Der Hautarzt

, Volume 61, Issue 12, pp 1027–1033

Allergische Erkrankungen bei Schwangeren

Übersicht zu Diagnostik und Therapie
Leitthema

DOI: 10.1007/s00105-010-2008-6

Cite this article as:
Treudler, R. Hautarzt (2010) 61: 1027. doi:10.1007/s00105-010-2008-6

Zusammenfassung

Die Versorgung der schwangeren Patientin mit allergologischen Problemen stellt nicht selten eine ärztliche Herausforderung dar. Ergebnisse von Hauttesten könnten durch hormonelle Faktoren beeinflusst werden, und durch die Testung könnte ein Risiko für den Feten entstehen. Zudem sind viele üblicherweise verwendete Antiallergika in der Schwangerschaft nicht zugelassen oder kontraindiziert. Die folgende Arbeit gibt eine Übersicht zu besonderen diagnostischen und therapeutischen Aspekten in der Schwangerschaft.

Schlüsselwörter

Allergie Schwangerschaft Hauttest Therapie Fruchtschaden 

Allergic diseases in pregnancy

Overview of diagnosis and therapy

Abstract

Allergic diseases arising in pregnancy may pose a challenge. Skin test results may be influenced by hormonal factors and fetal risk due to the skin testing procedure cannot be excluded. Also, several anti-allergic drugs are not licensed or are even contraindicated in pregnancy. This paper reviews diagnostic and therapeutic procedures in pregnant women.

Keywords

Allergy Pregnancy Skin test Therapy Fetal outcome 

Die Versorgung einer schwangeren Patientin mit allergologischen Problemen stellt nicht selten eine ärztliche Herausforderung dar. Während der Schwangerschaft kommt es nicht nur zu physiologischen Hautveränderungen (z. B. Striae distensae, Hyperpigmentierungen), auch die klinische Aktivität einiger Hautkrankheiten kann positiv oder negativ beeinflusst werden. Während die Urtikaria z. B. eher eine Exazerbation zeigt, kann das atopische Ekzem während einer Schwangerschaft sowohl besser als auch schlechter werden [27, 28]. Zudem gibt es Dermatosen, die bevorzugt oder gar ausschließlich während der Schwangerschaft auftreten (sog. spezifische Schwangerschaftsdermatosen), die klinisch Aspekte der Urtikaria (z. B. polymorphe Schwangerschaftsdermatose) oder von Prurigoerkrankungen (z. B. Prurigo gestationis/gravidarum) zeigen [27].

Einerseits muss bei der Versorgung der betroffenen Patientinnen überlegt werden, welche diagnostischen Maßnahmen während der Schwangerschaft risikoarm eingesetzt werden können. Zudem stellt die Therapie eine Herausforderung dar, da viele üblicherweise verwendete Antiallergika in der Schwangerschaft nicht zugelassen oder kontraindiziert sind [22].

Die folgende Arbeit soll zu diagnostischen und therapeutischen Aspekten in der Schwangerschaft eine Übersicht geben. Hierfür wurden Empfehlungen aktueller Leitlinien, der Roten Liste sowie Übersichtsarbeiten und Fallstudien berücksichtigt.

Diagnostik in der Schwangerschaft

Nicht für alle allergologischen Testverfahren existieren Empfehlungen, wie in der Schwangerschaft vorgegangen werden sollte. Sofern man sich zu einer Testung entschließen möchte, ist eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung in jedem Falle unter Einbeziehung der Schwangeren erforderlich.

Diagnostik bei Soforttypallergien

Die Durchführung von In-vitro-Testen wird unproblematisch möglich sein. Kritisch zu sehen sind dagegen allergologische Hautteste, auch wenn der Hautpricktest als eine extrem sichere Untersuchung eingeschätzt wird. In der medizinischen Literatur existieren einige kasuistische Berichte über schwerere Systemreaktionen im Anschluss an Prickteste, wobei diese lediglich in 3 Fällen im Anschluss an die Testung mit Aeroallergenen auftraten. Es handelte sich bei diesen Patienten um bekannte Asthmatiker, die in nichtstabilen Phasen ihres Asthmas getestet wurden. Die übrigen Systemreaktionen sind im Anschluss an Testungen von Nahrungsmittelallergenen, Medikamenten, Insektengiften oder Latex aufgetreten [10].

In der AWMF-Leitlinie gilt Schwangerschaft als Kontraindikation für den Hautpricktest

Insgesamt gelten jedoch schwangere Frauen als gefährdet für das Auftreten unerwünschter Reaktionen, sodass in der AWMF-Leitlinie zur Diagnostik die Schwangerschaft als Kontraindikation für diesen Test angesehen wird [21]. Ausnahme: Vom Testresultat hängt eine wichtige therapeutische Entscheidung ab, und eine systemische anaphylaktische Reaktion ist aufgrund der Gesamtumstände mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zu erwarten. Für andere Hautteste existieren keine speziellen Richtlinien, man wird sich daher bei Reibe-, Scratch- und Intrakutantest individuell unter Abwägung von Nutzen und Risiko für die Patientin entscheiden müssen. Auch für die Hauttestung mit Nahrungsmittelallergenen wird die Schwangerschaft in der Leitlinie als relative Kontraindikation aufgeführt [7]. In der Leitlinie zur Abklärung von Überempfindlichkeitsreaktionen auf Arzneimittel werden Schwangerschaft und Stillzeit als Kontraindikationen für Tests mit vermuteten Auslösern gesehen – bei anzunehmender „Kreuzreaktivität“ auch für Tests mit Ausweichpräparaten. In Einzelfällen (z B. vermutlich Reaktion auf Hilfsstoffe) wird dabei ein Provokationstest zur Identifizierung eines therapeutisch dringlich benötigten Wirkstoffs auch bei Vorliegen von Kontraindikationen als gerechtfertigt angesehen [19].

Auch wenn die entsprechenden Leitlinien – soweit vorhanden – keine explizite Stellung beziehen, so wird man auf weitere Provokationsteste (nasal, inhalativ, oral, parenteral, Stichprovokationen) wegen des Risikos eines Auftretens anaphylaktischer Reaktionen in der Schwangerschaft verzichten.

Diagnostik bei Spättypallergien

Bei bekannter Schwangerschaft sollte laut Leitlinie ein Epikutantest nicht durchgeführt werden. Diskutiert wird die Beeinflussung des Testergebnisses durch die hormonelle Umstellung. Außerdem sind eine Permeation der Allergene in systemisch wirksamer Dosis und, wenngleich bisher nicht beobachtet, eine mögliche teratogene Wirkung nicht auszuschließen [24]. Zur Photodiagnostik existieren keine expliziten Empfehlungen [8].

Therapie allergologischer Erkrankungen in der Schwangerschaft

Prävention

In erster Linie sollte bei Kinderwunsch und Schwangerschaft die Exposition mit den bekannten Allergenen (Nahrungsmittel, Hausstaubmilben etc.) vermieden werden. Bezüglich der Prävention atopischer Erkrankungen beim Kind empfiehlt die aktuelle Leitlinie [23] eine ausgewogene und nährstoffdeckende Ernährung in der Schwangerschaft und Stillzeit. Für eine Empfehlung zu diätetischen Restriktionen (Meidung potenter Nahrungsmittelallergene) während der Schwangerschaft oder Stillzeit gibt es keine Belege. Es gibt Hinweise, dass Fisch in der mütterlichen Ernährung während der Schwangerschaft oder Stillzeit einen protektiven Effekt auf die Entwicklung atopischer Erkrankungen beim Kind hat. Die Datenlage zum Einfluss von Probiotika auf die Allergieentwicklung ist widersprüchlich. Daher kann keine Empfehlung ausgesprochen werden. Aktive und passive Exposition während der Schwangerschaft gegenüber Tabakrauch erhöht das Allergierisiko beim Kind (insbesondere das Asthmarisiko) und ist zu vermeiden [23].

Sofern eine Pharmakotherapie indiziert ist, sollten bei Patientinnen mit Allergien in gebärfähigem Alter primär risikoarme Medikamente eingesetzt werden. Bei möglichen teratogenen Effekten eines zur Therapie eingesetzten Präparates (z. B. Allitretinoin; [3]) sind eine Antikonzeption und eine regelmäßige Schwangerschaftstestung nötig. Bei Kinderwunsch sollte die Therapie bezüglich risikoarmer Medikamente optimiert werden, und es sind möglicherweise Wartezeiten unter Berücksichtigung der Auswaschphase von Medikamenten zu beachten [22]. Tritt eine ungeplante Schwangerschaft ein, so ist eine Risikobeurteilung nötig. Hilfreich sind hier Kontaktinformationsstellen (Tab. 1).

Tab. 1

Kontaktinformationsstellen für die Beratung zur Arzneitherapie in der Schwangerschaft

Phamakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie

Anschrift: Haus 10B, Spandauer Damm 130, 14050 Berlin

Telefon 030/30308-111, Fax 030/30308-122

http://www.embryotox.de

Arzneimitteltherapieinformationssystem-ATIS

Für niedergelassene Ärzte:

Vorzugsweise per Fax: 0531/241-4100 oder Internetanfrageformular

Telefonisch: 0531/241-4349

Postanschrift: Dr. med. Jürgen Bohlemann, KVN Braunschweig, An der Petrikirche 1, 38100 Braunschweig

http://www.mh-hannover.de/atis.html

Allgemeines zur Arzneitherapie während der Schwangerschaft

Vor allem für neue, aber auch für viele, schon lange und häufig verwendete Dermatika und Antiallergika liegen keine eindeutigen Daten zur risikolosen Nutzung in der Schwangerschaft vor. Älteren Alternativpräparaten, für deren Anwendung in der Schwangerschaft bereits jahrzehntelange Erfahrungen existieren, sollte im Zweifel der Vorzug gegeben werden. Nicht zugelassene Medikamente müssen unter Umständen, z. B. bei einer bedrohlichen Erkrankung für Mutter oder Kind, erwogen werden. Hier müssen eine gute Aufklärung und auch Einwilligung der Betroffenen erfolgen. Die Packungsbeilage eines Medikamentes kann genau wie die Herstellerangaben in der Roten Liste häufig keine ausreichende Information zur Sicherheit eines Medikamentes in der Schwangerschaft geben. In der Roten Liste [20] werden Medikamente bezüglich der Anwendung in der Schwangerschaft in 11 Gruppen (Tab. 2) eingeteilt, die je nach Erfahrungen am Menschen oder im Tierversuch den Einsatz in der Schwangerschaft bewerten (s. auch den Beitrag Wohlrab in diesem Heft). Manchmal können Fallberichte zusätzliche Informationen bringen.

Besondere Vorsicht sollte beim Einsatz von Arzneimitteln im ersten Trimenon gelten.

Gleiche Wirkstoffe werden durch unterschiedliche Hersteller manchmal unterschiedlich bewertet.

Tab. 2

Kontraindikationen für Medikamente: Schwangerschafts-Chiffren nach „Rote Liste“

Gruppe

Einschätzung

1

Bei umfangreicher Anwendung am Menschen ergab sich kein Verdacht auf eine embryotoxische/teratogene Wirkung. Auch der Tierversuch erbrachte keine Hinweise auf embryotoxische/teratogene Wirkungen

2

Bei umfangreicher Anwendung am Menschen ergab sich kein Verdacht auf eine embryotoxische/teratogene Wirkung

3

Bei umfangreicher Anwendung am Menschen ergab sich kein Verdacht auf eine embryotoxische/teratogene Wirkung. Der Tierversuch erbrachte jedoch Hinweise auf embryotoxische/teratogene Wirkungen. Diese scheinen für den Menschen ohne Bedeutung zu sein

4

Ausreichende Erfahrungen über die Anwendung beim Menschen liegen nicht vor. Der Tierversuch erbrachte keine Hinweise auf embryotoxische/teratogene Wirkungen

5

Ausreichende Erfahrungen über die Anwendung beim Menschen liegen nicht vor

6

Ausreichende Erfahrungen über die Anwendung beim Menschen liegen nicht vor. Der Tierversuch erbrachte Hinweise auf embryotoxische/teratogene Wirkungen

7

Es besteht ein embryotoxisches/teratogenes Risiko beim Menschen (1. Trimenon)

8

Es besteht ein fetotoxisches Risiko beim Menschen (2. und 3. Trimenon)

9

Es besteht ein Risiko perinataler Komplikationen oder Schädigungen beim Menschen

10

Es besteht das Risiko unerwünschter hormonspezifischer Wirkungen auf die Frucht beim Menschen

11

Es besteht das Risiko mutagener/karzinogener Wirkungen

In den meisten Fällen werden bei allergischen Erkrankungen in der Schwangerschaft Antihistaminika, Cromoglycinsäure und topische Glukokortikoide eingesetzt werden. Leider ist allerdings auch für diese Substanzen in der Regel keine Zulassung in der Schwangerschaft gegeben, und der Einsatz wird – insbesondere im ersten Trimenon – unter sorgfältiger Risiko-Nutzen-Abwägung in Rücksprache und im Einverständnis mit der Patientin erfolgen müssen [22]. Zu den Leukotrienrezeptorantagonisten bei Asthma, z. B. Montelukast, liegen bisher kaum Erfahrungen in der Schwangerschaft vor. Die Anwendung von Immunmodulatoren wie Tacrolimus und Ciclosporin in der Schwangerschaft muss seltenen Ausnahmefällen bei anders nicht therapierbaren Symptomen vorbehalten werden [12, 16]. Glukokortikoidhaltige Depotpräparate sollten im Normalfall vermieden werden. Eine vorübergehende Anwendung von abschwellenden Nasentropfen (z. B. Xylometazolin) scheint prinzipiell möglich, sollte aber aus allgemeinen Erwägungen zeitlich begrenzt bleiben.

Antihistaminika systemisch

Die älteren, sedierenden Antihistaminika wie Dimetinden und Clemastin gelten aufgrund der langen Anwendungserfahrungen als relativ sicher in der Schwangerschaft (Tab. 3, Tab. 4; [5, 20, 22]). Bei Hydroxyzin-Einnahme im ersten Schwangerschaftstrimester konnte ein leicht erhöhter Anteil an kongenitalen Fehlbildungen beobachtet werden [5]. Gemäß Roter Liste sollte die Gabe in der Schwangerschaft nur unter strenger Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen und nicht kurz vor und nach der Geburt verabreicht werden (Gruppe 4), da Hypotonien bei den Neugeborenen auftreten können [20].

Tab. 3

Medikamente, für die umfangreiche Daten vorliegen und die in der Schwangerschaft nach bisherigen Erkenntnissen als risikoarm gelten

– Inhalative β-2-Mimetika: Salbutamol, Salmeterol, Formoterol

– Inhalativ, intranasal, enteral: Chromoglicinsäure

– Inhalativ/intranasale Glukokortikosteroide: Budesonid, Beclomethason, Fluticason, Mometason

– Systemische Glukokortikosteroide: Prednisolon, Methylprednisolon

– Systemische Antihistaminika: Dimetinden, Loratadin

Tab. 4

Bewertung einer Auswahl von Antihistaminika zur Anwendung in der Schwangerschaft

Wirkstoff

Bewertung nach „Rote Liste“

Erste Generation

Dimetinden

Peroral Gruppe 1

Intravenös und 1. Trimenon Gruppe 4

Clemastin

Gruppe 2

Zweite Generation

Loratadin

Gruppe 4

Cetirizin

Gruppe 4

Fexofenadin

Gruppe 4

Zu den nicht sedierenden H1-Blockern der zweiten Generation gehören unter anderen Cetrizin, Loratadin, Fexofenadin, Desloratadin, Levocetirizin und Mizolastin (alle Gruppe 4) und Ebastel (Gruppe 5).

Eine prospektive Kohortenstudie, bei der 196 Schwangere, die im ersten Trimenon Cetirizin eingenommen haben, mit 1686 Kontrollen verglichen wurden, ergab keinen Hinweis für eine signifikant erhöhte Rate an fetalen Missbildungen oder Aborten [26].

Zu Fexofenadin in der Schwangerschaft liegen keine Studien vor. Da es sich bei Fexofenadin um einen aktiven Metaboliten von Terfenadin handelt, wird es anhand der vorliegenden Terfenadin-Studien beurteilt, wonach keine erhöhte Malformationsrate erfasst werden konnte [2]. Auch im Tierversuch fanden sich keine Hinweise auf embryotoxische oder teratogene Wirkungen [20].

Zu Loratadin liegen mittlerweile kontrollierte Kohortenstudien [2] mit Loratadin-exponierten Schwangeren vor. Ein geäußerter Verdacht auf eine leichte Häufung von Hypospadien unter Loratadin-Anwendung ließ sich in weiteren Untersuchungen bisher nicht bestätigen [16, 25]. Mittlerweile gilt Loratadin unter den neueren Antihistaminika als am besten untersuchte Substanz und kann in der Schwangerschaft wie auch Cetirizin, zumindest nach dem ersten Trimenon, anscheinend ohne Bedenken bei strenger Indikation verwendet werden.

Nicht vergessen werden sollten jedoch die Warnhinweise der Roten Liste [20]. Hier, wie so oft, bleibt der Einsatz der Antihistaminika der Verantwortung des Arztes in Absprache mit der Patientin überlassen. Das Angebot einer Therapie mit nicht sedierenden Antihistaminika der zweiten Generation sollte den Patientinnen ab dem zweiten Trimenon bei starkem Leidensdruck aufgrund des insgesamt günstigeren Verträglichkeitsprofils jedoch sicher nicht vorenthalten werden.

Systemische und topische Glukokortikosteroide

Im ersten Trimenon sind bei Tieren teratogene Wirkungen von Steroiden gezeigt worden, v. a. bei Triamcinolon, schwächer bei Dexamethason und Prednisolon, noch schwächer bei Kortison und Betamethason und nicht nachweisbar bei Methylprednisolon. Eine teratogene Wirkung beim Menschen ist nicht hinreichend belegt [18].

Unerwünschte Wirkungen einer systemischen Steroidtherapie auf Fetus und Mutter sind dosis- und präparatabhängig.

Während Dexamethason und Betamethason die Plazenta ohne Metabolisierung passieren, werden Prednisolon und Methylprednisolon durch die Mutter metabolisiert, sodass weitaus geringere Wirkungen auf den Fetus zu erwarten sind [18]. Ab einer täglichen Einnahme von 10 mg Prednisolonäquivalent kann in seltenen Fällen eine intrauterine Wachstumsretardierung auftreten, die Einnahme von mehr als 20 mg Prednisolonäquivalent gilt als Risikofaktor für eine Frühgeburt. Insgesamt sind kindliche Komplikationen unter einer Glukokortikosteroidtherapie der Mutter jedoch selten. Bei der Mutter können die üblichen unerwünschten Wirkungen wie Diabetes mellitus, arterieller Hypertonus und Infektionen sowie Katarakt, avaskuläre Knochennekrosen, Präeklampsie und vorzeitiger Blasensprung auftreten. Bei einer Langzeittherapie sollte eine Osteoporoseprophylaxe mit Vitamin-D- und Kalziumgabe erfolgen [18].

Die Indikation zur Therapie mit Glukokortikoiden ist in der Schwangerschaft besonders streng zu stellen, wobei eine möglichst niedrige Dosis und eine möglichst kurze Therapiedauer zu empfehlen sind. Im ersten Trimenon sollte aufgrund der geringsten teratogenen Wirkung im Tierexperiment Methylprednisolon bevorzugt werden, wobei auch vielfältige Beobachtungen für die Anwendung von Prednisolon niedrig dosiert vorliegen. Wird unter einer systemischen Glukokortikoidgabe gestillt, so wird ein Einnahme-Still-Abstand von möglichst 4 h empfohlen [18].

Topisch auf entzündete Haut applizierte Steroide können durchaus therapeutische Serumspiegel erreichen [6, 22]. Deshalb sollte auch bei der Verordnung topischer Glukokortikosteroide die Indikation bei Schwangeren streng gestellt werden. Die Applikation sollte so kleinflächig wie möglich erfolgen. Das Risiko für die Ausbildung von Striae distensae ist erhöht. Es kann überlegt werden, solche Steroide zu applizieren, die auch systemisch gegeben werden können (z. B. Hydrokortison, Gruppe 3), oder aber solche, die in der Haut in systemisch applizierbare Verbindungen gespalten werden (z. B. Methylpredisolonaceponat; [18]). Es gibt gute Argumente dafür, dass möglichst Glukokortikoide mit reduziertem atrophogenem Risiko zum Einsatz kommen sollten, z. B. neuere veresterte Präparate wie Prednicarbat, Hydrokortison-17-butyrat (je strenge Indikation, nicht mehr als 20% der Körperoberfläche) oder Methylprednisolonaceponat (Gruppe 3; [21]). Die Leitlinie zur topischen Glukokortikosteroidtherapie bezieht keine Stellung zum Einsatz topischer Steroide in der Schwangerschaft [13].

Spezifische Immuntherapie in der Schwangerschaft

In der Leitlinie werden folgende Empfehlungen gegeben [9]: Obwohl eine Schwangerschaft als Kontraindikation für den Beginn einer spezifischen Immuntherapie (SCIT) gilt, ist die Fortsetzung der SCIT bei lebensbedrohlicher Allergie durch Insektengift (Biene, Wespe) und guter Verträglichkeit ratsam und bei Aeroallergenen mit deutlich reduzierter Dosis (z. B. ein Zehntel) möglich. Aus Sicherheitsgründen sollte (außer bei lebensbedrohlicher Indikation) die SCIT nicht während einer Schwangerschaft begonnen werden.

Besondere Krankheitsbilder

Atopisches Ekzem

Eine Schwangerschaft gilt als ein Provokationsfaktor des atopischen Ekzems (Abb. 1; [28]). Insgesamt kommt der sog. Basistherapie eine wichtige Rolle bei der mit Trockenheit der Haut einhergehenden Erkrankung zu. Im Vordergrund steht die regelmäßige Anwendung von rückfettenden Externa. Bei trockener, aber nicht stärker gereizter Haut können Urea-haltige Mittel in Betracht kommen.

Abb. 1

Während der Schwangerschaft exazerbiertes atopisches Ekzem bei einer 22-jährigen Patientin

Glukokortikosteroide können unter Berücksichtigung der oben angegebenen Überlegungen ebenso wie Polidocanol und Antiseptika (z. B. Octenidin) eingesetzt werden. Zur UV-Therapie kann Schmalspektrum-UV-B auch bei Schwangeren und Stillenden zum Einsatz kommen [15].

Urtikaria

In der Leitlinie wird einerseits die Meidung von systemischen Präparaten im ersten Trimenon empfohlen, andererseits muss die Notwendigkeit zur Behandlung berücksichtigt werden. Loratadin und Desloratadin werden als Antihistaminika empfohlen. Eine Dosiserhöhung sollte allenfalls vorsichtig erfolgen, Studien existieren hierzu nicht. Ältere Antihistaminika werden in der aktuellen Leitlinie nur beim Versagen moderner Antihistaminika empfohlen [29].

Allergische Rhinitis

Zur Behandlung der allergischen Rhinitis während der Schwangerschaft [4] eignen sich Nasensprays mit Chromoglicinsäure (Gruppe 2). Levocabastin und andere topische Antihistaminika fallen unter Gruppe 4. Topische intranasale Steroide sind eine weitere Option, z. B Beclomethasondipropionat, Budesonid (Gruppe 3), Fluticason (Gruppe 6), Mometason (Gruppe 5). Der Einsatz von Antihistaminika sollte unter Berücksichtigung der oben angegebenen Überlegungen erfolgen.

Allergisches Asthma

Die Schwangerschaft kann das Asthma [1, 11] sowohl positiv als auch negativ beeinflussen oder ohne Einfluss bleiben. Das Asthma selbst kann den Verlauf der Schwangerschaft beeinträchtigen. Schlecht eingestelltes Asthma und Asthmaanfälle begünstigen Schwangerschaftskomplikationen und Frühgeburten. Außerdem wird das Wachstum des Kindes beeinträchtigt.

Schwangere Asthmatikerinnen sollten ihre Medikamente weiter wie gewohnt anwenden.

Die Risiken durch unkontrolliertes Asthma sind größer als die Risiken der Arzneien. Zur Basistherapie bei Asthma gehören glukokortikoidhaltige Dosieraerosole, die die chronische Entzündung der Atemwege eindämmen. Bezüglich der Präparateauswahl gelten die oben zur intranasalen Applikation genannten Hinweise. Ein Asthmaanfall in der Schwangerschaft ist immer ein Notfall. Er gefährdet akut die Sauerstoffversorgung des Kindes und muss im Krankenhaus behandelt werden. Während eines Asthmaanfalls kann es zu Kontraktionen der Gebärmutter kommen. Sie hören meistens wieder auf, wenn der Asthmaanfall erfolgreich behandelt wurde. Die Langzeittherapie und die Bedarfstherapie sollen während der Schwangerschaft in der gewohnten Weise fortgeführt werden. Auch wenn Tierversuche keinen Hinweis auf teratogene Effekte ergaben, so sollte eine Therapie mit Leukotrienrezeptorantagonisten (Gruppe 5) während der Schwangerschaft nicht begonnen werden. Sie soll aber bei Frauen mit signifikantem Therapieerfolg vor der Schwangerschaft, der mit einer anderen Medikation nicht zu erreichen war, fortgeführt werden können. Ein schwerer Asthmaanfall in der Schwangerschaft muss immer als stationär zu behandelnder Notfall angesehen werden. Eine zusätzliche Sauerstoffbehandlung soll unverzüglich eingeleitet werden. Auch Frauen mit Asthma sollen zum Stillen angehalten werden. Während der Stillzeit soll die antiasthmatische Behandlung wie üblich fortgeführt werden [1, 11].

Hereditäres Angioödem

Bei schweren Anfällen in der Schwangerschaft oder unter der Entbindung bestehen die größten Erfahrungen mit der Gabe eines C1-Esterase-Inhibitor-Präparates. Zur Anfallsprophylaxe dürfen Androgenderivate (z. B. Danazol) in der Schwangerschaft nicht eingesetzt werden, allenfalls zur Kurzzeitprophylaxe im letzten Trimenon kann die Danazol-Gabe 5 Tage vor bis 2 Tage nach einer Intervention (z. B. Operation) erwogen werden [14].

Fazit für die Praxis

In-vivo-Allergietestungen sollten bei Schwangeren möglichst vermieden werden. Die Therapie allergischer Erkrankungen in der Schwangerschaft muss in den meisten Fällen Medikamente einbeziehen, die keine entsprechende Zulassung besitzen. Es ist daher jeweils eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung sowie eine eingehende Aufklärung der Patientin erforderlich. Bevorzugt sollten Präparate eingesetzt werden, die aus langjährigen Beobachtungen als risikoarm gelten, z. B. topisch Beclomethason, Budesonid, Chromoglicinsäure, Hydrokortison(-butyrat) und systemisch Dimetinden, Loratadin, (Methyl-)Prednisolon. Insgesamt bleibt zu fordern, dass verstärkt Beobachtungen über die Verträglichkeit bzw. die Risiken von Allergietherapeutika mitgeteilt werden. Auch allergologische Leitlinien sollten regelmäßig den Aspekt einer Schwangerschaft berücksichtigen.

Interessenkonflikt

Der korrespondierende Autor weist auf folgende Beziehungen hin: PD Dr. med. Regina Treudler erhielt Honorare für Beratungstätigkeiten, Vorträge, Reisekostenübernahmen oder Studienunterstützungen von folgenden Firmen: Allergopharma J. Ganzer KG, ALK-Abello, Basilea, Essex, Merckle-Ricordati, Novartis, Pfizer, Shire.

Copyright information

© Springer-Verlag 2010

Authors and Affiliations

  1. 1.Klinik für Dermatologie, Venerologie und AllergologieUniversität LeipzigLeipzigDeutschland

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