einer RSV-Infektion einhergehende Morbidität und Letalität am höchsten sind und sie deshalb von einer RSV-Impfung wahrscheinlich am meisten profitieren würde. Erschwerend für die Impfstoffentwicklung sind in dieser Gruppe allerdings das noch unreife Immunsystem, das evtl. Vorhandensein von maternen Antikörpern oder bereits erfolgte RSV-Infektionen [7].

Aufgrund der Erfahrungen mit dem FI-RSV-Impfstoff werden bei RSV-naiven Kindern nur attenuierte Lebendvakzinen oder lebende Virus-Vektor-Systeme mit RSV-Proteinen als sicher erachtet. Es wurden bereits zahlreiche attenuierte Lebendvakzinen entwickelt (u. a. gentechnisch mit Hilfe reverser Genetik), die in klinischen Studien evaluiert und teilweise gut toleriert wurden [6]. Eine Attenuierung ist über verschiedene Mechanismen wie Punktmutationen im Polymerasegen, Deletionen im M2-2- oder NS1-Gen von RSV möglich [6]. Aufgrund der nur schwach ausgeprägten Immunantwort bei Säuglingen bleibt es aber generell schwierig, ein Korrelat für Schutz zu bestimmen.

Tab. 1

Unterschiedliche Zielgruppen für eine RSV-Impfung. (Adaptiert nach [1])

Zielgruppe

Impfziele

Probleme

Zielgerichtet Impfstoffformen

Säuglinge 0 bis 6 Monate

Verhinderung schwerer Komplikationen

Materne Antikörper

Unreifes Immunsystem

1. Attenuierte Lebendvakzine

2. Genbasierte Lebendvektoren mit Expression von F- und/oder G-Protein

Kleinkinder 6 bis 24 Monate

Verhinderung schwerer Komplikationen

Verringerung des Transmissionsrisikos im Haushalt

Klinischer Endpunkt für Studien?

1. Genbasierte Vektoren

2. Attenuierte Lebendvakzine

Schwangere

Erhöhung der passiven Antikörpertiter

Verhinderung der Mutter-Kind-Übertragung

Multiple vorherige RSV-Infektionen

Kein Korrelat zwischen Antikörpertiter und Protektion

1. Untereineinheitsvakzine mit Adjunvanzien

2. VLP mit Adjuvanzien

Erwachsene > 65 Jahre

Verhinderung schwerer Komplikationen

Multiple vorherige RSV-Infektionen

1. Untereineinheitsvakzine mit Adjunvanzien

2. VLP mit Adjunvanzien

3. Genbasierte Vektoren mit Protein der Untereineinheit

RNA Ribonukleinsäure, RSV Respiratory-syncytial-Virus, VLP „virus-like particles“

Bei älteren Kindern und Erwachsenen, die schon eine RSV-Erstinfektion überstanden haben, kommen auch VLP-Impfstoffe (VLP: „virus-like particles“), aufgereinigte Proteine, Nanopartikel oder vektorbasierte Systeme zur Expression von RSV-Proteinen (v. a. G- und F-Protein) sowie sog. Untereinheitsvakzinen in Betracht [1]. F-Protein-Vakzinen stellen eine Möglichkeit zur Boosterung dar, mit denen eine protektive Immunantwort nach multiplen RSV-Infektionen hervorgerufen werden soll.

Neben der grundsätzlich schwachen Immunantwort erschwerte die negative Erfahrung mit dem FI-RSV-Impfstoff bisher die Suche nach einem RSV-Impfstoff.

Jeder Ansatz muss die Balance zwischen Sicherheitsanforderungen und einer guten Immunogenität/Wirksamkeit halten.

Ziel ist die Erreichung einer möglichst hohen Konzentration neutralisierender Antikörper. Trotz fortdauernder Bemühungen gibt es nach dem frühen Misserfolg mit dem FI-RSV-Impfstoff in den 1960er Jahren immer noch keinen zugelassenen RSV-Impfstoff. Zahlreiche Hürden wurden identifiziert, sodass konkrete Strategien zur Entwicklung einer sicheren und wirksamen RSV-Impfung formuliert werden konnten [1]. Es bleibt abzuwarten, ob dies in den nächsten Jahren zu einem Durchbruch führen wird.

Norovirus

NoV und Rotavirus weisen Gemeinsamkeiten auf. NoV wurde 1968 in der Ära der Immunelektronenmikroskopie aus Stuhlproben bei einer Gastroenteritisepidemie in Norwalk, Ohio (USA), nachgewiesen. Die Entdecker versuchten, durch Infektion von Freiwilligen die Koch-Postulate zu erfüllen, was auch problemlos gelang [14]. Leider ist das Virus bis heute nicht in Zellkultur anzüchtbar.

Virus

Die Entdeckung des Virus sowie die inzwischen gewonnenen Erkenntnisse über seine Weiterentwicklung beruhen auf molekularvirologischer Methodik: Sequenzierung und Vergleich der verschiedenen Genome. Die Virusproteine können in Systemen exprimiert werden (z. B. Baculovirussystem), die die Proteine so prozessieren, insbesondere glykosylieren, dass sie den natürlichen Virusproteinen entsprechen. Diese Genprodukte werden zur Antikörpermessung (z. B. Elispot) verwendet. Sie fügen sich auch zu sog. leeren Viren (VLP) zusammen, die als Impfstoff benutzt werden können.

Noroviren gehören zur Familie der Caliciviridae. Das Virus selbst besitzt eine einzelsträngige infektiöse (positive Polarität) RNA. Darin finden sich 3 offene Leserrahmen, der erste für 6 Nichtstrukturproteine (u. a. RNA-Polymerase), der 2. und 3. Leserahmen kodieren für 2 Kapsidproteine (VP1 – 180 Kopien pro Viruskapsid, und VP2, kleiner und seltener in der Virushülle; Abb. 1, [9]).

Abb. 1

Struktur von Noroviruskapsid und Genom, links oben Kapsidstruktur (20-Flächner), bestehend aus 180 Molekülen (90 Dimere) des aus je 3 Domänen [S „shell“, P „protruding“; C, N Proteinenden; gestricheltes Rechteck in P2 Bindestelle für (Blutgruppen-)Kohlenhydrat-Ketten] zusammengesetzen Viruskapsidproteins 1 (VP1); Mitte links transmissionselektronenoptisches Bild der Viren: dunkles Zentrum genomhaltige Viren, helles Zentrum Virushüllen; Mitte rechts Ablesung des Genoms [jeweils bei VPg (Virusprotein g) beginnend, oben Virusgenom [offener Leserahmen (ORF) 1 für die Replikationsproteine (p48 Protein 48, NTPase Nukleosidtriphosphatase, p22 Protein 22, PRO Protease, POL Polymerase; gelb unterlegt)], Mitte mit Hilfe der Replikationsproteine gebildetes Template (RNA) zur Synthese des gesamten Virusgenoms und einer Subgenom-RNA, unten Subgenom-RNA (ORF2 und ORF3) zur Replikation von VP1 und VP2; rechts unten spontanes Zusammenlagern von VP1 und VP2 zu VLP („virus-like particles“; elektronenoptisches Bild), A(n) polyadenyliertes 3’-Ende der RNA, RNA Ribonukleinsäure. (Mit freundl. Genehmigung der Massachusetts Medical Society [9])

Aufgrund von Proteinunterschieden im VP1 werden NoV in 5 Genogruppen (I–V; 51–56 % Unterschiede) eingeteilt. Diese werden weiter in Genotypen (bislang mehr als 30; 69–97 % Unterschiede) und Varianten (Subgenotypen) unterteilt. Die Genogruppen I, II und IV beinhalten humanpathogene Genotypen. Animale Noroviren kommen u. a. auch bei Schweinen und Mäusen vor.

Übertragbarkeit und Erkrankung

Das hüllenlose Virus ist sehr umweltstabil. Zur Infektion genügt die Aufnahme von weniger als 100 Viruspartikeln. Die Inkubationszeit beträgt 6–48 h. Gerade in der Akutphase werden hohe Viruszahlen produziert und können v. a. durch heftiges Erbrechen leicht freigesetzt und sogar aerogen verbreitet werden. Die Erkrankung ist mit 1 bis 2 Tagen kurz, im Stuhl wird das Virus dagegen über 2 bis 6 Wochen ausgeschieden. Wegen der kurzen Krankheitsdauer ist der Dehydratationsgrad eher gering.

Im Gegensatz zur Rotavirusinfektion betrifft die Norovirusgastroenteritis in einem nicht unerheblichen Anteil auch Erwachsene, insbesondere auch ältere Menschen. Schwere Krankheitsverläufe und seltene Todesfälle treten überwiegend bei alten Menschen auf [3]. Es besteht eine Labormeldepflicht für den direkten Erregernachweis aus dem Stuhl, in Sachsen eine Arztmeldepflicht für bekannte Ausscheider (Infektionsschutzgesetz Stand 2013).

Die Kontagiosität von NoV ist hoch

Aufgrund der hohen Kontagiosität ist das Virus fäkal-oral, aerogen (Aerosole) und aus der nicht belebten Umwelt (in angetrocknetem Zustand 1 bis 2 Wochen infektiös) übertragbar. Aufgrund seiner Übertragbarkeit durch kontaminierte Lebensmittel gilt das Norovirus als wichtiger Food-borne-Erreger. Deshalb sind auch oft Gemeinschaftseinrichtungen betroffen. Eine sachgerechte Desinfektion bei Verschmutzung mit virushaltigem Material ist mit Desinfektionsmitteln des Wirkungsbereichs B der RKI-Liste (RKI: Robert Koch-Institut) erfolgreich. Im Krankenhaus empfehlen sich die Kohortierung und Kontaktisolation sowie Mundschutz, Kittel und Handschuhe bei allem Hantieren mit dem Stuhl der Patienten sowie während der Desinfektion.

Krankheitslast

In Deutschland erkranken – gemessen an den gemeldeten Fällen – die meisten Patienten während winterlicher Epidemien(„winter vomiting disease“), nur etwa 5 % in sommerlichen Ausbruchsphasen. Die Erkrankungsrate bei unter 5-Jährigen beträgt 430/100.000, der Durchschnittswert über alle Altersgruppen liegt bei 130/100.000, bei Menschen über 75 Jahren ist die Inzidenz wieder höher.

Die Erkrankungsfälle von Kindern unter 6 Jahren führen je nach Standort in 2–10 % der Fälle zur Krankenhausaufnahme, die Letalität in dieser Altersgruppe betrug im letzten Jahrzehnt 0,05/100.000 [3].

Schutz und Immunität

Einige Menschen sind vor bestimmten NoV genetisch geschützt. Dies liegt an der Zusammensetzung der Glykoproteinrezeptoren an ihren Zelloberflächen. Entdeckt wurde dieses Phänomen dadurch, dass Menschen mit der Blutgruppe B und LEB− sowie Menschen mit einer funktionslosen Fucosyltransferase (FUT2) nicht mit NoV vom Genotyp GI.1 infizierbar waren [19].

In Infektionsstudien an Freiwilligen nach Entdeckung des NoV (damals noch Norwalk-Virus genannt) besaßen alle erwachsenen Probanden Antikörper (Immunelektronenmikroskopie). Krank wurden überwiegend diejenigen mit hohen Antikörpertitern. Bei 2 weitere Infektionen mit dem gleichen Virus nach je 1/2 Jahr wurden nur noch 1/5 der Patienten krank, kein Proband bei der letzten Infektion [13]. Aus diesen und ähnlichen Studien lässt sich ableiten, dass durch wiederholte Infektionen mit verschiedenen Genotypen ein Schutz im Wesentlichen gegen den homologen Genotyp entsteht. Gemessen an der humoralen und zellulären Immunreaktion auf VLP wird auch ein (partieller) heterotypischer Schutz erworben [16]. Beide Mechanismen führen offensichtlich zu einer Herdenimmunität, was die 2-jährlich auftretenden winterlichen Epidemien (und sogar Pandemien) durch NoV teilweise erklärt [5].

Evolution des Virus

Das Virus wird dann aus evolutionärer Sicht erfolgreich sein, wenn es möglichst viele Menschen infizieren kann. Hinderlich sind sowohl die Blutgruppen-/Glykoproteinrezeptoren von Zelloberflächen als auch die durch vorausgegangene Infektionen erworbene (Herden-)Immunität. Vom Prinzip her sind die für diesen evolutionären Erfolg notwendigen Mechanismen bekannt, nämlich virale Evolution durch immunologischen Druck und Rekombination. Der letzte Shift (Übergang eines Genotyps von bis dahin sporadischem zu epi- und pandemischem Auftreten) fand 2002 beim Genotyp II.4 statt. Seither entstandenneue Varianten (Drift), die in etwa 2-jährigem Abstand zu Epi- und Pandemien führten. Ähnliche Mechanismen sind von den Influenzaviren bekannt.

Aufgrund der ständigen Genotypänderungen des NoV wären fortlaufende Impfungen erforderlich

In welchem Umfang genetische Veränderungen nur unter dem Immunitätsdruck entstehen oder auch durch inter- und intragenotypische Rekombination, ist noch unklar [12]. Für die Impfstoffentwicklung würde dies bedeuten, dass – nachdem ein erfolgreiches Vakzinesystem entwickelt wurde – fortlaufende Impfungen notwendig wären (wie bei Influenza).

Stand der Impfstoffentwicklung

Da NoV nicht als vollständiges, lebensfähiges Virus in Zellkultursystemen vermehrt werden kann, wird zur Impfstoffentwicklung auf die VLP zurückgegriffen. Generell kann die Immunisierung z. B. am Mausmodell studiert werden, die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Menschen ist aber unklar. In den grundlegenden Humanimmunisierungsstudien wurden mit Adjuvans kombinierte VLP nasal verabreicht. Eine Provokation wurde mit der infektiösen RNA des homologen Virus durchgeführt. In einer randomisierten, plazebokontrollierten Studie an Erwachsenen wurde dosisabhängig eine Immunogenität des VLP-Konstrukts bei 70 % [IgA (Immunglobulin A)] der Geimpften gefunden. Bei dem nachfolgenden Infektionsversuch konnten die Geimpften seltener infiziert werden (61 gegenüber 82 %) und wurden seltener krank (37 gegenüber 79 %) als die Plazeboempfänger [2]. Nachdem auf diese Weise ein erfolgreiches Impfkonzept gefunden wurde, müssen allerdings noch einige Fragen beantwortet werden:
  • Gibt es effektivere Wege zu impfen?

  • Wie muss ein Impfstoff für Kinder, die noch keine Antikörper aufweisen, beschaffen sein?

  • Welche Viren (Genogruppen) müssen von vornherein im Impfstoff vorhanden sein?

  • Wie oft muss wegen der ständigen Genotypänderungen nachgeimpft werden?

Eine gut verträgliche und gut wirksame Vakzine gegen Norovirus wäre sicher willkommen, da die Erkrankung überaus heftig verläuft und auch häufig ist.

Fazit für die Praxis

  • Obwohl aus klinischer Sicht dringend benötigt, gibt es bisher keine zugelassenen Impfstoffe für RSV und Norovirus.

  • Neue gentechnische Methoden eröffneten die Möglichkeit, viel versprechende Impfstoffe herzustellen.

  • Für neue Impfstoffkandidaten müssen v. a. Fragen zur Sicherheit und Nachhaltigkeit der Immunogenität beantwortet werden, bevor sie allgemein zur Impfung empfohlen werden können.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt. M. Panning und J. Forster geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht. Dieser Beitrag beinhaltet keine Studien an Menschen oder Tieren.

Copyright information

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013

Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für Virologie, Department für Medizinische Mikrobiologie und HygieneUniversitätsklinikum FreiburgFreiburgDeutschland
  2. 2.Abteilung für Kinder- und Jugendmedizin St. HedwigSt. JosefskrankenhausFreiburgDeutschland

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